Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – klingt im Prinzip ja ganz simpel und überzeugend. Und in der Diskussion um den so genannten Gender Pay Gap, also der Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen, wird diese simple Formel gerne dahingehend aufgelöst, dass Frauen eben nicht die gleiche Arbeit wie Maänner leisten, den anders wäre diese Differenz – in Deutschland verdienen Frauen im Schnitt 22 Prozent weniger als Maänner, etwa so wie in den USA (dort verdienen Frauen durchschnittlich 77 Cents für jeden Dollar, den ein Mann in der Lohntüte vorfindet) – in einer so aufgeschlossenen Gesellschaft nicht erklärbar. Oder? In der Tat ist ein Teil dieser statistischen Lücke dadurch zu füllen, dass Frauen zu einem anderen – typischer Weise größeren – Prozentsatz in Berufen arbeiten, in der auch Männer keine großen Gehaltserwartungen haben dürfen (die Pflegeberufe gelten hier immer als das Musterbeispiel). Aber das erklärt immer noch nicht, warum Frauen dann auch innerhalb des gleichen Berufsfeldes, bei voller Tätigkeit, deutlich weniger verdienen als Männer. Als Beleg für letztere Behauptung erst mal eine Grafik aus einem Beitrag der aktuellen New York Times, der hier auch als Blogbeitrag online zu lesen ist:
GenderPayGap
Die Harvard-Ökonomin Claudia Goldin, die diese Zahlen ermittelt hat, belegt in einer Studie mit dem Titel A Grand Gender Convergence: Its Last Chapter, die in der aktuellen Ausgabe der American Economic Review erschienen ist und die auch auf Goldins Webseite direkt abrufbar ist, dass diese Differenz nicht einfach nur eine Umsetzung unterschiedlicher Arbeitsleistung in Entlohnungsdifferenzen ist: In Branchen wie der Finanzwirtschaft, aber auch in Anwaltskanzleien oder bei Ökonomen (!) wird ein überproportionaler Bonus für lange Arbeitszeiten gezahlt: Wer bereit ist, 70 oder 80 Stunden wöchentlich in seinem Büro zu verbringen, dem (ich benutze hier nicht ohne Absicht die männliche Form) winken Aufstiegsschancen und bessere Bezahlung, auf die Stunde umgerechnet.

Na und? könnte man jetzt sagen. So ist das halt: Wer länger arbeitet, leistet auch mehr und muss daher für seinen größeren Beitrag zum Firmenerfolg auch stärker entlohnt werden. Und das sei ja nicht vom Geschlecht abhängig, sondern eine Entscheidung eines jeden und einer jeden. Nix mit Diskriminierung und so …

Aber da gehe ich mal einen Schritt weiter als Goldin, die zwar generell dafür plädiert, dass eine genderneutrale Flexibilisierung der Arbeitszeit (wie sie in einigen Branchen, die sie auflistet, darunter den Apothekern, bereits erreicht sei) ein gutes Instrument zur Reduzierung des Gender Pay Gap sei, ansonsten aber nicht bezweifelt, dass all die rund um die Uhr aktiven Manager, Banker, Außenminister etc. tatsächlich ihr Geld wert seien.

Dem halte ich mal ganz anekdotisch entgegen. Und natürlich weiß ich, dass Anekdoten niemals Daten ersetzen können, aber sie sind zumindest mal geeignet, Denkanstöße zu geben. Ich habe im Laufe meines Lebens auch schon den einen oder anderen 70-Wochenstunden-Job gemacht, und noch mehr 70- bis 80-Wochenstündler aus unmittelbarer Nähe beobachtet. Und ich weiß, dass sie keineswegs ein Vielfaches an Arbeitspensum dessen leisten, was “normale” Arbeitnehmer in 40 (oder meinetwegen nun auch 35) Wochenstunden schaffen. Wie gesagt, geht es hier jetzt mal nur darum, wie produktiv die Zeiteinheiten verwendet werden – nicht darum, dass ein Vorstandsvorsitzender größere Verantwortung trägt und blablabla. Anders gesagt: MUSS man in leitender Position 70 oder 80 oder mehr Stunden “arbeiten” – oder ließe sich das gleiche Pensum auch in der Hälfte der Zeit erledigen? Und da behaupte ich, auf der Basis der Erste-Hand-Erfahrung: Oftmals ist die Zeit nur “Showtime”, auch “Schausitzen” genannt. Diese Zeitspannen dienen nicht unbedingt dazu, Arbeit zu erledigen, sondern sie sind soziale Displays, wie das Pfauenrad oder der Gesang der Nachtigall. Sie zeigen an, dass jemand hier “wichtig” ist und dafür einen höheren sozialen Rang einfordern kann. Sicher, das ist mit Opfern verbunden (wie im Tierreich ja auch – der Pfauenhahn hat an seinen Federn enorm zu schleppen) – aber diese Opfer sind trotz allem eher sympbolisch.

Falls hier nun CEOs mitlesen und protestierend auf ihren Terminkalender deuten, in dem noch um neun Uhr abends eine Telefonkonferenz mit Los Angeles (oder was auch immer) eingetragen ist: Ich bestreite nicht, dass die Zeitpunkte im Tagesgeschäft je nach Branche und Position anders verteilt sein können – aber die Zeitspannen, an denen man(n) produktiv ist, dehnen sich damit nicht in gleichem Maß aus. Es gibt immer viel Leerlauf. Und der könnte, bei flexiblerer Gestaltung, auch flexibler genutzt werden. Letztlich ist die längere Arbeitszeit sogar unproduktiver: Weil Arbeit auf mehr Zeit verteilt wird, und Leistung die Arbeit pro Zeiteinheit ist, bedeutet dies eigentlich sogar eine geringere Leistung, die mit solchen überproportionalen Gehältern entlohnt wird.

Und ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Das ist ein gewolltes, ein bewusst so etabliertes System. Nicht zuletzt – und ab hier ist es zugegebener Maßen reine Spekulation – um Frauen aus dem Club der “Leistungsträger” auszuschließen. Denn ob es nun biologisch bedingt ist (was ich bezweifle) oder eben doch eher eine rein soziale Konvention: Die Sorge um Familienangehörige, seien es Kinder oder Pflegebedürftige, ist eine Verantwortung, die immer noch vorwiegend den Frauen zugeschoben wird. Und sie ist in aller Regel unvereinbar mit den langen – zu langen! – Arbeitszeiten, die als die Messlatte für die Befähigung zum Erfolg verwendet werden. Und zwar unabhängig davon, ob sie nun wirklich mit Leistung gefüllt oder nur als Symbole zur Schau gestellt werden.

