Der Australische Magenbrüterfrosch ist eine der zahlreichen Arten, die während der vergangenen Jahrzehnte – auch durch das Tun des Menschen – vernichtet wurden – ein Verlust, den nicht nur Naturschützer, sondern vor allem auch Mediziner bedauern.

i-da4f562773c43e116e055944562924b5-merkel-biodiversity-thumb-512x354.jpg
Auftaktveranstaltung zum Jahr der biologischen Vielfalt (Quelle: Bundesregierung)

Es ist eine ungewöhnliche Kulisse, vor der die deutsche Bundeskanzlerin gestern über das Jahr der biologischen Vielfalt sprach: Vor Saurierskeletten im Berliner Naturkundemuseum ging es um den Klimawandel, die Zerstörung der Korallenriffe – und um den Australischen Magenbrüterfrosch (Rheobatrachus silus). Was aber macht eine eher wenig bekannte Froschart zu einem besseren Kronzeugen für das Artensterben als beispielsweise den Eisbären oder den Schneeleoparden?

i-bee35048b44a35380bab980ffd5e161a-rheobatrachus-silus-thumb-512x386.jpg
Australischer Magenbrüterfrosch (Quelle: Wikipedia)

Die Australischen Magenbrüterfrösche zeichnen sich – wie der Name bereits andeutet – vor allem dadurch aus, dass sie ihre Nachkommen im Magen austragen. Das Froschweibchen verschluckt dabei die eben gelegten Eier*, die Kaulquappen schlüpfen dann im Magen, wo sie sich zu Fröschen entwickeln, die anschließend aus dem Maul der Mutter schlüpfen. Damit die Kaulquappen nicht von der Magensäure der Mutter zersetzt werden, sondern sie einen ganz speziellen Säurehemmer ab, der für die medizinische Forschung als Grundstoff für Mittel gegen Magengeschwüre und Sodbrennen grundsätzlich von großem Interesse ist.

Die beiden einzigen Magenbrüter-Arten (Südlicher und Nördlicher Magenbrüterfrosch) verschwanden jedoch bedauerlicherweise Mitte der 80er Jahre, so dass die entsprechenden Forschungen leider wieder eingestellt werden mussten. Da das Aussterben primär auf eine Pilzerkrankung (Chytridiomykose) zurückgeführt wird, die ausschließlich Amphibien befällt, wird das Verschwinden des Magenbrüters vielfach als natürliches Aussterben abgetan. Das ist jedoch falsch, denn wie Laurance, McDonald & Speare bereits 1996 vermuteten**, ist das Auftreten dieser Krankheit in Australien mit großer Wahrscheinlichkeit eine direkte Folge des internationalen Handels – unter anderem mit Aquarienfischen:

The extreme virulence of putative frog pathogen suggests it is likely exotic to Australian rain forests. We propose that exotic pathogens may be responsible for some recent declines of amphibian populations on other continents and that the intercontinental spread of such pathogens is greatly facilitated by human activities such as the thriving international trade in aquarium fish.

Somit ist der Australische Magenbrüterfrosch in der Tat ein gutes Beispiel für den Verlust, den der vom Menschen mitverursachte Rückgang der Biodiversität für uns bedeutet – ganz abgesehen davon, welches erstaunliche Wunder der Natur da für immer verschwunden ist: Ein Lebewesen (das einzig bekannte überhaupt), das seine eigenen Eier frisst, damit die Nachkommen im Magen aufwachsen können! Wie viele noch unentdeckte Tier- und Pflanzenarten verschwinden wohl jeden Tag vom Antlitz des Planeten – und welches medizinische und sonstige Potenzial geht dabei verloren? 20? 40? 100? 130?

Die natürliche Aussterberate ist durch die vielfältigen Eingriffe des Menschen in seine natürliche Umwelt enorm angestiegen – so sind bereits knapp 50% aller Amphibienarten zumindest mittelbar vom Aussterben bedroht. Und jeder Tag könnte der Tag sein, an dem eine Möglichkeit Diabetes, Asthma oder sogar Krebs zu heilen für immer verschwindet, ohne dass wir es überhaupt bemerken…

Mehr zum UN-Jahr der biologischen Vielfalt beim BMU und beim NABU.


