Mit dem Plagiatsfall zu Guttenberg (“der Druck durch die Familie”) scheint ja eine Art Damm gebrochen worden zu sein: Jorgo Chatzimarkakis (“falsche Zitierweisen”), Matthias Pröfrock (“höchst unangenehme Situation”) und Silvana Koch-Mehrin (“die Uni hat nicht genau genug geprüft”). Bei alldem brennt mir vor allem eine Frage unter den Nägeln…

Denn wie realistisch ist es eigentlich, davon auszugehen, dass Akademiker, die während ihres Studiums den korrekten Umgang mit Quellen in wissenschaftlichen Arbeiten gelernt und verstanden sowie diesen auch bis zu ihrer jeweiligen Abschlussarbeit, sei es nun eine Diplom-, Magister- oder Masterarbeit, nach bestem Wissen und Gewissen beherzigt haben, ausgerechnet bei der Anfertigung ihrer Dissertation – sicher einem der Höhepunkte jeder wissenschaftlichen wie nicht-wissenschaftlichen Laufbahn – auf den Gedanken verfallen, man könnte es jetzt ja eigentlich auch mal mit Betrug versuchen?

Sicher, es wird auch solche Fälle geben – insbesondere dort, wo die Disstertation “neben” der eigentlichen beruflichen Karriere verfasst wird und man sich nach etlichen Jahren vielleicht nur noch vor der Alternative sieht, entweder zu plagiieren oder das Projekt “Dissertation” endgültig abzubrechen. Mindestens ebenso nahe liegt meines Erachtens nach allerdings die Annahme, dass der- oder diejenige, die sich ihren Doktorgrad auf unsaubere Art und Weise erschleichen – und dann bei der Aufdeckung auch noch auf kuriose Ausreden, Lügen und Beschuldigungen Dritter verfallen – bereits bei der Erreichung ihres “akademischen Basis-Grades” ebenso vorgegangen sein könnten. Oder etwa nicht?

Meines Wissens nach gibt es jedenfalls keinen Automatismus auf dessen Basis auch die Abschlussarbeiten überführter Plagiatoren zu einer neuen Prüfung gebracht werden – nicht einmal dann, wenn diese an derselben Universität abgelegt wurden, an der auch schon die plagiierte Dissertation eingereicht wurde. Warum dies nicht so ist, hat sich mir bislang noch nicht erschlossen – an meiner Fachhochschule stellt sich das Problem trotz strenger Kontrolle nicht, da wir natürlich keine Promotionen betreuen können. Aber vielleicht kann ja ein Leser weiterhelfen, der mit den entsprechenden Verfahren an einer Universität vertraut ist: Wieso werden in Fällen von offensichtlichem Dissertationsbetrug nicht auch die Abschlussarbeiten der Delinquenten erneut geprüft? Oder gibt es Unis, an denen doch so verfahren wird?*

Graduation Hat Toss

“Graduation Hat Toss” (Foto von Naveen Kumar eingebunden via Flickr)

Übrigens: Anatol Stefanowitsch vom Sprachlog hat eine Petition initiiert, die Frau Koch-Mehrin dazu auffordert, ihren Posten im EU-Forschungsausschuss nicht anzutreten und außerdem weitere Konsequenzen aus der Plagiatsaffäre zu ziehen. Und obwohl die FDP-Abgeordnete nun erklärt hat, in einen anderen Ausschuss wechseln zu wollen, kann – und sollte – man die Petition noch mitzeichnen (die 8.000 sind bald erreicht).


*Dies wäre übrigens noch mit einem positiven Nebeneffekt verbunden, immerhin zieht die Aufdeckung einer plagiierten Dissertation derzeit kaum Konsequenzen nach sich; außer natürlich der, dass man sich furchtbar blamiert und den unberechtigt erworbenen Titel wieder abgeben muss. Gäbe es bei Plagiatsfällen dagegen einen Automatismus, wäre das potentielle Risiko für “Doppelbetrüger” aus spieltheoretischer Sicht vielleicht schon so groß, dass der eine oder andere auf die Einreichung eines Plagiats verzichten würde…

Kommentare (45)

  1. #1 TSK
    27. Juni 2011

    Mindestens ebenso nahe liegt meines Erachtens nach allerdings die Annahme, dass der- oder diejenige, die sich ihren Doktorgrad auf unsaubere Art und Weise erschleichen – und dann bei der Aufdeckung auch noch auf kuriose Ausreden, Lügen und Beschuldigungen Dritter verfallen – bereits bei der Erreichung ihres “akademischen Basis-Grades” ebenso vorgegangen sein könnten. Oder etwa nicht?

    Schon möglich, aber die Ausgangssituation ist eine andere:
    1. Der Dr. ist eine wesentlich höhere Bewertung als das Diplom/Master/Bachelor.
    Obwohl einige Firmen das Diplom erwähnen, wird es in den meisten Fällen schlicht
    ignoriert und während das Dr. als Anrede erwartet wird, habe ich noch nie erlebt,
    dass jemand einen anderen mit dem Diplom/Master/Bacc. begrüßt.
    2. Man hat durch die bestandenen Prüfungen (sollte man zumindest) und die Arbeit
    im Studium (Projekte, Referate, Hausaufgaben) Anhaltspunkte dafür, wie gut
    derjenige im Studium. Völlig unfähige Leute schaffen das Studium meistens nicht,
    die Abbrecherquote ist hoch.
    3. Die Arbeit wird *im* Studium als Abschluß gefertigt, d.h. man ist noch drin, das
    Arbeitspensum sind überschaubare 3-6 Monate und man hat noch Hilfe. Die
    Motivation durchzuhalten ist also sehr hoch. Der Doktor braucht *Jahre*, man
    macht ihn evtl. nebenbei oder als schlecht bezahlte Hilfskraft mit Nebenaufgaben,
    es wird selbständige Arbeit erwartet und es gibt viel zuwenig Plätze als Prof.. Die
    Motivationsschwelle, sich das *ehrlich* anzutun und evtl. zu scheitern, ist deutlich
    geringer.

    Obwohl manche Leute pathologische Schummler sind, glaube ich eher, dass die meisten
    Plagiatoren schlicht keine Zeit oder Lust haben, sich wegen des Prestiges abzumühen,
    obwohl sie es wahrscheinlich hinbekommen würden. Dr. Googleberg hat ja auch einen lausigen Abschluß hingelegt und benötigte noch eine Extraklausel, um durchzukommen.
    Vielleicht kann mal jemand die Abschlußnoten von Saß und Mehrin herausbekommen ?

  2. #2 voerdus
    27. Juni 2011

    Wenn man so mitbekommt wie häufig selbst bei Hausarbeiten oder Essays versucht wird zu plagiieren würde es mich kein bisschen wundern, wenn die Doktorarbeiten nur die Spitze des Eisberges darstellen.

