Die Fachärztin für evidenzverdünnte Medizin, Frau Bajic, hat vor ein paar Tagen eine interessante Umfrage unter homöopathischen Ärzten kommentiert. Demnach verschreiben 10 % der Befragten bis zu 20 % weniger konventionelle Arzneimittel als der Fachgruppendurchschnitt, 22 % verschreiben 20-40 % weniger, 21 % verschreiben 40-60 % weniger und 22 % verschreiben 60-80 % weniger.

Jetzt könnte man natürlich fragen, ob die wirklich relevante Information nicht die wäre, ob die Patienten verglichen mit anderen Patienten gleichen Alters, Geschlechts, Sozialstatus, Gesundheitszustands etc. bei identischen Krankheitsbildern weniger konventionelle Arzneimittel benötigen und ob die Heilerfolge trotzdem gleich sind. Das wäre allerdings nicht so einfach bei homöopathischen Ärzten abzufragen.

So eine Umfrage geht dafür schnell und macht wenig Arbeit. Um herauszufinden, dass Ärzte, zu denen die Patienten gehen, um „nicht gleich mit Chemie“ behandelt zu werden, weniger Arzneimittel verordnen – dazu hätte man sie aber auch nicht gebraucht.

Wussten Sie eigentlich, dass Orthopäden weniger Brillen als Augenärzte verordnen? Ob man eine Umfrage machen sollte, warum das so ist?

Kommentare (20)

  1. #1 rolak
    21. Februar 2018

    dazu hätte man sie aber auch nicht gebraucht

    Imho der Kernpunkt – führt direkt zu ‘Wozu denn dann?’ Frau Bajic ist ja nicht dumm (obgleich sie faktisch alle HAART-Patienten mit Nebenwirkungs-Behandlung außerhalb ~”des Bodens evidenzbasierter Medizin” sieht) und weiß, daß Fakten bei einer Ideologie irrelevant sind. Also wird der im weißen Kittel herbeireitende HomöoHeld in seinem aufopferungsvollen Kampf gegen den PharmaDrachen in leuchtenden Farben glorifiziert – – es ist eben ein tolles Gefühl, sich im Kampf auf der richtigen Seite zu wähnen.

    Doch grundsätzlich, wenn auch implizit, wird mit solchen Umfragen, ihrer Kommentierung durch FrontAktivisten und insbesondere ihrer Verwurstung in der EinhornRegenbogenpresse die Ärzteschaft dämonisiert, als Büttel des weltumkrakenden Großkapitals diffamiert. (Das verwendete PlakatBild stammt zwar aus einer anderen Zeit, doch diese Art Propaganda erinnerte zu stark).

  2. #2 RPGNo1
    21. Februar 2018

    Ich kann auch andere Rückschlüsse als Frau Bajic aus der Umfrage ziehen. Nämlich dass die Ärzte, die weniger konventionelle (was für ein bescheuerter Begriff) Medikamente verschreiben, bewusst die Gesundheit ihrer Patienten auf das Spiel setzen. Da soll mir der DZVhÄ doch das Gegenteil beweisen.

  3. #3 Mars
    21. Februar 2018

    nun ja, rückschlüsse kann jeder selber ziehen wie er will – fällt unter die meinusgsfreiheit.
    man kann auch schliessen, dass andere ärzte viel zu viel verordnen, teils falsch verordnen. gerade jetzt in der grippewelle, wird auch oft die kleine erkältung erst mal mit AB versucht niedergemetztelt zu werden, was natürlich nicht gelingt, aber dem patient (und der gruppe) schadet.
    also immer wieder diese blöde gegenseitige auf-/abwertung – nicht neues im westen ….

  4. #4 Ludger
    21. Februar 2018

    Das ist halt eine Marketingumfrage. Mit dem Ergebnis lässt sich Lobbyarbeit machen: “Seht her, die Homöopathen sind nützliche Streiter an der therapeutischen Front – wir brauchen mehr davon.”
    Und es immunisiert die Homöopathen selbst natürlich gegen skeptische Fragen. Es handelt sich also insgesamt um eine sehr wertvolle Studie.

  5. #5 Norbert Aust
    Schopfheim
    21. Februar 2018

    Das gibt es sogar in noch schöner: In Frankreich wurde eine sehr umfangreiche Untersuchung zum Vergleich homöopathisch arbeitender Ärzte mit ihren konventionell arbeitenden Kollegen und mit solchen, die beide Therapieansätze verwenden, durchgeführt. Ergebnis dieser Studie (http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0089990): Homöopathisch arbeitende Ärzte verordnen signifikant weniger Anitibiotika als ihre Kollegen. Frau Bajic ist also voll auf dem Boden der Wissenschaft – nur der homöopathischen zwar, aber immerhin.
    Es gibt sogar Leute, die in diesem Ergebnis einen “Beweis” für die Wirksamkeit der Homöopathie sehen, zum Beispiel Herr Behnke von der Carstens-Stiftung (https://www.carstens-stiftung.de/artikel/vorteile-der-homoeopathie-fuer-patienten-und-das-gesundheitssystem.html)

  6. #6 RPGNo1
    21. Februar 2018

    Jawoll. Der Herr Behnke muss schließlich seinen Brötchengeber beschützen, damit das Gehalt weiterhin regelmäßig auf seinem Konto eingeht. 😉

  7. #7 Christian
    22. Februar 2018

    @ #3: Welcher Arzt verschreibt Antibiotika bei Viruserkrankungen??