* Alternativ wird auch vermutet, dass die Kaulquappen erst schlüpfen und danach vom Weibchen verschluckt werden – eine Frage, die bedauerlicherweise nie wirklich geklärt werden wird…

**William F. Laurance, Keith R. McDonald and Richard Speare: Epidemic Disease and the Catastrophic Decline of Australian Rain Forest Frogs; Conservation Biology, Vol. 10, No. 2 (Apr., 1996), pp. 406-413.

http://www.jstor.org/stable/2386857

Kommentare (15)

  1. #1 optimus.prime
    12. Januar 2010

    Das natürliche Reservoir des Erregers der Chytridiomykose sind meines Wissens Krallenfrösche der Gattung Xenopus, so auch Xenopus laevis. Wenn man weiß, was mit denen so alles getrieben wurde und wird dürfte der Groschen schon gefallen sein; ich halte es jedenfalls für weitaus wahrscheinlicher das der weltweite Gebrauch von X. laevis den Pilz verbreitet hat. Zumal ich auch einige Entwicklungsbiologen kenne und die sich ihrer Verantwortung zu 0,0% bewusst waren (bis es Anschiß von mir gab), trotz des heutigen Wissenstands.

    Grüßle

    p.s.: Gattungsnamen immer groß schreiben !

  2. #2 Christian Reinboth
    12. Januar 2010

    @Optimus Prime:

    Wenn man weiß, was mit denen so alles getrieben wurde und wird dürfte der Groschen schon gefallen sein; ich halte es jedenfalls für weitaus wahrscheinlicher das der weltweite Gebrauch von X. laevis den Pilz verbreitet hat.

    Interessante Theorie, auf die sich auch ein Hinweis in der Roten Liste findet:

    Chytridiomycosis was detected in museum specimens of this species dating back to 1938, and it is hypothesized that the international trade in this species might have introduced this fungal disease to other regions of the world.

    http://www.iucnredlist.org/apps/redlist/details/58174/0

    Was machen denn eigentlich Entwicklungsbiologen mit X. laevis? Soweit ich weiß, kann man die Frösche für Zieraquarien kaufen, was ja mit den Aussagen von Laurance, McDonald & Speare zusammenpassen würde, dass der Handel mit Fischen (und Fröschen) für die Aquaristik etwas mit dem Verschwinden der Magenbrüterfrösche zu tun hat…

    Gattungsnamen immer groß schreiben !

    Ups. Korrigiert.

  3. #3 Gluecypher
    12. Januar 2010

    Schade, dass man mittlerweile als Argument für Biodiversität den direkten Nutzen für die Menschehit betonen muss. Klar gab es schon immer Artensterben, aber seit ein paar Jahrzehnten hat sich das in solchem Ausmaß beschleunigt, dass einem Angst wird. Die Welt wird so jeden Tag ein bisschen ärmer.

  4. #4 mrbaracuda
    12. Januar 2010

    Aalso, ich bin gerade etwas müde und bitte um Hülf! Die Aquariumsfische (oder wie man die dann nennt, vielleicht Süßwasserfische :D), die Australien fremd waren, wurden in die australische Natur “entsorgt” und steckten den Magenbrüter mit einem ihnen eigenen / von ihnen transportierten Pilz an? Korrekt? Und selbst sind die Fische oder Frösche immun gegen den Pilz?

  5. #5 Christian Reinboth
    12. Januar 2010

    @Gluecypher:

    Schade, dass man mittlerweile als Argument für Biodiversität den direkten Nutzen für die Menschehit betonen muss.

    Stimmt. Ich persönlich finde es furchtbar, dass mit dem Verschwinden des Frosches die einzige Lebensform auf dem Planeten für immer verschwunden ist, die ihren Nachwuchs im Magen austrägt – und dass wir deshalb vermutlich niemals verstehen werden, wie das eigentlich funktioniert. Mit dem Nutzen für die Menschheit kommt man in der öffentlichen Debatte aber weiter – von daher ist das Beispiel schon gut. Zumindest kann man damit diejenigen abkanzeln, die in solchen Diskussionen immer sagen: “Was interessiert es mich, ob diese oder jene Frosch-/Fledermaus-/Vogel- etc Art nicht mehr existiert”…

  6. #6 Christian Reinboth
    12. Januar 2010

    @mrbaracuda:

    Der Erreger wird offenbar durch den Handel mit Aquarientieren wie dem vom Optimus Prime genannten X. laevis “in Umlauf gebracht”. X. laevis selbst scheint relativ immun gegen die Krankheit zu sein:

    Chytridiomycosis was detected in museum specimens of this species dating back to 1938, and it is hypothesized that the international trade in this species might have introduced this fungal disease to other regions of the world. The disease does not appear to have any detrimental affect on populations of this species.

