Ich bin nicht nur ein großer Freund der Wikipedia, sondern beteilige mich dann und wann gerne auch am Ausbau von Artikeln. Gelegentlich verzichte ich jedoch auch darauf, weil ich ein ganz spezifisches Problem befürchte, zu dem mich eure Meinung interessieren würde.

Die Wikipedia – darüber sind wir uns wohl alle einig – ist sicher nicht immer perfekt und natürlich keine adäquate Primärquelle für wissenschaftliche Publikationen. Dennoch ist sie ein großartiges Einstiegsportal für Recherchen aller Art, auf das auch ich immer wieder gerne zurückgreife. Über einen Wikipedia-Artikel kann man sich leicht einen guten – und meist auch richtigen – Überblick über jedes Thema verschaffen, darüber hinaus finden sich in den Quellen und weiterführenden Links in aller Regel wertvolle Hinweise auf nutzbare Primärquellen. Und wenn ein Service so nützlich ist, gebe ich natürlich gerne etwas zurück, weshalb ich seit einigen Jahren einen Wikipedia-Account habe und mich dann und wann auch an Artikeln beteilige. Allerdings längst nicht an allen, an denen ich mich beteiligen könnte – und insbesondere nicht an denen, zu denen ich wirklich etwas beizutragen hätte.

Den Grund dafür werde ich am besten an einem Beispiel erläutern: Vor einigen Wochen habe ich für unser ZIM-NEMO-Netzwerkprojekt TECLA (TEChnische PfLegeAssistenzssysteme), in dessen Rahmen wir uns unter anderem mit der Evaluation von Telemonitoring-Systemen und anderen Technologien befassen, mit denen die Arbeit überlasteter ländlicher Pflegedienste künftig unterstützt werden könnte, eine ziemlich umfangreiche Literaturstudie zum Einsatz sogenannter digitaler Stifte im medizinischen Bereich erstellt. Einen solchen digitalen Stift wollen wir in den kommenden Jahren unter anderem mit einer Kamera mit Abstands- und Winkelmesser sowie Beleuchtungssensorik ausstatten, mit deren Hilfe sich eine qualitativ hochwertige und vergleichsfähige Fotodokumentation chronischer Wunden anfertigen lässt.

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Für die Literaturstudie habe ich primär in PubMed und GoogleScholar recherchiert, habe aber natürlich auch mal einen Blick in den Wikipedia-Artikel zum Thema digitaler Stift geworfen. Und der ist wirklich ziemlich dünn und deutlich ausbaufähig – immerhin gibt es bereits Dutzende publizierter Paper und Studien, die sich mit dem technischen Potential solcher Stifte (in dem Fall in der medizinischen Dokumentation) befassen, so etwa

Helm, M.; Hauke, J.; Schlechtriemen, T. & Lampi, L.: Zurück in die Zukunft – die papiergestützte digitale Notarzt-Einsatzdokumentation mit Pen. Ein Beitrag zum Qualitätsmanagement im Luftrettungsdienst; in: Der Anästhesist, 46 (7), S. 503 – 509.

oder

Estellat, Candice; Tubach, Florance; Costa, Yolande; Hoffmann, Isabelle; Mantz, Jean & Ravaud, Philippe: Data capture by digital pen in clinical trials: an qualitative and quantitative study; in: Contemporary Clinical Trials 2008; 29 (3), S. 314 – 323.

Mein Problem: Ergänze ich den Wikipedia-Artikel um die entsprechenden Literaturverweise und zusammenfassende Informationen – was ich prinzipiell gerne tun würde – besteht meines Erachtens nach das nicht gerade geringe Risiko, dass jeder unserer Projektpartner, jeder interessierte Kollege und vor allem jeder Sachbearbeiter beim Mittelgeber, der sich die Studie durchsieht und dem Thema selbst ein wenig hinterhergooglet, unweigerlich bei dem Wikipedia-Artikel landet, die Übereinstimmung der Literaturangaben sowie grundsätzlicher Inhalte bemerkt und messerscharf folgert, dass sich der Reinboth mit der „Studie” augenscheinlich nicht mehr Arbeit gemacht hat, als mal schnell sämtliche Wikipedia-Quellverweise und -Links abzuklappern und daraus eine Zusammenfassung zu schreiben.

