TTIP, das transatlantische Freihandelsabkommen, das zurzeit zwischen der EU und den USA verhandelt wird, war hier auf Gesundheits-Check schon einmal Thema. Vor ein paar Tagen erst hatte die EU-Kommission mehr Transparenz über die Verhandlungen versprochen. Warum das eine gute Idee ist, zeigen Dokumente, die die EU-Kommission vor kurzem einer NGO, dem „Corporate Europe Observatory“ übergeben hat und dort auf der Homepage bzw. bei “ask the EU“ einsehbar sind. Es geht dabei um Verhandlungen mit der Tabakindustrie, die auch TTIP betreffen. Ein Kollege an der LMU München hat mich darauf aufmerksam gemacht. Schon der Mailwechsel zwischen dem Anfragenden, Olivier Hoedeman, und der EU über wiederholte Fristverlängerungen ist nahe an der Realsatire, wird aber um Längen von den übergebenen Dokumenten übertroffen.

TTIP_Tabakindustrie

Solche Dokumente sorgen ungewollt auch für eine Art Transparenz – der anderen Art, nämlich dass uns selbst Dinge, die unsere Gesundheit massiv beeinflussen könnten, aus Sicht der EU-Kommission nichts angehen: Das öffentliche Interesse an Transparenz, so zitiert das Corporate Europe Observatory die EU, „does neither outweigh the public interest in protecting the Commission’s international relations and decision-making process, nor the commercial interests of the companies in question”. Daher bekommt man auf eine Anfrage nach dem Freedom of Information Law eine Antwort free of information. „The Commission describes this as ‚partial access‘“, kommentiert das Observatory. Das hätte George Orwell nicht besser formulieren können.

Kommentare (18)

  1. #1 Beate Blättner
    30. August 2015

    Dieser Beitrag sollte über den Blog hinaus bekannt gemacht werden. Ich finde ihn sehr erhellend – entgegen der dominierenden Farbe im abgedruckten Dokument.

  2. #2 rolak
    30. August 2015

    partial access

    ist das ‘bis zu 2.500€’ der Verschweigungspraktiker – beides beinhaltet die Möglichkeit 0 (in Worten: nix). Neu ist das Ganze ja nicht, haben schon viele (Bsp) vorgeturnt – und jedes einzelne Mal denke ich grinsend an den Lobgesang zurück, wo literweise Tinte darauf verbraten wurde werden wird, die Kohlepapiere längst vergangener Zeichnungen zu kopieren…

  3. #3 Ludger
    30. August 2015

    Da fehlen einem die Worte!

  4. #4 Joseph Kuhn
    30. August 2015

    @ Ludger: 😉

  5. #5 Alisier
    30. August 2015

    Also, ich weiß wirklich nicht, was ihr wollt. Da steht doch alles:
    “They explained their main interests in the negotiations”
    Und die bestehen dann wohl offensichtlich darin, der Öffentlichkeit nichts zu sagen. Und alles zu schwärzen, inklusive Lungen natürlich, denn damit verdienen diese Leute ja ihr Geld.
    In Wirklichkeit sind sie natürlich lediglich alte Stones-Fans, die einen guten älteren Titeleinfach nur ein wenig zu wörtlich genommen haben. Und habt ihr Keith schon mal ohne Zigarette gesehen? Eben!
    Rauchen macht erfolgreich, wer braucht da noch defätistische Verlautbarungen. Philip Morris weiß schon, was gut für alle ist.
    Und wir brauchen Wachstum, und zwar dringend! Stellt euch vor, alle hörten plötzlich auf zu rauchen. Ein Desaster!
    Und dann kommen womöglich diese ganzen grünen Chaoten und wollen auch noch das Autofahren schlechtmachen.
    Deutschland, ja ganz Europa wird untergehen, wenn wir den erfahrenen Verkäufern ins Handwerk pfuschen.
    Also lasst sie bitte machen, sonst ist nämlich meine Rente futsch, und darum gehts doch, ganz alleine darum.

  6. #6 Turi
    30. August 2015

    Natürlich ist das “Öffentliche Interesse” weniger wichtig als die “Kommerziellem Interessen” der Konzerne. Die Öffentlichkeit spendet einfach zu wenig. Da muss so ein EU Politiker auch mal an seine Zukunft (auf seiner Yacht) denken.

