Dies sollte eigentlich ein viel längerer, polemischer Text werden, in dem ich eine Gegenposition zum Beitrag meines SB-Kollegen Christian Reinboth über grüne Gentechnik in Sachsen-Anhalt beziehen wollte. Die Gegenposition bleibt, nur die lange Polemik habe ich wieder gestrichen, nachdem ich mich eben aus aktuellem Grund noch viel mehr über American Airlines und deren tief verankerte Abneigung gegen die Leute, die sich in ihre Flugzeuge setzen wollen, geärgert habe. Ich hab’ einfach nicht die Luft für zwei Tiraden.

Was an der Gentechnik schlecht ist, lässt sich in zwei Wörtchen sagen: ihr Image. Und daran ist niemand sonst schuld als “die Gentechnik” selbst. Das hätte ich zwar gerne differenziert nach gentechnische Forschung und gentechnische Produktion und Vermarktung, und dann die Schuld allein auf Letztere geschoben – aber mit dieser gemeinsamen Erklärung der großen deutschen Forschungsinstitute ist diese Trennung leider längst aufgehoben worden: Angst um den Standort Deutschland, weil ein von Verbrauchern abgelehntes Produkt nicht angebaut werden darf? Lasst mal stecken.


Okay, schneller zur Sache: Warum will der deutsche Verbraucher keine Erzeugnisse der so genannten grünen Gentechnik? Weil sie bisher keine Erzeugnisse geliefert hat, die der deutsche Verbraucher will. Besser gesagt: die er braucht. Mit der Anti-Matsch-Tomate ging’s doch schon los: DieFlavr-SavrTomate wurde 1994 in den USA auf den Markt geworfen; dank eines veränderten Gens sollte sie nicht so schnell matschig werden, also länger haltbar sein. Klingt scheinbar gut, aber mal ehrlich: Wer will eine länger haltbare Tomate? Der Verbraucher wohl nicht, denn der (ganz nebenbei: in meiner Polemik werde ich mich auch ganz ungeniert des generischen Maskulinums bedienen, auch wenn ich weiß, dass Tomaten sowohl von Frauen als auch von Männern verzehrt werden) kauft Tomaten, um sie zu verzehren. Längere Haltbarkeit dient ausschließlich dem Nutzen des Anbieters.

Auch der herbizidresistente Mais ist nicht besser für den Verbraucher, sondern nur für die Anbieter. Selbst das Argument, dass der Mais ja ein bisschen billiger hergestellt werden könne (ich nehm’ das jetzt mal für bare Münze), bringt dem deutschen Verbraucher nicht viel. Und wenn er sich entscheidet, dass ihm gentechnikfreie Landwirtschaft höhere Preise wert ist, dann ist das sein Recht.

Ah so, es geht ja gar nicht um den deutschen Markt, höre ich da. Wenn wir nicht auf deutschen Feldern forschen, und den Mais an deutsche Esser verfüttern, dann werden die armen Kinder in der dritten Welt verhungern. Erinnert mich irgendwie an das “Argument”, mit dem ich als Kind genötigt wurde, verhasste und pampige Breie zu verspeisen, “weil die Kinder in Biafra nichts zu essen haben”. Wie mein leerer Teller deren Mägen hätte füllen sollen, hab’ ich bis heute nicht kapiert. Bitte nicht falsch verstehen: Ertragreichere Nutzpflanzen sind in jedem Fall wünschenswert. Aber so viel verstehe ich von der Landwirtschaft, dass diese Pflanzen am besten für und in den Anbauregionen gezüchtet werden, wo sie dann auch wachsen sollen. Die deutschen Anbauflächen werden beim besten Willen nicht ausreichen, um neun Milliarden Menschen (die bald auf der Erde leben sollen) zu verköstigen.

Wenn es um den Forschungsstandort Deutschland schlecht bestellt ist, dann werden ein paar Stängel Mais auch nicht viel helfen. Die Probleme, die vor allem junge Wissenschaftler ins Ausland treiben, sind viel profunder – und hier auf ScienceBlogs auch nachzulesen. Und wenn BASF seine Dependance in Sachsen-Anhalt dicht macht, dann bestimmt nicht (nur) wegen irgendwelcher Proteste; in vielen Jahren als Wirtschaftsjournalist (ja, das mach’ ich auch) habe ich gelernt, dass Unternehmen ziemlich protestresistent sein können, so lange sie ein Geschäft machen können.

Für ihren Ruf ist die Gentechnik-Branche erst mal ganz alleine verantwortlich. In jeder anderen Branche gilt es als rückständig, wenn Hersteller ignorieren, was die Verbraucher wollen. Nur in der grünen Gentechnik soll das anders sein?

P.S.: Und sich über Verbraucher lustig machen, die sagen, sie wollen kein Essen “mit Genen drin” (das Gleiche gilt für “mit Chemie drin”) bringt auch nichts: Wir wissen alle sehr genau, was damit gemeint ist. Nur weil es naiv ausgedrückt wird, ist es noch lange nicht lachhaft.

Und noch ein P.P.S.: Auch wenn’s nicht auf Anhieb klar wurde – dies ist ein Plädoyer für Gentechnik.

flattr this!

Kommentare (67)

  1. #1 tom
    26. Februar 2012

    Mag ja alles sein, aber es gibt doch immer noch einen Unterschied zwischen “keine Lebensmittel kaufen oder essen, bei denen Gentechnik im Produktionsprozess involviert war” und “es de facto in Deutschland unmöglich machen im Bereich grüne Gentechnik zu forschen/Produkte zu produzieren”.

  2. #2 rolak
    26. Februar 2012

    [[linkation needed]]
    Hey, jetzt hätte ich aber gerne die Tirade gelesen, wegen derer dieser post keine Tirade geworden ist 😉

  3. #3 Christian Berger
    26. Februar 2012

    Ich denke die große Frage ist, nicht ob wir Gentechnik machen, sondern wer sie macht. Die ersten großen Anwendungen für elektronische Datenverarbeitung waren auch nicht im Sinne der Bevölkerung. Als aber die Leute privat programmieren konnten hat sich das deutlich geändert. Und heute sind die negativen Auswirkungen der Computernutzung auch nur in den verbleibenden zentralistischen Strukturen konzentriert. (Google, Facebook, etc)

    Was wir bräuchten wäre Gentechnik als Hobby.

  4. #4 para
    26. Februar 2012

    Wenn der Verbraucher das Produkt nicht will- kein Thema. Was ich jedoch für zu kurz gedacht halte ist das Argument, dass der Verbraucher keinen (mehr-)Nutzen hat. Wenn die Pflanzen bodenschonender angebaut werden können, weil z.B. der Wasserverbrauch/Fläche geriger ist, weniger Pestizide/Fläche verbraucht werde müssen, gleiche Erträge auf kleineren Flächen geerntet werden (nicht, weil GMOs mehr produzieren, sondern weil es weniger Wetter- und schädlingsbedingte Verluste gibt), dann profitiert der Verbraucher schon davon.
    Zumindest im gleichen Maße wie der Verbraucher generell von umweltschonender Herstellung profitiert. Hatte der Verbraucher denn einen höheren Nutzen von FCKW-freien Kühlschränken ?

