Ich greife hier mal einen Gastkommentar auf, den der Kommunikationschef der VolkswagenStiftung, Jens Rehländer, in Focus Online veröffentlicht hat: “Not amused” – Wider den Englisch-Wahn an Universitäten.

So ganz grundsätzlich würde ich Rehländer dabei gar nicht widersprechen wollen, denn es ist zum Beispiel eine Tatsache, dass Englisch die primäre Sprache des Wissenschaftsbetriebs geworden ist. Und es ist eine Tatsache, dass es einem aus dem Ausland kommenden Studenten grotesk erscheinen muss, wenn er erst eine schwierige (?) deutsche Sprachprüfung ablegen muss, um in Deutschland studieren zu dürfen – um dann sein Studium selbst nur noch in Englisch absolvieren zu müssen. Hier gestehe ich, dass ich dies nur vom Hörensagen kenne.

Da ich erstens selbst meinen lehrenden Alltag in einer Zweitsprache absolvieren muss, und zweitens ein nicht unerheblicher Teil meiner Studentinnen und Studenten nicht mit Englisch als erster Sprache aufgewachsen sind, bin ich zu diesem Thema natürlich parteiisch. Zudem sehe ich eine gewisse Parallele in der Notwendigkeit des Englischen als gemeinsame Wissenschaftssprache zu dem Problem der Reproduzierbarkeit wissenschaftlicher Resultate. In beiden Fällen stellt sich die Frage, ob wissenschaftliche Ergebnisse auch dann noch Ergebnisse (und wissenschaftlich) wären, wenn sie für das Publikum nicht nachvollziehbar werden – und da ist es nur ein gradueller Unterschied, ob es der Zielgruppe dabei am Sprach- oder (in höchster Spezialisierung erforderlichen) Sachverständnis fehlt. Wenn ich eine Lösung für alle Probleme der Welt gefunden habe, sie aber in keiner relevanten Form mitteilen kann (ich übertreibe mal, wie man hoffentlich merkt) – ist es dann eine “Lösung”, oder wäre es für den Rest der Menschheit (und der Wissenschaft) ohne jede Relevanz? Das mag übertrieben klingen, denn selbstverständlich sind die “großen” Sprachen (naja, Englisch, Französisch, Portugiesisch, Italienisch, Hindi, Mandarin etc. halt) alles andere als obskur, aber andererseits findet die Peer-Review und die Publikation – und die ist nun mal der Maßstab der Wissenschaftlichkeit – zunehmend, in den meisten Fachgebieten sogar exklusiv, in englischer Sprache statt. Sich in der Sprache ausdrücken zu können, in der die Arbeit auch wahrgenommen wird, ist definitiv ein Vorteil.

Ich wurde zum Beispiel vor einigen Wochen von einer MIT-Bibliothekarin gefragt, ob ich für eine Doktorandin zwei deutsche Arbeiten über Strömungsforschung aus dem Deutschen ins Englische übersetzen könnte*, da diese Paper für die Arbeit der Studentin zwar wichtig, aber ob ihres Erscheinungstermins (um 1910 herum, wenn ich mich richtig erinnere) eben nicht in Englisch verfügbar sind. Was immer in diesen Arbeiten stand (Google Translate half ihr, sie zu finden, aber nicht sie zu lesen), war für sie erst einmal absolut unzugänglich.

Aber was ist mit Rehländers Argument, dass Wissenschaftlern durch den Zwang, sich in einer Sprache auszudrücken, die nicht die Sprache ist, in der sie aufgewachsen sind, die “Fachdiskussion verflacht”, weil Fremdsprachler ihren “Forschungsgegenstand niemals so differenziert und nuanciert beschreiben können wie in der Geburtssprache”. Das klingt auf Anhieb fast schon plausibel, und Rehländer zitiert sogar den Politikwissenschaftler Claus Leggewie, zu dessen akademischen Stationen auch Stopps an der New York University und der Université Paris-Nanterre zählen.

Aber stimmt das? Da halte ich gleich mit mehreren Argumenten dagegen:

1. Die wissenschaftliche Terminologie ist oft sehr spezialisiert, von einem eigenen Vokabular bis hin zur eigenwilligen Verwendung ansonsten gängiger Vokabeln (“Aneignung” heißt bei Geistes- und Gesellschaftswissenschaftlern beispielsweise etwas ganz anderes als für Juristen oder in unserem Alltags-Sprachgebrauch). Wissenschaftliche Ausdrucksweise zu lernen ist, im Prinzip, wie das Erlernen einer Fremdsprache; nennenswerte “Heimvorteile” durch die Sprache, in der man aufgewachsen ist, sind da – nach meiner Beobachtung in vier Semestern am MIT – nicht zu erwarten. Ich habe ebenso viele Studentinnen und Studenten, die trotz Englisch als erster Sprache nicht in der Lage sind, ein Konzept klar auszudrücken, wie Stundentinnen und Studenten aus asiatischen, afrikanischen oder lateinamerikanischen Heimatländern. Und das ist mehr als anekdotisch; immerhin habe ich pro Semester etwa 150 bis 200 Arbeiten zu begutachten, und rund zehn Prozent aller Undergraduate-StudentInnen kommen aus den Ausland. Und da sind die Studierenden der “Generation 1.5” (die mit ihren Eltern als kleine Kinder eingewandert sind und in US-Haushalten aufwachsen, wo Englisch nicht als erste SPrache gesprochen wird) noch nicht mal mit eingerechnet.

