Als Schlagzeile macht das doch was her: “Ältere Männer mit hohem Sexhormonspiegel sind weniger religiös” – das ist fast exakt die Zeile, die der wissenschaftliche Springer-Verlag über seine Pressemitteilung zu einer Veröffentlichung im Fachjournal Adaptive Human Behavior and Physiology gesetzt hat (der Unterschied liegt im Konjunktiv – “könnte” steht im O-Text). Und ganz ohne Basis ist diese Aussage auch nicht: Der Soziologieprofessor Aniruddha Das von der kanadischen McGill University hat Daten der Langzeitstudie National Social Life, Health and Aging Project ausgewertet, die in den Jahren 2005-2006 und 2010-2011 mit amerikanischen Erwachsenen erhoben wurden, deren Geburtsdatum zwischen 1920 und 1947 lag. Neben Fragen zu ihren Lebensgewohnheiten, zu denen auch “Marker” wie Kirchenbesuche und Geistliche im Bekanntenkreis gehörten, wurden die rund 3000 Studienteilnehmerinnen und -Teilnehmer auch physiologisch untersucht, unter anderem mit Blut- und Speichelproben, die dann später im Labor ausgewertet wurden.

Der Artikel selbst ist hier nachzulesen; die Arbeitshypothese war, dass ein höherer Testosteronspiegel bei Männern unter anderem mit einer stärkeren Neigung zur häufigen Partnerwechseln und einer höheren Aggressivität und andern eher sozialschädlichen Verhaltensweisen verbunden wird – und da diese Verhaltensweisen im Allgemeinen potenziell im Konflikt mit religiösen Werten stehen, folglich auch die Neigung zur Religion mit dem Steigen der Sexualhormonspiegel reduziert wird.

Die Zahlen – die, wie in sozialwissenschaftlichen Journalen offenbar üblich, nur in wenig anschaulichen Tabellen präsentiert werden – scheinen diese Hypothese eines Zusammenhangs zwischen religiöser Aktivität und Sexualhormonen zu bestätigen. Da könnte man natürlich eine ganze Menge hinein interpretieren, aber das lass ich jetzt mal lieber… (obwohl’s verlockend ist).

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Kommentare (15)

  1. #1 rolak
    31. Mai 2018

    Die Pressemitteilung fand sich zuerst dort. Es wird zwar ‘original’ nicht garantiert, doch der Konjunktiv ist erhalten.

    verlockend

    Ja. Und die zuerst auftauchenden Ideen haben auch mit Verlockung zu tun.

  2. #2 Joseph Kuhn
    31. Mai 2018

    Wenn man jetzt noch feststellen würde, dass auch Männer aus aggressiven Glaubensgemeinschaften einen höheren Testosteronspiegel haben, könnte man es fast für eine ernstzunehmende Hyopthese halten. Es könnte natürlich sein, dass am Ende herauskommt, dass Weihrauch den Testosterinspiegel senkt, oder der Testosteronspiegel der Männer mit dem regionalen Benzinpreis korreliert, oder gar, dass Männer mit höherem Testosteronspiegel mehr Testosteron im Blut haben.

  3. #3 rolak
    31. Mai 2018

    Hmm, wenns denn repetiert wird: Erfreulicherweise sind (beim Menschen) Testo→Aggro und Testo→Asi weit davon entfernt, als auch nur halbwegs stabil belegt bezeichnet werden zu können (to focus it loosely). Die ersten abweichlerischen Untersuchungen wurden damals als ziemliche Erleichterung empfunden – solche Nebenwirkungen hoher Libido hatten was von DamoklesSchwert…
    Zum vermuteten WeihrauchEffekt fand sich erfreulicherweise nix bis nada, Joseph, dient das gute BoswelliaHarz hier doch des öfteren als Aromatisierung mit bekannten Auswirkungen (‘..wir erheben unsren Geist zum..’).

    Aber jetzt mal im Ernst, Dein letzter Satz: Was bitte soll denn der Hormonpegel damit zu tun haben, wie hoch im Flur der Spiegel hängt?

  4. #4 Joseph Kuhn
    31. Mai 2018

    @ rolak:

    “Was bitte soll denn der Hormonpegel damit zu tun haben, wie hoch im Flur der Spiegel hängt?”

    1. Weil es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als sich Deine Schulweisheit träumen lässt. Dem ist sicher nicht zu widersprechen, d.h. dieses Argument zieht immer, also auch hier.

    2. Weil der Hormonpegel identisch mit der Höhe des Hormonspiegels ist, also der Spiegelhöhe. Spiegelhöhe und Spiegelhöhe sind über das Komplementaritätsprinzip aus Walachs verallgemeinerter Quantentheorie miteinander verschränkt.

    3. Weil zwei unabhängige Begründungen, siehe oben, nur mit sehr kleiner Wahrscheinlichkeit gleichzeitig falsch sind.

    4. q.e.d.

  5. #5 Alexander
    31. Mai 2018

    die Arbeitshypothese war, dass ein höherer Testosteronspiegel bei Männern unter anderem mit […] einer höheren Aggressivität und andern eher sozialschädlichen Verhaltensweisen verbunden wird

    Aber immer auch die Bleiwerte messen! 😉

    http://www.deutschlandfunkkultur.de/umweltgifte-blei-im-blut-macht-kinder-aggressiv.993.de.html?dram:article_id=303207

    (oder sind die im verlinkten Artikel geschilderten Zusammenhänge mittlerweile wiederlegt?)

  6. #6 Alexander
    31. Mai 2018

    Verflixt, ich bin mir sicher, dass das überzählige “e” nicht aus meiner Tastatur stammt! (Da fehlt auch keines).

