Will heißen: Das Risiko der Kommunikation. Dass unser Signalaustausch, denn wir gemeinhin “Kommunikation” nennen, nicht immer einwandfrei funktioniert, sondern anfällig für Störungen = “Missverständnisse” ist, sieht man an beinahe jeder kontroversen Diskussion. (Wie wär’s beispielsweise mit Waffen, Rassismus oder Sexismus?) Mann nimmt das wohl als eines der kleineren Risiken des Alltags hin. Doch im Fall der wegen Totschlags verurteilten italienischen Erdbeben-Experten wurde die Kommunikation selbst zum Risikofaktor. Ich muss gestehen, dass mir das auch nicht von Anfang an klar war: Die sieben Mitglieder der Risiko-Kommission wurden nicht dafür angeklagt und verurteilt, dass sie das tödliche Erdbeben von L’Aquila nicht vorhergesehen hätten – sondern dafür, dass sie in ihrer Kommunikation den Eindruck erweckt hatten, dass ein solches Beben nicht kommen werde. Dies fasst ein Leitartikel in der aktuellen Ausgabe von nature geoscience noch einmal gut zusammen. Die gleiche Position – dass das Versagen ein Versagen der wissenschaftlichen Kommunikation, und nicht der wissenchaftlichen Arbeit an sich war – hatte ich hier zwar auch schon vertreten (*schulterklopf*), aber es ist wichtig, dies nicht zu vergessen.

Denn letztlich geht es in allem, was wir hier tun – bei den ScienceBlogs ebenso wie bei unserer “eigentlichen” Arbeit, sei es als Forscher, als Journalisten, als Lehrer etc., immer darum, einen Weg zu finden, wie Wissenschaft und ihre Erkenntnisse sich vermitteln lassen. Wie schon gesagt, Kommunikationsfehler sind eher der Normalfall; zu glauben, dass die Adressaten die Botschaft stets genau so verstehen, wie sie der Absender beabsichtigt hatte, ist einer der häufigsten Irrtümer. Und Wissenschaft, mit ihrem Anspruch der Präzision und Formulierungsgenauheit, tappt in diese Falle nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer scheinbar so eindeutigen Präzision. Das ist nichts Neues, zugegeben – aber es ist nützlich, sich immer wieder daran zu erinnern. Und dazu hat das Editorial in nature geoscience gerade mal wieder die passende Vorlage geliefert. Vielen Dank!

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Kommentare (19)

  1. #1 Physiker
    1. Februar 2013

    So einfach ist es nicht. Joerg Zimmermann erklaert hier
    http://globalklima.blogspot.ch/2012/10/nachtrag-zur-richterschelte-das.html
    warum indirekt doch den Wissenschaftlern vorgeworfen wird, dass diese nicht hellsehen koennen.

    Ausserdem war einer der Hauptanschuldigungspunkte ja gerade Widerspruechliche Aussagen zum Risiko in der Region. So wird z.B. im verlinkten Science-Artikel dem Wissenschaftler Boschi vorgeworfen, er haette in einer Arbeit von 1995 ein 100 Prozent Risiko fuer ein starkes Beben in der Region innerhalb von 20 Jahren ermittelt – dieses Ergebnis aber verschwiegen.
    Ich bin dem gerade nachgegangen und musste feststellen dass dieser Vorwurf voellig absurd ist, denn in diesem Paper
    http://gaspy.df.unibo.it/paolo/ArticoliPaolo/39-Boschi_et_al_1995.pdf
    ergeben sich die hohen Wahrscheinlichkeiten (uebrigens auch 100 Prozent innerhalb von 5 Jahren – was ja definitv nicht stimmt) als Artefakt der zugrunde liegenden Annahme, dass die Ereignisse in der Region periodisch auftreten – was zumindest seit 1762 nicht der Fall war und weshalb diese Wahrscheinlichkeiten im Paper auch nicht woertlich zu nehmen sind.

  2. #2 Physiker
    1. Februar 2013

    Zusammengefasst wurden den Wissenschaftlern jede Menge wissenschaftlicher Vorwürfe gemacht, z.B.:
    – Einem Wissenschaftler wurde eine eigene missinterpretierte ältere (wenn nicht sogar veraltete) Publikation vorgeworfen (siehe oben).
    – Im Schlussplädoyer kam der Vorwurf, dass auch die Starkbeben von 1461 und 1703 sich durch Vorbeben angekündigt hätten und dass die Wissenschaftler darauf hätten hinweisen müssen, dass Vorbeben eben doch grosse Beben ankündigen können (was wissenschaftlicher Käse ist).
    – Angeblich hätten die Wissenschaftler auch falsche Aussagen zu Schwarmbeben gemacht.