Klar, der Umkehrschluss („Ist ja toll, dass der sich die Zusatzarbeit gemacht hat, auch noch den Wikipedia-Artikel upzudaten”) liegt ja auch nicht gerade nahe – auf die Idee würde ich vermutlich auch nicht kommen, würde mir einer meiner Studenten eine Arbeit abliefern, die größere inhaltliche Parallelen mit entsprechenden Wikipedia-Artikeln aufweist – und einen Blick in die Alias-Liste der Artikelhistorie wirft nun wirklich nicht jeder…

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Ein Kollege, mit dem ich mich mal über dieses Problem unterhalten habe, schlug mir doch tatsächlich vor, einfach einen Link zum jeweiligen Projekt im Artikel unterzubringen bzw. das Quellverzeichnis des Wikipedia-Artikels auch um Veröffentlichungen des Teams zu ergänzen. Ganz offenbar kein aktiver Wikipedianer, denn natürlich wird – aus sehr guten und nachvollziehbaren Gründen – jeder Versuch, Links zu eigenen Projekten, Webseiten, Artikel und Veröffentlichungen in der Wikipedia unterzubringen von Teilen der Community als Selbstdarstellung oder sogar als Form von Spam betrachtet und entsprechend abgestraft – bestenfalls durch einen mahnenden Kommentar auf der Benutzerseite, schlechtestenfalls durch die Löschung der jeweiligen Angaben.

Wie also lässt sich dieses Dilemma lösen? Wie kann man Artikel zu Spezialthemen in der Wikipedia sinnvoll ergänzen ohne das Risiko einzugehen, dass die eigenen Arbeiten sich am Ende inhaltlich so sehr mit dem bearbeiteten Wiki-Artikel überschneiden, dass es für jeden Dritten so aussieht, als nutze man die Wikipedia als Hauptquelle für Literaturverweise oder gar für Inhalte? Gibt es begeisterte Wikipedianer oder Wikipedia-erfahrene Wissenschaftler, die sich mit dieser Problematik schon einmal gedanklich auseinandergesetzt haben?

Ich bin an jeder Meinung interessiert…

Kommentare (22)

  1. #1 Carl
    25. Juli 2011

    wenn du den wikipediaartikel als angemeldeter benutzer bearbeitest, ist hinterher klar nachvollziehbar, dass du nicht nur abgeschrieben hast, zumindest wenn auf deiner benutzerseite deine identität preisgibst. natürlich beugt das anschuldigungen nicht vor, aber immerhin kann man sie damit entkräften.

  2. #2 Gerry
    25. Juli 2011

    Und wenn Du der Studie eine Seite hinzufügst auf der beschrieben ist, dass und wie Du die im Rahmen der Studie gewonnenen Erkenntnisse in der Wikipedia untergebracht hast?

    Da kannst dann ja auch auf die Artikelhistorie verweisen.

    Diese Seite kann man sicher so aufmachen, dass man sie mit nur geringfügigen Änderungen auch für andere Studien / Projektdokumentationen verwenden kann…

  3. #3 Arne Klempert
    25. Juli 2011

    Warum nicht einfach in der eigenen Arbeit darauf hinweisen, dass als Nebenprodukt der eigenen Recherche auch Inhalte zur Wikipedia beigesteuert wurden? Idealerweise sollte das mit einem Link auf den Wikipedia-Account verbunden werden – und dort sollte dann ebenfalls Bezug auf die Arbeit genommen werden (zumindest wenn diese öffentlich verfügbar ist).

    Wenn man Links auf eigene Arbeiten nicht selbst in Wikipedia-Artikel einfügen möchte (aus den genannten Gründen Selbstdarstellung bzw. Spam), bietet sich immer auch die zum Artikeln gehörige Diskussionsseite für einen entsprechenden Vorschlag an.

  4. #4 Achim Raschka
    25. Juli 2011

    Hallo Christian,
    das Dilemma ist offensichtlich und auch mir nicht unbekannt – es geht ja gar noch weiter, dass dir trotz sachkundiger Ergänzung wiederum Manipulation in eine Richtung vorgeworfen werden könnte, wenn der Link zu dem Projekt und damit das berufliche Interesse offenkundig wird. Was ist also zu empfehlen?