  3. #3 Michael M.
    27. Juni 2011

    Wann hört ihr endlich mit diesem Gejammere über das Abschreiben ab. Ich glaube dass damit nur von der eigentlichen Problematik in der Wissenschaft abgelenkt werden soll. Nämlch dass in der Wissenschaft Dinge mit Augenzwinkern geduldet werden, die überall anders Betrug wären. Wissenschaftliche Ergebnisse sind meist sehr auftraggeberfreundlich. Stichproben und Untersuchungsbedingungen bieten ein großes Feld für Manipulationen. Nicht zuletzt werden Probanden die nicht ins Ergebnis passen als Fehlmessungen gestrichen und so auch vorhandene Ergebnisse verfälscht. Über die mißbräuchliche Verwendung von Statistiken brauchen ich gar icht erst diskutieren. So ist das Abschreiben und damit vervielfältigen von Wissen eigentlich weniger problematisch als das “korrekte” Erfinden von Ergebnissen die nicht existieren und was ich auch selten höre: Die eigentliche Prüfung ist ja nicht die Diplomarbeit und auch nicht die Dissertationsschrift, sondern es ist die Diplomprüfung, die sich je nach Studium aus bis zu 70 Teilprüfungen und mehr zusammensetzt. Beim Doktorat gibt es eine Denfensio die letztendlich auch mehr über das Fachwissen des Kandidaten aussagt als die Schrift selbst. Aber vielleicht sehe ich auch alles falsch.

  4. #4 badger h west
    27. Juni 2011

    ich finde die geisteshaltung entspricht der annahme “wer jetzt klaut hat immer schon geklaut.” die dipl. arbeit ist wahrscheinlich auch bei guttenberg normal entstanden. ich finde generalverdacht prinzipiell furchtbar. wollen wir morgen alle meisterbriefe untersuchen, schriftliche arbeiten generell durch das netz jagen? alle habilitationsschriften pruefen. jeden artikel dahingehend anzweifeln? ich finde den beschiss beschissen, aber ich finde generalverdacht unakzeptabel. wer soll denn dann die unzaehlbareb diss. von vielen aerzten pruefen, oft ist die idee vom dr.-vater die daten aus der bibliothek und wenns hovhkommt die schlussthese vom doktoranden. (an die mediziner: oft, nicht immer).
    Also kritisch aber nicht misstrauisch – aufmerksam aber nicht mit vorgehaltener waffe agieren.

  5. #5 threepoints...
    27. Juni 2011

    Vielleicht möchte man einfach keine dösenden Stürme (oder wie man sagt) entfachen…. also eben die Peinlichkeit der eigenen Nachlässigkeit (weil ein Plagiat als solches nicht erkannt oder enttarnt wurde) nicht eingestehen will…

    Ohne Not …. wird sich wohl niemand (auch keine Universität) “selbstbeschädigen” wollen. Da lässt man es wohl gerne unter dem Teppich, wo es einmal entweder gekehrt wurde oder eh nie aufgefallen war….

  6. #6 Christian Reinboth
    27. Juni 2011

    @badger h west: Von “Generalverdacht” kann doch aber eigentlich keine Rede sein, wenn jemand bereits des Plagiats überführt wurde, und man dies zum Anlass nimmt, sich auch die jeweilige Abschlussarbeit einmal anzusehen. Ein Generalverdacht wäre gegeben, wenn man jetzt auf die Idee verfallen würde, alle(!) Arbeiten müssten nochmal auf den Prüfstand – was in der Tat nicht nur unpraktikabel sondern auch unsinnig wäre…

  7. #7 Nashorn
    27. Juni 2011

    @Michael M.:
    Sprichst Du aus Deiner Erfahrung? Meine Erlebnisse in der Welt der Wissenschaft waren durchgehend anders, es wurde sehr grosser Wert auf Qualität und Korrektheit gelegt, von Prüfern wie Geprüften, zumindest was Diplom- und Doktorarbeiten angeht.
    Natürlich gibt es auch Lügner und Betrüger (wie überall), aber generalisieren kann man das sicher nicht.

  8. #8 A.S.
    27. Juni 2011

    @Michael M.: Ja. Das siehst du falsch.

  9. #9 Sebastian R.
    27. Juni 2011

    @Michael M.: Wer nicht selber mal in einem wissenschaftlichen Betrieb gearbeitet und die Bedingungen/Umstände/Situationen dort an der eigenen Haut zu spüren bekam, mag durchaus denken, dass Wissenschaftler derzeit zu viel jammern, wenn es um Plagiate oder auch um Betrug geht. Das ist ein Problem, dass sich immer wieder zeigt, wenn Außenstehende meinen es besser zu wissen. Es sei aber gesagt: Wie soll man Ergebnisse und Statistiken fälschen, wenn der Sinn der Wissenschaft ist, Erkenntnisse unabhängig voneinander zu bestätigen um so zu einem definitiven Erkenntnisgewinn zu gelangen? Früher oder später fallen Übeltäter zwangsweise also immer auf und dann ist es um ihre Karriere geschehen. Man fängt mit solchen Sachen also erst garnicht an. Und schon garnicht sollte man damit anfangen, wenn groß hinaus möchte, aber es schlichtweg nicht drauf oder keine Zeit hat. Aus solchen Situationen hinaus wird nämlich am meisten manipuliert und herumgeschraubt. Wenn man dann auch noch Politiker ist und sich mit einem Doktortitel das Leben ein bischen kompetenter zaubern möchte, der hat es schlichtweg nicht verstanden, was wissenschaftliches Arbeiten und der wahre Sinn einer Promotion ist. Es wundert also nicht, dass Politiker sich ab und an ihre Doktorarbeit zusammenschustern lassen, schliesslich ist es ein Fulltime-Job, den sich viele neben der politischen Karriere nicht wirklich leisten können. Wer badet es am Ende aus? Die ehrlichen Wissenschaftler, die sich tatsächlich den Arsch aufreißen, um auch wirklich alles korrekt abzuhandeln. Diese dürfen sich jetzt daran erfreuen, dass ihr Doktortitel ja eh nichts wert ist, da man ihn sich einfach mal eben zusammenbasteln lassen kann – Politiker sei Dank!

  10. #10 TSK
    27. Juni 2011

    Wieso werden in Fällen von offensichtlichem Dissertationsbetrug nicht auch die Abschlussarbeiten der Delinquenten erneut geprüft?

    Ich habe mal nachgeschaut, bitte korrigieren:

    Um es kurz zu machen: Weil es nicht geht.
    Die Universität muss die Diplomarbeiten nur 5 Jahre lang aufbewahren. Ich weiß,
    dass es an einigen Universitäten länger aufbewahrt wird, aber meistens wandern
    die Arbeiten nach 10 Jahren in den Orkus. Damit ist eine nachträgliche Prüfung
    nicht mehr möglich.
    Weiterhin: Während eine Doktorarbeit zwangsveröffentlicht werden muss (in der
    Bibliothek oder neuerdings elektronisch), kann sich der Diplomand die Arbeit
    nach einer Zeit aushändigen oder in der Bibliothek sperren lassen. Eine
    Auskunftspflicht besteht nicht.

