Wie oft denken wir Eltern, dass es besser ist, Kinder (noch) nicht mit vollen Wahrheiten und Tatsachen zu konfrontieren. Das müssen die noch nicht wissen, sagen wir uns, und erzählen ihnen nur die halbe oder anderweitige fraktionierte Wahrheit. Das Problem ist, dass Kinder offenbar einen ausgeprägten Sinn dafür haben, wenn sie derart eingewickelt werden sollen – und alles, was wir damit erreichen ist, dass sie dann umso neugieriger selbst erforschen wollen. So lässt sich, mit ein bisschen wohlwollendem Lesen, eine Studie interpretieren, die von der MIT-Professorin Laura Schulz und drei Mitarbeiterinnen im Journal Cognition veröffentlicht wurde: Sins of omission: Children selectively explore when teachers are under-informative.

Was nicht heißt, das Kinder echte oder gar perfekte Lügendetektoren sind. Aber sie sind sehr wohl in der Lage zu erkennen, wenn ein Lehrer – beispielsweise – falsche Informationen (zum Beispiel die Farbe oder Form eines Spielzeugs) vermittelt oder bekannte Informationen (zum Beispiel alle Funktionen eines Spielzeugs) unvollständig mitteilt. Das ist es, was die Autorinnen mit der “Unterlassungssünde” (sin of omission) meinen:

… we have shown that children care not just about whether information is true or false but also how informative it is. In Experiment 1, children recognized when teachers provided under-informative evidence. Given identical demonstrations, children rated under-informative teachers lower than fully informative teachers. In Experiment 2, children used teachers’ past informativeness to guide their own behavior; when the teachers’ informativeness was in doubt, children explored more broadly.

Leider scheint es, dass diese Fähigkeit zum Aufspüren von Halbwahrheiten irgendwie verloren geht oder – was ich fürchte – ihnen systematisch abgewöhnt wird. Wie bereitwillig Erwachsene auf Teilwahrheiten reinfallen, sehen wir ja an jedem Wahltag …

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Kommentare (7)

  1. #1 Siskin
    13. Juni 2014

    es scheint eine innere Sehnsucht in uns zu geben, den anderen zu glauben, zu vertrauen … Kinder scheinen in diesem Vertrauen zunächst noch genügend bestätigt zu werden, so dass es zu einem “Hier ist was anders!”-Gefühl kommt, wenn Bezugspersonen davon abweichen. Und dieses “Hier ist was anders!”-Gefühl ist es doch, das unsere Sinne schärft, unsere Wahrnehmung lenkt, unsere Aufmerksamkeit steuert!
    Später wird die Lüge zur Gewohnheit, und damit nicht mehr wahrnehmbar.

  2. #2 Eisentor
    13. Juni 2014

    … children explored more broadly

    Bedeutet das das man den Kindern eher keinen Gefallen tut wenn man alles ordentlich und richtig erklärt? Weil sie so nicht so gut das Ding selber erforschen?

    Ok der beste Ansatz wäre vermutlich der “lass es uns zusammen herausfinden”…

  3. #3 porzellan
    13. Juni 2014

    @JS

    in den USA ist neulich ein Buch erschienen, welches einiges Aufsehen erregt hat
    http://en.wikipedia.org/wiki/A_Troublesome_Inheritance:_Genes,_Race_and_Human_History
    haben Sie da schon reingeschaut, eine review wäre mal interessant

  4. #4 Stefan W.
    http://demystifikation.wordpress.com/2014/06/11/der-herr-ist-ein-hirnie/
    14. Juni 2014

    Ich meine nicht dass es so ist, dass man als Erwachsener die Lügen nicht mehr wahrnimmt.

    Das, was passiert, ist etwas anderes: Man nimmt die Lüge wahr, aber ist sofort bereit sie zu decken, in der Erwartung im Gegenzug etwas zu bekommen – etwa Mitgliedschaft in einer Clique, einem System, einer Firma.

    Man lernt, dass es sich auszahlt korrupt zu sein und den Mund zu halten, kein Querulant zu werden, Spielverderber, keine Zicke.

  5. #5 Bettina Wurche
    15. Juni 2014

    Vielleicht haben Erwachsene einfach irgendwann gelernt, mit Lügen und Halbwahrheiten weiterzumachen? Sonst würden Entscheidungsprozesse zu oft blockiert und ausgesetzt.
    Teils ahben die Halbwahrheiten vielleicht keine genügend große Bedeutung, um sich weiter damit befassen zu wollen, teils bringt die Erkenntnis, dass eine Lüge oder Halbwahrheit vorliegt, nichts, weil man weder etwas ändern noch jemanden damit direkt konfrontieren kann.

    Damit möchte ich keineswegs solche Bequemlichkeit, einfach nicht nachdenken und konsequent handeln zu wollen, verteidigen. Es ist bloß eine Beobachtung bzw. Mutmaßung. Selbstverständlich bestenfalls küchenpsychologisch : )

  6. #6 Trottelreiner
    18. Juni 2014

    @porzellan:
    Ich verstehe nicht, warum du gerade Jürgen wegen Wades Buch fragst; Jürgen ist Geograph, die haben mit dem Thema “Genetische Variation bei HSS” eher peripher zu tun, das wäre eher ein Thema für physische Anthropologen oder Genetiker.

    Ganz allgemein gilt, daß eher Psychologen oder Ökonomen “race” für ein sinnvolles Konzept halten, salopp gesagt, “keine Ahnung, wie diese Unterschiede entstehen, die müssen genetisch sein (davon habe ich auch keine Ahnung)”, während Biologen den Begriff “race” eher nicht verwenden (schon “Art” ist schwer genug zu definieren) und es ansonsten irgendwie etwas, ähm, mutig finden, wenn Leute kleine Variationen in Genen bestimmter Signalwege, die nicht einmal in der ganzen entsprechenden Population zu finden sind, als Erklärungen für kulturelle Unterschiede anführen,

    http://neuroanthropology.net/2010/07/10/we-agree-its-weird-but-is-it-weird-enough/

    wenn selbst der genetisch bedingte fast totale Ausfall mehrerer Neurotransmitters eher bescheidene Folgen hat:

    http://neuroskeptic.blogspot.de/2010/03/life-without-serotonin.html

    Irgendwie werden die Gene unsere Persönlichkeit wohl beeinflussen, aber um Neuroskeptic zu zitieren, “it’s complicated”.

    Wades Buch selbst wird hier von einem biologischen Anthropologen besprochen:

    http://scienceblogs.com/gregladen/2014/06/17/my-review-of-nicholas-wades-book-a-troublesome-inheritance-genes-race-and-human-history/

    Viel Spaß.

  7. #7 porzellan
    19. Juni 2014

    @reiner

    weil die glaube mal Kollegen gewesen sein müssten bei der Zeitung, oder liege ich da falsch? Außerdem ist das Buch ja bisher nur in den USA erschienen. Das Thema gibts auf diesem blog regelmäßig, natürlich immer aus der muffigen mainstream Ecke.

    Danke für den link. Ich hatte bisher die reviews auf amren dot com gelesen, es scheint zumindest interessant zu sein. Vermutet wird dort, das das Buch genauso viel Einfluss auf die gesellschaftliche Debatte hat, wie einstmals die “bell curve”, nämlich Null.