Eine Kapitelillustration von Mandy Fischer für „Treffen sich zwei Moleküle im Labor“, die es leider nicht ins Buch geschafft hat
Eine Kapitelillustration von Mandy Fischer für „Treffen sich zwei Moleküle im Labor“, die es leider nicht ins Buch geschafft hat
  • Lässt sich das Bewusstsein mit einem Messer spalten?
  • Warum sollten sich Anti-Aging Fanatiker mit jemandem zusammennähen?
  • Und kann man Stechmücken mit Glühwürmchen kreuzen, damit man nachts sieht, wo man hinschlagen muss?

 

Mit diesen und anderen weltbewegenden Themen, beschäftigt sich mein erstes populärwissenschaftliches Buch „Treffen sich zwei Moleküle im Labor“. Es ist ab heute erhältlich, stellt die spannendsten Fragen die man als Molekularbiologe an den Kopf geworfen bekommt und beantwortet sie sogar.

 

Sprechen mich Bekannte auf das Buch an, höre ich häufig die Aussage „Ich habe auch diese Idee für ein Buch, aber mir fehlt die Zeit es zu schreiben.“ Als Projektstart wird dann der Pensionsantritt genannt, wobei es fraglich ist, ob bis dahin überhaupt noch irgendjemand Bücher liest. Würden wir alle auf den idealen Zeitpunkt warten um Kinder zu zeugen, wäre die Menschheit bald ausgestorben. Gleichermaßen wird die persönliche Situation niemals perfekt erscheinen um ein Buch zu schreiben, aber sein wir froh, dass es viele Menschen trotzdem tun. Realistisch betrachtet wird der Sprung vom Kopf auf das Papier niemals stattfinden, wenn man nicht einfach anfängt zu schreiben. Die Angst, ein Buchprojekt könnte das letzte bisschen Freizeit auffressen, hatte ich auch. Aber systematisch angegangen ist es auch für vielbeschäftigte Menschen zu bewältigen und kann sogar Spaß machen und lehrreich sein. Ich möchte in diesem Artikel deshalb schildern, wie es mir als chronisch verplantem Buchneuling gelungen ist, das Epos zu vollenden, in der Hoffnung, dass unentschlossene Menschen mit einer Buch-Idee darin nützliche Anhaltspunkte und Motivation finden.

Science Blog Kollege Florian Freistetter hat sich bereits damit beschäftigt, wie man am besten einen Lektor und einen willigen Verlag auftreibt. Ich konzentriere mich deshalb auf den Schreibprozess selbst und erwähne die Dinge, die ich gerne gesagt bekommen hätte, bevor ich begonnen habe zu schreiben.

 

1) Vorab strukturieren

Es hilft ungemein, zuallererst die grobe Struktur des Buches niederzuschreiben, um sich nicht in seinem eigenen Geschwafel zu verlieren. Der erste Schritt Richtung Buch war für mich deshalb das Erstellen eines separaten Word-Files, in dem ich die Themen, über die ich schreiben wollte, in sechs Kapitel und ein paar Unterkapitel eingeteilt habe. Die Struktur blieb jedoch bis zum Ende dynamisch und im Laufe der Monate kamen ständig neue Unterkapitel hinzu, wann immer ich über etwas Spannendes gestolpert bin. Für mich war das Word-File ausreichend, viele Autoren bevorzugen allerdings old-school Karteikarten, um mit ihren Ideen realer interagieren und sie leichter herumschieben zu können.

 

2) Finde heraus, wann du am besten schreibst und sei konsequent

Glaubt man dem Buch Daily Rituals, arbeiten viele der kreativsten Köpfe am besten sehr früh morgens, oder spät in der Nacht. Nachdem ich abends meist zu k.o. war um noch kreativen Saft aus meinem Denkorgan zu quetschen, musste ich auf die frühen Morgenstunden ausweichen. Bei mir hat es sich bewährt meinen Tagesrhythmus umzustellen und konsequent 1,5 Stunden früher aufzustehen. Konkret hat das für mich bedeutet, den Wecker um 6:00 läuten zu lassen, einen Kaffee zu trinken, 30 Minuten Sport zu machen um das Gehirn anzustarten und dann eine Stunde an dem Buch zu arbeiten. Bringt man in einer Stunde viel weiter? Nein. Muss man aber auch nicht. Mein Dogma war es, auf diese Weise jeden Tag mindestens 1.000 Anschläge (Buchstaben + Leerzeichen) zu schreiben. Das ist nicht mehr als ein kurzer Absatz, beispielsweise dieser kurze Ausschnitt aus meinem Buch:

1000letters

Dieser Textabschnitt besteht aus 9 Sätzen und umfasst etwas mehr als 1.000 Anschläge. Schreibt man täglich einen solchen Absatz, hat man nach nur 10 Monaten ein 240 Seiten langes Buch gefüllt. Ich wage es zu behaupten, dass jeder die Zeit finden kann, 9 Sätze pro Tag zu produzieren. Und sollte es sich gelegentlich tatsächlich nicht ausgehen, kann man sich am Wochenende noch immer ein paar Stunden in den Starbucks verkriechen um ein paar Sätze nachzuholen.

 

3) Übersicht behalten

20160917_212759Kommt täglich nur ein kurzer Absatz hinzu, verliert man im Entstehungsprozess leicht das Gefühl des Vorankommens. Für mich war es deshalb motivationstechnisch sehr hilfreich, eine lange Prozentleiste an meine Wand zu heften und mit einem aufklebbaren Pfeil zu markieren, wie viel Prozent des Buches geschrieben sind. Dazu habe ich die finale Anschlagszahl vorab als 300.000 definiert. Hat man nach einem eigentlich produktiven Tag rein vom Anblick des Textes her nicht das Gefühl, viel weitergebracht zu haben, ist es besonders befriedigend, den kleinen Pfeil um 1-2 Prozentpunkte nach rechts verschieben zu können.

 

4) Motiviert bleiben

Das Schreiben zu einem fixen Morgen- oder Abendritual zu machen, hat den großen Vorteil, dass man weder an Momentum verliert, noch darüber nachdenken muss, wann man sich Zeit für sein Buch nehmen sollte. Trotzdem ist es bei einem so langfristigen Projekt oft hilfreich, bewusst ein bisschen Motivation zu tanken. Mir hat es geholfen, während der 30 Minuten Sport vor dem Schreiben anderen Autoren im Internet zuzuhören, die über ihren Schreibprozess sprechen. Praktischerweise finden sich mittlerweile haufenweise Kanäle auf YouTube, auf denen Autoren nichts anderes machen als das. Es heißt, man sei der Mittelwert der fünf Menschen, mit denen man sich am häufigsten umgibt. Ich denke, es hat einen sehr ähnlichen Einfluss auf uns, welchen Podcasts, Hörbüchern oder eben YouTube Kanälen wir unsere Aufmerksamkeit schenken.

Zuletzt möchte noch zwei großartige Bücher erwähnen, die jungen Autoren besonders oft empfohlen werden: On Writing Well: The Classic Guide to Writing Nonfiction von William Zinsser und Bird by Bird: Some Instructions on Writing and Life von Anne Lamott.

Also nimm es in Angriff, wenn eine Buchidee in dir schlummert. Meiner Erfahrung nach ist es mit einem verplanten Alltag durchaus vereinbar und läuft ganz gut dahin, sobald der Anfang erst einmal gemacht ist. Im schlimmsten Fall dauert es eben ein bisschen länger, bis man das fertige Teil in den Händen hält. Ich würde mich freuen, wenn Leute ihre eigenen Erfahrungen in den Kommentaren hinterlassen würden. Vielleicht kann ich sie ja beim nächsten Projekt gebrauchen.

Kommentare (15)

  1. #1 MartinB
    21. September 2016

    Das macht ja Mut (ich habe da auch gerade so eine Idee…)
    Wie hast du denn einen Verlag gefunden?