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Kommentare (45)

  1. #1 PDP10
    24. April 2014

    “Anders gesagt: MUSS man in leitender Position 70 oder 80 oder mehr Stunden “arbeiten” – oder ließe sich das gleiche Pensum auch in der Hälfte der Zeit erledigen? […] Oftmals ist die Zeit nur “Showtime”, auch “Schausitzen” genannt. Diese Zeitspannen dienen nicht unbedingt dazu Arbeit zu erledigen, sondern sie sind soziale Displays, wie das Pfauenrad und der Gesang der Nachtigall.”

    Amen!

    Kann ich aus meiner (natürlich auch nur anekdotischen) Erfahrung als IT-Berater so unterschreiben. Mit doppelt unterstrichen.

    “Und ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Das ist ein gewolltes, ein bewusst so etabliertes System. Nicht zuletzt – und ab hier ist es zugegebener Maßen reine Spekulation – um Frauen aus dem Club der “Leistungsträger” auszuschließen. “

    Das wiederum glaube ich allerdings nicht.

    IMHO ist das ein (vom Geschlecht unabhängiges) “Eliten”-Bildungssystem. (Bilden im Sinne von “Schaffen”).
    Wer zu diesem Arbeitszeitwahn nicht von Anfang an bereit ist und seine Arbeit eben mal in 45 statt 80 h erledigt, gehört eben nicht dazu.
    Und kommt als zukünftiges Mitglied / Mitgliedin der Elite eben nicht in Frage.
    Und warum nicht?
    Weil man das “eben hier so macht”.

  2. #2 PDP10
    24. April 2014

    Nachtrag:

    Möglich, dass Frauen tatsächlich eher durch dieses Raster fallen als Männer …
    Vielleicht weil sie sich wirklich pragmatischer um ihre Arbeit kümmern, als ums Pfauenradschlagen.

  3. #3 Phil
    25. April 2014

    Wenn hier schon mit Anekdoten angefangen wird (scienceblogs und so), dann kann ich meine ja auch schildern: Wenn bis zum nächsten Morgen etwas fertig sein muss, dann sind es immer die Männer, welche bis tief in die Nacht rein arbeiten.

    Es gibt im mittleren Management sehr viele Wichtigtuer, welche einfach nur ihre Zeit absitzen, aber von denen, welche wirklich arbeiten, bis sie umfallen, ist mir noch nie ein Frau untergekommen.
    Ja, Frauen machen auch Überstunden, sorgen jedoch schnell dafür, dass ihnen dann ein Teil der Arbeit abgenommen wird.

  4. #4 Radicchio
    25. April 2014

    “eine Verantwortung, die immer noch vorwiegend den Frauen zugeschoben wird”

    Und die sie sich zuschieben lassen.

  5. #5 norbert
    25. April 2014

    Ich musste auch schon das ein oder andere Mal Abends und auch Wochenend sehr lange im Büro bleiben, um Dinge fertig zu machen, die keinen Aufschub geduldet haben. Sei es, weil mit Zuarbeitende nicht fertig geworden sind, sei es, weil auf anderen Kontinenten auf meine Arbeit gewartet wurde, um damit weiter zu arbeiten.

    Solche Situationen gibt es, und wird es auch zukünftig geben.

    Gaaaaanz selten (bisher erst ein Mal) ist es eine Kollegin, die Freitagabend bis 23:00 bleibt und am kommenden Morgen von 5:00 bis 11:00 das Zeug fertig macht. Fast immer sind es Kollegen,die solche Aufgaben erledigen.

    Warum das so ist kann ich nicht sagen (nicht alle Frauen haben eine Familie Zuhause, um die sich gekümmert werden will). Aber für mich ist es nachvollziehbar, dass in der nächsten Führungsebene soetwas honoriert wird.

  6. #6 frank quednau
    25. April 2014

    Ich weiß nicht, ob jene Studie darauf eingeht, aber ich habe mal von einer anderen Studie gelesen, in der es darum geht, dass Frauen in Lohnverhandlungen bescheidener auftreten als Männer, was dann auch Einfluss auf den pay gap hat.

  7. #7 Adent
    25. April 2014

    @Phil und Norbert
    Okay, Anekdoten kann ich auch liefern, ich kenne in meinem näheren Umfeld mehrere Frauen, die 80 Stunden und mehr die Woche arbeiten, beide haben keine Kinder zu versorgen was ziemlich direkt wieder Jürgens Anekdote bestätigt. Weiterhin habe ich während meiner Doktorarbeit und Postdoczeit selten mehr als 50 Stunden die Woche gearbeitet wohingegen andere in der gleichen Gruppe und in anderen Gruppen im gleichen Fachbereich zwischen 60-80 Stunden “anwesend” waren. Geschafft haben die selten mehr, obwohl sie ja pro Woche 10-30 Stunden mehr gearbeitet haben, seltsam oder nicht?

  8. #8 Scharmane
    25. April 2014

    Von den 22% Gender Pay Gap in Deutschland bleiben nach dem Herausrechnen von Arbeitszeit, Qualifikation und Position noch 7% übrig (Destatis). Die Aufschlüsselung nach den unterschiedlichen Berufen finde ich aber auch sehr gut. Leider weiss ich nicht, ob es sich auf bereinigte oder ungereinigte Daten bezieht. Kannst du dazu noch was sagen?

  9. #9 Havok
    25. April 2014

    Hier noch einmal ein Artikel auf heise.de zum Thema:

    http://www.heise.de/tp/artikel/41/41312/1.html

    Fand ich ganz interessant.

  10. #10 Hobbes
    25. April 2014

    Das erinnert mich immer an Leute die statistisch 5 mal sterben. (Raucher, Alkoholiker, arbeitet mit Asbest, hat Dauerstress und stirbt an Lungenkrebs)

    Ich kann mich noch an eine Studie erinnern die aussagte das ab 1,90m Körpergröße alle weiteren 2cm einen % mehr Lohn ausmachen.
    Dann macht selbstbewusstes Auftreten ebenfalls mehr Lohn aus. (Und es ist auch erwiesen das sich Männer eher überschätzen und Frauen eher unterschätzen. War glaube ich vor kurzem sogar noch auf SB)
    Dann eine Studie die gesagt hat das Igor weniger verdient als Hans. Das wurde als Rassismus gewertet. (der zum Teil auch rein spielen wird) Aber es wurde nicht zwischen Bartolomäus und Victor verglichen. Denn meine Überlegung war, das man jemanden dessen Name man bei einer anderen Person schon kennt automatisch und unbewusst mit dieser Person verbindet. Und da der deutsche Firmenchef wohl mehr Hans als Igors kennen wird hat der Hans gleich einen besseren Start. Auch wird er wahrscheinlich mehr Männer als Frauen (gut) kennen.

