Schnell, machen wir mal ein Spiel: Schreibt in den nächsten fünf Sekunden die Namen von mindestens drei Genies auf, egal ob lebend oder historisch; für jedes weitere Genie, das Ihr innerhalb der fünf Sekunden findet, gibt’s noch einen Sonderpunkt:

Wer hatte Albert Einstein? Wer Isaac Newton? Steve Jobs? Mozart? Geschenkt! Was mich interessiert (ehrliche Antworten in den Kommentaren): Wer hatte eine Frau, oder idealer Weise, gleich mehrere, auf der Liste? Die Chancen dafür stehen ja ziemlich schlecht: Auf einer Liste von 100 zeitgenössischen Genies, die Leserinnen und Leser des britischen Telegraph vor einigen Jahren zusammengestellt hatten, muss man schon bis Rang 32 scrollen, um die ersten Frauen – Flossie Wong-Staal und Margaret Turnbull – zu finden; insgesamt hat diese Liste nur für 14 Frauen Platz. Und ich fürchte mal, dass die Liste noch weniger Frauen enthalten würde, wenn sie von einem Deutsch sprechenden Publikum erstellt würde – obwohl es im Deutschen doch das Genie heißt, der Begriff also (im Gegensatz zu seinem römisch-lateinischen Ursprung), noch nicht mal grammatisch allein dem männlichen Geschlecht zuzuordnen ist.

Das Wort “Genie” kommt in dem Science-Artikel Expectations of brilliance underlie gender distribution across academic disciplines, den ich gerade zur Vorbereitung einer schriftlichen Prüfung für unsere AufbaustudentInnen lese, zwar nicht vor – diese scheinbar angeborene Eigenschaft, dieses Talent zur geistigen Brillanz, dem wir ja die Genialität verdanken, wird hier als “field-specific ability”, also ein spezielles Talent für ein bestimmtes Fachgebiet, operationalisiert. Und die Hypothese, die dieser Artikel testet, fußt darauf, dass solche “genialen” Talente generell eher bei Männern als bei Frauen und, noch spezifischer, bei Männern heller Hautfarbe verortet wird (googelt einfach mal “Genius” und schaut Euch an, welche Gesichter dann erscheinen…)

Um etwas präziser zu sein: Die vier AutorInnen gehen davon aus, dass die ungleiche Verteilung von Männern und Frauen nicht etwa durch eine geschlechtsspezifische Präferenz für oder gegen technische Berufe zu erklären ist, auch nicht durch (die folgenden Alternativ-Hypothesen wurden in ihrer Studie explizit getestet)

– die angeblich höhere Bereitschaft von Männern, mehr Zeit am Arbeitsplatz und/oder mit der Arbeit zu verbringen;
– die extrem strenge Auswahl unter BewerberInnen, die dazu führt, dass letztlich nur die Spitzenkandidaten bevorzugt werden (ich interpretiere das mal: die Annahme ist, dass Männer eher zu Extremwerten im Leistungsspektrum tendieren, während Frauen im Schnitt zwar gleichauf, aber näher am Mittelwert liegen)
– die Unterschiede bestimmt werden, ob ein Fachgebiet eher abstrakt-systematisches Denken oder Einfühlsamkeit erfordert, wobei ersteres die Männer und zweiteres die Frauen bevorzugen würde.
(Anmerkung: Ich kriege bei solchen Geschlechterstereotypen sowieso immer Pusteln, aber die Science-AutorInnen zitieren für jede dieser Hypothesen eine paar akademische Quellen, die just solche Gender-Stereotypisierungen beobachtet haben wollen.)

Die Arbeitshypothese des Sciences-Papers ist, dass die Differenzierung nach Geschlechtern – die übrigens nicht immer glatt entlang der natur- und geisteswissenschaftlichen Demarkationslinie verläuft, wie beispielsweise der Frauenanteil von 54 Prozent bei US-Promotionen im Fach Molekularbiologie einerseits, aber dem nur 35-prozentigen Anteil von Frauen an allen Promotionen im Fach Wirtschaftswissenschaften zeigt) – äähh, wo war ich nochmal? Ach ja: dass die Differenzierung nach Geschlechtern primär damit zu erklären ist, dass einige Fächer dieses angeborene Talent zur Brillanz höher bewerten – sie nennen ihre Hypothese die “field-specific ability beliefs hypothesis” – und dass Frauen diese notwendige Brillanz nicht zugestanden wird (was sich, in gleicher Weise, auf auf afroamerikanische WissenschaftlerInnen ausdehnen lässt, wie die Ergebnisse der Studie zeigten).

