Heute waren viele Freunde der Wissenschaft auf der Straße, um beim March for Science öffentlich ihre Unterstützung für die Wissenschaft kund zu tun. Ich weiß nicht, ob auch Ulrich Kutschera irgendwo mitmarschiert ist, um Freiheit für die Biologie und Knast für die Gender Studies zu fordern. Vor ein paar Tagen hat er Kath.net, einer reaktionären klerikalen Internetplattform, ein Interview gegeben. Diese Leute waren eher nicht auf der Straße, aber wer weiß. Schließlich zeigen sie sich im Interview mit Kutschera sehr interessiert an Freiheit und Diskussionskultur, bekanntlich ein Herzensanliegen glaubensfester Gotteskrieger aller Provenienz:

kath.net: Herr Prof. Kutschera, liegt die Diskussionskultur bei uns im Argen?
Prof. Kutschera:
Das ist leider der Fall. Offene, faire Diskussionen, wie sie z. B. in den USA üblich sind, gibt es in Deutschland selten. Wir leben hier in einer kleinkarierten Neid-Gesellschaft, in der unabhängige Freidenker mit eigenen Ansichten und konstruktiven Ideen unerwünscht sind. Angepasste, unterwürfige Mitläufer ohne eigenes Profil werden hofiert und vom Staat bedient. Kreative Naturwissenschaftler (insbesondere Biologen) haben keine politische Lobby und sind, als Fachkräfte, auf dem Arbeitsmarkt kaum vermittelbar.“

Gut zu wissen. In Deutschland kann man also nicht offen diskutieren, in den USA ist alles kein Problem. Trump ist eben nicht Erdogan, er hat noch keinen Professor eingesperrt. Und nebenbei hätten wir endlich auch einmal die miese Arbeitsmarktlage von Biologen geklärt. Sie haben keine politische Lobby und deswegen werden sie nicht eingestellt. Eine Biologenquote fordert Kutschera nicht, vermutlich aus Angst, dass es dann auch eine Biologinnenquote geben müsste.

Damit wären wir auch schon bei dem Thema, das Kath.net und Kutschera vereint, die Geschlechterfrage. Oder die Genderfrage, je nachdem. Und wenn man etwas rechts unterwegs ist, verbindet man das am besten mit dem Flüchtlingsthema. So beklagt Kutschera bei den Flüchtlingen die fehlende „Frauen-Quote, wie sie im Rahmen der Gender-Ideologie überall gefordert wird“. Interessanter Ansatz. Aber auch über Flüchtlinge kann man natürlich, abgesehen davon, dass in den Medien seit zwei Jahren kein anderes Thema so viel Raum einnimmt, in Deutschland nicht offen sprechen:

“Kath.net: Weiteres Beispiel: Haben Sie den Eindruck, dass hierzulande eine offene Meinungsäußerung zur Flüchtlingskrise möglich und erwünscht ist?
Kutschera:
Nein – wer nüchterne Fakten benennt, z. B. die Tatsache, dass mindestens 90 % aller Zuwanderer junge Männer aus arabisch/afrikanischen Ländern sind (s. Internet-Bilder), wird in eine ‚rechtsradikale Ecke‘ gestellt.“

Ganz nüchtern sind die Fakten, die Kutschera berichtet, allerdings nicht. Junge Männer überwiegen zwar bei den Flüchtlingen, aber es sind doch deutlich weniger, als Kutschera glaubt. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge weist für das Jahr 2015 einen Anteil von 69,2 % Männern unter den knapp 450.000 Asylbewerbern aus, im Folgejahr 2016, als die meisten der 2015 nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge ihren Asylantrag gestellt haben, waren es 65,7 % von insgesamt gut 720.000. Den höchsten Männeranteil gibt es in der Altersgruppe von 16 bis 25 Jahren, 2015 waren es dort ca. 80 %, 2016 lag ihr Anteil etwas darunter. 90 % oder mehr gab es in keiner Altersgruppe.

