Vermutlich ist es ja schon durch die Nachrichten gegangen: Im US-Staat Oklahoma wurden vorläufig alle Hinrichtungen ausgesetzt, weil die Exekution des verurteilten Mörders Clayton D. Lockett verpatzt wurde. Der Vorgang erhält eine zusätzliche Dynamik dadurch, dass ein bisher nicht etablierter Drogencocktail – unter anderem aufgrund von Nachschubproblemen mit den früher benutzten Substanzen – für die Hinrichtung verwendet wurde, und dass Locketts Anwälte vorab eigentlich eine Aufklärung darüber gefordert hatte, was nun in welcher Dosis eingesetzt würde und von wem die Drogen geliefert werden. In drastischer Weise hat diese verpatzte Hinrichtung nun die Bedenken der Anwälte erst mal nachträglich legitimiert, auch wenn dies vom Obersten Gericht des Staates Oklahoma erst mal kategorisch abgeschmettert worden war.

Doch das sind ja rein verfahrensrechtliche Fragen. Worauf ich hier hinweisen will ist die Heuchelei, die hinter dem scheinbar löblichen Rechtsprinzip steckt, dass in den USA die Todesstrafe nicht auf “grausame und (sozial) unübliche” Weise vollstreckt werden darf. Ich hatte diese Position schon früher vertreten, und betone noch einmal: Diese Rechtsposition ist in sich paradox, denn das Töten eines Menschen ist von vorneherein grausam, und wird – auch ohne biblische Verpflichtungen – nie auch nur annähernd so etwas wie eine sozial akzeptable Norm sein.

Doch mehr noch will ich hier betonen, dass die Reaktionen auf Hinrichtungen ja immer wieder verraten, dass es dabei gar nicht wirklich darum geht, die Delinquenten vor dem grausamen Schmerz oder der grausamen Vorstellung, dass ihr Leben durch Fremdeinwirkung beendet wird, zu bewahren. Der Grund, warum sie mit Medikamenten vollgepumpt werden, die sie lähmen, ehe sie sterben, ist primär der, dass der Gesellschaft, die ja in Form von Zeugen zugegen ist, nicht vor Augen geführt wird, wie grausam es ist, was da geschieht. Das scheinbar Humane dient nur dazu, die Henker und ihre Gesellen – zu denen ich ganz kategorisch alle zähle, die für die Todesstrafe sind – davor zu schützen, die Folgen ihres eigenen Handelns ansehen und verarbeiten zu müssen. Dabei ist es doch wirklich ganz simpel: Wenn eine Gesellschaft nicht damit leben kann, was sie tut, dann muss sie eben aufhören, das zu tun.

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Kommentare (20)

  1. #1 DH
    30. April 2014

    ” Dabei ist es doch wirklich ganz simpel: Wenn eine Gesellschaft nicht damit leben kann, was sie tut, dann muss sie eben aufhören, das zu tun. ”

    So schnell geht das wohl nicht , es mag paradox klingen , aber der Ekel vor “inhumanen” Hinrichtungen könnte ein Vorbote der Abschaffung sein.

  2. #2 Hobbes
    30. April 2014

    “Wenn eine Gesellschaft nicht damit leben kann, was sie tut, dann muss sie eben aufhören, das zu tun.”
    Naja nicht jeder der bei Prostitution, Homosexualität oder was weiß ich nicht zugucken kann, muss dies trotzdem ablehnen. Auch muss nicht jeder Wild ausweiden um Fleisch essen zu dürfen oder einen Acker güllen um überhaupt etwas abseits des eigenen Garten essen zu dürfen.
    Aber im Prinzip stimme ich mit der Aussage trotzdem überein. “Aus den Augen aus dem Sinn” ist eine Sache die viel zu oft betrieben wird und bei Sachen wie der Todesstrafe definitiv unzulässig ist.

    Und das töten eines Menschen wird in unserer Gesellschaft zum Glück wirklich keine akzeptierte Norm werden. Jedoch kann es durch äußere Umstände durchaus Gesellschaften geben die das anders sehen ohne völlig unmenschlich zu sein. (In bestimmten Formen des Krieges; Oder aber auch eine Gesellschaft die die Freiheit allgemein weit höher als das Recht auf Leben einstuft. Wobei es dabei natürlich dann einfach dem Gefangenen frei stehen kann den Suizid zu wählen, anstatt die Haftstrafe an zu treten.)

    In unserer aktuellen Gesellschaft gibt es jedoch keinerlei Grund für solche Gesetze. (Oder auch das “Stand your Ground” Gesetz, was ja gerade einem Austauschschüler zu Verhängnis wurde.)

