Gestern hat Trump vom Flugzeug aus das ohnehin substanzlose Abschlusskommuniqué des G 6+1-Gipfels platzen lassen. Nachdem der große Bewerter kurz vorher die Beziehungen zu den sechs anderen noch mit Bestnote auszeichnete, kam es dann dick – natürlich per tweet: „Very dishonest & weak“, sei Trudeau, sehr unehrenhaft und schwach. Und: „I have instructed our U.S. Reps not to endorse the Communique as we look at Tariffs on automobiles flooding the U.S. Market!” Bum. Ich, Trump, habe gesprochen.

Was lernen wir daraus: Gut 25 Jahre nach dem Ende des Ostblocks und dem Zusammenbruch der Sowjetunion samt zwischenzeitlichen Blüte des Neoliberalismus ist auch der Nachkriegs-Westen am Ende. Trump setzt sich im Prinzip nur über morsch gewordene Regeln und rituell beschworene, aber nicht gelebte gemeinsame Werte hinweg, weil er schon charakterlich für die Aufrechterhaltung von Fassaden nicht geeignet ist. Er verkörpert aber nur in besonderer Weise den neuen Typus des brachialen, monomanischen Volkstribuns, der zurzeit rund um den Globus immer häufiger auftritt: Putin, Erdogan, Duterte …

Sie bemühen das Nationale („America first“), die Tradition (und daher nicht selten die Religion), das Anti-Elitäre (obgleich selbst abgehobene Elite) und ein exklusiv verstandenes „Volk“ (gegen Minderheiten aller Art). Gemeinsam vereinbarte Regeln empfinden sie nur als Einschränkung ihres voluntaristischen Spielraums. Dagegen sind Autokraten und Diktatoren, die noch dem alten Rechts-Links-Schema anhängen, geradezu unterkomplex gestrickt – und daher berechenbarer und weniger verunsichernd. Auch bei Möchtegerne-Führern wie Gauland weiß man, wofür die Hundekrawatte steht. Aber das Verunsichernde der neuen Volkstribune ist das Zeichen der Zeit.

Wir wissen alle nicht mehr so recht, was unsere gemeinsamen Werte sind und wie sie sich zu denen auf dem Bankkonto verhalten, zum Umgang mit den seit Jahren zu tausenden im Mittelmeer ertrinkenden Flüchtlingen, den in den Heimen schlecht gepflegten Alten, den vergessenen Arbeitslosen oder prekär Beschäftigten. Dagegen hilft kein Kreuz in Behördeneingängen. Dagegen hilft nur ein New Deal unseres Miteinanders. Das würde aber viele eingespielte Arrangements, viel Wegsehen beenden, nicht Wenigen auch ungemessene Privilegien kosten, das vertraute Gesicht der Welt verändern. Wollen wir das wirklich? Große Veränderungen machen Angst. Dafür steht Trump.

Kommentare (103)

  1. #1 Alisier
    10. Juni 2018

    Schöner Post!
    Vielen Dank dafür.

  2. #2 RPGNo1
    10. Juni 2018

    Wir sollten trotzdem nicht vergessen, dass es in den USA noch andere Personen als Trump gibt.
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/g7-gipfel-trotz-absage-von-donald-trump-stehen-eu-und-deutschland-hinter-abmachung-a-1212128.html

  3. #3 Joseph Kuhn
    10. Juni 2018

    @ RPGNo1:

    “Wir sollten trotzdem nicht vergessen, dass es in den USA noch andere Personen als Trump gibt.”

    Ca. 326 Millionen. Politische Rüpel gab es immer wieder, man erinnere sich nur an Chruschtschows Auftritt mit dem Schuh in der UNO. Aber Trump ist ein symptomatischer Rüpel der neuen globalen Verunsicherung, sozusagen ein Zeitzeichen.

    Auf Tagesschau.de gibt es einen Kommentar zu Trumps Schuhevent, der mit den Worten beginnt: “42 Jahre G7, 42 Jahre Wertegemeinschaft. Für diesen amerikanischen Präsidenten ist die faktische Aufkündigung der Gemeinsamkeiten mit dieser Wertegemeinschaft ein Tweet wert.” Die Wertegemeinschaft hat nicht Trump aufgekündigt, sie war vorher erodiert. Ihn schert lediglich das Getue darum nicht mehr.

    Und kaum macht Trumps Coup die Runde, meldet sich auch schon sein Geistesbruder Putin zu Wort, der “lupenreine Demokrat”: G 7 sei “kreatives Gelaber”, und dass er sich gerne mit Trump treffen würde. Motto: Lass uns gemeinsam auf internationale Regeln pfeifen.

  4. #4 hmann
    10. Juni 2018

    JK,
    Bei aller Kritik an Trumps undiplomatischem Verhalten darf man nicht vergessen, worum es geht.
    Es geht darum, trotz Freihandel sich solidarisch zu verhalten. Das tut Europa nicht gegenüber den USA und Deutschland nicht gegenüber der EU.
    Der Exportüberschuss Deutschland beträgt 200 Milliarden Euro und ist höher als aller anderen EU Staaten zusammen. Das ist unsolidarisch.
    In Japan regelt die Miti die gerechte Verteilung der Exporte. Wenn ein Konzern zu hohe Exportüberschüsse erzielt muss es seine Exporte zurückfahren, dass andere Konzerne ihre Ausfuhren steigern können. Das finde ich ein brauchbares Konzept für Europa.
    Der neue italienische Ministerpräsident denkt in diese Richtung.

  5. #5 Cornelia S. Gliem
    10. Juni 2018

    ich stimme vielem zu – sehe aber unser wertes Stempel keineswegs “erodiert” – ein teil wurde durch neoliberale Exzesse beschädigt, ein teil durch populistische anti-Demokraten beleidigt und vorgeführt.
    Ja. Aber unsere westlichen werte erleben gerade auch einen auftrieb gerade im Gegensatz in Abgrenzung zu neoliberalen und national-populistischen Extremisten.
    ich bin vorsichtig optimistisch – auf längere Sicht könnten sich Trump Putin Erdogan orban und Konsorten als letztes aufbäumen herausstellen.

