Bei den Scilogs gibt es einen aktuellen Beitrag von Michael Blume über „Serendipität“ als Erfolgsrezept Helmut Kohls. „Serendipität“ scheint Blume als eine Art Kunst der Gelassenheit zu verstehen, auf den rechten Augenblick zu warten, passende „Gelegenheiten“ zu nutzen.

Mir kommt eine solche Fähigkeit, ähnlich wie politischer Machtwille, erst einmal vor wie eine machiavellistische Sekundärtugend. Müsste man nicht weiterfragen, um welche „Gelegenheiten“ es geht, um „Gelegenheiten“ für was?

Kohl ist gerade gestorben. Für viele Menschen ist dies ein Moment, in dem sie Pietät dem Toten gegenüber erwarten. De mortuis nil nisi bene. Ich will das respektieren. Aber ich denke, man ist Helmut Kohl gegenüber nicht pietätlos, wenn man anmahnt, ihn auch nicht in einem falschen Licht erscheinen zu lassen. Deshalb drei kurze Anmerkungen:

1. Man ehrt Helmut Kohl – unter anderem – als „Vater der Einheit“. Das war er. Der Vater der Freiheit Ostdeutschlands war aber er nicht, das waren die DDR-Bürger, die ihren Sinn für eine „Gelegenheit“ zur Befreiung vom DDR-Regime genutzt haben. War das nicht die wichtigere „Gelegenheit“?
2. Auf dem Weg zu den versprochenen „blühenden Landschaften“ im Osten sind Kohl viele „Gelegenheiten“ entgangen, und angesichts der Geschichte der Treuhand muss man fragen, ob er sie immer im Sinne der Menschen in Ostdeutschland nutzen wollte. Für eine Mark gab es damals für die westdeutsche Industrie ganze Unternehmen, günstige Gelegenheiten sozusagen, Schnäppchen, danach für die „Ossis“ ganze Jobs für einen Euro. Sachzwänge, sicher, auch, aber wurden alle „Gelegenheiten“ genutzt, es besser zu machen?
3. Gesellschaftspolitisch hat Helmut Kohl eine “geistig moralische Wende” propagiert. Im Zuge dieser Wende wurde den Deutschen – darin ist er dem von Helmut Schmidt vorgebahnten Weg gefolgt – madig gemacht, was an emanzipatorisch-zivilgesellschaftlicher Phantasie von den Versprechungen Brandts noch übrig war: dass Politik mehr ist als Macht, Erfolg und Geld (“Wir wollen mehr Demokratie wagen”). Das war damals internationaler Zeitgeist, keine Frage, aber nach Gelegenheiten, dem etwas entgegenzusetzen, hat Helmut Kohl nicht gesucht. Im Gegenteil, solche Suchbewegungen hat er mit Sprüchen wie dem, dass sich eine erfolgreiche Industrienation nicht als kollektiver Freizeitpark organisieren lässt, regelrecht denunziert.

Welche „Gelegenheiten“ hat er also genutzt, welche nicht? Und ist Helmut Kohl damit den Ansprüchen an eine „christliche“ Politik gerecht geworden? Eine Frage, die sich nebenan Ernst Peter Fischer auch gerade stellt. Der Religionswissenschaftler Blume hätte ebenfalls danach fragen dürfen, ohne pietätlos zu erscheinen. Über Grundorientierungen in der Politik wird im Bundestagswahlkampf ohnehin zu wenig gestritten, weil angeblich alle nur unser Bestes wollen.

Kommentare (35)

  1. #1 Alisier
    26. Juni 2017

    Michael Blume ist ein Fall für sich, was die Interpretation von Wirklichkeit betrifft. Er schafft es immer wieder einen sehr eigenen Blick auf Fakten zu haben und alternative Fakten nicht nur zu schaffen, sondern auch zu feiern.
    Ansonsten gute Fragen zu Kohl, nötig, und sicher fern jeder Pietätlosigkeit.

    • #2 Joseph Kuhn
      26. Juni 2017

      @ Alisier:

      “Faktisch” hat er ja vermutlich recht. Aber die Fakten, die er hervorhebt, ergeben ein seltsam verzerrtes Bild.

  2. #3 Withold Ch.
    26. Juni 2017

    … machiavellistische Sekundärtugend.

    Der ist gut!

