Dass Arme früher sterben, war hier auf Gesundheits-Check schon mehrfach Thema. Nur zur Erinnerung, beim RKI allgemeinverständlich nachzulesen: In Deutschland hat die Gruppe derer, die weniger als 60 % des Durchschnittseinkommens verdienen, eine ca. 10 Jahre niedrigere Lebenserwartung als die Gruppe, die mehr als 150 % des Durchschnittseinkommens verdient. Im zeitlichen Trend scheinen aber in Deutschland bisher alle Sozialstatusgruppen am Zugewinn der Lebenserwartung teilzuhaben, wenn auch unterschiedlich stark.

Anders in den USA, dort schlägt die sozial bedingte Ungleichheit der Gesundheit jetzt auf die mittlere Lebenserwartung der Gesamtbevölkerung durch, sie geht leicht zurück. Besonders betroffen seien die jüngeren und mittleren Altersgruppen, heißt es in den Medienberichten. Man müsste sich die Daten einmal genauer ansehen, aber auf den ersten Blick passt das gut zur „Wilkinson-These“: In entwickelten Ländern wirkt sich vor allem die soziale Ungleichheit auf die Gesundheit aus, weniger das absolute Einkommensniveau. Wenn man so will, ist das ein epidemiologischer Kommentar zum Wahlerfolg Trumps.

Kommentare (55)

  1. #1 Hobbes
    9. Dezember 2016

    Ähnlich wie bei der Kriminalität stellt sich bei der Korrelation zwischen Einkommen und Gesundheit auch die Frage wie viel aus sozialem Status und wie viel aus finanzieller Not kommt. Die finanzielle Not ist in Deutschland ja weniger stark als in den USA. Sozial/Kulturell dürfte in Deutschland wohl Rauchen und Übergewicht am Stärksten ins Gewicht fallen. Alkohol sehe ich hier als Einkommensunabhängiges Problem an. (Kulturell eventuell ein positiver Effekt bei nichtchristlichen Religionen. Hat dazu vielleicht wer Zahlen). In wie fern man dagegen vorgehen sollte (also gegen alles und nicht gegen das in Klammern genannte) ist natürlich immer schwer.

    Gesundheitsdefizite aus rein finanzieller Not sind für ein entwickeltes Land natürlich ein Armutszeugnis.

    Für die USA habe ich jetzt gelesen soll der Drogenanstieg ein Problem sein. Gibt es eigentlich Studien dazu ob Breaking Bad darauf einen Einfluss hatte?

  2. #2 Kassandra
    9. Dezember 2016

    Besonders betroffen seien die jüngeren und mittleren Altersgruppen, heißt es in den Medienberichten. Man müsste sich die Daten einmal genauer ansehen, aber auf den ersten Blick passt das gut zur „Wilkinson-These“: In entwickelten Ländern wirkt sich vor allem die soziale Ungleichheit auf die Gesundheit aus, weniger das absolute Einkommensniveau

    Ein grober Überblick hier: http://www.cdc.gov/nchs/data/databriefs/db267.pdf

    dem ich wiederum diesen Link entnahm: http://www.cdc.gov/nchs/data/nvsr/nvsr65/nvsr65_04.pdf

    Die Zunahme der Todesfälle in den jüngeren Altersgruppen – sehr grob verallgemeinert: vor allem bei Weißen der Altersgruppe 25 bis 44, und da noch etwas stärker bei Frauen als bei Männern – war schon von 2013 bis 2014 auffallend. Dass es sich vor allem bei Weißen so verschlechtert hat, deutet aber eher nicht auf den Faktor soziale Ungleichheit als Ursache hin. Schwarze sind deutlich häufiger arm als Weiße, siehe Tabelle 2 hier: http://www.cdc.gov/nchs/data/hus/hus15.pdf#019

    Es sei denn natürlich, arme Weiße hätten eine besonders starke Verschlechterung ihres Lebensstandards erlebt.

    Mir fehlt die Zeit, die 461-Seiten-Schwarte unter dem letzten Link zu sichten, aber irgendwo da drin müsste sich wohl die Lösung für das Rätsel befinden.

  3. #3 tomtoo
    9. Dezember 2016

    Glaubt man denn wirklich es ist ein schwarz-weiss Proplem. Oder kocht nicht ein schon langes arm-reich Problem in den USA auf ? In einer Suppe in der Farbunterschiede gut sichtbar sind, aber nicht die Ursache, sondern nur der Indikator ?

  4. #4 Laie
    10. Dezember 2016

    Wie weit würde sich bei gleichen Ernährungsgwohnheiten der Effekt vermindern?

    (Es war mal zu lesen, dass Menschen mit weniger Einkommen gerne sich von Junk-Food ernähren.)

    Schlechtere medizinische Versorgung könnte auch relevant sein.

  5. #5 Joseph Kuhn
    10. Dezember 2016

    @ Kassandra:

    “Schwarze sind deutlich häufiger arm als Weiße … Es sei denn natürlich, arme Weiße hätten eine besonders starke Verschlechterung ihres Lebensstandards erlebt”

    Cave: Die Wilkinsonthese hebt, wie gesagt, nicht auf das absolute Armutsniveau ab, sondern auf soziale Ungleichheit. Auch Reiche in sozial sehr ungleichen Gesellschaften leiden unter der sozialen Ungleichheit. Als Einstieg siehe z.B. das Interview mit Wilkinson in der ZEIT 2010. Einer der Erklärungsansätze ist z.B. Statusstress.

  6. #6 Schmidts Katze
    10. Dezember 2016

    Die Zeit hatte letztes Jahr einen Artikel über die Sterbezahlen.
    Es geht um 45- bis 54-jährige Weisse aus der Arbeiterklasse.
    Zitat: “Sie bringen sich häufiger um, trinken sich häufiger zu Tode, nehmen regelmäßig Drogen und Tabletten.”
    http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-11/gesundheit-usa-lebenserwartung-mittelschicht

    Und noch ein Zitat aus dem Artikel:
    “”Die Republikaner haben viele Vorhaben blockiert, die ihre Situation verbessert hätte”, sagt Yarrow. Trotzdem würden sich vor allem schlecht ausgebildete weiße Männer um die Donald Trumps im Land scharen, die ihnen vage versprechen, Amerika wieder groß zu machen. Damit, so Yarrow, wählten sie entgegen ihrer wirtschaftlichen Interessen.”
    Das könnten die Stimmen sein, die bei der letzten Wahl im Rust Belt den Ausschlag gaben.

  7. #7 Kassandra
    10. Dezember 2016

    Die Zeit hatte letztes Jahr einen Artikel über die Sterbezahlen.
    Es geht um 45- bis 54-jährige Weisse aus der Arbeiterklasse.
    Zitat: “Sie bringen sich häufiger um, trinken sich häufiger zu Tode, nehmen regelmäßig Drogen und Tabletten.”

    Der Anstieg betrifft aber Frauen stärker als Männer, und am stärksten betroffen sind weiße Frauen (ohne Hispanics) in der Altersgruppe zwischen 25 und 34. Der Abwärtstrend bei den Todesfällen dieser Altersgruppe muss um 2000 herum gekippt sein. Siehe hier: http://www.cdc.gov/nchs/data/hus/2015/021.pdf

    Ich dachte zuerst ja an Drogen, und da gab es in der Tat einen Anstieg, aber nicht nur in dieser Altersgruppe und er war bei Männern genauso stark wie bei Frauen: http://www.cdc.gov/nchs/data/hus/2015/027.pdf

    Tötungsdelikte sind auch nicht der Grund: http://www.cdc.gov/nchs/data/hus/2015/029.pdf

    Bei Selbsttötungen gab es einen Anstieg, aber bei beiden Geschlechtern und keinen so starken, dass er die Sache erklären würde: http://www.cdc.gov/nchs/data/hus/2015/030.pdf

    @Joseph Kuhn:

    Auch Wilkinsons These passt nicht so recht zu dieser Altersgruppe, denn weder ist man mit um die 30 normalerweise schon besonders weit aufgestiegen, noch muss man sich schon damit abfinden, nie einen Aufstieg zu schaffen. Ich weiß nicht, wo ein Amerikaner die Grenze setzen würde, ab der er keine bedeutenden Weichenstellungen seines Lebens mehr verändern kann, hierzulande würde ich schätzen: Mitte vierzig, aber ich bilde mir ein, in den USA werden bei Bewerbungen ältere Arbeitnehmer längst nicht so stark wie bei uns diskriminiert, also läge dieser Moment vermutlich eher später.

