Jeder kennt es: Man wird auf ein Thema aufmerksam, hat aber nicht die Zeit, um der Sache nachzugehen. Ein paar solcher Themen aus meiner Not-done-Liste der letzten Tage:

Die elektronische Gesundheitskarte ist ein Milliardenprojekt, bei dem seit Jahren nicht viel voran ging. Selbst vergleichsweise unstrittige Module wie der Notfalldatensatz oder der Medikationsplan blieben hehre Absichten. Jetzt nimmt das Vorhaben allerdings spürbar Fahrt auf, nicht zuletzt, weil das Bundesgesundheitsministerium Druck macht. Eigentlich müsste man dazu mal was machen, aber …

Im September ist Bundestagswahl. Haben Sie schon was vom Wahlkampf gemerkt? Ich nicht. Dass gesundheitspolitische Themen im Nichtwahlkampf 2017 besonders unsichtbar sind – eigentlich müsste man auch dazu mal was machen, aber …

Wir haben gerade eine Affenhitze. Wie ist das eigentlich mit der hitzebedingten Sterblichkeit? Warum wird in manchen Jahren/Regionen eine hohe Exzessmortalität registriert, in anderen nicht? Wann, wenn nicht jetzt, sollte man dazu mal was zu machen, aber …

Der Kommentator „rolak“ hatte mich vor ein paar Tagen an die seltsame Geschichte mit dem Anfang der 1980er Jahre vom Markt genommenen Schwangerschaftstest Duogynon erinnert. Seit Jahrzehnten geht ein Streit darum, ob das Mittel für Fehlbildungen in erheblicher Zahl verantwortlich ist. Betroffene klagen, die Pharmafirma Bayer, die das Problem vom früheren Schering-Konzern geerbt hat, mauert, die Bundesregierung versucht in Deckung zu bleiben. Eigentlich müsste man …

Und in der Rubrik Unterhaltung bin ich heute bei psiram auf eine Abschlussarbeit der Medizinischen Universität Graz gestoßen, die Fragen aufwirft, nicht nur, weil es darin um gefrorene Photonen geht, die bei der aktuellen Hitzewelle willkommen wären, sondern auch, weil es seltsam inkongruente Publikationen dazu gibt. Eigentlich …

Außerdem ist der Homöopathiekongress in Leipzig vorbei. Gut, dazu muss man nichts mehr machen, dazu ist alles gesagt. Was den Rest angeht: Ich gestehe, bei dem Wetter ziehe ich den Garten vor. Ich hoffe, Sie auch.

Kommentare (24)

  1. #1 rolak
    24. Juni 2017

    /eGK/ Die ist ein schräger Wegbegleiter übers letzte Dutzend Jahre, sehr ambivalent: Einerseits ua die erkennbaren Vorteile im Datentransfer (die jedoch tatsächlich gar nicht sooo umfassend wären) und der Mißbrauchsvorbeugung (ua das hopping, ist allerdings zweifelhaft: ne Bekannte hat jetzt das Bild ihres Kindes auf der Karte, weil sie sich beim Abgeben damals verhuddelt hatte), andererseits die krassen Sicherheitsmängel bei Zugriff (aber immer noch besser als aktuell. Erinnerter Erstkontakt 22c3[2005]) und Zugriff (zentrale Speicherung personenbezogener Daten ist immer suspekt).
    /Wahlkampf/ Noch überhaupt nichts, was auch nur annähernd danach müffelt. Sehr dubios…
    /Affenhitze/ Die Exzesse sind wahrlich merkwürdig, siehe dort (Grafik Seite 326. Keine Panik!, pdf fängt an bei 325), gefühlt auch gar nicht groß mit Hitzewellen korrelliert.
    /Duogynon/ Erwähnt werden sollte, daß der erwähnte Kommentator nicht etwa ein seit Jahrzehnten das Denken beschäftigendes Detail der Historie vorbrachte, sondern seine Verwunderung darüber, daß dies Detail ebenso lange (erinnert) an ihm vorüberging. Und über einige merkwürdige Gestaltungsdetails der aufmerksam machenden Reportage.
    /gefrorene Photonen/ Sehr hübsche Perle aus dem breiten Spektrum medizinischer Doktorspielearbeiten, Joseph, schönen Dank für die Weiterleitung, die hier sofort in Richtung ÄrztinSchwägerin weiterging. Kommentar einer kurz über die Schulter Mitlesenden eben: Tja, bei dem Wetter ist Frozen Yogurt eben nicht alles…
    /Garten/ Aber hallo! Heute sogar in der künstlichen, kunstvollen Ausprägung der Museumsinsel Hombroich. Und wo eben schon das Thema Eis aufkam: Die Parks des Fürsten Pückler stehen bereits seit Ewigkeiten auf der ToVisit-Liste…

  2. #2 Karl Mistelberger
    24. Juni 2017

    > Eigentlich müsste man …

    Hat man:

    Am wahrscheinlichsten ist eine selektive Berichterstattung an das BfArM nach Veröffentlichung von Berichten zu bestimmten Fehlbildungen, wie beispielsweise der Blasenekstrophie, im Zusammenhang mit Duogynon. Entsprechend Erkrankte wurden nach Thematisierung eines möglichen Zusammenhangs motiviert, sich zu melden.