  11. #11 HinrichD
    27. Juni 2011

    Was mir in der ganzen Diskussion fehlt bzw. viel zu kurz kommt: Was ist eigentlich mit dem Doktorvater (oder der Doktormutter) und der Uni an sich? Bei zu Guttenberg hat es sich doch deutlich gezeigt: Überprüft hat die Arbeit niemand wirklich (wurde sie überhaupt gelesen?). Natürlich sind zu Guttenberg und Co die Betrüger, aber unschuldig sind die Verantwortlichen der Universitäten deshalb noch lange nicht. Das Sprichwort Gelegenheit macht Diebe passt hier wie die Faust aufs Auge. Ich würde es als Beihilfe bezeichnen, die ebenso bestraft gehört, wie der Betrug an sich. An dieser Front scheint jedoch nichts zu passieren. Und die Tatsache, dass bisher lediglich Politiker der Union und F.D.P. betroffen sind, lässt Verschwörungstheorien einen weiten Raum. Es ist an den Wissenschaftlern und den Universitäten, diesen Verdacht schnell zu entkräften.

  12. #12 TSK
    27. Juni 2011

    Und die Tatsache, dass bisher lediglich Politiker der Union und F.D.P. betroffen sind, lässt Verschwörungstheorien einen weiten Raum.

    Nicht wirklich:

    Kabinettsmitglieder CDU:
    Dr. rer. nat. Angela Merkel
    Dr. jur. Wolfgang Schäuble
    Dr. jur. Thomas de Maiziere
    Dr. pol. Kristina Schröder
    Dr. phil. Annette Schavan
    Dr. med. Ursula von der Leyen
    Dr. jur. Norbert Röttgen
    Ronald Pofalla

    Kabinettsmitglieder FDP:
    Dr. med. Philipp Rösler
    Dr. jur. Guido Westerwelle
    Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
    Daniel Bahr
    Dirk Niebel

    SPD-Präsidium:
    Sigmar Gabriel
    Hannelore Kraft
    Olaf Scholz
    Manuela Schwesig
    Klaus Wowereit
    Andrea Nahles (Abbruch Promotion)
    Martin Schulz
    Dr. phil. Barbara Hendricks

    Bündnis 90 /Grüne
    Claudia Roth
    Cem Özdemir
    Steffi Lemke
    Dietmar Strehl
    Jürgen Trittin
    Winfried Kretschmann

    Keine Verschwörungstheorie notwendig: Doktorgrade finden sich zuhauf nur in der CDU/CSU und FDP.

  13. #13 Christian Reinboth
    28. Juni 2011

    @Michael M.: Huch, den Kommentar habe ich gestern glatt übersehen. Sorry. Aber ja, Du liegst wirklich völlig falsch, da muss ich mich meinen Vorschreibern anschließen. Erstens ist wissenschaftlicher Betrug wie Du ihn andeutest alles andere als gang und gäbe, da so etwas aufgrund der Nicht-Reproduzierbarkeit der Ergebnisse früher oder später immer rauskommt und die Karriere des Betreffenden dann unmittelbar zerstört ist. Plagiate gibt es dagegen wesentlich häufiger – wenn auch längst nicht so oft, wie man auf Basis der medialen Berichterstattung in den letzten Monaten glauben könnte.

    Zweitens halte ich es für falsch, mit Verweis auf irgendwelche Mißstände nicht gegen andere Mißstände vorgehen zu wollen. Jan Fleischhauer hat ja gestern im SPIEGEL etwas ähnliches versucht, indem er auf von ihm als falsch bewertete Änderungen im Habilitationsverfahren verweist – die allerdings mit der momentan debattierten Plagiiererei absolut nichts zu tun haben… Die wiederum richtet einen spürbaren Schaden an: Auch in meinem Bekanntenkreis habe ich jetzt schon Leute, die beim “Dr.” fast schon gewohnheitsmäßig sagen “Na, ob da wohl echte Arbeit dahintersteckt? Gibt ja so viele Dissertationen, in denen eh nur abgeschrieben wurde.” Und damit wird die Promotion an einer deutschen Universität auf hässliche Art und Weise entwertet – und das ist etwas, dass wir unserem Land als Forschungs- und Bildungsstandort wirklich nicht ohne Gegenwehr antun sollten…

  14. #14 Christian Reinboth
    28. Juni 2011

    @TSK:

    Ich weiß, dass es an einigen Universitäten länger aufbewahrt wird, aber meistens wandern die Arbeiten nach 10 Jahren in den Orkus. Damit ist eine nachträgliche Prüfung nicht mehr möglich.

    Vielen Dank für den Hinweis; das ist natürlich ein guter Punkt. Wobei die Abschlüsse z.B. von Herrn zu Guttenberg (Studienabschluss 1999) und Frau Koch-Mehrin (hat erst 1990 ihr Abitur gemacht, der Studienabschluss kann demnach auch noch nicht allzulange her sein) ja nur sehr knapp hinter der 10-Jahres-Grenze liegen… Wärst Du denn prinzipiell damit einverstanden, wenn man dort prüfen würde, wo man noch prüfen kann oder würdest Du einen solchen Automatismus für unnütz halten?

  15. #15 Christian Reinboth
    28. Juni 2011

    @TSK:

    Doktorgrade finden sich zuhauf nur in der CDU/CSU und FDP.

    Da muss ich allerdings widersprechen: Für die Präsidien mag das – zufälligerweise(?) – so gelten, in den Bundestags-Fraktionen sind die Unterschiede dagegen nicht so groß: 22% der FDP-Abgeordneten und 21% der CDU-Abgeordneten haben promoviert, allerdings auch 18% der Linkspartei-Abgeordneten, 14% der SPD-Abgeordneten und 13% der Abgeordneten von Bündnis90/Grüne. Insgesamt sitzen 119 Doktoren im Deutschen Bundestag, davon 73 in der schwarz-gelben und 46 in der rot-rot-grünen Ecke. Zu prüfen gäbe es also auch bei den anderen etwas. Ich hatte das hier mal aufgeschlüsselt:

    http://www.scienceblogs.de/frischer-wind/2011/03/wissenschaftler-im-bundestag-eine-crowdsourcingstatisik.php

    Ich vermute ja ehrlich gesagt, dass der momentane “Überschuss” an Plagiatsfällen zum einen daran liegt, dass sich die Wiki-Plagiatssucher primär auf konservative Abgeordnete konzentrieren, zum anderen auch daran, dass viele DDR-Promotionen gar nicht überprüft werden können, da sie als “geheim” eingestuft und nie veröffentlicht wurden bzw. heute schlicht und ergreifend nicht mehr verfügbar sind. Und die Mehrzahl der promovierten Abgeordneten, die in der DDR promoviert haben, sitzt nun mal nicht bei CDU und FDP…

    Nicht ausschließen würde ich allerdings auch, dass ein Doktortitel in konservativen Parteien mehr “zieht” als im linken Lager, wodurch der eine oder andere Karrierepolitiker vielleicht erst motiviert wird, “nebenbei” noch eine Dissertation anzufertigen. Zumindest bekommt man bei dem einen oder anderen aktuellen Fall den starken Eindruck, dass es den Betreffenden nie um eine akademische Karriere sondern stets nur auf dem Titel für – parteiinterne wie “echte” – Wahlen ging…

  16. #16 HinrichD
    28. Juni 2011

    @TSK und @Christian Reinboth: Danke für die Aufklärung.