  5. #5 Joseph Kuhn
    26. Februar 2012

    @ Christian Berger:

    Und heute sind die negativen Auswirkungen der Computernutzung auch nur in den verbleibenden zentralistischen Strukturen konzentriert. (Google, Facebook, etc)
    Was wir bräuchten wäre Gentechnik als Hobby.

    Ich wusste gar nicht, dass Google und Facebook die ganzen Viren, Würmer und Trojaner programmieren und die pishing-mails verschicken. Wieder was gelernt. Und Gentechnik als Hobby: Dann bitte auch Plutoniumwirtschaft, Virenforschung und Lebensmitteltechnologie als Hobby. Hier sind schließlich die negativen Auswirkungen sogar nachweislich in den zentralistischen Strukturen konzentriert.

    @ rolak: Tirade genug? 😉

  6. #6 Joseph Kuhn
    26. Februar 2012

    @ para: Das Ressourcenargument gilt, wenn es in einer guten Technologiefolgenabschätzung der jeweiligen gentechnischen Entwicklung so herauskommt. Pauschal gilt es vermutlich nicht.

  7. #7 rolak
    26. Februar 2012

    Wenn denn schon endlich einmal korrekt ‘Plutoniumwirtschaft’ für die üblicherweise viel zu verschwommen titulierte ‘Kernkraft’ genutzt wird, könnte dem kleinen Hobbyförderer wie einst bei Hoppenstedts ein sprachlich naheliegender, neuer Experimentierkasten nahegelegt werden: ‘Wir bauen einen Bioreaktor’.

    Tirade genug?

    Ach komm, Joseph, da geht noch was 😉 Nein, im Ernst, es ging mir um das Ein-Schritt-Programm der oben erwähnten AA.
    btw: Dieses Problem mit dem zum Seitenanfang springenden browser wurde von einem anderen Kommentator durch Installation von AdBlock gelöst – so kann ich die frohe Botschaft noch schnell anbringen, ohne in der Lage zu sein, den bewußten thread aufzufinden. Wäre ich nur sehr schwer drauf gekommen, da dieses addon bei mir seit Jahren zum Standard gehört.

  8. #8 TuxDerPinguin
    26. Februar 2012

    Auf die BASF-Meldung muss man nicht so eingehen. Das war nur ein verstecktes Eingeständnis, dass der Bereich die Ziele nicht erfüllt und verkleinert wird (in den USA sollten ja weitaus weniger neue Stellen geschaffen als es hier gab)

    Der Vorbehalt der Bevölkerung gegenüber Grünen Gentechnik kommt mMn wie auch der Artikel teilweise sagt daraus, dass bisher kein Verbraucher einen Nutzen für sich. Auch die Monopolstellung von Monsanto ist sehr berühmt verbreitet. Die Dokumentationen, das Grüne Gentechnik den indischen Bauern keinen Vorteil brachte aber vom Pestizid einer bestimmten Marke abhängig machte oder Berichte dass Bauern aus den USA erfolgreich verklagt wurden, weil der Wind von Nachbarfeldern Gentechnik-Saatgut rüberwehte, für die sie keine Lizenz erworben hat. Patente auf Leben, ein sehr heikles Thema.
    Gepaart mit den Meldungen hier und da, wo negative Effekte der Grünen Gentechnik zugeschrieben worden (Bienensterben etc.)

    V.a. durch die bisherige Unternehmen auf dem Markt und den teilweise populären Vermutungen ist das Image miserabel.
    Und bei Lebensmitteln ist der Verbraucher nun mal auch vorsichtig, wenns keinen Nutzen für ihn gibt.

    Jammern der Beteiligten hilft da nicht weiter.

  9. #9 silentjay
    26. Februar 2012

    kay, verbieten wir, was der “deutsche verbraucher” nicht möchte.

    wir wissen ja vorher, “was der deutsche verbraucher” nicht braucht, das müssen wir ja garnicht vorher auf den markt bringen. was war nochmal die prognose für computer vor 20 Jahren?

    Ach ich vergaß flavr-savr und herbizidtoleranz, wir sind also mit der forschung im jahr 1996.

    die kartoffeln für unsere region sind mit basf sowieso gerade verschwunden.
    hätte man natürlich auch eine rechnung aufmachen können… weniger feldverbrauch für kartoffeln hier, heißt mehr feld über für die unsäglichen biospritpflanzen, hieße weniger import aus dem dritte-welt ausland.
    dritte welt ist doch da, wo hauptsächliche grünzeug für uns angebaut wird, oder?

    aber so ist das mit der gentechnik.

    meinungen.

    und solange wir nicht darüber hinaus kommen über meinungen und böse konzerne zu reden, konzerne übrigens, bei denen sich wohl alle über die probleme einig sind, allein man geht lieber gegen “die gentechnik” protestieren.

    spannend wird es in nächster zeit zum einen, wenn “bio” aus den usa in der eu auftaucht, die haben keine gesetze zu verunreinigungen mit gentechnik.
    zum anderen warte ich darauf, was passiert, wenn gentechnik international soweit ist, das sie zwangsweise in deutschland einsickert oder ob deutschland genug geld hat, um sich seine wünsche auch global zu kaufen.

    der verbraucher wirds schon richten.

  10. #10 Ludger
    26. Februar 2012

    Gentechnik erzeugt Angst. Angst führt zu unsinnigen Entscheidungen:

    ( https://de.wikipedia.org/wiki/Insulinpr%C3%A4parat#Biotechnologisch_hergestellte_Insuline )1979 gelang es Frankfurter Wissenschaftlern, mittels rekombinanter DNA, das Gen für Insulin aus menschlichen Zellen zu isolieren, in Plasmide zu klonieren und mittels Gentransfer in Mikroorganismen wie Bakterien (Escherichia coli) oder Hefen (Saccharomyces cerevisiae) zu verbringen, so dass 1982 die Möglichkeit bestand, mittels dieser gentechnisch veränderten Organismen Humaninsulin in großen Mengen ohne den Einsatz tierischen Ausgangsmaterials von Schwein oder Rind zu produzieren.
    Aufgrund der Diskussion über Chancen und Risiken von Gentechnik verweigerte 1984 der damalige hessische Umweltminister Joschka Fischer die Genehmigung einer Betriebserlaubnis einer Versuchsanlage zur Herstellung von humanem Insulin mittels Bakterien.[1] Erst 1999 brachte die aus der Firma Hoechst hervorgegangene Firma Aventis dieses neue Humaninsulin in den USA an den Markt.

    Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Die Firma Hoechst hatte eine fertige Fabrik zur gentechnischen Insulinproduktion in Frankfurt-Hoechst stehen und durfte sie nicht betreiben!

  11. #11 Chris
    26. Februar 2012

    Die Ungewissheit und Angst vor der grünen Gentechnik und vor allem das Unwissen darüber hat aber mE. zu einer generellen Ablehnung des Wortes “Gen” geführt, und damit eine pauschale Abwehr induziert.

