Ich muss mich mal wieder für die kryptische Überschrift entschuldigen. Eigentlich wollte ich in diesem Beitrag auf die Geschichte eingehen, dass der japanische TV-Moderator Norikazu Otsuka, der nach dem japanischen Reaktorunglück demonstrativ vor laufender Kamera Lebensmittel aus der strahlenbelasteten Region (?) verzehrt hatte und nun an Leukämie erkrankt ist. Ich wollte dieser Story, über die ich hier bei FOCUS Online gestolpert war, doch ein bisschen näher auf den Grund gehen, da ich schon gerne gewusst hätte, ob und in welchen Mengen Otsuka tatsächlich radioaktiv verseuchte Speisen zu sich genommen hatte (nicht, dass sich das online einfach recherchieren ließ – aber manchmal wird ein Stunt ja schon als solcher entlarvt, ohne dass ene breite Öffentlichket davon erfährt). Und da bin ich erst mal bei einer Google-Suche* ganz verdutzt darauf gestoßen, dass dieses Thema praktisch nur von deutschsprachigenen Medien aufgegriffen wurde. Dazu muss ich betonen, dass meine Google-Suche so eingestellt ist, dass sie primär in englischsprachigen Quellen sucht (aber ich weiß nicht, ob diese Präferenz auch bei der verlinkten Suche erhalten bleibt). Und das macht mich erst mal zu stutzig, um der Sache weiter nachzugehen: Ist das wirklich ein Thema, das nur uns Deutsche interessiert? Oder ist da irgend etwas medial schief gelaufen?

* Da dieser Link nur die Suche, aber nicht die Resultate derselben “einfriert”, kann sich inzwischen natürlich akut eine anderes (und internationalere) Google-Liste ergeben. Doch offenbar war die Nachricht an sich auch am späten Sonntagabend amerikanischer Ostküstenzeit (= kurz vor 5 Uhr früh in Europa) schon mehr als 24 Stunden “auf dem Markt” gewesen …

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Kommentare (20)

  1. #1 Dr. Webbaer
    21. November 2011

    Kann Dr. W bestätigen, in manchen anderen Ländern ist die Krankheit Otsukas kein Thema, das mediale Beachtung findet.

    Über die Ursachen für diese “selektive Wahrnehmung” speziell der Deutschen kann spekuliert werden, bspw. so: Die Angstgeilheit der Deutschen wird so bedient, dazu kommen noch politische Kräfte die eine diesbezügliche Berichterstattung unterstützen.

    Die demonstrative Kostprobe Otsukas wird nach allgemeiner Einschätzung nicht ursächlich sein für Krankheit.

    Zudem: Die deutsche Fukushima-Berichterstattung war auch oft unter aller Sau. Von Empathie für die Opfer war oft wenig zu spüren und es blieb oft bei reiner Antiatomberichterstattung, die auf Dramatisierung war.

    MFG
    Dr. Webbaer

  2. #2 roel
    21. November 2011

    @Jürgen Mit den Suchbegriffen +Norikazu +Otsuka +leukemia habe ich jetzt 14600 Ergebnisse, mit +Norikazu +Otsuka +leukämie 811.

  3. #3 Roland
    21. November 2011

    Ich habe vor langer Zeit mal parallel französische und deutsche TV-Nachrichten verfolgen dürfen. Da war kaum eine Meldung, die in beiden Ländern auch nur annähernd vergleichbare Beachtung fand. Warum soll das zwischen deutschen und angelsächsichen anders sein? Ein paar mehr Sprachen sollten schon beachtet werden, wenn man daraus etwas folgern will.

  4. #4 Dr. Webbaer
    21. November 2011

    @Roland
    Dass regional andere Interessen vorliegen und die regionale Berichterstattung sich dem anpasst, ist klar; im Artikel ging es aber um die Frage, warum ein fernes Ereignis in einem Land “besonders selektiv” wahrgenommen wird und in einem anderen Land, im Nachbarland bspw., nicht.

    Ihre Beobachtungen kann Dr. W gerne bestätigen, bei länderwechselndem Medienkonsum scheint man oft fast die Welt zu wechseln. – Was in bspw. D Angst macht und unglaublich medialisiert wird, lockt im Nachbarland keinen Hund vor die Tür.

  5. #5 roel
    21. November 2011

    @Roland und @webbär Die Frage ist doch, wird es wirklich selektiv wahrgenommen. Die Trefferzahlen bei Google weisen jedenfalls nicht daruaf hin, dass es im Deutschensprachraum stärker wahrgenommen wird.