    Was aber bleibt, ist die Frage nach dem Umgang der Universitäten und der Lehrkörper mit den Plagiaten. Jeder, der so ein Ding wie bei zu Guttenberg überhaupt akzeptiert, gehört genauso behandelt. Diesen Personen sollte die Lehrberechtigung entzogen werden.

  17. #17 Christian Reinboth
    28. Juni 2011

    @HinrichD:

    Jeder, der so ein Ding wie bei zu Guttenberg überhaupt akzeptiert, gehört genauso behandelt. Diesen Personen sollte die Lehrberechtigung entzogen werden.

    Das ist etwas, das von Außen sehr schwer zu beurteilen ist. Im Plagiatsfall ist erst mal nur eins klar: Dass der Plagiator selbst etwas falsch gemacht hat. Zwischen dem Betreuer einer Dissertation und dem Doktoranden besteht vielfach ein besonderes Vertrauensverhältnis, auch zieht sich eine Dissertation ja über Jahre hin, während derer man in ständigem Kontakt ist. Dass der Gedanke an einen Betrugsversuch für den einen oder anderen Doktorvater da kein sehr naheliegender sein kann, kann ich mir gut vorstellen. Auf der anderen Seite existieren heutzutage natürlich technische Hilfsmittel, mit denen sich zumindest Online-Plagiate wie das Guttenbergsche leicht erkennen lassen (bei Übersetzungsplagiaten oder dem Abschreiben von Texten, die nicht über das Netz auffindbar sind, wird es da schon schwieriger). In manchen Fällen habe auch ich das Gefühl, dass man vielleicht gar nicht so genau prüfen wollte, weil das Ziel des ganzen Promotionsverfahrens ohnehin nur darin bestand, jemand einen Titel zukommen zu lassen. Wenn es solche Vorgänge tatsächlich geben sollte, gehören sie natürlich – mit allen Konsequenzen innerhalb der Hochschule selbst – aufgeklärt. In vielen Fällen vermute ich allerdings, dass die Prüfer tatsächlich nicht geahnt haben, dass ihnen da ein Plagiat vorgelegt wird…

  18. #18 KommentarAbo
    28. Juni 2011

  19. #19 Christian Reinboth
    28. Juni 2011

    Nachtrag: Jemand machte mich gerade auf diesen spannenden Artikel aufmerksam:

    Die Doktorandin habe in ihrer Arbeit in „ähnlich großem Stil“ wie der zurückgetretene Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg abgekupfert, sagt Professor Hans-Jürgen von Wensierski (56), Dekan der Philosophischen Fakultät. […] Nach der Doktorarbeit habe er auch die Diplomarbeit der Studentin überprüft, berichtet von Wensierski. Ergebnis: Auch diese war zusammenkopiert. Die Kommission erkannte der Studentin das Diplom ab.

    http://www.ostsee-zeitung.de/rostock/index_artikel_komplett.phtml?SID=8886a70b138e6bdc24936687b6351d90&param=news&id=3101134

    Demnach scheint es zumindest in dieser Uni (oder vielleicht doch nur bei diesem Professor?) einen Automatismus zu geben…

  20. #20 miesepeter3
    28. Juni 2011

    Irgendein Lehrer aus meiner Bekanntschaft bezog sich mal in diesem Zusammenhang auf eine Untersuchung, die zu folgendem Fazit kam : Schüler, die bei Klassenarbeiten schummeln und Studenten, die in Klausuren abkupfern beweisen dadurch (Über-) Lebensfähigkeit.
    Ich glaub, es gibt eine ganze Menge Überlebensfähige auch in den akademischen Bereichen. Von der Wirtschaft weiß ich es.

  21. #21 regow
    28. Juni 2011

    Ich fürchte ja eher, dass es mehrere Preisgruppen von Ghostwritern gibt.
    Erst ab Preisgruppe III ist man dann auch “plagiatsicher”.

  22. #22 -ulk
    28. Juni 2011

    Ein zu Guttenberg dürfte doch der letzte sein, der am Ghostwriter spart…

  23. #23 Andreas
    28. Juni 2011

    Eigentlich ist es ganz einfach: Das Internet zwingt uns zur Ehrlichkeit, an allen Stellen im Leben.

    Wenn wir online einkaufen, können wir nicht mehr “anschreiben”, später zahlen, die Rechnung bekommen und der Verkäufer hofft, das wir auch zahlen. Nö, es gibt PayPal, Sofortüberweisung etc. und der Zahlungseingang wird geprüft, bevor die Ware abgesendet wird. Menschen, die wichtigere Ämter erhalten, werden von den Internet-Massen überprüft, z.B. ob sie bei ihrer Diss gemogelt haben. Bei Menschen, die keine wichtigen, gesellschaftsrelevanten Aufgaben übernehmen, wird sich die “smart mass” nie die Mühe machen, da bleibt das Aufgabe der Prüfer. Und selbst Diktatoren können ihr Volk nicht mehr bescheißen, weil diese im Internet sehen, das es auch anders geht.

    Das Internet zeigt sowohl jedem einzelnen “da unten” als auch “da oben” und auch der Masse insgesamt ihre Möglichkeiten – und auch seine/ihre Grenzen, vor allem wenn es darum geht andere zu bescheißen. Und das ist doch ne wirklich Gute Sache!

    Wir werden wahrscheinlich nie lernen, gemeinsam über das Internet Bahnhöfe zu bauen. Das bleibt Sache der Experten, derjenigen mit dem entsprechenden Wissen. Aber “denen da oben” zu sagen, dass sie zwar einen Plan haben mögen, wir ihren Plan aber nicht annehmen wollen, dazu befähigt uns das Internet. Egal, ob es sich nun um den Bauplan eines Bahnhofs handelt oder den Plan, es sich bei der Diss leicht zu machen und dann ein schweres Amt übernehmen zu wollen, das eines vor allem fordert: Ehrlichkeit.