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Kommentare (25)

  1. #1 Thilo
    25. November 2013

    Punkt 1 würde ich auf jeden Fall unterstreichen. Wer sich mit einem Fach auf Forschungsniveau beschäftigen will, der muß ohnehin ständig neue Begriffe lernen und es macht eigentlich keinen Unterschied, ob er die nun in der Muttersprache oder einer Fremdsprache lernt.

  2. #2 Tantal
    25. November 2013

    Volle Zustimmung zu beiden Punkten.

    Publikationen, die nicht auf Englisch verfasst sind, spielen zumindest in meinem Fachbereich keine Rolle. Es kommt vielleicht ein, zwei Mal im Jahr vor, dass ich auf ein Paper zugreifen muss, dass vor etwas hundert Jahren auf Deutsch verfasst worden ist, ansonsten ist Englisch der Standard. Wer in anderen Sprachen publiziert nimmt bewusst in Kauf, in der Obskurität zu verharren (was ja auch eine Aussage über die Qualität der jeweiligen Arbeiten ist).

    Zur Verflachung hast du ja schon einiges gesagt. Dem sei vielleicht noch hinzugefügt, dass es schon immer Wissenschaftssprachen gegeben hat, sei es Latein, Griechisch, Arabisch, Deutsch oder eben Englisch.

  3. #3 HT
    25. November 2013

    “Aber in einem Punkt hat Rehländer sicher Recht: Es besteht, bei zunehmender Globalisierung der Fachsprache, eine Gefahr der Verflachung und sogar der Verfälschung – des Englischen! “

    Im Laufe der Zeit erfahren Begriffe ohnehin eine Bedeutungsverschiebung (z. B. hier oder hier ).

    “Korrekt wäre “juridical”, aber zahlreiche AutorInnen, vor allem – wie man an der URL erkennen kann, aus dem Ausland – haben diesen Fehler als scheinbar korrekt übernommen”

    Wie kommt es zu den zu den Unterschieden zwischen dem Englisch der Briten und US-Amerikaner? Irgendwer fing wohl damit an das “u” aus dem “behaviour” zu streichen und die letzten Buchstaben in litre/liter, fiber/fibre,… zu vertauschen. Ist die Amtssprache der US-Amerikaner weniger englisch oder sogar falscher als die der Briten? Irgendwann ist eben auch “juridicial” kein Fehler mehr, sondern eine alternative Schreibweise.

  4. #4 Frank Wappler
    http://juridical.is.to.juridicial--as.legal.exuberance.is.to.judicial.activism
    25. November 2013

    Jürgen Schönstein schrieb (November 25, 2013):
    > Aber in einem Punkt hat [der Kommunikationschef der VolkswagenStiftung, Jens] Rehländer

    Re- … who??

    > sicher Recht: Es besteht, bei zunehmender Globalisierung der Fachsprache, eine Gefahr der Verflachung und sogar der Verfälschung – des Englischen!

    Ein besonders naheliegendes Beispiel scheint die (zunehmende?) Verflachung des (ehemals?) wesentlichen Unterschiedes zwischen reproducibility (dt. “Nachvollziehbarkeit”) und replcability (dt. “Wiederholbarkeit”) …

  5. #5 Michel
    25. November 2013

    Ein besonders nette Kreation, die man nicht selten findet: “cancellated” statt “cancelled”.
    Aber was solls! Das Weltwissenschaftsenglisch hat wohl kaum Auswirkungen auf die Alltagssprache von Anglophonen? Hauptsache die Artikel werden verstanden.

  6. #6 Jürgen Schönstein
    25. November 2013

    @Frank Wappler #4
    Nachvollziehbarkeit ist eine wesentliche Eigenschaft von Wissenschaft – aber auch eine Eigenschaft, die Ihren Kommentaren generell zu fehlen scheint. Vielleicht hätten Sie mal die Freundlichkeit, die einzelnen Elemente des obigen Kommentars mit Anmerkungen zu versehen (tun Sie doch eh’ so gerne), die es dann erlauben, den Sinn zu entschlüsseln. Der Hinweis auf einen vermeintlich wesentlichen Unterschied zwischen “replicate” und “reproduce” (schau’n Sie einfach mal hier) ist mir beispielsweise nicht klar, denn in meinem, von Ihnen verlinkten, Beitrag ging es darum, dass damit sowohl die Nachvollziehbarkeit der Methode, also der Versuchsanordnung gemeint sein könnte, als auch die Nachvollziehbarkeit der Resultate, also des Versuchsergebnisses. Ihre vermeintliche semantische Differenzierung addressiert diese Frage absolut nicht.