    Das sind alles Faktoren, genau wie der “lange arbeiten” Faktor, die zum Gender-Pay-Gap führen.
    Sicherlich ist das unschön und gerade bei Körpergröße und Selbstüberschätzung hat das Gehaltsplus nichts mit Leistung zu tun. (Auch was Produktivität bei langer Arbeitszeit angeht würde ich Jürgen recht geben)
    Aber es ist eben auch keine Diskriminierung. Es sind unbewusste Einflussfaktoren. Natürlich ist so etwas auch eine Art passive Diskriminierung. Aber kann es gesellschaftliche Aufgabe sein das zu unterbinden? Das käme im Endeffekt ja einem Sympathieverbot gleich.
    Sicherlich ist es ein Zeichen von Professionalität wenn man sich durch diese Sachen nicht beeinflussen lässt, aber wie sehr ein Personaler auf sein Bauchgefühl hört ist ja seine Sache.

    Anstatt zu versuchen unser denken so zu verbiegen das es eine künstliche Gleichheit erzeugt fände ich es besser wenn man das Augenmerk darauf richtet das den Leuten bewusst wird das eine zu große Häufung der Faktoren eben für Blendertum steht.

    Wenn meine Bank also nur über 2 Meter große Hans und Franz eingestellt hat, die alle ein wahnsinns Ego haben, dann sollte ich mir einfach bewusst sein das hier jede menge “populismus” am arbeiten ist und wahrscheinlich weniger Kompetenz. Ein solches Bewusstsein fände ich 1000 mal sinniger als irgendwelche Quoten oder Binnen-Is
    (Soll kein Strohmann sein, ich weiß das das hier nicht gefordert wurde.)

  11. #11 Eheran
    25. April 2014

    “Und ich gehe sogar noch einen Schritt weiter: Das ist ein gewolltes, ein bewusst so etabliertes System. Nicht zuletzt – und ab hier ist es zugegebener Maßen reine Spekulation – um Frauen aus dem Club der “Leistungsträger” auszuschließen.”

    Wieso ist es dann nicht überall so, wenn irgendwelche Männer diese Interessen haben würden können sollen (wieso auch immer…)?

    #8, Scharmane:
    Danke, dass du die Birnen von den Äpfeln getrennt hast 😉

  12. #12 Stefan
    25. April 2014

    Die Zeitschrift “Arbeit und Wirtschaft” (Arbeiterkammer Österreich, also von der gesetzlichen Interessensvertretung der ArbeitnehmerInnen in Österreich), gibts dazu ein paar gute Texte.

    Hier ein Bild über bezahlte und unbezahlte Arbeit von Frauen und Männern: http://blog.arbeit-wirtschaft.at/wp-content/uploads/2013/10/AuW-Grafik.gif

    Zeit = Geld = Macht, http://www.arbeit-wirtschaft.at/servlet/ContentServer?pagename=X03/Page/Index&n=X03_1.a_2010_02.a&cid=1266586429415

    Geschlechtergerechtigkeit: Die einäugige Wirtschaftspolitik, http://blog.arbeit-wirtschaft.at/geschlechtergerechtigkeit-die-einaeugige-wirtschaftspolitik/

    Arbeit anders bewerten und verteilen, http://blog.arbeit-wirtschaft.at/arbeit-anders-bewerten-und-verteilen/

    Im Reich der Männer, http://blog.arbeit-wirtschaft.at/im-reich-der-maenner/

    Wenn Zeit zu Geld wird – Das Spannungsfeld bezahlte und unbezahlte Arbeit, http://blog.arbeit-wirtschaft.at/wenn-zeit-zu-geld-wird-das-spannungsfeld-bezahlte-und-unbezahlte-arbeit/

  13. #13 miesepeter3
    25. April 2014

    …und noch `ne Anekdote:
    In einer Baufirma, genauer gesagt, in einer Baubetreuungsgesellschaft, die haben keine eigenen Bauarbeiter, lassen nur Subunternehmer bauen, war die erste Dame (Büroleiterin, Auftragsvergeberin, was auch immer) jeden Tag 12 – 14 Stunden im Büro, trotz Familie mit einer Tochter. Und sie hat nicht getrödelt bei der Arbeit. Sie hatte das höchste Salär im Unternehmen, mal abgesehen vom Geschäftsführer. Es gibt also auch Frauen, die sich diesem Fron unterwerfen. Aber nach meiner Erfahrung bekommen nur wenige die Chance, sich derart engagieren zu können. Da “spielen” die Machos lieber unter sich.

  14. #14 KaRa
    25. April 2014

    Wenn Frauen im Vergleich zu Männern für die gleiche Arbeit grundsätzlich schlechter bezahlt werden, müssten die Arbeitgeber dann nicht (gerade in der heutigen Zeit, in der Kostenersparnis solch eine große Rolle spielt) nur noch Frauen einstellen? Warum sollten sie die teueren Männer einstellen, wenn sie doch die gleiche Leistung von billigeren Frauen haben könnten? Ein Unternehmer der dies erkannt hätte, könnte seine Waren/Dienstleistungen billiger anbieten, hätte mehr Gewinn und der Vorsprung vor der Konkurrenz wäre enorm.Die Unternehmer sind auf dem Gebiet der Gewinnmaximierung entweder plötzlich vollkommen blind, oder die Situation der Lohndiskriminierung besteht nicht.

  15. #15 Definition
    25. April 2014

    @letzten Absatz
    Diese Vermutung hab ich so ähnlich auch schonmal gehabt. Gut, dass du das hier mal so explizit formuliert hast. Da ist vermutlich viel mehr dran als die meisten Leuten wahr haben wollen oder sich bewusst sind.
    Überhaupt verdient man als Manager und in so manch anderen Berufen aber auch generell einfach zu viel.

  16. #16 Stefan W.
    http://demystifikation.wordpress.com/2014/04/24/weiser-sonntag/
    26. April 2014

    Das ist ein gewolltes, ein bewusst so etabliertes System. Nicht zuletzt – und ab hier ist es zugegebener Maßen reine Spekulation – um Frauen aus dem Club der “Leistungsträger” auszuschließen.

    Ich würde da diametral widersprechen – auch, zugegebenermaßen, Spekulation – und behaupten, dass, auch wenn es Frauen ausschließt, oder besser: Mütter, das nicht das Ziel ist.

