Vergangenheit und Zukunft
Am letzten Samstag war ich, wie berichtet, bei einer Industriemesse der Anbieter von Komponenten für die bisher geplante Telematik-Infrastruktur im Gesundheitswesen. Möglicherweise war ich, ohne es zu wissen, in einem Industriemuseum. Das E-Health-Gesetz, das erst Ende 2015 in Kraft getreten ist, sah vor, dass in einem geschlossenen System Daten der ambulanten und stationären Versorgung besser verfügbar und austauschbar sein sollen. Dem ging seit der Gründung der gematik, die die Telematik-Infrastruktur im Gesundheitswesen steuern soll, ein Jahrzehnt Verhaltensstarre der Akteure voraus. Mit den Terminsetzungen im E-Health-Gesetz kam die Sache halbwegs in Gang.

Politische Aufbrüche
Der neue Gesundheitsminister Jens Spahn hat allerdings schnell erkennen lassen, dass er andere Vorstellungen von der Zukunft hat. Er will, dass die Patienten überall Zugriff auf ihre Daten haben. Wer würde dagegen sein? Auch die Forschung soll es leichter haben, Zugang zu den Daten zu bekommen. Wer wollte dagegen sein? Das könnte doch zu ganz neuen Therapien führen. Und zu neuen Produkten natürlich. Im Kern geht es um die Schaffung eines Gesundheitsdatenmarktes, in dem die Wirtschaft das Gold (und das Katzengold) der Gesundheitsdaten heben kann.

Nach Gesundheitsminister Spahn hat (daher?) nun auch Bundeskanzlerin Merkel die elektronische Gesundheitskarte zur Investitionsruine erklärt. Ein bis zwei Milliarden Euro sind damit durch den Schornstein. Gut, man soll schlechtem Geld kein gutes Geld hinterherwerfen, aber man soll gutes Geld auch nicht für fadenscheinige Versprechen ausgeben, was ein freierer Gesundheitsdatenmarkt alles bringen wird.

Problemlösungen und Problemverdrängungen
Die großen Gesundheitsprobleme des Landes – die unteren Einkommensgruppen sterben 10 Jahre früher als die oberen, es fehlen zehntausende Pflegekräfte, die intersektorale Zusammenarbeit ambulant-stationär funktioniert nicht – wird man mit einem freieren Gesundheitsdatenmarkt nicht lösen. Dafür verspricht die wunderbare neue Datenwelt personalisierte Angebote von der Prävention über die Arzneimitteltherapie bis zur Reha. Eine Unterrichtung der EU-Kommission, veröffentlicht als Bundesratsdrucksache 157/18, sei zur Lektüre empfohlen. Ein europäischer Gesundheitsdatenmarkt wird dort als Schlaraffenland der künftigen Versorgung vorgeführt. Kein Problem, dessen Lösung im Gesundheitsdatenmarkt nicht versprochen wird. So wie vor ein paar Jahren durch die Gentechnik und dann die Hirnforschung. Jetzt eben die Gesundheitsdaten. Big Data, Big Brother, takes care for you?

Kommentare (26)