  8. #8 anderer Michael
    22. Februar 2018

    Christian:
    Das kommt vor und ist durchaus berechtigt. Wenn sich auf eine virusbedingte Infektion der oberen Atemwege eine bakterielle Infektion dazugesellt, kann eine Behandlung mit Antibiotika sinnvoll sein.
    Mars hat nicht ganz unrecht: im richtigen Moment , beim richtigen Anlass das richtige Antibiotikum zu verordnen ist wahrlich nicht immer leicht. Bei Erkältungswellen bekommen die niedergelassenen Ärzte Mitteilungen , ob in der Bevölkerung ein behandlungsbedürftiger Keim kursiert. Daher mag bei Patientinnen der Eindruck entstehen, es werde zu schnell ein Antibiotikum bei einem Praxisbesuch verordnet.

    ( letzteres ist nur eine Vorabinfo. Ich werde mich noch dazu kundig machen)

  9. #9 Gus
    zuhause in Ösiland
    22. Februar 2018

    Lieber Herr Kuhn, mit dem letzten Satz liegen Sie aber falsch. Um dem Niveau der Fr. Bajic zu entsprechen, müssen Sie eine Umfrage machen, um wieviel % weniger es sind.

    • #10 Joseph Kuhn
      22. Februar 2018

      😉

  10. #11 Cornelia S. Gliem
    23. Februar 2018

    Im Grunde müsste man jeden homöopathischen Arzt oder “arzt” verpflichten, auch über die nennen-wir-es-mal VTherapie-Variante der sog. Schul-Medizin (eine zu unrecht so negativ gesehene Bezeichnung!) zu informieren – und zwar mittels Infoflyer des Gesundheitsministeriums. Klar könnte man da keine Wunder erwarten – aber wenigstens könnte kein Patient nachher behaupten, er hätte nichts davon gewusst. Wer jetzt entgegenhält, dass ja der schulmediziner das umgekehrt nicht auch tut, dem sage ich: rechtfertigen muss der mit der schlechteren BeweisLage (hitchens razer).

  11. #12 Solarius
    23. Februar 2018

    Wenn ich eine Frage stellen darf: Was ist eigentlich von folgendem zu halten:

    http://www.heilpraxisnet.de/naturheilpraxis/homoeopathie-kritisch-nachgefragt-zu-urspruengen-anwendung-und-wirksamkeit-20170622280302

    Aktuell existieren 5 indikationsunabhängige systematische Übersichtsarbeiten placebokontrollierter Homöopathiestudien mit statistischer Berechnung (Meta-Analyse) die einen Zeitraum von 1991 – 2014 abdecken: Vier dieser Arbeiten (Klinische Anwendung der Homöopathie, Sind die klinischen Effekte der Homöopathie Placebo-Effekte?, Nachweis der klinischen Wirksamkeit der Homöopathie, Randomisierte placebokontrollierte Studien zur individualisierten homöopathischen Behandlung) schlussfolgern, dass sich die Wirkungen homöopathischer Arzneimittel nicht allein durch Placeboeffekte erklären lassen.

    Also doch besser als Placebo?

    Auf diesen Link mit Jens Behnke bin ich gekommen, weil sein Name hier in den Kommentaren erwähnt worden ist. Da habe ich mal gegoogelt.

  12. #13 anderer Michael
    23. Februar 2018

    Solarius
    Da sollte ein sehr kompetenter Mensch.
    Ich habe das Interview überflogen und stolperte über diesen Satz:
    ” Dasselbe gilt für das Gebiet der muskuloskelletalen Erkrankungen, wie etwa Rheuma..”
    Den verlinkten Orginaltext habe ich sehr grob überflogen.
    Bei Rheuma sollen H. wirksam sein?. Rheuma ist sicherlich ein Allerweltsbegriff. Im engeren Sinn versteht man entzündliche rheumatische Erkrankungen, die eine große Bandbreite haben , erhebliche Probleme für Patienten hervorrufen und auch tödlich sein können. Bei einem schweren Schub eines systemischen Lupus erythematodes helfen keine Globuli. Das hat der Herr… nicht behauptet. Jedoch bin ich der Auffassung, dass die Terminologie korrekt sein muss, eine Laie könnte Probleme haben, diese ungenaue Bezeichnung zu verstehen und ev. ein falsches Bild bekommen.