  7. #7 rolak
    25. November 2013

    <Fußnote>

    Spiegelt ziemlich genau meine Gedanken in solchen Situationen wider, Jürgen – und für eine Wissenschaftssprache würde ich ebenfalls plädieren.

    Auch aus leidvoller Erfahrung – bei einem der ersten großen Programmier-Projekte, ua räumliche Darstellung der Meßwert-Gebirge über einer 2-Parameter-Ebene wurde aufgrund einer Erwähnung und des neugierig machenden abstracts in der Fernleihe eine Kopie der Arbeit bestellt. Für mein Gesicht beim Empfang der sehnlichst erwarteten Sendung hätte wohl Eintritt verlangt werden können, denn ausschließlich der abstract war Englisch, der Rest (zugegebenermaßen schön anzusehendes) Japanisch.

  8. #8 JPeelen
    25. November 2013

    Mir fällt die Seuche in der EDV ein, “physical” (im Sinne von körperlich) mit “physikalisch” zu übersetzen statt mit “physisch.” Auch ich sehe das Hauptproblem nicht darin, welche Sprache benutzt wird, sondern in der Vernachlässigung des präzisen Gebrauchs.

  9. #9 Alderamin
    26. November 2013

    Hab’ gerade mal Rehländers Text überflogen. An der TH, wo ich studiert habe, gibt’s ja jetzt auch Kurse in Englisch, um ausländischen Studenten das Studium bei uns zu erleichtern. Je länger ich darüber nachdenke, desto sinnvoller erscheint es mir, dass immer mehr Vorlesungen auf Englisch abgehalten werden. Nur so bekommt man gute Studenten aus dem Ausland, die potentiell bei uns einen Job suchen werden. Außerdem tut es den deutschen Studenten ebenfalls gut, mit Englisch konfrontiert zu werden, weil auch in der Industrie in der heutigen Zeit der Globalisierung zunehmend Englisch gesprochen wird.

    Dass das nicht völlig ohne Reibungsverluste geht, ist klar, wir sind ja alle keine englischen Muttersprachler. Was jedoch kein Argument ist, einsam in seiner eigenen Sprache weiter zu wursteln.

    Herr Rehländer sollte der alten Zeit also nicht hinterhertrauern. Früher war mal Deutsch die Wissenschaftssprache. Vorher war es Latein und davor Griechisch. Heute ist es Englisch. Die Zeiten ändern sich eben. Seien wir froh dass es (noch) nicht Chinesisch ist.

  10. #10 Frank Wappler
    http://there's.no.I.in.comment.prevue
    26. November 2013

    Jürgen Schönstein schrieb (#6, 25. November 2013):
    > […] in meinem, von Ihnen verlinkten, Beitrag ging es darum, dass damit sowohl die Nachvollziehbarkeit der Methode, also der Versuchsanordnung gemeint sein könnte, als auch die Nachvollziehbarkeit der Resultate, also des Versuchsergebnisses.

    Dort liest man aber (vor allem) von Wiederholbarkeit bzw. (vollendeten) Wiederholungen:

    Ist die Wiederholbarkeit des Experiments oder der Ergebnisse die Voraussetzung fuer Wissenschaftlichkeit?

    ,

    einen viele Milliarden Dollar teuren Teilchenbeschleuniger und die Arbeit tausender Forscher über mehrere Jahre hinweg – diesen Apparat und Aufwand kann man nicht so
    einfach nachbauen und wiederholen.

    , bzw.

    zu anderen Resultaten führen

    > […] vermeintliche semantische Differenzierung Konzentrieren wir uns (zunächst) mal auf

    “nachvollziehen” gegenüber “wiederholen”.

    Dann folgt (SWIV) die Betrachtung von Möglichkeiten, ausgedrückt durch den Zusatz “-bar(keit)”.

    Dann folgt (jedenfalls für mich) die jeweilige Übersetzung, bzw. die Auseinandersetzung mit den (englischen) Fachtermini, deren Definitionen ohnehin besonders gewürdigt und (etwa wie eine Fremdsprache) gelernt werden sollten.

