… das klingt so spannend wie das Stöbern zwischen vergilbten Büchern in verstaubten Archiven und wirft die Frage auf, was damit praktisch zu gewinnen ist, ob man nicht einfach die Probleme anpacken und lösen sollte, statt über so etwas nachzudenken. Aber man muss sich nur die aktuelle Diskussion um die Masernimpfung vergegenwärtigen, um vorsichtiger mit solchen hemdsärmeligen Sprüchen zu werden. Eigentlich weiß man inzwischen sehr gut Bescheid über die Masern und die Masernimpfung. Trotzdem lassen sich manche Leute, und zwar nicht die Dümmsten, einfach nicht impfen, oder wollen ihre Kinder vor den „schädlichen Chemikalien“ in der Spritze schützen. Manche glauben sogar, die Masern durchzumachen, sei ein wichtiger Entwicklungsschritt in der kindlichen Entwicklung.

Es nützt hier sichtlich nichts, wenn man das vorhandene Wissen auf den Tisch packt und hofft, dass es sich wie eine Infektion überträgt. Wie kommt es dazu, dass vorhandenes Wissen unter bestimmten Bedingungen in Misskredit gerät? Wie sind die Immunisierungsprozesse von Impfgegnern gegen das Wissen strukturiert? Wie soll man darauf reagieren? Welche historischen Parallelen gibt es hier? Solchen Fragen will die AG „Geschichte von Sozialhygiene, Sozialmedizin und Public Health“ der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention (DGSMP) im September in einer Session auf der Jahrestagung der DGSMP nachgehen. „Daten und Taten: Zur Geschichte der Wissensproduktion und Wissensvermittlung in Public Health“ ist die Session überschrieben, ein Call for Papers dazu ist online. Mal sehen, ob wir interessante Vorträge einwerben können – und ob etwas zur Geschichte des Umgangs mit dem Wissen rund um das Impfen dabei ist.

Kommentare (13)

  1. #1 Dr. Webbaer
    21. Februar 2015

    Wie kommt es dazu, dass vorhandenes Wissen unter bestimmten Bedingungen in Misskredit gerät?

    Liegt daran, dass Erkenntnis (vgl. ‘Wissen’) mit einem unausgesprochenen, weil unbekannten Verfallsdatum kommt, wobei die grundsätzlich vorliegend müssende Skepsis, keineswegs nur bei der Abnehmerschaft wissenschaftlicher Leistung, gemeint ist.
    Es wird ja naturwissenschaftlich mit Konstrukten oder Provisorien gearbeitet, es wird nichts (über die Natur) gewusst, epistemologisch im skeptizistischen Sinne jedenfalls nicht.

    Wie sind die Immunisierungsprozesse von Impfgegnern gegen das Wissen strukturiert?

    Hier geht die Skepsis wohl ins Pathologische, wie unter anderem auch bei denjenigen Kollegen, die auch heute noch meinen, dass sich die Erde nicht um die
    Sonne “dreht”.

    Eigentlich müsste es das allgemein fehlende Wissen (sic) um die moderne Wissenschaftlichkeit sein, das einige anleitet irre skeptisch zu werden.

    MFG
    Dr. W

  2. #2 DH
    21. Februar 2015

    “Wie kommt es dazu , daß vorhandenes Wissen unter bestimmten Bedingungen in Mißkredit gerät?”

    Uff. Dahinter steht nichts weniger als die Frage nach dem Aufstieg und Fall ganzer Gesellschaften.

  3. #3 Dr. Webbaer
    22. Februar 2015

    @ DH :
    Es wäre ja noch nachvollziehbar, wenn Rückständige zu ungünstiger Wissenschaftsskepsis, gar zum Impfskeptikertum neigen, aber bei den hier Erörterten handelt es sich fast durchgehend um zivilisierte Kräfte und um Reaktion.

  4. #4 miesepeter3
    22. Februar 2015

    QJoseph Kuhn

    “Wie kommt es dazu, dass vorhandenes Wissen unter bestimmten Bedingungen in Misskredit gerät? ”

    Wie kommt es, dass Autofahrer immer wieder bei Rot über die Kreuzung fahren?
    Wie wäre es mit “Dummheit” als Erklärung? Und die hat nichts mit Intelligenz zu tun.

  5. #5 Dr. Webbaer
    22. Februar 2015

    @ Miese :
    Der Webbaer ist ein großer Freund der Dummheit, vielleicht in etwa so wie Sie der Miesepetrigkeit frönen, korrekt bleibt abär auch, dass als zivilisiert zu betrachtende Personen als zivilisiert zu betrachten sind.