Erhoben wurden diese feldspezifischen Überzeugungen, ebenso wie Angaben zu den Arbeitsstunden, der Selektivität und der systematisch-emphatischen Dichotomie, durch Befragung von 1820 ProbandInnen aus 30 verschiedenen Disziplinen (12 MINT, 18 geistes- und sozialwissenschaftlich). Das Resultat war, dass weder die Arbeitsbereitschaft (die bei Frauen in MINT-Fäche4rn sogar höher war als bei Männern) noch die beiden anderen Alternativ-Hypothesen den Frauenanteil der jeweiligen Fächer zufriedenstellen beschreiben konnten – im Gegensatz zur Brillianz-Hypothese: Je mehr die Praktizierenden der jeweiligen Fachgebiete davon überzeugt waren, dass für ihr Spezialgebiet ein gewisses angeborenes Talent nötig sei, desto geringer war der Anteil von Frauen.
brilliance
Das heißt übrigens nicht, dass dies automatisch schon mit Diskriminierung gleichzusetzen sei: Es ist nicht auszuschließen, dass Frauen von dieser Differenzierung ebenso überzeugt sind wie Männer (es gibt entsprechende Hinweise), dass also hier auch ein Problem der Eigenselektion vorliegt. Was nicht heißt, dass es kein Problem ist – aber es muss anders behoben werden, nämlich durch frühzeitige Aufklärung und Ermutigung.

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Kommentare (23)

  1. #1 Christian Thiele
    16. Juni 2015

    Ich kriege bei solchen Graphen Pusteln. Wenn man Mathematik und Philosophie als Ausreißer herausnimmt, sind die Trends kaum noch erkennbar.

  2. #2 ulfi
    16. Juni 2015

    Wenn man Mathematik raus nimmt, wird der Trend noch steiler.

  3. #3 Phil
    16. Juni 2015

    Vielleicht hätte man nicht nach Brillanz, sondern nach der Wichtigkeit des fundamentalem Verständnis des Stoffes fragen sollen. Die Anordnung der Fächer auf dem Graphen entspricht ziemlich dem Auswendiglern-Anteil. Außenreißer ist, wie schon von ulfi bemerkt, Mathematik.
    30% entspricht auch dem Anteil der Studenten an der Uni Bonn, ist also ziemlich gut auch auf Deutschland übertragbar.

    bwohl es im Deutschen doch das Genie heißt, der Begriff also (im Gegensatz zu seinem römisch-lateinischen Ursprung0, noch nicht mal grammatisch allein dem männlichen Geschlecht zuzuordnen ist.

    Der Quatsch wird auch durch ständiges Wiederholen nicht richtiger. Im Deutschen (eigentlich in der kompletten indo-germanischen Sprachfamilie) gibt es drei Gruppen:
    * handelnde Subjekte (maskulin)
    * nicht-handelnde Subjekte (neural)
    * abstrakte Begriffe (feminin)
    Diese haben sich auch in genau dieser Reihenfolge. Warum die unbegreiflichen Geschöpfe, welche wir als Frauen bezeichnen, der letzten Gruppe zugeordnet* sind, überlasse ich dem Leser als Denkaufgabe 😉

    * Teilweise liegt das aber auch an der Ordnungswut der deutschen Kanzleien, welche das so festgelegt haben.

  4. #4 Jürgen Schönstein
    17. Juni 2015

    @Christian Thiele #1

    Wenn man Mathematik und Philosophie als Ausreißer herausnimmt

    Warum sollten diese beiden Fächer “Ausreißer” sein? Aus der Verteilung der Datenpunkte ist das jedenfalls nicht belegbar. Außerdem verringert, wie @ulfi bemerkt hat, Mathematik die Neigung der Regressionsgeraden – würde man sie weglassen (Nochmal: Wieso?), würde die Neigung der Geraden noch steiler, d.h. der Effekt noch stärker.

    @Phil #3
    War ja nur eine Frage der Zeit, bis Du hier wieder aufschlägst, und wie immer mit dumpfen Knall (Betonung liegt auf “dumpf”).