  3. #3 Phil
    30. April 2014

    Warum wird immer nur auf dem “moralischen” Problem herumgeritten?
    Auch juristisch-philosophisch kann man ein deutliches Argument gegen die Todesstrafe finden: Eine Wiederaufnahme des Verfahrens ist nicht mehr möglich. Wenn jemand lebenslänglich im Gefangenschaft ist, dann kann er immer noch freigelassen und entschädigt werden. Nach dem Tod ist dies nicht mehr möglich.

    Und Zahl der getöteten Unschuldigen ist ja nicht gerade klein (siehe Wikipedia Wrongful_execution).

  4. #4 schrittmacherm
    30. April 2014

    Ja, da ist übel. Und es kann durchaus auch zur Abschaffung führen. Aber ich glaube nicht, dass es in den nächsten Jahren dazu kommen wird.
    Denn:
    Diese Skandaliierung hat derzeit den Zweck, medial Furore zu machen, sich dadurch viral verbreitet und abschreckend wirkt. Es besteht derzeit eine instabile Gesellschaft, die mehrdimensional Abschreckung zur Orientierung vorgesetzt bekommt – damit eben keine/weniger unerwünschten Unregelmäßigkeiten (wie Morde etwa) geschehen.

    Das hiesse aber auch, dass diese Hinrichtung entweder gar nicht so dramatich gewesen oder aber ein krasses Exempel am Delinquenten verübt wurde.

    Naja, alles VT…wie immer.

  5. #5 griesl
    1. Mai 2014

    “…wird…nie auch nur annähernd so etwas wie eine sozial akzeptable Norm sein. ”

    Indien, China, USA und andere, die die Todesstrafe als Mittel der Justiz annehmen, dürften wohl einen beachtlichen Anteil an der Weltbevölkerung stellen.
    Wenn ein großer Teil der Weltbevölkerung die Todesstrafe als rechtmäßig bezeichnet, haben “wir” oder “die anderen” die sozial akzeptable Norm ?
    Ob Chemikalien, Strang, Kugel oder Steine etc. sind für “eine” “Kultur” sozial und justizial konforme Urteile, aber nicht nach unserem Verständnis, mittlerweile.

    Das traurige und zugleich erfreuenswerte ist, dass ohne die Importe, gewisser “Medikamente”, ein “humaner” Tod in den USA zurzeit, medial präsentiert, gelegentlich nicht funktioniert.

  6. #6 miesepeter3
    1. Mai 2014

    Da hat sich doch tatsächlich wärend der Französichen Revolution ein Arzt Gedanken über eine humanere Art der Hinrichtung gemacht und das Fallbeil erfunden. Vorteil gegenüber Vergiften, Hängen, Erschießen oder Köpfen mit dem Henkerschwert ist die genaue und “todsichere” Trennung des Kopfes vom Rumpf in ausgesprochen kurzer Zeit.
    Offensichtlich ist diese Methode den Amis zu human oder darf man zwar hinrichten, aber nicht zu sehr kaputt machen?

  7. #7 Chemiker
    1. Mai 2014

    @miesepeter3

    Offensichtlich ist diese Methode [=Fallbeil] den Amis zu human oder darf man zwar hinrichten, aber nicht zu sehr kaputt machen?

    Ich schätze, da sabbert zuviel Blut herum. Das könnte manche dazu bringen, Mitgefühl zu entwickeln. Daher muß steril und sauber geschlachtet werden.

  8. #8 Alderamin
    1. Mai 2014

    Die Todesstrafe ist barbarisch, dient nur der Rache und wenn man sich ansieht, in welchen Ländern sie noch verhängt und auch durchgeführt wird, in solcher Gesellschaft sollte ein demokratischer Staat eigentlich nicht sein wollen.

    Umso erschreckender, dass die Nation, die Menschen auf den Mond gebracht und das Smartphone erfunden hat, nicht in der Lage ist, das durchzuführen, was jeder Tierarzt besser hinbekommt, und was jeder Anästhesist durch Sorgfalt zu vermeiden sucht. Ich kann’s nicht nachvollziehen. Kann mir einer erklären, wo das Problem liegt?

  9. #9 Chemiker
    1. Mai 2014

    @Alderamin

    Das verstehe ich eigentlich auch nicht so ganz. Leute um­zubringen ist eigent­lich nicht schwierig: Narkose­mittel über­dosieren und fertig. Der „Patient“ ist augen­blicklich bewußt­los und der Henker wartet einfach, bis die Atmung gelähmt ist.