Die Zahlen hätte er übrigens auch in der Zeitung nachlesen können, da und dort wurden sie berichtet. Aber den Zeitungen kann man ja auch nicht mehr trauen:

kath.net: Hat daran auch die mediale Berichterstattung einen Anteil, von den öffentlich-rechtlichen Medien bis zu den selbständigen Zeitungen?
Kutschera:
Leider sind inzwischen nahezu alle deutschen Leitmedien ideologisch gleichgeschaltet, d. h. es wird dem deutschen Steuerzahler-Michel eine realitätsfremde Traumwelt vorgegaukelt.“

Damit ist Kutschera, der Freund der Wissenschaft, also bei der Lügenpresse angekommen. Gut, dass es noch Kath.net gibt. Vielleicht gehen sie beim nächsten March for Science doch mit, die neuen Freunde der Wissenschaft.

Kommentare (23)

  1. #1 rolak
    22. April 2017

    einer reaktionären klerikalen Internetplattform

    Ein wenig zu euphemistisch formuliert, meiner bescheidenen Meinung nach, Joseph, doch was willste machen, ist die Grenze zur Justiziabilität doch etwas schwammig.

    nahezu alle deutschen Leitmedien

    Das mit der Gleichschaltung hat er zwar schick ans InterviewMedium angepaßt (God wins!), leider auf Kosten eines weiteren Eintrags in die lange Liste der Fachgebiete, zu denen er zwar gerne schwafelt, doch überhaupt keine Ahnung hat.
    Plänkelt er sich von Leitkultur über LightMedium zur Leitplanke?

  2. #2 shader
    22. April 2017

    Ich frage mich ja ehrlich, warum so viele Fachleute aus dem MINT-Bereich derartige Aversionen bzgl. den Geisteswissenschaften haben. Der Herr Kutschera sagte mir bisher nix, und musste erstmal auf Wikipedia schauen. Er scheint wohl zwischen Realwissenschaften und Verbalwissenschaften zu unterscheiden, okay. Aber gleichzeitig gibt er sich als Experte für Diskussionskultur aus. Ich kann ehrlich nicht verstehen, wie man gleichzeitig so auf die Geisteswissenschaften schimpfen kann (“Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie”), aber sich gleichzeitig dieser bedienen will. Wer, wenn nicht die Geisteswissenschaft, beschäftigt sich ausführlich mit der Frage, wie man sinnvoll eine Diskussion führt. Wenn ich manchmal im Netz sehe, wie furchtbar, destruktiv und auch unlogisch so manch ein MINTler argumentiert….. pfffffff.

    Auf der anderen Seite denke ich mir, wenn jemand wie Herr Kutschera Professor in Deutschland werden kann, kann es keine Gleichschaltung politischer Meinungen an den Hochschulen geben. Das meine ich ausdrücklich positiv.

    MfG
    Sören Hader, Informatiker

  3. #3 DH
    22. April 2017

    Es gibt Tendenzen zur Selbstzensur, die keinesfalls nur die Medien betreffen, sondern auch im Netz und in der Bevölkerung bestehen.
    Bis vor ganz kurzer Zeit war es so gut wie unmöglich, frei über Migrationsprobleme oder Geschlechterfragen zu sprechen, wer eine Meinung vertrat, die nicht “korrekt” war, wurde angegriffen als Person oder durfte sich nicht mehr äußern.
    Erst in letzter Zeit ändert sich das schleichend, ist aber vor allem in vielen Medien weiter ein ernstes Problem.

    Qui bono? Wer nicht frei diskutiert, begünstigt die Rechten, was auch völlig offensichtlich ist, parallel zur starken Korrektheit explodiert auch die rechte Hetze.