  1. #1 Ludger
    10. Mai 2018

    Die e-GK wurde ab 2003 unter der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt geplant [Wikipedia]. Die Datenspeicherung sollte zentral erfolgen. Ein Grund dafür war das damalige technische Problem, die erforderlichen Datenmengen auf der Karte direkt zu speichern. Die zentrale Datenspeicherung implizierte Probleme, die von der Ärzteschaft abgelehnt wurden:
    1. nicht ausreichender Datenschutz
    https://de.wikipedia.org/wiki/Elektronische_Gesundheitskarte#Ablehnung_durch_den_Deutschen_%C3%84rztetag_2007%E2%80%932013
    2. nicht tolerierbarer Zeitverbrauch für den Zugang zum zentralen Datenspeicher während der Sprechstunde:
    eine Person braucht ein Rezept -> Dr. schiebt seine Karte ins Lesegerät + Person schiebt seine Karte ins Lesegerät -> Dr. gibt seine PIN ein + Person gibt seine PIN ein -> beide warten auf Antwort des Zentralkomputers -> Rezept kann geschrieben werden.
    Leider muss man davon ausgehen, dass ein nenneswerter Prozentsatz der Leute gerade ihre Karte vergessen haben oder die PIN nicht genau kennen. So wäre das nicht praktikabel gewesen. Leider war Frau Schmidt unwillig, von den offiziellen Vertretern der Ärzteschaft Ratschläge anzuhören. Der Vorsitzende der Bundesärztekammer hat damals monatelang keinen Gesprächstermin bei ihr bekommen. Sie bevorzugte andere ärztliche Berater. Inzwischen hat sich die Datenverarbeitungs- und Speichertechnik so massiv weiterentwickelt, dass die Planungen von 2003 technisch obsolet geworden sind. Ein Neuanfang ist daher überfällig gewesen.

  2. #2 Cornelia S. Gliem
    10. Mai 2018

    hm. Da wäre es aus heutiger Sicht einfacher und vom Patienten kontrollierbarer, seine Daten auf einem verschlüsselten usb-Stick zu speichern und dabei zu haben…
    O man.
    ich habe mir angewöhnt, die arztberichte einfach als Foto auf dem Handy dabei zu haben… Sonst fängt man nämlich immer wieder von vorn an.. Selbst im Krankenhaus Scheiben sie – trotz vorliegender Daten! – diese auf Station bei der Anamnese nie zur Hand zu haben.

  3. #3 Cornelia S. Gliem
    10. Mai 2018

    scheinen – nicht Scheiben. blöde autokorrektur :-)

    schönen Feiertag!

  4. #4 Rainer Friebel
    10. Mai 2018

    Schweden scheint ein schönes Beispiel zu sein, wo es eine funktionierende elektronische Patientenakte gibt.
    Ich habe mal einen Artikel gelesen, da dachte ich nur “Toll, müsste man nur übernehmen”, aber das geht ja nicht..

  5. #5 Roland B.
    10. Mai 2018

    Daß ein Herr Spahn die Karte ablehnt, spricht dafür, daß sie sinnvoll ist (oder war).
    Interessant wäre, ob persönliches Unwissen dahintersteckt oder eine finanzstarke Lobbygruppe.

    @Rainer Friebel: Schweden ist halt ein kleines Land, noch dazu ohne CSU.

  6. #6 anderer Michael
    10. Mai 2018

    Ganz einfach. Die Patientin ist informiert und sammelt die relevanten Befunde und bringt diese zum Termin mit.
    Kosten:null

  7. #7 Cornelia S. Gliem
    11. Mai 2018

    Ad #6: klar immer wenn man krank ist, hat man all seine patientenpapiere dabei… Aber darum geht es ja gerade… Und das Beispiel Schweden ist gut: wieso hat brd nicht “damals” einfach das System übernommen gekauft? wieso immer das Rad neu erfinden? Aber nein das wäre zu einfach gewesen – man muss ja immer in jedem Ministerium jede Abteilung in jeder Legislaturperiode demonstrieren, dass man was tut. Da kann man funktionierende Dinge leider leider nicht einfach kopieren. Und wenns jahre dauert teuer wird und dann oft noch nicht mal richtig funktioniert.

  8. #8 gedankenknick
    11. Mai 2018

    Ich will hier mal nur zwei Probleme (von insgesamt vielen vielen mehr) anreißen, und dabei nicht mal auf die eher mich betreffenden “apothekerlichen Probleme” seit 2004 eingehen, die da immer wieder auftauchen…

