Das gute Leben

Dass es uns heute besser geht als vor hundert Jahren, wird kaum jemand bezweifeln. In Deutschland hat sich die Lebenserwartung in den letzten hundert Jahren verdoppelt, in erster Linie durch bessere Lebensbedingungen. Ob wir heute auch glücklicher sind als früher, ist schon weniger klar. Der Wohlstand in Westeuropa hat den größten Teil der Menschen aus materieller Not befreit, aber die Seelennot ist nach Meinung mancher Leute sogar gewachsen. Geld allein macht bekanntlich nicht glücklich, aber keins zu haben, macht ziemlich sicher unglücklich. Mit dieser Feststellung begann heute Christoph Süß, Moderator der BR-Sendung „quer“, die Markt Schwabener Sonntagsbegegnungen, eine Gesprächsreihe, die der Markt Schwabener Altbürgermeister Bernhard Winter seit vielen Jahren organisiert.

Diesmal fanden sie in der Orthopädischen Kinderklinik in Aschau im Chiemgau statt. Christoph Süß diskutierte mit Werner Bartens, Leitender Redakteur im Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung und dort ein eifriger Verfechter der evidenzbasierten Medizin, über das Thema „Gut Leben“. Natürlich wurde das ständige „Höher, Schneller, Weiter“ unserer Wettbewerbsgesellschaft fleißig kritisiert, einschließlich des Hinweises darauf, dass selbst die Ratgeber zur Entschleunigung des Lebens in immer kürzeren Zyklen erscheinen und Seminare zum genügsamen Dasein seltsamerweise besonders viel Geld kosten. Auch hier gilt es wohl, erfolgreich zu sein. Aber man war auch etwas ratlos, wie man aus diesem Hamsterrad aussteigen kann. Wenn das Hamsterrad ins Stottern kommt, wie derzeit in Griechenland, sind die Folgen ja auch nicht besonders erfreulich. Das gute Leben hat es den Griechen bisher jedenfalls nicht gebracht. Vermutlich braucht es noch viele solcher „Sonntagsbegegnungen“, bis der Weg zu einem guten Leben, jenseits der wunderbaren Geldvermehrung im Kapitalismus, sichtbar wird.

Die Diskussion in Aschau war selbst ein Stückchen „gutes Leben“. Es hat Spaß gemacht, mit Christoph Süß und Werner Bartens zwei Debattenprofis zuzuhören, auch, weil die beiden sich gegenseitig zugehört haben und nicht nur darauf aus waren, vor Publikum ein paar rhetorische Punkte zu machen.

Wer meint, naja, ein typisches Thema für Sonntagsreden, ändern wird sich eh nichts: Ja, vielleicht, aber dass sich seit einiger Zeit die Ökonomen der Sache angenommen haben, Stichwort Bruttonationalglück, gibt doch zu denken.

Zum Schluss noch zwei Literaturtipps dazu: Petra Pinzler: Immer mehr ist nicht genug, München 2011, und – ganz neu: Robert & Edward Skidelsky: Wie viel ist genug? München 2013. Lesen ist schließlich immer gutes Leben.

Kommentare

  1. #1 Bloody Mary
    7. Juli 2013

    Lesen ist schließlich immer gutes Leben.

    :-)

    Ich denke, wenn man es geschafft hat, seinem Leben Sinnhaftigkeit zu verleihen, man das Gefühl hat, ab und zu konnte man was bewirken und einem Freude am Dasein sowie (zuweilen erwiderte) Liebesgefühle für andere Menschen nicht fremd sind, dann hatte man ein gutes Leben. Das ist das, was am Ende bleibt; das, was zählt.

  2. #2 Joseph Kuhn
    7. Juli 2013

    @ Bloody Mary: So in der Art – wenn man dabei Adornos Mahnung nicht vergisst, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Damit man selbst gut leben kann, müssen auch die anderen die Chance haben, gut zu leben, für sich allein kann man nicht ein gutes Leben führen.

  3. #3 michael
    8. Juli 2013

    Also, im glücklichen Planeten Index steht Griechenland nicht so schlecht da. Nach diesem Index lebt man besser in Griechenland als in der USA oder Luxemburg.

  4. #4 Joseph Kuhn
    9. Juli 2013

    @ michael: War das vor oder nach den Sparprogrammen?

  5. #5 Mike Macke
    9. Juli 2013

    Eine Ergänzung der Literaturtipps :
    “Glück!” von Wolf Schneider (allerdings von 2007…).
    Mir jedenfalls gefällt das Buch, weshalb ich es schon zum zweiten Mal lese.

  6. #6 michael
    9. Juli 2013

    @Joseph Kuhn
    > War das vor oder nach den Sparprogrammen?

    2012: laut http://de.wikipedia.org/wiki/Happy_Planet_Index

    • #7 Joseph Kuhn
      9. Juli 2013

      Tja. Das kann ich auch nur staunend zur Kenntnis nehmen.

  7. #8 michael
    10. Juli 2013

    Warum die USA beim sich Wohlfühlen nicht so gut abschneiden ist bei den Preisen kein Wunder:

    http://www.surgerycenterok.com/pricing/

    Eine Beschneidung für 2000 Dollar. Wird das Messer dafür aus Gold gefertigt, oder wie rechtfertigt man solche Preise?

    laut http://kfor.com/2013/07/08/okc-hospital-posting-surgery-prices-online/
    sind die noch preiswert:

    Mercy Hospital charged $16, 244 for a breast biopsy; the procedure will cost $3,500 at Surgery Center of Oklahoma.