    Es gibt aber viele Männer denen geht die Familie auf den Keks, und die sind lieber in der Firma, als zu Hause. Das ist natürlich ein Tabu, und darf nicht zugegeben werden, aber Frauen ausschließen zu wollen – da fragt man sich: wozu?

    Arbeitsplätze mit der Aussicht auf viele Überstunden sind aber für Frauen, die Mutter werden wollen, generell unattraktiv.

    Das System ist aber generell nicht bewusst und geplant. Es hat sich aus dem entwickelt was vorher da war, und ständig wechseln die Bedigungen, und nie setzt sich eine große Planungskommission an einen großen Tisch um die Marschrichtung der nächsten Jahre festzulegen, sondern ständig sind viele Aktuere und Organisationen mit divergierenden, konfligierenden, konkurrierenden und unklaren und unbewussten Interessen am Werk, und deren Einflüsse ändert die Bedingungen ihres eigenen Handelns (meistens nicht).

    Die Dampfmaschine wird erfunden und ändert das Wirtschaftsleben in einigen Jahrzehnten komplett, ähnlich die Elektrizität. Ebenso der Computer. Die Folgen konnte niemand vorraussehen – allenfalls partiell.

    Dass männliche Manager bei Mercedes ihre Aktivitäten in Solidarität mit männlichen Managern bei BMW gestalten und bei Aldi und bei der dt. Bank – das halte ich für ausgeschlossen.

    Außerdem hat natürlich kein Markt- und Politikteilnehmer vollständige Information. Dass in 60 statt 40 Stunden nur 30% mehr Arbeit erledigt wird halte ich für denkbar, aber für kaum beweisbar. Beim Sandschippen oder am Fließband sind solche Werte messbar, aber wie misst man leitende Tätigkeiten? Und hat man Alternativen (etwa mehr Leute einstellen, was ja billiger wäre)?

  17. #17 s.s.t.
    26. April 2014

    Das ist ein gewolltes, ein bewusst so etabliertes System.

    Na, da hält sich wenigsten der öffentliche Arbeitgeber ‘raus. Der bezahlt seine Angestellten und Beamten streng nach Tarif, egal ob w. oder m. In Bereichen dort, in denen Schichtdienst, Bereitschaft etc. gefordert wird, haben allerdings Frauen mit Kindern die schlechteren Karten.

  18. #18 Earonn
    26. April 2014

    Dass die Gender Pay Gap geringer sei, weil halt viele Frauen in schlechter bezahlten ‘typischen Frauenberufen’ arbeiten, ist m.E. nur eine Verschleierungstaktik.

    Warum sind es denn oft die ‘typischen Frauenberufe’, die schlechter bezahlt werden (obwohl Pflegerinnen auch schwer heben, Hebammen mehr Verantwortung tragen – nämlich für Menschenleben – als jeder BMW-Bereichsleiter und Grundschullehrerinnen für unsere Gesellschaft bestimmt wichtiger sind als Investmentbanker)?
    Naja, weil es ja ‘nur’ Frauenarbeit ist, die weniger wert ist, weil von Frauen gemacht, weshalb Frauen weniger wert sind, weil sie ja Frauenarbeit machen usw. usf.

    Zweitens: man braucht nicht nur die ‘richtige’ Berufsausbildung. Man muss auch eingestellt werden. Die Ausbildung oder das Studium im hochbezahlten Beruf X nutzt ja wenig, wenn die Frauen danach arbeitslos sind. MIr reichten die anderthalb Jahre Sozialhilfe nach der Ausbildung jedenfalls, darum bin ich dann ins ‘frauentypische’ Büro zurückgegangen.

    Und letztens werden oft Frauen gezeigt, die sich in ‘Männerberufen’ ‘durchgebissen’ haben. “Seht ihr, Frauen? Es ginge, ihr müsstet nur genug darum kämpfen. Wenn ihr das nicht macht, ist es eure Schuld.”
    Aber warum sollte ich mich ‘durchkämpfen’ *müssen*? Warum sollte es okay sein, dass ich etwas mit viel Mühe erreichen kann, dass mein Kumpel mit weniger Mühe bekommt? Warum sollte es okay sein, dass ich schon Kraft und Nerven für einen Job aufbringen muss, ehe ich darin den ersten Handschlag getan habe?
    Das gilt natürlich umgekehrt auch für Männer, die in ‘Frauenberufen’ arbeiten wollen. Warum sollte es für einen Mann erreichbar aber schwer sein, Kindergärtner zu werden?

    Letztlich kommt aber eh die anarchische Seite in mir hoch und ich würde für eine viel stärkere Angleichung der Gehälter stimmen – über alle Berufe hinweg. Aber das ist OT.

  19. #19 Hobbes
    26. April 2014

    @Earonn:
    Völlig falsch, die Grundlagen für das (unfaire) Lohngefälle zwischen den Berufen liegt nur an 3 Faktoren.
    1. Wertschöpfung
    2. Angebot und Nachfrage
    3. Nähe zum “Geld”
    Während 1 völlig zu recht das Gehalt hebt und es bei 2 meistens auf lange Sicht fair ist, ist es bei 3 das was die Sache unfair macht.
    Bsp. BWLer gegen Ingenieur.
    Der BWLer wird mehr verdienen obwohl sein Studium leichter ist und seine Wertschöpfung, zumindest auf Deutschland bezogen, geringer. Aber er sitzt näher am Geld (Weiter oben in der Hierarchie oder eben im Finanzsektor).

    Das dies Phänomen Geschlechterunabhängig ist kann man gut am Maklerberuf sehen. Ein völlig überbezahlter Job der von Frauen dominiert wird.

    Das Problem ist, das die typischen Frauenberufe eben die sozialen Berufe sind. Und die stehen in allen 3 Punkten nun einmal ganz am ende. Zwar ist Pflege für den Betroffenen zwar der höchste Wert, für die (Wirtschaft)Gesellschaft ist dieser allerdings eher nebensächlich, da diese sich davon keine Rendite erhoffen kann.

  20. #20 Earonn
    26. April 2014

    @Hobbes
    Hm, Angebot und Nachfrage? Sollten dann nicht die EInkommen in den arg gesuchten Pflegeberufen durch die Decke gehen?

    Und inwieweit sagen wir mal “Abteilungsleitung Mahnwesen” größere Wertschöpfung betreibt als “Bäcker” ist mir auch nicht klar.

