In der Süddeutschen Zeitung ist heute ein Essay mit dem Titel „Der Preis der Gesundheit“ von Guido Bohsem. Ausgehend von den nichtöffentlichen Preisverhandlungen für das Hepatitis-C-Medikament Sovaldi® des amerikanischen Herstellers Gilead plädiert er für eine öffentliche Diskussion darüber, wie viel Gesundheit sich die Gesellschaft leisten kann oder will. Sovaldi® gilt als modernes, wirksames Mittel, es ist seit Anfang 2014 in der EU zugelassen und wird auch von der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft positiv bewertet.

Das Mittel wirkt aufgrund seines sehr hohen Preises auch diskussionsstimulierend. Nach deutschem Recht darf der Hersteller im ersten Jahr den Preis selbst festlegen, danach wird mit dem Spitzenverband Bund der GKV ein Erstattungsbetrag verhandelt. Gilead möchte 700 Euro pro Pille, die Pille muss täglich bei einer Anwendungsdauer von 12 bis 24 Wochen eingenommen werden, macht 60.000 bis 120.000 Euro pro Behandlung, bei potentiell mehreren hunderttausend Betroffenen also eine ordentliche Summe für die Krankenkassen. Fachleute wie Gerd Glaeske meinen, das Medikament könne von der Kostenseite her betrachtet auch deutlich billiger angeboten werden.

Guido Bohsem weist zu Recht darauf hin, dass es für die Politik zwar bequem ist, wenn über Arzneimittelpreise hinter verschlossenen Türen verhandelt wird, das sei aber nicht gut. Man müsse sich angesichts begrenzter Ressourcen in der Gesellschaft insgesamt, also öffentlich darüber verständigen, z.B. anhand von Bewertungsmaßstaben wie den QUALYs (qualitätsadjustierten Lebensjahren), was kosteneffizient sei, „welcher Preis für welche Gesundheit angemessen sei“ und dass es doch Dinge gäbe, „die zu teuer sind, um das Leben eines Menschen zu retten“. Bohsem ist Wirtschaftsjournalist marktliberaler Prägung, daher fehlt in seinem Essay auch nicht der Hinweis auf die angebliche „Vollkasko-Mentalität“ der Versicherten, obwohl dieser Hinweis gerade bei der Behandlung von Hepatitis C reichlich fehlplaziert wirkt. Aber man will ja den gewünschten begrifflichen Assoziationsraum schaffen: dass sich alle Gesundheitssysteme „einer unendlich großen Nachfrage nach mehr Gesundheit erwehren“ müssten.

Das klingt fast tautologisch wahr. Man kann nicht mehr ausgeben als man hat und man kann nicht alles für die Gesundheit ausgeben. Man braucht schließlich auch Schulen, Schnürsenkel und Knäckebrot. Bohsem durchbricht aber ungewollt diese ideologische Sachzwangthese selbst, indem er ganz beiläufig fragt, ob es denn falsch sei, dass die Firma auch „einen kräftigen Gewinn machen möchte“. Mit anderen Worten: Es geht eben nicht nur darum, was die gesellschaftlichen Ressourcen hergeben und welchen Anteil der Wertschöpfung man im gesellschaftlichen Konsens für „die Gesundheit“ ausgeben will, sondern ganz brutal auch um die Frage, wie viel Gewinn Konzerne im Gesundheitswesen auf Kosten der Gesundheit machen dürfen, und koste es Menschenleben. Darauf gibt Bohsem keine Antwort, statt dessen deutet er am Beispiel unterschiedlich hoher Entschädigungszahlungen an leitende Angestellte und Sekretärinnen bei Arbeitsunfällen an, dass man auch über den „gesellschaftlichen Nutzen“ besserer Behandlungen nachdenken müsse. Hier grüßt die Bejahung der Zweiklassenmedizin. Nicht jedes Menschen Gesundheit ist gleich viel wert. Das sagt Bohsem natürlich nicht, das wird er auf Nachfrage nicht einmal so gemeint haben, so was sagt man auch im Wirtschaftsteil der Süddeutschen nicht.

Wie dem auch sei. Bei der Gelegenheit sei daran erinnert, dass nicht erst die Preisgestaltung, sondern schon die Arzneimittelforschung gewinnorientiert und nicht nur im Sinne einer effektiven Versorgung arbeitet. Wer über den „Preis der Gesundheit“ diskutieren will, muss auch über solche Dinge diskutieren, und darüber, wer den Preis der Gesundheit zu entrichten hat und wer davon profitieren soll.

