DIALux-Leuchte

Vor drei Tagen wurde der im Mai als sogenannte kleine Anfrage (Drucksache 18/4853) der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen eingereichte Fragenkatalog zum Thema Lichtverschmutzung öffentlich durch die Bundesregierung bzw. das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) beantwortet. Der Volltext der Fragen und Antworten lässt sich hier auf der BMUB-Webseite einsehen bzw. herunterladen (PDF). Obwohl die Antworten unter anderem eine lesenswerte Zusammenfassung der wichtigsten Forschungsergebnisse des Forschungsverbunds „Verlust der Nacht“ (großzügig durch den Bund mit insgesamt 3.096.757 Euro gefördert) enthalten – in denen sogar das von Dr. Christopher Kyba geleitete Citizen Science-Projekt zur Lichtsmog-Messung per App explizit hervorgehoben wird – findet sich in den getroffenen Aussagen leider mehr Schatten als Licht. Auf die Frage nach der Entwicklung der Lichtverschmutzung in Deutschland während der letzten zehn Jahre wird beispielsweise recht lapidar festgestellt:

„Hierzu liegen der Bundesregierung keine Daten vor, die eine quantitative Bewertung der Lichtverschmutzung über die vergangenen zehn Jahre erlauben.“

Dies ist insofern erstaunlich, als dass entsprechende Daten aus dem DMS-Programm (Defense Meteorological Satellite Program) des US-Militärs für Europa und Deutschland bereits seit 2010 (und rückwirkend bis 1992) in Form von Open Access-Datensammlungen zur freien Verfügung stehen (und selbstverständlich auch schon von Astronomen – darunter auch deutschen Forschern – ausgewertet wurden). Eine Auflistung weiterer potentieller Datenquellen für die quantitative Bewertung der Lichtverschmutzung findet sich hier auf der Internetseite der Fachgruppe „Dark Sky“ im VdS.

VIIRS

Nachtaufnahmen des Suomi National Polar-orbiting Partnership-Satelliten der NASA aus 2012. Auch die dieser Karte zugundeliegenden Daten wurden (unter dem Begriff “Black Marble”) frei zugänglich gemacht.

 

Obwohl eine seriöse Bewertung – wenn auch nicht auf Basis eigener Daten – zumindest meiner Einschätzung nach also durchaus möglich und zumutbar wäre, findet sie nicht statt – und wird vermutlich auch zukünftig nicht stattfinden, da die Antwort auf die Frage nach weiteren geplanten Forschungsvorhaben in diesem Bereich leider wie folgt ausfällt:

„Zum Thema Lichtverschmutzung sind derzeit keine weiteren Forschungsvorhaben seitens der Bundesregierung geplant.“

Dies ist insofern bedauerlich, als dass die im Rahmen der Antworten zuvor aufgeführten, negativen Folgen der Lichtverschmutzung sowie der Umstand, dass (aus welchen Gründen auch immer) weder eine offizielle Bewertung der quantitativen Entwicklung der Lichtverschmutzung für die Bundesrepublik existiert noch Vorschläge zur systematischen Erfassung und Eindämmung von Lichtverschmutzung durch Beleuchtung von Gebäuden des Bundes vorliegen (auch dies wurde im Rahmen der kleinen Anfrage erfragt) weitere Bemühungen in dieser Richtung durchaus sinnvoll erscheinen lassen.

Die größte Enttäuschung für Astronomen und Umweltschützer dürfte jedoch sein, dass die – bereits seit 2009 geforderte – Einführung einer TA (Technische Anleitung) Licht analog zu den existierenden TA Lärm und TA Luft auch weiterhin – aktuell mit Verweis auf die im Jahr 2012 durch die Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Immissionsschutz (LAI) erfolgten Konkretisierungen zu schädlichen Lichtauswirkungen im Bundesimmissionsschutzgesetz (BImSchG) – abgelehnt wird:

„Eine ‚Technische Anleitung Licht‘ nach dem Vorbild der TA-Luft und der TA-Lärm wird nicht befürwortet, da angesichts der LAI-Lichthinweise für den Vollzug des BImSchG kein weiterer Bedarf für eine Konkretisierung der Anforderungen nach dem BImSchG gesehen wird.“