    Frauen sind außerdem seltener so kompromisslos am beruflichen Aufstieg interessiert wie Männer, aber stärker als Männer von dem Phänomen des Anstiegs der vorzeitigen Todesfälle betroffen. Vielleicht “sozialer Stress”? Bei Frauen tickt in diesem Alter die biologische Uhr wirklich schon mit jedem Jahr vernehmbarer, und wer mit 35 noch keine Familie gegründet hat, kann sich den Traum von eigenen Kindern meist für immer abschminken.

    Leider fand ich keine Auswertung nach Altersgruppen, die ausreichend detailliert gewesen wäre, um diese merkwürdige Entwicklung zu erklären.

  8. #8 Joseph Kuhn
    10. Dezember 2016

    @ Kassandra:

    Drüben bei den amerikanischen Scienceblogs, auf The Pump Handle, sind die neuen Daten zur Lebenserwartung auch gerade Thema. Dort wird am Ende spekuliert, ob der Rückgang der Lebenserwartung vielleicht nur ein einmaliger Ausreißer sein könnte.

    Ähnlich vorsichtig war die Washingten Post im Frühjahr des Jahres, als schon die Daten 2014 einen Rückgang bei den weißen Frauen gezeigt hatten, Sie hatten den Befund oben in Ihrem Kommentar # 2 angesprochen. So ein leichter Rückgang kann natürlich vorübergehend sein, aber die Entwicklung der Lebenserwartung bei den Weißen ist seit längerem auffällig schwach, siehe z.B. die United States Life Tables, Figure 2, Vergleich der Weißen mit den anderen ethnischen Gruppen. Von der Stagnation bis zu einem leichten Rückgang ist nicht viel nötig. Die Ursachenfrage bleibt davon allerdings unberührt.

    Hier noch Kommentare im Wall Street Journal oder beim Commonwealth Fund, ebenfalls schon auf die Daten 2014 bezogen.

    Vielleicht mit Blick auf die Ursachenfrage von Interesse: Ein Artikel zur unterschiedlichen Entwicklung der Lebenserwartung nach Sozialstatusgruppen in den USA zwischen 1990 und 2008. Bei Weißen mit wenig Schulbildung ging demnach schon damals die Lebenserwartung zurück.

  9. #9 Trottelreiner
    10. Dezember 2016

    @Hobbes & Cassandra:
    Naja, Breaking Bad (Methamphetamin[1]) ist bei der Drogenmortalität eher nicht so relevant, eher Scrubs (der plötzlich auftauchende Schmerzpatient), Dr. House und Nurse Jackie. AFAIK geht es da eher um Opiate, u.a. Oxycodon, einigen Quellen zufolge soll die mangelnde Schmerzmittelversorgung vergangener Jahre ins Gegenteil umgefallen sein.
    Wobei die Fälle besonders nach 2004 in die Höhe gehen, verletzte Veteranen aus Afghanistan und Irak wären jetzt meine erste (wahrscheinlich falsche) Assoziation.

    Daß gewisse Gründe bei Männern mehr durchschlagen als bei Frauen könnte vermutlich auch so erklärt werden, daß bei Frauen die Lebenserwartung ansonsten weiterhin ansteigt, die medizinische Versorgung bei Männern aber schlechter ankommt, kulturell bedingt gehen Männer ja in DE AFAIK öfters erst dann zum Arzt wenn es zu spät ist.

    [1] Horrorgeschichten zu “Crystal Meth” werden in Trottelreinerschen Familienkreisen öfters von mir mit einem “rat mal, was in der WW2-Tablette für Schiffbrüchige die dich seinerzeit wach hielt drin war” kommentiert. Nicht daß das Zeug i.A. gesundheitsförderlich ist[2], aber man sollte sachlich bleiben.
    [2] Naja, außer vielleicht z.B. bei Parkinson, aber Seligilin wird ja “nur” zum schwächeren Enantiomer metabolisiert.

  10. #10 Kassandra
    10. Dezember 2016

    @Joseph Kuhn:
    Die New York Times führt die Todesfälle auf Drogenkonsum zurück, siehe hier: http://www.nytimes.com/2016/01/17/science/drug-overdoses-propel-rise-in-mortality-rates-of-young-whites.html

    Die Grafik im Artikel zeigt die auffallende Entwicklung bei jungen Frauen deutlich, aber auch, dass die Drogen diese Entwicklung eigentlich nicht erklären können, denn bei Frauen zwischen 25 und 34 sind die Todesfälle längst nicht so stark gestiegen wie bei anderen Altersgruppen und bei Männern dieses Alters.

    @ Dr. Webbaer (Sie sind das doch, oder?)

    Bei “Drogen” wurde ich spätestens durch meinen obigen Link zu den dazu verzeichneten Todesfällen darüber belehrt, dass damit auch Medikamentenabhängigkeit gemeint ist. Ergibt ja auch einen Sinn, wenn man an Fälle wie Michael Jackson oder Prince denkt, obwohl die keine Frauen zwischen 25 und 34 gewesen sind.

  11. #11 Robert
    10. Dezember 2016

    Kuhn,
    die Diskriminierung der Schwarzen in den USA gibt es immer noch. Aus der Verwandtschaft wissen wir, dass in Deutschland lebende US-Amerikaner lieber in Deutschland bleiben und auf ihr Eigentum in New York verzichten als in die USA zurück zukehren.

  12. #12 Trottelreiner
    10. Dezember 2016

    @Kassandra:
    Aargh, schreib ich etwa so verklausuliert? Im Zweifelsfall bei Johannes bezüglich email und ip anfragen, aber falls ich nicht einen extremen Fall von dissoziativer Persönlichkeitsstörung habe, sind der Webpetz und ich disjunkte Persönlichkeiten.
    Das fängt schon mit damit an, daß ich mich hin und wieder als Crypto-“katholischer Konservativer”[1] outen muß, während WB eher diesem neumodischen Tugendterror-Nationalkonservatismus anhängt. 😉
    Und WB ist nach eigenen Angaben Pädagoge (a.D.?), während meinereiner Biologe ist, und…

    [1] Ähm, die Diagnose wurde schon zu meiner etwas härteren Säkularismuszeit gestellt, war aber weiß Göttin nicht ehrenrühriges…

  13. #13 Kassandra
    10. Dezember 2016

    @Trottelreiner:

    ja, Sie schreiben ziemlich ähnlich wie Dr. Webbaer. (“Verklausuliert” trifft die Sache haargenau.) Ich freue mich schon darauf, mal einen Dialog zwischen Ihnen und ihm zu lesen und mich mit den stilistischen Unterschieden zwischen Ihren Texten zu befassen.

    Entschuldigen Sie also bitte die falsche Verdächtigung. Ich dachte, der vermeintliche Auftritt unter falschem Namen sei als Witz von Dr. Webbaer gemeint. 😉

    Tugendterror-Nationalkonservatismus – beißt sich das wirklich nicht mit Begeisterung für Donald Trump?

  14. #14 Joseph Kuhn
    10. Dezember 2016

    @ Kassandra:

    1. Trottelreiner ist definitiv nicht der Webbär und der Stil ist auch nicht derselbe.
    2. Die CDC schreiben: “From 2014 to 2015, age-adjusted death rates increased for 8 of 10 leading causes of death”. Eine über so unterschiedliche Krankheiten streuende Mortalitätserhöhung hat sicher nicht nur eine Ursache wie Drogen. Was stört Sie denn so an der Erklärung durch die sozialen Umstände?

  15. #15 DH
    10. Dezember 2016

    Je stärker die soziale Ungleichheit in reichen Gesellschaften , desto stärker die finanzielle Akkumulation an der Spitze , und damit die Ansammlung von Macht.
    Erst diese Ansammlung konnte das Prinzip etablieren , das bei uns Hartz 4 genannt wird , weil erst dadurch so starke Interessenlobbies entstehen konnten.
    Diejenigen , die unten landen , sind nicht einfach nur arm , sie werden mit immer weiteren Nachteilen noch zusätzlich gedrückt – man könnte auch sagen , unterdrückt – der Staat setzt sie unter Druck , eine breite Minderheit in der Bevölkerung sieht sie geringschätzig an , die “Eliten” betreiben offene Volksverhetzung gegen sozial Schwächere.