    • #2 Martin Moder
      21. September 2016

      Eigentlich hat der Verlag mich gefunden. Wurde von Ecowin angeschrieben, nachdem ich das Science Slam Europafinale gewonnen hatte.
      Kann deshalb leider wenig Tipps zum Auftreiben eines Verlags geben. Aber ich verweise diesbezüglich noch einmal zu Florian: http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2016/05/18/wie-veroeffentlicht-man-ein-buch/
      Und seit es Amazon Publishing gibt, sind sogar einige der Barrieren beim Self-Publishing gefallen.
      Viel Erfolg!

  2. #3 Matthias
    Hamburg
    21. September 2016

    Schöner Text!
    Anschaulich und ohne Geschwafel. Der Autor weiß, wie es sich mittendrin im langfristigen Arbeiten anfühlt. Zwar käme ich nicht auf die Idee mit Videos oder podcasts, aber dass Kleinvieh auch Mist macht, wenn er denn nur regelmäßig anfällt, ist hier wirklich schön illustriert. Ich wünsche viel Erfolg!

  3. #4 Florian Freistetter
    21. September 2016

    Kann ich allem eigentlich zustimmen. Bis auf Punkt 2. Der läuft bei mir völlig anders. Vielleicht schreib ich auch mal was dazu…

    • #5 Martin Moder
      21. September 2016

      Ich kenne eine Frau, die hat sich drei Wochen frei genommen um ein Buch zu schreiben. Das war danach fertig fürs Lektorat.
      Aber da funktioniert wohl jeder anders. Ich hab mir so am leichtesten getan.

  4. #6 victorS
    21. September 2016

    Mein alter Doktorvater empfahl ca. 2 Seiten proTag, was aber schon sehr langwierig werden kann. 1000 Zeichen klingt eigentlich recht wenig, kann aber trotzdem ausreichen. Aber jeder hat seinen Stil und für eine Anfänger sicher gut geeignet. Einen festen Zeitpunkt empfehlen auch andere Autoren.

    Was auch sehr praktisch sein kann, sind Programme wie “scrivener”. Mit denen kann man den Text und alles zugehörige Material, Quellen, Links, Webpages, Bilder usw. gut organisieren.

  5. #7 rolak
    21. September 2016

    Punkt 2. Der läuft bei mir völlig anders

    Wegen Starbucks, Florian? Das dürfte bei mir extrem kontraproduktiv sein, in solch grotesker Umgebung arbeiten zu wollen…

  6. #8 RainerM
    21. September 2016

    Schöne Motivationshilfe! Immer nur kleine Happen am Stück zu schreiben, aber dafür täglich, ist sicher eine gute Methode, um sich die nötige Disziplin anzueignen, damit so ein Buch auch fertig wird. Aber wenn ich einen längeren Gedanken entwickele, und dann abbrechen muss, bevor ich ihn zu Ende aufgeschrieben habe, habe ich meist am nächsten Tag Schwierigkeiten, dort nahtlos weiterzumachen.
    Ich denke, letztlich ist Schreiben, wie alles andere auch, Übungssache. Von nix kommt nix!

  7. #9 HansG
    Iserlohn
    22. September 2016

    Jetzt bin ich neugierig: Welches Kapitel sollte das oben gezeigte Bild denn schmücken? Und warum hat’s das Bild nicht ins Buch geschafft? Zu provokativ?

    • #10 Martin Moder
      22. September 2016

      Im ersten Kapitel geht es um die Entstehung des Lebens. Darin bringe ich eine Anekdote zur zahlreichen Nachkommenschaft von Genghis Khan.
      Eigentlich hat es das Bild eh ins Buch geschafft, es wurde nur ein Teild davon merklich abgewandelt.

  8. #11 Kathi Keinstein
    22. September 2016

    Vielen Dank für die motivierende und vor allem ermutigenden Einsichten! Ich trage auch schon seit geraumer Zeit eine Buchidee (oder zwei..) mit mir herum – und sehe mich dem “Keine Zeit”-Problem wie einem grossen Berg gegenüber.

    Dabei habe ich Punkt 1 (und Punkt 2 und 3 in leichter Abwandlung) schon während der Entstehung grösserer Facharbeiten und beim Aufbau meines Blogs schätzen gelernt. Der Fortschrittsbalken an der Wand erscheint mir aber noch schicker – da allgegenwärtiger – als meine Häkchenfeld-in-Strukturübersicht-auf-Onenote-Variante der Visualisierung des Vorankommens :).