    Es gibt keine Alternativlosigkeiten, wer im Namen des “Guten” Denkverbote verteilt, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann viele mit den Rechten gehen, eher aus fehlenden Alternativen denn aus Überzeugung, z.B. weil sie es selber kennen, daß es im Zusammenleben mit Migranten auch ernste Probleme geben kann und sie sich im Stich gelassen fühlen, wenn dies nicht offen demokratisch angesprochen werden darf (nicht nur formell, sondern faktisch).
    Denkverbote begünstigen immer Leute, die dann blühenden Unsinn erzählen können wie Kutschera, sie geben solchen Leuten ein Alibi, um sich als Opfer darstellen zu können.

  4. #4 CM
    23. April 2017

    Oh je, das es so was noch gibt? Wie kommst Du nur an Deine Quellen, Joseph? 😉

    @shader: Herr Kutschera ist nicht repräsentativ für “viele Naturwissenschaftler” oder “viele Biologen”, schon gar nicht spricht er für mich. In Bezug auf manche Weltsicht, sogar in Bezug auf manche Evolutionsbiologische Frage vertritt er eine Minderheitenmeinung – das Auftreten auf kath.net soll als Indiz für die Aussage dienen. Insofern ist die Frage

    Ich frage mich ja ehrlich, warum so viele Fachleute aus dem MINT-Bereich derartige Aversionen bzgl. den Geisteswissenschaften haben.

    noch etwas mehr zu relativieren – ich hatte schon “alle” gelesen, wo nur “so viele” stand. Puh, hattest Du nicht geschrieben.

    Und doch ist die Frage berechtigt. Eine umfassende Antwort habe auch ich nicht. Ein Versuch: Menschliche Gemeinschaften und Gruppen definieren sich u. a. durch Abgrenzung gegenüber “Anderen” – auch hier ist kath.net ein schönes Beispiel. Das treibt dann manchmal seltsame Blüten.

    Mich stören Leute, die völlig evidenzbefreit oder ideologisch überformt einen Diskurs dominieren. Dich auch (“Ich frage mich ja ehrlich, warum so viele Fachleute aus dem MINT-Bereich derartige Aversionen bzgl. den Geisteswissenschaften haben”).

    Nur: Der eine oder andere Wirrkopf, sollte nicht das Bild dominieren, was wir – Wissenschaftler versch. Disziplinen – voneinander haben.

  5. #5 rolak
    23. April 2017

    Wie kommst Du nur?

    Althergebracht – oder irgendeinem Analogon zu GooAlert, CM. Letzteres auch RLbasiert, nicht Propaganda der Tat, sondern Mundpropaganda des ‘Schon gehört?’

    “alle” gelesen, wo nur “so viele”

    “So alle” wäre imho am ulkigsten, im Sinne von ‘Fachleute, die so alle sind”.

  6. #6 Dummerjan
    München
    23. April 2017

    Dieser Artikel iat völlig ad personam. Und da wo er es nicht ist, setzt er sich nich mit dessen Thema Biologie versus Gendertheorie auseinander. Also, wenn man es genau liest, eigentlich nur ein Blogeintrag zur Diskreditierung der Person von Prof. Kutschera.

  7. #7 Dummerjan
    23. April 2017

    Ach und noch etwas Herr Kuhn: Da ich als Statistiker im Krankenversicherungsbereich tätig bin, würde mich Ihre Publikationsliste schon interessieren. Mal so ad personam gefragt.

    • #8 Joseph Kuhn
      23. April 2017

      @ Dummerjan:

      Der Blogbeitrag ist eine Kritik an Ulrich Kutscheras Thesen zur Diskussionsfreiheit in Deutschland. Wenn Sie das als “Diskreditierung” ansehen wollen, bitte schön.

