Pflegestreik

Wer hier im “Frischen Wind” regelmäßig mitliest weiß, dass mich Fragen der Überlastung sowie der Entlastung von Pflegekräften dank diverser entsprechend ausgerichteter Forschungsprojekte schon lange beschäftigen. Über die Jahre hat sich dabei – auch aufgrund meiner eigenen Erfahrungen als Zivildienstleistender in einer Pflegeeinrichtung sowie den Erfahrungen meiner Frau und ihrer Freunde und Verwandten, von denen viele in der Pflege tätig sind – bei mir die Erkenntnis manifestiert, dass wir als Techniker und Informatiker mit unseren Entwicklungen zwar zur zeitlichen und organisatorischen Entlastung von Pflegekräften beiträgen können, sich jedoch der erhebliche, in der Pflege herrschende Leidensdruck auch durch wirklich gute Systeme lediglich abmildern, nicht aber beseitigen lässt. Neben besserer Technik werden vor allem mehr Personal, eine bessere finanzielle Ausstattung sowie eine stärkere gesellschaftliche und politische Anerkennung pflegerischer Leistungen zwingend notwendig sein, wenn das Pflegwesen nicht durch Frühverrentungen und Nachwuchsmängel kollabieren soll.

Mit großem Interesse habe ich daher den sogenannten “Pflegestreik” an der Charité sowie die (leider äußerst geringe) mediale Rezeption der Streikgründe verfolgt. Eine äußerst bewegende Erfahrung, die man in diesem Zusammenhang gestern dank sehr vieler hochengagierter und vor allem schonungslos ehrlicher Pflegekräfte auf Twitter machen konnte, wollte ich auch den Nicht-Twitteraktiven unter der ScienceBlogs-Leserschaft nicht vorenthalten. Aus einigen harmlosen Tweets wie diesem

 

wurde gestern binnen weniger Stunden und dank des unermüdlichen Einsatzes von @pflegenot (unbedingte Folgeempfehlung) eine regelrechte Twitter-Lawine mit mehr als 10.000 Tweets (und zeitweise sogar auf dem ersten Platz der deutschsprachigen Twitter-Trends), in deren Rahmen hunderte Pflegekräfte unter dem Hashtag #Pflegestreik Zeugnis über täglich erlebte Probleme und Mißstände durch Zeit-, Geld-, Personal- und Anerkennungsmangel in der Pflege ablegten. Da die gängigen Online-Leitmedien diesen kollektiven Hilfeschrei bislang leider – im Gegensatz zu vielen anderen Hashtag-Wellen wie etwa #Bahnstreik, #VDS oder auch #Aufschrei – weitgehend ignoriert haben, binde ich nachfolgend eine kleine (und natürlich subjektive) Auswahl von Tweets unkommentiert hier im “Frischen Wind” ein, die die Problemlage meiner Einschätzung nach sehr gut widerspiegeln.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kommentare (19)

  1. […] bzw. auf “Scienceblogs”. […]

  2. #2 Beobachter
    4. Juli 2015

    Es ist erschreckend zu sehen, dass offensichtlich bisher kein Interesse am Thema besteht.
    Man sollte doch meinen, dass fast jeder als Patient im Krankenhaus oder als aufmerksamer Angehöriger in Pflegeheimen schon entsprechende Erfahrungen gemacht und mitbekommen hat, wo “der Hase im Pfeffer liegt”.
    Pflegekräfte müssten viel öfter und länger streiken, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und Missstände anzuprangern.
    Und sich auch hier zu Wort melden.

    Denn es nützen die besten medizinischen Möglichkeiten nichts, wenn sie aus Zeitmangel/Personalmangel/”betriebswirtschaftlichen Gründen” nicht umgesetzt werden können.

