Die Pflege, hier verstanden im Sinne des Sozialgesetzbuchs XI , also der Hilfen für Menschen, die dauerhaft oder über einen längeren Zeitraum gesundheitlich in ihrer Selbständigkeit beeinträchtigt sind, gehört zu den Dauerbaustellen des Gesundheitswesens. Der Begriff „Pflegenotstand“ findet sich vereinzelt schon in den 1970er Jahren. 1992 hat der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer das Thema in einem gleichnamigen Buch in die breitere Öffentlichkeit gebracht, 1995 wurde in Deutschland die Pflegeversicherung als eigenständiger Sozialversicherungszweig eingeführt, vorher war die Sozialhilfe zuständig.

Böse Zungen sprachen damals von einer Erbenschutzversicherung, weil dadurch vielfach der Zugriff der Sozialhilfe auf das Vermögen im Falle der Pflegebedürftigkeit vermieden wurde. Damit wird man der Pflegeversicherung keinesfalls gerecht, sie gehört in einer alternden Gesellschaft zu den wichtigen Säulen der sozialen Sicherung.

Genug war es allerdings nie. Zwar war die Pflegeversicherung von Anfang an als ergänzende Unterstützung angelegt, nicht als Vollfinanzierung der Pflegeleistungen, aber es gab und gibt unverständliche Einschränkungen. Beispielsweise war die Pflege von Demenzkranken bis zur Einführung eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs im Januar 2017 nur rudimentär abgedeckt. Und auch davon abgesehen lässt die Qualität in der Pflege unübersehbar zu wünschen übrig: Menschenunwürdige Zustände in manchen Pflegeheimen sind regelmäßig Gegenstand von Medienmeldungen.

Transparenz über die Versorgung in der Pflege ist eine elementare Voraussetzung, um den Handlungsbedarf sichtbar zu machen und politisch schrittweise eine Verbesserung der Situation herbeizuführen.

Pflegebedürftigkeit betrifft im Wesentlichen hochaltrige Menschen. Ende 2015 erhielten 2.860.293 Menschen in Deutschland Leistungen der Pflegeversicherung, davon waren etwas mehr als 80 % 65 Jahre und älter, mehr als die Hälfte ist 80 Jahre und älter. Zwei Drittel der Pflegebedürftigen werden dabei zuhause gepflegt. Der Vorrang der häuslichen Pflege ist auch im Gesetz vorgeschrieben. Die hohen Belastungen für pflegende Angehörige, meist Frauen, gehören übrigens auch zu den Problemen der Pflege, die noch nicht befriedigend gelöst sind.

Pflegebedürftige_Alter

So selten Pflegebedürftigkeit vor dem Rentenalter ist, in den höheren Altersgruppen nimmt sie deutlich zu und hier dann auch die Notwendigkeit einer stationären Dauerpflege. In der Altersgruppe 90 und älter sind zwei Drittel der Menschen pflegebedürftig und davon mehr als 40 % in stationärer Dauerpflege.

Viele von uns werden also eines Tages selbst betroffen sein. Hinzusehen, was in der Pflege passiert, sollte daher in unserem ureigensten Interesse sein. Vor ein paar Tagen ist zum dritten Mal der Pflege-Report des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) mit Beiträgen von mehr als 40 renommierten Autor/innen erschienen. Der Report bietet u.a. auf der Basis von AOK-Daten eine thematisch breit angelegte und analytisch sehr gut aufbereitete Materialsammlung zur Versorgung in der Pflege.

Ich will hier nur ein Thema herausgreifen, die Behandlung von Demenzkranken mit Psychopharmaka. Auch die Demenz betrifft bekanntlich vor allem hochaltrige Menschen und unsere Gesellschaft ist – wenn man es nett formulieren will – noch in der Lehre, wie man menschenwürdig sowie medizinisch und pflegerisch korrekt mit Demenzkranken umgeht. Der WIdO-Report zeigt, dass Pflegebedürftige insgesamt und Demenzkranke im Besonderen oft mit Medikamenten behandelt werden, die auf der PRISCUS-Liste stehen und für alte Menschen als potentiell inadäquat gelten, und dass sie in Heimen vergleichsweise häufig sedierende Medikamente, u.a. Neuroleptika, in Dauermedikation bekommen.