      Was meine Publikationen angeht: Sie finden vieles ohne Probleme über google. Um Missverständnisse zu vermeiden: Dass Ulrich Kutschera ein wissenschaftlich sehr produktiver und vermutlich auch fachlich versierter Biologe ist (Letzeres kann ich nicht beurteilen), stelle ich in keinster Weise in Abrede. Mit seiner wissenschaftlichen Produktivität kann ich nicht konkurrieren, wie auch, ich bin schließlich nicht an einer Hochschule tätig. Worauf Sie mit Ihrer Nachfrage hinauswollen, verstehe ich allerdings nicht. Meinen Sie, was Kutschera zur Diskussionsfreiheit in Deutschland sagt, darf man nur kritisieren, wenn man ebenso viel publiziert hat wie er?

      Falls ja, darf ich dann auch die Gegenfrage nach Ihrer Publikationsliste stellen?

  8. #9 rolak
    23. April 2017

    ein Blogeintrag zur Diskreditierung der Person von Prof. Kutschera

    Uiih, da ist aber ein übler Tippfehler drin, Dummerjan (und diese Selbstbestätigung tut mir fast leid, doch korrekt wäre

    ein Blogeintrag zur Selbst-Diskreditierung von Prof. Kutschera.

    Überhaupt, “Diskreditierung der Person von”, was denn sonst? ‘Diskreditierung der Albedo von’?

  9. #10 shader
    23. April 2017

    @DH: “Bis vor ganz kurzer Zeit war es so gut wie unmöglich, frei über Migrationsprobleme oder Geschlechterfragen zu sprechen, wer eine Meinung vertrat, die nicht “korrekt” war, wurde angegriffen als Person oder durfte sich nicht mehr äußern.”

    Sorry, diesen Satz verstehe ich nicht. Das Sie als Person angegriffen werden (ich nehme mal an verbal, nicht körperlich) halte ich für normal. Wenn ich in ein Klimaskeptikerforum gehe und dort sage, dass die Wissenschaftler wahrscheinlich richtig liegen, werde ich dort angegriffen. Das erlebe ich mittlerweile seit 6 Jahren. Was ich nicht verstehe ist, dass Sie sagen “durfte sich nicht mehr äußern”. Wo durften Sie sich nicht mehr äußern? Im privaten Umfeld? Auf der Straße? Wer verbietet Ihnen das?

  10. #11 shader
    23. April 2017

    @CM: “Herr Kutschera ist nicht repräsentativ für “viele Naturwissenschaftler” oder “viele Biologen”, schon gar nicht spricht er für mich.”

    Ooooh, davon bin ich selbstredend ausgegangen, dass er in seiner Art eine Ausnahme ist. Anders sehe ich das aber bei den Aversionen bzgl. Geisteswissenschaftlern. Das höre ich oft.

    “ich hatte schon “alle” gelesen, wo nur “so viele” stand. Puh, hattest Du nicht geschrieben.”

    No problem. :)

    “Und doch ist die Frage berechtigt. Eine umfassende Antwort habe auch ich nicht. Ein Versuch: Menschliche Gemeinschaften und Gruppen definieren sich u. a. durch Abgrenzung gegenüber “Anderen” – auch hier ist kath.net ein schönes Beispiel. Das treibt dann manchmal seltsame Blüten.”

    Interessant. Eigentlich hätte ich gedacht, man sagt eher “wir sind alle Wissenschaftler”. Aber vielleicht versuchen sich manche lieber abzugrenzen. Vielleicht bin ich davon so überrascht, weil ich seit über 15 Jahren in interdisziplinären Teams arbeite und man sich so auch auf die Sprache und Denkweise anderer Fachbereiche einstellt und verstehen lernt.

  11. #12 Solarius
    23. April 2017

    Ich möchte hier als erstes unseren ehemaligen Außenminister Frank Walter Steinmeier verlinken:

    http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Infoservice/Presse/Reden/2014/141115_Rede_BM_anl%C3%A4sslich_Verleihung_Lead_Awards.html

    Daraus zitiere ich: “Wenn ich morgens manchmal durch den Pressespiegel meines Hauses blättere, habe ich das Gefühl: Der Meinungskorridor war schon mal breiter. Es gibt eine erstaunliche Homogenität in deutschen Redaktionen, wenn sie Informationen gewichten und einordnen. Der Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten scheint mir ziemlich hoch.”
    Herr Kutschera wählt etwas härtere Worte und spricht von ideologischer Gleichschaltung.