  7. #7 Basilios
    Sidonia no kishi II
    31. Mai 2018

    @Joseph&rolak
    Ich fühle mich massiv an das hier erinnert:
    http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/InsaneTrollLogic
    °__°

  8. #8 rolak
    1. Juni 2018

    mittlerweile wiederlegt?

    Auf halber Strecke zur Gegenwart anscheinend noch nicht, Alexander. Und das ‘e’ dürfte irgendwo an anderer TextStelle fehlen, damit alles wider ausgeglichen wird.

    Deine – Walachs – 2 – qed

    -Klar, meine ist gegenüber der SWS teilmengig, Joseph, obwohl bei uns beiden (also SWS&ich) Träumereien wohl eher bei mir auftreten.
    -Heute lese ich andauernd ‘Wachs’, wagnersch, wie ‘Walachs wachsweiche Winseleien’.
    -Abgesehen davon, daß zu der starken These aussagekräftige Studien zu fehlen scheinen: Es könnte sein, daß in Deiner Argumentation ‘richtig’ richtiger als ‘falsch’ ist.
    -Quasi ein Dammbruch logischer Stringenz, Kudos!

  9. #9 siskin
    1. Juni 2018

    Ich wundere mich immer, wie an konkret prüfbare Zusammenhänge dann windigste Konnotationen gebunden werden.
    Die ungeprüfte Hypothese, die die Forscher anscheinend als allgemein annerkannt und wahr erachten, lautet “Religion vermindert antisoziales Verhalten.”
    Allerdings sehe ich nicht, warum dies ungeprüft anzunehmen sei.
    Es sei denn natürlich “antisoziales Verhalten” wird an den religiösen Kriterien aus der Bibel gemessen, die ja weit unter den meisten “westlichen” Gesetzestexten liegen.

  10. #10 zimtspinne
    2. Juni 2018

    Ich dachte ja bisher, der Testosteronspiegel bei Männern nähme mit dem Alter ab, also müssten ja eher Männer aus der Altersgruppe mit den höchsten Testosteronspiegeln am unreligiösesten sein.
    Das könnte auch daran liegen, dass die in der Sturm- und Dranzeit einfach bessere Dinge zu tun haben, zB herumzustreunern auf der Suche nach Sexpartnerinnen (und -partnern…).

    Man könnte ja auch Mönche mal näher beleuchten. Wenn die tendenziell einen mittelmäßigen bis unterdurchschnittlichen Testosteronspiegel haben, könnte ja was dran sein….. dass weniger Energie und Zeit mit reproduktiven Zielen verplempert wird und dafür mehr Zeit für andere Hobbys bleibt, die lebensverlängernd sind (das wiederum wurde bereits nachgewiesen, aber ich bin jetzt nicht sicher, ob Testosteron an sich durch seine immunsuppressive Wirkung lebensverkürzend wirkt oder der Lebensstil der Mönche, oder beides).

  11. #11 andromed
    2. Juni 2018

    @ zimtspinne
    2. Juni 2018

    Zitat:
    Das könnte auch daran liegen, dass die in der Sturm- und Dranzeit einfach bessere Dinge zu tun haben, zB herumzustreunern auf der Suche nach Sexpartnerinnen (und -partnern…).

    -> Gibt es eigentlich verlässliche Studien über den Testosteronspiegel bei schwulen Männern?
    Möglicherweise wäre dann dieses Gendern an der Stelle leider fehl am Platz, falls die keinen signifikant höheren Testosteronwert haben, wie jeder andere Mann in der Sturm- und Drangzeit.

  12. #12 Laie
    6. Juni 2018

    Wenn nun häufiger Sex, wie wo zu lesen war, den Testosteronspiegel anhebt, so bleibt bei zu langer Verweildauer in sexuellen Angelegenheiten und auch weniger Zeit für Kirchenbesuche.

    Wer seinen Zeitplan richtig durchgestaltet, der hat sowohl genug Sex als auch genügend Kirchenbesuche, das ist alles eine Frage der Planung und Spezialisierung. Manche Priester sollen da sehr gut darin sein. Wer sein Hobby zum Beruf macht?

  13. #13 Laie
    6. Juni 2018

    @zimmtspinne
    Das Männchen ist durch die Evolution zu Befruchtung der Weibchen vorgesehen, anschliessend ist ihr (Daseins?)Zweck erfüllt. Dass sich da manche Männer nicht daran halten scheint mit der Evolution nicht ganz abgesprochen zu haben. Um das auszugleichen hat die Evolution das Weibchen ja öfters als 1x im Jahr befruchtungsfähig gemacht. Hier sieht man, wie die Evolution und der Mensch sich einen Wettbewerb abliefern.

  14. #14 anderer Michael
    8. Juni 2018

    Naja. Die Forscher stellen eine These auf und belegen bzw begründen ihre Ergebnisse mit der These. Das ist schon fast ein Zirkelschluss. Testosteron ist nicht nur einfach männlich und aggressiv.

  15. #15 Laie
    8. Juni 2018

    @zimtspinne
    Die Männchen, die sich nicht daran halten sind jene, die sich der Befruchtung durch falsche Berufswahl (Mönch, Papst etc.) entziehen, und das mit dem Zöllibat ernst nehmen.

    Der Herr Mohammed hat das Problem ja gleich erkannt und damals mit seinem festgeschriebenen Befruchtungsplan die Evolution hoffentlich wieder auf Spur gebracht. (Männchen animiert mehr zu tun, sodass ein Berfruchtungsmangel wie bei den Zöllibartheren nicht mehr eintritt).