Demenz_Psychopharmaka

Neuroleptika helfen einem Teil der Demenzkranken, aber sie gehen auch mit erheblichen Risiken, z.B. mehr Schlaganfällen und Stürzen und in der Folge mehr Sterbefällen einher. Im europäischen Vergleich gibt es Länder, in denen es ähnlich aussieht, aber auch solche, in denen Demenzkranke deutlich seltener mit Neuroleptika behandelt werden, z.B. Schweden oder Frankreich. Das Fazit der Autorin: „Allen Akteuren im Gesundheitswesen sollte es ein Anliegen sein, diese Gruppe besonders vulnerabler Patienten optimal, d.h. wirksam bei möglichst wenigen Risiken zu versorgen“ (S. 128). Ich hätte es vermutlich nicht so höflich formuliert.

So spröde der Titel „Pflege-Report“ ist, das Buch hat es in sich und sorgt für notwendiges Unwohlsein, gerade weil es das Thema Pflege nicht reißerisch mit Skandalgeschichten angeht, die gerne als „schwarze Schafe“ zur Seite gelegt werden, sondern die Pflegesituation datengestützt, sachlich und mit wissenschaftlicher Akribie analysiert. Wissenschaft für alle, die einmal alt werden.

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Kommentare (12)

  1. #1 rolak
    9. April 2017

    Die hohen Belastungen für pflegende Angehörige

    Grad heute morgen wieder etwas intensiver beleuchtet, im konkreten Fall der -äh- Pflegerin meines Vaters. Zusatzbelastungen sind imho ua die Erfahrungen aus diversen der KH/Reha-Aufenthalte (bloß vermeiden..) und die erstaunliche LeistungsSchwankung zwischen einzelnen Kräften vom halbstundenweise unterstützenden Pflegedienst.

    vermutlich nicht so höflich

    vermutlich vür viele verständlich…

  2. #2 demolog
    10. April 2017

    Wie man an der Menge der Kommentare ablesen kann, interessiert das die Leute nicht viel.
    ich gehe davon aus, dass sie alle so derart getrieben sind, dass sie vor dieser Sache einfach weglaufen und die Sache verdrängen.
    Vielleicht hängt hier beides zusammen? Das Getrieben sein und eine spätere Demenz? Oder es hängt nur unter bestimmten Bedingungen innerhalb dieser Eckpunkte zusammen? Etwa wenn sie nach den Ursachen von Demenzen Fragten?

    Auf jeden Fall würde ich mal feststellen, dass diese Leute nicht frei denken können und also nicht frei sind.

    Chapeau….

  3. #3 Roland B.
    11. April 2017

    @demolog: Ich wusste nicht, daß man Interesse an einem Thema durch einen Kommentar bekunden muß.
    Vielleicht geht es anderen auch so?
    Kommentare sollen (vor allem) Diskussionsbeiträge sein, keine “Likes”.

  4. #4 demolog
    11. April 2017

    @ Roland B. #3
    11. April 2017

    Vielleicht kann der Administrator hier eben mal die Klickzahlen veröffentlichen?

    Kommentare sind dennoch Anzeichen für Aufmerksamkeit und Interesse.

  5. #5 demolog
    11. April 2017

    Aber wahrscheinlich sind hier (und anderswo) die Klickzahlen (und Kommentare) sowieso gesunken.

    Wie auch die Beiträge weniger geworden sind.

