Vor ein paar Tagen gingen wieder einmal Meldungen durch die Medien, die zum gefühlt hunderttausendsten Mal verkündeten, dass Arme früher sterben müssen und dass sich das auch auf die regionalen Unterschiede der Lebenserwartung in Deutschland auswirkt. Man könnte das als „sozialepidemiologisches Grundgesetz“ bezeichnen, so gut ist dieser Sachverhalt wissenschaftlich bestätigt.

Datengrundlage der Meldungen war die kleinräumige Berechnung der Lebenserwartung durch das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung für das INKAR-Indikatorensystem, einer Datensammlung für die Raumplanung. Man muss zwar mit den Daten etwas vorsichtig sein, weil die kleinräumige Berechnung der Lebenserwartung durchaus ihre Tücken hat (z.B. aufgrund sehr geringer Fallzahlen bei den Sterbefällen in jungen Jahren oder aufgrund von Unsicherheiten der Bevölkerungsdaten im höheren Alter), aber für die Zwecke der Raumplanung reicht die Genauigkeit der Berechnungen allemal aus. Dabei zeigen dann auch Routinedaten immer wieder Befunde, die so erst einmal überraschen – ich hätte z.B. nicht erwartet, dass Pirmasens die Stadt mit der niedrigsten Lebenserwartung ist, die hätte ich irgendwo im Osten Deutschlands vermutet.

Die Daten sind im Zusammenhang mit einer Bundestagsanfrage einer Linken-Abgeordneten, Frau Zimmermann, veröffentlicht worden. Frau Zimmermann hatte die Bundesregierung gefragt, auf welche Faktoren die Regierung die regionalen Unterschiede der Lebenserwartung zurückführt und was sie daraus an Handlungsbedarf ableitet. In ihrer Antwort vom 11. März 2016 bestätigt die Parlamentarische Staatssekretärin des Bundesgesundheitsministeriums, Frau Fischbach, den Zusammenhang von Lebenserwartung und sozioökonomischen Faktoren und verweist pauschal auf vermittelnde Einflussfaktoren des Verhaltens bzw. der Arbeits- und Lebensbedingungen. Die Antwort fällt hier sehr knapp aus, ist aber immerhin korrekt. Dagegen ist die Antwort auf die Frage nach dem Handlungsbedarf eine Lachnummer. Zunächst schreibt Frau Fischbach:

„Zahlreiche, Maßnahmen der Bundesregierung zielen auf eine Verbesserung der gesundheitlichen Chancengleichheit. Dazu zählt der umfassende Zugang zu Gesundheitsleistungen im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung, der unabhängig von der ökonomischen Leistungsfähigkeit gewährt wird.“

Dass die gesetzliche Krankenversicherung Zugang zu Gesundheitsleistungen unabhängig vom Einkommen gewährt, ist richtig und eine wichtige sozialpolitische Errungenschaft. Welchen Anteil das genau an der Bekämpfung sozial bedingter Ungleichheit bei der Lebenserwartung hat, ist allerdings unklar. Dabei gilt es z.B. zu bedenken, dass diejenigen, die die Krankenversicherung in Anspruch nehmen, ja schon krank geworden sind und wie Frau Fischbach in ihrer Antwort ebenfalls kurz erwähnt, weisen auch viele Krankheiten einen sozialen Gradienten auf – Pi mal Daumen kann man sagen, dass das untere Einkommensfünftel bei den meisten relevanten Krankheiten ein doppelt so hohes Krankheitsrisiko hat wie das obere Einkommensfünftel.

Folgerichtig stellt sich die Frage daher nach der Prävention. Dem widmet Frau Fischbach mit Abstand den größten Teil ihrer insgesamt gut zweiseitigen Antwort und führt aus, dass das im letzten Jahr in Kraft getretene Präventionsgesetz explizit die Verringerung sozial bedingter Ungleichheit der Gesundheit vorsieht:

“Die Verminderung sozial bedingter und geschlechtsbezogener Ungleichheiten ist ein wesentliches Ziel der mit dem Präventionsgesetz ausgebauten Leistungen zur primären Prävention und Gesundheitsförderung (§ 20 Absatz 1 Satz 2 Fünftes Buch Sozialgesetzbuch – SGB V)“

Beim Präventionsgesetz reden wir über ein Ausgabenvolumen von demnächst 7 Euro pro Versichertem – also über gut 500 Mio. Euro, das ist eine Erhöhung der Ausgaben gegenüber dem derzeitigen Niveau um ca. 300 Mio. Euro.

Das ist einerseits viel Geld und ich will das Präventionsgesetz keinesfalls kleinreden, es kann vor allem in der Strukturentwicklung hilfreiche Impulse setzen. Andererseits sind 500 Mio. Euro im Gesundheitswesen Peanuts, um es mit dem früheren Deutsche Bank-Chef Kopper zu sagen. Die Gesundheitsausgaben in Deutschland betrugen im Jahr 2014 insgesamt 328 Mrd. Euro. Das Präventionsgesetz führt hier zu einer Erhöhung um 0,09 %. Wer ernsthaft glaubt, damit die sozial bedingten Unterschiede der Lebenserwartung nachhaltig beeinflussen zu können, der glaubt vermutlich auch an die Wirksamkeit homöopathischer Mittel. Ein solcher Hebeleffekt wäre ein gesundheitsökonomisches Wunder. Wenn ein derart geringer Mitteleinsatz eine spürbare Wirkung bei der Lebenserwartung hätte, sollten wir am besten 100 Mrd. in die Prävention umschichten, dann würden wir bestimmt dem ewigen Leben ein großes Stück näher kommen.

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Kommentare (32)

  1. #1 Ernest
    2. April 2016

    “In sozial sehr ungleichen Gesellschaften scheint nämlich auch ihre Lebenserwartung geringer zu sein, als sie sein könnte.”

    Siehe Paris 1789 ff. als Dr. Guillotin sich um die Reichen gekümmert hat.

  2. #2 Peter
    2. April 2016

    Korrelationen sind ja erst mal keine kausalen Zusammenhänge. Wie werden folgende Faktoren bewertet:
    – evtl. gibt es chronisch Kranke, die früher sterben und auf Grund ihrer Krankheit auch geringeres Einkommen haben
    – Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol, Übergewicht sind in sozial schwächeren Gruppen weiter verbreitet als in sozial stärkeren, obwohl diese eigentlich das Leben verteuern.
    Liegt es wirklich am unterschiedlichen Einkommen oder doch eher an der Bildung?