    Wenn English native speakers “reproducibility” hören bzw. (zum Benennen eines Fachbegriffs) wählen, verstehen die das dann ganz sicher im Sinne von “reproduce, Variante 4”:

    4. To bring (a memory, for example) to mind again; recall.

    ,

    so wie man bei “nachvollziehen” eher “ans Denken” denkt, und weniger “ans (Nochmal-)Machen”?
    (Obwohl: dort steck ja andererseits “vollziehen” drin …)

    Ist vielleicht die (meine, und wohl
    nicht nur meine) Übersetzung untauglich, und man sollte vielleicht eher von “comprehensibility” sprechen (oder wer weiß was es noch an geeignet konnotierten Worten gäbe)?

    Jedenfalls gilt es zu unterscheiden zwischen:

    (1) “We must be able to tell our friends what we have done and what we have found/learned/learnt.”,

    (2) “Wir würden die uns mitgeteilte Versuchsanordnung gern nachbauen bzw. wiederholen.”,

    und

    (3) “Wir erwarten/hoffen/sorgen dafür, dass die Ergebnisse unseres Wiederholungsversuchs den anderen (uns eventuell ebenfalls schon mitgeteilten) Ergebnissen gleichen.”.

    Und auch:

    (4) “Wir sorgen dafür, dass die Ergebnisse unseres Wiederholungsversuchs den anderen, uns schon mitgeteilten Ergebnissen gleichen.”.

  11. #11 Frank Wappler
    http://smugness.is.not.a.good.quality
    26. November 2013

    Frank Wappler schrieb (#10, 26. November 2013):

    > […] Ist vielleicht die (meine, und wohl
    > nicht nur meine) Übersetzung untauglich, und man sollte vielleicht eher von
    > “comprehensibility” sprechen (oder wer weiß was es noch an geeignet konnotierten Worten gäbe)?

    > Jedenfalls gilt es zu unterscheiden zwischen:

    > (1) “We must be able to tell our friends what we have done and what we have found/learned/learnt.”,

    > (2) “Wir würden die uns mitgeteilte Versuchsanordnung gern nachbauen bzw. wiederholen.”,

    > und

    > (3) “Wir erwarten/hoffen/sorgen dafür, dass die Ergebnisse unseres Wiederholungsversuchs den anderen (uns eventuell ebenfalls schon mitgeteilten) Ergebnissen gleichen.”.

    > Und auch:

    > (4) “Wir sorgen dafür, dass die Ergebnisse unseres Wiederholungsversuchs den anderen, uns schon mitgeteilten Ergebnissen gleichen.”.

    Sollte stattdessen sein:

    Ist vielleicht die (meine, und wohl nicht nur meine) Übersetzung untauglich, und man sollte vielleicht eher von “comprehensibility” sprechen (oder wer weiß was es noch an geeignet konnotierten Worten gäbe)?

    [Jürgen Schönstein schrieb (#6, 25. November 2013):]
    > Nachvollziehbarkeit ist eine wesentliche Eigenschaft von Wissenschaft

    Jedenfalls gilt es zu unterscheiden zwischen:

    (1) “We must be able to tell our friends what we have done and what we have found/learned/learnt.”,

    (2) “Wir würden die uns mitgeteilte Versuchsanordnung gern nachbauen bzw. wiederholen.”,

    und

    (3) “Wir erwarten/hoffen, dass die Ergebnisse unseres Wiederholungsversuchs den anderen (uns eventuell ebenfalls schon mitgeteilten) Ergebnissen gleichen.”.

    Und auch:

    (4) “Wir sorgen dafür, dass die Ergebnisse unseres Wiederholungsversuchs den anderen, uns schon mitgeteilten Ergebnissen gleichen.”.

  12. #12 demolog
    27. November 2013

    Das eine Wissenschaftssprache, denen jeder folgt und jeder Teilnehmer beherrscht, sinnvoll und konkret vorteilhaft ist, ist unbestreitbar.
    Aber es ist damit auch festgelegt, dass der größte Teil der Bevölkerung kaum Zugang zu Wissenschaftsinhalten aus erster Hand erreicht/erlangt. Es ist im Zweifel das Englisch schon eine Fremdsprache und dann kommt noch die wissenschaftliche Terminologie dazu, was glaubhaft nahezu einer weiteren Fremdsprache gleichkommt.
    Es besteht nicht zwingend Bedarf an Zugang zu den Inhalten. Der Vorteil der Verfassung der wissenschaftlichen Arbeiten (auch) in Muttersprache besteht darin, dass dadurch recht leicht das Bildungsniveau der ganzen Bevölkerung gehoben werden würde, weil die Muttersprache konkreter verwendet wird und dadurch “im Gespräch”, also in Verwendung bleibt, sich ausbaut und pflegt – in der Folge auch nach “Unten” (bildungsferneren Szenen) in höherer Qualität ausbreitet. Die Anforderungen aus akademischer Verwendung zwingt den Sprachler auch außerhalb des akademischen Betriebs sie wahrzunehmen und zu verwenden. Wenn nicht fachlich, so steigt das allgemeine Bildungsniveau leichter, weil Sprachbandbreite auf großer Fläche “in Betrieb” ist.