    Wer also aus Gründen der Herkunft , schlechter Familienverhältnisse oder ähnlichem nach unten gelangt , bekommt immer mehr Probleme aufgehalst , und das gezielt.
    Andere , die das Glück einer besseren Herkunft haben , kriegen ständig Vorteile nachgeschmissen und verwechseln das dann gerne mit ihrer eigenen Leistungsstärke.

    Das muß irgendwann in die Luft fliegen , der Hinweis auf Trumps Wahlerfolg ist sehr berechtigt. Die Zerstörten wenden die Logik des Systems gegen das System selber an , das verstehen viele nicht , viele rechtspopulistische Wähler versuchen erst gar nicht mehr , konstruktiv zu wählen , sie setzen nur noch auf Zerstörung.

  16. #16 Trottelreiner
    11. Dezember 2016

    @Kassandra
    Die Begegnung Trottelreiner-WB gab es schon, allerdings habe ich gerade nur

    http://scienceblogs.de/bloodnacid/2015/01/07/allah-ist-gross-und-charb-ist-tot/#comment-22375

    parat. Wobei man dem Herrn die Staatstheorien der Aufklärung (Hobbes et al.) mal etwas besser erklären sollte.

    Zum Tugendterror, ich dachte die Anspielung auf das nationalistische Moment der Französischen Revolution war nicht zu vage. Weswegen ich das Anti-“PC”-Gejammere der Verdächtigen ja so putzig finde.

    Wobei Trump jetzt eher unter Bonapartismus fällt.

  17. #17 Kassandra
    11. Dezember 2016

    @Joseph Kuhn:

    Was stört Sie denn so an der Erklärung durch die sozialen Umstände?

    Mich stört daran, dass diese Erklärung nicht richtig zu den Daten passt. Dass ausgerechnet junge weiße Frauen unter 35 stärker als alle anderen Gruppen betroffen sind, und das nicht als einmaliger statistischer Ausreißer, sondern als Trend seit über 15 Jahren, ist sehr seltsam.

    Es gibt ja verschiedene Erklärungsmöglichkeiten in Zusammenhang mit sozialen Umständen, aber die meisten betreffen erst die Altersgruppen ab dem mittleren Alter (Rauchen, Ernährung, Alkohol etc.) und taugen für dieses Phänomen deshalb nicht als Erklärung. Wo Jüngere stärker als Ältere betroffen sind, sind aber Männer praktisch immer stärker als Frauen betroffen (Kriminalität, Drogen, Suizid …), und genau das ergibt sich ja auch aus den zugehörigen Teilstatistiken, die ich in #7 verlinkt hatte.

    Inzwischen habe ich herausgefunden, wie sich die zehn häufigsten Todesursachen bei weißen Frauen dieser Altersgruppe zwischen 2001 und 2013 entwickelt haben; eine neuere Statistik lag nicht vor und die von 2000 enthielt keine Angaben zum jeweiligen Anteil einer Todesursache. Es gibt eine besonders auffallende Veränderung: Unabsichtliche Verletzungen mit Todesfolge waren schon 2001 die häufigste Todesursache, sind aber bis 2013 von 24,5 auf 34,1 Prozent der Todesfälle angestiegen. Ich habe mir auch die dazwischenliegenden Jahre angeschaut; es ging tatsächlich ziemlich kontinuierlich fast jedes Jahr ein bisschen nach oben. Ich wäre also nicht überrascht, falls sich das 2014 und 2015 weiter fortgesetzt hätte.

    http://www.cdc.gov/women/lcod/2001/01white.pdf
    http://www.cdc.gov/women/lcod/2013/womenwhite_2013.pdf

    Todesfälle in dieser Altersgruppe 2001: 55,1 von 100.000, davon also ca. ein Viertel = 13,7 durch unabsichtliche Verletzungen und 41,4 durch andere Ursachen
    Todesfälle in dieser Altersgruppe 2013: 66,9 von 100.000, davon also ca. ein Drittel = 22,3 durch unabsichtliche Verletzungen und 44,6 durch andere Ursachen

    http://www.cdc.gov/nchs/data/hus/2015/021.pdf

    Personenzahl in dieser Altersgruppe 2000 (2001 fand ich auf Anhieb nicht): 15,6 Mio., in absoluten Zahlen (55,1 x 156) ca. 8596 Todesfälle insgesamt, davon ca. 2137 durch unabsichtliche Verletzungen und 6459 durch andere Ursachen.
    Personenzahl in dieser Altersgruppe 2013: 16,2 Mio., in absoluten Zahlen (66,9 x 162) ca. 10838 Todesfälle insgesamt, davon 3613 durch unabsichtliche Verletzungen und 7225 durch andere Ursachen.

    http://www.cdc.gov/nchs/data/hus/2015/001.pdf

    Die Todesfälle durch unabsichtliche Verletzungen machen knapp zwei Drittel des Gesamtanstiegs aus (1476 Fälle vs. 766 Fälle).

    Dass die sozialen Umstände bei dem letzten Drittel eine Rolle spielen, ist möglich, aber wie könnten sie die zwei Drittel bewirkt haben? Was meinen Sie dazu?

    • #18 Joseph Kuhn
      11. Dezember 2016

      Zu den Unfällen (unintentional injuries) allgemein: Sie stellen im jüngeren Lebensalter (zusammen mit den Suiziden, den intentional injuries) die wichtigste Todesursache dar, weil jüngere Leute noch an wenig anderem sterben. In Deutschland würde die Lebenserwartung ohne die Verletzungen insgesamt etwa ein halbes Jahr höher liegen. Weil sie sich im Lebenslauf vergleichsweise früh ereignen, schlagen sie trotz ihrer absolut gesehen kleinen Zahl bei der Berechnung der Lebenserwartung spürbar zu Buche. Den größten Einfluss auf die Lebenserwartung haben allerdings die Herzkreislauf-Erkrankungen. Das ist in den USA sicher nicht anders.

      Unfälle und soziale Lage: Auch bei den Unfällen gibt es einen Sozialgradienten – in den unteren Sozialstatusgruppen ist das Risiko, durch Unfall zu sterben, höher als in den oberen Sozialstatusgruppen, siehe dazu die entsprechenden Berichte des RKI über Unfälle bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

  18. #19 Günter S.
    11. Dezember 2016

    Wenn man so will, ist das ein epidemiologischer Kommentar zum Wahlerfolg Trumps.

    Böser Trump, ich frage mich was der noch böses anstellen wird, sobald er der Präsident ist.

    • #20 Joseph Kuhn
      11. Dezember 2016

      Wie meinen? Trumps Wahl ist eine Folge der sozialen Verwerfungen in den USA, genau wie die Stagnation der Lebenserwartung. Dass die Lebenserwartung in den USA im Jahr 2015 durch die Wahl des bösen Trump im Jahr 2016 gesunken ist, wäre doch eine etwas steile These, die hier auf Gesundheits-Check tachyonentheoretisch begründet nur am 1. April vertreten würde.

  19. #21 Kassandra
    11. Dezember 2016

    Zu den Unfällen (unintentional injuries) allgemein: Sie stellen im jüngeren Lebensalter (zusammen mit den Suiziden, den intentional injuries) die wichtigste Todesursache dar, weil jüngere Leute noch an wenig anderem sterben. In Deutschland würde die Lebenserwartung ohne die Verletzungen insgesamt etwa ein halbes Jahr höher liegen. Weil sie sich im Lebenslauf vergleichsweise früh ereignen, schlagen sie trotz ihrer absolut gesehen kleinen Zahl bei der Berechnung der Lebenserwartung spürbar zu Buche. Den größten Einfluss auf die Lebenserwartung haben allerdings die Herzkreislauf-Erkrankungen. Das ist in den USA sicher nicht anders.