    Mit ZIM-Nemo bin ich leider nicht allzu vertraut – grundsätzlich wird jedoch in Förderprojekten (vor allem bsp. bei EU-Projekten) eine Dissemination gewünscht. Fakt ist, dass du deinen Beitrag über die Versionsgeschichte namentlich und auch zeitlich nachweisen kannst – es spräche also prinzipiell gar nichts dagegen, wenn der Bericht darstellt, dass Ergänzungen in der Wikipedia im Rahmen der Verbreitung von Hintergrundwissen und Ergebnisverbreitung stattgefunden haben (natürlich nur nach Absprache mit den Projektpartnern). Für den Mittelgeber (BMWi, right?) und andere Interessenten wäre es dann offen nachvollziehbar, und dem Artikel wäre zudem auch geholfen. Gangbar?

    Gruß, Achim

  5. #5 Christian Reinboth
    25. Juli 2011

    @alle: An dieser Stelle schon mal vielen Dank für das schnelle Feedback, mal sehen was noch so zusammenkommt…

    @Carl: Dass man über die Artikelhistorie den Vorwurf entkräften kann, selbst aus der Wikipedia zu kopieren ist sicher richtig – wenn dieser Vorwurf denn überhaupt laut erhoben wird. Vielfach wird man aber vermutlich nicht darauf angesprochen werden (würde ich bei einem Kollegen vermutlich auch nicht tun), was aber bleibt ist der negative Eindruck…

    @Gerry, Arne & Achim: Den Vorschlag, einen Hinweis in Bericht, Studien etc. aufzunehmen, dass man sich mit den gewonnenen Erkenntnissen auch an der Wikipedia beteiligt, finde ich sehr gut. Wobei ich nicht ausschließen möchte, dass der eine oder andere Mittelgeber darin ein Problem sehen könnte: Darf Arbeitszeit für so etwas aufgewendet werden? Wenn aber das Editieren nicht in der Arbeitszeit sondern in der Freizeit passiert, was macht es dann im Arbeitsbericht? Müssen Name oder Logo des Mittelgebers überall dort auftauchen, wo von diesem finanzierte Ergebnisse ins Netz gestellt werden etc. pp. Könnte in manchen Fällen ein Problem werden, beim ZIM-NEMO glaube ich es allerdings eher nicht. Für die nächsten Berichte gilt also – sofern niemand mit einem noch besseren Vorschlag aufwarten kann: Wikipedia-Hinweis im Vor- oder Nachwort. Guter Ansatz.

  6. #6 Dr. Klaus Graf
    25. Juli 2011

    Die Lösung des Problems bieten Gerry und Arne. Zu einem wissenschaftlichen Report sollte auch ein Überblick über die naheliegenden Online-Quellen gehören, die man kommentieren kann (“unbrauchbar”). Da kann man dann auch die Erweiterung des Artikels erwähnen.

    Und wenn eine Literaturangabe relevant ist, ist es wurscht, ob sie vom Autor eingebracht wurde.

  7. #7 Hannes Bongard
    25. Juli 2011

    „Gerade im Fall von Interessenkonflikten ist es wichtig, auf die Neutralität in der Artikelarbeit zu achten. Da dies sehr schwierig ist, ist es meist die bessere Wahl, möglichen Konflikten von vornherein aus dem Weg zu gehen und auf Bearbeitungen solcher Artikel zu verzichten.“

    http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:IK

  8. #8 Tom
    25. Juli 2011

    Ein ähnliches Problem tritt auch bei Uni-Arbeiten oder Promotionen auf. Man sollte ein hinreichendes Wissen haben/erworben haben, um den Artikel zu ergänzen. Nur kann jeder, der die Arbeit bewertet oder später liest, auf den WIkipedia-Artikel kommen und die falschen Schlüsse ziehen.

    Der zu hebende Schatz ist groß: Jeder Wissenschaftler, der ein Review oder einen anderen Beitrag verfasst hat, den es im enzyklopädischen Kontext zu erwähnen lohnt, könnte den Artikel kurz ergänzen. Die Wikipedia wäre nicht nur aktueller, sondern auch umfassender.