    Ich empfehle also ziemlich dringend:
    Publikationen in Wissenschaftssprache und Muttersprache verfügbar zu machen.

    Eine globale Wissenschaftssprache ist entgegen der leicht anzunehmenden Deutung der Globalisierung dienlich, sondern abträglich, weil die Ausschliesslichkeit des Angebotes (in Englisch) leicht umgedeutet werden kann in ein Diktat; in den Zwang zum Globalem und zur Auflösung des Regionalen, dessen Teil und Grundlage der globale Gedanke sei.
    Die Problematik kennen wir aus der Europa-Politik, die sich anschickt (oder regional so empfunden), Nationalpolitik zur Regional- oder gar Kommunalpolitik zu degradieren. Die unweigerlich transportierte Ignoranz dem Teil des Ganzen gegenüber erzeugt sogleich Ablehnung dem Ganzen gegenüber und eben die damit erzeugte Entfremdung.

    Folge der notdürftigen Lösung der Europapolitik vs. Nationalpolitik ist: der europäische Verwaltungsapparat, der sich auch aus der Sprachproblematik ergibt. Der wiederum wäre vergleichbar mit dem Aufwand der Bereitstellung von wissenschaftlichen Publikationen in zwei Sprachen – jeweils von der Muttersprache des Wissenschaftlers gesehen.

    Angesichts “open Access” sei angemerkt, dass der dann wenig bringt, wenn, wie oben angemerkt, der interessierte Laie zusätzlich zur Fremdsprache Englisch, die der gerade wohl noch leidlich beherrscht, eben noch die Fachterminologie und deren gramatische Eigenarten als weitere Fremdsprache benötigt.
    Mir dünkt es aber, dass “open access” auch keine öffentliche Veranstaltung sei, sondern ein wissenschaftsinterner Diskurs und Projekt. Also die freie Öffentlichkeit (und somit allen Laien) damit gar nicht in Kontakt kommt – ohne für den nicht angemessene Gebühren zu entrichten – wenn überhaupt möglich sein wird.

    Wie auch immer. Ich erwarte durch muttersprachliches Publizieren einen allgemeinen Bildungszuwachs in der (Mutter)Sprache, weil der Verwendungsraum dadurch erweitert ist und genutzt wird – sich die Verwendung der Sprache in der den Wissenschaften angemessenen Qualität durch quantitative Gebrauchsmöglichkeiten und Verfügbarkeit die Sprache belebt und diese Belebung den Bildungszuwachs auf breiter Fläche erzeugt.
    Die Wissenschaftssprache Englisch ist davon in keiner Weise betroffen, in Gefahr oder ihre Nützlichkeit bezweifelt.

  13. #13 Jürgen Schönstein
    27. November 2013

    @Frank Wappler #10 #11
    Worum geht es? Es geht darum, dass bisher die Notwendigkeit, einen Versuch nachstellen (schon wieder ein neues Synonym, ich weiß – aber im Prinzip besagen alle das Gleiche), auch plausibel die Notnwendigkeit implizierte, dass dabei auch die gleichen Ergebnisse zu erzielen sind. Das halte ich zwar auch weiterhin für plausibel, beziehungsweise die Alternative, einen der beiden Aspekte (zum Beispiel die Notwendigkeit, dass – bei ansonsten gleicher Versuchsanordnung – auch gleiche Ergebnisse herauskommen müssen) abzuschaffen, für unvertretbar. Weil sich dann nämlich nicht mehr zwischen Resultaten und Schlamperei unterscheiden ließe. Doch genau diese Abschaffung bzw. Lockerung war der Tenor des Beitrags von Mina Bissell. Und diese Forderung/Anregung ist unabhängig von der Sprache, in die sie übersetzt wird, ebenso ist meine Ablehung derselben nicht davon abhängig, wie ich die Idee nun bezeichne.

    Das vorausgeschickt, ist mir also nach wie vor nicht klar, warum Sie mir hier “Verflachung” vorwerfen, und zwar von einem “wesentlichen Unterschied” reden, sich dann aber nur auf einen angeblichen Übersetzungs-/Unterscheidungsfehler meinerseits kaprizieren, den Sie weder belegen noch begründen können. Ihre Beispiele bestätigen eher, dass die Begriffe die gleiche Bedeutung haben und nur im Kontext anders interpretiert werden können – in genau jener Doppeldeutigkeit, die ich schon erwähnt habe. Und da werde ich auch nach wiederholtem Lesen der beiden (wiederholten) Kommentare, sowie aller früheren Kommentare Ihrerseits zu diesem Beitrag, nicht schlauer.