  12. #12 MartinB
    26. Februar 2012

    @Jürgen
    Du hast ja so recht. Warum sollte man in Deustchland an Problemen forschen, die die dritte Welt betreffen – das machen die besser selbst da unten.
    Du hast nur nicht konsequent zu Ende gedacht: Wir sollten auch Forschung an z.B. Tropenkrankheiten bleiben lassen (warum sollen wir gefährliche Krankheitserreger in unseren Laboren erforschen, wenn’s die Krankheiten hier eh nicht gibt?), auch z.B. Brunnenbau für Trockengebiete ist kein Forschungsthema, für das sich deutsche Verbraucher erwärmen können, bei uns gibt’s ja genug Wasser, also ebenfalls abschaffen. Da tun sich gigantische Möglichkeiten auf, es gibt so viele Themen, die uns in Deutschland gar nicht betreffen und an denen man hier vollkommen am Verbraucher vorbei forscht.

  13. #13 Torsten Werner
    26. Februar 2012

    silent jay hat es gut zusammengefasst. Solange man Gentechnik einfach planwirtschaftlich verbietet, wird man nie herausfinden, was der Verbraucher will. In der DDR hat man gesagt: wozu brauchen die Leute unbedingt Farbfernseher? Geht doch auch ohne. Nein, erst der freie Markt kann so etwas entscheiden, niemals die sozialistischen Planer.

  14. #14 Sven Türpe
    26. Februar 2012

    Und Gentechnik als Hobby: Dann bitte auch Plutoniumwirtschaft

    Close enough: http://www.popsci.com/science/article/2012-02/boy-who-played-fusion

  15. #15 Sven Türpe
    26. Februar 2012

    was war nochmal die prognose für computer vor 20 Jahren?

    Nicht direkt eine Prognose, aber eine — für die damalige Technik gewiss berechtigte — Einschätzung: Die Enttäuschung ist vorprogrammiert.

  16. #16 Joseph Kuhn
    26. Februar 2012

    @ Ludger: Keine Genehmigung 1984: Fairerweise müsste man schauen, ob diese Entscheidung angesichts des eingeschränkteren Erkenntnisstands zur Biosicherheit damals vertretbar war und wir nur heute klüger sind. Heute wissen wir z.B. auch alle, dass sich BSE nicht zur befürchteten Katastrophe entwickelt hat, aber wer hätte das Anfang der 1990er Jahre mit guten Gründen vorhersagen können? Ist eigentlich bekannt, warum es bis zur Markteinführung des gentechnisch hergestellten Insulins in den USA auch noch einmal 15 Jahre gedauert hat? Gab es dort ähnliche Vorbehalte?

    Davon abgesehen spricht der Nutzen gentechnisch hergestellten Insulins in dem Maße für die Entwicklung einer Anti-Matsch-Tomate wie der Nutzen von Radionukliden in der Medizin für den Bau von Atomwaffen. Vielleicht sind Diskussionen über “die Gentechnik” einfach zu abstrakt.

  17. #17 Joseph Kuhn
    26. Februar 2012

    Solange man Gentechnik einfach planwirtschaftlich verbietet, wird man nie herausfinden, was der Verbraucher will.

    Ich dachte, die hartnäckige Abneigung der Verbraucher gegen manche Produkte der grünen Gentechnik sei der Anlass für die Anbauverbote? Zumindest was der Verbraucher nicht will, ist durchaus bekannt.

  18. #18 Christian Reinboth
    26. Februar 2012

    (Der gleiche Kommentar wie eben nochmal ohne Links, da sonst nicht Spamfilter-resistent)

    @Jürgen: Schade – die Tirade zu meinem Post hätte ich nun doch sehr gerne gelesen. Vielleicht überlegst Du es Dir ja noch mal.

    Aber mal im Ernst: Wenn man hier mal ein paar Wahlkämpfe mitgemacht hat, verliert man mit den Gentechnik-Gegnern irgendwann die Geduld. Nicht dass Kritik an Gentechnik keine legitime politische Position wäre. Mich stören aber insbesondere drei Dinge, wegen derer ich auch eine etwas derbere Kritik für gerechtfertigt halte.

    1. Von einem Politiker erwarte ich – wenigstens auf Landesebene – auch, dass er über das Image eines Forschungszweigs mal hinwegsieht und sich mit den tatsächlichen Inhalten befasst. „Weil die Leute das nicht wollen“ ist auf Dauer eine ziemlich populistische Position, wenn sie nicht auch mit Inhalten untersetzt wird (und man entsprechende Ängste selbst immer wieder befeuert und damit erheblich zum negativen Image beiträgt). Und eben das vermisse ich in der Debatte (zumindest hier im Land) schon seit Jahren.

    2. Ich finde es unredlich, wenn die Diskussion um Gentechnik von ihren Gegnern auf bloßes Monsanto-Bashing reduziert wird. Monsanto ist in Sachsen-Anhalt meines Wissens nach überhaupt nicht aktiv, dafür aber das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik in Gatersleben sowie die Bundesanstalt für Züchtungsforschung an Kulturpflanzen in Quedlinburg. Die inzwischen geschlossene BASF-Gentechnik-Sparte hattest Du ja bereits erwähnt. Und eben gegen diese Institutionen und Unternehmen geht es, wenn Fördermittel gestrichen werden oder im Wahlkampf auf populistische Art und Weise agitiert wird. Mir fällt das immer wieder unangenehm auf – selbst im Wernigeröder Kommunalwahlkampf wurde der Strohmann „Monsanto“ aus dem Spind geholt und öffentlich verdroschen, obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass man in der Monsanto-Firmenzentrale nicht einmal weiß, dass es überhaupt einen Ort namens Wernigerode gibt…

    3. Der am Freitag eingebrachte Antrag bestand aus zwei Forderungen: Der Forderung, den Einsatz grüner Gentechnik in Sachsen-Anhalt zu minimieren bzw. auf landeseigenen Flächen zu untersagen, solange deren Ungefährlichkeit nicht durch wissenschaftliche Studien abgesichert werden kann – sowie der Forderung, der Agro-Gentechnik sämtliche Landesfördermittel zu streichen und dem Bundessortenamt die Durchführung von Sortenprüfungen in Sachsen-Anhalt zu verweigern. Auch das empfinde ich als politisch unredlich. Mit der Aufnahme des Bundeslandes ins Netzwerk gentechnikfreier Regionen und weiteren Maßnahmen würden darüber hinaus Zustände geschaffen, die so leicht nicht wieder umkehrbar wären. Auf mich macht das nicht den Eindruck, als ob man an wissenschaftlichen Nachweisen zur Gefährlichkeit bzw. Ungefährlichkeit im Grunde in irgendeiner Weise interessiert wäre. In diesem Fall sollte man dem Wähler nicht das Gegenteil vorgaukeln.