  6. #6 Dr. Webbaer
    21. November 2011

    Die Trefferzahlen bei Google weisen jedenfalls nicht daruaf hin, dass es im Deutschensprachraum stärker wahrgenommen wird.

    Ham’Ses mal nach Sprachen und Ländern aufgeschlüsselt?

    Dass es diese “selektive Wahrnehmung” gibt, ist ansonsten eigentlich unstreitig. Zu diesem Thema speziell fehlen Zahlen, korrekt!

  7. #7 roel
    21. November 2011

    @webbaär Jürgen schreibt: “Und da bin ich erst mal bei einer Google-Suche* ganz verdutzt darauf gestoßen, dass dieses Thema praktisch nur von deutschsprachigenen Medien aufgegriffen wurde.” Ich hatte kurz auf google +Norikazu +Otsuka +Leukämie bzw. +Norikazu +Otsuka +Leukemia gesucht. 811 Treffer mit Leukemie und über 14.600 Treffer mit Leukemia, sprechen eine deutliche Sprache. Aufgeschlüsselt nach Ländern habe ich nicht.

  8. #8 sucher
    21. November 2011

    Tja, dann einfach mal statt des personifizierten google eine Metasuchmaschine verwenden:
    http://www.metager.de
    http://www.metacrawler.com
    Bei metager läßt sich sehr viel an Suchparametern einstellen !
    Und ob die Leukämie wirklich von radioaktiven Stoffen stammt weiß man nicht, paßt aber zur Quote …
    Aber ganz ehrlich wenn’s wirklich so sein sollte gönne ich ihm den Darwin-Award …

  9. #9 roel
    21. November 2011

    Ist zwar OT aber, mir fällt gerade ein, dass der britische Landwirtschaftsminister John Gummer 1990 “seiner vierjährigen Tochter Cordelia öffentlich einen Beefburger geben will, um die Unbedenklichkeit britischen Rindfleisches zu belegen. (Cordelia lehnte allerdings ab)” aus http://www.sueddeutsche.de/wissen/risiko-rinderwahn-chronik-einer-seuche-1.627325
    Irgendwie hatte ich diese Begebenheit 1983/84 eingeordnet, da muß sich etwas ähnliches abgespielt haben, falls sich jemand erinnert, würde ich mich über einen kurzen Link freuen.

  10. #10 Jürgen Schönstein
    21. November 2011

    @roel
    Du solltest nicht nur auf die Trefferzahlen insgesamt achten. Wenn ich nach +”Norikazu Otsuka” +Leukemia suche, dannn erhalte ich nur 77 originäre Resultate, von denen einige in Japanisch sind, einige in Polnisch (?) – und die englischsprachigen, die auftauchen, zumeist von einem Übersetzungsbot (und praktisch unentzifferbar) “geschrieben” wurden. Zudem sind mindestens zwei dieser englischprachigen Einträge älteren Datums und enthalten nur zufällig gleichzeitig die Suchbegriffe. Suche ich hingegen nach +”Norikazu Otsuka” +Leukämie, so finde ich 728 Resultate, und praktisch alle (ich habe jetzt nicht wirklich jeden einzelnen Link verfolgen können, sondern nur die Google-Resultate angesehen) zur akuten Nachricht.

  11. #11 roel
    21. November 2011

    @Jürgen …aber gib mal bitte +”Otsuka, Norikazu ” +Leukemia dann sieht die Welt wieder ganz anders aus. 4.790 Ergebnisse – wovon ich jetzt auch die wenigsen überprüft habe. Was mich, zugegebener Maßen irritiert, ist das mit der News-Suche kaum etwas gefunden wird. Hattest du nicht mal einen Beitrag zur Zeitungssuche oder so?

  12. #12 roel
    21. November 2011

    @Jürgen gefunden http://www.scienceblogs.de/geograffitico/2011/06/welt-der-zeitungen-zeitungen-der-welt.php hilft aber auch nicht, da keine Suchfunktion nach Artikeln.

