… war vor kurzem hier auf Gesundheits-Check Diskussionsthema. 1,72 Mio. Euro für einen Mann und 1,43 Mio. Euro für eine Frau wurden dabei genannt – den Berechnungen des Ökonomen Hannes Spengler folgend.

Jetzt hat ein amerikanisches Gericht einer Witwe Schadenersatz in Höhe von 23,6 Milliarden (!) Dollar zugesprochen, weil ihr Mann an Lungenkrebs gestorben war und der Tabakkonzern Reynolds nicht ausreichend vor der Gefahren des Rauchens gewarnt habe. In den USA kommt es zumindest in den Erstinstanzen oft zu hohen Schadenersatzsummen. Dass Amerikaner so viel mehr wert sind als Europäer, ist also nicht anzunehmen. Ob der Wert eines Menschen mit 23,6 Mrd. Dollar angemessen beziffert ist, oder ob das Gericht eher die 1,72 Mio. Euro hätte zugrunde legen müssen, die Spengler errechnet hat, oder ob ein Menschenleben gar nicht in Geld aufzuwiegen ist – die Richter sind nicht darum zu beneiden, hier zu einem ökonomisch und/oder ethisch begründbaren Werturteil kommen zu müssen.

Ein Werturteil haben jedenfalls auch die Aktionäre von Reynolds gefällt: Im Bayerischen Rundfunk war heute zu hören, die Reynoldsaktie sei daraufhin um 1,3 % gefallen. Vielleicht glauben die Aktionäre nicht daran, dass die Summe von 23,6 Mrd. Euro am Ende Bestand hat. Oder es ist ihnen egal, weil aus ihrer Sicht auch diese Summe die Gewinnaussichten des Konzerns auf Dauer nicht beeinträchtigt und Tabakaktien ein „totsicheres Geschäft“ bleiben?

Kommentare (16)

  1. #1 Nesselsetzzer
    http://nesselsetzer.wordpress.com/
    21. Juli 2014
    • #2 Joseph Kuhn
      21. Juli 2014

      @ Nesselsetzer: Ja, habe es schon korrigiert und mit einem extra Ausrufezeichen versehen. Offensichtlich konnten meine Finger es beim Tippen erst mal nicht glauben.

  2. #3 Nesselsetzer
    http://nesselsetzer.wordpress.com/
    21. Juli 2014

    Ok, ich war zu langsam 🙂

    • #4 Joseph Kuhn
      21. Juli 2014

      … eigentlich nicht, Dein Kommentar war schneller online als meine Korrektur. Und der Schreibfehler trifft den Kern: Welch unglaubliche Summe, und doch wiegt sie in gewisser Weise ein Menschenleben nicht auf. Wenn man dann noch dagegenhält, wie wenig derzeit ein Menschenleben in Syrien, im Sudan oder im Gaza-Streifen wert ist …

  3. #5 Nesselsetzer
    http://nesselsetzer.wordpress.com/
    21. Juli 2014

    @Joseph Kuhn: Da gebe ich Dir recht. Das erinnert mich an einen Film, dessen Name mir leider entfallen ist, über eine Schlacht um Jerusalem. Dort wurde die Frage gestellt, was Jerusalem denn wert sei. Die Antwort: “Nichts! … Und alles!”

  4. #6 Kniffes
    21. Juli 2014

    Das müsste Königreich der Himmel gewesen sein.

  5. #7 Rotschopf
    22. Juli 2014

    Um ehrlich zu sein, halte ich es für falsch hier vom “Wert eines Menschenlebens” zu sprechen. Denn in Wahrheit kann es doch eigentlich nicht sein, dass man sich soviel Geld einstreiten kann, weil jemand geliebtes gestorben ist. Man kann die gute Frau für das fehlende Einkommen des Mannes entschädigen, oder für die Kosten der Therapie, die sie nach dem schmerzlichen Verlust machen muss, aber ein Gerichtsverfahren kann nun wirklich nicht dafür da sein, einen Menschen mit Geld zu ersetzen. Ist es auch nicht. In diesem Fall wie in vielen anderen dieser Art ging es darum, eine Firma emfpindlich zu schädigen als Strafe für ihr Fehlverhalten (sofern denn überhaupt eines vorliegt, das Argument “gesunder Menschenverstand” zählt ja immer noch nicht in den USA und wenn es tatsächlich so gefährlich ist, dass es gerechtfertigt ist, Firmen dafür zu richten, dann wäre es eigentlich staatsangelegenheit, etwas zu unternehmen gegen diese Gefahr). Entsprechend werden ja auch die Summen ausgewählt.