    Zur Frage, wie realistisch die Forderung nach einer „hundertprozentig gentechnikfreien Landwirtschaft“ heutzutage noch ist, hat unser Landwirtschaftsminister ja schon Stellung genommen (Video bei mir im Blog).

  19. #19 rolak
    26. Februar 2012

    Solange kaum jemand unterschiedet zwischen der Forschung zur Gentechnik und Umsetzung der Forschungsergebnisse aus welchen Gründen auch immer bringt die ganze Rederei nichts. Es sind mindestens vier Parteien beiteiligt:

    • die Forschung
    • die pro-Lobby, die [auch] um des lieben Umsatzes willen egal was kommt anwenden will und daher phantastische Versprechungen äußert
    • die contra-Lobby, die [auch] um des lieben Ansehens willen egal was kommt incl der Forschung verhindern will und daher jedwege Ängste schürt
    • die Kontrollinstanz, die über eine Umsetzung entscheidet

    Die pro-Deppen geben den contra-Deppen die Grundlagen ihrer Argumente, die Kontroll-Deppen merken nicht, daß ihnen neben -bei einigen Umsetzungen- berechtigten Zweifeln an der wirtschaftlichen Relevanz auch eine allgemeine LynchtDieWissenschaft-Doktrin untergeschoben wird. Und daß so die Chancen auf Entwicklungen wie genInsulin schwinden.
    Oder genLab. Ich mag Käse.

  20. #20 pfiffig
    26. Februar 2012

    das Anbauverbot in Deutschland basiert auf einer sehr sehr umstrittenen Studie von A. Hilbeck.

    Frage: in welchen Jahren wurden Mon810 legal in DE angebaut denn dies sollte ja im Gedächnis sein weil es ja “massive Proteste und Nahrungsmittelboykotte der Verbraucher gab”.

    Das einzige an das ich mich erinneren kann waren Vorfälle wie z.B. das ein Landwirt im fänkischen sogar in der Kriche vom Pfarrer gemobt wurde und seine Kinder die Schule wechselten weil so gegen sie gehetzt wurde. Grund war das der Bauer zu dem damaligen Zeitpunkt eine zugelassene Sorte anbaute.

    Auch ist es bekannt das der Verbraucher angeblich Bioware will, doch beim Blick auf die Preise hört dann das wollen auf.
    (Der Biomarkt wächst nur im “günstigen Bereich” und bei Spezialitäten, doch von 20% Marktanteil ist man noch etwas weg)

    Ach und bei der Baumwolle interessiert es diesen schon mal garnicht, obwohl durchaus auch Produkte wie Tampons aus GMO-Baumwolle gefertigt werden ….

    Der Verbraucher kauft auch kaum die gute GMO-freie Milche von z.B. Landliebe.
    Also die Mehrheit der Verbraucher entscheiden sich nicht für 100% GMO Freiheit.

  21. #21 ROEL
    26. Februar 2012

    Nur mal so am Rande. Die deutsche und internationale Lebensmittelindustrie, die nach Deutschland exportiert, verlangen von ihren Zulieferern auf den Einsatz von gentechnisch veränderten Rohstoffen zu verzichten. Ursprünglich kommt diese Forderung vom Handel. Nur mal so am Rande.

  22. #22 Ludger
    26. Februar 2012

    Joseph Kuhn·
    26.02.12 · 12:06 Uhr […]
    Ich dachte, die hartnäckige Abneigung der Verbraucher gegen manche Produkte der grünen Gentechnik sei der Anlass für die Anbauverbote? Zumindest was der Verbraucher nicht will, ist durchaus bekannt.

    Warum geht es bei der Diskussion eigentlich immer darum, was der Verbraucher will? Ich hätte nichts dagegen, mein Auto mit einem aus Gentechnikprodukten hergestellten Treibstoff zu fahren. Das wäre für die Umwelt besser, als Dieseltreibstoff aus Palmölplantagen. Die Sorge der Umweltschützer ist wohl die Verbreitung von Genmaterial in die normale Umwelt zum Beispiel über Pollenflug. Und da scheint der Pollenflug in Schsen Anhalt ein größeres Problem zu sein als die Urwaldabholzung für Palmölplantagen in Asien. 😮

  23. #23 Spoing
    26. Februar 2012

    Was der Verbraucher will, soll ein Argument sein? Bitte, wer sich die Zukunftsprognosen der Vergangenheit ansieht der muss sich eins eingestehen, niemand, nicht mal der Verbraucher weiß was er Morgen will.Thema Energiewende zum Beispiel: FDP hatte sich ganz klar für den Ausstieg aus den Ausstieg eingesetzt, aber nach Fukushima will das auf einmal keiner mehr gewusst haben.Oder wer wollte denn Beispielsweise Anfang der 90ger regenerative Energien? Ein paar gab es, aber sicher nicht so viele das Forschungsgelder aus Verbrauchersicht legitim wären, denn der Verbraucher wollte billigen Strom, jeder Cent Fördergeld in nicht billige Energie wäre aus Verbrauchersicht also falsch.

    Und selbst wenn wir zu Grunde legen würden unsere Forschung und unsere Zulassungsverfahren darauf auszurichten was der Verbraucher will (mal im ernst wieso sollte man was Verbieten, was keiner will? So was regelt der Markt eigentlich sehr gut alleine!) Wer ist denn dafür verantwortlich das es keiner Will? Wenn ich in einem Stadium Stimmung gegen etwas mache, von dem der Verbraucher noch keinen Nutzen hat, ist es klar das der Verbraucher es noch ablehnt! Außerdem weiß der Verbraucher denn was gut für ihn ist? Ein Blick auf Suchtstatistiken/Fettleibigkeit etc. zeigt anderes. Sicher darf man den Verbraucher zu nichts zwingen, aber ebenso wenig darf man die Forschung und Gesetze nach ihn Richten.

    Und einer Sparte schuld am eigenen Image geben? OK kann man machen, dann darf man sich aber nicht über Lobbyismus und Firmen-Propaganda der übelsten Sorte aufregen, denn dieser ist für neue Zweige dann ein Muss.
    Selbst wenn man der Meinung ist, Gen-Technik habe in Deutschland keine Zukunft wegen zu schlechten Image, warum sollte man deshalb für ein Verbot selbiger sein? Reichen 51% Dagegen um alles zu legitimieren/zu verbieten? Soll Popularität das maß aller Dinge sein? Wollen wir alles unpopuläres Verbieten? Sollen wir uns nicht am besten gleich immer nach den Leuten richten die am lautesten schreien? Basisdemokratie in allen Belangen? Selbst wenn die Bildzeitung dann die Macht hat 51% der Bevölkerung der Meinung seien zu lassen “Insest-Monster” etc. hätten Tod und Folter verdient?

    Es gibt viele Gründe für und gegen Gentechnik. Aber Popularität und Image wandeln sich so schnell das sie niemals Grundlage langfristiger (unwiderruflicher) Entscheidungen seien sollte.

  24. #24 Joseph Kuhn
    26. Februar 2012

    Warum geht es bei der Diskussion eigentlich immer darum, was der Verbraucher will? Ich hätte nichts dagegen, mein Auto mit einem aus Gentechnikprodukten hergestellten Treibstoff zu fahren.