    • #3 Joseph Kuhn
      2. April 2016

      @ Peter:

      1. Kausale Zusammenhänge gibt es in der Tat in beide Richtungen, d.h. Krankheit kann natürlich die soziale Lage verschlechtern, z.B. durch schlechtere berufliche Chancen. Das ist aber nicht die dominierende Richtung des Zusammenhangs. Wie gesagt, dazu gibt es Tonnen an Literatur. Zum Einstieg siehe z.B. http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Themen/Sozialer_Status/sozialer_status_node.html
      2. Risikofaktoren wie Rauchen etc. sind die konkreten, kausal wirkenden Faktoren beim Zusammenhang zwischen Sozialstatus und Gesundheit, ebenso wie Wohnverhältnisse, Arbeitsbedingungen und vieles mehr. Die Sozialschichtungsmerkmale Einkommen, Bildung und Erwerbsstatus, aus denen der Sozialstatus statistisch in der Regel konstruiert wird (z.B. über den “Winkler-Index”), können natürlich selbst auch eine kausale Rolle in diesem Zusammenhang spielen. Einkommen und Bildung korrelieren dabei hoch miteinander und man hat es bei der Frage, was hier “ursächlicher” ist, wohl mit einem Henne-Ei-Problem zu tun: Kinder aus gut situierten Familien machen häufiger Abitur, studieren häufiger und haben dann auch wieder bessere Einkommen. Was speziell die Rolle der Bildung angeht, siehe z.B. http://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/user_upload/Studie_Folgen_unzureichender_Bildung_fuer_die_Gesundheit.pdf

  3. #4 rolak
    2. April 2016

    Einkommen oder doch eher (..) Bildung?

    Willst Du damit sagen, daß zwischen den beiden kein Zusammenhang bestünde, Peter?

  4. #5 Peter
    2. April 2016

    #4:
    Vorab: ich komme aus einer traditionellen SPD-Familie, und würde diese Nachricht gerne glauben. Aber ich musste in der Vergangenheit mühsam lernen, dass aus Korrelationen prinzipiell keine Kausalitäten abgeleitet werden können. Ich fürchte also, dass eine kritiklose Übernahme dieser Ergebnisse mich letztlich nur wieder zum gleichen Fehler führt, den ich schon so oft gemacht habe. Anders ausgedrückt: ich würde es gerne glauben, trau mich aber nicht.

    OK, jetzt zu meiner Erwiderung:

    Nein, natürlich behaupte ich das nicht, dafür kenne ich keinen Beleg. Ich denke es gibt es wohl einen Zusammenhang, vermutlich dürfte der sogar ziemlich stark sein. Aber beide sind nicht identisch, und auch nicht zwingend verbunden. Es ist nicht notwendig, dass Arme ungebildet sind, oder Reiche gebildet, oder vice versa.

    Die Rede ist hier aber explizit von Armut und nicht von Bildung. Ich verstehe gut, dass mangelnde Bildung zu reduzierter Lebenserwartung führen kann (muss?) aber ich verstehe nicht, warum das Armut tun soll, wenn die biologischen Grundbedürfnisse erfüllt sind (ausreichend Nahrung, vernünftige Kleidung, Wohnung, keine Gifte in der Umgebung), und wenn auf die gleiche medizinische Versorgung zurückgegriffen wird. Ist der moderierende Faktor aber Bildung, und nicht das Einkommen, dann müsste eine Abhilfe doch dort ansetzen. Nur höhere Sozialhilfe oder ein höheres Grundeinkommen würde dann wenig bringen.

    [Edit: Kommentarzählung angepasst, durch die Antwortfunktion hatte sich meine Antwort vor rolaks Frage geschoben, sorry, JK]

    • #6 Joseph Kuhn
      2. April 2016

      @ Peter:

      1. Korrelation bedeutet nicht notwendig Kausalität, aber natürlich liefern Korrelationen immer Hinweise auf mögliche kausale Zusammenhänge, denen man dann nachgehen muss. Beim Thema “Soziale Lage und Gesundheit” ist das bis zum Erbrechen geschehen, wie gesagt, schauen Sie mal, was allein das RKI dazu in den letzten Jahren veröffentlicht hat. Zum Formal-Methodischen, das man bei dem Thema aber nicht mehr bemühen muss: Kausalität wird in der Epidemiologie dann angenommen, wenn die sog. “Bradford-Hill-Kriterien” erfüllt sind.
      2. Mit Ihrem Hinterfragen des Armutsbegriffs sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. “Armut” wird in den Zusammenhängen, um die es hier geht, meist nicht als “absolute Armut” im Sinne einer Bedrohung der biologischen Grundbedürfnisse verstanden, sondern als “relative Armut” (Einkommen unter 60 % des Durchschnittseinkommens) oder im Sinne einer mehrdimensional verstandenen Armut nach dem “Lebenslagenkonzept” (das z.B. Bildung einschließt). Auch dazu finden Sie schnell im Internet einschlägige Literatur.

      Was eine kurzfristige Erhöhung der Sozialhilfe gesundheitlich bewirken würde, weiß ich auch nicht. Man müsste einmal suchen, ob es zu analogen Interventionen überhaupt Studien gibt. Aber den Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Gesundheit muss man sicher in einer langfristigeren Perspektive angehen, daher ist es auch so fatal, wenn Familien oder Stadtteile über Generationen sozial abgehängt werden.

  5. #7 demolog
    2. April 2016

    Ich darf jetzt also gar von Mord sprechen, der an mir verübt wird, wenn man mich weiterhin in entsprechenden Lebensverhältnissen vegitieren lässt, wenn man es doch besser weiß – seit längerem auch noch?

    Fakt ist, dass ich mich auch schon kurz vor dem Abkratzen fühle – auch schon seit längerem. Und mit einer Abwärtstendenz. Vor einiger Zeit sagte ich vorher, dass es mein letzter Sommer wohl sein würde. War es nicht – ich wusste nicht, wie schlecht es mir noch gehen könnte, bevor man dann endlich tot umfällt.

    Man kann also der Erkenntnis wegen sagen, dass es einen Sozialdarwinismus gibt, der die Menschen tötet – wo sie ansonsten (unter annahme entsprechender Lebensverhältnisse) ja länger leben würden.

    Ich glaube allerdings nicht, dass in Armut schlechthin/allein der tötende Faktor steckt. Ist es nicht doch eher der Liebesentzug, den Menschen in Armut zu erleiden haben, der die Menschen tötet?