  3. #3 Dr. Webbaer
    8. Juli 2015

    Nur, ganz untergeordnet natürlich, wie eigentlich immer, wenn kommentarisch ergänzt wird, zum Wesen des sogenannten Strike / Streik ergänzt:
    Dieser liegt (aus liberaler Sicht natürlich nur) vor, wenn Vertragsnehmer, Arbeit meinend, konzertiert bis wohl organisiert, vertragsbrüchig werdend die vertragsgemäß vereinbarte Tätigkeit einstellen.
    Erpressungspotential sozusagen realisieren.

    Was per se nicht gut geheißen werden muss, in bestimmten Systemen, die den Ideen und Werten der Aufklärung folgend gesellschaftlich implementieren konnten, aber als Zugeständnis an kollektivistische, sozialistische Kräfte geduldet wird.
    Auch damit diese nicht “richtig” böse werden…

    Das sittlich Verwerfliche bei dieser Vertragsbrüchigkeit könnte allgemein klar werden, wenn Vertragsgeber, Arbeitgeber ähnlich handeln würden.

    HTH
    Dr. W

  4. #4 Dr. Webbaer
    8. Juli 2015

    PS:
    ‘Leidensdruck’ muss nicht vorliegen, wenn freiwillig gearbeitet wird, von Pflegern, könnte aber bei Gepflegten entstehen, wenn Pfleger angeben zu leiden.
    Auch beim hier eingespielten Gestammel [1], das ‘unkommentert’, ‘unkommentiert’ ginge auch, Problemlage gut ‘wiederspiegelt’, ‘widerspiegelt’ ginge auch, weiß Ihr Kommentatorenfreund nicht so recht, Nachricht im Web könnte zumindest konzentrierter ausfallen.

    MFG
    Dr. W

    [1]
    Ist jetzt nicht bös gemeint, aber der Dienst Twitter mit seiner Längenbeschränkung von Nachricht, wird hier nicht als so-o gut befunden. Weil Aphorismen dort eher nicht angetroffen werden, wird gerne hier diesbezüglich beim Gestammel oder Gesimse geblieben.

  5. #5 Beobachter
    8. Juli 2015

    Es ist noch schlimmer mit dem Desinteresse am Thema hier als ich vermutet hatte und wie sich bisher zeigt.
    Dr. W. sieht offensichtlich, wenn ich ihn in seiner etwas verquasten Art sich ausdrücken, richtig verstanden habe, Streik als fast illegitimes Erpressungs-Mittel lediglich unzufrieden maulender freiwillig Arbeitender.
    Ich wünschte ihm nur 1 Jahr Tätigkeit als Pflegehelfer im Krankenhaus oder im Altersheim – unter den derzeitigen Arbeitsbedingungen.
    Dann würden – hoffentlich – seine Kommentare anders ausfallen …

  6. #7 Bieck, Gabriele
    Greifswald
    9. Juli 2015

    Hätte sich meine Schwester nicht täglich auf den Weg ins Krankenhaus gemacht, um unsere Mutti zu füttern, wäre sie wohl verhungert.
    In einer Rehaklinik saß unsere Mutti, sowieso schon erkältet, ohne Strümpfe, also barfuß, auf dem Stuhl, es war im Winter.
    Woran nicht gespart wurde, das waren die Pillen, Neuroleptiker, die eine Wirkung hatten, die das Wesen unserer Mutter völlig veränderte und aus einer noch recht lebenslustigen und witzigen Frau eine völlig apathische und ängstlich vor sich hinstarrenden Persönlichkeit machten.
    Dabei will ich es belassen.
    Alt und hilfsbedürftig in Deutschland sein zu müssen, kann grausam sein.
    Ich habe Pflegekräfte der häuslichen Altenpflege kennengelernt, die sich mit voller Hingabe bemüht haben, eine menschliche Altenpflege zu leisten und ich nahm ärztliche Entscheidungen zur Kenntnis, egal, ob Krankenhaus oder ambulant, die ich nicht verstehen kann.
    Daraus gelernt habe ich allerdings, dass ich mich niemals in einer der Helios-Kliniken behandeln lassen würde.

