Die Überschrift gehört eigentlich zu diesem Artikel in der aktuellen Wissenschaftsbeilage der New York Times, und obwohl es bemerkenswert ist, dass ein amerikanisches Medium hier ganz unironisch das Attribut “schön” für Fußball benutzt (was immer noch nicht dem Mainstream der amerikanischen Sportkonsumenten entspricht, auch wenn sich die Dinge langsam zu ändern scheinen), war dies nicht der Grund, warum ich diesen Artikel eigentlich noch vor dem Spiel gegen Brasilien als Lesetipp verlinken wollte. Er beschreibt eigentlich ganz plausibel, dass Fußball, wie wir ihn kennen, eher ein Glücksspiel ist als die typischen US-Sportarten Basketball, Football oder Baseball. Weil, so die These, Fußball eher niedrige Spielergebnisse hat und oft nur ein einziges Tor über Sieg oder Niederlage entscheidet. Und auch wenn diese Erkenntnis offenbar durch Statistik und die Expertise von Leuten wie Chris Anderson und David Sally gestützt ist und der akademische Fußballkenner Stefan Szymanski aus den oft niedrigen Torzahlen und den damit verbundenen Chancen, dass Glückstreffer (zu denen auch ungerecht vergebene Elfmeter und andere erratische pPielbegebenheiten zählen können) den Spielausgang etwa ebenso stark beeinflussen können wie die spielerische Stärke eines Teams, die Schlussfolgerung zieht dass “diese Zufälligkeit den Underdog begünstigt” … nach dem deutschen 1:7 gegen Brasilien*, das definitiv nicht in die Kategorie “niedrige Spielergebnisse” fällt, klänge das alles doch ein bisschen abseitig, oder?

* Wird mal wieder Zeit, dass ich mich aus dem Fenster lehne: Ich hätte mehr Spaß am Zuschauen gehabt, wenn das Spielergebnis nicht so haushoch gewesen wäre. Abgesehen davon, dass ich Mitleid mit den brasilianischen ZuschauerInnen hatte, wär’s auch spannender gewesen als dieses an eine Hinrichtung erinnernde Abservieren des Gegners …

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Kommentare (5)

  1. #1 rolak
    9. Juli 2014

    ein bisschen abseitig, oder?

    Nö, gemein wie immer. Jedesmal, wenn eine Aussage ‘typischerweise ist Christian so’ in der zeitlichen Umgebung eines Beispiels gemacht wird, ist Christian Anders 😉
    Wenn in einer Tipprunde Ergebniswetten abzugeben sind, entscheide ich nach Laune und wähle entweder 2:1 oder 1:2. Schon erschreckend, wie oft damit bereits der Pott gewonnen wurde…

    Erfreulicherweise war die allgemeine Begeisterung des Veedels über den Kantersieg nicht so stark, daß sie mich aus dem Schlaf gerissen hätte. So habe ich eventuell einen Volksaufstand verpaßt.

  2. #2 Alderamin
    9. Juli 2014

    @Jürgen

    dass Glückstreffer […] den Spielausgang etwa ebenso stark beeinflussen können wie die spielerische Stärke eines Teams

    Dass würde ja heißen, dass ohne die Zufallskomponente Bayern München jedes Jahr Deutscher Meister werden würde! 😉

    Nein, so ganz plausibel erscheint mir das nicht, wenn der Klassenunterschied groß genug ist, dann gewinnt schon normalerweise der Stärkere.

    Allerdings spielt neben individueller Stärke und Taktik bestimmt auch die Psychologie eine Rolle. Das sah man am Spiel Spanien-Deutschland in Südafrika wie auch bei der EM, wo die Deutschen geradezu ängstlich agierten, viele Pässe nicht ankamen und die Spiele konsequenterweise verloren gingen. Und man sah es gestern, als die Brasilianer spätestens nach den ersten zwei Toren panisch wurden. Ich denke, damit lassen sich auch überraschende Niederlagen gegen schwache Gegner am besten erklären.