    Diese Menschen leben doch in einem “Liebesvakuum”, was ja geradezu verletzend ist – so Gesundheit und so. Da geht dann nämlich auch die Liebe zu sich selbst dran kaputt.

    • #8 Joseph Kuhn
      2. April 2016

      “wenn man es doch besser weiß – seit längerem auch noch?”

      Seit 1790, seit der “Akademischen Rede vom Volkselend als der Mutter der Krankheiten” von Johann Peter Frank, aber spätetens seit der Blüte der Sozialhygiene Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts.

      Allerdings würde ich es mir nicht zu einfach machen und statistische Zusammenhänge zwischen sozialer Lage und Gesundheit zur individuell deterministischen Erklärung Ihres Schicksals mit Schuldzuweisung an “die da oben” oder “die andern” machen. Haben Sie Ihre (vielleicht eingeschränkten) Chancen genutzt? Ist alles, was aus Ihrer Sicht bei Ihnen nicht gut lief, unabänderlich allein Ihrer sozialen Lage zuzuschreiben? Und erst recht, wenn Sie “Liebesentzug” als das eigentlich Entscheidende ansehen? Auch alles nur die Schuld der Andern? Oder ist das Leben doch komplizierter und sozialstatistische Zusammenhänge erklären nie ganz die eigene Lebensgeschichte?

  6. #9 Peter
    2. April 2016

    Danke für die Links!

    • #10 Joseph Kuhn
      2. April 2016

      Danke für die sachlichen Fragen!

  7. #11 Peter
    2. April 2016

    Also ich habe nicht die Zeit, alle diese Studien komplett zu lesen, aber ich habe mir jetzt den Sozial-Index nach Winkler reingezogen (sehr interessant!) und mich mal mit der Studie hier näher beschäftigt: http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsK/2015_1_gesund_aufwachsen.pdf?__blob=publicationFile. Das macht den Zusammenhang nachvollziehbar.

    In der unteren der drei definierten sozialen Schichten sind die Kinder schon benachteiligt, wenn sie zur Welt kommen: 30% der Mütter rauchen während der Schwangerschaft während es in der oberen Schicht nur 2% sind … du lieber Himmel. Und das zieht sich konsequent durch: 30% sind passivem Rauchen ausgesetzt (vs. 8%) weniger Sport, weniger Obst und Gemüse, weniger Impfungen, weniger Früherkennungsuntersuchungen, weniger soziale Kontakte und so weiter. Wenn sich das über 60 Jahre so fortsetzt ist klar, dass daraus eine niedrigere Lebenserwartung folgt.

    Ebenso klar ist, dass es darauf keine einfachen Antworten geben kann; hier müssen Lebensstile verändert werden, was materielle und ideelle Voraussetzungen benötigt. Und ebenso klar ist, dass man individuell ausbrechen kann, z. B. wenn man eine positive Einstellung zu Bildung entwickelt, und damit sein Lebenskonzept und damit das seiner Kinder ändert. In gewissen Grenzen zumindest.

    OK, das war schon ein Augenöffner … die ScienceBlogs sind immer wieder eine Bereicherung. Für heute ist Schluss, aber ich werde mir sicher weitere dieser Studien anschauen.

  8. #12 rolak
    3. April 2016

    Für heute ist Schluss

    Gerade so eben geschafft, Peter, zwar nicht 5 vor 12, sondern 6 vor 11 ;‑)

    Nein

    Deine Frage zuvor verlangte dies halt, um sinnvoll zu sein.

  9. #13 lindita
    3. April 2016

    Ich denke, dass nicht nur Bildung und Geld das Leben verlängern, sonder auch Werte (ich weiss, es ist kompliziert und momentan gibt es die Wertediskussion überall, nicht nur in Deutschland)

    Ich war als Kind arm (die reichereArme vielleicht). Wie meine Eltern sagen: wir waren arm, haben es aber nicht bemerkt. Liegt daran, dass die ganze Umgebung arm war. Wir hatten nur Autos für Arme zum Verkauf z. B. Da war man zufrieden, weil teuere Autos standen nicht zur Auswahl, man konnte sich nicht ârmer fühlen als ein gleichwertiger Nachbar.

    In Deutschland bzw. “Westen” ist die Frustration sehr gross. Wenn man sieht, dass die teueren Autos zum Verkauf stehen und du aber nie die Möglichkeit kriegst sie dir zu leisten. Dieses Verhältnis ist erniedrigend und krankmachend, demotivierend und (lebens-)sinnraubend.

    Dann erinnere ich mich an die Werte meiner Kindheit. Wir waren arm und mussten selbst anbauen und selbst kochen. Selbst kochen ist billiger, gesünder und sozialer. Braucht es Bildung für diesen Lebensstil? Fragt meinen Mann, einen Araber, dessen Bildung mit Koran endet und er kocht sehr gut für mich, da das Selbstkochen aus frischen Produkten unser beider unausweichliche (da keine Alternative) Erziehung war.

    Die armen im Westen kaufen sich Fertignahrung aus der Dose. Das ist eine unglaublich arme Basiskultur Deutschlands. Die Sozialempfänger haben Zeit zum Kochen, sie wurden aber kulturell nicht dazu erzogen.

    Dann gibt es bei den Armen auch viele Alleinerziehende. Hier läuft in vielerlei Hinsicht etwas schief. Früher blieb man wegen den Kindern zusammen, heute ist Egoismus pur, der Staat soll es (für meine Kinder) richten. Und weh jemand plappert etwas von der “Liebe”. Ich denke, wir haben genug Zeit zur Beobachtung gehabt, dass “die Liebe” allein nichts mit dem langfristigen Wohl der Menschen vor allem Kinder zu tun haben kann. Es gibt keine emotionale Kultur bei rational berechnender Politik und Gesellschaft.

    Romantik für Bio und Partnerschaft bringt die Schere weiter auseinander. Und Homöopathie leisten sich die Armen und Ungebildeten gerade nicht. Das sind ebenfalls “die Grünen”, die von mir eine künstliche Einstellung zur Natur verlangen. Es ist pervers und idiotisch Naturempfinden vom Geldbeutel abhängig gemacht zu haben.

    “nicht erwartet, dass Pirmasens die Stadt mit der niedrigsten Lebenserwartung ist, die hätte ich irgendwo im Osten Deutschlands vermutet.”