  21. #21 Hobbes
    26. April 2014

    “Abteilungsleitung Mahnwesen” sitzt wieder näher am Geld als ein Bäcker.
    Über die Wertschöpfung lässt sich natürlich streiten. Ohne funktionierendes Mahnwesen würde immenser Schaden entstehen. Allerdings würde ich auch bei weitem nicht behaupten das wir mit den aktuellen Auswüchsen ein funktionierendes Mahnwesen haben. (Da habe ich aber zugegeben keinen Überblick und nur die (nicht repräsentativen) Skandale vor Augen)

    Und so gesucht sind die Pflegeberufe auch nicht. Gesucht werden lediglich billigere Pflegekräfte. Da wird versucht die Qualifikation runter zu schrauben um das Angebot zu vergrößern damit man das Gehalt weiter drücken kann. (Was selbstverständlich eine Schweinerei ist)
    Zudem steht “Pflegekraft” außerhalb des Krankenhauses ganz unten in der Nahrungskette, weshalb die Marktmechanismes nur extrem langsam greifen.
    Anders sieht es zum Beispiel gerade beim Rettungsdienst aus. Da wurden die Richtlinien verschärft und durch den Wegfall vieler älterer steigen die Gehälter dort in den letzten Jahren extrem. Von 2012 bis 2016 wird hier in der Region das Gehalt um etwa 80% steigen. (Nachdem es zuvor extrem gesunken ist.)

  22. #22 rolak
    26. April 2014

    ich gehe sogar noch einen Schritt weiter

    Da gehe ich mit — und will nicht sehen, denn es war schon genug davon zu sehen

  23. #23 Earonn
    26. April 2014

    Au wei, was wäre nur gewesen, wenn ich jetzt nicht gerade Mahnwesen erwähnt hätte, sondern eine andere gehobene Position? Es sei denn, mit ‘nahe am Geld’ ist immer auch ‘nahe am Chef’ gemeint.

    Nun, den EInfluss der marktwirtschaftlichen Faktoren will ich gar nicht leugnen. Natürlich greifen die auch.Und ich wollte auch nicht den Eindruck erzeugen, das gesamte Thema könne in einem 3-Punkte-Traktat abgehandelt werden.
    Aber es ist eben nicht nur die Marktwirtschaft. Sondern eben auch der unterschiedliche Blick auf die Geschlechter.

  24. #24 Earonn
    26. April 2014

    Nachtrag:
    Hm, marktwirtschaftliche Prinzipien gelten doch überall, oder? Dann sollten die Unterschiede doch auch halbwegs gleich groß sein? Es sollte Abweichungen dort geben, wo Frauenarbeit gefördert oder behindert wird, aber der größte Teil müsste in etwa dieselbe Differenz aufweisen. Was jedoch nicht der Fall ist.

  25. #25 KaRa
    27. April 2014

    Warum verdienen Selbständige Frauen 44 % weniger als selbständige Männer?
    Laut Mikrozensus 2008 erwirtschaften selbständige Männer ein durchschnittliches Monatsnetto von 3.080 Euro und selbständige Frauen eines von 1.730 Euro. Aus den Einzeldaten errechnet sich eine jährliche Einkommen­steuer­leistung der Männer von 30,0 Mrd Euro und der Frauen von 5,2 Mrd Euro pro Jahr.

  26. #26 s.s.t.
    27. April 2014

    @KaRa

    Warum verdienen Selbständige Frauen 44 % weniger als selbständige Männer?

    Weil es vielleicht unterschiedliche Berufe sind? “Selbstständigkeit” ist übrigens kein Beruf.

  27. #27 Earonn
    27. April 2014

    @KaRa
    Mich verwirrt der Hinweis auf die größere ‘Einkommenssteuerleistung’ bei Männern. Was wollten Sie uns damit sagen?

  28. #28 Ketzer
    27. April 2014

    Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, das ist auf einem Arbeitsmarkt so unvermeidlich wie gleicher Preis für gleiches Benzin. Der Preis ergibt sich aus Angebot und Nachfrage. Zeigen die Preise systematische Unterschiede, so muss es dafür objektive und wirtschaftliche relevante Ursachen geben. Diese Ursachen können in geografischen Marktstrukturen liegen (der Benzinpreis schwankt regional; getankt wird in der Nähe), vor allem aber in der Produktqualität, wobei die Unterschiede nicht offensichtlich sein müssen (Superbenzin is teurer als Normalbenzin). Jeder Gas Pay Gap lässt sich vollständig mit solchen Tatsachen erklären. Man darf nur nicht den Fehler machen, relevante Unterschiede mit groben Kategorien wegzuabstrahieren und etwa die unterschiedlichen Preise für “Kraftstoff” zu beklagen. Es gibt kein gewolltes, bewusst so etabliertes System dahinter.

  29. #29 Earonn
    27. April 2014

    @Ketzer
    Genau! Noch niemals wurde irgendwo, irgendwann, irgendjemand von einem anderen ausgenutzt (Frau oder Mann). Die Welt ist in Ordnung, jawollja!
    Aber danke, dass Sie uns an Ihrer Weisheit teilhaben lassen und die Frage so endgültig beantworteten. Wir können uns nun alle anderem zuwenden… ^^

  30. #30 Ketzer
    28. April 2014

    @Earonn

    Du möchtest eine genderabhängige Ausnutzbarkeit postulieren? Nur zu. Um die Diskussion abzukürzen: Wenn Aldi für Wurst und Käse systematisch weniger Geld bekommt als Rewe, ist das dann ein Supermarkt Pay Gap und die Kunden nutzen Aldi aus?

  31. #31 Roland B.
    28. April 2014

    Nicht die Kunden nutzen Aldi aus, Aldi nutzt Lieferanten und Mitarbeiter stärker aus als edeka und Co.
    Ich denke aber, daß man Einkäufe, die täglich wechseln können, nicht so ohne weiteres mit Berufen und deren Bezahlung, also langfristigen Erscheinungen, in einen Topf werfen kann.

  32. #32 Merowech
    28. April 2014

    Die 22 % haben sich in das journalistische Gedächtnis eingebrannt. Die bekommt man so schnell nicht weg. Unglaublich.

    Zitat BPW Germany:

    “Zieht man die erklärbaren Prozentpunkte von den 22 Prozent ab, erhält man den so genannten bereinigten Gender Pay Gap. Der bereinigte Gender Pay Gap lässt sich nicht auf erklärbare, strukturell unterschiedliche arbeitsplatzrelevante Merkmale zurückführen. Das bedeutet, dass Frauen auch bei gleicher Qualifikation und Tätigkeit je Stunde weniger verdienen als Männer. Für den bereinigten Wert des aktuellen Gender Pay Gap liegen noch keine aktuellen Zahlen vor. Er lag nach einer Mitteilung des Statistischen Bundesamts von März 2012 bei durchschnittlich 8 Prozent. “

    Quelle: Equalpayday.de

    Im weiter oben zitierten Telepolis Artikel steht das auch nochmal, aber ich bevorzuge die Originalquelle 😉

  33. #33 Ralph
    28. April 2014

    Könnte ein Teil des verbleibenden Gaps mit dem ‘Risiko’ Arbeitsausfall durch Schwangerschaft erklärt werden?
    Der Gap müsste dann in Ländern mit Regelungen die weniger zu Lasten des Arbeitgebers gehen tendenziell etwas geringer sein.