Als Lichtblick ist zu vermerken, dass offenbar ein – mit bisher noch nicht bekanntes – Projekt existiert (auch wenn der Projektträger leider nicht aufgeführt wird), in dessen Rahmen konkrete (vermutlich ja aber nicht verbindliche – das wäre wirklich zu schön…) Handlungsempfehlungen zur Vermeidung von Lichtverschmutzung erarbeitet werden:

„Die Bundesregierung hat das Forschungs- und Entwicklungsvorhaben ‚Handlungsleitfaden zur Bewältigung negativer Effekte von künstlichem Licht im Rahmen von Eingriffen‘ vergeben. Dieses hat eine Laufzeit vom Jahr 2014 bis zum Jahr 2017.“

Eine Suche nach dem 2014 veröffentlichten Ausschreibungstext ergab, dass der zu erarbeitende Handlungsleitfaden sich nicht – wie man hätte vermuten können – auf die Straßenbeleuchtung beschränkt, sondern auch Hinweise für Innen- und Fahrzeugbeleuchtung beinhalten soll:

„Die zu erarbeitenden Handlungsempfehlungen für die Beeinträchtigungsbestimmung und für die Vermeidung negativer Effekte auf die biologische Vielfalt sollen auch auf die Einführung neuer Leuchtmittel sowie auf die Umrüstung herkömmlicher Leuchtmittel und Beleuchtungssysteme eingehen. Es ist zwischen Innen- und Außenbereich sowie zwischen Verkehrskörper, sonstigen baulichen Anlagen (z.B. Raststätten) und Fahrzeugen zu differenzieren.“

Immerhin auf dieses Ergebnis können sich Hobbyastronomen bis 2017 also noch freuen – darüber hinaus scheint man in Sachen Lichtverschmutzung zumindest auf Bundesebene in den kommenden Jahren aber weder auf neue Forschungsvorhaben noch auf Gesetzesinitiativen hoffen zu dürfen…

Kommentare (13)

  1. #1 Dr. Webbaer
    25. Juni 2015

    Ist es eigentlich politologisch eher ein als konservativ zu verstehender Antrieb, der dazu verleitet Emission optisch relevanter Art anzugehen, oder ein als ökologistisch zu verstehender?

    MFG
    Dr. W

  2. #2 Aki Househusband
    25. Juni 2015

    @ Dr. Webbaer:
    Das ist eine tendenziöse Fragestellung. Beschäftigen Sie sich doch bitte mit der Materie und bilden sich Ihre eigene fachlich sachliche Meinung, anstatt ideologische Schubladen zu suchen. Tun Sie dies auch mit jedem anderen Thema, welches Sie beschäftigt, und Sie werden schnell merken, dass es keine Ideologie gibt, welche vernünftige Antworten auf alle Fragen liefern kann. Jede Frage erfordert ihre eigenen Antworten. Keine Partei, Organisation o. Ä. ist in der Lage, objektive Antworten zu liefern, da all diese Institutionen ideologisch verbrämt sind. Go your own way!
    Best wishes!
    Aki

  3. #3 Christian Reinboth
    27. Juni 2015

    @Webbaer: Wenn ich „ökologistisch“ mal als „ökologisch“ deute, trifft beides zu. Da überflüssige Lichtemissionen immer auch mit der Verschwendung von Energie verbunden sind – letztlich sprechen wir ja primär nicht über Licht, das der Beleuchtung von Straßen und Fußwegen dient, sondern über solches, das ohne nutzbaren Beleuchtungseffekt oberhalb der Horizontalen abgegeben wird – kann die Reduktion von Lichtverschmutzung auch als ein Element verantwortungsvoller kommunaler Haushaltsführung verstanden werden. In vielen Kommunen stellt der Energieaufwand für die Außenbeleuchtung den größten energetischen Einzelposten im Haushalt dar, schon ab 30.000 Einwohnern kann die jährliche Summe die Millionengrenze überschreiten. Durch die Reduktion von Beleuchtung insgesamt sowie durch die perspektivische Umrüstung auf effizientere (und zumeist auch lichtverschmutzungsärmere) Leuchten, können Kommunen ihren Haushalt stärken, ohne freiwillige Leistungen einschränken oder Steuern und Abgaben erhöhen zu müssen. Dass solche Maßnahmen natürlich nur einen kleinen Baustein im weiten Feld der verantwortungsbewussten Haushaltsführung darstellen, versteht sich dabei von selbst. Und ja – auch ökologisch betrachtet ist die Verringerung solcher Lichtemissionen natürlich von Vorteil. Energieeffiziente und situativ angepasste Beleuchtung führt somit zu eine, geradezu klassischen Win-Win-Outcome.