    Genau das meine ich, die Armen im Osten wissen noch, wie sie in Armut leben können. Die Armen im Westen nicht mehr. Es gibt Arme, aber ein reiches Land wie Deutschland hat es psychologisch schwer anzuerkennen. Schwer anzuerkennen, dass sie eigentlich noch menschenunwürdigere Vrerhältinsse für Arme geschaffen haben, als wenn ein Armer in einem armen Land leben würde. Ich weiss nicht wie ihr, aber hier so schreibend wundert es mich nicht mehr, dass westliche Entwicklungshilfe den Armen nicht hilft. Liegt es doch an pervertirten Wertevorstellungen.

    Ich hoffe, ich habe mich verständlich ausgedrückt und meine Wut an manchen Stellen nicht die Idee dahinter überdeckt.

  10. #14 demolog
    3. April 2016

    @ Joseph Kuhn #8
    2. April 2016

    Ach, auf einmal ist Statistik nicht aussagekräftig. Entscheiden sie sich mal.

    Ich hoffe ausserdem, dass sie Liebesentzug nicht falsch verstehen. Hier geht es nicht um “Liebesbeziehungen”, sondern um im weitesten “optimistische Weltsichten” und bedingungslose Anerkennung von Individuen.
    Und da kann ich ohne schlechtes Gewissen erklären, ist es nicht nur derzeit sowieso, sondern vor allem angesichts seiner eigenen Armut immer schon schlecht bestellt.

    Auch ist in Armut (in seiner breitesten Variante – nicht nur finanziel gesehen, sondern auch Lebensinhaltlich) kaum dazu geeignet, optimistisch zu sein, wenn doch jeder Optimismus a priori zum Scheitern verurteilt ist. Weil das, was erreichbar ist in seiner Armut, nie ausreichen wird, gegen den zur Schau gestellten und vorrausgesetzen (als Maß der Dinge, die zu leben/ zu erreichen sei) Reichtum anderer ankommen zu können. Jede verbesserung sieht immernoch erbärmlich dagegen aus. Ein solches Leben in vollendeter Armut ist in jeder Hinsicht desillusionierend. Und wo keine Hoffnung mehr ist, wird sich nie etwas ändern (zum Besseren) – stattdessen wird es schleichend immer schlechter. Ein Faktor ist der Verlust der Selbstachtung. Und das bedeutet, dass man am Ende dieser Phase etwa auch nicht mehr zum Arzt geht, weil … man beginnt sich zu hassen. Man beginnt sich zu vernachlässigen. Beste Vorraussetzungen zum frühen Sterben, nicht wahr?

    Ich würde sagen, dass es ist, wie ich sage. Ich komme aus einer Familie, die keine guten Eingangsbedingungen mitbrachte, der Status verbesserte sich nur dadurch, das deren Mitglieder immer am Limit an der Welt teilnahmen, was Einfluß auf deren Aufmerksamkeit auf die eigenen Kinder und Familiensinn negativ wirkte. Nun mag noch eine psychische Veranlagung bei mir vorhanden gewesen sein, die allen Umgang mit mir verkomplizierte. Aber das ist eben Teil “meiner” Ausgangssituation, die der sehr wahrscheinlich besser umgegangen werden würde, wenn das Damoklesschwert der Armut nicht zu sehr über unsere Familie drohend schwebte. Derzeit ist es so, dass allein meine Mutter von allem “Reichtum” (finanziel) profitiert, der in der Familie über drei Generationen erarbeitet wurde (Immobilien etwa). Sie beansprucht das, was alle Generationen erarbeitet haben, derzeit für sich allein. Daran (und an ihrer Illoyalität) gehen ihre Kinder (und ihr Exmann) derzeit zu Grunde.

    Das Leben in Armut ist hart und das hat man uns Kinder jeden Tag auch spüren lassen und tut das heute noch. Das Leben aus der Armut heraus ist Kompromisslos, aber der Weg ist nie zuende, weil unter den Bedingungen die Idee des Weges aus der Armut eine Illusion ist und nie gelingen wird.
    Und noch mal erwähnt: es geht hier nicht nur um Geld und Geldwertes, sondern auch Selbstachtung und die darin liegende Liebe zu sich selbst, ohne die man auch keinen anderen Menschen lieben kann. Ohne die kein Leben wirklich “gesund” geführt werden kann. Aber solche “Nebensächlichkeiten” spielten in der Familie keine Rolle. So war meine Familie ein “Mekka” der Lieblosig- und Kompromisslosigkeit. Der Alltagsdruck in der (auch nur drohenden) Armut (weil man nur unter Erfüllung dieses Druckes ausserhalb der tatsächlichen/wirtschaftlichen Armut bleibt) zerstört also Leben (und die Möglichkeit, souverän zu werden/sein – ich habe in meinem Leben kaum etwas für mich selbst (er)schaffen können, weil ich immerzu nur für andere Menschen (mutmaßlich reichere) gearbeitet habe. Meine Persönlichkeit war dazu nicht erwünscht, also wurde sie in solcher Armut auch nicht “gebildet”. Die Erfüllung der BEdürfnisse und Wünsche Anderer war immer vorrangig und als einzig wichtig angemahnt. (Hier wird Freiheit zum Totengräber, weil ein Mensch zwar lebt, aber letztlich als Individuum nicht existiert. Niemand will wissen, was aus einem Leben wird – nicht einmal di eeigenen Eltern, die nur die üblichen Kategorien abfragen: Schulabschluß, Ausbildung, “arbeiten gehen” – ein Sklave seiner eigenen Eltern. Persönlichkeitsbildung unerwünscht und ungefördert.

    So, genug gebeichtet und entblößt.

    Ich erkläre also, das diese unsere so toll beschworene Freiheit selbst die eigenen Leute tötet, denn sie ist gar keine Freiheit. Sie ist nur die Möglichkeit, seinen Mitmenschen ausserhalb einer Sachfrage zu ignorieren, zu veranachlässigen und sich einen Scheissdreck um seine Existenz zu kümmern.

    Um diese Aussage zu verifizieren, brauchen sie sich nur einen Penner auf der Strasse anzuschauen und sich selbst zu fragen, was sie bereit sind, sich mit ihm zu befassen und zu tun bereit sind, seine Lebenssituation zu verbessern.
    Sie sind so im Vorbeigehen zu absolut gar nichts bereit. Sie zahlen Steuern und das sei ja genug. Fertig ist der tolle Staat/die tolle Heimat / ihre kleine, schöne Welt.