    Auf den Verbraucherwillen habe ich hingewiesen, weil ein Kommentar oben gesagt hat, man kenne den Verbraucherwillen nicht. Ob es in “der Gentechnik” oder in “der Wirtschaft” oder “in der Forschung” ansonsten immer nach dem Verbraucherwillen geht, wäre empirisch zu untersuchen und das Ergebnis fällt je nach konkreter Frage sehr unterschiedlich aus. Ihr Folgeargument verstehe ich übrigens nicht: dass Sie nichts dagegen haben, mit einem gentechnisch hergestellten Treibstoff zu fahren, wäre doch gerade ein Beispiel für eine Verbraucherpräferenz? Die Frage ist, unter welchen Bedingungen man den Konsum von gentechnisch herstellten Produkten allen Verbrauchern vorschreiben soll. Auch solche Fragen sind vermutlich bei Treibstoffen anders zu beantworten als bei Lebensmitteln.

  25. #25 Christian Berger
    26. Februar 2012

    @Joseph Kuhn: “Viren, Würmer und Trojaner programmieren und die pishing-mails”

    Was, so was gibts noch? Aber selbst damals, als es so was noch gab, war es doch problematischer dass Firma X mit Regierung Y kooperiert, damit Regierungskritiker ins Gefängnis kommen. Oder die Rasterfahndung, oder die Vorratsdatenspeicherung, etc.

  26. #26 Martin B. (Detritus)
    26. Februar 2012

    Hallo Jürgen!

    Hier meine Antwort in meinem Blog drüben bei den SciLogs, weil ich schon lange den Spaß am Kommentieren unter Meinungsartikeln verloren habe: http://www.scilogs.de/wblogs/blog/detritus/grune-gentechnik/2012-02-26/re-was-an-der-gentechnik-schlecht-ist

    Viele Grüße
    Martin

  27. #27 Martin B. (Detritus)
    26. Februar 2012

    Und sich über Verbraucher lustig machen, die sagen, sie wollen kein Essen “mit Genen drin” (das Gleiche gilt für “mit Chemie drin”) bringt auch nichts: Wir wissen alle sehr genau, was damit gemeint ist. Nur weil es naiv ausgedrückt wird, ist es noch lange nicht lachhaft.

    Eine Anmerkung noch: Meiner Meinung zeigt das nur die Uninformiertheit der „kritischen Verbraucher“. Wer das Thema ansatzweise verstanden hat, wird weder etwas „ohne Chemie“, noch „ohne Gene“ fordern.

  28. #28 Ludger
    26. Februar 2012

    Joseph Kuhn·26.02.12 · 14:01 Uhr
    […] Die Frage ist, unter welchen Bedingungen man den Konsum von gentechnisch herstellten Produkten allen Verbrauchern vorschreiben soll. […]

    Der Verbraucher ist egozentrisch und der Verbraucher sind wir. Wir neigen dazu, bei uns kleine Risiken (der Gentechnik u.a.) zu vermeiden und in der Ferne große Risiken (Palmölproduktion u.a.) zuzulassen. Es gibt keinen ernsthaften Grund, den Verzehr der Gentomate vorzuschreiben. Es ist aber Aufgabe der Politik, unpopuläre Beschlüsse (Pumpspeicherwerke, Stromtrassen, u.a.) zu fassen und in die Tat umzusetzen. Der völlige Verzicht auf Schlüsselindustrien kostet. Er kostet Urwald (wegen der Palmölproduktion), Leben (wegen der gentechnischen Medikamente wie Trastuzumab), Arbeitsplätze in der Produktion und Wohlstand. Kein Problem, solange andere bezahlen.

  29. #29 cydonia
    26. Februar 2012

    Ein paar Bemerkungen, kurz dazwischengeworfen:
    Der Verbraucher hat Angst um seine ganz persönliche Gesundheit, weil er veränderte Gene für eine Art Virus hält, der sich in seinen Zellen zeitbombenartig einnistet, und irgendwann losschlägt. Vorstellen tun sich das die meisten wie Malaria mit Zeitverzögerung, wenn sie überhaupt eine konkrete Vorstellung haben. Durch intensive Gespräche mit vielen Gentechnikgegnern ist das mein vorläufiger Schluss.
    Und diese von keiner Erkenntnis getrübten Angstreaktionen sollen ich und andere ernstnehmen, und deswegen einen ganzen Forschungszweig verdorren lassen? Gehts noch?
    Man könnte mit der Logik, wie ich schon mehrmals bemerkte, sämtliche dunkelhäutige Menschen aus Deutschland rausschmeißen, weil die Verbraucher diffuse Ängste entwickelt haben. Ich hoffe immer, dass derartige Reaktionen, wenn schon vorhanden, dann wenigstens nicht auf die Zustimmung der Gebildeten stoßen.
    Man verzeihe mir diesen Viertelgodwin, aber die Nicht-Argumentation seitens der Radikalen ist zu ähnlich, um keine Analogiegedanken aufkommen zu lassen.
    Dann werden immer wieder unter dem Applaus vieler Gegner Felder “befreit”, und das Foto einer stolzen Kartoffelausreißerin ging vor Monaten durch die Presse, obwohl es nicht eine Pflanze in Europa gibt, mit der sich die Kartoffel kreuzen könnte, das Produkt nicht zum Verzehr gedacht ist, und Samen, wenn sie entstehen sollten(tun sie nicht) einen europäischen Winter nicht überleben würden. Die Zustimmung der Szene war der Frau und den mutigen Befreiern sicher.
    Wo ist denn jetzt bitteschön der Unterschied zwischen den Befreiern und den Autoanzündern, zudem der Schaden, den der Autoverkehr einer Gesellschaft zufügt ausreichend belegt ist?
    Ich halte es für bescheuert, wichtige Entscheidungen in einer Gesellschaft von denen diktieren zu lassen, die keine Ahnung haben wollen. Die Flavr-Savr-Tomate ist längst gegessen, und es wurde auch niemand gezwungen sie zu kaufen. Der Markt bietet ausreichend Alternativen, und die Diskussion kommt mir dermaßen künstlich und verlogen vor, dass mir zuweilen schlecht wird.
    Ich möchte hinzufügen, dass ich micht seit Jahren für die Erhaltung seltener und kulinarisch wertvoller alter Gemüse- und Obstsorten einsetze, diese teilweise selbst anbaue, und ich bis jetzt kaum einem der mir über den Weg gelaufenen radikalen Gentechnikgegner ansatzweise erklären konnte, wie man solche Sorten erhält, weil die lieben Leute von Botanik und Biologie keinen blassen Schimmer haben.
    Dass Menschen aus unbegründeter Angst politische Entscheidungen massgeblich beeinflussen können, kann nicht der Anspruch einer Demokratie sein. Weder die Impfgegner noch die argumentationslosen Gentechnikgegner sollten mit ihrer Paranoia durchkommen.
    Über Vor- und Nachteile der Technik muss gestritten werden. Wer sich aber aus ideologischen Gründen nicht informieren(lassen) will, ist bei der Entscheidungsfindung möglichst zu ignorieren. Anders gehts auf Dauer nicht.
    Wir lassen uns schließlich den Umgang mit Ausländern auch nicht von der NPD diktieren.