    FAZIT
    Die bisher veröffentlichten Studien zu Duogynon und anderen Östrogen-Progesteron-Präparaten in der Schwangerschaft vermitteln zusammenfassend keinen Hinweis auf spezifische teratogene Effekte. Ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko – insbesondere auch für Blasenekstrophien – wurde trotz weltweiter Verbreitung von Hormonpräparaten mit denselben Wirkstoffen bislang nicht beschrieben. Die in der vorliegenden Studie beobachteten Auffälligkeiten im Verteilungsmuster der Fehlbildungen, insbesondere die Assoziation mit Blasenekstrophien, sind daher hoch wahrscheinlich Resultat anderer Einflussgrößen, vor allem einer selektiven Berichterstattung. Ein teratogener oder embryotoxischer Effekt von Duogynon, zu welchem Zwecke auch immer angewendet, ist unwahrscheinlich.

    http://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/vigilanz/bulletin-zur-arzneimittelsicherheit/2012/4-2012.pdf

  3. #3 rolak
    24. Juni 2017

    Hat man

    Das mit dem ‘eigentlich’ war doch wohl eine Aufforderung, naja sagen wir mal ein Gedanke von Joseph an sich selber, Karl. Und er hat nicht.
    Abgesehen davon ist die zitierte Stellungnahme wohlbekannt, doch offensichtlich nicht das letzte Wort, nicht einmal das Ende des entsprechenden wikiArtikelchens.

  4. #4 Joseph Kuhn
    24. Juni 2017

    @ Karl Mistelberger:

    “Die bisher veröffentlichten Studien zu Duogynon ….”

    Da kommt es auf jedes Wort an. Zu Duogynon wurde, da es schon lange vom Markt genommen wurde, auch lange nicht mehr geforscht und nicht mehr publiziert. Wichtig wären die internen Dokumente von Bayer. Ich bin bei dem Thema kein Fachmann, aber mich irritiert, dass 2014 (!) eine Studie erschien, die ein exorbitantes OR (OR=37.27; 95%-CI 14.56-95.28) für Blasenfehlbildungen berichtet, ein solches Risiko ist sozusagen fast mit bloßem Auge sichtbar. Die Studie ist vom Design her zwar eher schwach, aber das macht in dem Fall die Sache nicht besser für Bayer: jahrzehntelange Diskussion, keine belastbare öffentlich zugängliche Evidenz, dann 2014 eine Studie mit so einem OR. Bayer verweigert den Medienberichten zufolge die Herausgabe seiner Dokumente übrigens mit dem Hinweis auf Verjährung. Auch etwas seltsam.

    @ rolak:

    Bei den gefrorenen Photonen frage ich mich, ob das quasi Leuchteis ist, aber auch da bin ich kein Fachmann. Die Geschmacksrichtungen wären natürlich wichtig.

  5. #5 ajki
    24. Juni 2017

    “Wahlkampf”….

    Zunächst mal: persönlich war ich nie besonders glücklich mit dem Wortbestandteil “Kampf” – aus verschiedenen Gründen, aber im Grunde: zu martialisch. Etwas Kurzes, Besseres, Treffenderes ist mir allerdings auch nie eingefallen.

    Dann: wäre vielleicht gar nicht soooooooo schlimm, so ein Nichtwahlkampf – man könnte ja gar nicht völlig grundlos annehmen, dass im Großen&Ganzen alles FriedeFreudeEierkuchen ist, nur die übliche Unzahl an kaum (breit) diskutierbarer Detail(st)fragen im politischen Raum verblieben sind und es schlicht kaum Gründe für Parteien gibt, übertrieben propagandistisch tätig zu werden und die betroffenen (potentiellen) Wählerschichten ihrerseits keine besonderen Informationsbedürfnisse verspüren (die aufwändige / teure / oft nervige Propaganda”schlachten” erforderlich machen würden).