    Wenn wir diese Macht mal lernen richtig einzuschätzen und zu nutzen, werden wir endlich die Politiker, Konzernlenker, was auch immer über uns los werden, die sich oder ihre Sache so wichtig nehmen, dass sie in Kauf nehmen anderen oder vielen zu schaden. Aber wir lernen das ja grade. By doing. 🙂

  24. #24 Geoman
    28. Juni 2011

    @ Christian Reinboth

    Mit diesem Beitrag und Anliegen wirst Du christlich-erbaulich kleinlich und peinlich. Wahrscheinlich ist schon der Taufschein gefälscht und der erste Deutschaufsatz ageschrieben.

    Die notwendigen Konsequenzen des Missstandes werden hier beschrieben:

    http://m.spiegel.de/unispiegel/studium/a-770186.html

  25. #25 DrNI
    28. Juni 2011

    Eine Magister- oder Diplomarbeit (nun Bachelor-, Masterarbeit) ist eine Prüfungsleistung. Sie ist kein Beitrag zur Wissenschaft und muss nicht veröffentlicht werden. (Genauer: Die Universität darf sie nicht verfügbar machen, der Absolvent kann das natürlich halten wie er will.)

    Dass dem so ist hat vor und Nachteile. Der größte Nachteil ist meinem Empfinden nach das Gefühl, sowieso nur für die Schublade zu schreiben.

    Der Titel kann in der Regel nachträglich entzogen werden, sollte sich herausstellen, dass der Student Mist gebaut hat. Hier ist der Schaden dann für den Studenten sehr groß, vor allem beim Magister oder Diplom, denn er fällt dann zurück auf Abiturienten-Niveau, was seine formale Qualifikation angeht. Der Schaden für die Wissenschaft ist wohl meist recht gering, denn die meisten dieser Arbeiten hat außer den Gutachtern sowieso nie jemand gelesen.

  26. #26 Christian Reinboth
    29. Juni 2011

    @Geoman:

    Wahrscheinlich ist schon der Taufschein gefälscht und der erste Deutschaufsatz ageschrieben.

    Exakt diese unpassende Gleichsetzung von Betrügereien bei wissenschaftlichen Arbeiten mit dem “Abgucken beim Mathe-Aufsatz in der 5. Klasse” sind eines der Grundprobleme der gegenwärtigen öffentlichen Diskussion…

  27. #27 Dr. Webbaer
    29. Juni 2011

    @Reinboth
    Die letzten zwei Kommentatoren haben Recht, wie eigentlich leicht zu erkennnen ist. Ham’Se mal einen Blick in den SPOn-Artikel geworfen?

  28. #28 Christian Reinboth
    29. Juni 2011

    @Webbär: An dem SPOn-Artikel ist einiges dran – auch wenn ich mit den ziemlich radikalen Änderungsvorschlägen nicht ganz mitgehen würde. Das Grundproblem, das auch die gegenwärtigen Plagiatsfälle beflügelt, wurde aber richtig erkannt und beschrieben. Dem “Plagiieren ist wie Abschreiben in der Grundschule” ist aus meiner Sicht aber immer und überall zu widersprechen, da kann der angehängte Link noch so überzeugend sein…

  29. #29 Dr. Webbaer
    29. Juni 2011

    @Reinboth
    Sischer, dem widersprechen wir alle, zumindest pflichtgemäß. – Den angeregten nachträglichen und absehbarerweise tausende Lebensleistungen vernichtenden Review ersparen wir uns aber.

    Man ist dabei leistungsfähige Plagiatserkennungssoftware zu entwickeln; diese dann beizeiten mandatorisch zum Einsatz bringen und gut iss …

    MFG
    Dr. Webbaer

  30. #30 Geoman
    29. Juni 2011

    Ich kann mich noch dunkel daran erinnern, dass der ASTA der Uni Münster Anfang der 1980er Jahre die Examensarbeit von Riesenmümmelmann Jürgen Möllemann ausgegraben und neu veröffentlicht hat. Die Arbeit passte kleingedruckt (aber gut lesbar) auf die Vor- und Rückseite eines DIN A4-Blattes und handelte vom Einkaufsverhalten Münsteraner Hausfrauen (…?) auf dem Markt am Münsteraner Dom.

    Bei einer Google-Suche habe ich gerade festgestellt, dass selbst der Spiegel später (1987) dieser Geschichte einen kurzen Artikel gewidmet hat:

    “Jürgen Möllemann, 42, Bundesbildungsminister und Propagandist einer neuen Elite, bekam von der Studentenzeitung “Fliegende Blätter” seiner alten Hochschule in Münster einen neuen Titel: “Der Dünnbrettbohrer”. Nachdem der FDP-Politiker im Sommer schon mal aufgefallen war, weil er im Rundfunk von sechs Abiturfragen nur zwei hatte beantworten können, gruben Studenten jetzt seine Examensarbeit aus dem Jahre 1969 aus. Auf 39 Seiten kreist die Arbeit des Lehrers um das “Epochenthema: Wochenmarkt am Dom”. Für die Studenten ist das Werk ein “intellektueller Tiefflug über die Niederungen der Pädagogik”. Auffallend schmal und ungenau ist das Literaturverzeichnis: Da führt er zwar das “Fischer Lexikon: Wirtschaft” auf, verzichtet aber bei anderen Quellen auf Angaben, die wissenschaftlich dringend notwendig sind: Es fehlen vollständige Verfasserangaben, Jahr des Erscheinens und Auflage. Das Uni-Blatt: “Dafür bliebe ihm sicherlich heute jeder Schein im ersten Semester verwehrt.” Zeitlos ist allerdings das Motto der Arbeit: “Und immer wenn du glaubst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein (ziemlich) kleines Lichtlein her.”

    Soll heißen, je tiefer wir in der Hierarchie wissenschaftlicher Arbeiten nach Plagiaten oder “intellektuellen Tieflügen” fahnden, desto deutlicher wird die Frage nach dem intellektuellen Niveau der Betreuer oder Gutachter. Hier (also bei denen, die sich auf öffentlichen Druck hin später genötigt sehen, sich zu gnadenlosen Richtern aufzuspielen und ihre Hände in Unschuld zu waschen) und nicht nur beim Plagiator und intellektuellen Tiefflieger liegt ein beachtlicher Teil der Verantwortung.