Kommentare (29)

  1. #1 Ludger
    31. Januar 2015

    Tippfehler “… gerade bei der Behandlung von Hepititis B reichlich fehlplaziert wirkt.” soll wohl “Hepititis C heißen. Weiterer kommentar folgt.

  2. #2 Joseph Kuhn
    31. Januar 2015

    @ Ludger: Ja klar, danke, ist korrigiert. (Und inzwischen auch die Hepititis, unglaublich, wie oft man über so was hinwegliest).

  3. #3 Ludger
    31. Januar 2015

    Behandlungskosten werden in Deutschland bisher praktisch immer bezahlt. Es gibt zwar Rationierungen zum Beispiel wie viele implantierbare Defibrillatioren eine Klinik pro Jahr einsetzen darf (das war jedenfalls bei der Neuzulassung so). Die Kliniksverwaltungen achten jedenfalls darauf, dass solche Kontingente auch ausgeschöpft werden. Dabei werden klaglos mehrere 10.000 pro Patient investiert, weil man hofft, dass dadurch das Leben eines Herzpatienten mit z.B. Herzmuskelschwäche verlängert werden kann. Manche Patienten werden aber durch so ein Ding bei vollem Bewusstsein defibrilliert; es gibt auch Fehlfunktionen: man frage Herrn Bosbach.
    Aus Marketinggründen kann man bei manchen Krankenkassen auch Akupunktur oder Außenseitermedizin erstattet bekommen. Die Globuli sind zwar billiger als Sovaldi®, wirken aber nicht besser als ein Placebo.
    Bei palliativer Tumortherapie greift man ohne Klagen tief in die Tasche, um einige Monate Lebensverlängerung erlangen zu können. Bei dieser Gemengelage stellt sich die Frage, was ein Jahr Lebensverlängerung kostet oder kosten darf. Bei den Globuli steht im Zähler allerdings eine 0 (Kosten pro 0 Jahre Lebensverlängerung), was den Quotienten gegen Unendlich streben lässt. Bei Sovaldi® haben wir aber einen Therapiedurchbruch bei einer häufig tödlich verlaufenden ansteckenden und chronischen Erkrankung. Bei einer Heilung gewinnt man im Schnitt viele Jahre. Da will die Herstellerfirma einen Erlös erwirtschaften, der pro Jahr Lebensverlängerung ähnlich hoch ist wie bei anderen lebensverlängernden medikamentösen Therapien. Ob das richtig ist? Schwer zu sagen. Was wären die Alternativen? Ohne Aussichten auf einen satten Gewinn wäre das Medikament gar nicht entwickelt worden. Will man also auf die Entwickelung solcher Medikamente ganz verzichten oder will man die Forschung in staatliche Hände legen? Das wird nicht klappen. Soll man den Patentschutz verlängern, wenn die Firma das Medikament dann billiger anbietet? Das wird man international nicht absichern können, außerdem bringt es langfristig keine finanziellen Vorteile. Wir werden wohl in den sauren Apfel beißen müssen und jetzt einen sehr hohen Preis zahlen müssen. Allerdings wird es einen ähnlichen Preisverfall geben wie bei den Aidsmedikamenten, die sich zur Zeit auch ein Land wie Südafrika leisten kann. Und dort wird auch der Bedarf für ein Hepatitis C Medikament hoch sein. Nehmen wir also den hohen Preis, den man jetzt für Sovaldi® zahlen muss, als finanziellen Beitrag der Bundesrepublik für eine bessere und preiswertere medizinische Versorgung der Menscheit in wenigen Jahren nämlich nach Ablauf des Patentschutzes von Sovaldi®.

  4. #4 Ludger
    31. Januar 2015

    Oh je! Es soll Nenner heißen: “… steht im Nenner eine 0 …”

  5. #5 Joseph Kuhn
    31. Januar 2015

    @ Ludger:

    “Ohne Aussichten auf einen satten Gewinn wäre das Medikament gar nicht entwickelt worden.”

    Meinen Sie? Viele echte therapeutische Fortschritte seien, sagt z.B. Peter Gøtzsche (siehe Link am Ende des Blogbeitrags), gar nicht in der vermarktungsorientierten Pharmaforschung der Industrie, sondern in der Grundlagenforschung der Universitäten entwickelt worden. Bei Sovaldi® hat Gilead, wenn ich es richtig verstanden habe, die Entwicklerfirma gekauft und will Kaufpreis und Gewinn erwirtschaften. Ob es da also nicht mehr um die Finanzierung von Investments und um Renditen geht als um Forschungsfinanzierung? Aber ich kenne mich da zugegebenermaßen nicht aus, was die Dynamik in diesem Geschäft angeht. Jedenfalls bleibt die Frage, wie das Geld der Krankenkassen (sprich des Beitragszahlers) verwendet werden soll, für Konzerngewinne oder anders. Ob Gilead also die Gewinne in die Zukunft der Gesundheitsversorgung stecken wird, wie Ihr letzter Satz nahelegt?

