Harzhorn

Viel zu sehen gibt es hier nicht – aber genau diesen Abhang stürzte wohl vor etwa 1.778 Jahren ein römischer Versorgungswagen hinunter.

 

Unter Einsatz moderner Geoinformationssysteme lässt sich somit ein erstaunlich genaues Bild des Kampfgeschehens zeichnen. Es verrät, dass die römische Armee wohl aus dem Norden auf dem Weg zurück ins Imperium heranmarschiert ist und das Harzhorn-Areal durch den auch heute noch vorhandenen (und nach wie vor als Straße genutzten) Engpass zu durchqueren suchte. Dieser jedoch war durch germanische Angreifer verstellt oder blockiert, die die Römer zu einem Angriff auf die besetzten Hochpunkte veranlassten, dem wiederum ein Beschuss der dort positionierten germanischen Truppen mit Pfeilen und den mitgeführten Torsionsgeschützen vorausging. Der Kampf, aus dem die Römer siegreich hervorgingen (erkennbar an den Spuren ihres geordneten Weiterzugs nach Süden), dürfte etwa eine bis eineinhalb Stunden lang getobt haben. Die zu vermutende Intention der Angreifer, den Römern keinen Raum für eine geordnete Feldschlacht zu lassen und sie auf unwegsames Gelände zu zwingen, brachte demnach keinen letztendlichen Erfolg. Da sich auf dem Schlachtfeld vor allem römische und kaum germanische Artefakte finden, ist zu vermuten, dass die Römer aufgrund der unklaren Bedrohungslage nach dem Gefecht schnell weiterzogen und somit keine Zeit mehr für die Bergung sämtlicher Waffen und allen Gerätes hatten – ein Glücksfall für die Archäologie.

 

Zusammenfassend kann man feststellen, dass die am Harzhorn gemachten Funde die gängige Vorstellung des römischen Desinteresses an weiteren Expansionen in germanisches Gebiet nach der verlorenen Varusschlacht und der Strafexpedition des Germanicus klar widerlegen. Auch die der Varusschlacht bis dahin zugeschriebene Bedeutung als historische Zäsur für die weitere Entwicklung der Stämme auf germanischem Gebiet muss vor diesem Hintergrund in Frage gestellt werden. Überhaupt haben ja die meisten römischen Historiker die Varusschlacht nie als die Zäsur gesehen, die spätere Gelehrte daraus gemacht haben. Eine schmachvolle Niederlage ganz gewiss – aber eben längst nicht das Ende aller Ambitionen auf die weitere Ausdehnung der römischen Herrschaft. Das Harzhorn-Areal ist somit gleich auf zweierlei Weise bemerkenswert: Es ist das am besten erhaltene antike Schlachtfeld in ganz Europa – und die dort gemachten Entdeckungen haben dazu geführt, dass die vorherrschenden Ideen über das römische Engagement in germanischem Stammesgebiet erheblich revidiert werden mussten.

 

Die archäologischen Ausgrabungen am Harzhorn, die unter der Leitung des Prähistorikers Dr. Michael Meyer von der FU Berlin stattfinden, dauern derzeit übrigens weiter an. Im Jahr 2012 kam noch ein weiteres, kleineres Ausgrabungsfeld in unmittelbarer Nähe am Kahlberg hinzu, wo vermutlich der Versorgungstross der durchziehenden Kohorten in ein Gefecht verwickelt wurde. Viele der an beiden Fundstellen geborgenen Artefakte werden übrigens am dem 01.09.2013 in der mit Spannung erwarteten Landesausstellung „Roms vergessener Feldzug: Die Schlacht am Harzhorn“ im Braunschweigischen Landesmuseum zu sehen sein, die ich mir jedenfalls ganz sicher nicht entgehen lassen werde.

Dem Soldatenkaiser Maximinus Thrax war übrigens trotz seiner Erfolge auf dem Feld keine lange Herrschaft beschieden: Im Jahr 238 n. Chr. – und damit nur drei Jahre nach seiner Machtergreifung – wurde Thrax während der Ereignisse des Sechskaiserjahres vom Senat abgesetzt und marschierte daraufhin gegen Rom – welches er vor seiner Regierungszeit übrigens noch nie betreten hatte. In Aquileia wurde er jedoch von Verschwörern aus den eigenen Reihen gemeinsam mit seinem Sohn und designierten Nachfolger ermordet. Sein abgetrennter Kopf soll in Rom öffentlich zur Schau gestellt worden sein.

Verwendete Quellen

Dedio, Florian (Regie): Römerschlacht am Harzhorn – Roms letzter Feldzug nach Germanien, Film, WVG Medien / Polyband, 2010.

Geschwinde, Michael; Haßmann, Henning; Lönne, Petra; Meyer, Michael & Moosbauer, Günther: The Harzhorn Incident. Archaeological research on a late Roman battlefield near Northeim, Lower Saxony, in: Tagungsband der 6th International Fields of Conflict Conference, 15.04. – 18.04.2011, Osnabrück (Abstract).