    Wenn es nicht andererseits eine Vielzahl von Auffälligkeiten gäbe, die das schöne Bild der angenommen “erwachsen” gewordenen Wahllandschaft beflecken würden. Zum Beispiel die zweifellos vorhandenen “Millionen” vereinzelter “Wutbürger”, die jeder für sich und facebook für alle alles völlig anders sehen als “die da oben / lechts / rinks / Mittigen / Untingen” und deren Urteile zu “allem” immer schon im Vorhinein gefällt sind – und im Nachhinein immer: auf jeden Fall anders als im politischen Raum gehandhabt. Dann die permanenten (rein medial gepushten / gehypeten?) “Kampagnen” zu allem Möglichen – jeweils in Intervallen (derselbe Kram immer wieder und wieder), jeweils ohne Lösung, vielleicht auch ohne wirkliche Lösungsmöglichkeit, jeweils ohne Benennbarkeiten von Kampagnentreibern und deren Zwecke/Ziele.

    Und dann: in den vier letzten BT-/LT-Wahlen habe ich in den Wochen vor dem Wahltag in der nordeutschen Kleinstadt, in der ich wohne, explizit nach “Wahlkampf”-Aktivitäten gesucht – im Besonderen: nach “Strassen-Wahlkampf”. “Früher”(TM) konnte man in den Wochen vor dem Wahltag nicht durch eine beliebige Innenstadtzone gehen, ohne von Partei-Campaignern mit Kugelschreibern, Buttons, Fähnchen und Slogans vollgekleistert zu werden. (Was auch “früher”(TM) eigentlich wohl keiner wollte.) Heute bietet sich diesbezüglich in der innerstädtischen Zone – gähnende Leere. Nur die endlosen Stellvertreter-Plakate hängen rum (was, glaube ich, eigentlich auch keiner wollte/will). Die einzige Live-Action “auf der Strasse” sind irgendwelche dubiosen (angestellten / bezahlten) “Aktivisten” irgendwelcher “NGO”, die ihrem jeweiligen Konto Auftrieb verschaffen wollen / müssen / dürfen. Die sind dafür ganzjährig anzutreffen und nicht an Wahltermine gebunden.

    Natürlich gibt es auch hier in der bedeutungslosen Radikalprovinz parteiliche Aktivitäten – ab und an schaut jemand aus der dritten/vierten parteilichen Garde vorbei und hält gesittet in irgendeiner freundlichen Location (wichtig: mit Catering!) ein Redchen. Solche “Wahlkampf-Events” kommen mir persönlich immer wie Realität gewordene Science Fiction vor: auf Knopfdruck wird dort eine beeindruckend realistische 3D-Figur präsentiert, die als Talking Head so eine Art “feurige Wahlkampfrede” spielt. Wie man so hört aus der Szene der aktuellen 3D-Darstellungen (z.B. aus Frankreich), ist das sowieso alles schon tatsächliche banale Realität – es muß wohl bald niemand mehr “wirklich” in muffigen Hotelkonferenzräumen schauspielern, sondern es reicht eine Performance, die zeitgleich in dutzende von Städtchen als 3D-Ausstrahlung übertragen wird.

    Der Andrang des Wahlvolks ist übrigens (“hier” und wahrscheinlich wohl auch anderswo) grundsätzlich mau. Selbst “Namen” (bekannt aus Funk&Fernsehn) ziehen kaum mehr als maximal einige Hundert (eher: ein knappes Hundert). Der Rest schaut sich das Lokalevent auf youtube / facebook / im Käseblatt an – *wenn* ersiees es sich überhaupt anschaut / es tatsächlich die Aufmerksamkeitsschwelle überschreitet (was gar nicht wahrscheinlich ist).

    Bei der letzten BT-Wahl habe ich eine der “Volks”parteien auf ihrem “Web-Auftritt” besucht kurz vor dem Wahltag – ich wollte einfach mal einen “Stand” mit braven lokalen Partei”soldaten” finden, denen ich in die Augen schauen könnte und mal hätte ermitteln können, wie sich “die Basis” eigentlich so gibt (“heute”). Solche “Stände” hätten mich ja an sich anspringen müssen – aber ich fand sie nicht. Also dachte ich, ich müsse gezielter über die Partei-Webseite danach suchen und eben zu irgendeinem Stadtteil zu einer bestimmten Zeit dorthin fahren, wohin mich das parteiliche Angebot der Webseite planerisch verweist. Auf der lokal/regionalen Partei-Webseite kam der BT-“Wahlkampf” dieser “Volks”partei nur in Form von Einbindungen zentraler Bannergrafik vor – ansonsten herrschte zum “Wahltag” völlige Ödnis. Als ordnungsbewußter “Wutbürger” habe ich die Webplattformbetreiber (man weiß ja nicht, ob es dabei nicht doch nur um irgendwelche Dienstleister handelt) angeschrieben und gefragt, wo sich dort auf der Webseite eigentlich irgendein lokal/regionales “Wahlkampf”-Ding befindet. Keine Antwort. *Wahrscheinlich* (nicht geprüft) brannte der Busch wahlkämpferisch und lokal und regional woanders – auf “Twitter” oder bei “facebook” oder “Pinterest” oder….. wo auch immer.