  30. #30 Jürgen Schönstein
    26. Februar 2012

    Was, noch nicht mal 30 Kommentare? Na gut …
    Ist dies eine Polemik gegen Gentechnik? Wer sie gelesen hat, weiß: Nein. Es ist eine Polemik gegen das Image der Gentechnik. Und dagegen, dass hier Strohmänner verdroschen werden. Nochmal: Wenn die großen Forschungsgesellschaften die Vermarktungsrechte eines kommerziellen Produkts mit der pauschalen Warnung verteidigen, dass dann der gesamte Forschungsstandort Deutschland untergehen wird, dann ist dies schlicht gesagt peinlich. Weil es nämlich der Forschung nicht gerecht wird. Ist transgener Mais wirklich das Wichtigste und Beste, was die Gentechnik produzieren kann? Wenn ich solche Statements lese, dann könnte man das glauben.

    Muss die Forschung eingestellt werden, weil ein einzelnes Produkt nicht verkauft werden darf (an dem nicht mehr geforscht werden muss, weil es ja bereits marktreif ist)? Gewiss nein. Werden deutsche Forscher daran gehindert, Lösungen für die Dritte Welt zu entwickeln, weil MON810 nicht auf deutschen Äckern wachsen darf? Natürlich nicht. Aber MON810 war auch nicht dazuu gedacht, das Ernährungsproblem der Welt zu lösen, nicht wahr?

    Ich weiß, dass die Gentechnik viel Nutzen bringen kann, und gerade weil ich für diese Forschung bin, finde ich es ziemlich erschütternd, wie zur Rechtfertigung der Gentechnik argumentiert wird. Da wird auf Biegen und Brechen ein beim Verbraucher unpopuläres Produkt verteidigt – was dem natürlich erst Recht Angst macht, und diese Angst des Verbrauchers kommt ja nicht von ungefähr. Lebensmittelskandale gibt’s ja nun wirklich genug. Warum sich daran festbeißen und riskieren, dass damit die gesamte Gentechnik einen Imageschaden behält? Da lassen sich wohlmeinende Forscher nun wirklich vor den Karren einer Multimilliardenindustre spannen, die ganz andere Ziele verfolgt als nur (wenn überhaupt) das Wohl der Menschheit.

    Ich fühle mich hier gelegentlich an diie Anekdote mit dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm erinnert, der auf seine verängstigten Untertanen einprügelt und sie anschreit: “Lieben sollt ihr mich!” Nochmal: Wenn ich dem Verbraucher = Wähler die Angst vor der Gentechnik nehmen will, dann muss ich ihn besser informieren. Und seine Angst ernst nehmen. Und ja, vielleicht auch mal nachgeben und das aus dem Weg räumen, was Angst macht. Die Zukunft der Gentechnik hängt doch nicht allein am Kommerzprodukt “Genmais” (ist halt eine umgangssprachliche Verkürzung, auch wenn sie unkorrekt ist – aber jeder sagt auch Stundenkilometer, obwohl’s falsch ist, und wir verstehen trotzdem, wovon die Rede ist) – wer dies behauptet, macht die Gentechnik schlechter, als sie ist.

  31. #31 Joseph Kuhn
    26. Februar 2012

    Wer sich aber aus ideologischen Gründen nicht informieren(lassen) will, ist bei der Entscheidungsfindung möglichst zu ignorieren.

    Mit dem Modell der repräsentativen Demokratie wird dem in gewisser Weise Rechnung getragen, allerdings um den Preis, dass es immer öfter heißt, “die da oben machen eh, was sie wollen”.

    Wer sind übrigens die “argumentationslosen Gentechnikgegner”, die aus der politischen Willensbildung ausgeschlossen werden sollen? Auch solche Leute: http://www.testbiotech.de/ ? Und wer soll darüber bestimmen, welche Argumente zählen und welche nicht? Die Herrschaft der Philosophen wäre da ja vermutlich auch keine gute Lösung.

  32. #32 segeln141
    26. Februar 2012

    @ludger
       

    Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Die Firma Hoechst hatte eine fertige Fabrik zur gentechnischen Insulinproduktion in Frankfurt-Hoechst stehen und durfte sie nicht betreiben!

    Joschka Fischer kann es noch besser:
    Auf die Frage,was wäre,wenn die Wissenschaft herausfindet,dass gentechnisch produzierte Tomaten kein Gesundheitsrisiko darstellen,sagte er:”Das ist nicht die Frage,wir wollen sie nicht”

  33. #33 Joseph Kuhn
    26. Februar 2012

    … kleiner Nachtrag: Wenn die Gegenseite ebenfalls verlangt, dass “argumentationslose Gentechnikbefürworter” von der politischen Willensbildung ausgeschlossen werden sollen und vermutlich auch selbst entscheiden wollen, wer dazu zählt, was dann?

  34. #34 rolak
    26. Februar 2012

    /was dann?/ Das klingt für mich in der Summe nach einer Beschreibung des status quo.

    Wie bei allen Diskussionen über Themen mit viel Emotionen, viel involviertem Kapital, einsturzgefährdeten Weltbildern; also wie z.B. auch bei AGW, Kernkraft, CAM, <name it>.

  35. #35 Jürgen Schönstein
    26. Februar 2012

    Zum Thema Angst noch eine Nachbemerkung: Welche emotionale Reaktion sollen wohll solche nicht wirklich belegbaren Statements wie “andernfalls ist dies das Ende des Forschungsstandorts Deutschland” oder “dann sind wir machtlos gegen eine globale Ernährungskrise” bewirken? (Kleiner Tipp: steht im Wörterbuch unter “A” …)

  36. #36 MJ
    26. Februar 2012

    @ Joseph Kuhn

    Weil Sie da oben von der “Plutoniumwirtschaft” gesprochen haben und dann meinten, die Forschung mit Radionukliden spreche nicht für die Entwicklung von Atomwaffen. Ich stimme der Aussage in dieser Form vollkommen zu, aber ich habe eine Frage, die ich auch schon drüben beim primaklima gestellt habe bezüglich der Wirtschaftlichkeit, zu der ich nicht die geringste Information habe:

    Viele der schwereren Radionuklide, die nicht übers Zyklotron zugänglich sind, werden ja aus Reaktorprodukten gewonnen. Haben Sie irgendwelche Informationen, ob der Forschungs- (und Anwendungs-)Zweig “Radiochemie” zu erhalten wäre, würde man international aus der Atomwirtschaft aussteigen (und das ist ja eine nicht gerade selten angetroffene Position)? Etwa bezüglich der Kosten, die für die paar Forschungsreaktoren anfielen, wenn man ausschließlich für sie und ohne Wirtschaft im großen Stil dahinter Rohstoffe gewinnen würde, die entsprechende Infrastruktur aufrecht erhalten müsste etc.