  6. #6 Alisier
    10. Juni 2018

    Mit am interessantesten ist für mich die Motivation derer, die Trump toll finden.
    Könnte es sein, dass diese Menschen denen ähneln, die es toll finden wenn man sich in einer Menschenmenge in die Luft sprengt?
    Nach dem Motto: “Jetzt haben wirs denen aber mal so richtig gezeigt!”
    Sollte mehr dahinterstecken bitte ich um Vorschläge was das denn sein könnte.

  7. #7 RPGNo1
    10. Juni 2018

    @Alisier
    Das sind die gleichen Personen, die die AfD für eine normale konservative Partei halten, Politiker wie Erdogan, Putin, Kaczyński oder Orban als lupenreine Demokraten sehen und einfache Lösungen für komplizierte Sachverhalte sehen.

    Ich weiß, das ist keine Erklärung. Aber Irrationalität im großem Stil hat momentan im 21. Jh. Konjunktur.

  8. #8 Schmidts Katze
    10. Juni 2018

    Das sehe ich genauso, wie hmann, Freihandel funktioniert nur bei ausgeglichenen Handelsbilanzen.Wenn es an einer Stelle hohe Überschüsse gibt, entstehen zwangsläufig woanders Schulden.
    Die USA konnten das ziemlich lange hinnehmen, weil der Dollar Weltreservewährung war, aber die Zeit geht zu Ende.

    Da hat auch Obama schon immer drauf hingewiesen, aber Deutschland hat sich da ziemlich schwerhörig gezeigt.Trump ist halt deutlich direkter als Obama.

    Das Hauptproblem der USA ist allerdings nicht Deutschland oder die EU, sondern China.

  9. #9 hmann
    10. Juni 2018

    Schmidts Katze,
    …..Hauptproblem China……
    genau, China hat mit seinen Dumpingpreisen die Elektroindustrie geschädigt, die Elektronikindustrie unmöglich gemacht, das Handwerk fast “ausgetrocknet”,
    und unser Staat hat bereitwillig dabei geholfen um der Großindustrie nicht das Geschäft zu verderben.
    Es gibt in Süddeutschland nur noch ein Textilunternehmen als Beispiel.

  10. #10 Joseph Kuhn
    10. Juni 2018

    “Freihandel funktioniert nur bei ausgeglichenen Handelsbilanzen”

    Das außenwirtschaftliche Gleichgewicht hat in Deutschland als Teil des “Magischen Vierecks” seit dem Stabilitätsgesetz 1967 sogar Gesetzesrang.

    Etwas eigenartig ist, dass derzeit gerade die Weltmächte USA, Russland und China mit dem Narrativ arbeiten, man habe ihre Ehre beschmutzt bzw. sie seien lange betrogen worden und es sei Zeit, wieder mit Macht auf die Bühne der Weltpolitik zurückzukehren – indem man das Korsett der unfairen Regeln abwirft. Ich frage mich nur, wer diese Regeln gegen die Weltmächte durchsetzen konnte. Ein Glück, dass wenigstens Länder wie der Sudan, Bangladesh, der Irak oder Afghanistan so wunderbar blühen und sich nicht auch noch benachteiligt fühlen.

    “China hat mit seinen Dumpingpreisen (…) das Handwerk fast “ausgetrocknet”, und unser Staat hat bereitwillig dabei geholfen”

    Deswegen gibt es nur noch chinesische Friseure und Klempner. Jetzt verstehe ich endlich die Weltwirtschaft. Man sollte vielleicht ein Kreuz in jeden Friseursalon hängen.

  11. #11 hmann
    10. Juni 2018

    JK,
    entscheidend ist doch , in welchen Zeiträumen man denkt. Das einzige Land, das Grund zum Klagen hätte, wäre China, das ja anfänglich von England, (Boxeraufstand 1900), dann von Japan, dann von den USA bedrängt wurde.
    Bei den USA liegen die Dinge etwas komplizierter, weil Europa unter dem atomaren Schirm der USA ungehemmt seine Infrastruktur ausbauen konnte.
    Und sie haben uns nicht dafür zur Kasse gebeten!

    Was Trump genau mit unfairen Regeln meint, das sollte mal genau analysiert werden.

    Was das außenwirtschaftliche Gleichgewicht anbetrifft, das wird nicht mehr beachtet. Ich denke auch, dass der Einfluss der Politik gering geworden ist. die Wirtschaft expandiert, notfalls auch ohne Hermes Bürgschaften.

  12. #12 Schmidts Katze
    10. Juni 2018

    Im Frisörhandwerk machen wir die Dumpinglöhne schon selbst.
    Wenn der VW-Arbeiter 5 € mehr für seinen Haarschnitt bezahlen würde, könnte die Frisöse das Geld wieder an der Adria ausgeben, mit dem der italienische Hotelier seinen Golf bezahlt hat.

  13. #13 Cornelia S. Gliem
    10. Juni 2018

    Ach Freihandel ach Globalisierung – letztenendes läuft es doch auf echte Weltwirtschaft hinaus; entweder unter einem Hegemonie oder in einem Staat. .. Wenn man gerechten und sozialen Handel will.
    wirtschaft funktioniert auf lange Sicht nur in einem relativ einheitlichen System, sonst wird immer jemand benachteiligt bzw. ausgenutzt.
    Dass aber im 21.jh gerade (ehemalige? ) Großmächte von ihrer ehre reden und wie sie doch so furchtbar benachteiligt wurden …ist schon erstaunlich und frech.
    Ich bin wahrscheinlich voreingenommen, aber ein Weltstaat mit sozialer Marktwirtschaft ist m.A. nach die einzig vernünftige Lösung, und auf dem weg dahin zwischenstaatlichen Gebilde wie EU*. Irgendwann – oder es endet im Chaos (=damit meine ich nicht mal kriege, wir sehen ja was allein wirtschaftliche Krisen plus umweltklima-Probleme ausmachen).
    Globalisierung als chance: aber eben auch politisch sozial rechtsstaatlich.
    Ich hoffe in 20 Jahren gucken wir zurück und sehen trumpPutinKim als letzte Vertreter ihrer Art (=so wie sich in Kuba gerade castro-Ära verabschiedet).