    Als nächstes verlinke ich die “Welt”:
    https://www.welt.de/politik/deutschland/article152215993/Wir-wissen-einfach-nicht-wo-sie-sind.html
    Demnach sind 90 Prozent aller minderjährigen Flüchtlinge Jungen. Herr Kutschera hat sich da offenbar vertan und die 90 Prozent für alle Flüchtlinge gesetzt.

    Ich verlinke nun Professor Hans Peter Klein:
    http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/gender-studies-genderforschung-auch-in-der-biologie-13603216.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

    Auch Professor Hans Peter Klein spricht hier von einer Diffamierung kritischer Wissenschaftler.

    Wir Menschen sind viel stärker durch unsere Gene geprägt, als wir uns das vielleicht vorstellen können. Viele unserer Interessen und Vorlieben werden genetisch vererbt. Sogar Meinungen können angeboren sein. Das ist ein Ergebnis de Zwillingsforschung. Wer sich dafür interessiert, für den verlinke ich hier ein Video von Professor Manfred Spitzer aus der Reihe “Geist und Gehirn”:
    http://www.br.de/mediathek/video/sendungen/geist-und-gehirn/geist-und-gehirn-manfred-spitzer-gehirnforschung188.html
    Das sind auch alles Fakten.

    Ich bin mir nicht sicher, ob der Link zu Frank Walter Steinmeier richtig funktioniert. Wenn man bei Google folgendes eingibt:

    ” Der Meinungskorridor war schon mal breiter ”

    findet man den Link zum Auswärigen Amt gleich ganz oben.

    • #13 Joseph Kuhn
      23. April 2017

      @ Solarius:

      1. Meinungskorridor versus Gleichschaltung: Dass der Meinungskorridor in den Leitmedien schon mal größer war, mag sein, vielleicht gibt es dazu sogar medienwissenschaftliche Studien und nicht nur Steinmeiers Meinung. Wer von “Gleichschaltung” spricht, wählt aber nicht einfach nur “härtere Worte”, sondern er unterstellt eine zentrale Lenkung. Hinzu kommt, dass der Begriff “Gleichschaltung”, wie selbst Wikipedia weiß, Nazi-Terminologie ist. Ich will Kutschera nicht unterstellen, dass den Begriff bewusst deswegen gewählt hat, aber er schwafelt zumindest geschichtsvergessen daher.

      2. 90 % der Flüchtlinge: In dem von Ihnen verlinkten Welt-Artikel steht nicht, dass “90 Prozent aller minderjährigen Flüchtlinge Jungen” sind, da steht, dass von den “allein reisenden minderjährigen Flüchtlingen” mehr als 90 Prozent Jungen sind. Mädchen lässt man aus naheliegenden Gründen nicht so gerne alleine losziehen. Was die Flüchtlinge insgesamt angeht, habe ich die Zahlen ja genannt, in keiner Altersgruppe waren 90 % und mehr männlich.

      3. Angeborene Meinungen und Zwillingsstudien: Vorsicht im Zusammenhang mit Zwillingsstudien mit dem Begriff “angeboren”, siehe dazu http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2016/05/29/die-erblichkeit-von-verhaltens-oder-persoenlichkeitsmerkmalen/

      Davon abgesehen: Dass vieles von dem, was wir sind, angeboren ist, hat hier niemand bestritten. Das wäre ja auch etwas abwegig. Aber was hat das mit dem Thema Diskussionskultur in Deutschland zu tun? Oder wollten Sie sagen, die Gleichschaltung der Meinungen sei angeboren?

