Medizin, so hatte der Präsident der deutschen Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe laut dem Spiegel erklärt, sei “keine Naturwissenschaft“. Zum Zweck meiner folgenden Betrachtung will ich hier mal ganz unbegründet unterstellen, dass Hoppe eigentlich sagen wollte, Medizin sei nicht nur eine Naturwissenschaft, und ihm dann natürlich ganz eifrig beipflichten: Medizin ist auch eine soziale Funktion, die sich unter anderem aus dem Grundrecht “auf Leben und körperliche Unversehrtheit” (in Deutschland durch Artikel 2, Absatz 2, Satz 1 des Grundgesetzes garantiert; andere moderne Staaten haben ähnliche Passagenn in ihren Verfassungen) ableitet: Medizinische Versorgung ist also im Prinzip auch ein Menschenrecht. Will heißen: Mediziner agieren nicht nur auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern auch mit einer gesellschaftlichen und menschlichen Verantwortung. Und selbst in den nicht unbedingt als Hort sozialistischen Denkens bekannten Vereinigten Staaten von Amerika gibt es daher ein staatliches (= gesellschaftliches) System, dass selbst den Mittellosen eine medizinische Grundversorgung sichern soll.*

* Von der oft beklagten medizinischer Un(ter)versorgung sind weder die Armen noch die Reichen Amerikas wirklich betroffen – es ist die arbeitende Mittelschicht, die sich zwar oft die Kosten der Versicherung bzw. der Behandlung nicht leisten kann, aber andererseits nicht arm genug ist, um sich für staatliche Hilfe zu qualifizieren.


Aber was passiert, wenn dieses durch Medizin garantierte Recht auf Leben – im konkreten Fall geht es um lebensrettende Organtransplantationen – aus Kostengründen gestrichen wird? Der US-Bundesstaat Arizona hat, nachdem das Budget seines Medicaid-Programms (das in dort bezeichnender Weise Arizona Health Care Cost Containment System heißt – zu Deutsch etwa “Gesundheitsvorsorgekostenbegrenzungssystem”) zusammengestrichen wurde, rund 100 Personen, deren medizinische Notwendigkeit einer Organübertragung bereits anerkannt war und die daher bereits auf Wartelisten für Spenderorgane platziert waren, von den Wartelisten gestrichen (dazu steht mehr in diesem Artikel der New York Times vom Freitag). Genauer gesagt, sie dürfen ihren Platz nur behalten, wenn sie die Kosten der Operation selbst tragen – was angesichts sechsstelliger Dollarbeträge für die meisten nicht denkbar ist.

Auf das Argument, dass doch sowieso nicht alles, was mediznisch-technisch machbar wäre, auch in der Praxis sinnvoll beziehungsweise vom Aufwand her vertretbar ist, bin ich selbst auch schon gekommen. Einem 99-jährigen Kettenraucher mit unheilbarem Bauchspeicheldrüsenkrebs ein neues Herz einzupflanzen wäre nicht nur unsinnig, sondern auch ungerecht gegenüber allen anderen, die auf ein Spenderherz warten. Und ehe man einem ansonsten gesunden und belastbaren 35-Jährigen ein Magenband verpasst, damit er die lästigen 15 Kilo Übergewicht los wird, sollte man ihn auf Diät (und auf den Joggingparcours) schicken. Aber in Arizona handelt es sich um Personen, deren Notwendigkeit für eine Transplantation bereits erkannt und akzeptiert war. Sie verlieren ihre Hoffnung – von einem Tag auf den anderen, übrigens – nicht aus medizinischen Gründen, sondern weil es dem Staat = der Gesellschaft zu teuer wäre. Im Falle Arizonas liegt die erwartete Einsparung bei etwa viereinhalb Millionen Dollar jährlich; das entspricht etwa dem (natürlich nicht vergleichbaren) Jahresgehalt des Top-Baseballspielers in Phoenix, Adam LaRoche. (Die – zugegeben bescheidene – Budgets des Arizona Acupuncture Board of Examiners , das Lizenzen für Akupunteure erteilt, und des Board of Homeopathic and Integrated Medicine bleiben hingegen mit insgesamt knapp einer Viertelmillion Dollar unverändert.)

Eine Antwort fiele mir spontan auch nicht ein, außer dass es in einer modernen Gesellschaft doch immer möglich sein sollte, das Geld für nötige Operationen zur Verfügung zu stellen. Was sonst könnte mit dem Recht auf Leben und körperliche Unversehrheit gemeint sein?