    Es gibt viele Stimmen, die sagen, “heute” sei die politische Auseinandersetzung (etwa im “Wahlkampf”) in die virtuellen Netze, Echoräume und Filterkammern abgewandert – dies sei eben besonderes Kennzeichen der postindustriellen Moderne.

    Ich habe den Verdacht, dass die Auseinandersetzung des öffentlichen politischen Raums ins radikale Nichts abgewandert ist.

  6. #6 Karl Mistelberger
    24. Juni 2017

    Ein kleiner Hinweis für Nichtfachleute:

    Ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko – insbesondere auch für Blasenekstrophien – wurde trotz weltweiter Verbreitung von Hormonpräparaten mit denselben Wirkstoffen bislang nicht beschrieben.

    Norethisteron ist ein weit verbreitetes Medikament mit gut untersuchten Nebenwirkungen:

    https://en.wikipedia.org/wiki/Norethisterone#Side_effects

    Spezielle Gefahren können allerdings auftreten wenn es in Packungen mit der Aufschrift Duogynon speziell in Deutschland in den Verkehr gelangt.

  7. #7 Joseph Kuhn
    24. Juni 2017

    @ Karl Mistelberger:

    “Ein kleiner Hinweis für Nichtfachleute: … speziell in Deutschland”

    Ebenso kleiner Hinweis vom Nichtfachmann: So weit ich beim googeln sehen konnte, scheint die Diskussion in Großbritannien mindestens so kritisch zu laufen wie hierzulande.

    Wie die Geschichte am Ende pharmakologisch zu beurteilen sein wird, weiß ich nicht, ganz festlegen will sich nicht einmal das BfArM, auch wenn es seinerzeit darauf hinwies, dass das hohe OR in der genannten Studie vermutlich ein statistischer Verzerrungseffekt ist* und, was Sie ja auch schreiben, dass die Studienlage zu der Wirkstoffgruppe insgesamt nicht kritisch sei. Das ist die eine Seite. Die andere Seite sind die erst einmal recht glaubwürdig daherkommenden Medienberichte über Einflussnahmen, Verweigerung von Einsicht in Dokumente etc. Das ist schon eine spannende Geschichte, mit der man sich intensiver beschäftigen könnte, und sei es “nur” unter dem Aspekt der Transparenz von Pharmadaten, aber …

    * Nebenbei: Dass “Personen mit Blasenekstrophie nach öffentlicher Thematisierung eines möglichen Zusammenhangs motiviert wurden, sich zu melden”, wie das BfArM schreibt, ist sicher ein Erklärungsfaktor. Aber “die öffentliche Thematisierung eines möglichen Zusammenhangs” muss von Verdachtsfällen ausgehen, die damit nicht zu erklären sind, sonst hat man eine zirkuläre Erklärung.

    @ ajki:

    “ins radikale Nichts abgewandert”

    Ob das die Ruhe vor dem Sturm ist? Und in Bälde bewerfen sie uns doch mit Kugelschreibern und zenbuddhistischen Sprüchen auf den Plakaten?

  8. #8 rolak
    24. Juni 2017

    Packungen mit der Aufschrift Duogynon speziell in Deutschland

    Was Deiner Meinung dann per AversionsWellen zu der verlinkten FDA-Einstufung führte, Karl?
    Oder vielleicht doch nicht so speziell?

  9. #9 gedankenknick
    24. Juni 2017

    Nur mal so am Rande: Das Projekt eGK mit dem Super-Daten-Server des Spitzenverbands der gKV ist ein Projekt, welches aus meiner Sicht ein vodringliches Hauptziel seit der Vorstellung der Systemidee um das Jahr 2003/04 herzum hat:
    LENKUNG von Patientendaten und Verordnungen.