  14. #14 rolak
    27. November 2013

    warum Sie mir hier “Verflachung” vorwerfen

    Das ist, was soll er machen, seine Natur, er kann halt sowas nur und sonst gar nichts.

  15. #15 Frank Wappler
    http://giddyup.again
    27. November 2013

    Jürgen Schönstein schrieb (#13, 27. November 2013):
    > Worum geht es? […] der Tenor des Beitrags von Mina Bissell.

    Darum geht es offensichtlich Jürgen Schönstein dort. (So weit, so schön; Mina Bissells Beitrag ist ja sogar öffentlich.)

    Worum geht es mir hier, vor allem?:

    Um den Unterschied zwischen zwei (meines Erachtens in der Wissenschaft wichtigen) Begriffen, die man als Deutsch-Muttersprachler besonders deutlich am begrifflichen Unterschied zwischen den Worten

    “nachvollziehen” und “wiederholen”

    begreifen kann.
    (Oder zumindest sollte; denn falls jemand diese beiden Worte allen Ernstes als synonym zu verstehen meint, dann habe ich dem gar nichts mehr hinzuzufügen.)

    Und in Konsequenz und entsprechend dem Thema des hier vorliegenden ScienceBlog-Artikels geht es darum, ob und wie dieser Unterschied auf Englisch auszudrücken ist;
    oder ob Wissenschaft vielleicht auf eine differenzierte Nutzung dieser Begriffe doch nicht angewiesen wäre.

    > warum Sie mir hier “Verflachung” vorwerfen

    Nicht zuletzt deshalb, weil das (zunächst) einfacher erscheint, als sich z.B. mit Mina Bissell oder mit (irgendeinem Verantwortlichen und/oder Bereitwilligen bei) “PLoS ONE” zunächst überhaupt erst auf den Begriff “Verflachung” einigen zu müssen.

    p.s.

    > einen Versuch nachstellen […] dass dabei auch die gleichen Ergebnisse zu erzielen sind. Das halte ich zwar auch weiterhin für plausibel

    Schon mal von “unverträglichen Messoperatoren” gehört? …

  16. #16 Alderamin
    27. November 2013

    @demolog

    Wer wissenschaftliche Veröffentlichungen versteht, hat ein gewisses Bildungsniveau, das normalerweise auch Englisch einschließt. Darüber hinaus gibt es ja auch noch populärwissenschaftliche Darstellungen in den jeweiligen Sprachen für diejenigen, die beispielsweise mit physikalischen Fachpapieren nichts anstellen können (ich verstehe da als Informatiker mit 4 Semestern Physik im Nebenfach auch oft nur Bahnhof).

    Wissenschaft wird außerdem nicht zugänglicher dadurch, dass der Japaner in japanisch, der Chinese in Mandarin und der Deutsche in deutsch veröffentlichen, ganz im Gegenteil. Wenn alle Englisch benutzen, kann potenziell jeder die Veröffentlichungen aus jedem Land verstehen.

  17. #17 astroklaus
    27. November 2013

    Einige persönliche Erfahrungen dazu:
    In der Oberstufe sollte ich ein Referat über Cytologie halten und hatte dazu ein englisches Fachbuch. Wie beschrieben, war der linguistische Teil recht überschaubar, so daß das keine wesentlichen Schwierigkeiten aufwarf.
    Später in der Uni war der (Astronomie-)Professor sehr stolz darauf, daß er Vorlesungen und Seminare in Englisch abhielt. Ich habe öfter dagegengehalten, daß es doch sinnvoller sei, die Studenten über einen (englischen) Fachartikel in Deutsch referieren zu lassen. Bei der Betreuung und bei Nachfragen während des Vortrags war nämlich bei etlichen Studenten zu beobachten, daß sie Textpassagen einfach nur zitierten, ohne sie verstanden zu haben. (Auch der Professor konnte Fachvokabeln oft nur nach einigem Nachdenken in deutsche Begriffe übersetzen.)
    Bei der ersten Jahrestagung der deutschen Astronomischen Gesellschaft, bei der auch die Kolleginnen und Kollegen aus dem Osten teilnehmen konnten, war Englisch als Konferenzsprache neu eingeführt worden (zum Zwecke der Internationalisierung und der Hebung des Niveaus oder so). Daraus ergaben sich dann oft ausgesprochen groteske Situationen, da in der DDR die Wissenschaftssprache im Zweifelsfall Russisch war und nur wenige Englisch konnten. Zum Beispiel: Eine Doktorandin las ihren Vortrag noch einigermaßen passabel in Englisch vor, war aber mit den Rückfragen völlig überfordert, so daß dann ihre Doktormutter einspringen mußte – vor einem ausschließlich deutschen Zuhörerkreis!