  6. #6 Ludger
    31. Januar 2015

    Nun ja, die Aufgabe einer Firma ist es, Gewinn zu erzielen. Das ist bei uns eigentlich akzeptiert, wenn auch nicht immer im Bewusstsein präsent. Allerdings fuhren wir im Westen bisher ganz gut damit. Auch ein pharmakologischer Zufallfund wie Viagra wird aus den oben genannten Gründen nicht preiswerter angeboten als ein mühsam entwickeltes Präparat. Die Frage ist vielmehr: “Was sind die Leute bereit zu zahlen?” Ich kann ganz gut mit dem Wissen leben, dass die forschenden Pharmafirmen für wirklich gute Entwicklungen auch wirklich gutes Geld bekommen. Ich habe eher Probleme damit, dass manche Firmen für unhaltbare Heilsversprechungen viel Geld verdienen, sei es mit Nahrungsergänzungsmitteln oder mit Homöopathie. Und ich habe Probleme damit, dass die Pharmafirmen keine Veröffentlichungpflicht für alle Studienergebnisse haben. Wenn man Geld sparen will, muss man unnötige Ausgaben vermeiden. Eine Geldverschwendung wie bei Tamiflu darf sich nicht wiederholen. Die Marketingausgaben der Firmen sollten in einem vernünftigen Verhältnis zu den Forschungsausgaben stehen. Am wichtigsten finde ich die Veröffentlichungspflicht für alle Studien.

  7. #7 Ludger
    31. Januar 2015

    Ob Gilead also die Gewinne in die Zukunft der Gesundheitsversorgung stecken wird, wie Ihr letzter Satz nahelegt?

    Das soll der angesprochene Satz nicht ausdrücken. Wenn der Patentschutz in einigen wenigen Jahren abgelaufen sein wird, werden Pharmafirmen aus Drittweltländern die Substanz zu verträglichen Preisen für ihre Bevölkerung anbieten können. Die Firma Gilead wird dann mit dem Präparat kein Geld mehr verdienen können. Die müssen dann was Neues haben oder werden vom Markt verschwinden.

  8. #8 Joseph Kuhn
    1. Februar 2015

    @ Ludger:

    “die Aufgabe einer Firma ist es, Gewinn zu erzielen”

    Wer gibt einer Pharmafirma diese Aufgabe? Warum hat sie nicht die Aufgabe, gute und preiswerte Medikamente zu entwickeln?

    “Allerdings fuhren wir im Westen bisher ganz gut damit.”

    Das würde Peter Gøtzsche vermutlich anders sehen. Aber sei’s drum: warum würden wir nicht noch besser fahren, wenn Gilead nur 350 Euro verlangen würde? Oder 5.000 Euro? Wo ist der Maßstab dafür, welcher Gewinn angemessen ist?

    Bei den anderen Punkten, Krebsmedikamente, Nahrungsergänzungsmittel, Homöopathie, Tamiflu und Veröffentlichungspflicht, sind wir einer Meinung. Wobei man auch da fragen könnte: Wenn es Aufgabe der Firmen ist, Gewinn zu erzielen, was ist dann daran schlecht, wenn sie viel Geld für Krebsmedikamente nehmen, die wenig bringen, oder für sinnlose Nahrungsergänzungsmittel? Die Antwort darauf hilft auch bei der Unterscheidung zwischen 350, 700 oder 5.000 Euro.

  9. #9 Ludger
    1. Februar 2015

    Die Aufgabe einer jeden nicht gemeinnützigen Firma muss es sein, Gewinn zu erzielen, sonst verschwindet sie von der Bildfläche. Das gilt für Arztpraxen wie für Aktiengesellschaften. Die sind wiederum darauf angewiesen, ihren Anteilseignern (z.B. Pensionsfonds) Sicherheit und Gewinn zu bescheren. Weil bei Neuentwicklungen das Risiko des Maximalverlustes besteht (Beispiel Lipobay) wird eine Aktiengesellschaft bei erfolgreichen Neuentwicklungen eine Gewinnmaximierung versuchen. Andernfalls sinkt der Börsenwert, die großen Anteilseigner werfen den Vorstand hinaus und die Konkurrenz kauft die unterbewertete Firma auf. Was schlagen Sie vor? Herr Draghi könnte für einen besseren Wechselkurs zum Dollar sorgen. Man könnte wegen der Unverschämtheit der Hersteller den Einsatz des Medikamentes begrenzen – etwas Solidarität müssen auch die betroffenen Patienten aufbringen.
    Die Bundesregierung könnte die Forschungsbedingungen für Biotech-Unternehmen so weit lockern, dass in Deutschland möglich wird, was in den USA möglich war:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Gilead_Sciences#Unternehmensgeschichte
    Im Juni 1987 gründete der damals 29-jährige Arzt Michael Riordan die Firma Oligogen, Inc., die 1988 in Gilead Sciences umbenannt wurde.