  11. #15 Joseph Kuhn
    3. April 2016

    @ Demolog:

    Unabhängig von Ihrer persönlichen Geschichte, die ich nicht kommentieren kann: Sie haben völlig recht, Kränkungen können krank machen und die psychosozialen Folgen der Erfahrung von Ungleichheit und Ungerechtigkeit sind ein ganz wichtiger Aspekt bei unserem Blogthema. Ausführlich – und gerade auch mit Blick auf die Rolle der Prävention – hat sich Matthias Becker in seinem Buch “Mythos Prävention” damit beschäftigt.

    • #16 demolog
      4. April 2016

      Link auf seine eigene Rezension!? Auch gut. Das Buch kenne ich nicht. Ich glaub nicht, dass ich es lesen sollte, denn ich kenne das Thema aus eigener Erfahrung. Und erwarte im Buch keine Lösung, die mich angeht; auf der ich Einfluß hätte.

      Gestern hatte ich im derFreitag zu einem Beitrag zur Armutsschere kommentiert, dass man das Problem wohl mit der Generationen-Strategie “behebt”. Also indem man die verarmte Generation aussterben lässt und sich auf die folgende Generation verlässt, dass sie die Möglichkeiten erfolgreicher wahrnimmt, als die vorrangegangene Generation.

      Daher immer auch die Lösungsstrategie der besseren “Bildung” und Ausbildung, die ja schlicht nur bei der neuen Generation wirkung zeigen kann, da die alte Generation ja schon durch ihre “Bildung” durch sei und daran gescheitert ist.

      D.h. auch, dass Mich das alles nichtS mehr angeht, weil bei mir ist der Zug ab… durchgefahren. Daher darf ich mich ja schon mal verabschieden und mein Ableben regeln. …

      Angesichts des Freitagbeitrages und diesem hier:
      http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/arm-und-reich/ddr-forscher-klaus-schroeder-ueber-den-sozialstaat-14155757.html

      …ist mir in den Sinn gekommen, dass es wahrscheinlich gar keine erfolgreiche Lösung geben könnte. Denn was wäre denn, wenn wir alle derzeit tatsächlich schädlichen Ungleichheits-Faktoren einmal getilgt haben? Es ergäben sich neue.
      D.h., das “Ungleichheit” nicht erforderlich sei, sondern faktisch das notwendige Ergebnis der gleichzeitigen Existenz ist.

      Das führt uns dann zurück auf die Aussage (von mir) : Sozialdarwinismus! (der sich in entsprechender Situation als “Funktion/Systematik” wiederfindet).

      Denken sie, dass es je ein Tier gab, das wusste, woran es verreckte? (hier die soziale Auslese)…

      Und nun ist der Professor kein wildes Alphatier, dass andere durch Gewaltanwendung unterdrückt. Wodurch also unterdrückt das akademische Personal seine Mitmenschen? Richtig: Glaubenssätze. Man glaubt, es wäre nützlich, Akademien (samt Personal) zu unterhalten.
      Sie sind also zu einem wesendlichen Teil “unanfechtbar” – aufgrund dieses Glaubenssatzes (egal, ob im Ergebnis tatsächlich Beispiele der Nützlichkeit herrauskommen – die lassen sich immer konstruieren).
      Aber sie sind auch zu einem wesendlichen Teil der Grund, warum ich z.B. früher sterben werde.

  12. #17 Anderer Michael
    4. April 2016

    Demolog
    Sie haben sich nicht entblößt (im negativen Sinne). Sie haben vollkommen recht. Ohne Selbstachtung ist ein menschenwürdiges Leben kaum denkbar. Und Selbstachtung kann jemanden auch genommen werden. Und jeder sollte in diesem Punkt sein Verhalten gegenüber anderen Menschen immer kritisch hinterfragen.
    Mehr will ich nicht sagen,weil Belehrungen persönlicher Art stehen mir nicht zu.

  13. #18 Joseph Kuhn
    4. April 2016

    @ demolog:

    “Link auf seine eigene Rezension!? Auch gut.”

    Eben, auch gut. Was wäre das auch für eine Rezension, wenn ich sie verheimlichen müsste. Hätte ich auf eine von Ihnen verlinken sollen?

    “Generationen-Strategie”

    Darum geht es. Beim Thema Armut und Gesundheit genauso wie bei der Integration von Flüchtlingen oder der Prävention von rechtsradikaler Gewalt. Vermutlich auch bei der “Bekehrung” der ehrenwerten Gesellschaft unserer selbsterklärten Leistungsträger. Aber wie könnte es zu so einem wirklich nachhaltigen “New Deal” kommen?

    [BTW: Dass man daher die Lebenden quasi aufgeben müsse, sehe ich es allerdings nicht so – es ist Ihr Recht, Ihre persönliche Situation zu werten, wie Sie möchten und in einer “Hilft eh alles nichts mehr-Haltung” zu verharren, in Bezug auf Dritte ist das zynisch.]

    • #19 demolog
      5. April 2016

      Ich sag ja nicht, man solle sie aufgeben, aber ich sage, dass es darauf hinaus läuft, weil sich keine erfüllende Strategie finden wird. Und ausserdem ist beim Thema als Lösung immer das Bildungsproblem im Gespräch, aber Bildung ist nur für die nächste Generation die Lösung, nicht für die Generation, bei der derzeit das Problem offen zutage tritt.
      Daher kann man davon ausgehen, dass “NICHTS” getan wird, weil man ja mit der Bildung alles lösen will – die Lösung aber für die akut betroffene Generation gar nicht mehr verfügbar ist.

      Wissen sie, was man mir inzwischen schon als Maßnahme angeboten hat? Na 1 Euro-Jobs, was sonst. Ansonsten gibt es keine Angebote. Ich bin… Leute wie ich sind schon für verloren erklärt, weshalb aber auch wirklich nichts mehr “verbessert” werden “soll”. Aus der Gesellschaft ausgeschieden.

      Glauben sie es; man wartet nur unseren Tot ab, und hofft, das die Statistik wieder besser wird.
      Das ist die Strategie im Umgang mit der Armutschere.

      Faktisch passiert mit der folgenden Generation aber genau das Gleiche, wie mit der vorrangegangenen. Der ganze Diskurs-Blödsinn und die vielen Beschwichtigungen sind nur “politik”. Sonst nix.

      Übrigens habe ich die Prozesskostenhilfe schon einige Male versucht in Anspruch zu nehmen. Soweit kam es aber jedesmal gar nicht erst, weil die Anwälte jeweils immer nur erklärt haben, man könne in der Sache nichts für mich machen.
      Die Prozesskostenhilfe ist wohl nicht besonders beliebt unter Rechtsanwälten…!? Wohl zu wenig, um sich mit einem Fall umfassender zu befassen?