    „Serendipidät“ kommt mir vor wie ein bunter Lolli, der immer mal wieder im Feuilleton rumgeboten wird, aber fad im Geschmack ist und den Verstand verklebt …

    Viel interessanter fände ich die Anwendung des Begriffspaares “Versuch und Irrtum” auch auf das politische Geschäft.

    Beim verstorbenen Kanzler könnte man dann bezüglich der Anwendung dieses Prinzips – neben der voll-bewussten, auf Machterhalt gerichteten Absicht – zusätzlich von einer Mischung aus “Nicht-Bewusstheit” und/oder Verweigerung sprechen.

    Die Zusammenfassung in den drei Punkten trifft es gut. Man muss Kohl nicht schmähen, aber auch nicht auf einen Sockel stellen.

  3. #4 Robert
    26. Juni 2017

    Withold,
    …..nicht auf einen Sockel stellen,
    da hat er sich schon selbst hingestellt.
    Er reiht sich ein in die Reihe der Großen der deutschen Nachkriegsgeschichte,
    Adenauer
    Brandt
    Schmidt
    Kohl

  4. #5 Withold Ch.
    26. Juni 2017

    @ Robert

    … da hat er sich schon selbst hingestellt.

    … aber da ist doch die Leiter zusammengekracht … :-)

  5. #6 Robert
    26. Juni 2017

    Withold,
    …….politische Tugenden,
    eine wichtige Tugend ist Führungsstärke, er duldete keine fremden Götter neben sich. Ich erinnere an die Konkurrenz zwischen Lafontaine , Scharping und Schröder. Kohl wollte so eine Konstellation auf keinen Fall.
    So und jetzt zum Thema, Gelegenheitsjob.
    Das geht heutzutage überhaupt nicht mehr. Der lange Weg durch die Institutionen verlangt eine “Chimäre” aus Macchiavelli, Roman Herzog und Angela Merkel.

  6. #7 Ingo
    26. Juni 2017

    Als Kohl abgewaehlt wurde musste ich ersteinmal im Grundgesetz nachlesen ob es ueberhaupt zulaessig ist, dass jemand anderes als Kohl Bundeskanzler ist.
    Ich war damals Jugendlicher,- und in meiner gesamten Erinnerung war immer Kohl Bundeskanzler.

    Ich weiss nicht ob er wirklich beliebt war,- ich glaube er war vielmehr derjenige dem die Leute am ehesten Zutrauten nichts kaput zu machen.

    Die meiste Zeit seiner Kanzlerschaft war kalter Krieg. In der Massenkultur dudelten Hits wie

    – “Besuchen sie Europa, solange es noch steht” –
    http://www.songtexte.com/songtext/geier-sturzflug/besuchen-sie-europa-solange-es-noch-steht-73c38621.html (Thema Nukleare Befaffnung, Endzeitstimmung)
    – “Vamos a la Playa” –
    http://www.songtexte.com/uebersetzung/righeira/vamos-a-la-playa-deutsch-3bd6acb0.html (Thema: Nach der nukelaren Explosion gibt es keine stinkenen Fische im Wasser mehr)

    Die Endzeitstimmung war allgemeines Gedankangut,- nicht nur Punks feierten “No Future”,- sondern fast die gesammte intelektuelle Elite beschaeftigte sich mit dem Thema Weltuntergang.
    Fast jede Scince Fiction Produktion spielte in einer post-apokalytischen Welt (Blade Runner etc.)

    Ich denke in einer solchen Stimmung gibt es nur zwei alternativen
    – Radikales Umdenken, auf alle Kosten und grosses Risiko (=Flucht)
    – Blos nicht bewegen, sonst fliegt uns der Laden um die Ohren (=Schockstarre)
    Fuer die erste Moeglichkeit standen damals die Gruenen,- fuer die Schockstarre stand die CDU und Kohl.
    (Die anderen Parteien waren einfach nur da und hatten keinen Einfluss)

    Das erste Umweltministerium (und die Verdienste um Klaus Toepfer) waren eher der Angst geschuldet Waehlerstimmen “an das Waldsterben” zu verlieren. Auch wenn es negativ klingt ist das kein Vorwurf, sondern vielmehr eine der Urkraefte einer Demokratie. Der Rhein wurde pleotzlich sauber und gegen das Waldsterben wurde etwas getan. Ein indirekter Verdienst der Gruenen. Ohne die Gruenen haette es niemals Herrn Toefper (erster Umweltminister (abgesehen von einem Kurzzeit-Umweltminister davor)) gegeben.

