Vielleicht erinnern sich manche LeserInnen noch an Nathan Myhrvold? Bis Ende der 90-er Jahre war er der Technologiechef und Gründer der Forschungsabteilung bei Microsoft, und seitdem ist der studierte Physiker (laut seinem offiziellen Lebenslauf hatte er als Postdoc mit Stephen Hawking an der Quantenfeldtheorie gearbeitet) so eine Art wissenschaftlicher Hansdampf in allen Gassen. Und diesen Dampf hat er nun in die Dinosaurierforschung gelenkt: In der aktuellen Ausgabe von PLoS ONE hat Myhrvold ein Paper veröffentlicht, das wissenschaftliche Resultate zu den schnellen Wachstumsraten von Dinosauriern nachgerechnet (und nicht bestätigt) hat: Revisiting the Estimation of Dinosaur Growth Rates. Auf seiner eigenen Website hat er zudem einen kurzen Beitrag dazu eingestellt, in dem er die Ergebnisse zusammenfasst. Und wenn ich diesen Artikel in der heutigen New York Times richtig verstanden habe, dann unterstellt Myhrvold dem Paläobiologen Gregory M. Erickson von der Florida State University sogar Datenfälschung: In einem Brief an mehrere Fachpublikationen habe er das Problem als “konsistent mit wissenschaftlichem Fehlverhalten, das bei eventuell daraus resultierenden Ermittlungen eine Rolle spielen sollte” bezeichnet.

Spannende Sache. Und dass Myhrvold durchaus kompetent ist, Datenanalyse im grossen Umfang zu betreiben, halte ich fuer plausibel. Aber die Frage, die mich beschäftigt ist: Ist das eine der Schattenseiten von Open Access – oder genau der Weg, den wir damit einschlagen wollen? Denn einerseits ist Myhrvold natürlich kompetent genug, um Datenanalyse auf wissenschaftlichem Niveau zu betreiben. Aber andererseits ist er kein Paläontologe, sondern – wie die New York Times in ihrer Schlagzeile zu dem oben verlinkten Artikel schrieb – ein “Hobbyist”, jemand, der diese Forschung als Spass betreibt. Sollte seine Stimme (vor allem, wenn sie sich, wie es aus den NYT-Artikel erscheint, gegen einen einzelnen akademischen Forscher ausspricht, dessen Fehler vielleicht nur war, sich dem Hobbyforscher nicht hilfreich genug gezeigt zu haben) das gleiche Gewicht haben wie die der akademischen Fachwelt? Oder ist diese Art von “Open Science” vielleicht doch zu “offen”?

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Kommentare (4)

  1. #1 Manuel Landesfeind
    Göttingen
    17. Dezember 2013

    Nach meinem Empfinden ist dies doch genau einer der Sinne von Open Access. Jeder Interessierte – und damit auch Nicht-Vollzeit-Wissenschaftler – hat die Möglichkeit, wissenschaftliche Aussagen zu überprüfen. So lange seine Arbeit wissenschaftlichen Standards genügt, ist seine Stimme genau so viel Wert wie die eines jeden anderen Menschen.

    Haben Erikson et al. Fehler oder gar Datenfälschung begangen so ist es auch nur Recht diese an zu prangern. Vielleicht finden sich ja weitere Wissenschaftler, die die Daten ebenfalls noch mal durch rechnen und eine der Meinungen bestätigen können.

    Wissenschaft lebt von Streit und Diskurs – egal von wem er angestoßen wird.

  2. #2 regow
    18. Dezember 2013

    Kann ja nicht schlecht sein, wenn es jetzt zu einer Gegendarstellung des Angegriffenen kommt.
    Das schärft ja nur die Argumentation und vielleicht wird es dann auch für den interessierten Laien besser verständlich.

  3. #3 Frank Wappler
    http://scienceblogs.de/geograffitico/2011/03/09/kochen-wie-im-labor/#comment-7292
    18. Dezember 2013

    Jürgen Schönstein schrieb (Dezember 17, 2013):
    > Nathan Myhrvold […]
    > Sollte seine Stimme […] das gleiche Gewicht haben wie die der akademischen Fachwelt? Oder ist diese Art von “Open Science” vielleicht doch zu “offen”?

    Offenheit ist immer Offenheit gegenüber den (ansonsten) Gewichtslosen.

  4. #4 chris
    18. Dezember 2013

    Um den Hobbyforscher nun kritisieren zu können, wird wohl sein dargelegtes Ergebnis aufgearbeitet werden müssen. Und dabei sollte man davon absehen, Formfehler zu bemängeln, um vom Inhalt abzulenken.

    Ein anderes Problem sei, dass tatsächlich Privatforscher kein Ansehenhaben. Allein ihre Abwesenheit von einer Institution und/oder der Mangel anerkannter Qualifikation in der Disziplin gilt hier als beweis für seine Inkompetenz. Das es sich hierbei um einem recht bekannten handelt, der sich anschickt seine Ergebnisse gegen die anerkannte Disziplin zu stellen, ist da nur ein besonderer Ausnahmefall, der dazu führt, dass überhaupt jemand hinhört.