    Im Deutschen (eigentlich in der kompletten indo-germanischen Sprachfamilie) gibt es drei Gruppen:
    * handelnde Subjekte (maskulin)
    * nicht-handelnde Subjekte (neural)
    * abstrakte Begriffe (feminin)
    Diese haben sich auch in genau dieser Reihenfolge.

    Das gibt weder logisch noch syntaktisch einen Sinn. “Diese haben sich auch genau in dieser Reihenfolge” … was eigentlich? Und würdest Du diese steile grammatische Geschlechterlehre mal am Beispiel von Hund, Katze und Schwein belegen? Oder besser, wenn ich’s nochmal überdenke: Lass es, es kommt sowieso nur der gleiche Unsinn raus, den Du schon jetzt hier abgelaicht hast…

  5. #5 rolak
    17. Juni 2015

    Mich gilt nich: gegen die ungewollte Einseitigkeit, die angefütterte Schieflage kann nur angedacht werden, antrainiert – daher wären hier als erstes Noether, Jelinek, Curie gekommen 😉

    Wesentlich aktueller als die 100erListe ist jener ZeitText. Zusätzlich ist das UmfrageErgebnis auch noch in sich ziemlich merkwürdig – es sei denn, unter ‘genius’ fallen sämtliche irgendwie mit Kreativität oder Talent zusammenhängenden Aspekte eines Menschen. Bzw eines Mannes

  6. #6 Karl Mistelberger
    17. Juni 2015

    Wenn es wirklich darauf ankommt gibt es keine Probleme, weder mit Girls noch mit Women:

    The Girls of Atomic City: The Untold Story of the Women Who Helped Win World War II

    Their Day In The Sun: Women Of The Manhattan Project

  7. #7 Radicchio
    17. Juni 2015

    “Das heißt übrigens nicht, dass dies automatisch schon mit Diskriminierung gleichzusetzen sei: Es ist nicht auszuschließen, dass Frauen von dieser Differenzierung ebenso überzeugt sind wie Männer (es gibt entsprechende Hinweise), dass also hier auch ein Problem der Eigenselektion vorliegt.”

    Dann liegt auch eine Diskriminierung vor, nur findet sie an anderer Stelle statt. Irgendwann viel früher bekommen schon kleine Mädchen vermittelt und vorgelebt, dass sie nicht “brillant” sein brauchen oder können.

  8. #8 BMI23
    17. Juni 2015

    @Jürgen Schönstein

    Phils Anschauung ist durchaus wissenschaftlich belegbar, ich zitiere aus http://www.belleslettres.eu/artikel/genus-gendersprech.php

    “So funktioniert das Genus seit dem Spät­urindo­germani­schen. Bis in unsere Zeit:
    1. Das Maskulinum ist das Standardgeschlecht.

    2. Zum Neutrum gehören Substantive, die den Inhalt oder das Ergebnis einer konkreten Hand­lung bezeichnen.

    3. Zum Femininum gehören Ableitungen mit komplexer abstrakter Bedeutung und einem speziellen Suffix.”

    Zur Steigerung der Sprachkompetenz empfehle ich die mehrfache Lektüre des kompletten Artikels, wenn nicht sogar des ganzen Blogs.

    Zum Schluß noch ein Schmankerl:
    “Deshalb zeugt auch der Wunsch nach be­wuss­ter und sensibler Sprache, wie ihn alle Frauen­beauf­tragten in ihrer zurecht­plagi­ierten Fassung des Leitfadens äußern, für tiefes Unverständnis der Sprache.”

  9. #9 MartinB
    17. Juni 2015

    @Phil
    “Warum die unbegreiflichen Geschöpfe, welche wir als Frauen bezeichnen,”
    Wow, Mehr Sexismus in weniger Worte zu packen wird schwer:
    1. Selbstverständlich diskutieren über diese Themen nur Männer (*wir* “bezeichnen” unbegreifliche Geschöpfe als Frauen, bezieht sich ja vermutlich auf Männer, denn die meisten Frauen finden sich selbst vermutlich nicht sonderlich unbegreiflich)
    2. Frauen sind eine besondere Art “Geschöpfe”, die für “uns” unbegreiflich sind.
    3. Frauen kann man alle in einen Topf werfen, die sind alle gleich unbegreiflich.
    Und das alles in einem Halbsatz mit 9 Worten, Respekt.