  6. #6 Lemmie
    11. April 2017

    #1 rolak
    “…die erstaunliche LeistungsSchwankung zwischen einzelnen Kräften”

    In der Altenpflege arbeiten viele quasi zwangsverpflichtete Kräfte, die beim Arbeitsamt als schwer Vermittelbare vor die Wahl gestellt wurden „weiß oder orange“, Altenpflege oder Müllabfuhr, und sich dann doch lieber für weiß entschieden. Der Mindestlohn für Pflegehelferinnen beträgt seit Januar 10,20 Euro, was vielen Langzeitarbeitslosen (oder Hausfrauen, Nebenjobberinnen, Studenten) viel vorkommt. Ein Arbeitsplatz in der Pflege ist fast krisensicher, man muss schon großen Mist bauen, um gekündigt zu werden. Kündigungen durch Arbeitnehmer, die den Streß, die unregelmäßigen Arbeitszeiten, die Sonntags- und Feiertagsdienste, die Hilflosigkeit und das Mitleid mit den alten Menschen, nicht mehr ertragen, sind häufiger, als Kündigungen durch Arbeitgeber.
    Das ist vielleicht eine Erklärung für Leistungsschwankungen zwischen einzelnen Kräften.
    Damit will ich gar nichts gegen diese Kräfte sagen, unter denen es sehr engagierte, empathische und weiterbildungsbereite Menschen gibt, ohne die alle Pflegedienste oder Pflegeinstitutionen dicht machen könnten, weil einfach nicht genug finanzielle Mittel da sind, um ausgebildete und qualifizierte Leute zu bezahlen.
    “Bessere Versorgung tut not” ist auch, oder sogar vorrangig, die Forderung nach mehr Geld für mehr Pflegekräfte mit einer guten Ausbildung und guter Bezahlung und die Ausstattung mit finanziellen Mitteln für die Pflegeinstitutionen, diese Kräfte dann auch bezahlen zu können.

  7. #7 ulfi
    11. April 2017

    Woher kommt eigentlich der Unterschied zwischen Frauen und Maennern im ersten Graphen? Maenner haben ja eine geringere Lebenserwartung, daher wuerde ich davon ausgehen, dass sie eher und zu hoeherem Prozentsatz Pflege erhalten wuerden.

    Sind die Regeln fuer Pflegebeduerftigkeit Geschlechsspezifisch?

  8. #8 demolog
    11. April 2017

    @ ulfi

    Einerseits kann man in den jüngeren Gruppen noch fast eine Gleichverteilung erkennen. Die verändert sich vielleicht bei den älteren Gruppen, weil Männer früher wegsterben…
    oder auch, weil deren Frauen sie pflegen und somit weniger wahrscheinlich zu einem offiziellen Pflegefall werden.

  9. #9 Joseph Kuhn
    11. April 2017

    @ Ulfi:

    “Woher kommt eigentlich der Unterschied zwischen Frauen und Maennern im ersten Graphen?”

    Die Vermutung von “demolog” ist richtig. Nachdem die Frauen erst ihre Männer gepflegt haben, sind sie später häufiger alleine und auf Leistungen der Pflegeversicherung angewiesen.

    @ demolog:

    “Aber wahrscheinlich sind hier (und anderswo) die Klickzahlen (und Kommentare) sowieso gesunken. Wie auch die Beiträge weniger geworden sind.”

    Hier liegen Sie dafür daneben, zumindest was meinen Blog angeht. Weder sinken die Klickzahlen insgesamt, noch die Kommentare und dass ich weniger Beiträge schreibe, stimmt auch nicht. Die Klickzahlen speziell beim Pflegeartikel sind auch nicht auffällig anders als bei den meisten Beiträgen (der Artikel über Bewegung versus Zucker wird natürlich deutlich häufiger angeklickt).

  10. #10 Joseph Kuhn
    11. April 2017

    Das Wichtigste nachgetragen:

    Bundesernährungsminister Christian Schmidt will mehr Bio-Essen in Heimen. Dagegen ist an sich nichts einzuwenden, aber der Pflegereport setzt doch zurecht andere Akzente.

  11. #11 ulfi
    11. April 2017

    @demolog und Joseph

    Danke, das macht in der Tat Sinn!

  12. […] Einkommen und Wohnort.“ Ob man das so pauschal sagen kann, daran hätte ich mit Blick auf die pflegerische Versorgung doch meine Zweifel. Da liegt einiges im Argen und das sollte man ansprechen und auf die […]