  3. #3 roel
    *****
    1. Februar 2013

    @Physiker “dass Vorbeben eben doch grosse Beben ankündigen können (was wissenschaftlicher Käse ist).” Kannst du das bitte genauer erklären.

  4. #4 Sven Türpe
    2. Februar 2013

    Um Vorbeben Vorbeben nennen zu können, wird man ein Hauptbeben benötigen. Dann ist es aber zu spät.

  5. #5 roel
    *****
    4. Februar 2013

    @Sven Türpe es geht nicht um die Benennung, es geht darum, ob mehrere kleinere Beben ein größeres Beben ankündigen können.

  6. #6 Physiker
    4. Februar 2013

    @roel:
    Ich wüsste jetzt nicht, wie ich das genauer erklären kann. Es ist so wie Sven Türpe schrieb: Die Benennung “Vorbeben” ist irreführend – denn sie suggeriert, dass sich grosse Erdbeben durch kleinere vorausgehende Beben ankündigen. Aber genau das ist – soweit ich informiert bin – nicht der Fall, sonst könnte man ja Erdbeben vorhersagen.
    Davon kann man sich auch übrigens leicht selbst mit Wolfram Alpha überzeugen. Hier das Erdbeben 2009 von l’Aquila, dem nur ein Erdbeben der Stärke 4 in der Region vorausgegangen ist. Schaut man sich das Jahrzehnt davor an, stellt man fest, dass es ständig Erdbeben der Stärke 4 gab, ohne dass diese ein grösseres Beben angekündigt hätten. Es ist also genau so wie die Erdbebenforscher gesagt haben: Das Beben am Vortag hat das Risiko nicht erhöht. Die Entscheidung draussen zu Schlafen wäre irrational gewesen, weil ein Starkbeben an jedem Tag gleichwahrscheinlich war, völlig unabhängig davon, ob es vorher kleinere Beben gab oder nicht (es lassen sich nämlich im Schnitt genauso viele Starkbeben finden, die nicht ).

    Fazit:
    “Vor”beben gibt es streng genommen gar nicht (jedenfalls nicht im Rahmen dieser Zeitskalen), Erdbeben kann man nicht vorhersagen und passieren zufällig. Die Empfehlung der Forscher/Kommission wieder in die Häuser zu gehen (und einen Rotwein zu trinken) war ein Beispiel für eine gelungene Risiko-Kommunikation. Dass sich ausgerechnet in den darauffolgenden Tagen (also in Anschluss an ein Beben der Stärke 4) ein Starkbeben ereignen würde, dass in der Region im Schnitt nur alle paar hundert Jahre vorkommt (also in etwa so häufig wie in in der Kölner Gegend), konnte niemand vorhersagen. Es wäre ganz genauso wahrscheinlich gewesen, dass dem Starkbeben kein kleineres Erdbeben vorausgegangen wäre.

  7. #7 Physiker
    4. Februar 2013

    Fortsetzung des Statzes in der Klammer:
    [es lassen sich nämlich im Schnitt genauso viele Starkbeben finden, die nicht] durch ein kleineres Beben “angekündigt” wurden.

  8. #8 roel
    *****
    4. Februar 2013

    @Physiker Ja klar, weil ein Teil aller Starkbeben keine Vorbeben hat kann es keine Starkbeben geben, denen Vorbeben vorher gehen.

  9. #9 Physiker
    4. Februar 2013

    @roel:
    Was soll die Ironie?
    Wenn sich Starkbeben dadurch auszeichnen würden, dass es keine kleineren Beben vorher gäbe, dann könnte man ja diese Information zur eingeschränkten Vorhersage benutzen (analog wenn Starkbeben grundsätzlich immer kleinere Beben vorausgehen würden). Das ist aber nicht der Fall. Starkbeben sind zufällig und damit unvorhersagbar. Und deshalb ist auch die Handlungsempfehlung, nach kleineren Erdbeben draussen zu übernachten, irrational.

    Wie bereits erwähnt gibt es rund um Köln ähnlich häufig und ähnlich starke Erdbeben wie in der Gegend von l’Aquila. Wenn man aber nach jedem kleineren Erdbeben der Stärke 3-5 ca. 1-2 Wochen draussen übernachten würde (so wie es laut italienischem Anwalt einige Bewohner gewohnt wären), dann müssten Bewohner dieser Regionen (Abruzzen, Kölner Becken, Basel, etc.) ca. 1/3 der Nächte draussen verbringen – und das nur wegen Ereignissen, die im Schnitt alle paar hundert Jahre vorkommen. Die Investition in erbebensichere Gebäude und dass Glas Rotwein sind da die deutlich rationalere Handlungsempfehlung.