  10. #10 MartinB
    17. Juni 2015

    @BMI23
    Ich habe den Artikel mehrfach gelesen. Über den Grund, warum dann irgendwann beschlossen wurde, weibliche Wesen in die Abstrakt-Kategorie zu stecken, Männer dagegen in die der aktiv handelnden Wesen, schweigt er sich letztlich leider aus (und dann wäre noch der Nachweis zu erbringen, dass der Grund – welcher auch immer es ist – nicht sexistisch ist, das dürfte schwer werden…)

  11. #11 BMI23
    17. Juni 2015

    @MartinB
    Im o. a. Artikel steht nichts von irgendeinem Beschluß “weibliche Wesen in die Abstrakt-Kategorie zu stecken” er ist eine Beschreibung der Entwicklung unseres Genussystems seit dem Ur-Indogermanischen.

    nochmal: “3. Zum Femininum gehören Ableitungen mit komplexer abstrakter Bedeutung und einem speziellen Suffix.”

    Hier geht es um Sprache, nicht um Feminismus. Das Sexismus-Geschwurbel können Sie auch lassen. Also bitte nochmal lesen, diesmal auch versuchen den Sinn des Geschriebenen zu erfassen.

    Noch was sexistisches zur Eingangsfrage: “Fleiß oder Talent – was bestimmt den akademischen Erfolg?”
    Andere Lösung: Frauenquote!

  12. #12 Jürgen Schönstein
    17. Juni 2015

    @BMI23 #8
    Wo ist in diesem verlinkten Text etwas Wissenschaftliches zu finden, geschweige denn so etwas wie ein “Beweis”? Da dilettiert sich jemand populistisch-etymologisch was zurecht, das nicht mal in sich einen Sinn ergibt und nicht mal eine minimale wissenschaftliche Basis hat. Wie unsäglich dieser Blödsinn ist lässt sich schon am Beispiel der lateinischen Geschlechter-Suffixe zeigen, wobei “-us” und “-um” sogar doppelt so lang sind wie “-a” (und damit umständlicher, nach der Logik dieses Artikels).

    @Karl MIstelberger #6
    Danke für die Links, aber damit es keine Missverständnisse gibt: Es geht hier nicht um Probleme mit Frauen, sondern um Probleme für Frauen.

  13. #13 Christian Thiele
    17. Juni 2015

    @Jürgen Schönstein #4

    Okay, das mit den Steigungen stimmt natürlich.

    Warum Mathematik und Philosophie als Ausreißer? – Man kann diese Fächer als “abstrakter” bezeichnen.

    Zum Thema: Die Vereinbarkeit der Karriere mit der eigenen Lebensplanung halte ich für entscheidend für die Wahl der Laufbahn. Die Konzentration auf angeblich angeborene Eigenschaften oder wirklich extreme Leistungen (100er Liste) halte ich für schlicht nicht für so wichtig, wie es hier angedeutet wird.

  14. #14 BMI23
    17. Juni 2015

    @Jürgen Schönstein #12

    Der Verfasser ist ja nur ein Sprachwissenschaftler, der versucht in allgemeinverständlichen Worten seinen Lesern etwas über ihre Sprache beizubringen.

    Oder auch mal etwas “wissenschaftlicher” hier:
    http://sprawi.uibk.ac.at/files/hajnal/a9_fem_hist_sprawi.pdf
    Feministische Sprachkritik und historische
    Sprachwissenschaft (viel Spaß damit)

    Wo sind übrigens Ihre Belege für Populismus? Oder sehen sie alles nur durch die feministische/genderistische Brille?

  15. #15 MartinB
    17. Juni 2015

    @BMI23
    ” er ist eine Beschreibung der Entwicklung unseres Genussystems seit dem Ur-Indogermanischen.”
    Richtig, er beschreibt die These, wie die drei Kategorien handelndes Subjekt, gehandelt werdendes Objekt, Abstraktum als drei Geschlechter konstruiert wurden.
    “3. Zum Femininum gehören Ableitungen mit komplexer abstrakter Bedeutung und einem speziellen Suffix.”
    Und wie oder wo wurde dann das “aktiv handelnde” Geschlecht auf männliche Wesen eingeschränkt und bilogisch weibliche Wesen wurde in die Kategorie mit abstrakter Bedeutung eingestuft? Dafür muss es doch einen Grund geben. Über den schweigt sich der Artikel seltsamerweise aus.