  37. #37 cydonia
    26. Februar 2012

    @Jürgen Schönstein
    Ich hatte, denke ich, den Eingangspost schon richtig verstanden, aber wenn selbst mein Versuch dann doch ein bisschen einseitig zu polemisieren hier nicht ein paar wütende Seelen aufschreckt, ist es wohl das Ende des Diskussionsstandortes GeoGraffitico.
    Wo zum Teufel sind die Gentechnikgegner? Heißt das eventuell, dass man uns alle reingelegt hat, und es gar keine echten Gegner gibt, und kaum jemand was dagegen hat? Wer profitiert also von der Mär, es gäbe Gentechnikgegner?
    Wahrscheinlich nur Skycheck, die seit gestern auf meiner schwarzen Liste stehen, mitsamt allen, die sie empfehlen.

  38. #38 Joseph Kuhn
    26. Februar 2012

    @ MJ: Nein, dazu habe ich auch keine Informationen, bei diesen Themen bin ich ohnehin nur Laie. Welche Abhängigkeiten es da gibt und welche alternative Lösungen ggf. für die Medizin zu suchen wären: ich weiß es nicht.

  39. #39 Physiker
    27. Februar 2012

    @Martin B. (Detritus):

    Meiner Meinung zeigt das nur die Uninformiertheit der „kritischen Verbraucher“. Wer das Thema ansatzweise verstanden hat, wird weder etwas „ohne Chemie“, noch „ohne Gene“ fordern.

    “Ohne Chemie” heisst doch nichts anderes als unbehandelt. Oder wollen Sie damit sagen, dass informierte Verbraucher keine unbehandelten Zitronen kaufen, wenn in einem Rezept die abgeriebene Schale benötigt wird? Ich muss mir doch als Verbraucher keine Beleidigungen gefallen lassen, wenn ich die Cavendish scheusslich finde und die Gros Michel zurückfordere (auch wenn das wohl ohne Gentechnik wohl nicht im grossen Massstab machbar wäre). Sobald Verbraucher aber nach traditionell gezüchtetem Gemüse verlangen, werden sie als Blöd und dämlich abgestempelt. Das ist genau das was Jürgen Schönstein oben kritisiert. Sind Verbraucher die nach Fair Trade und Bio-Produkten verlangen auch einfach nur “uninformiert”?

  40. #40 Free Willy
    27. Februar 2012

    Muss die Forschung eingestellt werden, weil ein einzelnes Produkt nicht verkauft werden darf (an dem nicht mehr geforscht werden muss, weil es ja bereits marktreif ist)?

    Diese Frage ist hoffentlich nicht dein Ernst. Warum sollte man forschen, wenn eh ein Verkaufsverbot verhängt wird? Warum sollte man forschen, wenn eh ein Anbauverbot verhängt wird? Warum sollte man forschen, wenn eh die Forschungsgelder gestrichen werden (siehe Christian Reinboths Blogbeitrag)? Warum sollte man forschen, wenn “Feldbefreier” eh Forschungseinrichtungen und Anbauflächen zerstören? Beispielhaft erwähnt seien da Gatersleben oder Australien, wo eine öffentliche Forschungseinrichtung von Greenpeace Aktvisten niedergebrannt wurde.

    Für ihren Ruf ist die Gentechnik-Branche erst mal ganz alleine verantwortlich.

    Da vergisst du etwas. Deine verbrämten Multis besitzen kaum bis keinerlei Meinungsmacht. Und wenn Forscher sich zu diesem Thema einklinken, dann sind sie bestenfalls “wohlmeinende…” welche sich “vor den Karren einer Multimilliardenindustre spannen” lassen. So kann man auch sämtliche Diskussionen im Keim ersticken. Und die mediale Meinungshoheit von Organisationen wie Greenpeace ignorieren.

  41. #41 Jürgen Schönstein
    27. Februar 2012

    @Free Willy,
    Gute Fragen, aber Du hast noch was vergessen: Warum forschen, wenn das Resultat meiner Forschung den Aufwand nicht wert ist? Warum an einem Produkt weiter entwickeln, das keiner haben will? Warum konnten deutsche Forscher nicht gemeinsam erklären “Wir verstehen die Sorgen der Verbraucher und teilen sie, aber wir wollen auch darauf hinweisen, dass wir an mehr forschen als nur an transgenem Mais, den keiner essen will”? Warum müssen wir so tun, als ob alle Wissenschaft in Deutschland plötzlich davon abhängt, dass MON810 hier angebaut werden darf? (Ja, so simpel ist das Argument der Forschungsinstitute wirklich – lies einfach mal die Erklärung im verlinkten Wortlaut durch.)

    Und wie man eine Diskussion dadurch im Keim erstickt, dass man sie provoziert, müsstest Du mir sowieso noch genauer erklären …

  42. #42 michael
    27. Februar 2012

    > Die Herrschaft der Philosophen wäre da ja vermutlich auch keine gute Lösung.

    Und ob sie als Berater, Erzieher, .. von Nero, Alexander, oder Dionysios II u.a. sonderlich erfolgreich waren, darf man bezweifeln. Pieks,Pieks.

    > Warum müssen wir so tun, als ob alle Wissenschaft in Deutschland plötzlich davon abhängt, dass MON810 hier angebaut werden darf?

    Was ein schwerer Fehler ist, da es das Vorurteil, dass Wissenschaftler die Interessen der Konzerne vertreten, zu bestätigen scheint.

  43. #43 Dr. Webbaer
    27. Februar 2012

    Die [1] Gentechnik ist in gewissem Sinne ein Großprojekt. Großprojekte sind in D nicht mehr oder nur noch gegen große Widerstände durchsetzbar.

    MFG
    Dr. Webbaer

    [1] eine bewusste Vereinfachung

    PS: Warum das so ist? – Hier kann man nur raten, Dr. W tippt einfach mal ganz wild auf German Angst und allgemeine Verblödung…

  44. #44 pfiffig
    27. Februar 2012

    “Warum müssen wir so tun, als ob alle Wissenschaft in Deutschland plötzlich davon abhängt, dass MON810 hier angebaut werden darf?”

    relativ einfach. Die Maislinie Mon810 wurde aufgrund einer sehr sehr zweifelhaften Studie von A. Hilbeck verboten (siehe transgen/forum.de).
    Die Frage ist doch, Verbiete ich etwas (reines Bauchgefühl) obwohl so gut wie alle nach der Stand der Wissenschaft existierende Verbote die Unbedenklichkeit dieses Produkts erklären oder akzeptiere ich die Befunde.
    Genau dies ist mE der Standpunkt der gemeinsamen Erklärung.
    Das willkürliche Verbot ist definitv ein Angriff gegen die (Risiko)Forschung in Deutschland und die GMO-Gegner unterscheiden numal nicht zwischen privaten und öffentlichen Produkten.