  10. #10 Physiker
    4. Februar 2013

    Das verheerende Erdbeben von Assisi 1997 ist übrigens ein Beispiel, in dem es in den vorausgehenden 1-2 Wochen überhaupt keine kleineren Erdbeben, d.h. “Vorbeben” gab.

  11. #11 Adent
    4. Februar 2013

    @roel
    Die Aussage kleine Beben (Vorbeben) können stärkere Beben vorhersagen ist wissenschaftlich wirklich Käse, da nicht dazu gesagt wird, mit welcher Häufigkeit oder wie wahrscheinlich es ist, daß a) ein kleines Beben vor einem Starkbeben kommt und b) wie oft ein Starkbeben auf ein kleines folgt oder c) in welchem zeitlichen Zusammenhang.
    Das ist in etwa so sinnvoll wie die Aussage nach Regen kann Sonnenschein kommen. Es kommt nämlich IMMER irgendwann Sonnenschein danach, und es kommt mit Sicherheit auch oft Schnee oder Hagel oder Bewölkung ohne Regen oder die Nacht direkt danach.

  12. #12 Physiker
    4. Februar 2013

    Um zu zeigen, dass die Vorwürfe zu den wissenschaftlichen Aussagen nicht aus der Luft gegriffen sind, hier die Zitate aus dem Science-Artikel:

    Barberi, who was the commission’s vice-president, is quoted in a draft version of the meeting minutes as saying that “a seismic sequence doesn’t forecast anything.”

    Dazu der Anwalt:

    Picuti pointed out during his summing up that L’Aquila’s 1461 and 1703 quakes were also preceded by foreshocks—and argued that the defendants knew this and should have taken it into consideration. “Why,” he asked, “didn’t another commission member say: ‘No, Professor Barberi, we can’t make such a definite statement; […]

    Fazit:
    Es wurde den Wissenschaftlern zur Last gelegt, dass sie nicht widersprochen haben, als der Kommisionsvizepräsident behauptet hatte, dass Schwarmbeben nichts vorhersagen. Die Vorwürfe gegen die Wissenschaftler waren z.T. also doch wissenschaftlicher Art. Ich finde den oben verlinkten Leitartikel deshalb misslungen.

  13. #13 roel
    *****
    4. Februar 2013

    @Adent http://scienceblogs.de/geograffitico/2013/01/31/risiko-kommunikation/#comment-17210 Einverstanden. Aber bei der Bevölkerung dort kam an, die kleinen Beben haben zur Entspannung beigetragen und ihr könnt am besten nach Hause gehen und ein Glas Rotwein trinken. Entsprechende Zitate google ich bei Bedarf. Und, dass das falsch war, merkte man zu spät.

  14. #14 Adent
    5. Februar 2013

    @roel
    Was bei der Bevölkerung angekomme ist, Deshalb vielleicht auch der Titel diese Threads 😉

  15. #15 Physiker
    5. Februar 2013

    @roel:
    Sie meinen wohl dieses Zitat:

    “The scientific community tells me there is no danger … because there is an ongoing discharge of energy. The situation looks favourable.”

    Beim ersten Teil dieser Aussage (“no danger”) kann es tatsächlich sein, dass die Experten-Laien-Kommunikation schief gelaufen ist – ich wäre aber trotzdem vorsichtig, nur nach diesen evtl. aus dem Zusammenhang gerissenen Sätzen zu urteilen.
    Wie dem auch sei, das sind jedenfalls keine Vorwürfe die den Wissenschaftlern zu machen sind (und wenn dann nur indirekt, wie im verlinkten vorausgehenden Artikel von Jürgen Schönstein erklärt), da sie vom “einzigen Nicht-Geophysiker der Kommission” stammen.

    Bei der Aussage, dass die vielen kleineren Beben zur Entspannung in der Region beigetragen haben, handelt es sich wieder um eine wissenschaftliche Frage. Ich könnte mir gut vorstellen dass es dazu unterschiedliche Meinungen gibt. Im Science-Artikel wird die Meinung präsentiert, dass diese Aussage “ein bisschen wie eine Urbane Legende” ist. Ich verstehe das so, dass solche kontinuierlichen kleineren Beben die Wahrschleinlichkeit für ein Starkbeben in der Region tatsächlich etwas reduzieren – aber eben nur minimal bzw. nicht quantifizierbar.