  7. #8 Bieck, Gabriele
    9. Juli 2015

    Hier hab´ ich noch etwas gefunden; nicht dass Kabarettisten nur die Welt besser erklären können, auch hier sieht man ihn: Max Uthoff:

  8. #9 Thomas R.
    11. Juli 2015

    Wow, Dr. Webbar, einfach nur wow.
    Ein derart vollständiges Nichtwahrnehmen des Problems im Pflegewesen, um das es hier geht, gestreckt über zwei Kommentare, das sieht man nicht oft.

    Gut, dass Sie so einen desaströsen Schreibstil pflegen. So werden sich nicht viele die Mühe machen, die Boshaftigkeiten freizulegen, die sich in dieser Stammelei verbergen.

  9. #10 Beobachter
    11. Juli 2015

    Das Nichtwahrnehmen-Wollen eines Problems/Missstandes geht so lange (gut), bis man selbst persönlich und vielleicht auch existenziell davon betroffen ist.
    Nichtwahrnehmen-Wollen zeugt von völliger Gleichgültigkeit – und die ist die schlimmste und verbreitetste “Krankheit” unserer Zeit.

  10. #11 Dr. Webbaer
    11. Juli 2015

    Es bleibt sittlich uncool vertragsbrüchig zu werden und dies konzertiert, auch Arbeitsverhältnisse meinend, dies gilt bei den Männern [1] der Müllabfuhr, im pädagogischen Wesen [2] und in der Pflege [2].

    Alternativ, sogenannte prekäre [3] Arbeitsverhältnisse betreffend, müsste von einer Unmündigkeit Beschäftigter ausgegangen werden, was der Schreiber dieser Zeilen nicht tun möchte.

    MFG
    Dr. W

    [1]
    vgl. :
    -> http://www.zeit.de/2015/20/frauenquote-muellabfuhr-hamburg

    [2]
    Opa Webbaer kennt sich hier auf Grund pers. Bezüge aus.

    [3]
    Auch so ein Jokus zeitgenössischer Soziologensprache, ein Arbeitnehmer ist heutzutage nicht prekär vertraglich verpflichtet.
    Der Schreiber dieser Zeilen, der insbesondere auch den slawischen Raum kennt, neben dem britischen, wird hier unfroh, wenn sich fette Kräfte in der BRD dbzgl, sprachlich bemühen.
    Wo bleibt die Solidarität Nachbarn der BRD meinend und deren Bezüge?

  11. #12 Thomas R.
    11. Juli 2015

    Das Streikrecht genießt verfassungsmäßigen Schutz, ein Streik ist also nicht einfach ein “uncooler Vertragsbruch”.

    Oder breche ich auch meinen Arbeitsvertrag, wenn ich in Mutterschaftsurlaub gehe oder, Gott verhüte, in die Gewerkschaft eintrete?

    Streik als Vertragsbruch zu bezeichnen ist eine der Boshaftigkeiten, die ich zuvor gemeint habe.

  12. #13 Dr. Webbaer
    12. Juli 2015

    @ Thomas R. :

    Streik ist gesellschaftlicher Realität geschuldeter konzertierter Vertragsbruch von sogenannten [1] Vertrags- oder Arbeitnehmern.
    Er wird nicht überall in denjenigen Systemen, die den Ideen und Werten der Aufklärung folgend gesellschaftlich implementieren konnten, gesetzlich behandelt wie in der BRD.
    Zum von Ihnen behaupteten ‘verfassungsmäßigen Schutz’ derartiger Veranstaltung in der BRD dürfen Sie gerne belegend werden.

    Zum Vergleich :
    ‘Das sittlich Verwerfliche bei dieser Vertragsbrüchigkeit könnte allgemein klar werden, wenn Vertragsgeber, Arbeitgeber ähnlich handeln würden.’ (s.o.)