    1) Die zentrale Speicherung ALLER Patientendaten ist sowas von weitsichtig, dass ich vor lauter Freude nur applaudieren kann. Nicht nur, dass unsere Bundesregierung uns schon vorgeführt hat, welche dramatisch hohen Kompetenzen sie bei IT-Sicherheit vorzuweisen hat (ich sag mal Bundestagsnetzwerk) und was sie von der informatiellen Selbstbestimmung ihrer Bürger bestellt ist (Bundestrojaner, aber auch “alle Daten im Cetrix Frankfurt sind ´Auslandsdaten`”); man baucht nur mal in ex-europäische Ausland schauen, was mit solchen Einrichtungen so passieren kann (und wahrscheinlich auch wird). Die Regional-Zentralserver verschiedener Teile der NHS vom Brexit-Land wurden schon mehrfach gehackt. Dabei wurden zum Teil die Daten kopiert, zum Teil auch komplett gelöscht. Vor einigen Jahren wurde versucht, die Regierung zu erpressen und viel Geld für die Freigabe der kompletten geklauten und gelöschten Gesundheitsakten von irgendwas um 290.000 Patienten gegen Lösegeld “rückzugeben”. Die Regierung lehnte dies ab, die Patientenakten waren anschließend ALLESAMT futsch. Der NHS hatte damals “regionale Superserver” – was passiert wäre, wenn die einen überregionalen Server gehabt hätten, wie ihn sich die deutschen Gesundheitsminister seit vielen Jahren wünschen, darf sich jeder selbst ausmalen.

    2) Die viel gepriesenen “Notfall-Daten” auf der Karte. Sollten diese auf der Karte selber gespeichert sein, müßte man zur sinnvollen Nutzung
    2a) alle Rettungswagen Deutschlands mit passender Lesetechnik ausstatten sowie
    2b) einen zusätzlichen Mitarbeiter pro Rettungswagen planen, der Zeit für die Bearbeitung der Karte hat. Nach Aussagen verschiedener Rettungsteams ist im Falle eines wirklichen Notfalls gar keine Kapazität da, um sich mit so einer Karte auseinanderzusetzen.
    2c) Im Falle der Daten auf einem externen Server müssten dann alle Rettungswagen auch noch mit passenden Datenanbindungen (monatliche Mobilfunkkosten) UND Konnektoren (pro Stück locker 3.000€ plus monatliche Pauschalen) ausgestattet werden. Aber das nur am Rande.

    Ein weiteres Problem wäre, dass hier der Datenstamm auch wirklich AKTUELL gehalten werden müsste. Wer schon ein mal mit Arztpraxen in meiner Region verhandelt hat, damit die Praxis die Verordnung der “Felodipin Dura 5mg Retardtabletten”, welche seit dem 15.10.2015 als “Außer Vertrieb” gemeldet sind und am 14.10.2017 offiziell aus der Lauer-Taxe gelöscht wurden, mal auf eine aktuelle Packung zu ändern, wird da auf absolutes Unverständnis stoßen und folgerichtig auf Granit beißen. Dies ist ins besondere deshalb lustig, weil die damalige (aber jetzt ungültige) PZN korrekt aufgedruckt wird, wie es die KBV seit 01.04.2018 fordert – aber die Datenbank alle Monat zu aktualisieren und NUR die aktualisierte Datenbank zu benutzen, wie es schon seit ??? 2012 ??? gefordert wird, schaffen die allermeisten Arztpraxen komischer Weise nicht. (Warum? Hint: Das kostet richtig Geld!)

    Und dann sollen die Medikationsdaten auf der eGK aktuell gehalten werden? Na viel Spaß…

  9. #9 gedankenknick
    11. Mai 2018

    Nachtrag: Im Falle von 2c wird es ganz besonders lustig, wenn der Notfall mal wieder in einem der vielen vorhandenen Funklöchern stattfindet – wie sie mehr oder weniger flächendeckend in Brandenburg und MeckPom vorhanden sind. Dann besteht nämlich genau die selbe hervorragende Datenverbindung, mit der schon das verunglückte Auto zuvor den Rettungsdienst per e-Call-Wanze gerufen hat. Die haben dann beide nämlich gar keine Datenanbindung, wenn sie nicht auf Mittelwelle Morsezeichen absetzen…