    Eigentlich war die Welt (und Deutschland ins besondere) in einer Schach-Matt-Situation. Jeder Zug haette das Ende bedeutet, und die Leute wussten das.
    Ich glaube das wahre Glueck der Geschichte war, dass sich Kohl lange Zeit nicht bewegt hatte (bis eher zufaellig die Deutsche Einheit vorbei kam)

  7. #8 RPGNo1
    26. Juni 2017

    Ich habe so meine Schwierigkeiten, Kohl als einen der größten deutschen Kanzler zu betrachten.

    In der Wendephase 89/90 hat er einen zielsicheren Instinkt bewiesen und die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, um in Zusammenarbeit mit dem kongenialen Außenminister Genscher die Wiedervereinigung voranzutreiben. Dies sollte man insbesondere vor dem Hintergrund der internationalen Politik betrachten. Die alliierten westlichen Partner England, Frankreich, Italien, Niederlande waren zu Anfang gegen die Wiedervereinigung. Nur die USA unter Präsident Georg H.W. Bush stand der Bundesregierung von Anfang zur Seite.
    Und auch in der BRD waren nicht unerhebliche Teile der Bevölkerung und der Parteigrößen gegen den Wiedervereinigungsprozess. Ich glaube, es waren insbesondere Teile der SPD-Linken, die maximal eine lockere Konföderation mit der DDR anstrebten.

    Vor 89/90 und auch danach hat sich Helmut Kohl als reiner Machtmensch und oftmals bräsiger Aussitzer erwiesen. Jeder Konkurrent auf seinen alleinigen Machtanspruch wurde gezielt kaltgestellt; Heiner Geißler kann ein Lied davon singen. In den 90er Jahren galt Deutschland als der kranke Mann Europas, Stichwort Reformstau. Klar, es galt die Last der Wiedervereinigung zu schultern, aber jedes Reformpflänzlein wurde sofort unter der Masse Kohls erstickt. Stattdessen gab es nur ein “Weiter so”, was sich besonders darin zeigt, dass Kohl im Jahr 1998 unbedingt nochmals als Spitzenkandidat zur Wahl antreten musste.

    Nochmals als Fazit: Zur Wendephase und Wiedervereinigung 89/90 war er der richtige Mann am Platz. In den Jahren davor und danach hat er sich machtbewusster, aber bestenfalls mäßiger Politdarsteller erwiesen.

  8. #9 Gerald Fix
    26. Juni 2017

    @Ingo #7
    “Das erste Umweltministerium (und die Verdienste um Klaus Toepfer) waren eher der Angst geschuldet Waehlerstimmen “an das Waldsterben” zu verlieren.”

    Eher nein, das war damals Tschernobyl. Und der Machtmensch Kohl hat seine Chance erkannt: Mit Walter Wallmann hat er einen Politiker in dieses Amt gesetzt, der zu dem Zeitpunkt bereits dafür vorgesehen war, den hessischen Landtags-Wahlkampf zu führen.

  9. #10 rolak
    26. Juni 2017

    über „Serendipidät“

    Falls das jemand mal nachschlagen möchte: im D-Original so, wie es Meister Blume jenseits der Überschrift auch durchgängig schreibt, mit ner Art Doppel-T.

    „christliche[r]“ Politik gerecht geworden?

    Erst mal war er nur Mitglied einer christlich-demokratischen Union, einer Partei, die Ziele verfolgt, die sich aus ~”ihren christlich-sozialen etc etc Wurzeln” ableitbar wären. Die deswegen allerdings nicht mehr unbedingt christlich sein müssen (auch wenn es intern eher nach tausend falschen Schotten aussieht), so ähnlich wie in (Schul)Mathe, wo es mit natürlichen Zahlen startet und nachher um irgendwelche Abbildungen zwischen abstrakten Räumen geht.
    Darüber hinaus ist mit dieser Selbsteinordnung nur das Ziel ~festgelegt, der Weg dahin, die Politik, kann sehr flexibel gestaltet werden.
    Der einzige Aspekt, der mich aktuell noch christlich dünkt, ist der Hang zur maximalen Überwachung, die gelebte Hybris, sich dem Allwissenden anzunähern.

    • #11 Joseph Kuhn
      26. Juni 2017

      @ rolak:

      “Falls das jemand mal nachschlagen möchte”

      Danke für den pädagogischen Fingerzeig. Ist korrigiert, und ich habe auch schon 10 x geschrieben “Du sollst nicht Deines Nächsten d kopieren”.