    Allerdings mit folgenden Begleiterscheinungen:

    Im Januar 1997 wurde Donald Rumsfeld Vorsitzender des Aufsichtsrates, dessen Mitglied er seit 1988 gewesen war. [4] Er trat von diesem Posten zurück, als er Verteidigungsminister unter George W. Bush wurde. Sein Aktienanteil wird auf einen Wert von fünf bis fünfundzwanzig Millionen US-Dollar geschätzt. Er dürfte noch gestiegen sein, als im Herbst 2005 die erhöhte Nachfrage nach Tamiflu (wegen der Vogelgrippe H5N1) die Gilead-Aktien in die Höhe trieb. [5]

    Das Land Bayern hätte das Geld für die Bank Hypo Alpe Adria besser in Gilead-Aktien investiert. Dann hätte das Land Bayern als Großaktionär für preiswerte Medikamente sorgen können. Oder meinen Sie, der Landesrechnungshof hätte dabei nicht mitgemacht?

  10. #10 Joseph Kuhn
    1. Februar 2015

    @ Ludger:

    Dass private Unternehmen sich am Markt bewähren müssen, gehört nicht zu den besonders streng gehüteten Geheimnissen der Marktwirtschaft, selbst ich habe davon Kenntnis. Aber was folgt daraus für 350, 700 oder 5.000 Euro? Und für die Differenzierung zwischen der Vermarktung von Nahrungsergänzungsmitteln, Tamiflu und Sovaldi?

    Weil Sie – zu Recht – noch einmal auf die Notwendigkeit der Offenlegung von Studiendaten hingewiesen haben: Im letzten Absatz des Blogbeitrags habe ich von der Gewinnorientierung der privaten Pharmaforschung gesprochen. Die Zurückhaltung von Studiendaten ist ein Aspekt dieser Gewinnorientierung. Selbst die Zulassungsbehörden geben Daten unter Verweis auf die wirtschaftlichen Interessen der Firmen häufig nicht an die Wissenschaft weiter, d.h. sie gewichten Gewinninteressen höher als Patienteninteressen. Die Ausführungen von Ben Goldacre dazu in seinem Buch “Die Pharmalüge” (S. 85 ff.) sind recht instruktiv. Das ist nicht damit zu erledigen, dass man sagt, es sei eben “Aufgabe” der Firmen, Gewinne zu machen. Das ist richtig, aber was folgt daraus, für die angemessene Höhe des Medikamentenpreises im Kleinen und für die sachgerechte Organisation des Pharmageschäfts im Großen?

    Nur nebenbei: Ob sich Guido Bohsem öffentliche Preisverhandlungen so vorstellt, dass zwar öffentlich über den Preis gestritten wird, aber die Daten zu Nutzen und Nebenwirkungen der Medikamente bei den Firmen oder Zulassungsbehörden unter Verschluss bleiben? Man stelle sich das beim Autokauf vor: Man redet über den Preis, aber erfährt nur Halbseidenes über die Ausstattung des Autos, weil durch mehr Informationen dazu die wirtschaftlichen Interessen des Herstellers gefährdet seien. Schwer vorstellbar, auch wenn es, z.B. beim angegebenen Benzinverbrauch, durchaus Parallelen gibt.

  11. #11 Statistiker
    1. Februar 2015

    Ludger hat in seinen Ausführungen völig recht. Da gibt es kein Wenn und aber, auch wenn das eine, Josef Kuhn nicht gefällt.

    Die Alternative wäre eine völlig andere Gesellschaftsform, aber die missfällt dem Josef Kuhn ja auch, obwohl sie viele Vorteile böte…..