    Ich gebe zu, das Intwrview klingt sehr überzeugend und seriös. Wenn ich kein Mediziner wäre und die letzten zwei Jahre die diesbezüglichen Diskussionen hier nicht aktiv verfolgt hätte, wäre ich bestimmt verunsichert .( Es ist schließlich die Carl-Carstens-Stiftung).

  13. #14 anderer Michael
    23. Februar 2018

    Kleiner Fehler : die Stiftung wird dort als” Karl und Veronika Carstens Stiftung ” bezeichnet.

  14. #16 rolak
    23. Februar 2018

    Mensch, RPGNo1, wie kannst Du bloß “Da habe ich mal gegoogelt”, die geheime, ultimative, alleserschlagende rhetorische Waffe, das UniversalArgument an sich und per se, die hinterfotzige (selbst wenn wahre) Behauptung um sie alle zu knechten in Frage stellen?
    tststs^^

  15. #17 anderer Michael
    23. Februar 2018

    Gut , ziemlich verwirrend , was ich da zusammengeschrieben habe.
    Zur Klarstellung: Herr Behnke ordnet “Rheuma” in die Gruppe der muskoloskeletalen Erkrankungen ein. Beides sind unpräzise Begriffe. Entzündlich rheumatisch Erkrankungen sind keine muskuloskeletalen Erkrankungen im engeren Sinne, sondern systemische Erkrankungen mit schwersten Verläufen bis zum Tod. Das kann man nicht vergleichen. Das möchte ich deutlich hervorheben.

    “Da sollte ein sehr kompetenter Mensch.” Da fehlte noch “..sich mit beschäftigen.”
    Also ich nicht, sondern RPGNo1, danke dafür und für die Links.

    Zu meinem Kommentar 8: in Krankenhäusern gibt es seit Jahren Informationen über kursierende Keime und die Resistenzlage. Ich dachte so etwas ähnliches gäbe es auch im niedergelassenen Bereich. Ich habe dazu nichts gefunden. Es existieren Pilotprojekte, man kann bei seinem Labor nachfragen oder beim RKI. Aber Berichte wie in den Krankenhäusern, da bin ich überfragt.

  16. #18 Solarius
    23. Februar 2018

    Ich hätte wohl besser gleich die im Interview verlinkte Studie genauer betrachten sollen:

    https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9310601

    …The results of our meta-analysis are not compatible with the hypothesis that the clinical effects of homeopathy are completely due to placebo. However, we found insufficient evidence from these studies that homeopathy is clearly efficacious for any single clinical condition…

  17. #19 Norbert Aust
    23. Februar 2018

    @ Solarius, @ RPGNo1: Was die indikationsübergreifenden Reviews zur Homöopathie betrifft, gibt es mittlerweile deren acht – die alle in einem recht engen Rahmen zu dem gleichen Ergebnis kommen: Die Qualität der Studien ist zu schlecht, um definive Rückschlüsse zur Wirksamkeit ziehen zu können und es gibt kein Krankheitsbild, für das überzeugende Wirknachweise vorliegen würden. Das steht in dem viel geschmähten Review des NHMRC – aber auch in den Reviews von Mathie 2014 und 2017, und der arbeitet für das Homeopathy Research Institute.

    Details hier: http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Systematische_Reviews_zur_Hom%C3%B6opathie_-_%C3%9Cbersicht

    (war in den oben genannten Links noch nicht dabei).

  18. #20 Norbert Aust
    23. Februar 2018

    @ Solarius – Das ist die von den Homöopathen so gerne zitierte Arbeit von Linde aus dem Jahr 1998. Der wesentliche Punkt ist der zweite Halbsatz: Es gibt keine – auch heute noch nicht – Belege dafür, dass die Homöopathie bei irgendeinem Krankheitsbild wirksam wäre. Die erste Hälfte ist schlicht eine mathematisch-statistische Banalität: In jeder Einzelstudie gibt sich der Autor Mühe, wenigstens irgendetwas in die positive Richtung zu berichten. Studien minderer Qualität zeigen üblicherweise ohnehin übertrieben positive Resultate. Wenn man nun hinreichend viele solcher Studien zusammenfasst – und dabei die Studienqualität nicht berücksichtigt – dann kommt man auf etwas Signifikantes. Nur, was das bedeutet, bleibt im Dunkeln. Sie können die Zahl der Kinos in München, die Zahl der Goldmedallien bei den Olympischen Spielen, die Kilometer zwischen Hamburg und Berlin zusammenzählen – die Zahl wird immer größer. Wenn Sie das lange genug machen, können Sie jeden beliebigen Zahlenwert erreichen. Aber was sagt der dann aus, was hat der für eine Bedeutung? Eben. Keine.