    • #12 rolak
      26. Juni 2017

      Meine Problemzone sind ja eher die dt-Enden, jetzt nicht das finale Schicksal zeitlicher Differentiale, sondern required-gefordert uvam. Je nach Krausheit des aktuellen Gedankenganges wechseln sich da schon mal Korrekturen und Verschlimmbesserungen ab…

      • #13 Joseph Kuhn
        26. Juni 2017

        @ rolak:

        “d/t”

        Als Franke finde ich, dass da – zumindest beim Sprechen – die Unterschiede eh überbewertet werden.

  10. #14 Withold Ch.
    26. Juni 2017

    @ rolak

    Danke für die Korrektur!

    … und ich hatte es aus dem Post kopiert … und den wiki-Eintrag hatte ich auch gelesen, aber das erste t übersehen …

    Der Begriff hat zwar eine interessante, “märchenhafte” Herkunft, aber seine Anwendung hier im Westen fand ich immer ein wenig gesucht.

    Aber wenn wir schon am richtig Verstehen sind: War nun Kohl als Politiker jemand, der nur gelegentlich arbeitete, weil es für ihn nur wenige Gelegenheiten gab, die ihm passend erschienen und er seine Fähigkeiten voll einbringen konnte? Also nebenbei wiedervereinigen, treuhandeln und Spenden einsammeln? … :-)

    (Gelegenheitsjob)

  11. #15 Robert
    26. Juni 2017

    Wieso werde ich den Verdacht nicht los, dass in diesem blog PR für die C-Parteien gemacht wird? Liegt das an der kommenden Bundestagswahl?

    Der konkurrierende Blog “christlich”, der macht genau das Gegenteil, die rücken die C-Parteien in Richtung Heuchelei und dichten Adenauer und Kohl negative Charaktereigenschaften an. Das ganze firmiert unter Feuilleton , aber das macht die Absicht auch nicht besser.

  12. #16 rolak
    26. Juni 2017

    Jezzma janz deutlich: Das sollte keine Korrektur sein (kam im Artikel ja auch als TitelZitat und war daher ~korrekt) und daß wie hier nach ein wenig suchmaschinen eine Hand auf die Stirne klatscht (trotz dtSensibilisierung) sollte anderswo vermieden werden.

    Und ja, die Verwendung der BrachialÜbersetzung empfand ich ebenfalls als monkeynsianisch (aka affig). Mal ganz abgesehen davon, selbst wenn das Wort als Übersetzung respektive Eindeutschung akzeptabel wäre, es trifft als Beschreibung ja nicht einmal ansatzweise das zu Beschreibende. Es wurde immerhin nichts glücklich gefunden, sondern zwischen gefühlten Äonen rigorosen Aussitzens ein Ding ausgemacht (Organisation des letztlich unausweichlichen Beitritts), das einerseits grotesk unübersichtlich und andrerseits sagenhaft ruhmträchtig war. Und das wurde dann in bester britischer Manier durchgezogen: Right or wrong, my country.

    Dafür ist ja inzwischen eine ziemlich beliebte Gemüsesorte nach ihm benannt worden.

  13. #17 Joseph Kuhn
    26. Juni 2017

    @ Robert:

    “Wieso werde ich den Verdacht nicht los, dass in diesem blog PR für die C-Parteien gemacht wird?”

    Gute Frage. Vielleicht ein psychisches Problem?

    @ rolak:

    “es trifft als Beschreibung ja nicht einmal ansatzweise das zu Beschreibende”

    Trifft es schon, aber um den Preis jeder halbwegs orientierenden Analyse. Ein Gemälde bewertet man ja auch nicht anhand der Gewichtsanteile von Farbpigmenten.

  14. #18 DH
    26. Juni 2017

    Ob das Nutzen von Gelegenheiten nicht generell zu den Eigenschaften von Machtpolitikern zählen muß?

    Kohls Erfolg mag ja auch auf solches zurückgehen, einen viel wichtigeren Faktor hat Blume selber angesprochen, wenn deutsche Konservative gerade gut drauf sind, nehmen sie Forderungen aus dem Volk auf und setzen sie genauso weit um, daß nicht zuviel Unruhe entsteht- mit dem Ziel des eigenen Machterhalts.
    Hat schon Bismarck mit Erfolg vorgemacht.