    Bevor ich mich aber selbst aufs Buch-Schreiben stürze, gibt es Anfang Oktober aber erstmal eine Rezension auf Keinsteins Kiste zu “Treffen sich zwei Moleküle im Labor”, das ich schon vorab in die Finger bekam.

    Und ich kann jetzt schon sagen: Ich habe einen Heidenspass beim Lesen ;).

    • #12 Martin Moder
      22. September 2016

      Hey Kathi,

      vielen Dank für die netten Worte! Freut mich dass dir das Buch gefällt.
      Hab vor ein paar Tagen deinen “Chemie ist überall” Beitrag gesehen, liest sich echt gut! Wünsche viel Erfolg mit deinem Buchvorhaben!

  9. #13 Anousch Mueller
    Berlin
    22. September 2016

    Ich habe den Vergleich zwischen zwei Genres: Roman und Sachbuch. Und ich muss sagen, dass Letzteres viel leichter von der Hand (in die Tastatur) ging. Bei meinem Sachbuch “Unheilpraktiker” hatte ich das Glück, dass ein Verlag auf mich zugekommen ist. Glück deswegen, weil ich so eine Deadline hatte und das entscheidet bei mir zwischen monatelangem Abarbeiten oder jahrelangem Ringen. Ich musste das Buch in neun Monaten runterrocken, was mir natürlich auch Nerven gekostet hat. Aber der Druck wirkte sich bei mir eher produktiv aus. Was mich immer wieder gerettet hat: das Inhaltsverzeichnis, also die Struktur. Das war der erste Schritt. Wenn ich manchmal an einer Stelle nicht weitergekommen bin, habe ich dort weitergemacht, wo es flüssiger voranging. Der zweite Schritt war das Beschaffen einer Handbibliothek. Denn um ein Sachbuch zu schreiben muss man erstmal und immer wieder lesen und sich mit Quellen auseinandersetzen. Mit den Büchern auf dem Schreibtisch fühlte ich mich irgendwie weniger isoliert. Der dritte Schritt (nach den Vor-Recherchen) war die Suche nach einem vernünftigen Schreibprogramm. Ich habe mich schließlich für Papyrus Autor entschieden und bin so begeistert, dass ich behaupten würde, ohne das Programm wäre ich nicht rechtzeitig fertig geworden. Die zwei wichtigsten Funktionen für mich: die Kapitelübersicht am linken Rand (mit der Möglichkeit mühelos in den Kapiteln herumzuspringen) und die Notizfunktion am rechten Rand. Somit hatte ich stets alles im Überblick – und den zu behalten ist sowieso das Wichtigste.

    • #14 Martin Moder
      22. September 2016

      Hey Anousch,

      habe vor einiger Zeit mal einen Blick in dein Buch geworfen, fand ich als Skeptiker sehr spannend.
      Die Notwendigkeit einer Deadline ist bei mir auch gegeben. Danke für den Tipp mit Papyrus. Ich kam mit Word eigentlich gut zurecht, werde aber mal einen Blick in die Alternativen werfen.

  10. #15 michanya
    14. November 2016

    … derWeg ist das Ziel – dann kommt Buchrücken an Buchrücken – im Antiquariat kann man schon 1 Meter Buch kaufen – und heute GANZ MODERN stellt man sein Buch in die offenen Bookstores – das spricht sich rum … und wenn mit dem Schreiben nicht so klappt nimmt man einen GHOSTWRITER der macht das allein – viele Promis machen das so bei ihren Biographien. Wichtig ist dass der Inhalt gut verpackt ist und spannend bleibt bis zum Schluss – auch in Wissenschaft HEUTE – also keine trockenen Thesen – sondern mit Temperament. Auch beim URKNALL hat es gebumst – gekracht – geknallt – und das CHAOS ging los …

    Einen Lektor braucht man heute nicht mehr im EIGENVERLAG kann man das mit Computer und richtigem Partner – SELBST Inn die Hand nehmen.

    Eine Portion GLÜCK und das GEWUSST WIE gehören natürlich dazu …

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