Dinosaurier haben mich – und Millionen andere, versteht sich – schon immer (naja, zumindest so lange ich mich erinnern kann) fasziniert. Und diese Faszination hält auch in meinem 5. Lebensjahrzehnt noch an. Aber inzwischen sind es nicht mehr die schiere Größe oder auch die furchterregenden Zähne (oder welches anatomische Merkmal man als Kind halt gerade schrecklich-schön fand), sondern die Tatsache, dass diese Gruppe auch noch mehr als 65 Millionen Jahre nach ihrem weitgehenden Abgang von der Weltbühne die Wissenschaft zu absolut modernen Neuentdeckungen motivieren kann. Wie etwa jene über The Tail of Tyrannosaurus: Reassessing the Size and Locomotive Importance of the M. caudofemoralis in Non-Avian Theropods, die in der aktuellen Ausgabe von Anatomical Record publiziert ist und in der aufgezeigt wird, dass der angeblich zum Jagen zu träge Tyrannosaurus Rex dank seiner Skelettstruktur, namentlich des massiven Schwanzes, vermutlich der Usain Bolt seiner geologischen Ära war.

i-781d4e7ec865a75d09c0ec2f0d07f585-TRex-Skelett-thumb-550x322.jpg


So viel habe ich als Nichtbiologe und -Paläontologe verstanden: Die massive Hinterpartie des T. Rex war nicht nur ein strukturelles Gegengewicht, mit dem der massive Kopf ausbalanciert werden musste, sondern hier saßen die (bisher nicht erkannten) besonders ausgeprägte Muskelstränge des Caudofemoralis, eines Muskelpakets, das für die Beinmotorik von großer Bedeutung ist – der Muskel sorgt quasi für den Schwung und Sprung im Schritt. Dass die hintere Skelettstruktur des T. Rex und anderer Theropoden (abgesehen von den modernen Vögeln, die ja ebenfalls in diese Gruppe gehören) Platz für etwa 45 Prozent mehr Muskelmasse als bisher angenommen bietet, war dem Studenten W. Scott Persons an der University of Alberta bei genaueren Analysen der Knochenelemente aufgefallen; Persons ist, gemeinsam mit seinem Professor Philip Currie Autor des Papers im Anatomical Record.

Und dank dieser spezialisierten Sprintermuskeln war der T. Rex eben doch nicht nur – wie zuletzt noch vermutet wurde – dazu verdammt, sich von Aas zu ernähren, das ihm nicht weglaufen konnte.

Ob dies nun das endgültige Wort ist oder ob demnächst ein neues Paper wieder eine neue These über Saurier-Anatomie und -Bewegungsweise aufstellt, darüber kann ich nicht mal spekulieren. Aber ich finde es schon enorm faszinierend (und genugtuend), dass diese Riesen mit jeder neuen Entdeckung zunehmend “normalisiert” werden.

In meiner Jugend (und auch noch lange danach) galten Dinosaurier noch als dumpfe (weil nur mit Minihirnen ausgestattete) Giganten, die im statischen Auftrieb von Sümpfen leben mussten, weil sie ihr eigenes Gewicht sonst nicht hätten tragen können, und die letztlich zum Untergang verdammt waren, weil sie einfach zu groß und unförmig für ihr eigenes Wohl geworden waren. Ein Fehler der Natur eben, der von selbiger schließlich korrigiert werden musste. Ein irgendwie fast kreationistischer Denkansatz, in dem halt Gott durch “Natur” ersetzt wurde, aber der Glaube zum Ausdruck kam, dass hier mit Plan und Zweck (und manchmal Fehlplan und fehlgeleitetem Zweck, versteht sich) vorgegangen wurde. Und der Zweck des Plans war selbstverständlich, den Menschen zur “Krone der Schöpfung” zu küren.

Dann kamen Luis und Walter Alvarez mit ihrer belegbaren These, dass die Dinos durch einen massiven Asteroideneinschlag ausradiert wurden – womit die Vorstellung eines zwangsläufigen, von der “Natur” (wenn man sie als eine quasi göttliche Instanz will) gewollten Untergangs der Riesensaurier vom Tisch gefegt wurde. Ein erschreckender Gedanke – wenn selbst solche erfolgreichen Wesen wie die Dinosaurier, die mehr als 150 Millionen Jahre die Erde dominiert hatten, durch einen Streich ausradiert werden können, dann könnte uns “krönenden” Menschen doch ein Gleiches drohen.

Und jede weitere Entdeckung – dass sie nicht die dumpfen Einzelgänger waren, sondern eine durchaus adäquate Intelligenz besaßen und teilweise in großen Herden lebten, was ein gut entwickeltes Sozialverhalten erforderte, dass sie keine lahmen Kaltblüter waren, dass sie ihren Nachwuchs aufzogen etc. – schabte die Reste der Vorstellung, dass Saurier doch irgendwie ein Irrweg gewesen sein mussten, die ihren Untergang letztlich verdient hatten, weiter ab. Und räumt dabei auch gleichzeitig mit dem von mir täglich zitierten (siehe mein Blog-Logo) Irrtum auf, dass Wissenschaft eine Liste “gesicherter Erkenntnisse” sei, auf der man Punkte abhaken kann. Selbst über seit 65 Millionen Jahren tote Lebewesen können wir noch beinahe täglich Neues lernen.

flattr this!

Kommentare (4)

  1. #1 MartinB
    15. November 2010

    Danke, das kannte ich noch gar nicht.

    Zum Laufen von Trex wüsste ich da ein paper zu nennen (hüstel), darüber wollte ich eh bei Gelegenheit mal bloggen:
    http://www.rvc.ac.uk/Aboutus/Staff/jhutchinson/documents/23_000.pdf

    Damit der größere caudofemoralis-Muskel was nützt und den Trex zum Supersprinter macht, müsste er aber schon einen extrem viel besseren Hebelarm haben als bisher angenommen, da bin ich eher skeptisch. Angesichts der beinlänge (siehe dein Artikel neulich) sind aber 40km/h oder ein bisschen mehr durchaus drin…

    Das mit dem Aas-Fresser wurde übrigens in Fachkreisen schon seit Jahren eher belächelt – erstens, weil ein rein landbasierter Aasfresser dieser Größe problematisch wäre, zweitens, weil die zeitgleich lebenden Hadrosaurier und Ceratopsier auch nicht gerade Sprintmeister waren…

  2. #2 BreitSide
    15. November 2010

    Schön die Entwicklung Deiner Perzeption der Saurier, natürlich immer dem vorherrschenden Bild der Wissenschaften geschuldet. Das hat mich sehr genau an den Werdegang meines Wissens erinnert.

  3. #3 tomW
    16. November 2010

    Ach Schiet, jede Woche ne neue Rolle für den ollen T-Rex. Mal isser ‘n Aasfresser, dann ein Jäger… Bis nicht die absolut endgültige Wahrheit per Jurassic Park 4 (oder 5) veröffentlicht wird, ist er für mich das favorisierte Reittier von Adam, Eva und Fred Feuerstein. Natürlich absolut herbivor!

  4. #4 Gilberte Bertoncini
    22. Oktober 2015