  15. #19 rolak
    27. Juni 2017

    Trifft es schon

    Der oder die Treffer würden mich schon interessieren, Joseph, geht es imho bei S. sowohl ums vorher nicht gesucht haben als auch ums nachher zu Neuem, Unerwartetem und generell besonders Positivem/Hilfreichem umsetzen. Da sehe ich bestenfalls ‘unerwartet’ für diejenigen erfüllt, die sich das mit der Einheit völlig anders vorgestellt hatten. Es wurde immerhin ‘nur’ eine unabwendbare Aufgabe abgearbeitet, wie gut oder schlecht, insbesondere bzgl genutzter bzw verpaßter Möglichkeiten, sollen andere analysieren.
    Den Kohl-Effekt sehe ich mehr in Richtung ‘alles Negative anderen als Fehler anrechnen, alles Positive als Eigenleistung reklamieren’, durchaus nicht unübliches Verhalten.

    • #20 Joseph Kuhn
      27. Juni 2017

      @ rolak:

      “wie gut oder schlecht, insbesondere bzgl genutzter bzw verpaßter Möglichkeiten, sollen andere analysieren.”

      Aber genau darum geht es doch. Welche “Gelegenheiten” hat er genutzt und in wessen Interesse? Er mag viele “Gelegenheiten” genutzt haben, das Ende der DDR war sicher eine, aber hier fehlt die politisch entscheidende Aussage. Ein Taschendieb nutzt auch “Gelegenheiten”, greift auch beherzt im rechten Moment zu (ich hoffe, jetzt kommt nicht gleich ein Oberflächenkognitiver, der sagt, man könne doch Kohl nicht mit einem Taschendieb vergleichen). Ich wünsche mir Politiker, die jede Gelegenheit nutzen, um möglichst vielen Menschen zu einem guten Leben zu verhelfen: integrative statt selektierende Bildung, Vermögensbildung für alle, Löhne, von denen man leben kann, Verbraucherschutz (auch gegenüber der Auto-, Tabak- und Pharmaindustrie) usw. – und das nicht nur über trickle-down-Effekte, d.h. wenn erst einmal “Gelegenheiten” genutzt werden, Wettbewerbsbedingungen für die Konzerne auf dem Weltmarkt zu verbessern oder die DDR zu übernehmen, weil dabei angeblich irgendwann auch was für die Menschen abfällt.

    • #21 rolak
      27. Juni 2017

      Ok, Joseph, wenn es nur auf das Nutzen einer Gelegenheit runtergebrochen werden soll, kann man es als semantisch kastriertes serendipity zähneknirschend hinnehmen. Aber auch das nur knapp, denn letztlich wurde seit WW2 verfassungsgemäß (GG.Präambel) konzentriert darauf hingearbeitet, von Brandt signifikant anders als von allen vor und nach ihm (was iirc sogar mal zu einer (gescheiterten) Verfassungsklage seitens der CDU führte), aber eben von allen und unablässig.
      Wenn irgendwer irgendwo irgendwann (wenns die Grünen schon als Wahlkampfslogan nehmen…) in den Archiven über irgendeine Klausel gestolpert wäre, die als völlig verqueren Nebeneffekt einen Hebel dargestellt hätte, mit der die DDR aus dem Block der UdSSR gehievt hätte werden können und St. Helmut just dies im fürs Kanzleramt aufgearbeiteten Report erkannt und dann auch umgesetzt hätte, Serendipität, keine Frage.
      In der Realität sah das alles aber mehr aus wie “Was, jetzt? Na gut, dann mach ichs halt, wenns sein muß. Apropos ‘muß’: geht zuerst noch das Mittagessen?”

  16. #22 Robert
    27. Juni 2017

    Joseph Kuhn,
    ……physisch,
    sehr vielsagend und vorallem aussagekräftig.
    Um bei Kohl auch etwas beizutragen. Er hat die Ex-DDR dem freien Markt überlassen. Er hat die Jugend in ein politisches Vakuum geschickt, mit den bekannten Folgen.
    Auf ihn trifft die alte Weisheit zu, wer außenpolitisch Überragendes leistet, der vernachlässigt die Innenpolitik.

