In den USA werden die Standardmittel zur Krebs-Chemotherapie knapp. Das ist vielleicht nicht ganz neu; erste Warnungen gab es schon seit einiger Zeit. Aber an der breiten amerikanischen Öffentlichkeit (zu der ich mich auch zähle) ist es vermutlich vorbei gegangen – und wenn ich nicht diesen Beitrag in der New York Times gelesen hätte, wüsst’ ich’s wohl bis heute nicht. Und es geht dabei, wie schon gesagt, nicht um irgendwelche exotischen Spezialpräparate, sondern um Mittel wie Cisplatin, Doxorubicin, Cytarabin und Leucovorin, die bei Kindern und Erwachsenen unter anderem gegen diverse Formen der Leukämie eingesetzt werden. Von insgesamt 34 Präparaten gibt es bei 14 deutliche Nachschubprobleme.

Die primäre Ursache für die Knappheit ist, dass von den Mitteln nicht genug produziert werden. Aha, könnte man nun rufen die böse Pharmaindustrie ist schuld, die diese Mittel künstlich verknappt, um die Preise in die Höhe zu treiben – aber so einfach ist die Sache nicht. Je nach politischem Standpunkt könnte man in der Tat die Hersteller für die Knappheit verantwortlich machen, oder aber auch das amerikanische Gesundheitssystem, oder die Politiker (allen voran George W. Bush), oder die Idee, dass es überhaupt einen Markt für überlebenswichtige Mittel geben darf. Alles wäre irgendwie ein bisschen richtig, doch unterm Strich hilft diese Schuldzuweisung niemandem.

Fangen wir doch mal mit der Politik an (auf Politiker zu schimpfen geht immer am leichtesten): Um die galoppierenden Gesundheitskosten in den Griff zu bekommen, hatte George W. Bush im Jahr 2003 eine Gesundheitskostenreform (die – wie alle US-Gesetze – vom Kongress entwickelt wurde) unterzeichnet, den Medicare Prescription Drug and Modernization Act of 2003. Ein Aspekt dieses Gesetzes war, dass das staatliche Gesundheitssystem Medicare die Preise für Medikamente nicht mehr, wie in der Vergangenheit, den Herstellern überließ – genauer gesagt: Preiserhöhungen wurden auf maximal sechs Prozent pro Halbjahr limitiert. Sechs Prozent alle sechs Monate – das klingt doch ganz saftig oder? (Verglichen damit wirken sogar die aktuellen Tarifforderungen der Fluglotsen fast bescheiden …) Aber wenn man bedenkt, dass nach dem Auslaufen des Patentschutzes – der in den USA 20 Jahre lang gilt – die Medikamenten-Preise durch so genannte Generika im Schnitt auf etwa ein Zehntel des ursprünglichen Markenpreises fallen und bei den lange eingeführten Krebsmittel auf bis zu drei Dollar pro Dosis fallen könne, dann ist kurzfristig durch Preiserhöhungen nicht viel Geld für den Hersteller zu holen.

Klar, könnte man sagen, die Politik ist schuld, denn sie hat durch – willkürliche – Gesetze ja den (alles optimal regelnden?) Markt außer Kraft gesetzt. Aber halt: Der Markt war sowieso nie intakt – denn Patente sind genau dazu da, temporäre Monopole zu schaffen. Nicht der Anbieter beherrscht den Markt, der am kostengünstigsten produzieren kann, sondern jener, der sich rechtzeitig das Patent und damit zwei Jahrzehnte der Exklusivität sichern konnte.