  4. #4 Dr. Webbaer
    27. Juni 2015

    Aja, danke für die Einschätzungen, mit Ökologismus im Sinne eines Ismus, im Sinne einer biozentrischen Ideologisierung soll die sogenannte Lichtverschmutzung bzw. deren Abwehr also nichts zu tun haben.

    MFG
    Dr. W

  5. #5 Alderamin
    30. Juni 2015

    @Dr. Webbaer

    Eigentlich schade, dass es zusätzlicher wirtschaftlicher und ökologischer Argumente bedarf, um den Verlust des Anblicks der Milchstraße und der meisten Sterne für fast die gesamte Bevölkerung zu verhindern. Als wenn das als Argument nicht reichte.

    Neulich war mal wieder Polarlicht angesagt und ich bin auf ein Feld in der Nähe meiner Wohnung am Rand einer Kleinstadt rausgefahren, wo ich früher schon mal Sternschnuppen schauen gegangen bin. Leider kleisterten zwei Werbebildschirme in jeweils 2,5 km Entfernung den Himmel mit ihrem Geflacker bis 50° Höhe im Nordosten und Süden zu. Die brennen nachts und tags mit der gleichen Helligkeit. Mit welchem Recht dürfen Werbetreibende einige zehn Quadratkilometer Fläche für sich beanspruchen? Man stelle sich mal vor, das wäre statt Licht Schall gewesen.

    Ich hab’ kein Polarlicht fotografieren können. Bei 10 Sekunden Belichtungszeit und 1600 ISO war der Himmel weiß.

    Es gibt Möglichkeiten, Straßen und Gebäude so zu beleuchten, dass der Himmel dunkel bleibt. Warum schreibt man die nicht einfach vor?

  6. #6 Dr. Webbaer
    2. Juli 2015

    @ Alderamin :
    ‘Es gibt Möglichkeiten, Straßen und Gebäude so zu beleuchten, dass der Himmel dunkel bleibt. Warum schreibt man die nicht einfach vor?’

    Warum wohl nicht? Weil’s mit nicht unbeträchtlichen Kosten verbunden ist, weil’s viele nicht interessiert?
    Der Schreiber dieser Zeilen würde ohnehin lieber auf bspw. im Orbit allgemein verfügbares astronomisches Gerät zugreifen statt sozusagen händisch (und andere mit seinen Wünschen nur belästigend).

    Zumal auch direkt terrestrisch die Himmelsbeobachtung offen steht, nur nicht überall und für alle.

    HTH
    Dr. W

  7. #7 Alderamin
    2. Juli 2015

    @Dr. Webbaer

    Weil’s mit nicht unbeträchtlichen Kosten verbunden ist

    Mal abgesehen davon, dass es nicht viel kostet, das Betreiben von Großbildschirmen bei Nacht auf gewisse Uhrzeiten oder Helligkeiten zu reduzieren: Schon wegen der CO2-Einsparung und auch zur Einsparung der Stromkosten werden derzeit in großem Maße Straßenlaternen durch sparsamere LED-Leuchten ersetzt, das Geld wird also ohnehin ausgegeben (und später eingespart). Die böten die Chance, besser gerichtetes Licht auszustrahlen und könnten sogar gedimmt werden.

    Bei uns im dorf wurden leider viel hellere LED-Leuchten als die Natrium-Hochdrucklampen zuvor installiert, und die haben eine gebogene Glasscheibe unten drunter, die das Licht auch zum Teil aufwärts abstrahlt. Rausgeschmissenes Geld in doppelter Hinsicht – nix gespart und nix gegen die Lichtverschmutzung getan.

    weil’s viele nicht interessiert?

    Genau so ist es. Und je weniger den Sternenhimmel je gesehen haben, desto weniger wird es zukünftig interessieren. Andere Randgruppenhobbies haben da bessere Lobbys, z.B. die Schützenvereine.