  18. #18 Jürgen Schönstein
    27. November 2013

    Langsam wird’s albern, aber bitteschön:

    Um den Unterschied zwischen zwei (meines Erachtens in der Wissenschaft wichtigen) Begriffen, die man als Deutsch-Muttersprachler besonders deutlich am begrifflichen Unterschied zwischen den Worten

    “nachvollziehen” und “wiederholen”

    begreifen kann.
    (Oder zumindest sollte; denn falls jemand diese beiden Worte allen Ernstes als synonym zu verstehen meint, dann habe ich dem gar nichts mehr hinzuzufügen.)

    Leere Versprechungen, scheint mir. Es geht genau um die Vieldeutigkeit, die vielen Synonymisierungen, und auch als deutscher Mutter-, Vater- und Brudersprachler (wobei ich meine Cousinen, Cousins, Onkels, Tanten, Nachbarinnen, Schulkameraden, Lehrer und wen-weiß-ich-nicht-noch-alles, die mir beim primären Spracherwerb geholfen haben, hier aber nicht unerwähnt lassen will) sehe ich eine sehr starke Überlappung zwischen Begriffen wie nachvollziehen und wiederholen – wenn Sie ein Experiment wiederholen, ziehen Sie im Idealfall jeden einzelnen Schritt konzeptionell nach. Wenn Ihre Sprachkompetenz damit überfordert ist, entschuldige ich mich, aber ehe Sie anderen “Verflachung” vorwerfen, wo diese differenzieren und nuancieren, sollten Sie gelegentlich mal die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Sie etwas nicht verstehen wollen.

  19. #19 Frank Wappler
    http://was.ich.selber.denk.und.tu--trau.ich.zu.wolln.auch.andern.zu
    27. November 2013

    Jürgen Schönstein schrieb (#16, 27. November 2013):
    > […] sehe ich eine sehr starke Überlappung zwischen Begriffen wie nachvollziehen und wiederholen

    Ernsthaft? (Nicht geschludert?)

    Die beiden fraglichen Worte waren ja oben (#15, 27. November 2013) zur gefälligen Referenz mit Links zu entsprechenden Einträgen in einem “freien Wörterbuch” versehen; hier Auszüge zur (nochmaligen, oder möglicherweise auch erstmaligen) ernsthaften Ansicht:

    nachvollziehen (Deutsch)
    Bedeutungen:
    [1] Geschehenes oder von anderen Überlegtes selbst durchdenken, so dass man es verstehen kann
    Sinnverwandte Wörter:
    [1] begreifen, durchdenken, nachempfinden, überdenken, verstehen
    Oberbegriffe:
    [1] denken

    gegenüber

    wiederholen (Deutsch)
    Bedeutungen:
    [1] etwas [zum] zweiten oder mehrfachen Male, erneut tun, durchführen, stattfinden lassen

    Starke Überlappung?
    Tendenziell synonym??

    (Das ließe sich mit meiner Sprachkompetenz wahrhaftig nicht vereinbaren, und schlösse für mich eine weitere Beteiligung hier aus.)

    > wenn Sie ein Experiment wiederholen, ziehen Sie im Idealfall jeden einzelnen Schritt konzeptionell nach.

    Bestimmt. Aber doch nicht umgekehrt:
    Man kann ein Experiment (samt seinen Ergebnissen) nachvollziehen, ohne es dafür selbst nochmals durchziehen zu müssen.
    Zumindest im Idealfall dass Freunde einem gewissenhaft mitteilten, was sie bei ihrer eigenenDurchführung getan und gefunden haben.

  20. #20 demolog
    27. November 2013

    Na, schon recht. Eine Wissenschaftssprache macht Sinn. Aber es kann eben nicht “potentiel” jeder die Inhalte verstehen. Ebenso potenziel nur, wie Kleinstkinder laufen können, bevor sie laufen gelernt haben.

    Das mit den populärwissenschaftlichen “Darstellungen” vergessen wir bitte schnell. Die sind zwar unterhaltend, aber wenig konkret und aufschlußreich, wenns ans Detail geht.

    Doch, Wissenschaft wird zugänglicher, wenn sie in Muttersprache gelesen werden kann. Der Aufwand die Fachterminologie hinzu zu lernen, ist geringer, als bei der Fremdsprache – auch wenn diese dann womöglich in Englisch sind. Jeweils nur in dem eigenen Sprachraum.
    Zudem war meine Intention, das sich die Sprache dabei produktiver entwickelt und sich so nach “unten” (etwa in die Hauptschulen) aufdrängt, weil von “Oben” mehr Kompetenz durchsickert. Sprache muß verwendet werden. Und je mehr sie breiter und kompetenter verwendet wird, desto viraler kann sie wirken.
    Und noch was ist unterschwellig relevant:
    Der Mensch hat jeder für sich eine begrenzte Kapazität verfügbar. Ist diese mit Fremdsprache belegt, mangelt es an Bandbreite – bei jedem. Das gilt allerdings nur für besondere Höchstleistungen und Grenzbereiche. Im Alltäglichen (also im Mainstream-Betrieb) macht es sich nicht bemerkbar. Was eine Frage der Ansprüche sei, die ans Subjekt gestellt werden.