    Hmm, hmm, ungünstige Einwanderungsbewegung wäre hier womöglich anderweitig in der Lage zu belegen.

    Honk Kuhn meint es aber sicherlich gut,,
    MFG
    Dr. W

  6. #6 Ludger
    22. Februar 2015

    “Wie kommt es dazu, dass vorhandenes Wissen unter bestimmten Bedingungen in Misskredit gerät? ”

    Schaun wir doch mal in den Beipackzettel. Da steht dann so etwas

    (Zitat nach http://www.pharmazie.com/graphic/A/71/0-90971.pdf ): “c. Beschreibung ausgewählter Nebenwirkungen
    Aseptische Meningitis
    Über Fälle aseptischer Meningitis wurde nach Masern-Mumps-Röteln-Impfung berichtet. Ein Kausalzusammenhang zwischen anderen Stämmen des Mumps-Impfstoffs und aseptischer Meningitis konnte gezeigt werden, es gibt jedoch keinen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen dem im Impfstoff enthaltenen Jeryl-Lynn®-Mumps-Impfstamm und aseptischer Meningitis.
    Enzephalitis und Enzephalopathie
    Pro 3 Millionen verabreichter Dosen von Impfstoffen mit einer Masern-Komponente, hergestellt von Merck & Co., Inc., wurde ein Fall von Enzephalitis und Enzephalopathie, ausgenommen subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE), berichtet. Postmarketing-Beobachtungen mit den weltweit über einen
    Zeitraum von fast 25 Jahren (1978 bis 2003) mehr als 400 Millionen verkauften Dosen weisen darauf hin, dass schwerwiegende Nebenwirkungen wie
    Enzephalitis und Enzephalopathie auch weiterhin nur selten beobachtet werden. In keinem Fall konnte schlüssig nachgewiesen werden, dass die Nebenwirkungen tatsächlich durch die Impfung verursacht wurden; die Daten lassen jedoch vermuten, dass einige der Fälle möglicherweise durch Masern-Impfstoffe hervorgerufen worden sein könnten.

    Jetzt kommt die juristische Frage: Muss der Impfarzt darüber aufklären und wie formuliert er das? Und jetzt stellen wir uns mal vor. dass Eltern sich auf “impfkritischen” Internetseiten belesen haben und wollen die Garantie haben, dass wirklich nichts “passieren” kann. Ich hab es da relativ einfach:
    Die Frage “Sie wollen doch bei der nächsten Schwangerschaft nicht Ihr Kind gefährden?” löst alle Bedenken in Wohlgefallen auf.

  7. #7 DH
    22. Februar 2015

    @Dr.Webbaer

    “Zivilisiert” und “rückständig” sind nicht auf den ersten Blick erkennbar , gerade die Rückständigen sehen gerne ordentlich und zivilisert aus , uralter Trick , nach dem Saubermann-Prinzip.
    Gerne halten sich auch die formell Gebildeten für überlegen – in Gesellschaften wie der unseren , die schon recht lange einen gewissen Wohlstand generiert (für die Mehrzahl) , gibt es aber (vielleicht immer ) einen Hang zur Degeneration der “Eliten” .

    Wohlstand verblödet , je mehr Leuten es zu gut geht (im rein materiellen Sinn) , desto häufiger sind die Rückständigen eher weiter oben zu finden .

    • #8 Joseph Kuhn
      22. Februar 2015

      … Hang zur Degeneration der “Eliten” …

      Angesichts der Statements mancher Banker über ihre Opfer in der Finanzkrise und ihrer ungebrochenen Hybris (“Wir verrichten Gottes Werk”), oder, auf finanziell und geistig sparsameren Niveau, angesichts Westerwelles degoutanter Sprüche zur spätrömischen Dekadenz der Armen, liegt die Annahme eines solchen Hangs der “Eliten” manchmal in der Tat nahe. Aber woran es bei den “Eliten” auch tatsächlich hängen mag: Die Waldorfschul-Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, die pensionierten Ingenieure, die rastlos Fehler in Einsteins Relativitätstheorie suchen und finden, oder die verschwiemelten Hinterzimmerfreaks, die nach nächtelangen Sessions in obskuren Internetforen ganz sicher wissen, dass die Mondlandung gefakt ist, das sind alles keine “Eliten”, sondern bestenfalls Mittelschicht, die sich im Wissenswald verlaufen hat. Empirisch zeigen alle Studien: Wohlstand verblödet nicht. Wohlstand schafft vielmehr Bildungschancen. Nicht nachdenken verblödet, garantiert – ein Hang, dem wir alle immer wieder ausgesetzt sind und manchmal auch erliegen.