    Es gibt wohl viele Gründe, warum das nicht geschieht: Das vermeintliche Laien-Publikum, ein allgemeiner Pfui-Charakter (obwohl manche Wikipedianer wissenschaftlicher arbeiten als manche Promovenden …), Egoismus, Unkenntnis der Möglichkeit, unzureichendes Verständnis der Plattform.

    Warum nicht folgendes Vorgehen:
    Eine Notiz in der jeweiligen Arbeit, mit Hinweis darauf, dass im Rahmen der Arbeit erschlossene Literatur/grundlegende Sachverhalte zum Thema vom Verfasser zur allgemeinen Nutzung in der Wikipedia verfügbar gemacht wurden. Datum, Diff-Link.

    Ich gebe es unumwunden zu: Dies wird v.a. für Skepsis sorgen. Warum sich aber verstecken, wenn es um wertvolle Ergänzungen in einem Gemeinschaftsprojekt geht?

    Wenn ich bei Wikipedia schreibe, so freue ich mich oft, Wissen zu erschließen, was zwar öffentlich zugänglich vorhanden ist, aber meine Aufarbeitung und eine prominentere Darstellung braucht. Vielerorts wird Wissen leider für die Schublade und für Archive produziert.

  9. #9 YeRainbow
    25. Juli 2011

    Ich traue Wikipedia dazu nicht ausreichend über den Weg.
    Nciht nur wegen der oben beschriebenen Probleme – ich habe mehrmals gesehen, wie Artikel entstanden, verändert wurden, und so weiter.

    Noch lohnt es nicht wirklich.

  10. #10 Jakob
    25. Juli 2011

    Wenn die eigene Arbeit gut und öffentlich ist, kann prinzipiell auch ein anderer Wikipedianer daraus Teile des Literaturverzeichnis in Wikipedia übernehmen – der Schluss, dass das Literaturverzeichnis aus Wikipedia übernommen wurde und nicht umgekehrt, ist doch etwas fehlgeleitet. Außerdem sollte es doch in jedem Fall darum gehen, wie gut das Literaturverzeichnis ist und nicht auf welche Weise es zustande gekommen ist.

    Bei Übereinstimmungen im Inhalt sieht es anders aus, da ganze Sätze nicht aus fremden Arbeiten in Wikipedia übernommen werden können. Auch hier kommt es allerdings darauf an, ob und wie lange die Arbeit schon öffentlich ist: je älter, desto weniger wird angenommen, dass sie aus Wikipedia übernommen wurde statt umgekehrt.

    Als Lösung fällt mir ein, was schon von anderen genannt wurden: transparent arbeiten, d.h. sowohl in Wikipedia (z.B. auf der Nutzerseite) angeben, wenn eigene Wikipedia-Beiträge in anderen Werken verwertet wurden, und in den anderen Werken angeben, dass eigene Beiträge in Wikipedia eingeflossen sind. Das lässt sich auch als zusätzliche Öffentlichkeitsarbeit verkaufen, schließlich sollten Wissenschaftler auch dafür sorgen, dass ihr Forschungsgebiet in der Öffentlichkeit Resonanz findet, anstatt sich im Elfenbeinturm einzuschließen. Als Grundlage für die Formulierung schlage ich vor:

    “Die in eigener Leistung erbrachten Inhalte dieser Arbeit [ggf. genauer eingrenzen] sind sind [ggf. grund z.B. zur besseren Darstellung in der Öffentlichkeit] unter dem Benutzeraccount [NAME] in die Artikel [Artikelliste] der [deutschsprachigen o.A.] Wikipedia eingebracht worden.”

  11. #11 Tom
    25. Juli 2011

    @YeRainbow: Wie kann man Wikipedia in der Gesamtheit “nicht trauen”, d.h. das Misstrauen aussprechen? Inwiefern ist es eine Vertrauenssache, eigene Anteile in ein Gemeinschaftsprojekt einzubringen?

    “Noch lohnt es sich nicht” – wann lohnt es sich denn? Wenn Andere die ganze Arbeit gemacht haben? Ich verstehe dein Posting wirklich nicht.