      Ich glaube, Ulrich Kutschera radikalisiert sich seit einiger Zeit, was Themen wie Geschlecht/Gender, Flüchtlinge, politische Kultur etc. angeht. Es würde mich nicht wundern, wenn er früher oder später auch seine politische Heimat irgendwo im männerbündischen rechten Milieu fände. Aber falls seine Meinungen nicht angeboren sind, kann er sie ja auch noch ändern.

  12. #14 Solarius
    23. April 2017

    Der Meinungskorridor wird sicherlich nicht aufgrund zentraler Lenkung enger. Aber er ist enger als früher. Zumindest meint dies auch Herr Steinmeier.

    Herr Kutschera und Herr Klein kritisieren in diesem Zusammenhang die Genderstudies. Andersdenkende werden durch Verdächtigungen und Anschuldigungen (offenbar mit politischer Unterstützung) eingeschüchtert. So schreibt es jedenfalls Professor Hans Peter Klein.

    Wenn “Gleichschaltung” das falsche Wort ist, welches Wort wäre dann besser?

    Vieles von dem, was wir sind, ist angeboren. Das ist ein Fakt. Dann darf man auch die Meinung vertreten, das das “Frau sein” und das “Mann sein” zu einem Teil angeboren ist.

    Ihr Link über die Erblichkeit von Verhaltens- oder Persönlichkeitsmerkmalen enthält eine Bemerkung, die ich für die Genderdiskussion für sehr wichtig halte:

    “Die Erblichkeit ist bei Jüngeren und in den unteren Sozialstatusgruppen niedriger. ”
    Das darf ich dann wohl als Fakt bezeichnen?

    Auch Professor Manfred Spitzer sagt in seiner Sendung, das der Einfluß der Gene im Alter zunimmt.

    Das liegt vermutlich auch daran, das Menschen sich im Alter nicht mehr so viel von anderen vorschreiben lassen. Sie machen dann, was sie selber machen wollen. Auch der höhere Sozialstatus bewirkt, das die Menschen ihre eigenen Interessen und Vorlieben ausleben können. Sie können es sich leisten.

    Und nun kommen wir wieder zum Thema: Es gibt ja folgende Behauptung:

    “Je freier und wohlhabender eine Gesellschaft ist, um so eher wählen Frauen typische Frauenberufe.”
    (Das Gender Paradoxon)

    Nun ja, auf jeden Fall gilt, das man seine Persönlichkeit um so eher frei entfalten kann, je freier und wohlhabender eine Gesellschaft ist.

    Zum Gender Paradoxon verlinke ich den norwegischen Soziologen Harald Eia:
    https://www.youtube.com/watch?v=3OfoZR8aZt4
    Norwegisch mit deutschen Untertiteln. 40 sehr interessante Minuten.

    Ich folgere daraus, das das “Frau sein” zu einem großen Teil angeboren ist. Frauen wählen Frauenberufe, weil sie es wollen. Auch das “Mann sein” ist angeboren. Männer wählen Männerberufe, weil sie es wollen.

    So! War das jetzt eine Meinung, die ich vertreten darf? – Oder war diese Meinung frauenfeindlich?

    Die Biologen haben bereits mit den Religionen Erfahrungen gemacht. Sie haben die Erfahrung gemacht, das man die Schöpfungsgeschichte gleichberechtigt mit der Evolutionstheorie im Biologieunterricht unterrichten wollte. Aus dieser Erfahrung haben die Biologen das kämpfen gelernt. Auch Herr Kutschera kämpft. Das ist sein gutes Recht. Die Biologie ist eine Wissenschaft. Das ist ein Fakt.

    Die ganze Biologie ist ein Lackmustest für gesellschaftliche Vernunft. Nicht nur die Evolutionstheorie. Zur Biologie gehört auch die Zwillingsforschung.