  34. #34 Ralph
    28. April 2014

    @ #29 Earonn

    Marktwirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten sollten durchaus bedacht und diskutiert werden. Ich finde das geschieht viel zu wenig und wenn, dann zu emotional.
    In #33 habe ich es mal ansatzweise versucht.

  35. […] ein schneller Nachtrag zu meinem Posting über den Gender Pay Gap, und darüber, dass “gleiche Leistung” keineswegs immer als wirklich gleiche Leistung […]

  36. #36 Earonn
    3. Mai 2014

    @Ketzer
    Ich bezog das nicht nur auf das Geschlecht. Wenn Ihre Behauptung wahr wäre, gäbe es ja nirgendwo Benachteiligung. Nicht gegen ‘Ausländer’ (oder Deutsche mit dem Vornamen Ahmed), nicht gegen Menschen mit Behinderung, nicht gegen Arbeitnehmer über 45…. Und doch berichten auch die Angehörigen dieser Gruppen von Benachteiligungen. Sind das alles Menschen, die bloß die Marktwirtschaft nicht verstehen? Dann wäre der Arbeitsmarkt so ungefähr das einzige System, das wirklich nur logisch und ohne menschlichen Schwächen funktioniert.

    Und wieso ist dann der Gap in verschiedenen Ländern unterschiedlich groß? Müßte er nicht viel kleiner sein, weil die Marktwirtschaft überall gleichen Gesetzen folgt?
    Das sieht auf der Karte hier
    http://www.weforum.org/issues/global-gender-gap
    aber nicht so aus. Da scheint die Stellung der Frau in der Gesellschaft oder die Ansichten der Gesellschaft zum Sozialen generell doch eher eine Rolle zu spielen.

    @Ralph
    Meinen Sie, dass die Gap darauf zurückzuführen ist, dass Arbeitnehmerinnen ausfallen, oder dass Frauen auf Grund des ‘Schwangerschaftsrisikos’ schlechtere Karrierechancen bekämen?

  37. #37 Ketzer
    10. Mai 2014

    @Earonn:

    Wie unterscheidest Du Benachteiligung von Differenzierung? Der Marktpreis eines Produkts hängt von einer Vielzahl einzelner Faktoren sowohl auf der Angebots- wie auch auf der Nachfrageseite ab. Preisdifferenzen zwischen vermeintlich gleichwertigen Produkten haben irgendeine Erklärung, die nicht notwendig offensichtlich sein muss. Wenn wir Preisdifferenzen beobachten und eine Erklärung dafür finden, welche Erklärungen sollen als Benachteiligung gelten und welche nicht?

  38. #38 Trottelreiner
    11. Mai 2014

    @Ketzer:
    Nur ist der Arbeitsmarkt höchsten sehr begrenzt ein Fall von freiem Wettbewerb; es handelt sich nämlich eher um eine extreme Oligopsonie

    http://en.wikipedia.org/wiki/Oligopsony

    eventuell sogar um ein Monopson

    http://de.wikipedia.org/wiki/Monopson

    die Beide beide Fälle von “inperfect competition” sind.

    Wenn’s also bitte alle mit “Ökonomie für Dummies”, AKA BWL aufhört und das Ganze etwas besser analysiert…

  39. #39 Ketzer
    11. Mai 2014

    @Trottelreiner:

    (1) Ist das so? Stehen Akademikern nicht vielfältige Nachfrager gegenüber, denen sie ihre Arbeitskraft verkaufen können? Um gut ausgebildete Schlauköpfe reßen sich doch alle, zumal sie flexibel einsetzbar sind. Der größte deutschstämmige Softwarekonzern trägt beispielsweise den Spitznamen Sammelstelle arbeitsloser Physiker. Ich würde eine Oligopsonie eher am anderen Ende des Ausbildungsspektrums vermuten. Überspitzt: Wer nur Burger braten kann, hat die Wahl zwischen einigen Fast-Food-Ketten.

    (2) Falls es trotzdem so ist, welche Auswirkungen wären zu erwarten? Erforderlich wäre insbesondere eine Erklärung dafür, dass Unternehmen, zumal in einer für sie komfortablen Marktsituation, die höheren Löhne der Herren zahlen. Wenn Frauen denselben Job billiger machen, warum würde ein Unternehmen dafür mehr als nötig ausgeben, nur damit ein Mann am Schreibtisch sitzt? Müsste das Einsparpotenzial nicht gerade im Umfeld der Financial Specialists schnell auffallen?

  40. #40 Trottelreiner
    12. Mai 2014

    @Ketzer:
    Naja, grundsätzlich ist es ja schön, welches Vertrauen den Finanzdienstleistern auch nach x Bankenpleite und Herabstufungen der Zahlungswürdigkeit eines Landes (wohlgemerkt bei weiterbestehendem Triple-A für die USA) noch entgegengebracht wird, und da sag noch wer, das Religion in unserer skeptischen Zeit keinen Platz mehr hat… 😉

    Ansonsten, wenn alle arbeitslosen Physiker bei einem bestimmten Unternehmen landen, wäre gerade das ein Monopson, während man beim Burger-Braten wenigsten noch diverse Ketten, den Dönerladen um die Ecke etc. zur Auswahl hätte. Wobei es sogar Chemiker geben soll, die bei einer solchen landen, allem Anschein nach ist der Bedarf in Kolumbien gedeckt, äh. Aber lassen wir das, ganz grundsätzlich stehen auf dem Arbeitsmarkt viele Anbieter (Arbeitnehmer) wenigen Abnehmern (Arbeitgebern) gegenüber, das mag verschieden ausgeprägt sein, vielleicht gibt es bei Akademikern ein geringeres angebot, aber dafür auch eine geringere Nachfrage an entsprechend qualifizierten stellen, die dann auch noch bei wenigen Arbeitgebern konzentriert sind. Was alleine für sich schon nahelegt, das es sich um keinen perfekten Markt handelt.

    Dieser ist, ähnlich wie der homo economicus, der Neue Sowjetmensch oder die kugelförmige, innerlich homogene reibungslose Kuh des Ingenieurs zunächst einmal ein Modell, das nur unter bestimmten Annahmen funktioniert. In der Realität hakt es insbesonder öfters an der Symmetrie der Information.