    Ich würde wirklich gerne mal eine Übersetzung der Urteilsbegründung lesen…

  16. #16 roel
    *****
    5. Februar 2013

    @Physiker Ich meinte diesen Sachverhalt: “Die sieben Mitglieder der Kommission für große Risiken waren am 31. März 2009 bei einem Treffen in L’Aquila zu dem Schluss gekommen, dass trotz einer Reihe von Erdstößen in der Region kein erhöhtes Risiko bestehe. Der damalige Vize-Direktor der Katastrophenschutzbehörde, Bernardo De Barnardinis, hatte in den Medien erklärt, es bestehe “keine Gefahr”. In einer besonders umstrittenen Äußerung riet er der Bevölkerung, sich bei einem Glas Wein zu entspannen.”

    Aus http://www.welt.de/vermischtes/article110126288/Lange-Haft-fuer-Seismologen-wegen-LAquila-Beben.html

  17. #17 Physiker
    5. Februar 2013

    @roel:
    Die Empfehlung, sich bei einem Glas Wein zu entspannen halte ich aus den bisher genannten Gründen für eine gelungene Risiko-Kommunikation – denn was hätte man sonst den Menschen empfehlen sollen, wenn ein Starkbeben genauso wahrscheinlich erst in mehreren hundert Jahren hätte eintreten können. Falls aus “kein erhöhtes Risiko” wirklich ein unmissverständliches “keine Gefahr” wurde, dann ist das die eigentliche Kommunikationspanne. Solange mir aber nicht das gesamte Protokoll vorliegt, vermute ich, dass das einfach nur ein aus dem Zusammenhang gerissenes Zitat ist, und den Menschen sehrwohl kommuniziert wurde, dass sie in einem Risikogebiet leben, in dem immer die (wenn auch geringe) Gefahr besteht von einem Starkbeben getroffen zu werden.

    Nochmal:
    Starkbeben sind nicht vorhersagbar. Die An- oder Abwesenheit von vermehrten kleineren Beben ändert kaum etwas an der Eintrittswahrscheinlichkeit. Analog ist auch das Ende des Maja-Kalenders mit keinem physikalisch denkbaren Weltuntergangsszenario korreliert. Ist jetzt den Wissenschaftlern (wie z.B. Florian Freistetter) die z.T. ja auch nichts anderes wie die italienischen Forscher empfohlen haben (nämlich Wein zu trinken und auf Parties zu gehen) nur deshalb nichts vozuwerfen, weil doch kein Weltuntergang stattfand? Oder hätten Wissenschaftler auf das wahrscheinlichste Weltuntergangsszenario (vermutlich ein Atomkrieg oder was auch immer) extra hinweisen müssen? Das was im einen Fall richtig ist, kann doch nicht im anderen Fall falsch sein – ansonsten würden wir es ja im wahrsten Sinne des Wortes dem Zufall überlassen, ob Wissenschaftler, die Risiken kommunizieren, verurteilt werden.

  18. #18 roel
    *****
    5. Februar 2013

    @Physiker “Starkbeben sind nicht vorhersagbar” Aber Bernardo De Barnardinis hat es so verstanden, dass die kleineren Beben zuvor zur Entspannung geführt haben. Entweder, die Wissenschaftler haben sich ihm gegenüber so ausgedrückt oder er hat es misverstanden oder erfunden. Wie auch immer, er sagte, man solle sich ruihg bei einem Glas Wein entspannen. Und kein Wissenschaftler hat ihm widersprochen. Wenn sie ein Starkbeben weder vorhersagen noch ausschließen können, sollten sie das auch verständlich darstellen und nicht der Bevölkerung eine Sicherheit vorgaukeln oder helfen diese vorzugaukeln.

    Dein Vergleich mit dem Maya Kalender hingt nicht nur sondern ist schon sehr makaber. Die Mayas haben nie einen Weltuntergang prophezeit.

    Und auch das passt nicht: “Das was im einen Fall richtig ist, kann doch nicht im anderen Fall falsch sein – ansonsten würden wir es ja im wahrsten Sinne des Wortes dem Zufall überlassen, ob Wissenschaftler, die Risiken kommunizieren, verurteilt werden.” Das Risiko wurde ausgeschlossen – “keine Gefahr”.

  19. […] der Behörden fahrlässige – Nicht-Vorhersage des Erbebens von l’Aquila zu jeweils sechs Jahren Haft wegen Totschlags verurteilt worden waren. Ob es wirklich ein kompletter Freispruch ist, kann ich auf der Basis dieses […]