    Herr Kuhn leidet offensichtlich am Pippi-Lamgstrumpf-Syndrom……

  12. #12 Ludger
    1. Februar 2015

    Ja, bei den Preisverhandlungen handelt es sich um einen Machtkampf mit ungerecht verteilten Karten. Darüber kann man sich beklagen. Aber was kann man tun, um das Gesamtsystem gerechter zu machen, ohne es seiner Effizienz zu berauben? Wenn also alle Studien offengelegt würden, könnte man das Geld wenigstens zielgerichtet ausgeben. Vielleicht ist ja das Hepatitis-C-Medikament Sovaldi® so (un-)wirksam wie Tamiflu?
    Man sollte sich darauf einstellen, dass die Leute in den Pharmafirmen bei ihrer Aufgabe der Gewinnsteigerung intelligent und flexibel vorgehen. Beispiel: Wegen der Patientensicherheit besteht nach Urteil des Bundessozialgerichtes von ca 2002 keine Leistungspflicht der Gesetzlichen Krankenkassen für eine Off-Label-Therapie (Ausnahme Fehlen einer Alternative bei Lebensgefahr). Was macht eine Firma mit der Erkenntnis, dass der Angiogenesehemmer Bevacizumab nicht nur gegen Darm-, Brust-, Eierstocks-, Lungen- und Nierenkrebs hilft sondern auch gegen die feuchte Makuladegeneration, wenn der erzielbare Preis nicht den Vorstellungen des Managements entspricht? Die Firma entwickelt die gleich wirksame Variante Ranibizumab:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Ranibizumab#Ranibizumab_versus_Bevacizumab
    Ranibizumab wurde hauptsächlich aufgrund der Ergebnisse der MARINA- und der ANCHOR-Studien[6][7] zur Behandlung der AMD zugelassen. Der Preis von 1.950 US$ pro Injektion wurde schon bei der Einführung in den USA im Juni 2006 von vielen Augenärzten als unerhört hoch empfunden. Hochrechnungen ließen Kosten in Höhe von mehreren Milliarden US$ bzw. € jährlich allein aufgrund dieses einen Medikamentes für das Gesundheitssystem möglich erscheinen. Viele Augenärzte wichen deswegen im Rahmen der ärztlichen Therapiefreiheit auf das erheblich billigere, biochemisch sehr ähnliche Bevacizumab (Avastin®) aus, das jedoch für dieses Anwendungsgebiet nicht zugelassen war (sogenannter off label use).[8][9]

    Die Herstellerfirma von Bevacizumab, Hoffmann-La Roche, die zu 33 % Novartis gehört, machte jedoch keinerlei Anstrengungen, um eine Zulassung dieses Medikaments für die Behandlung der AMD zu erlangen. Daraufhin wurden auf Initiative von Augenärzten Therapiestudien initiiert, die vergleichend die Wirksamkeit von Ranibizumab versus Bevacizumab ermitteln sollen. In einer ersten direkten, jedoch kleinen Vergleichsstudie gab es keine Hinweise auf eine Überlegenheit gegenüber dem wesentlich preisgünstigeren Bevacizumab.[10] Als skandalös wurde von vielen Beobachtern der Versuch der Firma Genentech in den USA empfunden, den Verkauf von Bevacizumab an Augenärzte zu unterbinden (Genentech vertreibt auch Bevacizumab in den USA).[11] In einem Kompromiss wurde im Dezember 2007 erreicht, dass Bevacizumab unter bestimmten Bedingungen wieder von Augenärzten benutzt werden kann.[12] Die möglichen Haftungsrisiken für Genentech wurden dabei minimiert.

    Zusammenfassend nützt es nichts, wenn man bei wirklichen Neuentwicklungen über den Preis jammert. Man braucht andere Maßnahmen, z.B. das Aufweichen der Off-Label-Regel. Die Maßnahme ist zwar oft nicht spektakulär aber manchmal wirksam. Beispiel: Die in der Zeit des Gesundheitsministers Bahr (FDP) durchgesetzte Verordnung, dass keine Off-Label-Verwendung vorliegt, wenn eine Übereinstimmung bei den Indikationen vorliegt. Das hat die adjuvante Therapie von Brustkrebspatientinnen mit Aromatasehemmern schlagartig von 600€ auf 150€ pro Quartal verbilligt. Presseecho: keins. Ist zu kompliziert.

  13. #13 Joseph Kuhn
    1. Februar 2015

    @ Ludger: Das Aufweichen der Off-Label-Regelungen ist sicher kein Patentrezept. Die restriktive Handhabung hat ja gute Gründe – schließlich ist die Studienlage zur Wirksamkeit und zu Nebenwirkungen im Off-Label-Use normalerweise ziemlich desolat. Bei Bevacizumab (Avastin®) sieht es da vergleichsweise gut aus, die Regel ist das nicht, aber ich will mich da nicht zu sehr in Diskussionen begeben, in denen ich mich nicht wirklich auskenne. Hier ging es um die von Guido Bohsem propagierte Weise des Umgangs mit Preisforderungen der Industrie und wichtigen Aspekten des Themas, die er geflissentlich auslässt.