  16. #16 Karl Mistelberger
    18. Juni 2015

    > #12 Jürgen Schönstein, 17. Juni 2015
    > Danke für die Links, aber damit es keine Missverständnisse gibt.

    Treffen sich zwei Blondinen und begrüßen sich über den trennenden Kanal hinweg.

    Schließlich sagt die eine: Wie komme ich hinüber?

    Sagt die andere: Wieso? Du bist doch schon drüben!

  17. #17 BMI23
    18. Juni 2015

    @MartinB #15

    Die Genese des dritten Genus
    http://www.zora.uzh.ch/55389/5/LitscherFTKrakauDRAFT.pdf

    oder: Wie die Geschlechter entstehen
    https://stemke.piraten-nds.de/2014/08/10/wie-die-geschlechter-entstehen/

    Falsch! Konstruiert oder beschlossen (gemeinsamer Beschluß der sexistischen Altvorderen am abendlichen Lagerfeuer?) wurde nichts. Sprache hat sich natürlich entwickelt – im Gegensatz zu heute, wo Sprache von oben herab diktiert wird (Rechtschreibreform, Sprachleitfäden).

  18. #18 Omnivor
    Am Nordpol von NRW
    19. Juni 2015

    Schreibt in den nächsten fünf Sekunden die Namen von mindestens drei Genies auf…
    Jeannie (Die bezaubernde J.),
    Hedy Lamarr,
    Lady Ada Lovelace,
    ??

  19. #19 MartinB
    19. Juni 2015

    @BMI
    Danke, endlich mal jemand, der meine Frage beantwortet, die cih schon öfters gestellt habe

    Ich schaue mal in den zweiten Link, habe gerade wenig Zeit.
    Da lernen wir also, dass die Zuordnung von Personen weiblichen geschlechts in die Abstrakte Kategorie kurz gesagt im wesentlichen daher kommt, dass man die Frauen in Beziehung zum jeweiligen Mann setzt – die Königin, die Freundin.
    Das männliche (maskuline) Geschlecht ist – so steht es da – das defaultgeschlecht für alle Menschen, das weibliche wird für personen verwendet, deren weibliches Geschlecht man hervorheben möchte (während es anscheinend keine Möglichkeit oder auch Notwendigkeit gibt, entsprechende Endungen zu haben, um die biologische Männlichkeit einer Person hervorzuheben): “Dieser Methode, geschlechterspezifische Abstrakta zu gewinnen, geht theoretisch auch beim Mann, aber es wurde und wird in der Regel im Deutschen nicht gemacht.”
    Frauen werden also über ihre Beziehung zu Männern definiert und gekennzeichnet und bekommen deswegen ein besonderes Suffix. Was genau ist daran jetzt nicht sexistisch?

    Der Artikel sagt ja eigentlich alles, was ich in meinen entsprechenden Artikeln zum Thema immer vermutet habe: Das Männliche wird als “default” angesehen, das weibliche als etwas, das ggf. einer besonderen Hervorhebung bedarf, ob bei einer generisch Maskulinen Gruppenbezeichnung weibliche Personen mitgemeint sind oder nicht, muss aus dem Kontext erschlossen werden.

    Und dass unsere Sprache nicht geschlechtergerecht ist, sagt sogar der Artikel selbst, denn da steht:
    ” Wollte man geschlechtergerechte Sprache, müsste man ein Suffix für Männer einführen, oder das Femininum zur Bezeichnung von Frauen aufgeben. ”

    Wie man das jetzt als Beleg *gegen* eine geschlechtergerechte Sprache verstehen kann, erschließt sich mir nicht.
    (Den zweiten Link schaue ich auch noch an.)