    *oder sogar GUS deren Chancen bisher völlig ungenutzt blieben…

  14. #14 Alisier
    10. Juni 2018

    @ Joseph Kuhn #10
    Yep, da ist einer der Kerne des Pudels: wenn alle über “Die da oben” schimpfen, obwohl sie selber die da oben sind, könnte man auf den Gedanken kommen, dass da einige falsch spielen.
    Es ist vieles ungerecht, aber wenn die gelbe Frisur sich beschwert und jammert darf man sich auch mal mit Ökonomie beschäftigen, und wenn man das tut sieht man recht schnell, dass das Ganze wesentlich komplexer ist, als es sich die hmänner dieser Welt so vorstellen.
    “China ist schuld, die EU ist Schuld, Merkel ist Schuld”…..sind wir hier im Kindergarten oder können wir Probleme gemeinsam lösen?
    Das ist die entscheidende Frage aus meiner Sicht.
    Und mit Egomanen zusammen wird man Probleme eher nicht lösen können. Wir brauchen Dialog und Kooperation und zwar an allen Ecken und Enden.
    Es sollte z.B. auch um den Klimawandel gehen: dass Trump, AfD und Konsorten gerade das Thema für überflüssig halten spricht Bände.
    Sie haben wirklich NICHTS verstanden, und das sollte uns allen Sorgen machen.

  15. #15 Alisier
    10. Juni 2018

    Zustimmung Cornelia S. Gliem.
    Die fehlende Rechtsstaatlichkeit macht z.B. den Chinesen schwer zu schaffen, auch wenn das Reden darüber fast nur noch in den Familien stattfindet.
    Aber was soll man von Menschen halten, die von Demokratie, Sozialstaatlichkeit und Rechtstaatlichkeit enorm profitieren, und alles damit Zusammenhängende abschaffen wollen, weil….?

  16. #16 Joseph Kuhn
    10. Juni 2018

    Update:

    Die Printausgabe des aktuellen SPIEGEL beschäftigt sich auch mit der Konjunktur der Autokraten. Demnach gebe es weltweit einen starken Rückgang demokratischer Ordnungen, nur noch 4,5 Prozent der Weltbevölkerung würden in einer “vollständigen Demokratie” leben, die meisten in Westeuropa.

  17. #17 Alisier
    10. Juni 2018

    Gut, das ist aber auch typisch Spiegel, mal eben den Untergang der Demokratie auszurufen.
    Ich erlaube mir, das Ganze differenzierter zu sehen, und die Strukturen, die beispielsweise in Russland oder China herrschen als weitaus demokratischer zu sehen, als sie es zu Zeiten der UdSSR oder Maos je gewesen sind.
    Zwei Schritt vor und einen zurück ist eben das Tempo, und es sind alles Menschen, die die gleichen Grundbedürfnisse haben.
    Die Schwachkopfquote dürfte auch überall ungefähr gleich sein, außer bei der AfD und besonders bei ihren Wählern…..

    • #18 Joseph Kuhn
      10. Juni 2018

      @ Alisier:

      “typisch Spiegel”

      ts ts, dabei haben die doch die Rubrik “Früher war alles schlechter”, in der sie jede Woche zeigen, dass alles besser wird 😉

      “weitaus demokratischer … als … zu Zeiten der UdSSR oder Maos”

      Das muss kein Widerspruch zur Feststellung der SPIEGEL-Autoren sein. Sie sagen zwar nicht, auf welchen Zeitpunkt sie sich konkret beziehen (oder ich habe es überlesen), aber da in dem Artikel davon die Rede ist, dass sich die Zahl der Demokratien nach 1989 verdreifacht habe, scheint es um die jüngere Vergangenheit zu gehen. Klar, nähme man als Referenzpunkt das Jahr 1500, würden wir alle in viel demokratischeren Zeiten als früher leben.

  18. #19 Alisier
    10. Juni 2018

    Genau das……man nimmt 1989 als Referenz, und beschwert sich dann, dass es seither nur schlechter geworden ist.
    Das Pendel schlägt halt aus, und ich würde sogar behaupten, dass Deutschland seit 1944 ein paar Fortschritte gemacht.
    Mir missfällt die pechschwarze Brille halt genauso wie mir die rosa Brille missfällt.

    • #20 Joseph Kuhn
      10. Juni 2018

      @ Alisier:

      “Mir missfällt die pechschwarze Brille halt genauso wie mir die rosa Brille missfällt.”

      Wenn Du nicht mal eine Meinung hast, kannst Du sie natürlich auch nicht für Dich behalten. 😉 Im Ernst: Die SPIEGEL-Autoren beziehen sich zumindest bei den 4,5 % auf eine Bertelsmann-Studie. Die müsste man sich mal ansehen, ich habe sie auf die Schnelle nicht gefunden. Alles Schwarzmalen will ich gewiss nicht, aber sehen, dass im Moment in der politischen Verarbeitung gesellschaftlicher Probleme einiges aus dem Ruder läuft, sollte man schon. Das sind keine Naturprozesse, indem “halt mal ein Pendel ausschlägt”, sondern etwas, das verstanden werden will, damit man weiß, was zu tun wäre.