  31. #31 Christian Reinboth
    29. Juni 2011

    @Webbär:

    Man ist dabei leistungsfähige Plagiatserkennungssoftware zu entwickeln; diese dann beizeiten mandatorisch zum Einsatz bringen und gut iss …

    Wenn die irgendwann verfügbar ist und auch mit Übersetzungsplagiaten und anderen Formen des Plagiats umgehen kann, können wir uns die weitere Debatte im positiven Sinne sparen. Bis dahin halte ich es aber nicht für verkehrt, im Plagiatsfall auch mal in die Abschlussarbeiten zu gucken – mit gewollter Vernichtung von Lebensleistungen hat das meines Erachtens nach aber nicht viel zu tun, sondern vielmehr mit der Erhöhung des mit einem eingereichten Plagiat verbundenen Risikos. Welche Konsequenzen zu ziehen wären, wenn man nach 20 Jahren feststellt, dass jemand ein Plagiat eingereicht hat, das steht auf einem ganz anderen Blatt und hängt meines Erachtens nach maßgeblich davon ab, welche Art von Karriere mit dem Abschluss begründet wurde. Bei einem Arzt mit gefälschter Examensarbeit käme sicher niemand auf die Idee, ihn auch weiterhin Patienten behandeln zu lassen…. Bei den Debatten um die DDR-IMs heißt es ja von politischer Seite andererseits immer gerne, nach 20 Jahren müsste doch langsam mal eine Verjährung eingetreten sein.

    Schwieriges Thema.

  32. #32 Sebastian R.
    29. Juni 2011

    Ich denke mir immer wieder, wenn ein wirkliches Interesse bestehen würde, Plagiate aufzudecken, dann würde man schon längst dagegen vorgehen. Man verlässt sich aber immer noch auf ein gewissenhaftes und richtiges Arbeiten, was ja – wie man sieht – in einigen Fällen nicht eingehalten wird. Mich würde echt brennend interessieren, wie hoch die Dunkelziffer abgekupferter Abschlussarbeiten ist, nur so könnte man entscheiden, ob man mit aller “Gewalt” gegen Plagiarismus vorgeht oder nicht. Es kann aber nicht verkehrt sein und so gibt es bereits Journals, die eine spezielle Software zum Auffinden von Text- Raubkopien benutzen und deren Anwendung sich langsam auf die us-amerikanischen Hochschulen ausbreitet. Es gibt also durchaus ein sinnvolles Programm, welches man auch hier in Deutschland zum Einsatz kommen lassen könnte. Es ist allerdings mit Arbeit verbunden und wer Hochschulen kennt, weiss, dass man es dort eher gemütlich zugehen lässt. Deutschland hinkt den Amis also mal wieder hinterher…

  33. #33 Geoman
    29. Juni 2011

    Der ein oder andere die “Reinheit und Ehre der wissenschaftlichen Lehre”-Verteidiger und empörte Anti-Koch-Mehrin Petitonsunterschreiber mag es vergessen haben oder gar nicht wissen können: Jürgen W. Möllemann war von 1987 – 1991 Bundesminister für Bildung und zwar ohne dass ein Aufschrei durch den Wissenschaftsbetrieb gegangen ist.

  34. #34 Horstibaer
    29. Juni 2011

    @ Geoman:

    Hätte ich es damals gewusst hätte ich aufgeschrien.
    Nur weil irgendjemand mal mit was durchkommt ist es dann plötzlich legitim? Das sehe ich aber ganz anders!

  35. #35 Christian Reinboth
    29. Juni 2011

    @Geoman: 1987 war ich sieben Jahre alt und habe mich noch nicht sonderlich für die Personalpolitik der FDP interessiert. Aktuelle Fälle werden dadurch ja aber nicht besser…

  36. #36 Geoman
    29. Juni 2011

    @Christian Reinboth

    Die aktuellen Fälle werden nicht besser, aber vor dem Hintergrund der Geschichte zweifellos etwas relativiert.

    Dafür rückt der scheinheilige und schludrige Wissenschaftsbetrieb etwas mehr ins Visier.

    Und wie alt Du damals warst, ist nicht wirklich für die Sache relevant.

  37. #37 rka001
    29. Juni 2011

    Naja, es sind ja nicht nur die Abschlussarbeiten. Jan von Aken, immerhin zwei mal mit Kommentaren zum Thema Biowaffenkontrolle in Nature veröffentlicht und Gentechnikexperte der Linken, ist gleichzeitig ehrenamtliches Vorstandsmitglied der (Achtung!)

    Homöopathie-Stiftung Dr. Marion Meyenburg, Hamburg,

    Da ist doch alles gesagt über die wissenschaftliche Qualifikation dieses Mannes.

    Es kommt manchmal nicht auf die Abschlussarbeit an, sondern darauf, was man daraus macht. Greenpeace-Lobbyist und Homöopath, da freut sich der Fachbereich der Alma Mater.
    Da würd ich die Diplomarbeit auch echt gerne mal lesen, wenn ich ehrlich bin.

  38. #38 TSK
    30. Juni 2011

    @Christian:

    Wärst Du denn prinzipiell damit einverstanden, wenn man dort prüfen würde, wo man noch prüfen kann oder würdest Du einen solchen Automatismus für unnütz halten?

    Gegenfrage: Was genau willst Du erreichen ?
    Du stellst die Frage in den Raum, dass man vielleicht einen Automatismus einbauen soll, um die Diplomarbeiten von Dissertationsbetrügern einer Überprüfung zu unterziehen. Deine Äußerung
    “Welche Konsequenzen zu ziehen wären, wenn man nach 20 Jahren feststellt, dass jemand ein Plagiat eingereicht hat, das steht auf einem ganz anderen Blatt[…]”

    halte ich für ein wenig unehrlich, denn ich glaube, dass Du ganz klar die Entziehung
    des Abschlußes ins Auge gefaßt hast.

    Warum ? Da fällt mir ein:
    a) Um Schaden von der Wissenschaft abzuwehren.
    b) Eine Art allumfassender Gerechtigkeit
    c) sonstige Gründe.

    a) Wie sieht es mit dem direkten wissenschaftlichen Schaden aus ? Geringfügig bis Null. Sowohl Diplom- als auch Doktorarbeiten enden 99,9%tig als Karteileichen, die niemand mehr auch nur anguckt. Das tut natürlich Doktoranden weh, wenn man soviel Fleiß und Mühe hineingesteckt hat, ist aber leider nicht zu ändern.

    Der eigentliche Schaden eines Plagiates ist der, dass man bei einem >>anderen Wissenschaftler< < abgeschrieben hat, nicht, dass andere Leute mit den Erkenntnissen wissenschaftlich irregeführt werden. Es kann sogar alles wahr sein und der Autor kann tatsächlich eine neue, richtige Erkenntnis publizieren (indem er die richtigen Schlüsse zieht, die vorher niemand gezogen hat), ohne dass es den Tatbestand ändert. Der Grund liegt darin, dass eine *selbstständige* Leistung erwartet wird und deshalb genau zwischen eigenen und fremden Erkenntnissen getrennt werden muß. Eine Abschlußarbeit ist nicht wirklich selbstständig. Das Thema wird meistens vorgeschlagen und inwieweit man geholfen wird und wie kompetent die Hilfe ist, hängt vom Professor ab. b) Allumfassende Gerechtigkeit Ein paar Gründe, der schon der gerechten Bewertung von Abschlußarbeiten im Wege steht, habe ich schon genannt: Schlechte Verfügbarkeit, kurze Aufbewahrungsfrist, Unwichtigkeit und damit schludriges Bewertungsverfahren. Mir wäre wohler zumute, wenn in der Wissenschaft so etwas wie gerechtes Verhalten und Unrechtsbewußtsein strikt durchgehalten würde. Leider gibt es aber durchaus häufige und zweifelhafte Aktionen: - Beliebt: Autorenschaft. Der Professor will als Koautor oder als Hauptautor genannt werden und andere Personen möchten auch als Autor zitiert werden, ohne auch nur eine Zeile beigetragen zu haben (Gefälligkeitszitat). - Zitierkartell: Man zitiert sich gerne untereinander, um den eigenen CI in die Höhe zu treiben und den anderer Forschergruppen, die um dieselben Gelder kämpfen, niedrig zu halten.