  12. #12 yellowstone
    25. Juli 2011

    Mein Vorschlag: Wenn schon einen Artikel schreiben, dann im englischsprachigen Wikipedia, da sieht man das nicht so eng, und es werden sich weltweit sehr viele Leute finden die für diesen Beitrag dankbar sind. Das deutschsprachige Wikipedia ist eher so ein Brockhaus-Nachschlagewerk. Anstatt die Wikipedia als eine Enzyklopädie, an der jeder mitmachen kann, zu sehen wird der Grundgedanke verzerrt und zu einem typisch deutschem Projekt. (Ich durfte nie einen Wikipediaartikel als Quellenangabe verwenden, und das macht in meinen Augen auch immer noch Sinn) Ich bin bei weitem nicht der einzige der das so sieht. Im Internet finden sich unzählige Diskussionen zu diesem Thema, und es schein ein typisch deutsches Problem zu sein.

  13. #13 Christoph Moder
    25. Juli 2011

    @Christian Reinboth (14:47 Uhr): “Darf Arbeitszeit für so etwas aufgewendet werden?” Gute Frage. Ich glaube, es muss sich das Bewusstsein verbreiten, dass so etwas auch Teil der Arbeit ist. DIe Menschen haben sich daran gewöhnt, dass von ihnen erwartet wird, lebenslang zu lernen und flexibel zu bleiben. Jetzt müssen sich die Arbeitgeber entsprechend daran gewöhnen, die Konsequenzen zu tragen – lernen heißt nicht nur, passiv zu konsumieren, sondern auch sein Wissen zu teilen und zu diskutieren. Genau das macht ja einen Experten aus; er kann eben nicht nur das Wissen abspulen, was er einmal aufgesaugt hat, sondern er kann die Dinge aus unterschiedlichem Licht betrachten und weiß auch, wie er dieses Expertenwissen austauscht. Wer also einen Experten anstellt, darf ihn nicht nur “geistig melken”. Es ist doch gang und gäbe, dass Fachleute auf Konferenzen und Messen geschickt werden; Wikipedia-Mitarbeit geht in die gleiche Richtung, und muss ebenso akzeptiert werden.

    @Carl: Genau wie Christian sagt, natürlich könnte man entsprechende Vorwürfe entkräften, aber das Problem ist vielmehr der schlechte Eindruck, der nie offen ausgesprochen wird. Das ist also ein gesellschaftliches Problem; momentan gehört es (zum Glück) schon zum guten Ton, Wikipedia zu lesen; jetzt muss auch das Mitarbeiten entsprechend berücksichtigt werden.

    Christoph

  14. #14 JPeelen
    25. Juli 2011

    Die Bedenken (Aha, er hat aus Wikipedia abgeschrieben) halte ich für sehr berechtigt, da Prüfer aus bitterer Erfahrung dazu neigen, das Negative für wahrscheinlich zu halten.

    Als Wikipedia Benutzer erwarte ich überhaupt nicht, dass der allerletzte, neueste Kenntnisstand wiedergegeben wird. Ich persönlich benutze Wikipedia wie ein Lexikon: wie groß ist der Erdradius, was versteht man unter “Boykotthetze” usw. Also zur ersten Orientierung über einen Sachverhalt.

    Dinge, von denen ich etwas verstehe/zu verstehen glaube, sehe ich oft anders als die Autoren des jeweiligen Wikipedia-Artikels. Das ist kein Problem. Ich erwarte als Nutzer von Wikipedia keine endgültige Darstellung, sondern einen verständlichen Einstieg in die jeweilige Thematik. Mit zu umfangreichen Darstellungen wäre mir auch nicht gedient, da ich Wikipedia ja nicht Hilfsmittel für das eigene Spezialgebiet nutze, sondern als ersten Blick über den Zaun in benachbarte oder ganz fremde Gebiete.

    Meine subjektive Sicht ist also: lassen Sie Wikipedia außen vor, solange sie nach ganz neuen Erkenntnissen forschen und nur Zwischenergebnisse haben. Stellen die erst das gesicherte Ergebnis in Wikipedia.