    Man kann aber nicht vorhersagen, wie lange das dauert. Das ganze ist ja eine Zeremonie, die auch die Allmacht des Staates demonstrieren soll. Da ist es wohl aus PR-Gründen nicht so toll, wenn der Augenblick des Todes nicht genau vorher festgelegt werden kann.

  10. #10 nihil jie
    1. Mai 2014

    Wenn zum Rechtsverständnis einer christlich religiösen Gesellschaft Rache gehört, wird diese Gesellschaft nie damit aufhören biblische Straffen anzuwenden. Das gehört so mal zum einem Gottesstadt dazu 😉

    ich möchte aber auch unsere Gesellschaft nicht unbedingt näher kennenlernen wenn man ihr die zügeln lockern würde. Es gab auch hierzulande doch schon einige Mobs die vermeidliche oder auch richtige Straftäter lynchen wollten.

  11. #11 Alderamin
    1. Mai 2014

    @Chemiker

    Man kann aber nicht vorhersagen, wie lange das dauert. Das ganze ist ja eine Zeremonie, die auch die Allmacht des Staates demonstrieren soll. Da ist es wohl aus PR-Gründen nicht so toll, wenn der Augenblick des Todes nicht genau vorher festgelegt werden kann.

    Na ja, so dauert’s anscheinend ja noch länger. Und wenn der Patient betäubt ist, kann man ihm immer noch Kaliumchlorid zum Anhalten des Herzschlags spritzen. Es mag ja sein, dass die Henker manchmal das Mittel nicht richtig in die Vene spritzen, sondern daran vorbei oder die Spritze geht auf der andere Seite wieder aus der Vene heraus und dann schlägt die Betäubung fehl (der Delinquent wird sich ja auch oft wehren und verkrampfen). Aber früher hat man durch Einatmen von Äther betäubt, das kann nun wirklich jeder Trottel.

  12. #12 DH
    1. Mai 2014

    @ nihil jie

    Die USA als Gottesstaat , schöne Provokation…

  13. #13 DasKleineTeilchen
    1. Mai 2014

    @DH: welche provokation?

  14. #14 May
    2. Mai 2014

    Da die Diskussion wohl ins Grundsätzliche gleitet: Ich bin für die Todesstrafe in manchen Fällen, siehe Nürnberger Prozesse.

  15. #15 Trottelreiner
    2. Mai 2014

    @Alderamin:
    Der Artikel gibt ” vein failure” als Ursache an, also wohl mangelnden Treansport der Substanzen in der Vene. Die Todesursache “Herzversagen” könnte bedeuten, daß das Kaliumchlorid trotzdem das Herz erreichte.

    Allem Anschein nach waren aber die Dosierungen von Midazolam (Hypnotikum) und Vecuronium (Muskelrelaxans) zu niedrig.

    Wobei AFAIK Midazolam als Narkotikum nicht ganz so belegt ist wie die Barbiturate.

  16. #16 odet
    2. Mai 2014

    Ich denke mal, daß es zumindest in der USA nicht nur um Rache geht (wobei das im Sinne von Auge und Auge,etc für die Bible Belt Rednecks durchaus wichtig ist).
    Viel wichtiger ist doch, daß ein Präsidentschaftskandidat, der staatliche Morde ablehnen würde nicht den Hauch einer Chance auf ein Amt hätte. Eben weil der von den Rednecks keine Stimme bekäme.

  17. #17 nihil jie
    2. Mai 2014

    @DH

    Wird die USA von ihren Insassen nicht auch liebevoll “God’s own country” genannt ? *gg

  18. #18 DH
    2. Mai 2014

    @DasKleineTeilchen

    Siehe Bibelgürtel…

    @nihil jie

    Und je lauter diese davon reden , desto mehr Zweifel sind angebracht.

  19. […] Todesstrafe: Grausames Sterben, oder: die Heuchelei eines Rechtssystems […]

  20. #20 Trottelreiner
    4. Mai 2014

    @May:
    Ähm, wie könne auch darüber diskutieren, das private Rache und staatliche Bestrafung zwei Sachen sind.

    Und ob man eine rachetat zwar als ethisch gerechtfertigt, aber denoch zu bestrafen ansehen könnte:

    http://wiki.lspace.org/mediawiki/index.php/%22Stoneface%22_Vimes

    BTW, die staatliche Todesstrafe soll ja “nicht grausam uns unüblich” sein, bei Rache wäre so etwas eher ein Feature:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Scaphismus