Also geben wir halt den Herstellern die Schuld, die sich durch Patente ihr Monopol sichern und dementsprechend dann bei den Medikamentenpreisen hinlangen können (moderne Medikamente, die zwar den Krebs nicht heilen, sondern bestenfalls für kurze Zeit das Krebsleiden lindern, können bis zu 90.000 Dollar pro Patient kosten) – wenn die nicht so gierig wären, dann hätte die Politik nicht eingreifen müssen. Aber so einfach ist das auch nicht: Die Entwicklung eines Medikaments dauert Jahre und Jahrzehnte, verschlingt Millionen und Milliarden – ohne Garantie auf Erfolg der Forschung. Und ohne die Chance, diese Kosten wieder einzufahren, würde kein Hersteller solche Risiken eingehen und Medikamente entwickeln, die letztlich immer nur (zum Glück für die Allgemeinheit) einem kleinen Teil der Bevölkerung helfen werden.

Oder sollen wir doch lieber den Patienten die Schuld geben, die erwarten, dass es für alles ein Heilmittel geben muss, das dann auch noch ohne großen Aufwand erschwinglich sein muss? Aber hier geht es um Medikamente, die längst etabliert sind, die eine hohe Erfolgsquote haben und die tatsächlich Leben retten können. Darüber, ob es eine Anspruch auf lebensrettende medizinische Behandlung geben sollte, haben wir hier schon lang und ausführlich diskutiert – aber ich gehe mal auch weiterhin davon aus, dass eine lebensrettende Behandlung kein Luxus ist, der nur Reichen vorbehalten sein sollte. Vor allem, wenn jahrelang praktiziert wurde, dass diese Behandlung nicht nur erfolgreich, sondern auch kostengünstig durchgeführt werden kann (die von der Knappheit betroffenen Medikamente “verschlingen” gerade mal ein halbes Prozent der US-Krebsbehandlungskosten innsgesamt, etwa 400 Millionen Dollar im vergangenen Jahr).

Also ist niemand schuld? Doch – alle miteinander tragen eine Teilschuld. Politiker haben vielleicht im Jahr 2003 geglaubt, das Richtige zu tun, aber aktuell richtet die Preisbindung mehr Schaden als Nutzen an. Doch die Chance, dass sich der Kongress, dem in den USA die Gesetzesinitiative obliegt, derzeit auch nur auf irgend etwas einigen kann, ist gering – und schon gar nicht, wenn nur eine Minderheit, dazu eine im unteren Einkommenssegment (Medicaid ist nicht für die Gutverdienenden) davon einen Nutzen haben wird. Die Patienten sind irgendwo mit Schuld, weil sie sich von Politikerparolen und Phrasendreschern – die Diskussion um Barack Obamas Gesundheitsreform hatte wenig mit Inhalten und dafür um so mehr mit Emotionen zu tun – einseifen lassen; auch die Pharmaindustrie kann sich nicht einfach aus der Affäre ziehen, dass sie das Problem ja nicht geschaffen hätte und schließlich an ihre Aktionäre denken müsse und daher nichts am Markt vorbei produzieren könne: Wenn es ihren Interessen dient, kann sie Milliarden von Dollar für Lobbyarbeit mobilisieren.

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Kommentare (9)

  1. #1 JK
    8. August 2011

    Danke, interessanter Beitrag, zumal andernorts die Situation in den USA in ausschließlich rosigen Farben gemalt wird:
    http://www.aerzteblatt.de/blogs/46761/Rationierung.htm

  2. #2 Christian Berger
    8. August 2011

    Könnte man denn nicht die Entwicklung von Medikamenten öffentlich finanziert machen? In anderen Bereichen wird ja auch primär öffentlich geforscht. Der LHC hätte nie privatwirtschaftlich finanziert werden können, und Computerprogramme werden heute auch primär von Universitäten und freiwilligen entwickelt. Das wäre dann auch sicherlich deutlich effizienter, da viele Produktivitätsverluste weg fallen. (Das Gewinnstreben ist in den meisten Unternehmen nur ein sehr untergeordneter Punkt)

  3. #3 Alexander
    8. August 2011

    Ich würde gern sagen dass dies ein sehr schöner Beitrag war, aber hinsichtlich der Sache das es um ein Problem für Menschen (Krebs) geht, sage ich lieber der Beitrag war sehr informativ. Ich finde aber es sollte nicht nach Schuld sondern nach einer Lösung gesucht werden, bei der alle beteiligt sind.