  19. #21 Alisier
    10. Juni 2018

    Ich stimme zu, und verstehen möchte ich es auch, und zwar möglichst genau.
    Sehen wir uns also die Studie mal an.
    Es läuft sicher vieles aus dem Ruder: ich würde mal bei der AfD und ihren Claqueuren anfangen, als Problem, dem wir hier begegnen können und müssen.

  20. #22 Joseph Kuhn
    10. Juni 2018

    Update:

    In der Tagesschau kam gerade, dass der kleine Regelverletzer Gauland (heute ohne Hundekrawatte – wurde ihm die am See etwa auch geklaut?) das Verhalten des großen Regelverletzers Trump unterstützt. Trudeau habe Trump provoziert. Da Trump in seiner Reaktion mit Maßnahmen gegen die deutsche Automobilindustrie, deren Werte in Deutschland bekanntlich unantastbar sind, gedroht hat, könnte es sein, dass die AfD Gauland jetzt als vaterlandslosen Gesellen ansieht, oder in den Worten Weidels über solche Leute: “Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK”.

  21. #23 Alisier
    10. Juni 2018

    Vorschlag zur Güte:
    die Weltgemeinschaft schenkt Trump, der AfD, Erdogan und wer sonst noch wild fuchtelnd durch die Gegend irrlichtert, eine schöne Insel, auf der sie dann bleiben und sich selbst regieren.
    Hat bei Napoleon doch auch funktioniert, zumindest beim zweiten Versuch…..

  22. #24 Schmidts Katze
    10. Juni 2018

    “Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster.”
    Sagt Gramsci jedenfalls.

    Die Monster auf eine Insel schicken wird nichts ändern, die sind nur Symptome.

  23. #25 Cornelia S. Gliem
    10. Juni 2018

    mir ist grad noch was klar geworden von wegen “lupenreine Demokraten” – lupenreinen stimmt :-), denn vollständige Demokratie ohne “eintrübung” durch minderheitenschutz und “einfassung” durch rechtsstaat/Verfassung fällt das Licht durch – und verbrennt darunter alles …
    :-)
    ernsthafter: reine Demokratie ist eben nach unserer heutigen sicht undemokratisch/ungerecht/unsozial.

  24. #26 tomtoo
    10. Juni 2018

    Naja, nach dem er es ja wie immer mit seiner Urwald-Macho-Tour bei G7 ziemlich verbockt hat, kann man nur hoffen, das er es bei Kim besser macht.

  25. #27 Hobbes
    10. Juni 2018

    “Freihandel funktioniert nur bei ausgeglichenen Handelsbilanzen”

    Nein eben nicht. Die Auswirkung von Handelsungleichgewichten sind weit komplexer als man meint. Auch dauerhafte Defizite sind kein Problem. Denn in Handels und Leistungsbilanzen sind Kapitalflüsse und Kapitalschöpfung unberücksichtigt. Das Handelsbilanzen ausgeglichen seien müssten ist ein Relikt aus dem 18 Jhd.
    Nur mal 3 von vielen Beispielen wie negative Handelsbilanzen keine Auswirkugen haben.
    Ein Milliardär zieht von Land A nach Land B. Alles was er jetzt konsumiert und mit dem mitgenommenen Geld kauft wird zwangsläufig die Handelsbilanz belasten.
    Land A Importiert jede Menge Güter und wächst aber schneller, so dass die relative Last der Fremdwährungsverschuldung sinkt.
    Die Rohstoffe zwischen Land A und B werden in Dollar bezahlt obwohl kein Land $ drucken kann. Beide Länder brauchen also einen Dollarvorrat der durch Importüberschuss erst einmal erstellt werden muss. Die USA bekommen so Waren im Wert von 600Mrd $ geschenkt! Und müssen, um einer Deflation entgegen zu wirken auch ein Handelsbilanzdefizt von 600 Mrd fahren. Das ist nicht schlecht für die USA. Im Gegenteil die USA saugen so andere Länder leer.

    Deutschland ist größtenteils unkritisch weil es sich hier um das erste Beispiel handelt. Nicht das alle Reichen abhauen, aber der Devisengewinn wird für eine Expansion ins Ausland genutzt. Natürlich kann es auch schädlich sein. So zum Beispiel wie man es in Norwegen macht. Die (Öl)Deviesen nutzen um am (ausländischen)Aktienmarkt Anteile dividendestarker Unternehmen zu kaufen. Smart, aber asozial.

    Die starke Exportorientierung Deustchlands hat Nachteile. Aber es sind nicht die, die Trump und viele Andere andauernd behaupten. Die Überschuldung findet NICHT durch Handelsbilanzdefizite statt.
    Es ist relativ langwerig das alles im Detail zu erklären, aber ich erwarte natürlich auch nicht, dass man mir einfach glaubt. Deshalb einfach mal ein plausibilitätstest.
    Der Außenhandelsüberschuss Deutschlands beträgt etwa 200Mrd. Die Globale gesamtverschuldung beträgt hingegen 200 Billionen! Die kommulierten Außenhandelsüberschüsse (die durch diverse Finanzkriesen auch wieder vernichtet wurden, stupid German money) betragen seit dem zweiten Weltkrieg weniger als 4Billionen. Also 2%. Wohl gemerkt ohne Pleiten und Kapitalwanderung zu berücksichtigen.

    Achja die mit abstand Effektivste Methode den Überschuss zu verringern sind Steuersenkungen. Und Steuererhöhungen haben den gegenteiligen Effekt.
    Jetzt vergleiche man mal die Steuern zwischen den USA und Deutschland. Achja und man erinnere sich was Trump bei den Steuern gemacht hat. Und wie die verteufeler unseres Überschusses bei uns zu Steuersenkungen stehen.

    Schon wieder viel zu viel geschrieben.

  26. #28 RPGNo1
    10. Juni 2018

    @Hobbes

    Schon wieder viel zu viel geschrieben.

    Finde ich nicht. Danke für die Erklärung.