    Schon 2004 war angedacht, via der Verordnungsspeicherung im Superserver der gKV und “Zugriffsberechtigung” für verschiedene Leistungserbringer eine LENKUNG der Belieferung zu organisieren und damit die freie Leistungserbringerwahl massiv einzuschränken. Konkret waren damals die Pläne, z.B. Akutmedikation für alle Apotheken freizugeben, chronische Medikation aber direkt an den Arzneimittelversender der eigenen Wahl weiter- bzw. umzuleiten (und den Zugriff aller anderen Leistungserbringer darauf einfach auszuschließen). Das passte sehr gut zur “Rx-Versandverbots-Abschaffung” im Jahr 2004. Wenn das irgendwann dann doch mal so kommem sollte, werden sich 80% aller Rentner aber umschauen! Und die Krankenhäuser auch, denn es wird massiv Probleme mit Versorgungslücken geben, die dann das Krankenhaus vor Ort lösen darf, denn Apotheken vor Ort werden nicht mehr helfen können – es sei denn auf Privatrezept gegen Bares. (Was sich viele Rentner gar nicht leisten werden können!)

    Nebenbei ist dann das (derzeit existierende) Recht auf eine ärztliche Zweitmeinung futsch – jeder Arzt wird sich erst einmal meine Krankenakte der eGK anschauen. Damit ist er aber voreingenommen, und ich kann per Definition keine unvoreingenommene Neudiagnose anstreben. Hinzu kommt, dass vor einiger Zeit einige Kassen schin angekündigt hatten, dass auf diese Weise teure und lästige Doppeluntersuchungen verhindert werden – d.h. ein Arzt wird für die ZWeitmeinung zu einer bereits gestellten Diagnose einfach nicht bezahlt werden. Das wünscht man sich als Patient.

    Hinzu kommt das Problem des zentralisierten Servers. Die NHS in UK hat mit Datendiebstahl und Erpressung von zentralisierten Krankenaktenservern mehrfach schon so ihre Erfahrungen machen dürfen… ( https://www.welt.de/newsticker/news1/article164528995/Weltweiter-Cyberangriff-trifft-Krankenhaeuser-und-Grosskonzerne.html ) Und die deutsche gKV, die mir Retaxationen über 0,01€ mit einem Briefumschlag mit 0,70€ Porto drauf schickt, wird sich SICHER ganz vortreffliche IT-Sicherheitspersonen leisten, um nicht WANNA-zu-CRYen.

    Ich sags noch mal klipp und klar: Die zentralisierte Speicherung ALLER deutschen Patientenakten führt zu mindestens 3 jetzt schon absehbaren Problemen:
    1. Datenschutz – Sicherstellung der Schreib- und Leseberechtigung an NUR berechtige Personen.
    2. Datenschutz – Sicherstellung der Integrität der Daten vor Missbrauch, Verfälschung und Verlust durch unbefugte Personen oder nicht vorhersehbare Ereignisse. (Und auch vor dem Staatstrojaner.)
    3. Datenschutz – Sicherstellung, dass diese Daten nicht zum Vorteil Dritter (auch der Krankenkassen) und/oder zum Nachteil der Patienten AUSGEWERTET werden.

    Zeichnet sich da ein Muster ab?

  10. #10 gedankenknick
    24. Juni 2017
  11. #11 Ludger
    24. Juni 2017

    Joseph Kuhn zu Duogynon und Blasenekstrophie:
    “Seit Jahrzehnten geht ein Streit darum, ob das Mittel für Fehlbildungen in erheblicher Zahl verantwortlich ist. Betroffene klagen, die Pharmafirma Bayer, die das Problem vom früheren Schering-Konzern geerbt hat, mauert, […]”

    Die betroffenen Menschen haben einen massiven Leidensdruck. Das erzeugt ein eben so großes Kausalitätsbedürfnis. Es ändert aber nichts an der Datenlage_
    Duogynon wurde zwischen 1950 und 1980 weltweit und regelmäßig verordnet. Die Einnahme erfolgte zwar häufig während des Zeitraumes in der Embryonalzeit, in dem sich die Harnblase zur Bauchdecke hin schließt. Die Inzidenz der Krankheit ist jedoch sehr klein (1 zu 20.000 Neugeborene). Eine Verursachung der Blasenekstrophie ist nach BfArM nicht anzunehmen:

    BfArM ( Seite 23 von http://www.pei.de/SharedDocs/Downloads/vigilanz/bulletin-zur-arzneimittelsicherheit/2012/4-2012.pdf?__blob=publicationFile&v=8 )
    ” Ein erhöhtes Fehlbildungsrisiko – insbesondere auch für Blasenekstrophien – wurde
    trotz weltweiter Verbreitung von Hormonpräparaten mit denselben Wirkstoffen bislang nicht
    beschrieben.”