    Meiner Meinung nach ist den Wikipedia-Nutzern nicht gedient, wenn Spezialisten ihren Spezialisten-Kollegen zeigen, dass sie den Durchblick haben. Vielmehr sollte man im Hinblick auf den Laien schreiben. Denn, wie gesagt, nutze zumindest ich Wikipedia zur Information über Gebiete, von denen ich keine Ahnung habe. Insider-Kauderwelsch bringt den Nutzern nichts.

  15. #15 Lars
    25. Juli 2011

    Hallo Christian, lass dir einfach Zeit. Wikipedia-Artikel müssen nicht unbedingt tagesaktuell sein. Du kannst ja jetzt Artikel zu Themen ergänzen, die du beruflich/wissenschaftlich vor einem Jahr behandelt hast. Dann dürfte niemand auf die Idee kommen, du hast nur abgeschrieben. Aus eigener Erfahrung kann ich außerdem feststellen, dass es ab und an ganz sinnvoll ist, sich mit eigenen vergangenen Arbeiten nochmal auseinander zu setzten – und gleichzeitig Wikipedia zu ergänzen.

  16. #16 Jack
    26. Juli 2011

    Worum geht es denn? Wissen zugänglich machen, da sollte man selbst über solchen Dingen stehen. Du weist was du tust, und solange du vor dir in reinem Gewissen handelst ist alles gut. Wenn andere zu blöd sind mit dir darüber zu reden dann hilft die englische Sprache denn if you assume you easily make an ASS out of U and ME… Denoch halte ich eine gewisse temporäre dislokation der Veröffentlichungen für sinnvoll. Wikipedia sollte zwar das Wissen enthalten aber dies muss bei Projekten an denen man selbst beruflich arbeitet nicht gleichzeitig sein der Name Wiki sagt ja auch nur das es schnell sein möge…

  17. #17 mainwasser
    26. Juli 2011

    Ich würde vor allem auch einen zeitlichen Abstand einhalten. Die Wikipedia ist kein offizielles Publikationsmedium. Wikipedia-Artikel würde ich erst füttern, NACHDEM ich mein(e) Studie/Diss/Gutachten an vorgesehener Stelle eingereicht bzw. publiziert habe. Das vermeidet/vermindert Probleme einschließlich möglicher Zweifel an der Entstehungsreihenfolge.

    Bei Werken, für die man bezahlt wird, muß natürlich auch der Auftraggeber einverstanden sein, dass das von ihm gekaufte Produkt an anderer Stelle unter freier Lizenz ins Internet wandert.

  18. #18 Engywuck
    27. Juli 2011

    Wenn es *nur* um das Einfügen von Literaturverweisen geht und schon welche vorhanden sind: lass es
    wenn keine vorhanden sind: füg maximal ein, zwei ein, die für den kompletten Bereich oder größere Teile relevant sind.

    Auch kurze Zusammenfassungen (“Einzeiler”) retten das nicht, und reines Einfügen von Literaturverweisen fände ich jetzt auch nicht soooo erwähnenswert im Projekt, das gibt auch ganz falschen Eindruck – entweder das befürchtete “der hat die Literarur aus Wikipedia geklaut” oder falls doch einer nachliest “ach, mehr als Links einfügen kann er nicht? kennt sich also mit dem Thema doch nicht gut aus”.

    Was eher was bringt (aber dann evtl. erst nach Bewilligung…): Bau den *Artikelhaupttext* aus. Ergänze was wirklich fehlt (und sei es meinetwegen auch “nur”, dass solche Stifte inzwischen gut genug sind für den edizinischen Einsatz, und warum das so ist etc pp). Das bringt mehr, ist eher angesehen und führt nicht zu einem weiteren Artikel mit mehr Links als Inhalt.

  19. #19 aschmidt
    29. Juli 2011

    Lösungsvorschläge kann man sich natürlich viele ausdenken, aber das Dilemma, um das es hier geht, kann man grundsätzlich nicht lösen. Deshalb hat mainwasser den einzig vernünftigen Weg gewiesen: Die Wikipedia-Abstinenz, was ganz aktuelle Arbeiten angeht. Die mittelbare Folge davon ist natürlich, daß Wikipedia niemals ganz aktuell sein kann, was ihr mitunter zum Vorwurf gemacht worden ist.