  7. #7 BreitSide
    Beim Deich
    30. August 2015

    Warum ist mir auf einmal so schlecht?

  8. #8 Kyllyeti
    30. August 2015

    Diese raucherlungenartigen ‘Dokumente’ sollten möglichst weite Verbreitung finden.

    So ein Bild überzeugt mehr als tausend Worte …

  9. #9 Joseph Kuhn
    30. August 2015

    @ Kyllyeti: Künstlerisch ist das Bild durchaus überzeugend. Die Schwarz-Weiß-Kontraste symbolisieren den Antagonismus von Gut und Böse, hier übertragen auf das Gegeneinander von Leben und Tod. Manche Interpreten wollen in den schwarzen Strichen sogar eine subtile Anspielung auf die unterschiedliche Länge der zigarettenmodifizierten Lebenserwartung erkennen. Beeindruckend ist, wie der Künstler die für Verhandlungen über die Länge des Lebens typische Uneindeutigkeit der Worte durch die Eindeutigkeit des Strichcodes ersetzt hat – und in einer dialektischen Figur durch die sprechende Wortlosigkeit so gleichzeitig die Undurchdringlichkeit des Verhandelns mit dem Tod zum Ausdruck bringt, die Sinnlosigkeit der Versuchs, hinter sein Geheimnis zu kommen. Das ist ganz große Kunst.

    • #10 rolak
      30. August 2015

      Strichcode

      ..oder Barcode, beide Varianten haben ihre Berechtigung – einerseits prostiuiert sich die Politik der Industrie, andereseits gehts der nur um Bares.
      ..oder so

      ganz große Kunst

      sischer dat

      • #11 BreitSide
        Beim Deich
        30. August 2015

        :-)))

  10. #12 LasurCyan
    30. August 2015

    gehts der nur um Bares.

    Sei mal nicht so streng, rolak, schliesslich geht es darum Arbeitsplätze zu retten/schaffen. Sonst bricht doch die ganze ‘Wertschöpfungskette’ – war das der korrekte Terminus für ‘Ausbeutung’? – zusammen.

    Darauf gehe ich jetzt erstmal an die HausBar. Im TK ist noch ein Blondes^^

    • #13 rolak
      30. August 2015

      nicht so streng

      Statt ‘nur’ wäre ‘primär’ richtiger gewesen (offiziell ‘gewinnorientiert’), LasurCyan, fiel mir aber eben nicht ein, altes Dilemma.

  11. #14 Michel
    Sofa
    30. August 2015

    Mein Tintenstrahldrucker spinnt auch.

  12. #15 Dr. Webbaer
    1. September 2015

    Gerade aus liberaler Sicht muss mit der sogenannten Transatlantic Trade and Investment Partnership (TTIP) nicht Gutes gemeint sein oder, um mit Willy Brandt zu sprechen oder zu schreiben, scheint nicht zusammenzuwachsen, was zusammengehört.

    -> http://know-ttip.eu/details/sonderstellung-fuer-konzerne/ (die verwiesene Website ist nicht eigens geprüft worden, nur die vorgetragenen Argumente sind es, sollte sie nicht OK sein, bitte dann darauf hinweisen)

  13. #16 Joseph Kuhn
    1. September 2015

    In Kommentar #9 hatte ich die lyrische Sentenz im Mailhead ganz übersehen:

    Trade.
    Trade. Grow. Trade. Trade.
    Trade. Trade. Trade. Trade.
    Trade. Trade.

    Das dürfte eines der ersten Gedichte des TTIP-Dada sein. Das gehört in jedes Schul-Lesebuch, direkt nach Hermann Hesses “Seltsam im Nebel zu wandern …”.

    • #17 rolak
      2. September 2015

      die lyrische Sentenz im Mailhead

      ..war für mich das Beste überhaupt an dem Teil, Joseph, und wurde still und starr liegend grinsend genossen. Allerdings ist Dir bei der Transkription das ‘grow’ um einen Platz nach vorne gerutscht, was aus der angenehm krummen dreisiebtel-Teilung ein schnödes, marschfähiges zweiachtel macht. Sicherlich weit an der Intention des Autors vorbei…

      Habs schon im Ohr, als (nach Worten sortiert) zweistimmigen Refrain bei der Neuvertonung des noch zu zuschaffenden, welt- und gemütsbewegenden, stramm kapitalismuskritischen Werkes ‘Frau Kommerzienschrat’.

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