    Die Kläger haben bisher mehrere Prozesse verloren. Sie versuchen nun über die Mobilisierung der Medien, Druck auf die Firma Bayer auf zu bauen. Juristisch geht nichts mehr, vielleicht geht da ja noch was. Die Medien spielen gerne mit: http://www.br.de/nachrichten/dyogynon-skandal-100.html . Das Publikum ist empört.
    Eine kritische Diskussion ist kein Nachweis eines kausalen Zusammenhanges – siehe Masernimpfung und Autismus.

    • #12 Joseph Kuhn
      24. Juni 2017

      @ Ludger:

      “Die betroffenen Menschen haben einen massiven Leidensdruck. Das erzeugt ein eben so großes Kausalitätsbedürfnis. Es ändert aber nichts an der Datenlage”

      Ja. Die (veröffentlichte) Datenlage scheint aber nicht wirklich gut zu sein. Hierzulande hat man die Analyse einer Fallsammlung als aktuellen Sachstand, wobei deren kritisches Ergebnis von Untersuchern und Auftraggeber als Artefakt gesehen wird, und das britische Gesundheitsministerium will auch lieber noch mal nachprüfen: https://www.theguardian.com/science/2017/mar/19/pregnancy-tests-alleged-link-to-birth-defects-to-be-reviewed-by-uk-regulator

      Wie gesagt, ob es einen Zusammenhang gibt oder nicht – ich weiß es nicht. Aber ich würde die Medien nicht gleich kritisieren, weil sie hier pharmakritisch unterwegs sind, zumal sich ja tatsächlich seltsame Geschichten um den Fall ranken und von den Medien keinesfalls nur cranks zitiert werden.

  12. #13 Omnivor
    Am 'Nordpol' von NRW
    24. Juni 2017

    @rolak
    Darf den Herrn P überhaupt noch kennen? Jemand der seine sorbischen Untertanen germanisiert, von einer Lustreise in den Orient eine Sklavin mitbringt?

  13. #14 Withold Ch.
    24. Juni 2017

    Umgekehrt geht es mir als Leser natürlich immer wieder so, dass ich denke, oh, wieso schreibt denn eigentlich keiner der Scienceblogger zu diesem oder zu jenem Thema was Kluges und Berichtigendes, … das wäre doch soo wichtig ….

    Aber schon klar, dass nicht auf jede Aktualität reagiert werden kann, das könnte wohl nur eine Scienceblogs-Redaktion leisten.

  14. #15 MarcoBallhaus
    24. Juni 2017

    Ja, bei dem Wetter würde man den Garten vorziehen, aber….. ach, wenn dort nicht auch Arbeit wartete.

    Was die Gesundheitskarte (für mich ein Euphemismus) angeht:
    Nicht nur die Speicherung ist kritisch, wenn sie auch Vorteile hat, sondern schon die Passbildpflicht ist grenzwertig.
    Systeme, die nicht mehr hintergehbar sind, unterscheiden sich nämlich nicht von einer autoritären Diktatur – trotz vorgeblicher “Demokratie”.

    Wenn es früher noch hiess: “Am Gelde sollt ihr sie kriegen”, muß es heute heissen: “An ihrer Gesundheit sollt ihr sie kriegen”.

    Falls irgendjemand auf eine Revolution irgendeiner Art hofft:

    Vergesst es, kranke Menschen haben noch nie Revolution gemacht. Arme hingegen schon.

    Das Hässliche daran ist nun:
    Menschen, die krank sind und an der Kette des Systems hängen, das sie krank machte, hängen verständlicherweise an ihrem Leben – leider aber stabilisieren sie damit das System, welches sie krank machte (um als Teil dieses Systems gleich noch mehr Menschen krank zu machen).

    Ein absurd unmöglicher Umstand. Oder sehe ich da irgendwas falsch?

  15. #16 Karl Mistelberger
    25. Juni 2017

    Kläger klagen weil sie es können, siehe z.B. die ausführliche Darstellung von David Gorski:

    Quoth the Court of Justice of the European Union: “Let’s make it easier for plaintiffs suing for ‘vaccine injury’ on dubious grounds to prevail!”

    Die beschriebene Haltung führt dazu, dass der behandelnde Arzt sich nicht mehr darum kümmert, das Wohl des Patienten zu maximieren sondern das Prozessrisiko für sich zu minimieren. Gerd Gigerenzer weist in einem Video darauf hin:

    Alle Patienten werden in die Intensivstation gesteckt, die der gefährlichste Ort in einem Krankenhaus ist. Wenn ein Patient unnötigerweise dort landet und an der Infektion mit einem Krankenhauskeim stirbt kann der Arzt deswegen nicht verklagt werden. Schön für den Arzt, weniger schön für den Patienten.

    Prof. Dr. Gerd Gigerenzer – Gefühltes Wissen: Die Erforschung der Intuition

  16. #17 tomtoo
    25. Juni 2017

    Wahlkampf?