    http://www.iucnredlist.org/apps/redlist/details/58174/0

    Die Krallenfrösche werden scheinbar auch deshalb viel gehandelt, weil sie in der biologischen und medizinischen Forschung eingesetzt werden können (wofür weiß ich aber nicht, daher auch meine Frage an Optimus Prime):

    http://www.uni-giessen.de/tierschutz/4142.htm

  7. #7 rolak
    12. Januar 2010

    Vielleicht meint er ja die Verwendung als Schwangerschaftsindikator bis vor ~50 Jahren. Zu gewissen Pfeilgiftfröschen wär mir jetzt mehr eingefallen…

  8. #8 Wolfgang Flamme
    12. Januar 2010

    Tyler: “The female gastric brooding frog Rheobatrachus silus broods its young in its stomach. A substance that inhibits gastric acid secretion in a toad stomach preparation in vitro appears to be secreted by the developing young. This substance has been identified as prostaglandin E2.”

    Ein Wehenstimulans. Menschen sind halt keine Frösche. Ist glaube ich auch im Sperma enthalten; vermutlich erklärt das, warum man prompt kein Interesse mehr an den langweiligen Fröschen hatte.

  9. #9 Wolfgang Flamme
    12. Januar 2010

    PS: ‘Das einzig bekannte Lebewesen’ stimmt auch nicht ganz, eine kurze Suche förderte noch einen weiteren Magenbrüter, den Seestern Leptasterias tenera, zutage.

  10. #10 optimus.prime
    13. Januar 2010

    Xenopus laevis ist einer der Modellorganismen in der Entwicklungsbiologie und Proteinforscher arbeiten zT auch mit Xenopus. Entsprechend verbreitet sind sie an den Hochschulen rund um den Globus (einfach mal Xenopus bei Pubmed eingeben), und diese Schwangerschaftstest wurden ja schon erwähnt. Im Vergleich dazu ist der Handel als ‘Haustier’ sicher zu vernachlässigen, erst recht weltweit gesehen. Und rein optisch sind die Frösche ja auch eher was für den Liebhaber 😉 …

    Was die Verbreitung angeht, letztlich reicht weniger als ein Tropfen Wasser mit einer Spore. Und so wie ich das sehe, schütten wohl alle beim Wasserwechsel das Wasser einfach in die Kanalisation.

    @rolak: Was wäre Ihnen den zu gewissen Dendrobatiden noch eingefallen ? Die sind doch nur für die Terraristik relevant ? Außerdem meine ich mich zu erinnern dass die zT recht empfindlich auf Chytrid reagieren (=sterben), der Witz an Xenopus als Vektor/Reservoir ist ja gerade dass es denen absolut nix ausmacht …

  11. #11 Geoman
    15. Januar 2010

    @ Christian Reinboth schrieb:

    “Der Australische Magenbrüterfrosch ist eine der zahlreichen Arten, die während der vergangenen Jahrzehnte – auch durch das Tun des Menschen – vernichtet wurden – ein Verlust, den nicht nur Naturschützer, sondern vor allem auch Mediziner bedauern.”

    Diese “Menschen” sind (und waren) – was der offenbar informierte Kommentator “optimus.prime” hier bereits andeutete – in nicht wenigen Fällen die Wissenschaftler selber, genau genommen deren Experimentier-, Dokumentier- oder Sammelleidenschaft in enger Zusammenarbeit mit Arroganz und Ignoranz.

    Im Zusammenhang mit anderen einmaligen australischen Tieren, nämlich dem Schnabeltier und den (Kurz-)Schnabeligeln, deren Überleben sicherlich nicht ein Verdienst der Wissenschaft ist, habe ich in einmal Folgendes geschrieben (vgl. http://www.kritische-naturgeschichte.de/Seiten/uebergroessen.html#schnabeltier):

    “Tausende von Schnabeltieren und Schnabeligeln mussten sterben, um die Begierde von Wissenschaftlern zu befriedigen, sie bis ins kleinste Embryonalstadium zu beschreiben oder auch nur, um ihnen das Geheimnis ihrer Geburt zu entreißen. Dabei war z. B. die Frage, ob sie lebendgebärend oder eierlegend sind, schon gelöst, bevor das von europäischen Naturforschern initiierte Schlachten überhaupt begonnen hatte. Die Aborigines hatten jedem Forscher, der sie danach fragte, versichert, dass Schnabeltiere eierlegend seien und auch Hobbyforscher unter den Kolonisten hatten dies immer wieder bestätigt.”