  6. #8 Hobbes
    22. Juli 2014

    So weit ich das verstanden hatte gab es 16,2 Mio Dollar an Schadensersatz (Zahl aus dem Kopf) und die 23 Mrd beinhalteten auch die Strafen. Also war der Wert des Lebens eher 16Mio und der Rest als “Buße”.

    Meiner Meinung nach versucht hier wieder ein Gericht Politik zu machen. Auch wenn es hier die richtigen trifft sollte man doch sehr vorsichtig sein. Eine entsprechende Gewaltenteilung (auch innerhalb der Judikative) gibt es ja nicht ohne Grund.
    Natürlich darf eine Strafe nicht aus der Portokasse kommen, aber ein mehrfacher Jahresumsatz ist ein faktisches Verbot. Und für diese wird es ja nicht Grundlos höhere Auflagen geben.

    Achso und
    Geld kann niemals ein Menschenleben aufwiegen. Aber es gibt trotzdem eine ökonomisch angemessene Größe. “Jeder Toter ist ein Toter zu viel” ist realitätsfernes moralisieren. Denn auch andere “begrenzte Werte” lässt man sich aus ökonomischen Gründen “beschneiden”.
    Wie zum Beispiel das Recht auf Freiheit (Manche sogar das Recht auf Würde). Wenn man sich nun weigert für Leben(szeit) einen Preis fest zu legen müsste man dies auch bei anderen Sachen machen. (Was völlig utopisch wäre da Arbeitszeit bspw. dann ja keinerlei Einschränkungen der Freiheit beinhalten dürfte)
    Wenn man dies jedoch nicht macht, müsste man ja Werte wie “Freiheit” für vernachlässigbar im Gegensatz zum Recht auf leben sehen. Das wäre nicht nur ein Schlag ins Gesicht all jener die für die Werte der Aufklärung ihr Leben ließen sondern zudem ein sehr gefährlicher Weg.

  7. #9 someone
    22. Juli 2014

    Hobbes hat recht, die Nachricht die da durch die Welt geht ist in dem Sinne ein wenig irreführend da die “compensatory damages” also der eigentliche Schadenersatz mit 16.8mio. (laut bbc) Dollar dann doch recht erheblich geringer ist. Der rest is punitive also bestrafung und soll davon abhalten das gleiche Verhalten in der Zukunft zu zeigen.
    Ebenso hab ich schon in dem Artikel vor ein paar Wochen angemerkt das mir die berechnete Summe von Spengler schopn erheblich niedrig scheint, da Amerikanische Behörden so zwischen $6-10 mio. liegen:
    http://www.care2.com/causes/epa-puts-the-value-of-human-life-at-9-1-million-fda-says-7-9-million.html
    Da sind dann auch die 16 millionen nichtmehr all zu weit weg.
    Und noch was: nicht das Gericht (der Richter) legte die Summe fest, sondern eine Jury und da wirds dann doch immer sehr subjektiv.

  8. #10 Dr. Webbaer
    22. Juli 2014

    Es ist in den Staaten wohl so, dass der Schadensersatz mit einer Strafzahlung (“Zivilstrafe”) aufaddiert wird, die dem Opfer (!) zugelangt.
    Nichtsdestotrotz kann hier nur von politisch orientierten Richtern oder von einer dementsprechenden Jury ausgegangen werden, die die Grenzen der Rechtsstaatlichkeit zu testen bereit ist.
    Konsequent weitergedacht wird auch Herr Dr. Kuhn, eine derartige “Rechtsstaatlichkeit” zugrunde gelegt, wegen seines Rotweinkonsums irgendwann Milliardär, beziehungsweise seine Erben.
    MFG
    Dr. W

  9. #11 michael
    22. Juli 2014

    @WB
    > wegen seines Rotweinkonsums irgendwann Milliardär, beziehungsweise seine Erben.

    Hängt von der Todesursache ab, Herr Bär. Wenn der Herr Kuhn z.B. beim Lesen der Bärenkomentare vor Lachen vom Stuhl fällt und sich das Genick bricht, wird es mit dem Verklagen der Wein-industrie nichts.

  10. #12 klauszwingenberger
    22. Juli 2014

    23,6 Billion Dollars? Ha! – das waren noch Zeiten:

    http://lyrics.wikia.com/Georg_Kreisler:Vierzig_Schilling

  11. #13 Joseph Kuhn
    22. Juli 2014

    @ Hobbes, @ someone:

    Danke für die Info mit der Aufteilung in Schadenersatz und Strafe. Aber resultiert nicht auch die Strafe letztlich daraus, dass Menschen gestorben sind, so dass auch hier der Wert des menschlichen Lebens zum Tragen kommt? Vielleicht sogar tiefgründiger als beim Schadenersatz, bei dem nur der “private Wert” des gestorbenen Mannes für die Witwe in Rechnung gestellt wird?