  17. #23 ralph
    27. Juni 2017

    @Robert
    “Er hat die Ex-DDR dem freien Markt überlassen”

    Nicht ganz. Es gab und gibt bis heute gigantische Subventionen und Anschubsubventionen aus den alten Bundesländern. In Summe dürfte das im Billionenbereich liegen. Das wird wohl erst um die 2030 auslaufen.
    Durch die Währungs und Sozialunion mit den durch die Politik vorgegebenen Fantasie-Umtauschkursen hatte die grossteils veraltete DDR Industrie keine Chance wirtschaftlich auf den Binnen- oder gar Weltmärkten zu konkurrieren oder sich erstmal zu berappeln.
    Ich sehe dazu aber auch keine Alternative. Andernfalls hätte sich die ex DDR noch mehr und noch schneller entvölkert, falls man nicht für einen Erhalt der Mauer und der Grenzzäune gesorgt hätte. Da muss man mal Oskar Lafontain fragen, wie er sich das gemacht hätte.

  18. #24 ralph
    27. Juni 2017

    @Joseph Kuhn
    “d.h. wenn erst einmal “Gelegenheiten” genutzt werden, Wettbewerbsbedingungen für die Konzerne auf dem Weltmarkt zu verbessern oder die DDR zu übernehmen, weil dabei angeblich irgendwann auch was für die Menschen abfällt.”
    angeblich! Zu DDR Zeiten gings den Menschen ihrer Meinung nach besser? Also meine Verwandschaft aus Grüna bei Chemnitz ist da ganz anderer Meinung.

    “Wettbewerbsbedingungen für die Konzerne”
    Achso, das gilt also nur für böse Konzerne, nicht etwa für Kleinunternehmer, Gewerbe und Mittelstand.
    Aber danke für den üblichen Klischeesprech, alles andere hätte mich bei Ihnen enttäuscht. Wollten Sie nicht noch “neoliberal” einbauen, das muss doch auch irgendwo passen, oder hat sich das zu sehr abgenutzt?

  19. #25 Robert
    27. Juni 2017

    ralph,
    …..Treuhand,
    die haben damals alles abgewickelt , was abgewickelt werden kann. Dabei hätten einige Betriebe nur eine Übergangsfinanzhilfe gebraucht. Prinzipiell hat du schon Recht, im Einzelfall wurden aber Arbeitsplätze leichtsinnig vernichtet.

  20. #26 ralph
    27. Juni 2017

    @Robert
    “Er hat die Jugend in ein politisches Vakuum geschickt, mit den bekannten Folgen.”
    Genau, das war in der DDR viel besser, da gab es Jungpioniere, einen festen Tagesablauf und klare politische Zielvorgaben.
    Aber im Ernst, ohne Ironie mit einem grossen Mass an Freiheit, Freizeit und Wahlmöglichkeiten sind die meisten Menschen, besonders aber junge Menschen überfordert. Das ist tatsächlich ein relativ modernes Prolem. Unter anderem Dostojewskij mit seiner Parabel vom Grossinquisitor im Dialog mit Jesus und etwas später Paul Valery haben sich in genialer weise damit auseinandergesetzt. Kohl eher weniger, da gebe ich ihnen Recht.

  21. #27 ralph
    27. Juni 2017

    @Robert #24
    einverstanden, aber die waren damals wohl ähnlich überfordert wie letztlich die Asylantragsbearbeiter.

  22. #28 Robert
    27. Juni 2017

    ralph,
    ……Jugendprobleme,
    in Baden Württemberg haben sie jetzt Ganztagesschulen eingerichtet, damit die Kinder von der Straße kommen. Das ist schon mal positiv.
    Den Alkoholmissbrauch bei den Heranwachsenden, für den haben sie noch keine Lösung. Kontraproduktiv sind auch die hohen Preise in den Sportvereinen mittlerweile.

  23. #29 Joseph Kuhn
    27. Juni 2017

    @ ralph:

    “Zu DDR Zeiten gings den Menschen ihrer Meinung nach besser?”

    Häh? Woraus leiten Sie das denn ab? Oder ist das einfach die temporale Variante des früher geografisch gängigen Ausgrenzungsspruchs “Wenn Dir hier was nicht passt, geh doch rüber”?

    “böse Konzerne”

    Auch davon war nicht die Rede. Konzerne tun, was Konzerne unter gegebenen Rahmenbedingungen so tun, sie sind keine moralischen Subjekte.

    “Aber danke für den üblichen Klischeesprech, alles andere hätte mich bei Ihnen enttäuscht. Wollten Sie nicht noch “neoliberal” einbauen, das muss doch auch irgendwo passen, oder hat sich das zu sehr abgenutzt?”