    Unfälle und soziale Lage: Auch bei den Unfällen gibt es einen Sozialgradienten – in den unteren Sozialstatusgruppen ist das Risiko, durch Unfall zu sterben, höher als in den oberen Sozialstatusgruppen, siehe dazu die entsprechenden Berichte des RKI über Unfälle bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.

    Das erklärt leider alles nicht, warum in den USA die Todesfälle durch Unfälle bei weißen Frauen in dieser Altersgruppe so auffallend und kontinuierlich stärker als bei anderen Bevölkerungs- und Altersgruppen steigen. Meinen Sie denn, dies habe überhaupt nichts zu bedeuten? Ich sehe das nicht so. Meiner Meinung nach müssen wir nach einem Risikofaktor suchen, der vielleicht wirklich alle Alters- und Bevölkerungsgruppen in gewissem Maße betreffen kann, aber eben bei jungen weißen Frauen am stärksten ausgeprägt ist.

    Gestern Abend habe ich in Beitrag #17 übrigens versehentlich die falschen Daten verwendet – es war schon spät, ich bitte das zu entschuldigen. Bei den “white females” waren nämlich auch die Latinas mit enthalten. Das hätte nicht sein dürfen, denn bei den “Hispanic and Latina females” gab es, wenn man sie getrennt von anderen weißen Frauen betrachtet, nur einen ganz geringfügigen Anstieg bei den “unintentional injuries”. Die Gesamtsterblichkeit blieb bei ihnen zwischen 2001 und 2013 außerdem unverändert. Sie liegt jetzt erheblich niedriger als bei “Non hispanic white females”:
    Entwicklung der Todesfälle: http://www.cdc.gov/nchs/data/hus/2015/021.pdf
    Aufgeschlüsselt nach Ursachen 2001: http://www.cdc.gov/women/lcod/2001/01hispanic.pdf
    und 2013:
    http://www.cdc.gov/women/lcod/2013/womenhispanic_2013.pdf

    Die korrekten Werte für die Gesamtzahl der Todesfälle bei “Non hispanic white females” lauteten für 2001 deshalb 56,8 und für 2013 73,2 je 100.000. Damit waren also 2001 14,2 je 100.000 (in absoluten Zahlen: 2215) und 2013 24,4 je 100.000 (in absoluten Zahlen: 3953) auf Unfälle zurückzuführen.

    Vergleichen Sie auch mal mit der Entwicklung bei schwarzen Frauen derselben Altersgruppe – bei denen daneben die Gesamtsterblichkeit in dieser Altersgruppe deutlich zurückgegangen ist.

    2001: http://www.cdc.gov/women/lcod/2001/01black.pdf
    2013: http://www.cdc.gov/women/lcod/2013/womenblack_2013.pdf

    Gäbe es einen Zusammenhang mit den unteren Sozialstatusgruppen, in denen Schwarze und Latinas ja stärker als Weiße vertreten sind, wäre diese Entwicklung nicht denkbar. Damit halte ich diese Erklärung nicht für stichhaltig. In diesem Punkt lege ich mich jetzt fest.

    Heute morgen beim Kaffeetrinken habe ich mich auch mit meinem Mann über dieses Rätsel unterhalten, und der verblüffte mich mit folgender spontan aus dem Ärmel geschüttelten Erklärung: “Sport und Fitness, das ist in den Staaten ein typisches Laster vor allem weißer Frauen dieser Altersgruppe.”

    Das wäre schon ein Ding, wenn er da recht hätte. Aber völlig unmöglich erscheint es mir nicht.

  20. #22 Joseph Kuhn
    11. Dezember 2016

    @ Kassandra:

    Ich glaube, Sie hängen zu sehr an den Unfällen fest. Deren Einfluss auf die Lebenserwartung ist zwar nicht zu vernachlässigen, aber begrenzt.

    Dass die Lebenserwartung der schwarzen Bevölkerung zunimmt, widerspricht der Wilkinsonthese nicht, wie gesagt, da steht das Ausmaß sozialer Ungleichheit im Focus, nicht die Zugehörigkeit zu einer Sozialstatusgruppe (die natürlich ansonsten trotzdem relevant bleibt: scharze Amerikaner der unteren Sozialstatusgruppe haben eine höhere Sterblichkeit als die der oberen Sozialstatusgruppe und Schwarze hatten in der Vergangenheit stets eine höhere Sterblichkeit als die Weißen – dieser Unterschied schwindet). Auch die Hispanics mit ihrer hohen Lebenserwartung sind in den unteren Sozialstatusgruppen überrepräsentiert, scheinen aber nicht unter Abstiegsstress zu stehen. Dazu gibt es sicher Literatur.

    Dass Sport und Fitness die weißen Frauen massenhaft umbringen, halte ich nicht für plausibel. Der oben in Kommentar #8 verlinkte Artikel zeigt zudem, dass die Lebenserwartung der weißen Männer aus der unteren Bildungsgruppe ebenfalls schon lange zurückgeht.

  21. #23 Kassandra
    11. Dezember 2016

    Ich glaube, Sie hängen zu sehr an den Unfällen fest. Deren Einfluss auf die Lebenserwartung ist zwar nicht zu vernachlässigen, aber begrenzt.

    Meinen Sie? Ich finde es logisch, als Erstes nach dem Faktor zu suchen, der am auffallendesten vom Erwarteten abweicht, und diesen dann genauer unter die Lupe zu nehmen. Und das war nun einmal die Entwicklung der Todesfälle bei jungen weißen Frauen sowie – bei genauerer Aufschlüsselung dieser Todesfälle – deren seit über 15 Jahren ständig ansteigende Zahl von Unfällen.

    Gerade fand ich im von Ihnen verlinkten US-Science-Blog die Unfälle auch für 2015 wieder prominent platziert:

    In particular, the death rates went up 0.9 percent for heart disease, 2.7 percent for chronic lower respiratory diseases, 6.7 percent for unintentional injuries, 3 percent for stroke, 15.7 percent for Alzheimer’s, 1.9 percent for diabetes, 1.5 percent for kidney disease and 2.3 percent for suicide. Mortality rates decreased 1.7 percent for cancer and stayed the same for influenza and pneumonia.

    http://scienceblogs.com/thepumphandle/2016/12/09/cdc-u-s-life-expectancy-declines-death-rates-up-for-heart-disease-diabetes-unintentional-injury/

    Das hatte ich beim ersten Mal glatt überlesen. Aber zu diesem Zeitpunkt fehlte mir auch noch eine Aufschlüsselung der Todesursachen nach Altersgruppen.

    Die weitere Lebenserwartung bei 65-jährigen ist übrigens im Gegensatz zur gesunkenen Lebenserwartung bei Geburt gleich geblieben. Also muss es sich um irgendeinen Faktor handeln, der die Todesfälle in jüngeren Jahren, aber nicht bei älteren Menschen ansteigen lässt. Siehe hier: http://www.cdc.gov/nchs/products/databriefs/db267.htm (Figure 1)

    Das mit dem Sport war übrigens nicht ernst genug gemeint, um unbedingt ernst gemeinte Einwände auslösen zu müssen. Mich amüsierte vor allem die Ironie, die darin läge, wenn es so wäre, da ja die deutliche Mehrheit der Frauen, die ins Fitnessstudio gehen, das ausschließlich deshalb macht, weil es als für ihre Gesundheit erforderlich propagiert wird.

    Grundsätzlich habe ich gar nichts gegen die These einzuwenden, dass Arme früher sterben als Reiche und dass zunehmende Ungleichheit das Problem verschärft. Aber unter dem Vorbehalt, dass die Daten nicht tief genug aufgeschlüsselt sind, um irgendetwas für bewiesen zu halten: Für speziell diese Entwicklung speziell in den USA finde ich in ihnen keinen konkreten Hinweis, der auf einen Zusammenhang mit der Wilkinsonthese hindeutet, aber mehrere, die das Gegenteil vermuten lassen.

  22. #24 Joseph Kuhn
    11. Dezember 2016

    @ Kassandra:

    “als Erstes nach dem Faktor zu suchen, der am auffallendesten vom Erwarteten abweicht”

    Warum dann nicht 15.7 percent for Alzheimer’s? Das halte ich übrigens für ein Statistikproblem, nur nebenbei. Der Blick auf die einzelnen Todesursachen führt hier vermutlich nicht weiter.