  27. #29 Alisier
    10. Juni 2018

    Und es dürfte ruhig noch ein bisschen mehr sein, Hobbes……..

  28. #30 Cornelia S. Gliem
    10. Juni 2018

    #27 ad Hobbes: nicht zuviel :-), gut dass mal jemand klar macht dass es so erbrach nicht ist von wegen böse Handelsbilanz etc.
    was m.A. nach grundsätzlich verwechselt wird ist der Handel zwischen Personen und zwischen staaten; das ist eben nicht das gleiche. so wie etwa auch schulden für einen staat was anderes sind. ..

  29. #31 PDP10
    10. Juni 2018

    „I have instructed our U.S. Reps not to endorse the Communique as we look at Tariffs on automobiles flooding the U.S. Market!”

    Mannmannmann … der GRÖDIMAZ (größter Dealmaker aller Zeiten, lautliche Umschrift) wieder. Hat immer noch nicht mitgekriegt, dass zB BMW eines seiner größten Werke in den USA betreibt (*)…

    Und nicht nur BMW.

    Dieser Artikel hier liefert ein differenziertes Bild und enthält auch ein putziges Detail:

    https://www.zeit.de/2017/03/autoindustrie-usa-zulieferer-ausland-donald-trump-grenzsteuer/komplettansicht

    Zitat: “Jedes Jahr stellt die US-Webseite Cars.com eine Liste der Modelle zusammen, die größtenteils im Land produziert und verkauft wurden. Mindestens 75 Prozent der verbauten Teile müssen in den USA hergestellt sein. Sieger 2016: der Toyota Camry. Auf Platz zwei folgt Honda. Erst auf Platz sechs findet sich ein US-Hersteller, es ist GM mit dem Chevrolet Traverse.”

    Noch ein Artikel der einen Überblick darüber liefert, wie kompliziert das mit dem internationalen Handel in Wirklichkeit ist:

    https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-03/importzoelle-autos-donald-trump-usa-deutschland

    Nochwas:

    Stellvertretend ein Zitat von @Schmidts Katze:

    Das sehe ich genauso, wie hmann, Freihandel funktioniert nur bei ausgeglichenen Handelsbilanzen.Wenn es an einer Stelle hohe Überschüsse gibt, entstehen zwangsläufig woanders Schulden.

    Das ist was, dass man immer wieder als Argument vorgelesen bekommt … allein: Nie macht dann auch jemand konkrete Vorschläge, wie das eigentlich funktionieren soll …

    Sollen die europäischen und speziell die deutschen Firmen einfach mal ein paar Werke schliessen und ein paar Hunderttausend Leute entlassen? Oder wie?
    Nein, das ist natürlich als Frage zugespitzt, aber nochmal: Wie soll das gehen?

    (*): NB: Die Modelle der deutschen Hersteller sind in den USA in der Regel deutlich teurer als die Pendants der amerikanischen Hersteller – und werden trotzdem gekauft wie blöde. Während sich die amerikanischen Autochen in Europa so gar nicht verkaufen. Woran das wohl liegt?
    Jeremy Clarkson würde rhetorisch fragen: “Could it be, that American cars are just … horrible crap?”

  30. #32 Joseph Kuhn
    10. Juni 2018

    @ Hobbes:

    “Die Auswirkung von Handelsungleichgewichten sind weit komplexer als man meint.”

    Das stimmt.

    “Das Handelsbilanzen ausgeglichen seien müssten ist ein Relikt aus dem 18 Jhd.”

    Ausgeglichen nicht, aber dass dauerhaft große Ungleichgewichte per se kein Problem darstellen, scheint mir eine Minderheitenmeinung zu sein, siehe auch den verlinkten Beitrag. Ich bin allerdings kein Volkswirt.

    “die mit abstand Effektivste Methode den Überschuss zu verringern sind Steuersenkungen”

    Was meinen Sie damit konkret? Schäubles These, die Deutschen hätten dann mehr Geld in der Tasche, um ausländische Waren zu kaufen?

    @ Cornelia S. Gliem:

    “gut dass mal jemand klar macht”

    Was konkret ist denn jetzt klar? Ich denke, es ist “weit komplexer als man meint”. Ich fürchte, auch als Sie und Hobbes meinen 😉

  31. #33 PDP10
    10. Juni 2018

    Ah! Gute Übersicht von @Hobbes!

    Der Post kam als ich meinen gerade geschrieben habe. … Hätt ich mir so auch sparen können :-).

  32. #34 PDP10
    10. Juni 2018

    @Joseph Kuhn:

    Schäubles These, die Deutschen hätten dann mehr Geld in der Tasche, um ausländische Waren zu kaufen?

    Nein. Um inländische Waren zu kaufen. Die dann nicht mehr exportiert werden.

    So jedenfalls die Standardtheorie in der Neoklassik.

    Ob das wirklich so ist hat mir aber noch keiner vorgerechnet – wobei ich dazu sagen muss, dass mein Wissen über Fiskalpolitik noch eher bescheiden bis nicht vorhanden ist …

  33. #35 Schmidts Katze
    10. Juni 2018

    @Hobbes,
    zu deinen Beispielen:
    1. Das ist ein Vermögenstransfer, der taucht ganz normal in der Zahlungsbilanz auf, auch wenn im Gegenzug keine Waren fließen.
    2. wird in der Realität nicht vorkommen, es stimmt aber, die relative Verschuldung würde sinken, die absolute aber natürlich nicht.
    3. Es haben zwar viele Länder Dollarguthaben, aber für den Aussenhandel werden die nicht gebraucht.
    Ich kann natürlich Waren für Dollar kaufen, wenn ich gar keine habe, ich muss nur wissen, daß ich, wenn die Zahlung fällig wird, Dollar bekomme, am besten vom selben Handelspartner, dann braucht der nämlich auch keine Dollar.
    Für die USA war diese Verschuldung bisher kein Problem, da sie Dollar drucken können, und das Geld bisher trotzdem weltweit Vertrauen genoss.