  14. #14 Ludger
    1. Februar 2015

    Patentrezepte gehen sowieso nicht. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Uns Gynaekologen hat man fast alle Hormonpräparate zur Behandlung von Zyklusstörungen weggenommen, die schon Jahrzehnte im Einsatz waren. Zur Neuzulassung hätte man Zulassungsstudien gebraucht, was sich bei nicht patentgeschützten Substanzen nicht gerechnet hätte. Also sind viele Hormonpräparate nach Auslaufen der Übergangsregelungen vom Markt verschwunden. Übriggeblieben sind aber eine irrwitzig hohe Zahl an Generika von Ovulationshemmern, die alternativ off label zur Zyklusstabilisierung eingesetzt werden können. Nur die patentgeschützte Pille Qlaira hat eine Zulassung zur Anwendung bei Hypermenorrhoe (Kosten pro Halbjahr ca. 90€). Genau so wirksam und sicher besser untersucht sind die Generika von Valette (Kosten pro Halbjahr 25€). Nur die Haftungsrisiken bleiben bei Arzt und Ärztin hängen. Selbst die Haftpflichtversicherungen schränken den Schutz bei Off-Label Therapien ein. Natürlich gibt das den Pharmafirmen kreative Möglichkeiten zur Preisgestaltung.

  15. #15 Gesundheitspolitik-Veteran
    1. Februar 2015

    Joseph, Du bringst es auf den Punkt. Touché! Bohsems Plädoyer für Qualy’s drückt eine Mentalität aus, die der Wohlfahrtsökonom Kenneth Boulding schon vor über 50 Jahren als “Imperialismus der Ökonomen” gegeißelt hat, nämlich alle soziale Beziehungen und Probleme in (monetäre) Kosten-Nutzen-Relationen zu pressen. Gary Becker hat für solchen Unfug sogar den Ökonomie-Nobelpreis bekommen Außerdem hätten Regelungen wie im britischen NHS, auf die sich Bohsem bezieht, in Karlsruhe wohl keinen Bestand. Guido Bohsem sollte sich mal bei seinem SZ-Kollegen Prantl erkundigen. Die Wirtschaftlichkeit medizinischer Leistungen bezieht sich im SGB auf den medizinischen und nicht auf den den ökonomisch-monetären Nutzen. Kostengesichtspunkte spielen bei der Leistungsgewährung nur bei vorhandenen Behandlungsalternativen bzw. der Wahl zwischen zwei gleichwertigen Behandlungsmethoden eine Rolle (siehe Regelungen zu den Festbeträgen für Arzneimittel). Es gibt zahlreiche Urteile von Sozialgerichten bis hin zum Bundessozialgericht, die diesem Grundsatz folgen und die Krankenkassen zu Leistungen verpflichten, die unter Qualy-Gesichtspunkten wohl nicht gewährt werden müssten. Bohsems Plädoyer läuft letztlich auf das Hayeksche Postulat hinaus, die wirtschaftlichen Leistungsträger in der medizinischen Versorgung zu bevorzugen: “Es mag hart klingen, aber es ist wahrscheinlich im Interesse aller, dass in einem freiheitlichen System die voll Erwerbstätigen oft schnell von vorübergehenden und nicht gefährlichen Krankheiten geheilt werden um den Preis einer gewissen Vernachlässigung der Alten und Sterbenskranken.” Eine solche sozialdarwinistischen Auffassung wird Bohsem sicher ablehnen, aber sie ist die Konsequenz seiner Überlegungen, die er offenbar nicht zu Ende gedacht hat. Das Qualy-Konzept bewegt sich unter ethischen Gesichtspunkten auf sehr dünnem Eis.

  16. #16 Dr. Webbaer
    2. Februar 2015

    Mit anderen Worten: Es geht eben nicht nur darum, was die gesellschaftlichen Ressourcen hergeben und welchen Anteil der Wertschöpfung man im gesellschaftlichen Konsens für „die Gesundheit“ ausgeben will, sondern ganz brutal [Hervorhebung: Dr. W] auch um die Frage, wie viel Gewinn Konzerne im Gesundheitswesen auf Kosten der Gesundheit machen dürfen, und koste es Menschenleben.

    So isses halt.

    Die grundsätzliche Varianten vom Patentwesen wegzugehen oder gar die Verstaatlichung der Produktionsmittel, im medizinischen Bereich, zu fordern, so der Verdacht hier: werden keine Verbesserung bewirken.