    MFG
    Dr. W

    [1]
    Verträge der gemeinten Art kennen natürlich streng genommen keine Geber und Nehmer, sondern Partner, Ihr Kommentatorenfreund folgt hier abär juristischer Sprache, wie in der BRD zurzeit vorrätig.

  13. #14 Thomas R.
    12. Juli 2015

    Dann werde ich mal belegend tätig:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitskampfrecht_%28Deutschland%29

    Das war jetzt aber wirklich keine geheime Quelle.

  14. #15 Thomas R.
    12. Juli 2015

    Wissen Sie, das ist eine Argumentation, die einem immer wieder begegnet bei Leuten, die mit Errungenschaften der Moderne ein Problem haben (ich meine hier Streikrecht, Kündigungsschutz-Regelungen, soziale Sicherungssysteme).

    Ja ja, das seien natürlich gesetzliche Regelungen, aber die sind nicht vorhanden, weil man sie für eine gute Idee gehalten hat, nein nein, “gesellschaftlicher Realität geschuldeter … Vertragsbruch” hat zu diesem Gesetz geführt. Die Gesellschaft ist einfach noch nicht reif genug, um zu erkennen, dass wir alle Streikenden einfach ins Gas schicken sollten, oder wie? “Gesellschaftliche Realität” heißt hier aber nicht “Millionen Leute, die klüger sind als Dr. Webbaer”, sondern “Regelungen, die wir so getroffen haben, damit das Gesocks von der Straße Ruhe gibt”.

    Zu ihrem [1]: Ja, so ist das im Leben. Wenn eine schwache Seite gegen eine starke Seite geschützt wird, dann wird nicht gleichzeitig die starke Seite gegen die schwache geschützt. Mein Arzt darf nicht über meine Behandlungsgeschichte sprechen. Ich aber sehr wohl! Oh großes Unrecht!

    Ernsthaft, Dr. Webbaer: Ich höre hier jetzt auf, weil ich mich fühle, als würde ich mit dem Poesieheft eines Jugendlichen diskutieren, der bald Philosophie im Abitur belegt.

    Bleiben Sie böse!

  15. #16 Dr. Webbaer
    12. Juli 2015

    @ “Thomas R.” :

    Die Gesellschaft ist einfach noch nicht reif genug, um zu erkennen, dass wir alle Streikenden einfach ins Gas schicken sollten, oder wie?

    Hmja, auf einer derartigen, auf einer derratttigen kann natürlich kaum weiter erörtert werden.
    MFG + schönen Sonntag noch,
    Dr. W

  16. #17 Dr. Webbaer
    12. Juli 2015

    * auf einer derartigen, auf einer derratttigen Basis

  17. #18 Christian Reinboth
    12. Juli 2015

    @Webbär: Vielen Dank für die Tippfehler-Hinweise – zu den restlichen Ausführung fällt mir allerdings auch nicht mehr viel ein. Weder ist ein Streik ein unzulässiger Vertragsbruch, noch sind Arbeitgeber und Arbeitnehmer in der Pflege den Gesetzmäßigkeiten des freien Marktes und somit der freien Preisbildung unterworfen. Vielmehr werden sowohl Personalschlüssel als auch Entgelte für Pflegestufen (und damit letztendlich auch die realisierbaren Gehälter) aufgrund politischer Erwägungen festgelegt. Dass das Ergebnis – auch marktwirtschaftlich betrachtet – nicht optimal sein kann, liegt auf der Hand.

  18. #19 Dr. Webbaer
    13. Juli 2015

    Weder ist ein Streik ein unzulässiger Vertragsbruch (…)

    Unzulässigkeit ist nicht behauptet worden, Streik als Vertragsbruch ist ‘gesellschaftlicher Realität geschuldet’, siehe oben.
    Vielen Dank für Ihre Geduld,
    MFG
    Dr. W (der Twitter-Nachrichten irgendwie nicht mag)