    Und:

    “Zoologie wurde wie der Naturhistoriker Wendt (1956) pointiert bemerkte, von den damaligen Naturforschern vor allem mit der Flinte betrieben. Allein Caldwell soll mit seinen 150 einheimischen Helfern einige hundert Schnabeltiere erlegt haben bis es ihm am 24. August 1884 endlich gelang, das entscheidende Weibchen zu finden. Darüber hinaus tötete sein Team in der gleichen Saison über 1.300 Schnabeligel (Echidna), um lückenlose embryonale Stadien zu erhalten (Robin 2005).”

    Also bevor hier mal wieder in alter und schlecht reflektierter Naturschutztradition pauschal die Menschheit (Industriealisierung, Globaliserung des Handels, Hobbyaquarianer etc.) angeklagt wird, erstmal ordentlich recherchieren und sich prüfend an die Nase seiner eigenen wissenschaftlichen Zunft packen.

  12. #12 Gluecypher
    17. Januar 2010

    @Geoman

    NAtürlich sind nur die pöhsen Wissenschaftler schuld, dass die Schnabeltier-Bestände schwinden. Und bei den anderen Arten, die auf der roten Liste stehen, sind natürlich auch in keinster Weise das zurückdrängen durch Besiedelung durch den Menschen, das Verschwinden natürlicher Habitate oder andere großräumige Umweltveränderungen schuld, sondern natürlich immer und zu jeder Zeit die Sammelwut der Taxonomen.

  13. #13 Christian Reinboth
    18. Januar 2010

    @Geoman: Auch wenn in dem Fall offenbar die Verwendung der Krallenfrösche in der biologischen Forschung die Ausbreitung des Virus beflügelt zu haben scheint (übrigens ein interessanter Sachverhalt – ein Gastbeitrag von Optimus Prime zum Thema wäre mir jederzeit willkommen…), ist der Beitrag der Forschung zum Artensterben – wie Glucypher schon festgestellt hat – doch augenscheinlich eher gering…

  14. #14 Geoman
    19. Januar 2010

    “Augenscheinlich” funktioniert auch – wie ich es bei den Kindern meiner Nachbarin immer wieder in Augenschein nehmen kann – die hier so verpönte Homöopathie. Wenn man es genauer wissen will, muss man sich schon informieren und nicht Klischees nachbeten und vor Tabus halt machen.

    Nehmen wir z. B. den erst vor wenigen Jahren im hohem Alter verstorbenen, wohl berühmtesten Evolutionsbiologen des 20. Jahrhundert, nämlich Prof. Dr. Ernst Mayr. Über den gibt es Folgendes zu berichten:

    “Und vor allem schoss er mehrere Tausend Paradies- und andere exotische Vögel. Die Federbälge wurden sorgfältig präpariert, während das Innere in der Regel im Kochtopf landete. »Gucken und päng. Ich habe über 4.000 Vogelhäute zurückgeschickt«, schilderte Mayr gegenüber einem Journalisten seine damalige Exkursionsarbeit [7]. Sein Doktorvater Stresemann schrieb ihm nach Neuguinea: »Also mein liebes Schlaumayrchen, halten Sie die Ohren steif, vergessen Sie nicht, Chinin zu nehmen, das Pulver trocken zu halten und die Vögel zu lieben…«[8]. Da Liebe bekanntlich durch den Magen geht, aß Mayr auf seiner insgesamt zweieinhalb Jahre dauernden Expedition so viele verschiedene Arten von Paradiesvögeln, dass er später den Weltrekord dafür beanspruchte. Er fügte aber stets hinzu, dass sie alle gleich schmecken… ”

    vgl.: http://www.kritische-naturgeschichte.de/Seiten/uebergroessen.html#apostel_darwins

    Oder die elende Geschichte des Großen Alkes, der im 19. Jahrhundert mit der Begründung ihn in wissenschaftlichen Sammlungen für die Nachwelt zu bewahren, in seinem ursprünglichen Lebensraum also der Freiheit – befördert durch abenteuerlich hohe Kopfprämien – ausgerottet wurde.

  15. #15 rolak
    19. Januar 2010

    @optimus.prime: sorry wg der späten Antwort, aber der Kommentarfeed kommt seit einiger Zeit nur noch recht sporadisch an.
    Ja, die Pfeilgiftler sind eher was für die Heimkolorierung, aber seit die Gerüchte über die Auswirkungen des Sekrets das Netz =»durchlaufen, dürfte das Interesse gestiegen sein. Es ging ja nur um einen möglichen Grund für intensiven Handel, der wiederum den Pilz verbreitet – da war diese Verbindung das erste Bild im Kopf.