    @ Michael: Hm. Ob ich vor dem unangeschnallten Lesen Webbärscher Kommentare warnen sollte, um eventuellen Schadenersatzansprüchen von Stuhlabsturzopfern zuvorzukommen? Oder gilt dieses Risiko als allgemein bekannt und seine Hinnahme somit als Eigenverantwortung, so wie die Tabakindustrie dies mit Blick auf die Gesundheitsgefahren des Rauchens inzwischen bei Gericht vorbringt, nachdem sie jahrzehntelang behauptet hat, es sei nicht sicher, ob Rauchen Krebs verursacht?

  12. #14 Hobbes
    22. Juli 2014

    zu #13:
    Man könnte das noch zu dem eigentlichen Wert des Lebens dazu zählen wenn diese Summe als gesellschaftliche Wiedergutmachung und nicht als Abschreckung gesehen werden würde. Gerade die Amerikaner sind aber nicht dafür bekannt das sie sich an “Auge um Auge, Zahn um Zahn” halten. Und das meine ich im negativen Sinne.
    Vor allem in der “einfachen” Bevölkerung , also jene aus denen sich die Geschworenen zusammen setzen, scheint Vergeltung durchaus gut an zu kommen. (zumindest scheint einem das aus europäischer Sicht oftmals so)

  13. #15 someone
    23. Juli 2014

    @Joseph
    Punitive Damages gibt es eigentlich nur in State Laws, nicht Federal und daher hängt es vom State ab in dem geklagt wird. Die meisten Staaten haben eine Beschränkung auf das zwei bis vierfache der compensatory damages. Wie in der Phillip Morris Entscheidung von vor ein paar Jahren etabliert wurde darf bei punitive damages Generell das Ausmass des Schadens als Massstab genommen werden. Daher würde ich jetzt hier davon ausgehen (ohne das gesammte Urteil gelesen zu haben) dass die Jury den Schaden den Zigaretten bei anderen verursacht haben mit als Massstab für die Höhe genommen hat.
    Dadurch das Menschen an den Folgen von Zigaretten sterben wird die Strafe schon höher aber die Höhe leitet sich vor allem aus der Masse und an geschädigten(gestorbenen) Menschen ab als am einzelnen Tod.
    (In dem Sinne war die Morris Entscheidung ein wenig merkwürdig: Der an anderen verursachte Schaden darf nicht direkt bestraft werden aber als Massstab für die Strafhöhe genommen werden. Daher steht auch im dissent etwa: Ein Unterschied ohne Unterscheidung)

    @Hobbes Diese europäische (und auch amerikanische btw) Sicht kommt daher das vorallem nur solche krassen Einzelfälle publik werden und dabei jedesmal auch noch alle anderen Fälle der letzten 50 Jahre ausgepackt werden. (vor allem die allseits beliebte McDonalds Entscheidung) Oft auch mit nicht mehr aktuellen Zahlen (Viele der sehr hoch angesetzten Entschädigungen wurden in späteren Entscheidungen wieder runtergesetzt)
    Dazu auch die englische Wikipedia:
    “However, statistical studies by law professors and the Department of Justice have found that punitive damages are only awarded in two percent of civil cases which go to trial, and that the median punitive damage award is between $38,000 and $50,000.[17]”
    von:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Punitive_damages#United_States

  14. #16 Newshammer
    26. Juli 2014

    @Hobbes

    Wenn man sich nun weigert für Leben(szeit) einen Preis fest zu legen müsste man dies auch bei anderen Sachen machen.

    Das halte ich für ein falsches Argument:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Non_sequitur

    @Rotschopf:

    sofern denn überhaupt eines vorliegt, das Argument “gesunder Menschenverstand” zählt ja immer noch nicht in den USA und wenn es tatsächlich so gefährlich ist, dass es gerechtfertigt ist, Firmen dafür zu richten, dann wäre es eigentlich staatsangelegenheit, etwas zu unternehmen gegen diese Gefahr

    1. Tut der Staat in den USA etwas gegen diese Gefahr, siehe Anti-Rauchen-Politik in New York. In vielen Teilen der USA ist das Rauchen wesentlich strenger verboten als hier in Europa.
    2. Dann würde man wieder von staatlicher Bevormundung reden.
    Unternehmen dazu zu bringen, “narrensichere” Produkte anzubieten, indem man sie sonst bestraft scheint auch eine zulässige Lösung zu sein.