    Um auf das Beispiel Gender-Gap zurückzukommen, eine Lösung für das Problem bezüglich der Motivation des Arbeitgebers wäre eben dessen Bereitschaft, Überstunden zu leisten, was auch recht einfach zu quantifizieren ist. Wahrscheinlich klappt es sogar halbwegs, nur fallen dann eben Leute, die sehr motiviert sind, aber andere Verpflichtungen, z.B. Familie, hindurch, obwohl sie eventuell gerade durch diese Verpflichtungen auf lange Sicht motivierter wären als relativ ungebundenes Personal, das schon etliche neue Bewerbungen auf dem Weg hat. Ein weiteres Problem ist, das Überstunden auch ein Symptom einer schlechten Planung oder mangelnder Leistungsfähigkeit sein können (ich erinnere mich zumindest an eine Firma deren Chef das bezüglich des IT-Services so sah). Es gäbe natürlich Wege, diese Fehleinschätzung zu umgehen, aber grundsätzlich haben wir hier einen schönen Ansatz für “market failure”.

    Und dann bringt der Status Quo auch noch über Haloeffekt, Rationalisierungen, die Vermeidung kognitiver Dissonanzen etc. eine schöne Selbstverstärkung mit sich, dergestallt das

    a) die Arbeit ranghöherer oder besser bezahlter Mitarbeiter ähnlich wie die Intelligenz optisch ansprechender Individuen grundsätzlich als besser betrachtet wird

    b) man bei billigen Angeboten erwartet, das diese eine schlechtere Qualität haben und entsprechend das teurere Angebot wählt, mit dem Ergebnis, daß der Preis des billigeren Angebotes noch weiter fällt

    c) man bei einer teureren Investition natürlich keinen Fehler gemacht haben möchte und entsprechend nach Bestätigungen sucht

    etc. ad nauseam.

    Lustigerweise sollen solche Prozesse BTW gerade bei Handelnden, die sich für besonders rational halten, was meiner Erfahrung nach bei einem Großteil der “Wirtschaftsexperten” der Fall ist besonders ausgeprägt sein.

    Kurz und gut, auch wenn man es von schlechten Wirschaftswissenschaftlern immer vorgepredigt bekommt, Märkte kommen häufiger zu einem für eine Seite ineffizienten Ergebnis als man denkt. Für die andere Seite hingegen…

  41. #41 Ketzer
    12. Mai 2014

    @Trottelreiner:

    Die Bereitschaft zur Mehrarbeit ist ein objektives und im bestehenden Arbeitsverhältnis auch messbares Unterscheidungsmerkmal. Ungleiches Arbeitsverhalten erklärt ungleiche Bezahlung. Oben sehen wir Daten über die ungleiche Bezahlung zweier Gruppen. Die Gruppeneinteilung erfolgte willkürlich nach einem für sich genommen bedeutungslosen Merkmal. Möglicherweise fänden wir ähnliche Effekte bei Gruppeneinteilungen nach Haarfarbe, Körpergröße, Lebensalter, Familienstand oder Fast-Food-Konsum.

    Ein Erklärungsansatz wäre, dass individuelle Verhaltensunterschiede mit dem jeweiligen Merkmal korreliert sind, aus welchen Gründen auch immer. Die Bezahlung als abhängige Größe ist es dann natürlich auch. Der andere Erklärungsansatz geht von der Annahme aus, dass unerklärte Mechanismen eine ungerechtfertigte Diskriminierung nach dem jeweils betrachteten Merkmal hervorrufen, während die Leistung in Wirklichkeit dieselbe sei.

    Der zweite Erklärungsansatz schweigt sich darüber aus, wieso die Preisunterschiede je nach Beruf mal höher und mal niedriger ausfallen oder sogar ganz verschwinden. Er macht auch keinen Vorschlag, wo man nach den Ursachen suchen sollte.

  42. #42 Trottelreiner
    12. Mai 2014

    @Ketzer:
    Wie schon gesagt, ein objektives Unterscheidungsmerkmal wofür? Es ist ja schön und gut, eine Meßgröße zu haben, aber wenn diese nichts ausdrückt, ist das nur “cargo cult science”.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Cargo-Kult-Wissenschaft

    Im Zweifelsfall zeigt die Bereitschaft Überstunden zu machen eben nur an, daß man wie diverse Trekkies kein Leben hat. Welche Probleme sich mit dem Verzicht auf einen für viele Menschen unverzichtbaren Teil ihres sozialen Lebens als einzigem Unterscheidungsmerkmal ergeben, kann dir sicherlich die RKK mit dem Zölibat erklären.

    Und die Tatsache DAS man Überstunden leisten muß zeigt im Zweifelsfall nur an, das man eine schlechte Arbeitsaufteilung hat.

    Ganz allgemein würde ich mir zum Thema Überstunden und ihrer extremen Form des “death marches” diesen Artikel zu Gemüte führen:

    http://www.antipope.org/charlie/blog-static/2014/01/you-are-an-athlete-how-to-surv.html

    Ein objektives Unterscheidungsmerkmal wäre z.B. die Arbeitsleistung. Wobei es auch da Manipulationsmöglichkeiten gäbe, z.B. bei einer Bewertung nach Quantität Leute, die sich immer die einfachsten Aufträge raussuchen, bei einer Bewertung, die die Qualität miteinbezieht Leute, die sich besonders schwierige Aufträge heraussuchen und weitere Aufträge vernachlässigen etc.

    Andere Frage: Wenn der Markt immer zu der Leistung angemessenen Entlohnung führt, wieso verdienen dann Reikimeister mehr als examinierte Pflegerinnen?

  43. #43 Stefan W.
    http://demystifikation.wordpress.com/2013/01/04/der-mayoran-die-majonase/
    13. Mai 2014

    nur fallen dann eben Leute, die sehr motiviert sind, aber andere Verpflichtungen, z.B. Familie, hindurch

    Diese anderen Verpflichtungen bürdet man sich selbst auf bzw. verhandelt sie frei mit dem eigenen Partner.

    Wenn von zwei Partnern einer sagt, er mache mehr Familie und weniger Beruf und der andere reziprok das andere, und wenn das in vielen Beziehungen in einer Korrelation mit dem Geschlecht geschieht, dann ergibt sich die beobachtete Situation, ohne dass damit eine Unterdrückung von Frauen einhergehen muss.

