Der Homöopathiekongress 2016 in Bremen und seine Schirmherrin, die Bremer Wissenschaftssenatorin, waren hier auf Scienceblogs schon mehrfach Thema. Einer der seltsamen Vorträge des Kongresses handelt von „magnetischen Photonen“ und davon, dass mit „verspäteter Lumineszenz“ homöopathische Mittel unterscheidbar seien. Bei den Skeptikern hat es der Vortrag zu einem Eintrag am 1. April gebracht. Beim Journal „Cell Biochemistry and Biophysics“, das im wissenschaftlichen Springer-Verlag erscheint und für 2015 einen zwar bescheidenen, aber immerhin vorhandenen Impactfaktor von 1,68 aufweist, hat man das Ganze nicht als Aprilscherz eingestuft, sondern schon 2014 als peer reviewten Artikel veröffentlicht: Lenger et al.: Identification of unknown homeopathic remedies by delayed luminescence. Cell BiochemBiophys (2014) 68; 321-334. Hans Zauner von „Panagrellus“ hatte bereits vor ein paar Tagen darauf hingewiesen: „Offenbar ein Fall von Peer-Review-Versagen. Der Editor-in-Chief ist jedenfalls informiert und schaut sich die Sache an.“ Nicht nur da fragt man sich, ob ein „German Office of Research Integrity“ vielleicht doch was nützen würde. Das könnte dann auch gleich einen Brief an die Bremer Wissenschaftssenatorin schreiben, um mit verspäteter Lumineszenz dort die Unterscheidung von Wissenschaft und Humbug auszuleuchten.

Kommentare (12)

  1. #1 schlappohr
    13. April 2016

    Interessant ist schon, dass Springer überhaupt ein Paper veröffentlicht mit “homeopathic” im Titel und das offensichtlich keine Studie zum Nachweis der Wirkungslosigkeit ist. Letzteres ließe sich mit einem kurzen Querlesen des Abstracts absichern, sogar ganz ohne Review.

  2. #2 Klaus
    13. April 2016

    Offenbar ist Wissenschaft-Presse eben auch nur Presse. Wie man die beurteilen muss, weiß man seit Karl Kraus und in heutiger Zeit überdeutlich seit “Ukraine”.

  3. #3 CM
    13. April 2016

    Absender des Artikels ist u. a. das “Institute for Scientific Homeopathy” in Offenbach. Interessant. Zumindest impliziert dies, dass es auch in den Augen der Betreiber eine unwissenschaftliche Homöopathie gibt und Abgrenzung erforderlich ist.

    schlappohr, ich meine schon, dass man Beiträge (a.k.a. “paper”) zu esoterischen Themen in wissenschaftlichen Journalen nicht pauschal ausschließen darf. Qualitätskriterien sollten sich nicht an einem Weltbild entlanghangeln – sonst kann es sich nciht grundlegend ändern und wer weiß schon, wass die wissenschaftliche Zukunft bereithält? Eher sind methodische Kriterien anzulegen – in diesem Sinne werde ich mir die Publikation in den nächsten Tagen mal anschauen. Wenn nichts dabei rumkommt hatte ich wenigstens was zu lachen.

  4. #4 schlappohr
    13. April 2016

    “Qualitätskriterien sollten sich nicht an einem Weltbild entlanghangeln”

    Grundsätzlich richtig, aber es geht hier um ein Weltbild, das keiner Untersuchung durch wissenschaftliche Methoden standhält und daher vollkommen obsolet ist. Man könnte heute auch keine ernstzunehmende Arbeit mehr über die mechanischen Eigenschaften der Kristallsphären und die daraus resultierende obere Schranke für die Masse der Wandersterne schreiben, auch wenn diese Arbeit in einer geozentrischen Welt von Bedeutung wäre. Oder etwas weniger drastisch, eine Herleitung des Gravitationslinseneffekts basierend auf reiner Newtonmechanik. Diese Dinge sind einfach vom Tisch.