    “Also muss es sich um irgendeinen Faktor handeln, der die Todesfälle in jüngeren Jahren, aber nicht bei älteren Menschen ansteigen lässt.”

    Oder bei den Älteren durch irgendetwas ausgeglichen wird, oder …

    “dass Arme früher sterben als Reiche “

    Wer daran zweifelt, sollte auch die Relativitätstheorie bezweifeln. Die Belege sind für beides gleichermaßen erdrückend.

    “dass die Daten nicht tief genug aufgeschlüsselt sind”

    Ich fürchte, das würde hier nur mehr Bäume sichtbar machen und weniger Wald.

    “keinen konkreten Hinweis, der auf einen Zusammenhang mit der Wilkinsonthese hindeutet”

    Noch einmal: Schauen Sie sich den Artikel über die Entwicklung der Lebenserwartung in den unteren Bildungsgruppen in den USA an. Suchen Sie nach Literatur zu diesem Thema, und, damit wir hier alle etwas lernen, nach Literatur zum Zusammenspiel ethnischer und sozialer Faktoren in den USA.

    “aber mehrere, die das Gegenteil vermuten lassen”

    Welche?

  23. #25 Trottelreiner
    12. Dezember 2016

    @Kassandra:
    Kleiner Vorschlag, ganz unabhängig von dem Einfluß auf die Gesamtsterblichkeit wären bei den Verletzungen zunächst einmal die entsprechenden Todesfälle pro Mitgliedern der Altersgruppe für weiße Männer sowie Hispanics und “Schwarze” (bevorzugt nach eigentlichen Afroamerikanern und z.B. Haitianern getrennt, aber das wäre wohl zuviel verlangt) beiderlei Geschlechts interessant, und wie sich diese entwickelt haben. Grundsätzlich schweben mir da mehrere Szenarien vor, z.B.

    1.) Männer haben über die Ethnien hinweg eine sehr viel höhere Sterblichkeit durch Verletzungen, aber nur die weißen Frauen passen sich an.

    2.) Weiße Frauen verlieren irgendeinen Schutzfaktor, den z.B. Hispanicfrauen nie besessen haben. Wäre z.B. der Fall wenn Hispanicmänner ähnliche Verletzungsraten wie Hispanicfrauen haben.

    Wobei außerdem zumindest Verletzungen am Arbeitsplatz und in der “Freizeit” (also wohl auch Haushalt) getrennt vorliegen dürften.

  24. #26 Trottelreiner
    12. Dezember 2016

    Ach ja, und @Joseph:
    Entschuldigung für den Johannes, allen Anschein nach hat da ein Nachnamensvetter interferiert…

    https://en.wikipedia.org/wiki/Interference_theory

  25. #27 UMa
    12. Dezember 2016

    @Joseph Kuhn: Ich wäre vorsichtig mit einer voreiligen Ursachenbenennung.

    In den USA scheint die Lebenserwartung aufgrund von jährlichen Sterbetafeln berechnet zu werden. Da kann es zu Schwankungen in den einzelnen Jahren kommen. Im Unterschied dazu gibt es in Deutschland über drei Jahre gleitende Mittel, wodurch die Schwankungen der einzelnen Jahre geglättet werden.

    Zum anderen gibt es 2015 in vielen Ländern einen eher hohen Anstieg der Zahl der Gestorbenen, der sich aber, für die wenigen Länder zu denen ich Daten aus den ersten Monaten 2016 habe, nicht fortgesetzt hat.
    Kleinere Länder anzusehen hat wegen der zufälligen Schwankungen weniger Zweck (es sei denn, man addiert die Daten), aber einen deutlichen Anstieg der Zahl der 2015 Gestorbenen gibt es neben den USA u.a. auch in Deutschland, Spanien, Frankreich, Italien, Polen und den Niederlanden.

    Was könnte die Ursache sein?

  26. #28 ralph
    12. Dezember 2016

    Vielen Dank, Kassandra, für die interessanten Daten.
    Mich würde auch interessieren wie viele junge Frauen verunglücken weil sie durch ein Smartphone abgelenkt sind und wie viele Mensche bei Verkehrsunfällen zu Tode kommen weil sie nicht angeschnallt sind. Soweit ich weis gilt die Anschnallpflicht nur in einigen Bundessataaten. Hab leider im Moment keine Zeit zum recherschieren

  27. #29 Kassandra
    12. Dezember 2016

    Kleiner Vorschlag, ganz unabhängig von dem Einfluß auf die Gesamtsterblichkeit wären bei den Verletzungen zunächst einmal die entsprechenden Todesfälle pro Mitgliedern der Altersgruppe für weiße Männer sowie Hispanics und “Schwarze” (bevorzugt nach eigentlichen Afroamerikanern und z.B. Haitianern getrennt, aber das wäre wohl zuviel verlangt) beiderlei Geschlechts interessant, und wie sich diese entwickelt haben.

    Ja, da haben Sie recht. Ich hatte mir das gestern geschenkt, weil die Daten uneinheitlich aufbereitet waren und bei Männern erst ab 2004 nach Altersgruppen, Ethnie und Todesursache vorlagen.

    Da ich gerade ein Stündchen Zeit hatte, habe ich jetzt mal die Jahre 2004 und 2013 verglichen, und ein noch interessanteres Ergebnis herausbekommen: In diesem Zeitraum ist die Unfallhäufigkeit bei drei Gruppen ungefähr gleich stark gestiegen, nämlich bei weißen Frauen, bei weißen Männern und bei schwarzen Frauen. Bei schwarzen Männern und Hispanics beiderlei Geschlechts ist sie dagegen gleich geblieben, ebenso Asiaten.

    http://www.cdc.gov/men/lcod/index.htm
    http://www.cdc.gov/women/lcod/index.htm

    @Joseph Kuhn:

    Warum dann nicht 15.7 percent for Alzheimer’s? Das halte ich übrigens für ein Statistikproblem, nur nebenbei. Der Blick auf die einzelnen Todesursachen führt hier vermutlich nicht weiter.

    Weil die Lebenserwartung ab Alter 65 gleich geblieben ist, darum nicht. Alzheimer kommt bei unter 65-Jährigen doch viel zu selten vor, um bei der verringerten Lebenserwartung irgendeine Rolle zu spielen.

    Der Blick auf die einzelnen Todesursachen führt hier vermutlich nicht weiter.

    Sie setzen mich in Erstaunen. In Ihrem Blogartikel schrieben Sie: “Man müsste sich die Daten einmal genauer ansehen, aber auf den ersten Blick passt das gut zur „Wilkinson-These“.” Aber wenn ein näherer Blick nicht zur Wilkinson-These passt, ist es auf einmal sinnlos, dies zu tun?

    Noch einmal: Schauen Sie sich den Artikel über die Entwicklung der Lebenserwartung in den unteren Bildungsgruppen in den USA an. Suchen Sie nach Literatur zu diesem Thema, und, damit wir hier alle etwas lernen, nach Literatur zum Zusammenspiel ethnischer und sozialer Faktoren in den USA.

    Bei den steigenden Unfallzahlen bei jüngeren Weißen beiderlei Geschlechts handelt es sich um die Fortsetzung eines langjährigen Trends, der nachweislich länger als ein Jahrzehnt einen Großteil des schleichenden Anstiegs der Todesfallzahlen in diesen Altersgruppen ausgemacht hat – alleine zwischen 2001 und 2013 haben sich die Zahlen bei weißen Frauen zwischen 25 und 34 beinahe verdoppelt. Dieser Anstieg blieb vermutlich bloß deswegen immer unterhalb des Radars, weil die Zahlen in dieser Altersgruppe dennoch weiter niedrig blieben und die Unfälle deshalb nie in den “Gesamt-Top-Ten der Todesursachen” aufgetaucht sind.

    Wenn Sie Hinweise darauf entdeckt haben sollten, dass diese Entwicklung speziell junge weiße Frauen aus den unteren Schichten betreffen müsse, dann lassen Sie mich an Ihrem Wissen doch teilhaben. In diesen Daten finde ich keine, und daran ändert auch die allgemein bekannte Tatsache nichts, dass höheres Einkommen, höhere Bildung und höherer sozialer Status auch eine höhere Lebenswartung bedeuten. Zu der gerade diskutierten Entwicklung sehe ich den Zusammenhang leider wirklich nicht, und was Sie zu der Annahme bringt, dies könne nur damit zu tun haben, dass ich nicht ausreichend informiert sei, kann ich nicht nachvollziehen.