    Zu der globalen Gesamtverschuldung:
    Wo kommt diese Zahl her, und bei wem ist die Welt verschuldet?
    Nach meinem Verständnis steht jedem Schuldner ein Gläubiger entgegen, und jeder Schuld ein gleich hohes Vermögen, so daß die Gesamtschulden der ganzen Welt genau Null betragen müssen.

    Deinen letzten Absatz habe ich nicht verstanden.
    Warum verringern Steuersenkungen den Aussenhandelsüberschuss?

  34. #36 Joseph Kuhn
    10. Juni 2018

    @ all:

    Die Bewertung von Handelsüberschüssen war eigentlich nicht das Blogthema. Vielleicht wollt ihr das Thema nebenan in CCs neuem OLT-Thread besprechen? Oder haben wir hier ausreichend volkswirtschaftliche Fachkompetenz, damit es wenigstens eine lohnende OT-Diskussion wird?

    @ PDP10:

    “Um inländische Waren zu kaufen. Die dann nicht mehr exportiert werden.”

    Ich glaube nicht, dass die Deutschen dann alle Autos und Maschinen kaufen würden, die jetzt in die USA exportiert werden. Glaubst Du das wirklich?

    Wenn es also – so oder so – um einen Binnenkonsumeffekt geht, warum dann nicht höhere Löhne, das würde den Leuten auch mehr Geld bringen, aber nicht wie bei Steuersenkungen zu noch mehr Problemen bei der Finanzierung der öffentlichen Infrastruktur (Bildung …) führen.

  35. #37 PDP10
    10. Juni 2018

    @Schmidts Katze:

    1. Das ist ein Vermögenstransfer, der taucht ganz normal in der Zahlungsbilanz auf, auch wenn im Gegenzug keine Waren fließen.

    Das stimmt meines Wissens nicht. Quelle?

    3. Es haben zwar viele Länder Dollarguthaben, aber für den Aussenhandel werden die nicht gebraucht.

    Du darfst das nicht mit den Devisenreserven der Notenbanken verwechseln. Es geht hier um wirtschaftliche Akteure. Siehe den Absatz vor der letzten Grafik in dem zweiten von mir oben verlinkten Artikel.

    Nach meinem Verständnis steht jedem Schuldner ein Gläubiger entgegen, und jeder Schuld ein gleich hohes Vermögen, so daß die Gesamtschulden der ganzen Welt genau Null betragen müssen.

    Jein. Dabei übersiehst du, dass Banken Geld erschaffen können – und nicht nur die Notenbanken.

  36. #38 Schmidts Katze
    10. Juni 2018

    Das ist was, dass man immer wieder als Argument vorgelesen bekommt … allein: Nie macht dann auch jemand konkrete Vorschläge, wie das eigentlich funktionieren soll …

    @ PDP10, habe ich doch in #12 geschrieben:
    Einfach mal nach Italien fahren, und da Geld ausgeben.
    Aber dafür müssten hier einige Leute mal etwas mehr Geld in der Tasche haben.

    Italien hatte über Jahre eine höhere Inflation als Deutschland, in einer Währungsunion funktioniert das nicht.
    Und auch im Aussenhandel ist der Euro für Deutschland unter- und für die Südländer überbewertet.

  37. #39 PDP10
    10. Juni 2018

    @Joseph Kuhn:

    Um wieder On-Topic zu kommen (gehen? werden? Wie? Was? …):

    Wir wissen alle nicht mehr so recht, was unsere gemeinsamen Werte sind

    Dazu habe ich ergänzend zu deinem verlinkten Artikel ein bisschen Lesestoff von vor längerer Zeit ausgegraben. Grundlagen für alle interessierten quasi.

    Ein Gastartikel des Historikers Heinrich August Winklers in der Zeit von 2013:

    https://www.zeit.de/2013/26/aussenpolitik-menschenrechte-westen/komplettansicht

  38. #40 PDP10
    10. Juni 2018

    @Joseph Kuhn:

    BTW: Was ist eigentlich dem Diskussionsbereich des Artikels zum Homöopathenkongress von gestern zugestoßen?

    • #41 Joseph Kuhn
      10. Juni 2018

      Gute Frage. Da war die Kommentarfunktion deaktiviert. Habe sie wieder aktiviert. Danke für den Hinweis.

      Aus dem verlinkten Winkler-Artikel: “Die Stärke der Kräfte, die auf Veränderung drängen, wird regelmäßig unterschätzt, die Stabilität autoritärer Regime überschätzt.” Der Artikel ist von 2013. Hoffen wir, dass man das heute nicht so lesen muss, dass die Veränderungskräfte der neuen Autokraten unterschätzt werden, die Stabilität demokratischer Systeme überschätzt wird.

  39. #42 PDP10
    10. Juni 2018

    @Joseph Kuhn:

    Ich glaube nicht, dass die Deutschen dann alle Autos und Maschinen kaufen würden, die jetzt in die USA exportiert werden. Glaubst Du das wirklich?

    Ich sagte ja, ich weiß es nicht wirklich.

    aber nicht wie bei Steuersenkungen zu noch mehr Problemen bei der Finanzierung der öffentlichen Infrastruktur (Bildung …) führen.

    Das ist auch so eine Sache aus der Nationalökonomie, die sich viele Politiker gerne fluffig denken.