  13. #13 Jürgen Schönstein
    21. November 2011

    @roel
    Nimm’s mir bitte ncht übel, aber ich muss noch einmal meine Aufforderung wiederholen: “Du solltest nicht nur auf die Trefferzahlen insgesamt achten.” Womit ich meinte: Schau Dir doch die Ergebnisse mal an. Selbst mit der von Dir konfigurierten Suche tauchen aktuell keine amerikanischen oder britischen News-Seiten (womit ich die Webseiten großer Medien meine, keine obskuren Blogs) auf. Was angesichts der Tatsache, dass der englischsprachige Medienmarkt mit weitem Abstand die globalen Medien dominiert, sehr erstaunlich ist. Und nur darum ging es mir: Entweder ist diese – selbst wenn ursächlich nicht festlegbare, aber in ihrer Koinzidenz doch für Publikumsmedien beinahe unwiderstehliche Meldung nur in Deutschland und ansonsten für ein Nischenpublikum andernorts in der westlichen Welt interessant – oder vielleicht stimmt irgend etwas an der Meldung selbst nicht, was beispielsweise die Medien in den USA oder Großbritannien zum Verzicht darauf motivierte? Ich weiß es nicht, aber lass es mich mal so sagen: In meinen zwei Jahrzehnten als Auslandsberichterstatter ist mir solch eine Asymmetrie bisher noch nicht aufgefallen.

    @Roland
    Dass die Nachrichten, die ein deutsches Publikum interessieren könnten, sicher nicht identisch sind mit den Nachrichten für ein französisches, italienisches, chinesisches oder ägyptsches Publikum, das ist sowieso klar. Aber dass es bestimmte “kuriose” Auslandsmeldungen gibt, die – eben in der Ecke für kuriose Auslandsmeldungen, die es in praktisch allen News-Kulturen gibt – global laufen, ist mir aus meiner langjährigen Berufspraxis bekannt. Die hier angesprochene Meldung fällt in diese Kategorie – und darum bin ich einfach nur verwundert, dass sie nicht die (aus meiner Erfahrung) zu erwartende globale Resonanz hatte. Was – siehe meine Eingangsbemerkung an roel – erst mal nur verwunderlich ist. Mehr wollte ich mit meiner kurzen, kursiv geschriebenen Betrachtung nicht mitteilen.

  14. #14 cydonia
    21. November 2011

    Noch nie war mir so nach Verschwörungstheorie zumute: Wo sind denn die Vter, wenn man sie mal braucht? Ist doch klar, dass die internationale Atomlobby dahintersteckt: in Deutschland lohnt sich die Bestechung der Journalisten nicht mehr…….
    Ich habs mir noch mal angeguckt: die Diskrepanz ist deutlich. Ich vermute, dass Atomenergie und die Folgen einfach im deutschsprachigen Raum eines der wichtigsten Aufregerthemen ist, und es in anderen Ländern nicht dieselbe Wirkung hat, wenn man diese Geschichte aufgreift. Eine Gentechnikgeschichte ähnlichen Strickmusters würde auch eher hier wahrgenommen. So wie Autismus und Impfen nur bei notorischen Impfgegnern immer noch im Zusammenhang gesehen wird.
    Deutschland und Atomangst sind einfach ein unzertrennliches Paar.

  15. #15 Dr. Webbaer
    21. November 2011

    Ich vermute, dass Atomenergie und die Folgen einfach im deutschsprachigen Raum eines der wichtigsten Aufregerthemen ist, und es in anderen Ländern nicht dieselbe Wirkung hat, wenn man diese Geschichte aufgreift.

    Korrekt, das liegt nahe. In F oder CZ bspw. sieht man’s anders, D ist halt angstbeladen. Wissen Sie warum?

  16. #16 michael
    22. November 2011

    Was die Leute halt so interessiert, ist schon merkwürdig:

    Indian eunuchs mourn 15 killed in fire at ceremony

    findet man natürlich überall.

    Für diejeinigen, wo meinen, daß Fukushima in F kein Thema ist:

    http://www.lefigaro.fr/international/2011/11/21/01003-20111121ARTFIG00479-les-evacues-de-fukushima-toujours-pas-dedommages.php

    Wenn man die Suchanfragen mit Google Translate ins Französiche übersetzt, findet man schon einiges.

    CZ hab ich nicht ausprobiert, muss ja auch nicht sein.

  17. #17 a+
    22. November 2011

    Suchtipp: SSL einschalten. Google US wählen. Wenn möglich (< FF 8), googleSharing-plugin verwenden. Nach +Norikazu +Otsuka +cancer suchen. Gibt ein bisserl mehr - und sind ein paar Japanische dabei. Search bubble, anyone?

  18. #18 Jürgen Schönstein
    23. November 2011

    @a+
    Meine Suchmaschine ist, wegen meiner US-IP, auf Englisch(US) als default eingestellt. Ich habe zudem meine Suchpräferenz auf Englisch und Deutsch eingestellt. Allerdings werden bei Suchbegriffen, die in beiden Sprachen identisch sind (z.B. “Computer”) die englischen Seiten aufgrund ihres höheren PageRank weiter oben in der Liste einsortiert.