    • #20 demolog
      5. April 2016

      @ Kuhn #18
      Ihr Zitat:
      “[….in Bezug auf Dritte ist das zynisch.]”

      -> Weil diese Wirklichkeit mehr zynische Pointen hat, als liebevolle Antworten gegeben werden könnten.
      Und wie gesagt: man kann mit Gutmenschenduktus in der Öffentlichkeit auftreten und dann mit Nichtstun die Sache versickern lassen. Irgendwann haben wir auch die Nase voll, von der Armutsdebatte und reagieren nicht mehr drauf. Das ist dann der Augenblick, indem der Widerstand “ausstarb” bevor die Menschen starben. In diesem Sinne:

      “Du bist arm? Gewöhn dich dran!” Schade, dass du daran früher stirbst. Aber was gehts uns an?

  14. #21 Beobachter
    5. April 2016

    Ich denke, dass es im Grunde niemanden (der Entscheidungsträger) interessiert, dass und warum Arme früher sterben.
    Arme (und/oder Alte und/oder Kranke) haben keine Lobby – und haben auch keine Möglichkeit, ihre Belange bei Bedarf juristisch klären zu lassen (z. B. Pflege-/Behandlungsfehler, Körperverletzung durch “alternativmedizinische” Maßnahmen), denn Rechtsanwälte kosten Geld.
    Und ohne Rechtsanwalt geht gar nichts; Beratungshilfe und/oder Prozesskostenhilfe (aus der Staatskasse) wird in den wenigsten Fällen bewilligt.

    Armut (besonders Altersarmut) betrifft nicht “nur” “sozial Schwache” aus der “bildungsfernen Unterschicht”, sondern auch zunehmend die Mittelschicht und sogar Akademiker.

    Arme, Arbeitslose oder “prekär Beschäftigte” sind mit Sicherheit auch weniger anfällig für Angebote/Marketingstrategien der Para-/Pseudomedizin-/Esoterik-Branche (unseres mittlerweile salonfähig gewordenen “Parallel-Gesundheitswesens”), weil sie es sich finanziell gar nicht leisten können und deshalb eh nicht zu deren Klientel/”Zielgruppe” gehören.
    Und im “Schulmedizin-Gesundheitswesen” sind sie oft Patienten 3. Klasse, bei denen man sich wenig/keine Mühe gibt – weil es nicht viel an ihnen zu verdienen gibt (auch hier wird der Arzt zunehmend zum Verkäufer, z. B. IGeL-Leistungen).
    Wen wundert es dann, wenn die Leute, die es am nötigsten hätten (mit ernsten, behandlungsbedürftigen Erkrankungen; Chroniker) nicht oft genug, zu spät oder gar nicht zum Arzt gehen?
    Echte Prävention bleibt auf der Strecke.
    Der Idealpatient ist der “gebildete”, jüngere Patient mit Privatversicherung und gut gefülltem Bankkonto, bloßen Befindlichkeitsstörungen und aufgeschlossen für alle “alternativen” Behandlungsmöglichkeiten (z. B. Homöopathie) für seine Wehwehchen.

    Aber wehe, ein bettlägeriger greiser GKV-Patient (häuslicher Pflegefall) braucht einen neuen Hausarzt (weil z. B. der bisherige in Ruhestand geht), der Hausbesuche macht – er findet kaum einen, der ihn als Patient neu aufnimmt.
    Denn das bedeutet für jeden niedergelassenen Arzt nur viel Arbeit und Zeitaufwand bei geringster Vergütung.

    “Prävention” wird geradezu ad absurdum geführt, wenn in entsprechenden (auch maßgebenden) Kreisen unter “Prävention” z. B. verstanden wird,
    sich in den häuslichen Strom-Sicherungskasten einen teuren Esoterik-“Memon-Transformer” zu legen – zur “Umwandlung von Schadfrequenzen und Verhinderung von Schlaganfällen”
    und/oder
    sich einen Esoterik-“Bormia-Bioquellwassergenerator” zu kaufen/installieren, der “gesundes, belebtes, informiertes, rechts- und linksverwirbeltes” Wasser erzeugt
    und/oder
    sich nur noch (und grundsätzlich) nach einer “ketogenen Diät” und unter regelmäßiger Einnahme von hochdosierten Nahrungsergänzungsmitteln zu ernähren.
    usw. etc.

    DIESE Art von “Prävention” wird von der Krankenkasse (z. B. TK Bayern) finanziell gefördert !

    (Anm.: Quellen, Links etc. kann ich, wenn gewünscht, nachreichen)

    • #22 Joseph Kuhn
      5. April 2016

      “Quellen, Links etc. kann ich, wenn gewünscht, nachreichen”

      Die Quelle für die finanzielle Förderung von “Memon-Transformern” oder “Bormia-Bioquellwassergeneratoren” durch die TK würde mich in der Tat interessieren.

      “Prozesskostenhilfe (aus der Staatskasse) wird in den wenigsten Fällen bewilligt”

      Eine Quelle dazu wäre auch hilfreich. Ich dachte, die Prozesskostenhilfe sei eigentlich gerade für sozial Benachteiligte da?

      Ansonsten gilt, dass die Rechte der kleinen Leute immer erkämpft werden mussten – und so in der Geschichte vieles auch erreicht wurde, aber nie durch resignatives Klagen.