  5. #5 Hans Zauner
    13. April 2016

    Das Paper ist hinter einer Paywall und ich würde davon abraten, 35€ für die Lektüre auszugeben.

    Hier eine Kostprobe, bzw der Höhepunkt des Werks, aus der Diskussion:

    “To separate the photons from homeopathic remedies it is necessary to apply a stronger magnetic field than that of their carrier substances and photons. This is what happens by analogy with a patient taking a homeopathic remedy.
    The sick person has the same frequency as the remedy but as being a whole living system he/she is provided with a stronger magnetic field. That is why the separation of photons from the remedy can take place in the sick body. According to the resonance principle healing now occurs and the pathological biochemical pathways are being cured.”

    • #6 Joseph Kuhn
      13. April 2016

      Böhmermann! Ich will, dass Böhmermann sich dieser Sache annimmt!

  6. #7 Catweazle
    13. April 2016

    Danke Herr Zauner für die köstliche Kostprobe. Ein Uneingeweihter würde diese Zeilen allerdings eher in einem Journal wie die Titanic vermuten oder?
    Wer so viel Panik vor starken Magnetfeldern hat, der sollte sich nicht wundern das es mit der Homöopathie so bergab ging und es keinerlei Wirkungsnachweis mehr gibt. Sicher ist es seit den vielen Entdeckungen wie Elektrizität, Rundfunk, Mobilfunk oder gar das widerliche WLan nicht mehr möglich aus Globulis irgend einen Nutzen zu ziehen. Die ganzen Wirkphotonen werden ja aus ihrer verspäteten Lumineszenz herausbeschleunigt und verschwinden auf nimmer Wiedersehen im weiten Universum.

  7. #8 rolak
    13. April 2016

    hinter einer Paywall

    Gibts da nicht auch etwas von RatioFrei? Für ein Mikrophon For sure! Die oben im posting angegebene ncbi-url als Muster zum Suchen eingeben, dann inmitten des Kyrillischen ein Captcha lösen, abspeichern, hochschubsen und voilá! Zugänglich ohne Nippel durch die Lasche.

    Bis zur nächsten Sperrung, doch sci-hub bleibt ja lebendig…

  8. #9 Hans Zauner
    13. April 2016

    Lengers Ko-Autor Rajendra Bajpai erläutert das Paper bei PubPeer:

    https://pubpeer.com/publications/6025BA1E7EC753A71AC30EA0886A1A

    Schlauer werde ich daraus nicht. Aber dieser Satz hat Stil:
    “The paper does not clearly specify it in order to avoid unnecessary communications.”

    Und wem das Lenger-Paper nicht abgedreht genug ist, möge sich die Arbeiten von Luc Montagnier (immerhin ein echter Nobelpreisträger) ansehen. DNA-Teleportation von Frankreich nach Göttingen!
    (z.B. frei zugänglicher Pre-print hier: http://arxiv.org/abs/1501.01620)

    • #10 Joseph Kuhn
      13. April 2016

      Lieber Herr Zauner, ich bitte um Gnade. Meine Arbeitsmotivation und mein Vertrauen in die Wissenschaft müssen noch ein paar Jahre durchhalten.

      Was Luc Montagnier angeht, sehe ich die morphogenetischen Felder Sheldrakes am Werk. Ich lese nämlich gerade das (schon etwas ältere) Buch “Fälscher, Schwindler, Scharlatane. Betrug in Forschung und Wissenschaft” von Heinrich Zankl. Da sind auch haarsträubende Geschichten drin. Auf sein mindestens ebenso lesenswertes Buch “Irrwitziges aus der Wissenschaft” hatte ich vor einiger Zeit hier aufmerksam gemacht.

  9. #11 2xhinschauen
    http://www.homöopedia.eu
    15. April 2016

    http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Montagnier

    Die Quelle ist das der GWUP nahestehende Informationsnetzwerk Homöopathie.

  10. […] Aprilscherz schafft es ins Journal Cell Biochemistry and Biophysics, Gesundheits-Check am 12. April […]