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Kommentare (357)

  1. #1 Sven Türpe
    3. Januar 2011

    Gegen einen Handel im beiderseitigen Interesse hätte ich ja nichts einzuwenden. Es hängt also ganz von den armen Damen ab, ob sie hungrig ins Bett gehen. Mit so mancher würde ich noch mein letztes Bier teilen — nur eben nicht aus falsch verstandenem Mitleid.

  2. #2 Hel
    3. Januar 2011

    @Sven

    Na immerhin *g* Das ist ja schon mal sehr fair von dir.

    Mit so mancher würde ich noch mein letztes Bier teilen — nur eben nicht aus falsch verstandenem Mitleid.

    Falsch verstandenes Mitleid ist keine gute Motivation, ist klar. Schön, dass du demnach aber ggfs bei hinreichend hoher wechselseitiger Interessenlage (manchmal vielleicht bis hin zu Freundschaft oder gar mehr?) und/oder aus richtig verstandenem Mitleid (Altruismus?) heraus schon mal großzügiger zu sein bereit bist.

    Bzgl Maunzterroristen: Wenn du dir eine Katze zulegst, gehört es üblicherweise zwingend zum Deal, dass du Futter für sie bereitstellst und ihr Klo reinigst. Dafür schnurrt sie beruhigend, schmust und stupst dich an, zieht manchmal eine unterhaltsame Show ab und schläft ansonsten ziemlich viel.

    Und hätte deine theoretische Katze Freigang und dich außerdem wirklich lieb, würdest du wahrscheinlich irgendwann mal die idR größtenteils komplette Leiche einer Maus oder eines Vogels an einer exponierten Stelle deiner Wohnung vorfinden – eine dir dargebrachte rituelle Respektsbekundung. Freilaufende Hauskatzen fressen derartige Beute nämlich gar nicht mehr, sie (er)jagen sie nur und spielen dann auch gerne noch damit.

  3. #3 togibu
    3. Januar 2011

    @Sven
    Also ich kann bei Bahn und Post durchaus eine Verschlechterung des Service feststellen (was ja auch bei dem von Dir genannten Beispiel zum Flugverkehr der Fall war). Offensichtlich kannst Du also keine Beispiele nennen. Schon ein bischen schwach, finde ich.

  4. #4 noch'n Flo
    3. Januar 2011

    @ Hel:

    Freilaufende Hauskatzen fressen derartige Beute nämlich gar nicht mehr, sie (er)jagen sie nur und spielen dann auch gerne noch damit.

    Also, wenn unser Kater mal ‘ne Maus mit nach Hause bringt, frisst er sie im Regelfall auch auf (oder zumindest den grössten Teil).
    Totspielen kommt nur extrem selten vor, wenn der erste Tötungsbiss nicht korrekt gesessen hat.

  5. #5 Hel
    3. Januar 2011

    @Flo

    Totspielen kommt nur extrem selten vor

    Das stimmt – aber das Spielen mit der toten Maus musste ich im Haus meiner Mutter schon öfters unterbinden. Manchmal spielten die Kater sogar Fuß- und Kopfball mit dem Kadaver.

    Legendär wurde folgender Vorfall: Ein Onkel war ein paar Tage zu Besuch bei Muddern und erfreute sich stürmischer Zuneigung eines der beiden Katers. Dieser schlief auch sogleich nachts bei ihm auf dem Gästebett, bis er dann früh morgens
    wie gewohnt nach draußen spazierte. Einige Zeit später während der Vorbereitung des Familienfrühstücks kam mein Onkel mit bleichem Gesicht herunter und fragte, ob der Kater immer so morbide drauf sei. Grund: Der Kater hatte eine tote Ratte mitten auf den zurechtgelegten Kleidungsstücken meines Onkels dekorativ platziert…

  6. #6 Hel
    3. Januar 2011

    Nachtrag @Flo, michael, togibu und ;-p Sven

    Nach diesem OT-Einschub über Sinn, Wesen und Nutzen der Katze erlaube ich mir zu konstatieren: Im Gesundheitssystem hat sich Klinikprivatisierung bislang für alle relevanten Akteure außer dem privaten Träger selbst als weder als effizienzsteigernd noch kostensparend ausgewirkt. Viele hier aufgezählten und substanziellen Argumente sprechen dafür, dass dies auch bleiben wird.

    Sven hat verloren.

  7. #7 noch'n Flo
    4. Januar 2011

    Sven hat verloren.

    Darauf würde ich sogar einen Toast ausbringen, nur leider wird er selber das natürlich mal wieder überhaupt nicht so sehen.