    Der Schreiber dieser Zeilen würde ohnehin lieber auf bspw. im Orbit allgemein verfügbares astronomisches Gerät zugreifen

    So was ist schon in der Mache. Es gibt auch eine Reihe von Teleskopen, die man über das Internet steuern kann. Abgesehen von den langen Wartezeiten haben die allerdings im Vergleich zum Beobachten mit dem eigenen Teleskop ungefähr so viel Flair wie das Googeln von Fotos von Urlaubsorten im Vergleich zum Selbstfotografieren vor Ort.

  8. #8 Dr. Webbaer
    3. Juli 2015

    @ Alderamin :

    Der Schreiber dieser Zeilen würde ohnehin lieber auf bspw. im Orbit allgemein verfügbares astronomisches Gerät zugreifen [Dr. Webbaer]

    So was ist schon in der Mache.

    Bemerkenswerter Webverweis.

    Ansonsten, stünde (gerne auch: kostenpflichtig) derartiges Instrumentarium, als Public Astronomy Server sozusagen, bereit, könnte sich wohl das ganze Gehäkel um die freie Sicht auf den Himmel (für freie Bürger und so) gespart werden.

    So meinten Sie es womöglich. so sieht es auch der Schreiber dieser Zeilen.

    MFG
    Dr. W

  9. #9 Alderamin
    3. Juli 2015

    @Dr. Webbaer

    Ansonsten, stünde (gerne auch: kostenpflichtig) derartiges Instrumentarium, als Public Astronomy Server sozusagen, bereit, könnte sich wohl das ganze Gehäkel um die freie Sicht auf den Himmel (für freie Bürger und so) gespart werden.

    So meinten Sie es womöglich. so sieht es auch der Schreiber dieser Zeilen.

    Nein, ganz im Gegenteil, das wäre ja gerade so, also ob man unsere Wälder mit Zäunen absperren würde und nur noch per Webcam Zugriff darauf hätte, statt sie durchwandern zu können. Ein Monitorbild kann nie den Blick mit dem bloßen Auge auf den Himmel ersetzen (dazu braucht es überhaupt kein Teleskop).

    Außerdem ist ein Weltraumteleskop eine so beschränkte Ressource, dass nur wenige Menschen es aktiv nutzen werden können. Das ist ja heute schon bei den im Web verfügbaren automatischen Sternwarten so. Die mich nie begeistern konnten. Ich mache meine Bilder lieber selber, das ist eine ganz andere Bestätigung, als irgendeinem Roboter einen Auftrag zuzusenden.

    Der dunkle Himmel ist ein Teil der schützenswerten Natur, der die Menschheitsgeschichte seit Urzeiten geprägt hat. Heute sehen die Menschen UFOs, wenn sich mal zwei helle Planeten nahe begegnen.

  10. #10 gedankenknick
    4. Juli 2015

    Zumindest für das Westhavelland existiert sowohl eine Initiative als auch eine Karte. Die ist – glaube ich – nur offine verfügbar, die “dunkelsten Orte” kann man aber hier nachlesen: http://sternenpark-westhavelland.eu/karte/

    Wobei im Westhavelland wohl Deutschlands “Dunkeldörfer” liegen dürften…

    @Alderarmin: Ich weise ja immer meine Mitmenschen auf UFOs hin, wenn mal wieder ein Iridium-Satellit vorbeigedreht kommt… 😀

  11. #11 gedankenknick
    4. Juli 2015

    Huch.. Die Karte gibt es online: http://sternenpark-westhavelland.eu/wp-content/uploads/2015/02/gsg_uebersichtskarten_westhavelland_Sternenpark_end.pdf

    Aber wirklich schön ist sie nicht gemacht….

  12. #12 Dr. Webbaer
    7. Juli 2015

    @ Alderamin :
    Es bleibt ein Unterschied, ob die Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird oder die Sicht.
    Hier – ‘Außerdem ist ein Weltraumteleskop eine so beschränkte Ressource, dass nur wenige Menschen es aktiv nutzen werden können.’ – müssten Sie zudem, absehbare zukünftige Entwicklung meinend, auch falsch liegen.
    Sie & der werte hiesige Inhaltegeber adressieren eine Art Luxusproblem.

  13. #13 Alderamin
    11. Juli 2015

    @Dr. Webbaer

    Ja, so ein Luxusproblem wie die Erhaltung alter Gebäude oder Kunstwerke. Soll der IS doch alles platt machen, wen interessiert das schon…

    Danke für das Gespräch. :-(