  15. #23 Beobachter
    5. April 2016

    @ Joseph Kuhn, # 20:

    zur Förderung des Marketings/Verkaufs von:
    “Bormia-Bioquellwassergeneratoren” – “Bormia-Effekt”:

    Video-Mitschnitte der 6. Umwelttagung (2011) des VHUE e.V.:
    https://www.youtube.com/watch?v=ppapNH84DMs
    https://www.youtube.com/watch?v=MUYcypuCHnY

    Der Verein wird von der Techniker Krankenkasse gefördert; auch diese Tagung (im Rahmen von “Selbsthilfe-/Präventions”-Förderung !):

    Grußwort des TK-Vertreters Ch. Bredl:
    https://www.youtube.com/watch?v=pO-orDqpY90
    Flyer zur Tagung:
    http://www.fatigatio.de/fileadmin/user_upload/07/docs/Umwelttagung2011.pdf
    “Bormia”-Werbung auf der Vereins-Website:
    http://www.umweltbedingt-erkrankte.de/literatur/103-der-bormia-effekt.html

    Gründungsmitglied dieses Vereins (und eingangs des 1. Teils des Videos von der moderierenden Geschäftsführerin erwähnt) ist Dr. med. F. Bartram, Vorstandsvorsitzender des dbu e.V. – und federführender Leitlinien (!)-Autor in der Klinischen Umweltmedizin.
    Der Vorsitzende dieses Vereins und Spezialklinik-Leiter, Dr. rer. nat. J. Ionescu, hat kürzlich Schlagzeilen gemacht in einer “Kontraste”-TV-Sendung:
    In seiner Klinik wurde ein Kind mit MMS behandelt und das Wundermittel auch zur Weiterbehandlung zuhause verordnet – und die AOK hat diese “Therapie” bezahlt! :

    http://www.rbb-online.de/kontraste/archiv/kontraste-vom-16-04-2015/gefaehrliche-quacksalber-das-geschaeft-mit-dem-wundermittel-mms.html

    ” … Auch der Leiter der Spezialklinik Dr. Ionescu will uns kein Interview geben. Stattdessen wird uns mit rechtlichen Schritten gedroht. … ”

    Im Übrigen wirbt “Wasserforscher” und “Bormia”-Unternehmer N. Althoff für seine Produkte auch auf einer rechtsextremen Website:

    https://xinos.wordpress.com/2010/11/03/der-bormia-effekt/

    Meine Quellen/Unterlagen zum “Memon-Transformer” kann ich hier leider nicht öffentlich einstellen, weil ich sonst verklagt werden würde – mir ist für diesen Fall schon dreimal mit Klagen, hohen Geldstrafen und kostspieligen Prozessen gedroht worden.

    Zur Prozesskostenhilfe:
    ” … Ich dachte, die Prozesskostenhilfe sei eigentlich gerade für sozial Benachteiligte da? … ”

    Das dachte ich auch.
    Offensichtlich kommt es bei der Bewilligung darauf an, ob die Begründung des Antragstellers im Antrag akzeptiert wird.
    Nach welchen Kriterien und mit welchem Ermessensspielraum über die Bewilligung entschieden wird (selbstverständlich unter vorausgegangenem Nachweis völliger Mittellosigkeit) – ist eine Sache für sich …

    Man kann immer nur so lange kämpfen, wie dazu die eigene Kraft ausreicht.
    Nur von den “kleinen Leuten” immerwährende(n) Kampfbereitschaft/Einsatz zu erwarten bzw. zu fordern, ist recht zynisch angesichts z. B. der Tatsache, dass sich viele gut situierte, “kritisch Denkende” scheuen, auch nur eine homöopathiekritische Petition zu unterzeichnen – aus Angst, sich damit zu weit aus dem Fenster zu lehnen …

    Und das Wichtigste:
    Es geht hier ja nicht “nur” um die Interessen/Rechte der benachteiligten “kleinen Leute” – denn arm, krank und alt kann JEDER werden.

    • #24 demolog
      8. April 2016

      Beobachter
      5. April 2016 #23

      @ Joseph Kuhn, #20:

      Zitat:
      “Offensichtlich kommt es bei der Bewilligung darauf an, ob die Begründung des Antragstellers im Antrag akzeptiert wird.”

      -> Das wird unter anderem auch darauf zu deuten sein, dass man nur einmal Prozesskostenhilfe für die Selbe Angelegenheit bekommen soll. Es soll also verhindert werden, dass man sich unendlich durch die Weltgeschichte “klagt” – und vor allem immer wegen der gleichen Sache.

      Solche kleinen Details muß man bei Antragstellung natürlich beachten – leider, weil durch die Bewilligungsprüfung natürlich auch absolut gerechtfertigte Prozesse verhindert werden können.

      Zitat:
      “… zynisch angesichts z. B. der Tatsache, dass sich viele gut situierte, “kritisch Denkende” scheuen, auch nur eine homöopathiekritische Petition zu unterzeichnen – aus Angst, sich damit zu weit aus dem Fenster zu lehnen…”

      -> Was haben denn nun gewisse “gut situierte” Menschen, die keine Kritik gegen Homöophatie aktiv unterstützten, mit der Frage zu tun, wie lange und effektiv eine arme Sau in der Lage sei, Widerstand gegen Ungerechtigkeit zu leisten?

      Nur das irgendwelche “gut situierten” auch dann nichts unterschreiben würden. Ansonsten ist die Homöophatie hier wieder mal nur ein Strohmann für irgendwas.

      Das die Homöophatie als Kassenleistung von allen bezahlt wird, ist m.E. absolut kein Problem, weil deren Anwendung genau den Platz einnimmt, der ansonsten von ebenso (un)wirksamen und (un)nützlichen Therapien eingenommen werden würde. D.h., es besteht ein Therapiebedarf, zu dem es auch in der evidenzbasierten Medizin keine wirksame Therapie gibt, der auch bei Anwendung gewisser evidenzbasierter Medikamente in dieser Situation keine Evidente Heilwirkung nachweisbar ist. Die Therapie in Anwendung (Homöophatie oder evidenzbasierter MEdikation) ist also reiner Zeitvertreib im Sinne, dass Zeit vergehen muß, damit die Beschwerden nachlassen. Quasi das Bonbon fürs vorrübergehend leidende/schreiende Kind.

      Es besteht also keinerlei Dringlichkeit sich über die Existenz von (und auch noch die Kassenleistung) Homöophatie aufzuregen – vor allem nicht in Verbindung mit dem Thema. Denn Homöophatie bringt auch arme Menschen in den derzeitig üblichen Anwendungsszenarien nicht in den Genuß noch früheren Ablebens.

  16. #25 Beobachter
    5. April 2016

    @ demolog, # 19:

    ” … Die Prozesskostenhilfe ist wohl nicht besonders beliebt unter Rechtsanwälten…!? Wohl zu wenig, um sich mit einem Fall umfassender zu befassen? … ”

    So ist es.
    Selbst der engagierteste Anwalt wird sich nicht für ein Minimalst-Honorar aus der Staatskasse, nen Appel und`n Ei, in einen schwierigen und umfangreichen Fall hineinknien und ihn mit der gebotenen Sorgfalt bearbeiten.
    Das kann er aus zeitlichen und finanziellen Gründen nicht.