  28. #30 Kassandra
    12. Dezember 2016

    @ralph:

    An Smartphones hatte ich auch schon gedacht. Aber falls sich die Smartphonenutzung in den USA nicht deutlich von der in Deutschland unterscheidet, kann man das wohl ausschließen, denn bei jungen Frauen der betreffenden Altersgruppe in Deutschland sinken die Todesfallzahlen durch Unfälle unbeirrt weiter.

  29. #31 UMa
    12. Dezember 2016

    Nachtrag: Insgesamt scheinen 2015 in Europa über 200000 Menschen mehr gestorben zu sein, als aus den Vorjahren zu erwarten gewesen waren, auch kleinere Länder sind betroffen. In Deutschland ist absolut gesehen ist die höchste Zunahme bei den über 80-jährigen. Aber im Prinzip sind alle Altersklassen betroffen.

  30. #32 Kassandra
    12. Dezember 2016

    @UMa:

    Ich habe den besonders heißen Sommer 2015 im Verdacht, daran schuld zu seinhttps://de.wikipedia.org/wiki/Hitzewellen_in_Europa_2015

    Das durchschnittliche Sterbealter ist zumindest in Deutschland aber gestiegen, und zwar überdurchschnittlich, bei Männern um 0,9 und bei Frauen um 0,8 Jahre: https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/GesellschaftStaat/Bevoelkerung/Sterbefaelle/Tabellen/SterbealterDurchschnitt.html

  31. #33 UMa
    12. Dezember 2016

    @Kassandra:
    Das mit dem heißen Sommer 2015 glaube ich nicht. Erstens waren 2003 und 2006 heißer, ohne solche Auswirkungen in Deutschland zu haben. Zweitens ist 2015 auch das UK betroffen, ohne einen heißen Sommer.
    Im Prinzip ist ganz Europa betroffen, außer Irland, Norwegen, Finnland und der Ex-SU.
    Vielleicht eine Epidemie?

  32. #34 UMa
    12. Dezember 2016

    @Kassandra: Ich habe jetzt bei destatis die monatliche Entwicklung der Sterbefälle in Deutschland
    https://www-genesis.destatis.de/genesis/online/logon?language=de&sequenz=tabelleErgebnis&selectionname=12613-0005
    Der Überschuss ist offenbar von Dezember 2014 bis April 2015, hauptsächlich Januar 2015 bis März 2015. Damit scheidet der heiße Sommer aus, der war später.
    Eine Epidemie wird wahrscheinlicher, finde ich.

  33. #35 UMa
    12. Dezember 2016

    @Kassandra: Zumindest für die Schweiz scheint es an einer Grippeepidemie gelegen zu haben.
    http://www.tagesanzeiger.ch/wissen/medizin-und-psychologie/Grippewelle-mit-vielen-Todesfaellen/story/14612365
    Ich komme auf 2015 in der Schweiz ca 2400 zusätzliche Verstorbene. Wenn das die Ursache auch in den anderen Ländern war, war das Anfang 2015 die wohl bisher schwerste Grippeepidemie des Jahrhunderts mit mutmaßlich über 200000 Todesfällen in Europa.

  34. #36 Kassandra
    12. Dezember 2016

    @UMa:

    Stimmt, die Sterbefälle sind in der ersten Jahreshälfte wirklich sehr viel höher. Verglichen damit sind die erhöhten Zahlen in Juli/August geringfügig. Ich sehe das so wie Sie, vermutlich ein Virus. Womöglich habe ich mit dem sogar selbst Bekanntschaft gemacht, ich hatte nämlich fast den kompletten Dezember 2014 lang einen hartnäckigen Infekt, der mich nur widerstrebend wieder verlassen hat.

    Aber ich gehe außerdem davon aus, dass im Sommer 2015 ohne die Hitzewelle die Todesfälle deutlich weniger als 2014 gewesen wären. Der Vergleich mit dem Vorjahr führt deshalb ein kleines bisschen in die Irre. Bei normalem Verlauf der Monate Januar bis April (den ich jetzt einfach mal dreist voraussetze, ohne das zu überprüfen) haben 2014 ja viel mehr bereits sterbenskranke Personen noch bis zum Sommer überlebt als 2015.

    Europaweit gesehen kann der Sommer dennoch eine noch größere Rolle gespielt haben, falls es Regionen gab, wo der Virus weniger heftig getobt hat. Die Hitzewelle dauerte (mit relativ kurzen Unterbrechungen) viel länger als die von 2003, erstreckte sich weiter über Europa, und die Höchstwerte von damals wurden jedenfalls in Deutschland und Frankreich auch zeitweise erreicht. Anfang August wurde das im Radio gemeldet, das weiß ich noch, weil meine Mutter ausgerechnet an diesem heißesten Tag im Sommer 2015 einen OP-Termin hatte. Ist aber zum Glück trotzdem alles gutgegangen.

    Hier noch einmal der im ersten Versuch verkorkste Wikipedia-Link zur Hitzewelle 2015: https://de.wikipedia.org/wiki/Hitzewellen_in_Europa_2015
    Und hier der zu 2003: https://de.wikipedia.org/wiki/Hitzewelle_in_Europa_2003

  35. #37 Joseph Kuhn
    12. Dezember 2016

    @ Kassandra:

    “In Ihrem Blogartikel … Man müsste sich die Daten einmal genauer ansehen … wenn ein näherer Blick nicht …passt, ist es auf einmal sinnlos …?”

    Da haben Sie natürlich auch wieder recht, ich will Sie auch gar nicht davon abhalten, glaube aber trotzdem, dass Sie zu sehr an den Unfällen festhängen.

    “dass ich nicht ausreichend informiert sei”

    Es war nicht meine Absicht, Sie zu kränken.

    @ UMa:

    “Ich wäre vorsichtig mit einer voreiligen Ursachenbenennung.”

    Ich auch. Dass die Entwicklung der Lebenserwartung der unteren Sozialstatusgruppen bei den Weißen in den USA problematisch ist, ist aber nicht voreilig, sondern schon länger bekannt, siehe die Links oben. Ob das ausgereicht hat, die Lebenserwartung 2015 insgesamt zum Kippen zu bringen oder ob andere Faktoren dazu kamen, wird man vermutlich erst nach guten Analysen wissen.

    Der Hinweis auf die höhere Zahl der Sterbefälle 2015 in Europa ist interessant, ich hatte sie noch nicht gesehen. Was Deutschland angeht: 2014 gab es weniger Sterbefälle als erwartet, im Durchschnittstrend der letzten Jahre sind die Zahlen 2015 nicht mehr ganz so ungewöhnlich. Aber mit Ihrer Grippevermutung liegen Sie trotzdem nicht falsch: Für die Grippesaison 2014/2015 geht das RKI von einer Exzessmortalität von 21.300 Sterbefällen aus, der höchsten Grippemortalität seit Jahren, eine der Ursachen der höheren Zahlen 2015.

  36. #38 Kassandra
    13. Dezember 2016

    @Joseph Kuhn:

    Es war nicht meine Absicht, Sie zu kränken.

    Keine Sorge. Sie können mich allenfalls überzeugen oder nicht überzeugen.

  37. #39 UMa
    14. Dezember 2016

    @Joseph Kuhn: Vielleicht hat es 2012/2013 auch eine Grippewelle mit der entsprechenden Anzahl von Toten gegeben, die nur etwas eher anfing und sich besser auf die beiden Jahre verteilt hat. So gesehen könnte 2014 auch einfach ein normales Jahr gewesen sein, ohne Epidemie (außer im Dez).
    Andererseits könnte eine hohe Anzahl von Sterbefällen auch dazu führen, dass die Anzahl in den nächsten Jahren sinkt.
    Das sollte man mal näher untersuchen.

    Ein Punkt ist jedenfalls, dass eine höher Anzahl von Grippeopfern auch zu einer für ein Jahr berechneten verringerten Lebenserwartung führen könnte, auch in den USA.