    Die Idee ist, dass Steuersenkungen sowohl zu mehr Konsum als auch zu mehr Steuereinnahmen führen können. Das ganze nennt sich Laffer-Kurve:

    https://www.zeit.de/2018/18/steuersatz-steuereinnahmen-laffer-kurve-oekonomie/komplettansicht

    Und da wären wir auch wieder bei Trump …

  40. #43 Cornelia S. Gliem
    10. Juni 2018

    Wir wissen sehr wohl was unsere gemeinsamen werte sind:
    Menschenrechte Gewaltenteilung Rechtsstaat Aufklärung Humanismus und Liberalismus (der nicht nur national oder wirtschaftlich ist) sowie ein historisch entwickelter angepasster “Sozialismus”. Auch die durch historische Erfahrung (30jähriger Krieg, Napoleonischen Kriege, zwei Weltkriege, Kalter Krieg und 1989) entwickelte internationale (Rechts)Ordnung mit Völkerrecht, Genfer Konvention, UN, IWF, Internationaler Gerichtshof etc.) gehört dazu. Auch grundlegende Soziale Konventionen wie Man-hält-sich-an-Abmachungen und Verträge sind Ergebnis von jahrtausendelangen zivilisationsprozessen.
    Wir sind nicht (!) unsicher was unsere werte betrifft: es gibt nur viele die sie absichtlich unterminieren u abschaffen wollen oder eben sehr viele, die einfach ratlos sind wie darauf zu reagieren ist.
    Im Grunde die Situation wenn auch jemand öffentlich total daneben benimmt und alle darum entweder lachen müssen oder verlegen sind oder sich empören…

  41. #44 DH
    10. Juni 2018

    Trump und Co. dürften auch Ergebnis der letzten zwanzig Jahre sein, in denen lange erstmal ein erheblicher Druck echter Progressiver im Vordergrund stand.
    Die Großdemos der Globalisierungskritiker, aufkommende NGOs, und speziell in den USA und bei uns so gut wie unbekannt, eine radikale und z.T. ziemlich militante Ökobewegung, haben Vielen wohl tatsächlich Angst gemacht.
    Man darf nicht vergessen, daß es Viele gibt, die mit dem maroden status quo zufrieden sind und nichts daran ändern wollen, und das nicht nur auf Seite der üblichen Verdächtigen, die gibt es genauso auf der Seite der vermeintlich Progressiven.
    Es ist normal, daß es da Wellenbewegungen gibt, Veränderungen passieren nicht einfach so, es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß es zu harten inneren Kämpfen in den westlichen Gesellschaften kommen wird, auch zu physischen Kämpfen.
    Alles andere als neu, war schon immer so, haben wir nur vergessen.

  42. #45 Joseph Kuhn
    10. Juni 2018

    @ PDP10:

    “Die Idee ist … Das ganze nennt sich Laffer-Kurve”

    Böse Zungen behaupten, die Laffer-Kurve gehöre ins Repertoire des ideologischen Neoliberalismus und habe keinerlei empirische Fundierung.

    @ Cornelia S. Gliem:

    “unsere gemeinsamen werte sind:
    Menschenrechte Gewaltenteilung Rechtsstaat Aufklärung Humanismus und Liberalismus”

    Und was sagen dazu die Menschen, die auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken, in den Heimen wundliegen, sich mithilfe einer Tafel ernähren müssen, zu Hungerlöhnen unsere Billigfleischexporte ermöglichen, in Krisengebieten von deutschen Waffen erschossen werden …?

    @ DH:

    “Ergebnis der letzten zwanzig Jahre … lange erstmal ein erheblicher Druck echter Progressiver”

    Waren die letzten 20 Jahre nicht eher die hohe Zeit des Neoliberalismus, mit Deregulierung, Steuersenkungen, mehr prekärer Arbeit, Verkauf von Sozialwohnungen, Mietpreisanstieg …?

  43. #46 PDP10
    10. Juni 2018

    @Schmidts Katze:

    Und auch im Aussenhandel ist der Euro für Deutschland unter- und für die Südländer überbewertet.

    Wenn das so einfach wäre, müssten Waren-, Immobilien- und sonstige Vermögenspreise in den Südländern doch sehr attraktiv sein. Warum investieren da also nicht viel mehr Leute / Firmen aus dem Euro-Raum?

    Dazu kommt noch: Was den Südländern früher ihre “billigen” Währungen waren sind heute die schlechten Bonitäten ihrer Staatsanleihen. Wenn die sich Geld leihen wollen müssen die eben viel höhere Zinsen zahlen als die Nordländer. Analog zu den schlecht bewerteten Währungen früherer Zeiten…

    Das hilft den Ländern natürlich nicht gerade. Was ihnen aber hilft, ist die höhere Kaufkraft des Euro in den Ländern. Nämlich bei den Exporten in die EU.

  44. #47 PDP10
    10. Juni 2018

    @Joseph Kuhn:

    Und was sagen dazu die Menschen, die auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken,

    Da sind mit Sicherheit viele dabei, die sich nicht – wie die AfD sagen würde – “von unseren Fleischtöpfen nähren wollen”, sondern die eben wegen jener Werte da weg wollten wo sie vorher waren.

    in den Heimen wundliegen, sich mithilfe einer Tafel ernähren müssen, zu Hungerlöhnen unsere Billigfleischexporte ermöglichen, in Krisengebieten von deutschen Waffen erschossen werden …?

    Echt jetzt? Torpfostenverschiebung? Troll! ;-).

    (Du hast die Kinder in Afrika vergessen und die toten Wale und überhaupt!)

    Nein, im Ernst:

    Welche Werte waren das nochmal, die es uns möglich machen – uns sogar darauf verpflichten! – solche Missstände (*) zu diskutieren, öffentlich an zu prangern, dagegen zu demonstrieren, zu klagen, dagegen an zu schreiben?

    (*): Ja, der Duden sagt, dass man das mit drei ‘s’ schreibt … ich kann nix dafür.

  45. #48 Schmidts Katze
    11. Juni 2018

    Vielleicht wollt ihr das Thema nebenan in CCs neuem OLT-Thread besprechen?

    Ich würde das gern weiterdiskutieren, aber Florian als Gastgeber vorziehen.
    http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2016/08/01/verschwoerungsgeplauder-xv-den-weltuntergang-ueberleben-in-der-antarktis/

    Heute aber nicht mehr, gute Nacht.