    Immerhin besteht der Grund für das geschilderte Problem aber in der Medienkompetenz Dritter. Wer verstanden hat, wie ein Wiki funktioniert und wie man es liest (einschließlich der Versionsgschichte), wird mit solchen Doppelungen in Wikipedia und wissenschaftlichen Arbeiten anders umgehen. Bildung ist also angesagt. Genau das machen wir seit etwa einem Jahr ehrenamtlich als Wikipedianer im Wikipedia-Schulprojekt mit bisher sehr gutem Erfolg. Gut Ding will Weile haben.

  20. #20 YeRainbow
    31. Juli 2011

    Ich nutze wikipedia so ähnlich wie @ JPEELEN.
    ich hole mir dort erste Anregungen für Überlegungen. oder rufe ab, was mutmaßlich hinhauen sollte – Erddurchmesser ist ein schönes Beispiel.
    Für alles, was fachlich relevant ist, gibt es Fachliteratur, der mehr zu trauen ist.

    Als Referenz eignet sich wikipedia einfach noch nicht. Vielleicht mal dann, wenn der “allseits gebildete Mensch” (oder so ähnlich hieß das in meiner sozialistischen SChule damals) – also jemand, dem man guten Gewissens trauen darf (und wann wirds das in dieser Kultur hier schon mal geben? so viel wie Eis in der Sahara…) mit-wiki-t.
    Bis dahin – Mißtrauen als Überlebensinstinkt.

  21. #21 Paula
    1. August 2011

    Wikipedia ist auf jeden Fall sehr hilfrecih, aber man muss auch ziemlich vorsichtig damit umgehen, sowohl, wenn man es nutzt, um informationen zu bekommen, als auch, wenn man selbst artikel schreibt. aber alles in allem finde ich, dass es wirklich ein tolles hilfsmittel ist!

  22. #22 ffurem
    2. November 2011

    Ich bin gerade selber dabei mich durch das Medium Blogs, Wikipedia, Twitter & Co. über die entsprechenden Medien beziehungsweise über ihre Akzeptanz auf direktem Wege zu informieren und habe vielfach noch festgestellt, dass diese beim “professionellen” Publikum bislang selten vorauszusetzen ist.
    Daher würde ich meinen, in dem Fall gibt es zwei Methoden: Holzhammer oder die dezente Variante. Nummer 1 würde meinen, dass man postet, tweetet und fleißig auf Wikipedia “publiziert” und dies auch lauthals kundtut. Man gibt sich eben öffentlich, muss aber dafür mit gerümpften Nasen und Unverständnis leben. Mit ein bisschen Glück lenkt aber vielleicht der eine oder andere ein und kann die Vorteile der offenen Plattform nachvollziehen, allerdings scheint man sich in Deutschland erst mal im Verteidigungszwang zu sehen, wenn man überhaupt Wikipedianer ist. Vielleicht hilft’s hier, es einfach als bloße Tatsache hinzustellen und aus Reaktionen zu lernen. Leider kann man eine genauere Kenntnis der Wikipedia (oder eines Wikis allgemein) bislang selten voraussetzen, sodass auch ein Verweis auf die History oder den eigenen Autornamen nach meiner Erfahrung nicht wirklich hilft, was ich schade finde.
    Nr. 2, die dezente Variante, wäre ja eigentlich das angleichen an das “System”, das schon besteht. Vielleicht zieht man nach dem Projekt in Erwägung, es einzustellen, auch wenn das ja gerade die Vorteile des Wikis (Stichwort “schnell”) ausklammern würde. Kurz, man passt sich zähneknirschend an, läuft aber nicht Gefahr, anzuecken.
    Nach meiner Erfahrung hängt es immer noch vom Kontext und den entsprechenden Personen bzw. vom eigenen “Status” ab: Wenn der Chef sagt, er hat einen Wikipediaartikel korrigiert ist das etwas anderes, als wenn der Laufbursche ihn Korrektur liest, selbst wenn der vielleicht qualifizierter dafür wäre. Ich würde daher Zeitpunkt, Personenkonstellation, eigenen Stand und Relevanz des Themas abwägen und ggf. mit dem einen oder anderen Kollegen darüber sprechen. Wenn das Feedback positiv ist, rein damit und im Anschluss mit stolzgeschwellter Brust dazu stehen!
    Toller Post!