  38. #40 Kassandra
    14. Dezember 2016

    Ein Punkt ist jedenfalls, dass eine höher Anzahl von Grippeopfern auch zu einer für ein Jahr berechneten verringerten Lebenserwartung führen könnte, auch in den USA.

    Das ist im vorliegenden Fall aber unwahrscheinlich, da zwar die Lebenserwartung ab Geburt, aber nicht die weitere Lebenserwartung ab Alter 65 gesunken ist (Link dazu war in einem meiner Beiträge weiter oben). Grippewellen führen eher bei älteren Menschen als bei Mittzwanzigern bis Mittfünfzigern zu mehr Todesfällen.

  39. #41 Joseph Kuhn
    14. Dezember 2016

    @ UMa:

    “So gesehen könnte 2014 auch einfach ein normales Jahr gewesen sein”

    Auch möglich. 2012/2013 war eine Grippesaison mit hoher Exzessmortalität – das RKI geht von fast 30.000 Fällen aus. 2013/2014 war sie dagegen sehr gering bzw. nicht nachweisbar.

    Dass das in den USA ebenfalls eine Rolle spielen könnte, ist sicher nicht abwegig, sehr viele zusätzliche Sterbefälle waren nicht nötig, um die Lebenserwartung dort von Stagnation in Minus zu drehen.

    Gegen die “soziale These” spricht das aber nicht. Zum einen haben die sozialen Faktoren dazu geführt, dass die Lebenserwartung in der USA schon in den letzten Jahren nicht mehr so richtig zugenommen hat, das zeigt die Entwicklung bei den Weißen mit weniger als 12 Jahren Schulbildung ja recht gut, zum anderen ist die Grippesterblichkeit selbst wiederum sozial ungleich verteilt (wer eine schlechtere Gesundheit hat, dem setzt auch die Grippe mehr zu, sozial Schwache sind weniger gut geimpft etc.). Das sind also keine sich ausschließenden Erklärungen, sondern eher ein Zusammenspiel von unmittelbaren und mittelbaren Einflüssen.

  40. #42 rolak
    15. Dezember 2016

    Gestern befasste sich auch SBM mit dem Thema.

  41. #43 UMa
    16. Dezember 2016

    @Joseph Kuhn: Ich stimme prinzipiell zu.

    Offen ist für mich noch: Wie nimmt die Sterblichkeit nach einer hohen Exzessmortalität ab, da die Menschen ja nur einmal sterben können? Warum starben in Deutschland 2015 so viel mehr Menschen als 2012/13, obwohl die Exzessmortalität für die Grippe nach den Angaben des RKI geringer ist? Wurde sie für 2015 unterschätzt, oder starben sie an anderen Krankheiten? Ich komme auf etwa 50000 zusätzliche Todesfälle in D im Vergleich zum 2010-2014 Trend.

    Was die “soziale These” angeht, denke ich dass sie weniger Einfluss auf die Schwankungen von Jahr zu Jahr hat, sondern eher einen längerfristigen Einfluss hat.

    • #44 Joseph Kuhn
      16. Dezember 2016

      @ UMa:

      “Wie nimmt die Sterblichkeit nach einer hohen Exzessmortalität ab”

      Wenn in einem Winter die Grippe viele ältere und vorerkrankte Menschen gehäuft umbringt, können die danach nicht mehr sterben. Manche Epidemiologen sprechen etwas unfein von einem “Ernteeffekt”.

      “Warum starben in Deutschland 2015 so viel mehr Menschen als 2012/13, obwohl die Exzessmortalität für die Grippe nach den Angaben des RKI geringer ist?”

      Siehe Kommentar #37: So viel weniger Grippetote wie 2012/2013 waren es 2014/2015 ja nicht, und die Exzessmortalität ist keine Zählung auf der Grundlage von Influenza-Labornachweisen, sondern eine (modellierte) Abschätzung der Zahl zusätzlicher Sterbefälle gegenüber dem Durchschnitt, so dass da auch ziemliche Unschärfen drin sein dürften. Aber Infektionsepidemiologie ist ein Fach für sich, ich will mich da als einfacher Datenhandwerker nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen.

      “Was die “soziale These” angeht, denke ich dass sie weniger Einfluss auf die Schwankungen von Jahr zu Jahr hat”

      Das glaube ich auch. Wobei manche der “vermittelnden Faktoren” zwischer sozialer Lage und Sterblichkeit auch kurzfristiger schwanken, andere nicht so.

  42. #45 Joseph Kuhn
    17. Dezember 2016

    Ein Nachtrag aus Ergoogeltem – die Erklärung eines Anhängers der verdünnten Fakten:

    “Für einen Alternativmediziner ergibt ich die Frage nicht. Das hier immer wieder kritisierte Modell der mechanistischen Medizin der Gegenwart lässt nur die Vermutung zu, dass wir damit keine Gesundheit produzieren im Sinne von einer Verlängerung des beschwerdefreien Lebens in Gesundheit. Das Gegenteil wird durch kurzfristiges Wegimpfen von akuten Krankheiten bewirkt und durch unterdrückende Maßnahmen der Schulmedizin. Nach diesseitiger Auffassung ist der Rückgang der Lebenserwartung erst der Anfang des Endes. Wer in der Kindheit bereits alle akuten Erkrankungen unterdrückt bekommt, kann nicht im Erwachsenenalter von einem gesunden Abwehrsystem und einer gesunden Krebserkennung ausgehen.”

    Quelle: http://www.quantenhomöopathie.de/blog/2016/12/10/das-lange-gesunde-leben-ist-vorbei/

  43. #46 rolak
    18. Dezember 2016

    ergibt ich die Frage nicht

    Da blitzt die unerschütterliche Sicherheit eines stramm eigenimmunisierten Weltbildes auf (und es tippfehlert typische Egozentrik): Es darf und somit kann es auch nur eine Lösung geben. Functional fixedness at its worst…

  44. #47 Mark
    18. Dezember 2016

    Es gibt den uralten Spruch, Politiker nutzen Statistiken wie ein Betrunkener ein Laternenmast, es dient dem festhalten, nicht der Erleuchtung.

  45. #48 Joseph Kuhn
    2. April 2017
  46. #49 rolak
    2. April 2017

    davon abhängig, weit über die medizinisch sinnvolle Dosis hinaus

    Herrliches Handelsblatt – als ob es von Abhängigkeit eine medizinisch sinnvolle Dosis gäbe.

  47. #50 Kassandra
    3. Januar 2018

    Gesundes Neues, Dr. Kuhn!

    Es ist ja schon ein Weilchen her mit diesem Thread, aber das hier interessiert Sie dazu ganz bestimmt: https://www.washingtonpost.com/national/health-science/fueled-by-drug-crisis-us-life-expectancy-declines-for-a-second-straight-year/2017/12/20/2e3f8dea-e596-11e7-ab50-621fe0588340_story.html?utm_term=.bdf579a4266e

    Offenbar ist es so, daß Tod durch Überdosis bei den Unfällen mit enthalten ist und die Unfälle der entscheidende Faktor beim Rückgang der Lebenserwartung sind, womit der Gegenstand, über den wir uns uneinig waren, aufgeklärt ist. Der – nunmehr das zweite Jahr anhaltende – Rückgang bei der US-Lebenserwartung ist, sofern der Bericht keine ganz groben Fehler enthält, zum allergrößten Teil auf Drogen, vor allem synthetische Opioide, zurückzuführen.

    Das ist übrigens etwas, was nicht einmal die von Ihnen so leidenschaftlich angeprangerte Tabakindustrie fertiggebracht hat, den jahrzehntelangen positiven Trend bei der Lebenserwartung in den USA schnell mal umzukehren.

    Es sei wahrscheinlich sogar noch schlimmer, wird ein Stanford-Forscher zitiert, der von bis zu 50.000 Toten alleine durch Opioide ausgeht, von denen viele nicht als solche dokumentiert werden. Aber auch schon die offiziellen Zahlen sind beängstigend. Die Zahl der Todesfälle hat sich von 2015 auf 2016 auf knapp 20.000 verdoppelt.