    Irgentwie muss da Insiderwissen geleakt sein.

    http://www.der-postillon.com/2017/06/kein-programm.html?m=1

  17. #18 Ludger
    25. Juni 2017

    Joseph Kuhn #12:
    “Aber ich würde die Medien nicht gleich kritisieren, weil sie hier pharmakritisch unterwegs sind, […]”

    Ich kritisiere eigentlich Dich, weil Du Dich der Sichtweise der Betroffenen anzuschließen scheinst, obwohl es keine Evidenz dafür gibt. Dabei legst Du sonst Wert darauf, dass eine einzelne positive Studie mit mieser statistischer Qualität gar nichts bedeutet – z.B. bei der Homöopathie. Im o.a Fall versuchen die Betroffenen durch außergerichtlichen Druck an der Reputation von Bayer zu kratzen und so doch noch Geld zu bekommen.
    In diesem Zusammenhang fällt mir das Mittel gegen Schwangerschaftserbrechen mit dem Handelsnamen “Lenotan” ein. Bei dem wurden weltweit angeborene Missbildungen in Zusammenhang mit einer Einnahme in der Frühschwangerschaft gebracht. Der Hersteller hat alle Prozesse gewonnen, ist nach meiner Information an den Prozessfolgen in Konkurs gegangen und das Mittel ist nicht mehr verfügbar. Dabei weiß man bei “Lenotan” sehr gut, dass es nicht teratogen ist. Es gibt eigentlich gar kein wirksames Mittel gegen Schwangerschaftserbrechen mehr. Die Firmen verzichten lieber auf das Geschäft, als bei einer normalen Inzidenz von 2% (bis 5% je nach Kriterium) von angeborenen Fehlbildung ständig Prozesse zu führen und wegen der damit verbundenen schädlichen Schlagzeilen viel Geld zu verlieren. Da lässt man die Schwangeren lieber spucken. Schweigegeld ist allerdings auch keine Lösung. :-(
    Ich will hier nicht als Freund der Pharmalobby missverstanden werden. Es gibt nämlich auch von mir eine Forderung an die Politik und an die Firmen, nämlich die Pflicht, die Ergebnisse aller klinischen Studien zu veröffentlichen. Und da geht es dann wirklich um wichtige Dinge.

    • #19 Joseph Kuhn
      25. Juni 2017

      @ Ludger:

      “Ich kritisiere eigentlich Dich, weil Du Dich der Sichtweise der Betroffenen anzuschließen scheinst, obwohl es keine Evidenz dafür gibt.”

      Verstehe. Wobei ich mich in der Sache selbst eigentlich nicht festlegen will, eben weil die Evidenz so schlecht ist (und ich mich, wie gesagt, fachlich da auch nicht auskenne). Aber es ist ein eigenartiger Vorgang, so wie sich das über die Jahre hinzieht, ohne dass die Evidenz wirklich besser geworden ist. Das hat möglicherweise auch damit zu tun, was Du am Ende schreibst, d.h. dass hier nicht alle Daten öffentlich zu sein scheinen, weil die Industrie mauert. An dem Punkt sympathisiere ich spontan erst mal mit den Betroffenen, weil man das Verhaltensmuster von der Industrie kennt. Wäre schon ein schönes Blogthema, aber man müsste viel Material und Medienberichte aufarbeiten, und daher ….

  18. #20 demolog
    25. Juni 2017

    @ Karl Mistelberger
    25. Juni 2017 #16

    Die suggestiv “warnende” Kritik an “Krankenhauskeimen” als potenziel tödliche Gefahr ist in Wirklichkeit eine Drohung in Form einer Variante der göttlichen Plagen, die die Menschen heimsuchten, wenn sie nicht “funktionierten”, wie ebenso suggestiv allgemein erwünscht.

    In diesem Sinne ist es eine Morddrohung, der man nur entgehen kann, wenn man sich bedingungslos “anpasst”. Ansonsten kommt “Gottes Strafe” (lebensgefährliche Krankheiten oder Störungen des Organismusses) über einen.

    Diese “Krankenhauskeime” immer wieder in den öffentlichen Äther zu bringen, ist die Erzeugung eines umfassenden Glaubens daran, woraufhin es in der Folge tatsächlich diese unkontrollierbaren “Keime” geben wird können – zumindest die darauf folgenden Sterbefälle.

    Das ergibt sich aus der Natur der Sache, nämlich, wie unser Gehirn und daraus entstehend unser Bewustssein funktioniert. In diesem Sinne haben die Weltreligionen mit ihrer “Gottes-Theologie” nämlich nicht so unrecht, wie man es als “fortschrittlicher Atheist” so propagiert.