  10. #10 gedankenknick
    11. Mai 2018

    Kein Problem, dessen Lösung im Gesundheitsdatenmarkt nicht versprochen wird. So wie vor ein paar Jahren durch die Gentechnik und dann die Hirnforschung. Jetzt eben die Gesundheitsdaten. Big Data, Big Brother, takes care for you?
    Ach ja, habe ich ganz vergessen: Bis 2025 sollen die aufgeschlüsselten und personenbezogenen Genom-Daten eines jeden EU-Bürgers quer durch alle EU-Länder transferiert werden… müssen, nicht nur dürfen, nach Beschluss der EU. Natürlich nur für “wissenschaftliche Forschung”. Was da genau wissenschaftlich erforscht werden soll, wurde aber noch nicht so genau festgelegt – Cambridge Analytica erforschte ja wissenschaftlich z.B. die Möglichkeiten vom MicroTargeting im Wahlkampf. Diese personalisierte Genom-Forschung – natürlich völlig DSGVO-konform – halte ich für so fundamental wegweisend in die richtige Richtung, auf dass wir es demnächst erleben werden, dass Menschen mit rezessiv vorhandenen Erbrankheiten (wovon jeder von uns so mindestens 10 in sich stecken haben dürfte) erstaunliche Briefe mit positiven Beitragsanpassungen verschiedenster Versicherungen erhalten werden. Menschen mit womöglich gen-exprimierten psychischen Erkrankungen werden z.B. auch Anpassungen ihrer Kfz-Versicherungen erhalten. Etc. Das dient dann natürlich nur der Verbesserung(!) aller Leistungen für alle Versicherungsteilnehmer… In dieser Hinsicht erwartet uns vielleicht eine strahlendere Zukunft als die Bewohner von Prypjat. Ich wage es mir gar nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn solcherlei Datenbanken und Datenhandel schon vor 80 Jahren in Europa existiert hätten. Zu dieser Zeit hat schon die meldeamtliche Erfassung der Religionszugehörigkeit für ausreichend Leid gesorgt. Und natürlich die Verwandtschaft 1. Grades zu einem Individuum, welches zuvor von einem “total wissenschaftlichen” Beurteiler als “lebensunwert” eingeschätzt wurde…

    Ob sich die Geschichte in diesem speziellen Fall wiederholen wird, wird sich zeigen. Ich wünsche mir allerdings, dann nicht in der Nähe der Ereignisse zu weilen.

  11. #11 anderer Michael
    11. Mai 2018

    Gedankenknick
    Du machst mir Angst mit deinem letzten Kommentar, das ist keine Ironie oder Satire. Das meine ich ernst. Ein furchtbares Zukunftsszenario.

  12. #12 gedankenknick
    11. Mai 2018
  13. #13 gedankenknick
    11. Mai 2018

    @anderer Michael:
    Über die Auswirkungen der (von den Kassen gewünschten und angestrebten) eGK kassandre ich schon seit 2003 in der Landschaft rum. Bisher wurde ich hauptsächlich ausgelacht – sowohl was die von mir prognostizierten wirtschaftlichen als auch die datenschutztechnischen Auswirkungen anbelangt. Ganz langsam wird nun alles (viele Jahre nach der prognostizierten aber nie geschafften Einführung dieses Bürokratiemonsters) Schrittchen für Stückchen Realität. Und es wird weitergehen: Zwangszuweisung von Leistungserbringern im Arzneimittelbereich, wie es schon im Hilfsmittelbereich üblich ist. Im Zweifelsfall via Boni / Mali-System direkt zu Gunsten/Lasten des Versicherten. (So, wie es jetzt bei einer Versicherung in der Schweiz mit MocDorris schon Realität geworden ist). Keine Zweitmeinung eines (anderen) Arztes mehr, weil die (Erst)Diagnose ja schon feststeht, da kann man sich eine Zweitmeinung (und die Kosten dafür) dann sparen. Beurteilung der Notwendigkeiten von ärztlichen Behandlungen (inklusive lebensrettenden OPs) life and just on demand durch einen Versicherungs-SACH(!)-bearbeiter. Letzteres wird so weit gehen, dass die OP nachts und am Wochenende nicht mehr durchgeführt wird, wenn der Patient keine private Kostenübernahme im Versicherungsausfall-Fall schriftlich bestätigt. Anpassung der Versicherungstarife an Lebensgewohnheiten, Vorerkrankungen sowie an Risiko-Genom-Auswertungen. Etc. Alles nur eine Frage der Zeit – aber ich gehe jede Wette, ich mit derzeit Anfang 40 werde das noch erleben, wenn mir kein Unfall, keine tötliche Erkrankung und kein psychisches Problem mit sozialverträglichem Ableben dazwischen kommt…