    Zumindest die vom norwegischen Soziologen Harald Eia befragten Genderforscher haben diesen Lackmustest nicht bestanden.

    • #15 Joseph Kuhn
      23. April 2017

      @ Solarius:

      Das Genderthema ist hier oft genug diskutiert worden, auch die Thesen Kleins waren hier schon Thema, Eia kann mir gestohlen bleiben. Ich habe für meinen Teil nicht vor, noch mal auf dem Niveau einer Friseurauslagenzeitschrift in die Gender-Diskussion einzusteigen, das ist so unergiebig wie ausgelatscht. Es reicht, wenn Kutschera davon nicht mehr loskommt. Thema des Blogbeitrags war die Diskussionskultur in Deutschland. Wer meint, hier dürfe man nichts sagen, indem er das sagt, was man angeblich nicht sagen darf, hat ein Logikproblem. Wer glaubt, allein bestimmen zu dürfen, was Wissenschaft ist und was nicht, hat ein Problem mit der Realitätswahrnehmung. Und wer meint, verbal auszuteilen zu müssen und man dürfe ihm nicht widersprechen, hat ein Autoritätsknochenproblem. Darunter leiden Leute wie Kutschera, Klein & Co. und das ganze angebräunte Männerbündlertum. Deswegen möchte ich mit solchen Leuten keinen gemeinsamen March for Science gehen (und die mit mir sicher auch nicht).

      Ansonsten hoffe ich, Sie halten Ihre Meinungen nicht auch noch für angeboren, sonst können wir uns die weitere Diskussion sparen. Ihre Gene können nämlich nicht logisch denken und argumentieren.

  13. #16 DH
    23. April 2017

    @shader

    Sehe ich anders. Angriffe auf die Person sind nicht legitimer Teil einer Diskussion, wenn sie Prinzip sind, und nicht nur in der Wut und versehentlich geschehen (was jedem passieren kann).
    Außerdem zeigen sie die Schwäche der Argumente derer, die so handeln. Klimaskeptiker sind dafür ein Paradebeispiel, die sich bewußt nicht auf Argumente einlassen, weil sie wissen, daß sie dann verlieren.
    Es sind natürlich nicht nur “Korrekte” , die so handeln, sondern auch Rechte, nur ist das ziemlich unstrittig.

    Verbieten ist relativ, sicher ist es nicht der Staat, der einem die Äußerung verbietet, aber man kann die Meinungsfreheit auch anders aushebeln, indem man jemanden solange attackiert, bis er keine Lust mehr hat.
    Unterschätzen Sie diese Auswirkungen nicht, gerade Leute, die es mit Vernunft versuchen, haben irgendwann keine Lust mehr und ziehen sich dann zurück, und genau das ist auch Zweck der Übung.
    Eine komplette Abschaffung ist das dann nicht, da haben Sie Recht, aber es etabliert ein assoziales Niveau, von dem nur die Rechten profitieren können.

  14. #17 shader
    24. April 2017

    @DH, ich habe da ein reines Verständnisproblem, wenn Sie von “persönlichen Angriffen” schreiben. Was soll damit gemeint sein und was würden Sie nicht mehr als persönlichen Angriff zählen, sondern einfach als Kritik? Ich glaube nämlich, dass da jeder andere Vorstellungen von hat und solange man keine gemeinsame Definition findet, ist es müßig, darüber zu diskutieren.

  15. #18 DH
    24. April 2017

    @shader

    Da gebe ich Ihnen Recht, das ist schwer theoretisch festzustellen. Kann man eigentlich nur an konkreten Einzelfällen sehen, eine abschließende Definition geht nicht. Auch ist Polemik erlaubt, wenns einer kann.
    Würde jetzt jemand schreiben, daß die Ansicht des Gegenübers auf seine Dummheit zurückzuführen sei, wäre das persönlich und unsachlich, außer wiederum, jemand macht bewußt auf blöd.