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Kommentare (8)

  1. […] rekonstruierten Schlacht interessiert, ist herzlich dazu eingeladen, meinen ausführlichen Artikel “Das Harzhorn – Ortstermin an einer Jahrhundertfundstelle” auf der Wissenschaftsblogplattform ScienceBlogs.de zu lesen. Wer die Ausgrabungsstätte gerne […]

  2. #2 Quacki
    11. Juli 2013

    Erstmal ein Zahlendreher: Im letzten Absatz sollte 238 stehen. Ansonsten hätte Maximinus Thrax lockere 50 Jahre als Kaiser verbracht 😉

    Ich finde die antike und spätantike Geschichte sehr faszinierend. Und dass dieses Schlachtfeld tatsächlich gefunden wurde, ist sensationell! Wenn ich Zeit habe, schaue ich mir das gerne mal an. In Kalkriese war ich schon 🙂

    Ich habe mir von Peter Heather “Der Untergang des römischen Weltreiches” und “Invasion der Barbaren” zugelegt und lese die beiden Bücher immer wieder gerne.
    Die Römer haben früh (und schmerzhaft) erfahren, dass es sich einfach nicht lohnt, Germanien zu beherrschen. Die Germanen hatten in der Frühzeit keine eigene differenzierte Sozialstruktur, so dass es keinen König gab, über den man indirekt dann die Bevölkerung kontrollieren konnte. Außerdem war die Wirtschaft sehr primitiv, und bis auf wenige Güter (Bernstein, Sklaven, und Verpflegung für den Unterhalt der grenznahen Legionen) gab es nichts, was Germanien irgendwie attraktiv gemacht hätte. Allerdings hat im Laufe der Zeit durch den Kontakt mit dem römischen Reich eine soziale Strukturierung begonnen, und allmählich haben sich größere Einheiten zusammengefunden, die dann auch potentiell gefährlich (durch Raubzüge) wurden. Peter Heather sagt, dass militärische Expeditionen nach Germanien im 4. Jhd sehr gängig waren, ungefähr einmal jede Generation. Diese Aktionen hatten nicht das Ziel, eine direkte Herrschaft über die Region zu errichten, sondern die Germanen auf Linie zu halten, auch durch Ab- oder Einsetzen genehmer Könige.

  3. […] kleinen Nachtrag zu meinem Artikel vom Mittwoch über die archäologischen Ausgrabungen am Harzhorn möchte ich heute noch einmal explizit auf den Podcast “Emperors of Rome” des […]

  4. #4 Christian Reinboth
    12. Juli 2013

    @Quacki: Vielen Dank für den Hinweis – in der Tat ist mir da ein kleiner Zahlendreher unterlaufen, den ich nun aber noch korrigiert habe. Soweit ich mich richtig an den schon lange zurückliegenden Geschichtsunterricht erinnere, kam den regelmäßigen Feldzügen gegen “die Germanen” neben der angesprochenen Kontrolle der dortigen Stämme auch eine intern stabilisierende Bedeutung zu: Kaiser und Feldherren konnten sich durch (teils propangandistisch überhöhte) Siege einen Namen machen und innere Gegner gegen äußere Feinde zusammenschweißen.

  5. #5 Quacki
    12. Juli 2013

    Jo, das stimmt. Viele der Kriege gegen Barbaren hatten eine innenpolitische Komponente, wobei Cäsar ja das beste Beispiel ist. Eine Eroberung Galliens war nicht wirklich geplant, als er aber die damalige Provinz Südgallien übernommen hat, hat er jede noch so kleine Provokation genutzt um nach Norden auszugreifen, bis am Ende die komplette Eroberung stand. Auf diese Weise hat er sich den Ruhm und ergebene, kampferprobte Truppen erworben, um im anschliessenden Bürgerkrieg die Herrschaft zu erlangen. Und bei Heather gibt es auch schöne Beispiele für die spätrömische Propaganda. Der Donauübertritt der ersten Gotengruppen 376 wurde verhandelt, im Gegensatz zum üblichen Vorgehen, nämlich die Gruppen einfach zu besiegen und die Reste dann außerhalb des Reiches anzusiedeln. Die Verhandlungen wurden erzwungen, weil der Kaiser (ich glaube Valens) zur gleichen Zeit eigentlich gegen Persien vorgehen wollte. Für den Übertritt erhielt das Reich Gold und Truppenkontingente. Diese Gewinne wurden dann progandistisch überhöht, um zu überdecken, dass sie eigentlich aus einer momentanen Schwäche des Reiches herrührten. 2 Jahre später führte die Anwesenheit der Goten auf dem Balkan und die Unfähigkeit des Reiches sie zu kontrollieren ja auch zur Katastrophe.

    Danke auch noch für den Link auf die Videos von Adrian Murdoch. Ich zieh sie mir gerade rein 🙂

  6. #6 Christian Reinboth
    13. Juli 2013

    Severus Alexander hat es letztendlich den Kopf gekostet, dass er dieses Prinzip nicht verstanden hat oder nicht verstehen wollte und sich statt dessen den Frieden erkaufte.

    Danke auch noch für den Link auf die Videos von Adrian Murdoch. Ich zieh sie mir gerade rein.

    Die sind wirklich empfehlenswert, da war ich selbst überrascht. Reiner Zufallsfund.

  7. #7 Christian Reinboth
    13. Juli 2013

    Die eigentümliche Motivationsmischung für etliche römische Exkursionen nördlich des Limes aus “die Germanen auf Linie halten” und “Ruhm für die eigene Karriere ernten” wird übrigens hier sehr anschaulich und ausführlich analysiert:

    http://s145739614.online.de/fera/ausgabe13/Wiegels.pdf

  8. #8 Sieg im Sumpf | Archeolinks
    15. Oktober 2013

    […] die Geschichte hinter der Geschichte mutet unglaublich an. Im Jahr 2000 stöberten Freizeitarchäologen auf der Suche nach einer […]