Wirklich? Wirklich. Vorausgesetzt, man ist von heller Hautfarbe. Eine Studie unter der Federführung des Altersforschers Jay Olshansky, die im Journal Health Affairs veröffentlicht wurde, fand heraus, dass zwar die Lebenserwartung für die US-Bevölkerung zwischen 1990 und 2008 insgesamt weiter angestiegen ist (dieser Trend ist seit langer Zeit ziemlich stabil) – aber erstens sind die Lebenserwartungen durchaus unterschiedlich, in Abhängigkeit von Geschlecht, ethnischer Abstammung und Bildung. Aber speziell in der Gruppe “Weiße mit geringer Bildung” (= weniger als die zwölf Schuljahre, die in den USA der Standard sind) fiel die Lebenserwartung in diesem Zeitraum – bei Männern um etwa drei Jahre, bei Frauen sogar rund fünf Jahre (mehr Informationen dazu gibt’s hier und in einem Artikel der New York Times).

Das heißt selbstverständlich nicht, dass Bildung alleine für ein langes Leben sorgt: Bildungschancen und soziökonomische Situation sind typischer Weise eng verknüpft, und Armut ist zumindest in den USA (noch) direkt mit schlechterem Zugang zu den Angeboten des Gesundheitswesens verbunden. Aber es gibt auch direkte Möglichkeiten, wie Bildung = Information die Gesundheit verbessern kann: durch bessere Aufklärung über die Risiken von Rauchen, Alkohol und anderen schädlichen Substanzen, durch bessere Information über Ernährung, durch Jobs mit einer geringeren Rate an physischem Risiko etc. Aber es ist auffallend, dass sich dieser Effekt der Lebenszeitverkürzung nur bei Weißen bemerkbar macht: schwarze Männer und Frauen mit geringer Bildung haben zwar von allen Gruppen die insgesamt geringste Lebenserwartung, aber zumindest stieg sie von 1990 bis 2008 bei Frauen leicht (ca. 1 Jahr) und bei Männern sogar um fünf Jahre an; sowohl gering ausgebildete Männer als auch Frauen hispanischer Herkunft, die 1990 noch die gleichen Lebenserwartungen wie vergleichbar (un)gebildete Weiße hatten, konnten ihre Lebenswartung deutlich erhöhen – Frauen um gute fünf Jahre, Männer sogar um etwa sieben Jahre.

P.S.: Der Zusammenhang zwischen Armut und sinkender Lebenserwartung ist, wie ich dank des nachstehenden Kommentars von Joseph Kuhn nun weiß, auch in Deutschland ein Thema:
Sozialpolitische Hiobsbotschaft oder Presse-Ente: Sinkt die Lebenserwartung der Armen?

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Kommentare (5)

  1. #1 Joseph Kuhn
    http://scienceblogs.de/gesundheits-check/
    21. September 2012

    Interessant, zumal sich der Rückgang der Lebenserwartung in dieser Altersgruppe auch in der ferneren Lebenserwartung jeder ausgewiesenen Altersgruppe zeigt, wie man in dem von Dir verlinkten Appendix sehen kann.

    In Deutschland hatten wir vor kurzem eine ähnliche Debatte, allerdings ist hier die Datenlage unklar:
    http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2011/12/13/sozialpolitische-hiobsbotschaft-oder-presseente-sinkt-die-lebenserwartung-der-armen/

    Da der Artikel selbst hinter einer paywall steckt: Wie viele Personen waren in der Gruppe der “Weißen mit geringer Bildung”?

  2. #2 Joseph Kuhn
    21. September 2012

    … statt “in dieser Altersgruppe” muss es natürlich “in dieser Gruppe” heißen.

  3. #3 HF
    22. September 2012

    Gibt es auch Untersuchungen an anderen sozial lebenden Tieren? Vielleicht ist es ja gar nicht die Armut, sondern der Mangel an Anerkennung, die in dieser Gesellschaft eben über das Geld zum Ausdruck kommt.

  4. #4 Joseph Kuhn
    22. September 2012

    @ HF: Dass “Tiermodelle” hier weiterhelfen, glaube ich zwar nicht, aber die Frage, ob in dem komplexen Zusammenspiel von sozialer Lage und Lebenserwartung u.a. auch Aspekte wie Anerkennung oder die Wahrnehmung von sozialen Unterschieden eine Rolle spielen, wird in den Gesundheitswissenschaften seit längerem diskutiert, siehe z.B. Richard Wilkinson und Kate Pickett: “The Spirit Level” (dt. Übersetzung: Gleichheit ist Glück, Verlag Zweitausendeins, 2010).

  5. […] Dauer unserer Lebenswerwartung ist ja ab und zu hier schon mal ein Thema gewesen; auch die aktuelle Ausgabe von National Geographic nimmt sich dieses Themas an. Die […]