    Eine Gleichverteilung der Geschlechter über die Berufe nimmt dem Individuum die Freiheit sich selbst für die eine oder andere Lebensform zu entscheiden – kann dies aber nur mit systemfremden Unfreiheiten durchzusetzen versuchen. Letztlich müssen Individuuen in die Berufe gezwungen werden, wenn es keiner machen will.

    Die SPD versucht seit 30 Jahren mit Quoten den Frauenanteil in der Partei zu erhöhen – erfolglos. Wenn sowas in 30 Jahren nicht klappt, wieso soll es dann in 50 Jahren klappen, oder in 200, wenn es dann noch eine parlamentarische, representative Demokratie hierzulande geben sollte?

    Der Versuch mit einer Dummheit des Marktes zu argumentieren überzeugt auch nicht, denn er erklärt nicht, wieso es zu Lasten der Frauen geht und wieso es nicht überall zu Lasten der Frauen geht. Wo ist die Blindheit des Marktes in den 3 100%-Berufen oder wieso ist sie abwesend? Dafür wird nicht mals ein Indiz ins Feld geführt – wir haben es also mit einer Religion zu tun: Der Glaube genügt.

  44. #44 Trottelreiner
    14. Mai 2014

    @Stefan W.
    Das sich der eine Elternteil um die Kinder kümmert, während der andere Teil diese nicht zu Gesicht bekommt und nur bezahlt dürfte bei einigen Scheidungsanwälten als erstrebenswertes Ziel gelten, andere sehen das nicht als erstrebenswert an. Ganz allgemein ist das menschliche Fortpflanzungsverhalten ja starken Schwankungen nach persönlichen Vorlieben und der vorherrschenden Kultur unterworfen, aber im Vergleich zu anderen Primaten scheinen sich HSS-Männchen doch vermehrt persönlich um den Nachwuchs zu kümmern.

    Aber was soll’s, ächz, also noch einmal von Anfang an, ganz langsam; es gehr hier nicht um die “Unterdrückung der Frau”, sondern um die Ergebnisse einer Studie, nach der die Lohnunterschiede hauptsächlich durch die proportional bessere Bezahlung von Überstunden entsteht. Was die Frage aufwirft, ob in diesen wirklich so viel mehr Arbeit geleistet wird.

    In diesem Zusammenhang wurde dann die These geäußert, daß dies auf jeden Fall so wäre, da dieser Lohn vom Markt ausgehandelt worden wäre, und der würde immer zu sehr effizienten Lösungen gelangen, ähnlich der biologischen Evolution.

    Nun ist dieses Argument aus verschiedenen Gründen problematisch. Zunächst einmal könnte man mit derselben Logik auch sagen, wir bräuchten keine Medizin, da die Evolution (oder der Designer *g*) ja schon die beste Lösung herausgearbeitet hätten und irgendwelche Mittel gegen Krebs und Bluthochdruck diese nur stören würden. Alternativ erinnert es an einen gewissen Glühbirnenwitz, wieviele Ökonomen braucht man, um eine Glühbirne einzudrehen, keinen, wenn es Bedarf dafür gäbe, hätte der Markt das schon geregelt.

    Nun gibt es jedoch eine Menge Fälle, in denen der Markt nicht zu effizienten Lösungen gelangt, Monopole, Monopsone etc. gehören dazu. Und dieser Fall ist gerade auf dem Arbeitsmarkt gegeben, was die These, das existierende Löhne eine effiziente Lösung darstellen nicht als sicher erscheinen läßt.

    Ein weiters Problemen mit Märkten ist, das es auf diesen im allgemeinen eine Informationsassymetrie gibt, dieses Problem ist auf dem Arbeitsmarkt ebenfalls gegeben, da weder Arbeitgeber genau wissen, was sie erwartet, noch Arbeitnehmer, welche Leistung der Arbeitnehmer erbringen kann, wobei das Problem für den Arbeitgeber dank eben dieses Oligopsons wohl größer ist. Um mal eben auf die grundlegende Arbeit zu verweisen,

    http://de.wikipedia.org/wiki/The_Market_for_Lemons

    Das hat nichts mit einer vorhandenen oder nicht vorhandenen Marktblindheit zu tun, wir sind uns wohl einig das der Markt eher ein blinder Uhrmacher ist.

    Hier also dann der Ansatz, Überstunden nicht als besonders produktiv anzusehen, sondern als eine Methode, die sich entwickelt hat, die Informationsgassymetrie aufzuheben, ähnlich wie Garantien beim Autokauf. Wobei beide Signale natürlich gefälscht werden können, wenn ein Autohersteller “lebenslange Garantie” gibt, werde ich eher hellhörig, weil dieses Angebot zu gut ist um wahr zu sein, bei Überstunden ist das Signal ebenfalls störanfällig, wie ich schon erklärt habe.

    Die von dir angebrachten 3 Bereiche, in denen Geschlechterparität herrscht, sind BTW interessant, weil dies entweder nahelegt, das sich in diesen Bereichen beide Geschlechter gleich viele Überstunden leisten, was dann zu erklären werde, oder aber diese Bereiche Überstunden nicht überproportional bezahlen, was zur Frage führt warum Überstunden hier weniger produktiv sein sollten als z.B. bei Fußchirurgen. Die Theorie von Überstunden als Signal hat damit weniger Probleme, da verschiedene Bereiche durchaus unterschiedliche Signale verwenden können, Finanzexperten sind recht schwer zu bewerten (es gibt da ja böse Untersuchungen, nach denen Laien mit Bauchgefühl genauso gut abschneiden wie professionelle Börsenmakler), einen guten Chemiker zu erkennen halte ich als Biologe jetzt mal für hin und schwierig, aber sehr viel einfacher objektivierbar. Entsprechend verwenden Chemiker keine Überstunden als Qualitätsmarker, Finanzexperten schon.

    Mit den frauenquoten hat das Ganze jetzt absolut gar nichts zu tun, aber meine These das eine gewisse abgespeckte Wirtschaftstheorie die Rolle übernimmt, die im Mittelalter die Kirche innehatte ist nicht unbedingt erschüttert, eher im Gegenteil.

    “But apart from this contemporary mood, the ideas of economists and political philosophers, both when they are right and when they are wrong, are more powerful than is commonly understood. Indeed the world is ruled by little else. Practical men, who believe themselves to be quite exempt from any intellectual influences, are usually the slaves of some defunct economist. Madmen in authority, who hear voices in the air, are distilling their frenzy from some academic scribbler of a few years back.” – John Maynard Keynes

  45. […] finde das Thema zu wichtig, um es in alten Kommentarsträngen zu verbergen: Wer nun immer noch glaubt, dass der so genannte Gender Pay Gap eigentlich nicht […]