  21. #21 demolog
    27. November 2013

    k-abo

  22. #22 demolog
    27. November 2013

    @alderamin #17

    “Wer wissenschaftliche Veröffentlichungen versteht, hat ein gewisses Bildungsniveau, das normalerweise auch Englisch einschließt.”

    Ja, derzeit – und das ist meine Kritik – braucht es muttersprachliche Englischkenntnisse, um Wissenschaftspublikation lesen zu können. Die besitze ich nicht und werde sie wohl nicht mehr erwerben können. Was nun? Derzeit warte ich darauf, dass was in Deutsch in verfügbare Medien gelangt. Das ist wie Ostern jeden Tag. Keine tolle Strategie – so kann man auch ein Leben verbringen und am Ende wohl feststellen, dass man es umsonst verbracht hat, weil der Input gering/unpassend war.

    I´m not amused. Neuerdings.
    Das es immer wissenschaftssprachen gab, ist kein Grund, es weiterhin ausschliesslich dabei zu belassen und Sprachunkundige damit systematisch auszuschliessen.

    Wir müssen wohl auch über Bildung reden. Woher kommt die? Möglicherweise auch durch Bildungsmöglichkeiten (wie hinreichend deutsches Material)?
    Alternativ klingt es schlüssig, Deutsch als Sprache abzuschaffen, damit das Problem nicht entstehen kann. “Günstigerweise” gegen Englisch austauschen, damit eben das Deutsche nicht zur Pöbelsprache verkommt – das wäre ja jämmerlich.
    Reden wir drüber – denn es wäre die zwingende Lösung.

  23. #23 demolog
    27. November 2013

    Wie passend zum Thema Sprache:

    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/silicon-demokratie/kolumne-silicon-demokratie-englisch-reicht-voellig-aus-12682077.html

    Englisch reicht völlig aus.

    „kognitiver Mehrwert“ vs. virale Leitkultur.

  24. #24 Tantal
    28. November 2013

    @demolog

    Wissenschaftliche Veröffentlichungen richten sich in erster Linie an andere Wissenschaftler, die im gleichen Feld arbeiten. Um solche Arbeiten wirklich verstehen zu können muss man sowohl die Fachterminologie beherrschen, als auch ein solides Grundlagenwissen im entsprechenden Fach haben. Beides sind Hürden, die deutlich schwieriger zu überwinden sind als fehlende Sprachkenntnisse – ausreichendes Englisch um eine Fachpublikation zu lesen ist meines Erachtens nach Allgemeinbildung, ein guter Überblick über aktuelle Forschung typischerweise eher nicht. Ich habe keinerlei Probleme, Artikel innerhalb meines Fachs schnell zu lesen und zu verstehen, ausserhalb meines Fachs schaffe ich das bei Primärliteratur so gut wie gar nicht, unabhängig von der Sprache.

    Der Sinn einer Veröffentlichung ist, wahrgenommen zu werden. Wer muttersprachlich publiziert reduziert die Wahrnehmbarkeit seiner Publikation auf internationaler Ebene nahezu auf null; zudem haben muttersprachliche Journals bis auf wenige Ausnahmen ein sehr geringes Ansehen. Die Publikation in englischsprachigen Journals ist kaum zu vermeiden, es sei denn man legt keinen Wert auf Karriere, Anerkennung, oder überhaupt darauf bemerkt zu werden.

    Im Übrigen glaube ich nicht an ein “Durchsickern” von Sprachkompetenz aus wissenschaftlichen Publikationen hin zum Sprachgebrauch an Hauptschulen. Wissenschaftliche Artikel machen einen verschwindend geringen Prozentsatz an der gesamten Textproduktion eines Landes aus, Wissenschaftler sind nicht per se sprachbegabter als der Rest der Bevölkerung, und der Austausch zwischen akademischer Fachliteratur und Schulhofsprache ist mit hoher Sicherheit inexistent.

  25. #25 archaeopterix
    1. Dezember 2013

    Im Studium hatte ich eine Vorlesung die den Erwerb von Fachterminologie im englischen wirklich unterstützte: Der Prof hatte, als Interessenten für eine Hauptstudiumsvorlesung, 3 Studis die im englischen Master studierten und 4 Studis die das deutsche Diplom erwerben wollten. Ob dieser Zahlen hatte er keine Lust seine Vorlesung zweimal zuhalten und hat sie auf Englisch gehalten und ein zweisprachiges Tafelbild für uns deutsche Studis gemacht. 🙂