    • #51 Joseph Kuhn
      3. Januar 2018

      @ Kassandra:

      Danke. Die Entwicklung bei den synthetischen Opioiden (und Heroin) ist irritierend, solche Verläufe sieht man selten.

  48. #52 Kassandra
    4. Januar 2018

    Es handelt sich offenbar um eine US-spezifische Sonderentwicklung; mir ist kein anderes Land bekannt, in dem auch nur annähernd Vergleichbares geschehen wäre. Ich nehme an, der entscheidende Punkt sind abhängig machende opioidhaltige Schmerzmittel, die früher oder später aus Kostengründen oder weil der Arzt einem so was nicht weiter verschreiben will durch das Zeug vom freundlichen Dealer an der Straßenecke ersetzt werden.

    Irgendwo, das ist aber schon mindestens zwei oder drei Jahre her, las ich mal, ein Schuss Heroin sei in New York billiger zu haben als eine Schachtel Zigaretten. Schon damals ging es in dem Bericht um einen bedenklichen Anstieg der Drogensucht, aber die seitherige Entwicklung sprengt den Rahmen dessen, was ich damals beim Lesen für vorstellbar gehalten hätte, noch um einiges.

    Das sieht mir alles nach einem klaren Versagen der Gesundheitspolitik aus, die spätestens, als die von mir erwähnten Berichte in den Medien auftauchten, hätte reagieren müssen; ich rede also noch von der Obama-Regierung, die einen viel besseren Ruf hatte als die jetzige. Wie beides zusammenpasst, darüber sollte man mal nachdenken, und zwar auch im Hinblick auf die Frage, wie ein Armleuchter wie Donald Trump es schaffen konnte, knapp die halbe Bevölkerung auf seine Seite zu bekommen.

    Wie Sie sehen, braucht es außerdem gar keine von den üblichen Verdächtigen (Tabak-, Waffen-, Alkohol- oder Lebensmittelindustrie), um die Gesundheit einer Bevölkerung mit maximaler Wirkung zu ruinieren, die Lobbyarbeit von Big Pharma ist ausweislich der Wirkung auf das Sterbealter noch viel wirkungsvoller. Denn einen anderen Grund dafür, warum die Leute ausgerechnet beim Arzt ihres Vertrauens angefixt werden, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.

    Ich vermute außerdem, dieses synthetische Zeug ist generell heikler im Umgang. Kürzlich wurde ich von einem Insider der Drogenszene vor synthetischen Cannabinoiden gewarnt, weil deren Wirkung unvorhersehbar sei und dauerhafte negative Folgen haben könne. Die Information war an mich zwar verschwendet, weil es Jahrzehnte her ist, dass ich meinen letzten Joint geraucht habe, aber im Lichte dieser Sache betrachtet, finde ich es doch wieder interessant.

    • #53 Joseph Kuhn
      4. Januar 2018

      @ Kassandra:

      “Wie Sie sehen, braucht es außerdem gar keine von den üblichen Verdächtigen (Tabak-, Waffen-, Alkohol- oder Lebensmittelindustrie), um die Gesundheit einer Bevölkerung mit maximaler Wirkung zu ruinieren, die Lobbyarbeit von Big Pharma ist ausweislich der Wirkung auf das Sterbealter noch viel wirkungsvoller.”

      Vorsicht, das ist ein Denkfehler. Die dramatische Entwicklung bei den Opioiden hat, wenn die Daten so stimmen, jetzt akut die Lebenserwartung der Bevölkerung insgesamt in den USA zum Kippen gebracht, aber erstens sinkt sie bei den weißen Männern schon länger und zweitens folgt daraus nicht, dass andere Faktoren keinen relevanten Einfluss auf die Lebenserwartung haben. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt, füllt es nicht. Natürlich sterben auch in den USA weitaus mehr Menschen z.B. an den Folgen des Tabakkonsums als an Opioiden. Und als “distaler” Faktor steht auch dahinter die soziale Lage.

  49. #54 Kassandra
    4. Januar 2018

    @Dr Kuhn:

    Ein bisschen Polemik sei mir bitte zugestanden, ich bin nämlich ehrlich schockiert über den verlinkten Bericht. Was ich am schwersten erträglich daran finde, ist der Gedanke, dass die Opioid-Krise vor allem so junge Menschen trifft und dass auch dies schon vor zwei, drei Jahren – auf niedrigerem Level – so gewesen ist, ohne dass dies für die US-Gesundheitspolitik aber ein Grund zum Eingreifen gewesen wäre. Wer soll diesen Leuten denn noch glauben, dass ihre Entscheidungen dem Ziel dienen, die Menschen gesünder zu machen?

  50. #55 Kassandra
    8. März 2018

    Update, weil ich zufällig bei Spiegel Online darauf gestoßen bin und das hier noch eher reinpaßt als irgendwo anders. Ich muß das irgendwo in schriftlicher Form loswerden, um mich wieder beruhigen zu können:

    Für 2017 ist eine weitere Zunahme solcher Todesfälle zu befürchten, auch wenn die Zahlen dazu natürlich noch nicht vorliegen. Was aber gemeldet wurde, ist eine Zunahme der Behandlungen von Opioid-Überdosis-Fällen von 30 % zwischen Sommer 2016 und Sommer 2017.

    Quelle von SpOn: https://www.cdc.gov/vitalsigns/opioid-overdoses/

    Die Opioid-Abhängigen sind überwiegend jüngere Menschen der Altersgruppe zwischen 25 und 55 Jahren, und es sind nicht wenige. Das Weiße Haus geht von 2,4 Millionen aus, wenn man (legal und illegal erworbene) opioidhaltige Medikamente und Heroin zusammenzählt, und schätzt die Kosten, die die Opioid-Krise alleine im Jahr 2015 verursacht hat, auf irrsinnige 500 Milliarden Dollar, womit auch noch die wildesten Schätzungen der Kosten des Rauchens weit übertroffen werden.

    Und das waren die Kosten, BEVOR die Todesfälle 2016 um 28 Prozent gestiegen sind, und BEVOR die Überdosis-Behandlungen zwischen Sommer 2016 und Sommer 2017 um weitere 30 % gestiegen sind.

    https://www.whitehouse.gov/sites/whitehouse.gov/files/images/The%20Underestimated%20Cost%20of%20the%20Opioid%20Crisis.pdf

    Das wird vermutlich auch noch jahrelang schlimmer werden. Die Verschreibungswelle bei Opioiden hat ihren Höhepunkt zwar inzwischen überschritten, aber die Menge der Verschreibungen lag, Stand 2016, nur knapp unter der von 2006. 2006 hatten sich die Opioid-Todesfälle im Vergleich zu 1999 schon in etwa verdoppelt. Und es ist anzunehmen, daß die Patienten, die einmal “angefixt” wurden, vielfach im illegalen Markt landen, sobald sie keine legale Verschreibung mehr bekommen, und daß sie erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung gesundheitlich und/oder strafrechtlich auffällig werden.

    https://www.cdc.gov/drugoverdose/pdf/pubs/2017-cdc-drug-surveillance-report.pdf

    Was ich so unglaublich finde, ist, daß das trotz allem vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit bekommt. Das betrifft immerhin größtenteils die Generation der Amerikaner, die gerade dabei ist, ihre Kinder großzuziehen. Sogar dann, wenn es ein funktionierendes Substitutionsprogramm gibt, wie hier in Deutschland, macht das die zugehörigen Familien meist auf Dauer kaputt und hinterläßt auch in der folgenden Generation Folgeschäden, die kaum abschätzbar sind. Ich kenne ein Beispiel in meinem Umfeld, bei dem ich mich immer wieder frage, was für eine Art von Familie wohl die gerade erwachsen gewordene Tochter gründen wird und in welcher Form sie die Probleme an ihre eigenen Kinder weitergibt, mit denen sie ihre ganze Kindheit hindurch zurechtkommen mußte.

    Dieses Einzelschicksal mal 2,4 Millionen mal, sagen wir 1,9 oder von mir aus auch nur 1,5 Kinder. Gruselig, oder?

    Danke fürs Lesen. Wohler ist mir jetzt zwar immer noch nicht, da ich es aufgeschrieben habe, aber vielleicht kann ich den Zorn jetzt ein bißchen schneller wieder von mir abschütteln.