  8. #9 rolak
    23. Februar 2015

    alles keine “Eliten”

    Die thumben Eliten dürften eher ein Wahrnehmungsphänomen sein, Joseph, ein Verändern der Einsortierung “wieso auch die bei ihren Möglichkeiten” → (BestätigungsFehler) → “die”. Aus irgendeinem Grunde besonders auffallende Beispiele tendieren halt immer zu einem pauschalisierenden ‘die, alle die, besonders die, nur die’.

  9. #10 Ludger
    23. Februar 2015

    Joseph Kuhn: “[…] angesichts Westerwelles degoutanter Sprüche zur spätrömischen Dekadenz der Armen […]”

    Auch wenn Sie Herrn Westerwelle nicht leiden können, verdient er doch ein korrektes Zitat (nix mit Dekadenz der Armen“):

    http://www.welt.de/debatte/article6347490/An-die-deutsche-Mittelschicht-denkt-niemand.html
    ” […] Wer kellnert, verheiratet ist und zwei Kinder hat, bekommt im Schnitt 109 Euro weniger im Monat, als wenn er oder sie Hartz IV bezöge. Diese Leichtfertigkeit im Umgang mit dem Leistungsgedanken besorgt mich zutiefst. Die Missachtung der Mitte hat System, und sie ist brandgefährlich. Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.

    Das Fördern und Fordern von Gerhard Schröder liegt nicht so weit weg davon, eignet sich aber nicht zum Shitstorm.
    Zum selben Thema Autor enfantteRRiblein in “derFreitag” Herausgeber Herr Augstein:

    https://www.freitag.de/autoren/enfantterrible/westerwelles-spaetroemische-dekadenz
    ” Dies ist allerdings eben nicht der Fall, denn täglich werden Menschen in aller Herren Länder ausgebeutet durch Arbeit zu einem Hungerlohn und noch mehr Ressourcen werden der Erde Tag für Tag entrissen ohne dabei daran zu denken, dass unser ganzes Hab und Gut doch endlich ist. Somit ist die spätrömische Dekadenz vollkommen in unserer Gesellschaft eingeschlagen, denn niemand kann wohl bestreiten die meiste Zeit seines Lebens, mit der Situation, komfortabel wie sie ist, relativ zufrieden zu sein.”

    Zum Thema “Dekadenz”: http://de.wikipedia.org/wiki/Dekadenz
    Und jetzt sind wir wieder bei den Impfverweigerern. Warum soll mein Kind geimpft werden? Es gibt doch kaum noch Masern! Ein Kohortenschutz für andere Interessiert nicht.

  10. #12 DH
    23. Februar 2015

    @Joseph Kuhn

    Der Fisch stinkt vom Kopf her , aber Ich hätte mich genauer ausdrücken sollen , gemeint sind schon auch jene nicht ganz unerheblichen Teile des Mittelstands , deren materieller Puffer offenbar ausreicht , um sich auf abstruse Abwege zu begeben ,dazu braucht es auch nicht gleich die große Verschwörung zu sein , meine Schuld , hätte ich dazuschreiben sollen.

    “Wohlstand schafft Bildungschancen”

    Mag sein , aber was ändert formelle Bildung an der Tendenz zur Verblödung?

    Daß formelle Bildung und Intelligenz-Bereitschaft nicht zusammenhängen (oder nur sehr bedingt) , sollte mittlerweilen klar sein , dazu braucht man sich ja nur mal anschauen , wer weiter oben häufig so rumläuft .
    Natürlich gilt das nie für alle , manchmal nichtmal für viele , aber ich habe schon immer häufiger den Eindruck , daß die Tendenz zur “Degeneration” nicht nur kein Hindernis , sondern oft geradezu Voraussetzung ist , um weiter zu kommen, schauen Sie sich den Journalismus an , die Ökonomie , die Politik…und nicht gerade vielen Vorgesetzten , denen man so begegnet , kann man jetzt wirklich sowas wie Niveau unterstellen , meist ist es das ganze Gegenteil.

    Und an alle Schlaumeier , die jetzt wieder die Ich-bin-ja-sowas-von-differenziert – Karte spielen:
    Natürlich sind es nie alle , das hab ich jetzt mal vorausgesetzt , aber dennoch kann man nicht einfach so tun , als sei alles supi und als ob es keine Tendenzen gäbe , einfach mal darüber nachdenken….

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