    Wer ständig hetzt gegen Flüchtlinge, braucht sich nicht zu wundern über die persönliche Einstufung als rechts. Mißbrauchen darf man diesen Vorwurf aber nicht, um unliebsame Meinungen anzugreifen.
    Einfache Antworten hab ich keine zur Hand.

  16. #19 Solarius
    25. April 2017

    Gut, lassen wir (erstmal) das Genderthema. Sie schreiben, Herr Kutschera wäre bei der Lügenpresse angekommen. Zu diesem Thema verlinke ich nun Kurt Tucholsky. Von ihm wurde im Jahr 1921 der Artikel “Presse und Realität” veröffentlicht.
    http://www.taz.de/!495480/
    Daraus zitiere ich:
    “Der Redakteur ist durchdrungen von dem Axiom, daß man kein Ereignis so, wie es geschehen ist, vermelden könne, und deshalb kommt ihm gar nicht mehr zum Bewußtsein, wie er die Wirklichkeit verfälscht.”

    Frank Walter Steinmeier hat hier einen Konformitätsdruck in den Köpfen der Journalisten vermutet.

    Der ganze Artikel von Kurt Tucholsky ist lesenswert. Und wie gesagt: Er erschien im Jahr 1921. Ich möchte noch die letzten Zeilen dieses Artikels zitieren:
    “Die Wirklichkeit, wie sie die Zeitung serviert, hat ein Sieb passiert. Was da steht, das ist nicht die Welt, das ist:
    Die Welt.
    Gekürzte Volksausgabe und für den Schulgebrauch bearbeitet.
    Man sollte sich lieber an das Original halten.”

    Dem stimme ich zu: Man sollte sich lieber an das Original halten.

    Was meinen sie eigentlich mit “angebräuntem Männerbündlertum”?

    Kurt Tucholsky gehört sicher nicht dazu:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Tucholsky
    Zitat: “Er verstand sich selbst als linker Demokrat, Sozialist,[2] Pazifist und Antimilitarist und warnte vor der Erstarkung der politischen Rechten – vor allem in Politik, Militär und Justiz – und vor der Bedrohung durch den Nationalsozialismus.”

    Und auch Frank Walter Steinmeier gehört ebenfalls nicht in diese Gruppe.

    • #20 Joseph Kuhn
      25. April 2017

      @ Solarius:

      Dass man nicht alles glauben soll, was in der Zeitung steht, ist eine Binsenweisheit. Da hat Tucholsky recht. Genauso wie Steinmeier. Und nein, beide sind keine angebräunten Männerbündler. Alles andere ist hinreichend diskutiert.

  17. #21 Laie
    28. April 2017

    Dass das Gender-Problem 66% bis 69% darstellt, ist ein klein wenig beruhigend. Bisher war der Eindruck durch die Strassenbilder, dass es prozentual wesentlich höher ist.

    Aufgrund der Medienberichterstattung liest man immer mehr von Übergriffen nicht nur gegenüber Frauen, sondern auch gegenüber äußerlich zu erkennen gebende Homosexuelle, was natürlich in beiden Fällen abzulehnen ist.

    Wäre es nicht günstig, irgendeine Art von deren Herrkunfsreligion abzuleiten, die das Genderproblem durch vermehrte Homosexualität ausgleicht? Hier wären deren Geistliche gefragt, geistig innovativ tätig zu sein.

    Das verbindende Element könnten Biologen sein, die ja wissen, dass selbst im Tierreich so um die 10% biologisch umgekehrt Orientierte unterwegs sind.

  18. #22 Robert
    28. April 2017

    Freie Presse,
    ……….wie frei die Presse wirklich ist, sieht man daran, welche Themen ausgespart bleiben. Z. B. ein befreundetes Land in Nahost, die Politik unseres Bündnissystems, unser großer Bruder.

  19. #23 Solarius
    21. November 2017

    Was genau verstehen Sie unter Männerbündlern?