    Zu diesem Thema einfach mal quer vergleichen, wie der britische NHS das z.B. mit Dialyse-Behandlung im Alter handhabt. Da ist das “sozialverträgliche Ableben” im System schon zwangsweise vorgesehen…

  14. #14 gedankenknick
    11. Mai 2018

    Übrigens österreichische Umsetzung DSGVO
    Paragraph 30 Absatz 5: “Gegen Behörden und öffentliche Stellen, wie insbesondere in Formen des öffentlichen Rechts sowie des Privatrechts eingerichtete Stellen, die im gesetzlichen Auftrag handeln, und gegen Körperschaften des öffentlichen Rechts können keine Geldbußen verhängt werden.”

    Das ist doch schön. Denn alle gKVen sind “Körperschaften öffentlichen Rechts”. Alle EU-Administrationen sind “Behörden”. Mit anderen Worten können die, ob DSGVO-konform oder nicht, diese Gesundheitsdaten verarbeiten, verschenken, verkaufen, verlieren… wie sie wollen. Strafbar ist es zumindest nicht. Da staunt der Laie – und der Fachmann wunder sich (gar nicht mehr).

  15. #15 gedankenknick
    11. Mai 2018

    Die eGK steht vor dem Aus! https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/politik/egk-offenbar-vor-dem-endgueltigen-aus-freie-hand-fuer-spahn/ Wenn ich diesen Satz nicht schon mindestens 3x in den letzten 10 Jahren gehört hätte, würde ich es glatt glauben. Andererseits haben die Vorstände der Gematik bisher immer sehr gut verdient, bis sie zurückgetreten sind…

    Allerdings habe ich auch Sorge vor den “Alternativen” die Herr Spahn da in seiner (geheimen) Vorschlag-Kiste zu liegen hat. Wenn ich meine bisherige Erfahrung mit dem deutschen Gesundheitswesen und dessen Politik extrapoliere, kann es nicht nur NOCH schlimmer werden, nein es WIRD.

  16. #16 schrittmacherm
    11. Mai 2018

    Wenn ich einen “totalen Staat” errichten will, dann wären auch oder gerade Gesundheitsdaten die Primärquelle der Steuerungsstrategien der einzelnen Bürger.

    Ganz im Sinne behavioristischer Konditionierungsstrategien. Falls jemand noch nicht krank genug ist, würde er dann, im Falle seiner Delinquenz etwa, weitere Manipulationen “benötigen”, bis er irgendwann erzwungener Maßen “unterwürfig”/gefügig wird. Eben weil er aus Gründen seiner gesundheitlichen Einschränkungen unfähig zum Widerspruch/Widerstand wurde.

    Schöne neue Welt, hä?
    Das ganze “Neusprech” (frei nach Orwell wohl), wie die Neuerungen dieser Art immer angepriesen werden, findet sich auch in den gegenwärtig eher leise kritisierten Datenschutzgesetz-Problematik wieder. Mit welch tollen Worten unsere Einverständniserklärung zu den Nutzungsbedingungen erschlichen wird, ist schon ziemlich listig und gemein. Selbstverständlich kein/kaum ein Wort darüber, wie die Nutzerdaten so genutz werden können.