    Es sei aber gesagt: Wie soll man Ergebnisse und Statistiken fälschen, wenn der Sinn der Wissenschaft ist, Erkenntnisse unabhängig voneinander zu bestätigen um so zu einem definitiven Erkenntnisgewinn zu gelangen?

    Ganz einfach: Man hat einen Bereich wie Jura und Geisteswissenschaften, in dem es so etwas Ergebnisse oder Statistik nicht gibt. Oder derjenige, der gefälscht hat, hat eine so hohe Position inne, dass er jemanden zerstören kann, der ihm in die Quere kommt. Der Fall Reiner Protsch sagt Dir etwas ? Er hat sich jahrzehntelang halten können, weil alle Angst vor ihm hatten.

    – Abschreckung
    Ein Argument ist, dass derjenige es sich zweimal überlegt, ob er das Risiko einer Dissertation eingeht, wenn auch der Abschluß in Gefahr ist.
    Es funktioniert jedoch nicht: Soziologisch ist er erwiesen, dass nicht die Härte einer Strafe abschreckt, sondern die Wahrscheinlichkeit einer Entdeckung und Bestrafung.
    Weder die Einführung noch die Abschaffung der Todesstrafe ändert bei gleichbeibenden Bedingungen etwas an der Kriminalitätsrate.

    Ist ja auch logisch, denn derjenige, der die Tat begeht, rechnet nicht damit, dass man ihm auf die Schliche kommt. Außerdem konterkariert es Deine Idee, denn Du möchtest ja nicht nur unehrliche Dissertationen, sondern unehrliche Abschlüsse aufheben. Das läuft darauf hinaus, dass unehrliche Abschlüsse, die keine Dissertationen sind, einen Vorteil vor Entdeckung haben. Aber das ist doch das, was Du willst ? Nein, denn nicht die Angst vor Entdeckung führt zur Entscheidung, ein Doktor nicht zu versuchen, sondern es ist einfach ein Artefakt, dass durch Deinen Vorschlag entstehen wird.

    – Nur Diplomarbeiten ?
    “Exakt diese unpassende Gleichsetzung von Betrügereien bei wissenschaftlichen Arbeiten mit dem “Abgucken beim Mathe-Aufsatz in der 5. Klasse” sind eines der Grundprobleme der gegenwärtigen öffentlichen Diskussion…”

    Ok, wie sieht es mit dem Abitur aus ?
    Ist dieses nicht der Schlüssel für die Universität für *alle* Studiengänge und ist derjenige, der hier schummelt, unberechtigt zur Uni gekommen. Verlangt die Gerechtigkeit denn hier nicht die Aberkennung des Abiturs ?
    Genau denselben Strang verfolgst Du hier mit dem Aberkennen des Abschlusses.
    Dann ist man hier wirklich nicht mehr weit von einer “Damnatio memoriae” entfernt.

    – Wer überprüft die Arbeit und spricht das Urteil ?
    Da wir hier von einer Diplomarbeit reden, wird sich niemand den Aufwand machen,
    wie bei der Kommission für Wissenschaftsbetrug eine vollständige und unabhängige
    Prüfung durchzuführen. Es wird also derjenige
    machen, der die Arbeit vorher hat *durchgehen* lassen. Und ich muß sagen, dass es
    in der Wissenschaft schon seltsame Gestalten gibt. Einer meiner Professoren hat
    dem Studiengang ins Gesicht gesagt: “Sie können keine Eins bekommen, denn dann
    wären sie besser als ich.” Und solche Leute können sehr kleinlich und rachsüchtig
    sein, d.h. selbst wenn die Arbeit völlig sauber ist, kann er dieser aus Kleingeist
    für nichtig erklären lassen. Oder umgekehrt, um Schaden von der Uni abzuwenden,
    (“Nestbeschmutzer”) übersieht er großzügig die mangelhafte Arbeit.
    Soll also das Ergebnis von dem Mann abhängen, der offensichtlich schon vorher
    versagt hat ?

    Wenn Du die Muße hast, mal Dir mal auf, was alles bei einer wirklich gerechten Bewertung einer Abschlußarbeit unter den Ausgangsbedingungen schiefgehen kann.
    Durch die Einführung von viel mehr Fehlerquellen wird sich mehr Ungerechtigkeit
    bilden als Du eigentlich vermeiden wolltest.

    Fazit: Nach meiner Meinung sollte eine Abschlußarbeit nur innerhalb einer Zeitspanne von einigen Jahren annulliert werden können.

  39. #39 TSK
    30. Juni 2011

    @rka001

    Greenpeace-Lobbyist und Homöopath, da freut sich der Fachbereich der Alma Mater.
    Da würd ich die Diplomarbeit auch echt gerne mal lesen, wenn ich ehrlich bin.

    Nicht nur das, da gibt es schlimmere Beispiele. Da ist einer, der hat sich tatsächlich jahrelang mit Alchimie und Theologie beschäftigt. Newton heißt der Typ.
    Und da gibt es einen, der starrsinnig die Quantentheorie verleugnet hat und längeren
    Briefkontakt mit Velikovsky gehabt hat (falls Dir das was sagt). Sein Name war Einstein oder so ähnlich. Dann gab es diesen Physiker namens Pauli, der tatsächlich
    glaubte, seine Anwesenheit lasse Experimente scheitern. Und der Blogautor ist kein Atheist, sondern *Christ*. Als Wissenschaftler dementsprechend völlig untauglich, nur Atheisten sind gute Wissenschaftler, auch wenn das bei den Skeptikern mit den Nobelpreisen nicht so richtig klappt.

    Dann hätten wir da noch so einen Typen namens Dawkins, der glaubt, es gäbe unsichtbare Gehirnviren, die er Meme nennt. Oh Entschuldigung, der gehört ja zu den Guten….

  40. #40 Geoman
    30. Juni 2011

    @ TSK

    Das ist ja mal ein erfreulicher Kommentar, der vielleicht so manchen Wissenschaftsfanatiker und Berufsskeptiker irritiert!