    In diesem Sinne, Herr Mistelberger:

    Danke für die Warnung und das Gefühl, dass sie sich um mich sorgen. Aber die Tatsache, dass es eine Drohung sei und keine allgemeine Warnung vor der Gefährlichkeit bestimmter “Keime”, muß ihnen und allen anderen klarmachen, was hier im Sinne des derzeitigen Gesundheitssystems abgeht und was es bezüglich unserer Freiheit in allen denkbaren Szenarien und die Frage nach der Idee der Demokratie bedeutet, wenn wir alle im Zweifel derart “erpresst” werden können.

    Und wie absurd es ist, das unserer Glaube an “Krankenhauskeime” erst die Ursache der Gefahr ist, die uns droht und also zwangsweise festlegt, muß man ertsmal verstehen.
    Dies ist eine kreationistisch erzeugte Todesstrafe auf sogenannter “natürlicher” Grundlage. Die Existenz solcher berechenbarer Gefahren, ist eine katastrophale Zuwiderhandlung gegen alle guten Vorsätze humanistischer Visionen. Zudem ein Hohnsprechen der Freiheitsphilosophie, wie sie seit einigen Jahrhunderten gepflegt und demonstriert wird.

  19. #21 Karl Mistelberger
    27. Juni 2017

    > #7 Joseph Kuhn, 24. Juni 2017
    > Ebenso kleiner Hinweis vom Nichtfachmann: So weit ich beim googeln sehen konnte, scheint die Diskussion in Großbritannien mindestens so kritisch zu laufen wie hierzulande. Wie die Geschichte am Ende pharmakologisch zu beurteilen sein wird, weiß ich nicht …

    Duogynon gibt es nicht mehr zu kaufen, doch sein Wirkstoff erfreut sich ungebrochener Beliebtheit und wird flächendeckend eingesetzt. Gesunde Frauen können ihn problemlos kaufen und wenden ihn regelmäßig an:

    http://www.arzt-und-apotheke.net/norethisteron.php

    Die Realität sollte man nicht durch vage Spekulationen in den Hintergrund rücken.

    • #22 Joseph Kuhn
      27. Juni 2017

      @ Karl Mistelberger:

      “wird flächendeckend eingesetzt”

      Als Schwangerschaftstest?

      “Die Realität sollte man nicht durch vage Spekulationen in den Hintergrund rücken.”

      Die Feststellung, dass es anhaltenden Streit um Duogynon gibt, ist die Realität, keine Spekulation. Ob Duogynon für die Fehlbildungen verantwortlich ist, wie (nicht nur) Medien berichten, weiß ich nicht, da habe ich aber gefühlt jetzt schon 10 mal gesagt und nochmal gesagt und nochmal gesagt. Das Gesagte sollte man nicht durch vage Unterstellungen in den Hintergrund rücken.

      Mag sein, dass ich Ihnen mit meinen Ansichten auf die Nerven gehe, aber erstens müssen nicht lesen, was ich schreibe, zweitens sollten Sie es, wenn Sie es doch tun, hinreichend sorgfältig tun oder sich einen anderen ideologischen Strohmann suchen, aber mich wiederholt gegen etwas verteidigen zu sollen, was ich nicht gesagt habe, geht wiederum mir auf die Nerven.

  20. #23 Laie
    27. Juni 2017

    Zuviele Themen die unter den Nägel brennen, jedoch keine Besserungung in Sicht.

    Kann der fehlende Wahlkampf auf das fehlende Interesse des Wählers zurückzuführen sein, der wiederum aus nachvollziehbaren und nicht nichvollziehbaren Gründen an der Demokratie nicht so wirklich teilnehmen kann oder auch will? Eine Abwärtsspirale? War Macht noch sie so “billig” zu erhalten, weil Lemminge…. Lemminge sind? Oder auch, weil Wahlen gar keinen Einfluss auf die Politik haben, leere Floskeln und dasselbe Programm aus allen Parteien?

    Wie wird man noch schnell Politiker, welche Qualifikatonen sind da nötig? Verkäufer?

  21. #24 Karl Mistelberger
    28. Juni 2017

    > #22 Joseph Kuhn, 27. Juni 2017
    > Die Feststellung, dass es anhaltenden Streit um Duogynon gibt, ist die Realität, keine Spekulation.

    Die Behauptung einiger, dass Duogynon (Norethisteron) teratogene Eigenschaften besitzt löste keinen Streit aus. Der Wirkstoff des Medikaments wird vielmehr nach wie vor eingesetzt.