  19. #19 wobo
    24. November 2011

    weils dazu passt…
    meine buchempfehlung dazu: http://goo.gl/f5zZY
    passt sehr gut zu dem thema, was hier gerade diskutiert wird (und lese ich selber zufällig grad)

  20. #20 Ludger
    26. November 2011

    Auffällig ist hier mal wieder der unterschiedliche Sprachgebrauch von Wissenschaftlern und Medien.
    Zum Zusammenhang von Leukämie und Strahlenbelastung gibt es relativ gesicherte Erkenntnisse durch die Auswertung der Daten nach den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Strahlenrisiko
    Leukämie
    Trägt man die zusätzliche Rate an Leukämietoten pro Jahr über die Zeit auf (Jahre nach Exposition), steigt die Rate etwa ab 5 Jahre nach Bestrahlung an, erreicht ein Maximum von ca. 4 zusätzlichen Leukämietoten pro Jahr und 10.000 Personen 10 bis 15 Jahre nach Exposition, und klingt dann wieder ab. Das heißt, die mittlere Latenzzeit für das Auftreten strahleninduzierter (durch Strahlen hervorgerufener) Leukämiefälle bei den Atombombenopfern liegt bei etwa 15 Jahren.

    Die im “Focus” inhaltlich zitierten Wissenschaftler von DKFZ wissen, dass man solche Aussagen nur statistisch und nie über Einzelfälle machen kann und drücken sich entsprechend vorsichtig aus:

    http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/krebs/news/krebskranker-moderator-fordert-fukushima-sein-erstes-prominentes-opfer_aid_685667.html
    Doch ob die Menge an Radioaktivität ausgereicht haben könnte, um eine akute Leukämie auszulösen, ist nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) unklar und wird sich nicht belegen lassen. Aus der Literatur ist Alwin Krämer, Leiter der Klinischen Kooperationseinheit Molekulare Hämatologie und Onkologie am Deutschen Krebsforschungszentrum und Universitätsklinikum Heidelberg, kein solcher Fall bekannt. Allerdings bestätigte das DKFZ gegenüber FOCUS Online, dass massive Strahlenbelastungen durchaus bewirken können, dass innerhalb von acht Monaten eine Leukämie ausbricht – derlei Fälle kennen Krebsärzte unter Patienten, die in Folge einer Chemo- und Strahlentherapie Blutkrebs entwickelten.

    nach einem Absatz geht es weiter:

    Im Falle von Otsuka sind solche Aussagen jedoch reine Spekulation – zumal unklar ist, welche Mengen dieser Lebensmittel der Journalist, der nicht in der Krisenregion lebt, über welchen Zeitraum hinweg tatsächlich verzehrt hat – und ob und wie stark diese Produkte tatsächlich radioaktiv verseucht waren.

    Die Aussage ” […] reine Spekulation – zumal unklar ist, welche Mengen dieser Lebensmittel […]” impliziert, dass bei einer größeren Menge verzehrter Lebensmittel aus der Region schon eine gewisse Wahrscheinlichkeit eines kausalen Zusammenhangs bestehen könnte. Schließlich haben Wissenschaftler ausgesagt, “[…] dass massive Strahlenbelastungen durchaus bewirken können, dass innerhalb von acht Monaten eine Leukämie ausbricht – derlei Fälle kennen Krebsärzte unter Patienten, die in Folge einer Chemo- und Strahlentherapie Blutkrebs entwickelten.” Aha, weil es so etwas nach einer

    http://de.wikipedia.org/wiki/Radiochemotherapie
    Die Radiochemotherapie (RCT) ist eine Kombination aus Strahlentherapie (z. B. mit Gamma-Strahlung) und Chemotherapie (Gabe von Zytostatika) zur Behandlung von bösartigen Tumoren, die oft wirksamer ist, als eine alleinige Strahlen- beziehungsweise Chemotherapie.

    gibt, muss man nach Genuss von Fukushima-Salat in diesem Einzelfall auch damit rechnen, dass hier eine Leukämie ausgelöst wurde. Übrigens können Zytostatika auch ohne Strahlenbelastung eine Leukämie auslösen.
    Wenn das Thema für die Emotionen der Leser wichtig ist, kann man ja trotzdem unsinnige Behauptungen als Frage anbieten. Übrigens: hohe Strahlenbelastungen machen Trübungen der Augenlinse. Wer schlecht gucken kann, verunglückt mit dem Auto. Wenn es in Japan einen Autounfall gibt, hatte möglicherweise der Fahrer einige Stnden zuvor strahlenverseuchten Salat gegessen? Wohl weniger, weil Autounfälle in Japan unsere Emotionen kalt lassen.