  41. #41 rka001
    30. Juni 2011

    Das ist kein so richtig erfreulicher Kommentar, wie man zunächst glauben mag. Soll ich jetzt gut finden, daß ein MdB, ausgebildeter Biologe und “Gentechnik-Experte” ein HP-Lobbyist ist (noch dazu einer, dessen Stiftung sich die “Verwissenschaftlichung” der HP auf die Fahne geschrieben hat), weil andere Geistesgrössen zu Lebzeiten auch nicht davor gefeit waren, Unsinn zu glauben?
    Ist das die Quintessenz des Kommentars? Halb so schlimm? HP-Aktivisten dürfen ruhig 100 Jahre ernsthafter Forschung leugnen, weil es christliche Wissenschaftler gibt? Ist HP jetzt als Glaubenssystem vor kritischen Fragen geschützt?
    Im übrigen war mein Kommentar auch eher darauf bezogen, daß die Qualität einer Abschlussarbeit rein gar nichts darüber aussagt, was jemand mit seiner wissenschaftlichen Qualifikation anfängt. Jan von Aken ist ein Paradebeispiel aus dem Bundestag, ein publizierter Biologe, der esoterischen Humbug unterstützt.
    Aber ist egal, weil Newton 1680 nicht im Internet nachgeschaut hat, was mit der Alchimie so los war :).
    Es gibt halt Unterschiede zwischen nicht wissen wollen, nicht wissen können und glauben.
    Aber Pauli hatte sein zweites Ausschliessungsprinzip, deshalb darf Jan von Aken auch HP verwissenschaftlichen.
    Daumen hoch für diesen Superkommentar. Ehrlich.

  42. #42 TSK
    30. Juni 2011

    Soll ich jetzt gut finden, daß ein MdB, ausgebildeter Biologe und “Gentechnik-Experte” ein HP-Lobbyist ist (noch dazu einer, dessen Stiftung sich die “Verwissenschaftlichung” der HP auf die Fahne geschrieben hat), weil andere Geistesgrössen zu Lebzeiten auch nicht davor gefeit waren, Unsinn zu glauben?

    Nein.
    Du sollst schlicht *nicht* glauben, dass man daraus, dass jemand Unsinn glaubt, allgemein auf die Unfähigkeit, Dummheit und Ungebildetheit des Betreffenden schließen kann. Zur Erinnerung: Daraus, dass jemand ehrenamtliches Vorstandsmitglied einer Homöopathiestiftung ist, legst Du nahe, dass er wissenschaftlich unqualifiziert ist.
    Dieser Logik zufolge müßten all die Beispiele, die ich genannt habe, ebenfalls eine
    Unqualifiziertheit bedeuten und das ist offensichtlich lächerlich. Die Realität widerlegt diese Auffassung.

    Zum einen gibt es so etwas wie einen sicheren Unsinnsdetektor nicht. Auch wenn nur ein winziger Teil dessen, was man heute “Unsinn” nennt, schließlich die neue Wahrheit wird: Man wird nicht wissen, *was* sich als falsch erweisen wird und man
    wird ebenfalls nie wissen, *wann* man nun die Wahrheit erreicht hat oder ob es überhaupt eine Wahrheit gibt.

    Zum zweiten sind Menschen problemlos in der Lage mit sich widersprechenden Weltanschauuungen umzugehen und unterschiedliche Qualifikationen in verschiedenen Gebieten mitzubringen. Jemand kann eine absolute Koryphäe in einem Gebiet sein und trotzdem Haarsträubendes in anderen Gebieten leisten. Es scheint so etwas wie eine kollektive Blindheit gerade in Skeptikerkreisen zu geben, dass man selber “objektiv” denkt und dementsprechend will man seine eigenen schwachen Stellen nicht sehen.

    Warum ich so allergisch darauf reagiere, ist, dass mir diese falsche Vorstellung, man müsse ideologisch rein sein (Naturalist, Atheist & Skeptiker), um wissenschaftlich sauber arbeiten zu können, schon mehrfach über den Weg gelaufen ist. Es läuft letztendlich darauf hinaus, Leute mit anderen Glaubensrichtungen von der Universität
    zu ekeln.

    Deine Argumentation zum Beispiel ist ein typisches “ad hominem” oder “guilt by association”: Aus der Mitgliedschaft einer Person wird Zweifel an der Arbeit geäußert.
    Das ist, wie Du vermutlich sehr wohl weißt, ein Fehlschluß. Warum tust Du es dann ?

  43. #43 TSK
    30. Juni 2011

    @Christian:

    Deine doch wesentlich umfangreichere Aufstellung der Abgeordneten ist natürlich meiner Aufzählung deutlich überlegen. Kann man evtl. so etwas wie eine Rangliste nach Wichtigkeit erstellen, um zu sehen, ob eine Führungsposition (Vorsitzende, Landesabgeordnete, Stadtabgeordnete) in der CDU / FDP häufiger
    mit Doktoren besetzt ist als bei anderen Parteien ?

  44. #44 Christian Reinboth
    5. Juli 2011

    @TSK: Puh…so eine Rangliste könnte man garantiert erstellen, dazu müsste man aber natürlich zumindest die Vorstände aller Kreis- und Landesverbände sowie sämtliche MdL aller Parteien recherchieren. Dass ich dafür die Zeit finde, wage ich leider stark zu bezweifeln; mit den MdB ist das natürlich wesentlich einfacher, da es hier das Bundestags-Handbuch gibt, aus dem man die entsprechenden Infos ziehen kann. Geht man davon aus, dass die Verteilung der Promotionen unter den MdBs irgendwie für den gesamten Politbetrieb repräsentativ ist (steile These), müsste man zu dem Schluss gelangen, dass sich die Parteien hier zumindest nicht erheblich unterscheiden.

    Aus der Kommunalpolitik persönlich bekannt ist mir jedenfalls der “Doktor”-Effekt, d.h. die Tatsache, dass ein Titel auf dem Stimmzettel Stimmen innerhalb der Partei “zieht”, dass also Leute, die ohnehin die SPD wählen wollen bei einer Personenwahl eher dazu neigen, ihr Kreuz entweder bei promovierten SPDlern oder bei Politikern zu machen, die ihnen persönlich bekannt sind, so denn mehrere Namen zur Auswahl stehen. Ein Titel kann daher die politische Karriere meines Erachtens nach durchaus befördern – nur nehme ich stark an, dass der Mechanismus in allen Parteien zumindest ähnlich ist…

  45. #45 Ben
    15. Juli 2011

    Ich habe mal in meiner Diplomordnung nachgeschaut: Sollte sich nachträglich herausstellen, dass irgendwo geschummelt wurde, kann die Uni das Zeugnis etc. ungültig machen. Allerdings steht dann auch, dass nach Ablauf einer 5 Jahresfrist nach Zeugnisausgabe keine solche Entscheidung mehr möglich ist…