    Was natürlich angedacht werden darf bis muss, ist dass Patente beizeiten staatlicherseits gebrochen werden dürfen, wenn eine besondere Notlage vorliegt.

    Liegt diese in diesem Zusammenhang womöglich vor?

    MFG
    Dr. W

  17. #17 Ludger
    6. Februar 2015

    Zum Thema:
    http://www.aerzteblatt.de/archiv/167693/Chronische-Hepatitis-C-Hohe-Heilungsraten-ohne-Interferon
    Zitate daraus:

    “Die Fixkombination (Harvoni®) wird als eine Tablette (90 mg Ledipasvir plus 400 mg Sofosbuvir) einmal täglich eingenommen – ohne Interferon und bei den meisten Patienten auch ohne Ribavirin.”

    Anmerkung: Sovaldi® enthält als Wirkstoff nur das Sofosbuvir. Die Therapie soll aber nie mit der Monosubstanz erfolgen.

    Heilungsraten betrugen in Studien bis zu 99 Prozent
    Knapp 2 000 unvorbehandelte und vorbehandelte HCV-Patienten Genotyp 1 wurden mit Sofosbuvir/Ledipasvir im Studienprogramm ION behandelt. Insgesamt 99 Prozent (210/213) der therapienaiven Patienten mit und ohne Zirrhose erreichten mit zwölf Wochen und 98 Prozent (213/217) mit 24 Wochen Sofosbuvir/Ledipasvir eine anhaltend nicht nachweisbare HCV-RNA-Viruslast zwölf Wochen nach Behandlungsende (sustained virologiocal response week 12, SVR12) und galten somit als geheilt (2). “[Prof. Dr. med. Michael] Manns geht für Deutschland von 400 000 bis 600 000 Patienten mit einer chronischen HCV-Infektion aus, von denen nur die Hälfte diagnostiziert ist und von denen jeder vierte Infizierte ohne Behandlung im Verlauf eine Zirrhose oder ein hepatozelluläres Karzinom entwickeln wird. […]26 000 Menschen würden an den Folgen der chronischen HCV sterben (5).”

    Es gibt auch ein Statement zur Problematik der Kosten:

    Wegen der hohen Kosten für die neuen Therapien kann zurzeit nicht sofort jeder Patient behandelt werden, sagte Manns. Nach wie vor gebe es eine Priorisierung. Zunächst werden die Patienten behandelt, die eine dringende Therapieindikation haben. Viele Erkrankte könnten mit einer Therapie warten.

  18. #18 Ludger
    6. Februar 2015

    Ach ja: Die Statements wurden auf der Pressekonferenz „Harvoni® – Aufbruch in eine Zukunft ohne HCV“ in Frankfurt; Veranstalter Gilead gemacht.

  19. #20 Ludger
    6. Februar 2015

    Noch’n Zitat:
    >blockquote>
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/sovaldi-im-check-was-darf-das-lebensrettendes-medikament-kosten-a-1016826.html
    “Fazit: Der hohe Preis von Sovaldi ist ungerecht: Die Hepatitis-C-Infizierten – jedes Jahr sterben 500.000 Menschen an den Folgen – befinden sich in einer Notlage, die Gilead ausnutzt. ”

    Nur: was kann oder soll man tun?

  20. #21 Dr. Webbaer
    7. Februar 2015

    Nur: was kann oder soll man tun?

    Enteignung oder Verstaatlichung:
    -> http://de.wikipedia.org/wiki/Enteignung#Bundesrepublik
    -> http://en.wikipedia.org/wiki/Eminent_domain#United_States
    -> http://en.wikipedia.org/wiki/Nationalization#United_States

    Die gesellschaftlichen Folgekosten gelten als: beträchtlich.

    MFG
    Dr. W

    • #22 Joseph Kuhn
      7. Februar 2015

      Enteignung oder Verstaatlichung

      “Ludger” hat in Kommentar #20 das Fazit des SPIEGELS zitiert, das sich mit dem deckt, was bei Wikipedia zu Wucher steht: “Wucher bezeichnet das Angebot einer Leistung zu einer deutlich überhöhten Gegenleistung unter Ausnutzung einer Schwächesituation eines Vertragspartners.” Die Dinge beim Namen zu nennen, wäre schon mal ein Anfang.