    Wenn es um relativ einfache, eindeutige Rechtssachen (aus dem Mietrecht oder Arbeitsrecht) geht, ist sein “soziales Gewissen” noch ausschlaggebend und er übernimmt den Fall trotzdem.
    Auf einen komplizierten Rechtsstreit wird er sich jedoch nicht einlassen – und das ist völlig verständlich.
    Und vor allem dann, wenn die Gegenseite mit einem 8-köpfigen Rechtsanwaltsteam aufwartet.
    So jedenfalls meine bisherigen Erfahrungen.

  17. #26 demolog
    6. April 2016

    Man könnte auch angesichts dieses Klarsprech hier:

    http://www.zeit.de/2016/15/fluechtlingspolitik-deutschland-angela-merkel-europa-humanitaet/komplettansicht

    … annehmen, das arme früher sterben, weil sie sich aufgrund des immer wieder auftretenen Verarschtseins so derart ärgern, dass sie damit ihr Leben über die Maßen vergiften und daran jahrzehnte früher abkratzen, als es normalerweise der Fall wäre.

    Dieser Artikel erklärt doch den ultimativen moralischen Bankrot der Alternativlospolitik; der neoliberalen Ideologie, hinsichtlich der Armutsdebatten und darin enthaltene Menschen.

    Und das die Flüchtlingsströme sehr wahrscheinlich ausgelöst wurden; sich als gesteuert darstellen, legt über diese Realität eine noch üblere Wahrheit drüber.

    Da kann man mal sehen, wie windig und haltlos Realpolitik so sein kann (ist) – wie wenig sie an realen Ursachen orientiert ist, weil die Ursachen zu wenig an Realitäten orientiert sind. Es müssen nicht einzelne Wahrheiten aus der Realität extrahiert werden, sondern ganze Ideologie-Szenarien in wenig Worte gepresst werden, damit Politk unschuldig bleibt.

    Sowas muß anekeln.

  18. […] sterben früher, was tun? Gesundheits-Check am 2. April […]

  19. #28 Beobachter
    8. April 2016

    zu # 26:

    Paramedizin/Pseudomedizin/Esoterik sind nicht nur lächerlicher Humbug (“Voodoo-Medizin”), über den sich der “kritisch Denkende” als Spaßeshalber-Besucher von Esoterik-Messen lustig machen kann, sondern sind gefährlich bzw. können es sein –
    sowohl als Luxus – Parallel- oder Ersatz-“Gesundheitsmaßnahmen” für Wohlhabende als auch aufgenommen in den Leistungskatalog der GKV für die Allgemeinheit, “fürs finanzschwache Volk”.

    Ein Gesundheitssystem, das schon heute und seit längerer Zeit beides zulässt bzw. auch vor extremen Auswüchsen die Augen verschließt bzw. die Zuständigkeiten für`s Unterbinden auch schlimmster Missstände hin- und herschiebt (wie z. B. im Falle von MMS), ist dringend reformbedürftig.
    Zumal dann, wenn gleichzeitig an Grundlegendem, Notwendigem für Alle gespart wird (Stichworte: Pflegenotstand, Hygiene-Mängel).

  20. #29 Karl Mistelberger
    8. April 2016

    In diesem Blog spielt die Statistik eine große Rolle: https://www.google.de/search?q=statistik+site:scienceblogs.de/gesundheits-check/

    Arme sterben früher, das mag zwar zutreffen, doch ein kausaler Zusammenhang wird in der Medizin oft eher behauptet denn plausibel gemacht. Ein ganz beliebter Trick geht so: https://www.edge.org/conversation/richard_nisbett-the-crusade-against-multiple-regression-analysis

    • #30 demolog
      8. April 2016

      @ Mistelberg #29

      Also weiß man nicht, was genau zum Ergebnis führt. Deswegen ist es trotzdem genau so, oder wollen sie es anzweifeln, dass arme früher sterben? Nein? Dann braucht man auch nicht nach irgendwelchen Abwiegelungen suchen, die das Ergebnis leugnen.

      Oder was meinen sie, warum die Statistik solch ein eergebnis ausgibt? Irgend eine passende These? Würde diese These einen kausalen Zusammenhang zwischen Armut und frühem Ableben eindeutig widerlegen?

  21. #31 Joseph Kuhn
    8. April 2016

    @ Karl Mistelberger:

    “ein kausaler Zusammenhang wird in der Medizin oft eher behauptet denn plausibel gemacht”

    Siehe die Kommentare #3 und #6. Sie argumentieren auf einer unangemessen abstrakten Ebene, die den gesicherten Erkenntnisstand schlicht ignoriert und so tut, als müsse hier eine Zusammenhang zum ersten Mal nachgewiesen werden. Das ist so ähnlich, wie wenn jemand gegen die Relativitätstheorie einwenden würde, dass sich auch Physiker schon oft getäuscht haben.

  22. #32 demolog
    27. April 2016

    Herr Kuhn ist beim Thema ja nicht untätig:

    http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2013/10/12/wer-frueher-stirbt-ist-arm-dran/

    … und vielleicht weitere Male.
    Ich habe nur manchmal das Gefühl, das man fast jedes Thema einmal jährlich kurz durchkauen kann – in den Medien. Bringeschuld getan – nächste Schlagzeile bitte. Die Karavanen, die weiterziehen. Reales Leben als Unterhaltungsinhalte, wie der wöchendliche Tatort oder ein Blockbuster zur Abwechslung. Spaßiger Zeitvertreib auf Kosten seiner Mitmenschen.

    Angesichts braucht man sich nicht wundern, warum die Menschen irgendwann Konsequenzen daraus ziehen und …. AFD, Rechtsruck und so. Das hier den Möglichkeiten ´des “intellektuel unterbelichteten Pöbels” entsprechend Protestiert wird, sollte man sich mal auf der Hirnrinde zergehen lassen. Wenn man den Leuten früher mal ihre Sorgen angehört und reagiert hätte, wäre das nicht passiert. Oder glaubt ihr alle, man kann menschliche Schicksale wie eine unterhaltsame Schlagzeile hinnehmen und dem “intellektuel unterbelichtetem” wegen seiner intellektuellen Schwäche seine Kritik verweigern und ignorieren, weil wer nicht artikulieren kann, hat auch nichts zusagen? So war es doch, als letztes Jahr ein hochrangiger SPD-Mann von “Pack” sprach.

    Dieser Spruch vom Pack hätte eigentlich Auslöser von total eskalierenden Unruhen sein müssen, anstatt die darauf folgende “Selbstbezeichnung” (Wir sind das Pack!)

    Unglaublich alles.