    Nudging falsch angewendet.

    Aus China weht eine Vision herrüber, die anscheinend nur dort stattfindet: dieses soziale Steuerungssystem, von dem die Rede ist.

    In den Medien ist es China, die wegen der Einführung eben die Bösen sind.
    Aber kein Wort in den Medien davon, dass dies freilich global der Fall ist – also auch bei uns. Nur eben nicht als öffentlich bekannte Zielsetzung, sondern bemüht unausgesprochen und verleugnet. Mit jeweils den schönsten Worten des individuellen Vorteils, anstatt mit der sachlichen Ansage, das diese Daten, wenn sie anfallen, automatisch auch zur sozialen Steuerung verwendet werden, weil sie innerhalb des BigData-Systems eben dazu verwendet werden.

    Es macht die Dinge ja auch so einfach, die Digitalisierung der vormals analog bearbeiteten Welt.

  17. #17 Cornelia S. Gliem
    12. Mai 2018

    ookay – klar gibt es da gefahren und auch ich traue unserer Regierung leider nicht soviel technik-kompetenzmäßig zu (=was eigentlich ein Widerspruch ist :-)), aber: als jemand der schon öfters Angehörige ins Krankenhaus bringen musste und jedesmal alles doppelt und dreifach mitteilen und raussuchen musste, würde die Speicherung der Arztberichte (inkl. medikamentenlisten) wesentlich helfen.
    Ich rede hier nicht über notfall-anrufe im krankenwagen; allerdings stelle ich mir das auch nicht so schwer vor: wozu internet Verbindung etc.? Ein simpler usb-Kartenleser reicht. Und dann eben “nur” der Zugriff auf Allergien und Medikamente. .. Da hat niemand was gegen Datenoffenlegung. Und klar – wir als Patienten sollten völlige Einsicht über die eigenen gespeicherten Daten besitzen, und selbst entscheiden. Und wer alles über seinen Alltag bei Facebook offenbart, wird wohl auch im ärztlichen notfall relevantes notÄrzten zur Verfügung stellen?
    big-brother-Ängste gut und richtig, aber es kommt darauf an…

  18. #18 Joseph Kuhn
    13. Mai 2018

    Updates:

    1. Jetzt wieder andersherum: Gesundheitsminister Spahn bekennt sich der Ärztezeitung zufolge zur elektronischen Gesundheitskarte und zur Telematik-Infrastruktur. Drehschwindel ist bei dem Thema derzeit nicht ausgeschlossen.

    2. Frau Bär ist noch eine Runde hinterher: Sie zweifelt gerade an der Gesundheitskarte. Vermutlich hat ihr Spahn wieder nicht Bescheid gesagt.

  19. #19 gedankenknick
    13. Mai 2018

    @J.K. #18 Drehschwindel ist bei dem Thema derzeit nicht ausgeschlossen.
    Ich plädiere dafür, dass ARLEVERT (R) derzeit auf Kosten des Bundestages rezeptfei an jeden bedürftigen Bundesbürger abgegeben wird, so er nachweisen kann, dass er wählen war. Ich könnte ja zur Abrechnung so einen Dokubogen dafür ausfüllen, wie er bei der PilleDanach gefordert wird…

    Ganz ehrlich, da wundern sich unsere Politiker über Politikverdrossenheit? Und insbesondere Herr Spahn, dessen Politik ja schon scheinbar mehrfach von seinem Busenkumpel Mäxchen Müller beeinflusst wurde? Ich frage mich da immer, was an dem Wort “Demokratie” so schwer nachzuvollziehen ist…

  20. #20 Laie
    14. Mai 2018

    @Gedankenknick
    Es freut mich sehr, dass was Sie in Beitrag #10 Schreiben nicht nur meine Sichtweise ist. Danke für Ihren Beitrag!