      Als nächstes könnte man der Pharmaindustrie regulativ etwas mehr als bisher bei der Suche nach einem anständigen Geschäftsmodell beistehen, die Bücher von Peter Gøtzsche, Ben Goldacre und anderen sind voll von guten Ratschlägen. Man müsste halt mal reinschauen und darüber nachdenken statt gleich “geh doch nach drüben” oder “das ist Kommunismus” zu schreien, wenn an Exzessen der Gewinnmaximierung irgendetwas geändert werden soll. Dass die Zustände “alternativlos” sind, ist in der Regel falsch und lässt auf Interesse am Bestehenden, gedankenloses Dahergerede oder Einfallslosigkeit schließen. Die Konsequenz daraus lässt sich am besten mit Ihren Worten formulieren: “Die gesellschaftlichen Folgekosten gelten als: beträchtlich.” Gøtzsche sagt z.B., medikamentenbedingte Sterbefälle seien die dritthäufigste Todesursache. Das mag übertrieben sein, aber “beträchtlich” ist die Zahl der am Gewinnstreben der Pharmaindustrie unnötig Verstorbenen bestimmt – ob es nun die Nebenwirkungen der Medikamente sind, oder wie bei Sovaldi, die Nebenwirkungen des Preises.

  21. #23 Henning
    7. Februar 2015

    MARKTLIBERAL ist das Stichwort.
    Welcher Liberale möchte denn den Zustand der Geschäftemacherei ernsthaft als Markt bezeichnen? Haben alle Beteiligten die gleichen Kenntnisse, treffen sie am selben Ort zusammen, können sie frei entscheiden, haben sie die Auswahl? Ein wiederholt typischer Fall, in dem die Kapitalausstattung der Beteiligten die Verhandlungssituation verfälscht. Eben kein Markt.

  22. #24 Dr. Webbaer
    9. Februar 2015

    @ Herr Dr. Kuhn :
    Da liegt wohl irgendwie ein Missverständnis vor, aus liberaler Sicht sind geistiges Eigentum und das Patent keineswegs unangreifbar.
    ‘Wucher’ ist ein anderes Problem, meint: Verträge Abschließende vor dem Vertragsabschluss zu schützen.
    IdT darf und muss gelegentlich darüber nachgedacht werden Patente zu brechen oder zu enteignen, am besten bevor ‘Wucher’, was immer das genau sein soll, entsteht.
    Im Softwarebereich gibt es ebenfalls Probleme mit den Patenten.

    Der Schreiber dieser Zeilen kann sich vorstellen geistiges Eigentum generell gebrochen zu sehen.
    Ischt aber ein wei-tes Feld, das hier nur angerissen werden kann.

    MFG
    Dr. W

  23. #25 Dr. Webbaer
    10. Februar 2015

    Ergänzend:
    -> http://www.medpagetoday.com/Gastroenterology/Hepatitis/44357 (Kostproben: ‘The drugs themselves are not expensive to make, according to a study presented at the 2013 meeting of the American Association for the Study of Liver Diseases.’ + ‘For instance, among other costs Gilead paid $11.2 billion to buy the company that first created sofosbuvir.’)

    Es gibt zudem in der Preispolitik deutliche Bewegung nach unten.

  24. #26 Dr. Webbaer
    10. Februar 2015

    Hier grüßt die Bejahung der Zweiklassenmedizin. Nicht jedes Menschen Gesundheit ist gleich viel wert. Das sagt Bohsem natürlich nicht, das wird er auf Nachfrage nicht einmal so gemeint haben, so was sagt man auch im Wirtschaftsteil der Süddeutschen nicht.

    Sagt ‘man nicht’, ist aber richtig, die Faktizität meinend und die unterschiedliche Zahlkraft Einzelner.
    Muss aber festgestellt werden, wenn die Debatte ein gehobenes Niveau erreichen soll, ‘Es darf keine Zweiklassenmedizin geben.’, der diesbezügliche Slogan im linken Slang, lenkt nur ab.
    Das Gewinnstreben des Herstellers Gilead wird neben dessen Bemühen um das Geschäftsimage regulierend wirken, die unsichtbare Hand sozusagen.


    Eine andere Frage besteht natürlich darin, ob sich auf den Bau eines diesbezüglichen Medikaments in einem ggf. fernen Land verlassen werden soll oder ob ein Staat sich entschließt patent-brechend zu werden und nachzubauen, sofern möglich.

    MFG
    Dr. W

  25. #27 Joseph Kuhn
    12. Februar 2015

    Update: Das Ärzteblatt meldet heute, dass sich der GKV-Spitzenverband mit Gilead auf einen reduzierten Preis geeinigt habe. Eine Packung koste jetzt nur noch 14.520,84 Euro, die zwölfwöchige Therapie 43.562,52 Euro. Eine Konzernsprecherin wird mit den Worten zitiert, man sei sich der Verantwortung für die Versorgung der Patienten bewusst. Ich glaube ja, da wäre noch etwas Bewusstseinserweiterung möglich gewesen.

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