  20. #20 MartinB
    19. Juni 2015

    So, nun habe ich auch in das andere pdf geschaut – zugegebenermaßen übersteigt das meiste meinen Horizont. Einiges zumindest glaube ich zu verstehen:
    “Entscheidend für die Korrelation dieser Klasse mit dem femininen Sexus war dabei
    unter anderem der Umstand, dass in der Haustierhaltung die männlichen und die weib-
    lichen Tiere sehr unterschiedliche Rollen spielen: Die Männchen werden z.B. bei Kühen
    und Pferden meist einzeln gehalten, die Weibchen hingegen in Gruppen.”
    Zum einen wüsste ich hier gern, was sich hinter dem “unter anderem” verbirgt. Zum anderen ist es in meinen Augen ein ziemlich weiter Weg von einer Bezeichungsweise, die sich speziell auf Haustiere bezieht, hin zu etwas, dass man auf alle weiblichen Wesen einschließlich Menschen anwendet. Wie das genau passiert sein soll, darüber steht da leider nichts in dem Artikel, es wird nur relativ unklar von “sukzessiver Umverteilung und Regularisierung” gesprochen.

    Fazit: Ich sehe zwar dank der beiden Links deutlich eher, wie man sich die Assoziation des weiblichen mit dem grammatikalisch Femininem vorstellen kann (und dafür wirklich nochmal Danke), ich sehe aber nach wie vor nicht, wie man daraus in irgendeiner Weise schließen sollte, dass die Entstehung des heutigen Systems nicht auch sexistische Hintergründe hat (die werden ja in dem einen Link wie in meinem vorigen Kommentar erwähnt sogar sehr deutlich). Noch weniger sehe ich darin eien Rechtfertigung für Aussagen der Art “Das grammatikalische Genus meint heutzutage nicht das Geschlecht” – der Stemke-Artikel sagt ganz explizit “Wollte man geschlechtergerechte Sprache” (impliziert also, dass wir die nicht haben), der Artikel von Litscher spricht klar von einer korrelation zwischen der Kongruenzklasse und dem femininem Sexus.

  21. #21 MartinB
    20. Juni 2015

    Noch ein weitere Nachtrag: Litschers “Haustier”-Hypothese finde ich insofern nicht so seh rplausibel, weil wir bei den meisten Haustieren ja gerade keine Suffixe verwenden, um die Geschlechter zu trennen – es gibt weder Hahnin, noch Pferdin oder Schweinin.

    Und die Annahme, dass man ja sehr viele weibliche Haustiere zusammen hält und die deswegen als Gruppe/Kategorie ansieht, mag ja auf Großbauern zutreffen, aber soweit ich weiß hatten die meisten bauern früher nur eine eher kleine Zahl von Kühen oder Schweinen (bei Schafen und Hühnern mag es anders gewesen sein). (Bevor das jemand falsch versteht – das ist keine Widerlegung der Hypothese, sondern nur ein Aufzeigen meiner Ansicht nach offener Fragen, die man erst mal klären müsste, bevor man die hypothese akzeptiert.)

  22. #22 lindita
    22. Juni 2015

    Als ich mit 12 Jahren angefangen habe Deutsch zu lernen, war ich über das DAS beim Mädchen verwundert. Habe meine Lehrerin gefragt, warum es Der Junge und aber das Mädchen heisst. Habe nie eine Antwort bekommen. Dann ist es halt so, bis ich die Flämisch lernen musste. In der niederländischen Sprache verkleinern sie alles so offensichtlich, dass bei “meisje” das -je deutlich ins Auge sticht. Also, habe ich mir gedacht, muss das Mädchen eine Verkleinerung von Maid sein und Verkleinerungen werden automatisch neutral. Das Kind ist dabei neutral und ganz Diskriminationsfrei.

    Ansonsten das Wort “Modell” – männlich auf Französich, neutral auf Deutsch und weiblich auf Russisch. Wobei Französisch kein Neutrum besitz und Russisch – keine Artikel.
    Die Katze ist weiblich. Le Chat ist männlich.

    Wer Französisch kann, muss Deutsch einfach lieben. Da liegen wir auf der Wiese und es laufen Mann und Frau jeweils mit einem Hund vorbei. Ich will sagen, ich mag SEINEN Hund, Kann aber nicht, weil SEINEN bezieht sich im Französischen auf den Hund und nicht auf sein Herrschen, ob von ihm oder von ihr, es bezieht sich immer auf den Hund, und man muss extra sagen “SEINEN Hund von ihm oder ihr” Schlimm so was. In keiner Sprache, die ich kenne reden sie so.

    “The” ist mir am liebsten, am Ende ist es doch “his” oder “her” im Detail

  23. #23 Franz Nörgel
    2. August 2015