    Wesentlich besser ist es, seine relevanten Gesundheitsdaten bei sich in gedruckter Form im Portemonnaie zu habe. Damit kann man dem Problem einer Fehlbehandlung bei nicht mehr ansprechenbaren Personen umgehen.

    Zusätzlich aber erst an 2. Stelle wäre es, diese Daten in einen kleinen Chip auf einer eigenen Gesundheitskarte abzuspeichern, der dann berührungslos sofort ausgelesen wird. Das braucht dann auch nicht in einem unsicheren zentralen Server oder unsicheren verteilten Server der inkompetenten staatlich Beauftragten (Umsetzer) abholen, soferne kein Funkloch besteht.

    Als weitere kleine Ergänzung zur elektronische Gesundheitsakte sei nebenbei erwähnt, welche “Qualität” die für die Umsetzung Verantwortlichen aufweisen. (Wer es in der Privatwirtschatft nicht schafft arbeitet für den Staat, da ist Datensicherheit also kein Thema)

  21. #21 shader
    14. Mai 2018

    “Ganz einfach. Die Patientin ist informiert und sammelt die relevanten Befunde und bringt diese zum Termin mit.
    Kosten:null”

    @anderer Michael, die eigene Buchhaltung sind keine Null Kosten. Mit anderen Worten, die Verwaltungskosten (und dazu gehört auch die Zeit)werden letztendlich auf den Patienten umgewälzt. Und auch da hätten wir wieder das Problem, dass ärmere und schwer kranke Menschen besonders benachteiligt wären, weil die einfach nicht Energie haben, alle ärztlichen Befunde selbst aufzuheben und mitzubringen.

  22. #22 Joseph Kuhn
    14. Mai 2018

    Zwischenstand, mit möglicherweise geringer Halbwertszeit:

    Die Süddeutsche berichtet heute aus einem “eiligen Brief” des BMG an die Kassen und Ärzte: “Nach einer “Vielzahl an öffentlichen Spekulationen” um die Zukunft des Projekts wolle man betonen, dass es sowohl bei der flächendeckenden Installation der Verbindungsgeräte als auch bei der Nutzung der Chipkarte bleibe, heißt es in dem Schreiben, das der SZ vorliegt. Spahn plane außerdem den “Anschluss des Pflegebereichs” an das Datennetz.”

    Die “Vielzahl der Spekulationen” hatte Spahn mit seiner kürzlichen Absage an die Gesundheitskarte selbst ausgelöst. Ob er neu eingenordet hat wurde und falls ja, von wem, gehört in den Bereich der “Vielzahl der Spekulationen”.

    Nicht zur “Vielzahl der Spekulationen” gehört, dass Dorothee Bär, für Digitalisierung im Bundeskanzleramt zuständig, vor zwei Tagen noch mit der klaren Ansage zitiert wurde: “Jetzt noch mal alles auf Null – auch, wenn es einen Aufschrei geben wird.” Da war Spahn schon auf neuem Kurs.

    Zur “Vielzahl der Spekulationen” wiederum gehört, wie Spahn die Gesundheitsdaten sicher auf die privaten Endgeräte bringen will, ob die Ärzte, die sich schon Konnektoren haben einrichten lassen, den EDV-Fachmann dafür wieder kommen lassen müssen, ob der auch gleich einen neuen Konnektor mitbringen muss, und ob man jetzt besser noch einen der alten kauft oder abwartet und wie Spahn die Pflege einbinden will.

    Die Stiftung Patientenschutz fordert inzwischen ein Bundesamt für medizinischen Datenschutz und Dorothee Bär ein Fach Digitalkunde im Schulunterricht.

  23. #23 Joseph Kuhn
    15. Mai 2018

    Update:

    Auch das Ärzteblatt greift heute die europäische Perspektive eines einheitlichen Gesundheitsdatenmarktes auf, die oben im Blogbeitrag im dritten Absatz angesprochen wurde. Das Ärzteblatt verlinkt dazu zwei weitere Dokumente:

    1. EU-Factsheet „The digital transformation of healthcare“, dort finden sich am Ende weitere interessante Links.

    2. EU-Kommission, Synopsis report of the public consultation on building a European data economy.

    It’s the economy, stupid!