    Ja, neoliberal wäre hier genau das richtige Wort. Neoliberales Denken mit seiner Überbetonung der Angebotsorientierung begann nämlich in den 1980er Jahren hegemonial zu werden, nicht nur in Deutschland übrigens parteiübergreifend. Gelegenheiten, dem etwas entgegenzusetzen, und sei es aus einer christlichen Wertehaltung heraus, hat Kohl nicht genutzt, um den “Klischeesprech” noch einmal zu wiederholen, ich will Sie ja nicht unnötig in Ihren Erwartungen enttäuschen.

  24. #30 DH
    27. Juni 2017

    Kohl hatte auch eine gute Portion Glück, er traf im richtigen Alter auf eine Partei, die den burnout der Adenauerära überwunden hatte und offen war für einen neuen Kandidaten, weil Dregger zu weit rechts stand und sich die Alternative eines bayerischen Kandidaten erledigt hatte. Also beides, Chance genutzt, aber auch geschenkt bekommen.

  25. #31 Lemmy
    28. Juni 2017

    Joseph Kuhn #29
    “… die temporale Variante des früher geografisch gängigen Ausgrenzungsspruchs “Wenn Dir hier was nicht passt, geh doch rüber”?

    Eine solche Formulierung such ich seit Jahrzehnten. Gibt es darauf ein (c) ?

    • #32 Joseph Kuhn
      28. Juni 2017

      @ Lemmy:

      “Gibt es darauf ein (c) ?”

      Ne, ist lizenzfrei 😉

  26. #33 Karin
    29. Juni 2017

    Kohl ist tot und die Trauerredner aller Parteien tun so als hätte er keine Interessen vertreten. Die Politik verleugnet sich selbst.

  27. #34 Kassandra
    29. Juni 2017

    Das praktiziere ich schon seit mindestens zwanzig Jahren, die Gelegenheiten an mir vorbeitreiben zu lassen und manchmal eine interessant erscheinende, die in erreichbarer Nähe zu sein scheint, spontan herausangeln, anstatt aus Leibeskräften hinter jeder einzelnen bis zur Erschöpfung herzuhecheln in der Meinung, den Erfolg müsse man sich durch harte Arbeit und ständige Anstrengung verdienen. Ich wußte bislang nur nicht, daß es dafür einen Begriff gibt.

    Er gefällt mir nicht einmal, dieser Begriff. Zu lang, zu unverständlich, und außerdem assoziiere ich ihn aus irgendwelchen Gründen spontan mit “senil”. Ich glaube, ich vergesse ihn lieber gleich wieder.

    Aber trotzdem verstehe ich den Blogartikel nicht. Ob das eine gute oder schlechte Herangehensweise ist, ergibt sich doch nicht aus dem persönlichen Werturteil über die Ergebnisse im Fall Kohl oder sonst einem bestimmten Fall, sondern daraus, ob bzw. in welchen Fällen man damit überhaupt Ziele erreichen kann, was ja nicht nur im Fall von Kohl in zahlreichen Fällen bestätigt werden kann. Ich kann es zum Beispiel aus persönlicher Erfahrung bestätigen.

    Wie die Wiedervereinigung im Detail umgesetzt wurde, hat gar nichts mit dem Mittel des sofortigen Ergreifens plötzlich auftauchender Chancen zu tun, sondern lief wieder nach alltäglicheren bürokratischen Entscheidungsmustern ab, an denen man bestimmt vieles zu Recht kritisieren kann, aber wohl kaum, daß das vorausgegangene Nutzen der Gelegenheit zur Wiedervereinigung durch Kohl daran schuld sei, daß sie getroffen wurden.

    Es ist ja auch umgekehrt nicht so, daß alles, wofür man sich anstrengt und diszipliniert, automatisch zu befürwortende Ergebnisse bringt. Lafontaine warf Helmut Schmidt beispielsweise einmal vor, mit seinen Sekundärtugenden (Pflichtgefühl, Berechenbarkeit, Machbarkeit, Standhaftigkeit) könne man auch ein KZ führen. Das löste heftige Entrüstung aus, obwohl es sachlich zutreffend war. Es sprach allerdings ebenfalls nicht gegen die von Lafontaine aufgezählten Tugenden.

  28. #35 rolak
    8. Juli 2017

    Die aktuelle Nebenjobberin bekam diese Woche extra3-Fett ab. Bei 18:10 gehts los.