  4. #4 Susan
    8. August 2011

    > Die Patienten sind irgendwo mit Schuld

    Solche Formulierungen verwundern mich immer wieder. Wer sind denn “die Patienten”? Im Gegensatz zu “den Politikern” oder “der Pharmaindustrie” ist diese Grupierung doch etwas anders zusammengesetzt, da keiner von uns weiss, was ihm morgen diagnostiziert wird.

  5. #5 maxfoxim
    8. August 2011

    Und die Mediakamente oder Alternativen zu importieren ist vermutlich verboten oder zu teuer, oder?

  6. #6 MoritzT
    8. August 2011

    @ Christian B: Das wird schon gemacht. Die Zielstrukturen der Krebsmedikamente werden vor allem an den Unis erforscht. Erst der Feinschliff (also das Screening durch große Datenbanken, die chemische Modifikation) läuft in der Regel in der Privatwirtschaft. Und schon bei den Phase-I-Studien (in Wahrheit schon in der präklinischen Phase, also den Tierversuchen) sind die Unis meistens wieder mit im Boot. Außer, das Medikament taugt wahrscheinlich eher wenig oder die Zulassung muss super-billig runtergehen, dann wird die Zulassungsarbeit an Unternehmen wie Harrison Clinical Research ausgelagert.

    Aber es bleibt halt noch immer ein Haufen Kohle, und auch die Forschung an Unikliniken kostet Geld – die Forschung finanziert nämlich weder Krebshilfe noch DFG noch Land noch Bund, sondern in erster Linie der Hersteller über Drittmittel. Billiger ist es trotzdem, weil die Infrastruktur an den Unis ja schon steht.

    Nur sollte man wirklich vorsichtig sein, auf die hohen Gewinne der Pharmariesen zu schimpfen: fast jeder, der von uns Anteile an einem Aktienfonds hält, freut sich über hohe Dividenden, und die Pharmaindustrie trägt dazu ziemlich massiv bei.

  7. #7 michael
    8. August 2011

    > fast jeder, der von uns Anteile an einem Aktienfonds hält, freut sich über hohe Dividenden, und die Pharmaindustrie trägt dazu ziemlich massiv bei.

    Darunter werden schon noch einige zu finden sein, die auch mit etwas weniger zufrieden sind.

  8. #8 Stefan W.
    9. August 2011

    Die Erklärung zur Preisbildung habe ich nicht verstanden:

    Anfangs kostet die Entwicklung Unsummen, aber 20 Jahre kann der Preis hoch gehalten werden.

    Dann fällt das Monopol, und dank der Generika (wieso ‘so genannte’ – sind es nicht wirklich Generika?) sinkt der Preis auf 10% des vorigen Preises?

    Und von diesen 10% aus steigt er per Halbjahr um 6%?

    … die Medikamenten-Preise durch so genannte Generika im Schnitt auf etwa ein Zehntel des ursprünglichen Markenpreises fallen und bei den lange eingeführten Krebsmittel auf bis zu drei Dollar pro Dosis fallen könne, dann ist kurzfristig durch Preiserhöhungen nicht viel Geld für den Hersteller zu holen

    Wenn die Preise auf bis zu 3 US$ fallen, dann weil die Grenzkosten der Produktion bei 3 US$ liegen – sonst würde ja kaum ein Konkurrent zu diesem Preis liefern können. Also ist da auch was zu holen, weil in den Grenzkosten der Produktion die Eigentumsnebenkosten mit drin sein müssen.

  9. #9 roel
    9. August 2011

    Hier ein Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit zur Sicherstellung einer effizienten Arzneimittelversorgung in der Onkologie

    http://www.bmg.bund.de/fileadmin/redaktion/pdf_allgemein/Gutachten_Sicherstellung_einer_effizienten_Arzneimittelversorgung_in_der_Onkologie.pdf