  24. #24 gedankenknick
    15. Mai 2018

    Übrigens um als “Fachpersonal” mitmachen zu dürfen, braucht man ja den berüchtigten “Heilberufsausweis” mit – so ich mich recht erinnere – acht(!)stelliger PIN. Zum Erhalt muss man laut einer Apothekerkammer sich 2x dem Post-Ident-Verfahren unterwerfen (kostet Geld!), 8€ im Monat für die “Überwachung der Karte” löhnen, und alle 5 Jahre das ganze von vorne (Verfalldatum der Karte).

    SecurPharm schläg nochmals mit weit über 100€ pro Jahr zu.

    Der Datenschutzbeauftrage sagt, dass ich auf Rechnern mit Internetanschluss keine Patientendaten haben darf. Der Gesetzgeber sagt, dass ich auf Rechnern ohne Internetanschluss keine Arzneimittel mehr bearbeiten darf – SecurPharm! Das schließt also eine “Patientenakte” bzw. Kundenkartei bei mir in der Apotheke zukünftig aus? Das ist bestimmt prima, wenn ich Interaktionscheks durchführen möchte.

    Derweil arbeitet die EU daran, munter alle elektronischen Patientendaten inklusive Genom un-pseudonymisiert (sowieso quatsch, FratzenBuch fügt das schneller wieder zusammen als meine Rezeptbearbeitung dauert) und un-annonymisiert (spätestens wenn das GENOM aller Bürger ausgewertet ist, ist die Annonymisierung von Patientendaten eh umsonst) hin und her verkaufen dürfen. Ich gehe davon aus, dass dann auch Ermittlungsbehörden “aus wichtigem Grund” – also z.B. dem Download eines Thomas-Mann-Buchs im epup-Format – einfach mal auf die Genom-Daten zugreifen dürfen werden… Von Geheimdiensten schweige ich mal vorsichtshalber.

    Aber ich tapeziere demnächst die Wände meiner Bude mit Datenschutzhinweisen und -bestimmungen, um ein ärztlich verordnetes Rezept beliefern zu dürfen…

    Hingegen sollen dann alle mündigen Bürger mit ihrer total sicheren App auf einem total unsicheren Endgerät Zugriff auf die digitale Akte haben.

    Irgendwie bin ich zu Blöde für dieses System!

  25. #25 Joseph Kuhn
    21. Juni 2018

    Update mit vorläufiger, vielleicht auch vorübergehender Revision des Zwischenstands vom 14. Mai:

    Jetzt meldet der Ärztliche Nachrichtendienst: “Die eGK wird zum Rentnerausweis. Das BMG lässt keine Zweifel, dass es die Gesundheitskarte als Auslaufmodell sieht. Man will sie aber erst mal einführen: Für all jene, die Apps nicht nutzen können oder wollen.”

    Eine neue Wendung im Telematik-Chaos. Wenn das stimmen sollte, es blickt ja keiner mehr durch, wäre das die Botschaft an die Ärzte: Kauft die Geräte, damit ihr sie bald wegschmeißen könnt. Seid umschlungen, Milliarden, oh Wahnsinn, nimm Deinen Lauf.

    In der Ärzteschaft gibt es jetzt schon massiven Widerstand gegen die Telematik-Infratstruktur. Solche Meldungen sind Wasser auf den Mühlen dieses Widerstands. Dummheit oder Absicht?

    Ein Statement von Frau Bär fehlt noch. Inhalt wäre inzwischen schon egal.

  26. #26 demolog
    25. Juni 2018

    Es gibt Ärzte, die nehmen nichts digitales (etwa MRT-Bilder) von Patienten an.
    Aber ihre Abrechnung funktioniert natürlich vollvernetzt.

    So richtig plausibel ist der ganze Digital-Umgang in den Praxen noch nicht.