    Falls der Verbraucher tatsächlich ein Produkt nicht will muss er es nicht kaufen (Deklarationspflicht für manche Produkte).
    Übrigens, entgegen aller liebenbekenntnis, die Mehrheit richtet sich ausschließlich nach einem sehr guten Preis/Leistungsverhältnis und da sind alle konv. erzeugte Lebensmittel nunmal mit Abstand am besten und Nischenmärkte wie fairtrade oder Bio wachsen zwar, doch sie sind für die meisten immer nur eine Ergänzung zu den sehr sehr guten und qualitativ hochwertigen Produkten die Standard in Deutschland (auch in den USA) sind.

  45. #45 Dr. Webbaer
    27. Februar 2012

    Nachtrag:
    Das Thema Angst wurde ja schon in den Kommentaren durchgeknetet, also das Postscriptum bitte gedanklich streichen, idT ist Angst ein schlechter Ratgeber!

  46. #46 Free Willy
    27. Februar 2012

    ” Warum forschen, wenn das Resultat meiner Forschung den Aufwand nicht wert ist? ”
    Worüber definierst du den Wert?

    “Warum an einem Produkt weiter entwickeln, das keiner haben will? ”
    Wieso will es “keiner”? Woher weißt du, das es “keiner” will?

    “Warum konnten deutsche Forscher nicht gemeinsam erklären “Wir verstehen die Sorgen der Verbraucher und teilen sie,”
    Welche Bedenken sollten die Forscher teilen? Es gibt keinerlei Hinweise für eine höhere Gefährlichkeit. Höchste das Bedenken, einer leicht höheren Wahrscheinlichkeit von Monopolen wird geteilt. Dies haben sie in dem einem Schreiben nicht mitgeteilt. Screw them.

    ” aber wir wollen auch darauf hinweisen, dass wir an mehr forschen als nur an transgenem Mais, den keiner essen will”?”
    Steht im von dir verlinkten Text? Lesen schwer?

    ” Warum müssen wir so tun, als ob alle Wissenschaft in Deutschland plötzlich davon abhängt, dass MON810 hier angebaut werden darf? (Ja, so simpel ist das Argument der Forschungsinstitute wirklich – lies einfach mal die Erklärung im verlinkten Wortlaut durch.)”
    Du weißt das die durch die Grünen NGOs beherrschte Debatte eine Vielzahl solcher Entscheidungen mit sich zog. Es wird schlicht befürchtet , auf Basis dieser Erfahrungen, das in diesem Geiste die Entscheidung getroffen wurde. MON 810 war nur ein Fallbeispiel.

  47. #47 Physiker
    27. Februar 2012

    @Free Willy:

    Welche Bedenken sollten die Forscher teilen? Es gibt keinerlei Hinweise für eine höhere Gefährlichkeit.

    Das ist so nicht richtig. Es gibt sehr wohl ernst zu nehmende Gefahren. Z.B. die Übertragung von Antibiotika-Resistenzen von Markergenen auf andere Mikroorganismen. Diese Gefahren sind inzwischen dank Forschung und EU-weiter Bestimmungen eliminiert (oder werden es bald sein). Gefahren herunterzuspielen nach dem Motto “Es gibt kein/gab nie ein Restrisiko” ist eine törichte PR-Strategie und ist auch im Fall der Kernenergie zurrecht gescheitert.

    Jürgen Schönstein hat mit seiner Analyse zu 100% recht.

  48. #48 Free Willy
    27. Februar 2012

    Du musst Worte in den Mund legen, lieber Physiker. Im Bioanbau ist die Gefahr der Antibiotikaresistenz aufgrund Kupfergebrauch und anderer Dinge gegeben und keine Wahrscheinlichkeit. Aber diese Gefahr juckt dich nicht. Stattdessen beredest du eine Gefahr herbei, welche sich nicht größer darstellt als die normaler (was ich meinte). Versuche wissenschaftliche Erkenntnisse wahrzunehmen http://www.biosicherheit.de/aktuell/624.efsa-gutachten-gefaehrdung-markergene-unwahrscheinlich.html

    Und lass den Kernkraft-Strohmann in deiner Liebhaberkiste

  49. #49 Ludger
    27. Februar 2012

    Physiker·27.02.12 · 14:12 Uhr
    […]Es gibt sehr wohl ernst zu nehmende Gefahren. Z.B. die Übertragung von Antibiotika-Resistenzen von Markergenen auf andere Mikroorganismen. […]

    Da würde ich aber erst mal in der Tierhaltung den Antibiotikagebrauch als Zuchthilfsmittel unter dem Vorwand einer Therapie abstellen.

  50. #50 Physiker
    28. Februar 2012

    @Free Willy:

    Im Bioanbau ist die Gefahr der Antibiotikaresistenz aufgrund Kupfergebrauch und anderer Dinge gegeben und keine Wahrscheinlichkeit.

    Das kein deutscher Satz sein. Und was Kupfer mit Antibiotikaresistenz zu tun haben soll steht wohl auch in den Sternen.

    Aber diese Gefahr juckt dich nicht. Stattdessen beredest du eine Gefahr herbei, welche sich nicht größer darstellt als die normaler (was ich meinte).

    Die EU hat Massnahmen gegen diese Gefahr bereits unternommen. Laut EU-Freisetzungsrichtlinie 2001/18 soll der Gebrauch von Markergenen, die Resistenzen gegen wichtige Antibiotika in der Humanmedizin vermitteln, in transgenen Pflanzen komplett vermieden werden. Inwieweit dieser Vorschlag inzwischen umgesetzt wurde, weiss ich leider nicht. Jedenfalls geht von diesen Markergenen eine echte Gefahr aus. Analog zum Restrisiko bei Kernkraftwerken wird dieses aber einfach nur kleingeredet anstatt die Zahlen auf den Tisch zu legen.

    Versuche wissenschaftliche Erkenntnisse wahrzunehmen http://www.biosicherheit.de/aktuell/624.efsa-gutachten-gefaehrdung-markergene-unwahrscheinlich.html

    Toll! Es ist “unwahrscheinlich”. Unwahrscheinlich war Fukushima auch. Nehmen wir doch einfach mal konkrete Zahlen:
    Laut diesem Artikel liegt die Wahrscheinlichkeit eines horizontalen Gentransfers auf ein einzelnes Bakterium bei etwa 1:1 Milliarde bis 1: 100.000 Milliarden. Nachdem auf einer verrottenden Maispflanze aber locker 10^12 Bakterien knabbern, liegt das “Restrisiko” bereits für eine einzelne Pflanze deutlich im nicht mehr zu vernachlässigenden Bereich – ganz zu schweigen von riesigen Feldern. Wird der Mais nun an Schweine verfüttert, die mit Antibiotika vollgepumpt werden (was trotz Verbot gängige Praxis ist), und wenn eine Resistenz gegen das Reserveantibiotikum (Markergen) zufällig auch eine Resistenz gegen das verwendete Antibiotikum in der Tiermast hervorruft, dann ist Darwins Theorie Makulatur wenn das keine ideale Brutstätte für Antibiotikaresistenzen abgibt.