  3. #3 Hobbes
    9. Juli 2014

    Ich habe früher mal einen ähnlichen Artikel gelesen, der genau das Ausgesagt hat. Niedrige Ergebnisse führen zu einen weit höheren Glücksfaktor.
    Da wurde das dann nach durchschnittliche Ergebnishöhe einer Sportart und Häufigkeit das der Favorit gewinnt sortiert.
    Gerade bei KO Systemen ist der Glücksfaktor dann enorm.
    Aber: Das ganze vernachlässigt meiner Meinung nach zu stark die psychologische Komponente. Man erinnere sich da an das 4:4 gegen Schweden. Nur weil jemand der Favorit ist, muss er nicht 90 Minuten lang auch wirklich besser sein. Beim Fussball gewinnt fast immer das bessere Team. Wirkliche Glückssiege sind extrem selten. Nach dem Spiel kann man fast immer erklären woran die Niederlage/ der Sieg gelegen hat. Glück gibt dann immer nur bei annähernd gleichstarken Mannschaften den Ausschlag.
    Nur der extreme psychische Einfluss den ein frühes Tor (oder wie gestern 2:0) haben kann, macht es Teilweise echt unmöglich ein Spiel zu tippen. (Ich habe dieses Jahr trotzdem bei allen Tipprunden in denen ich mitgespielt habe den ersten Platz gemacht 🙂 )
    Das Ausscheiden der USA war dafür auch ein gutes Beispiel. Was haben die noch einmal Druck in den letzten 10 Minuten gemacht.

    Das ganze ist in der Phrase: “Ein Spiel dauert 90 Minuten” ganz gut zusammengefasst.
    Und genau das macht Fußball meiner Meinung nach zu der mit Abstand besten Sportart am Fernseher. (Live ist Eishockey um Längen besser)

  4. #4 Hobbes
    9. Juli 2014

    @Alderamin:
    Es ist auch erstaunlich wie konsequent sich psychologische Effekte an Mannschaften häften und nicht an die Spieler selber.
    Wenn eine Mannschaft gegen ihren Angstgegner spielt ist sie nie wieder zu erkennen. Oder auch England beim Elfmeterschießen 😉

  5. #5 Stefan Wagner
    http://demystifikation.wordpress.com/2014/07/09/schande/
    9. Juli 2014

    Ohne Begründung und Erklärung, weder vom sportlichen Geschehen, noch vom statistischen, ist die Aussage nur ein Witz.

    Gerade im Basketball mit Ergebnissen wie 96:95 habe ich viel stärker den Eindruck, dass das Zufall sein muss. Wenn einem 1:0 ein 10:0, einem 2:1 ein 20:10 und vor allem einem 3:1 ein 30:10 entspräche, dann würde ich sagen, dass aus der Granularität die Schlußfolgerung folgt. Man stelle sich vor zwei Spieler, die mit mehreren Würfeln werfen, sagen wir mit 6en, und so im Schnitt 21 Punkte würfeln. Der Wurf wird durch 10 geteilt, kaufmännisch gerundet und dann das Ergebnis verkündet, also oft 1:2 oder 2:1. Ein besseres Fußballteam könnte man nun simulieren, in dem bei einem Spieler mehrere 1en durch 3en ersetzt werden, bei dem anderen mehrere 6en durch 4en. Im Mittel wird der mit dem unfair besseren Würfel gewinnen, aber die Chancen des Schwächeren auch einige Spiele zu gewinnen sind nicht schlecht.

    Wenn man viele Fußballspiele beobachtet, dann stellt man aber etwas anderes fest: Oft arbeitet und kämpft die bessere Mannschaft bis sie 1:0 oder 2:0 führt, und schaltet dann einen Gang zurück, weil sie das Spiel kontrolliert. Wenn sie müsste, etwa um einen Konkurrenten per Torverhältnis zu überholen, könnte sie durchaus auch 3:0 oder 4:0 gewinnen, aber das ist nicht ökonomisch. Deswegen kann man nicht aus jedem knappen Ergebnis schlussfolgern, dass die Leistung ähnlich war. Umgekehrt ist es aber oft so, dass sich eine Leistungsgleichheit oder besser Ähnlichkeit auch in einem knappen Ergebnis ausdrückt.

    Außer in einem Fall wie gestern. Die Brasilianer waren wie gelähmt nach dem frühen Rückstand, aber ich halte sie auch ohne Neymar für besser als Algerien.