  46. #49 Joseph Kuhn
    11. Juni 2018

    @ PDP10:

    Warum ist der Hinweis auf Missstände, die nicht zu den viel bemühten “westlichen Werten” passen, eine Torpfostenverschiebung?

    Dass wir darüber diskutieren können, heißt doch nicht, dass im Grunde alles gut ist. Es wäre alles gut, wenn es keine ernsten Probleme gäbe, über die man reden müsste. Noch weniger gut wäre natürlich, wenn man nicht einmal mehr darüber reden dürfte, aber dass dem so ist, habe ich nicht behauptet. Eine Torpfostenverschiebung? 😉

  47. #50 PDP10
    11. Juni 2018

    @Joseph Kuhn:

    Dass wir darüber diskutieren können, heißt doch nicht, dass im Grunde alles gut ist.

    Das habe ich auch nicht behauptet.

    Dass es allen und jedem jederzeit gut geht, ist allerdings auch nicht das Versprechen der “westlichen Werte”.

    Ansonsten schließe ich mich @Schmidts Katze an. Nicht was das verschieben der Diskussion in einen anderen Thread angeht … aber dem Hinweis auf die Uhrzeit. Heute nicht mehr … gute Nacht.

  48. #51 Joseph Kuhn
    11. Juni 2018

    Update:

    Nachdem Trump in seinem ersten Wuttweet schon die deutsche Autoindustrie aufs Korn genommen hat, hat er noch mal nachgelegt:

    “….Germany pays 1% (slowly) of GDP towards NATO, while we pay 4% of a MUCH larger GDP. Does anybody believe that makes sense? We protect Europe (which is good) at great financial loss, and then get unfairly clobbered on Trade. Change is coming!”

    Er hat zwar recht, dass wir davon profitieren, dass die USA die NATO überproportional finanzieren, aber der Vergleich der Militärausgaben ist nicht sinnvoll. Die USA verfolgen Weltmachtinteressen, wir (hoffentlich) nicht mehr. Auch die NATO war nie nur “Schutzbündnis”, sondern immer auch Instrument amerikanischer Weltmachtpolitik. Vielleicht sieht Trump sie heute eher industriepolitisch als Verkaufsagentur für amerikanische Waffen (und amerikanisches statt russisches Gas, amerikanische Autos)?

    Und sollte man, wenn es um Stabilität in der Welt geht, nicht auch die Entwicklungshilfeausgaben im Auge haben?

    Man könnte meinen, solche Fragen ließen sich gut im kleinen Kreis im G 7-Format besprechen. Aber Trump zieht Twitter vor, das eignet sich eher, um “Partner” zu irritieren. Immerhin fordert sein Sicherheitsberater Bolton noch nicht, uns zu bombardieren – dessen Patentlösung für alle Probleme. Das wäre übrigens ein wirklich überzeugendes Argument, aufzurüsten.*

    (* sicherheitshalber: das war ein Witz)

  49. #52 hmann
    11. Juni 2018

    Hobbes
    …Handelsbilanz….
    du hast natürlich Recht, die Handelsbilanz sagt nichts darüber aus, wo die Wertschöpfung stattgefunden hat, wie die Einkommensverteilung in einem Land ist.
    Und da die Politiker wieder gewählt werden wollen schauen sie zuerst mal, ob da eine Schwarze Zahl vor dem Komma steht.

    Cornelia
    bei Trump werden zwei Themen miteinander vermischt, die Wirtschaft und die Politik. In der Politik benimmt er sich wie ein Trampeltier, wobei ich den Verdacht hege, dass ein ganz scharfes Kalkül dahinter steckt. Man schau nur mal auf die Nahostpolitik.
    Was die Wirtschaftspolitik betrifft, da scheint Trump der erste Ökonom neben den vielen Monetaristen seiner Vorgänger zu sein.
    Er hat erkannt, dass eine Wirtschaftspolitik, bei der möglichst viel Kapital ins Land kommt, dem Land schadet, weil die Wertschöpfung unbeachtet bleibt. D.h. der Arbeiter hat nichts davon, salopp formuliert.

  50. #53 Kassandra
    11. Juni 2018

    “unsere gemeinsamen werte sind:
    Menschenrechte Gewaltenteilung Rechtsstaat Aufklärung Humanismus und Liberalismus”

    Und was sagen dazu die Menschen, die auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken, in den Heimen wundliegen, sich mithilfe einer Tafel ernähren müssen, zu Hungerlöhnen unsere Billigfleischexporte ermöglichen, in Krisengebieten von deutschen Waffen erschossen werden …?

    Die Werte sind Grundlage des Staatswesens im Westen oder sollten es jedenfalls sein. Der Vorwurf, dass dies die Welt noch nicht zu einem Paradies gemacht hat, in der niemand einen Grund sieht, sein Heimatland zu verlassen, ist mir zu populistisch, und die Form, in der das vorgebracht wird, ebenfalls.

    Dass kaum ein Staat seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird, liegt nicht an diesen Werten. Und es reicht auch nicht, auf sie zu verweisen, wenn das in einem Punkt nicht der Fall ist, sondern dann muss analysiert werden, warum das so ist. Und zwar korrekt, nicht wie es der Zeitgeist verlangt und deshalb opportun erscheint. Andernfalls lösen die Lösungsvorschläge das Problem nicht.

    Etwas zu den Billigfleischexporten: Ich hatte da vor ein paar Jahren mal ein Aha-Erlebnis, allerdings würde ich die Quellen vermutlich nur mit großem Aufwand wiederfinden, weil ich das Thema nicht kontinuierlich verfolgt habe, ich bitte deshalb um Nachsicht dafür, dass ich darauf verzichtet habe. Der Schlüsselfaktor scheinen nämlich die Schlachthöfe zu sein. Es gibt einen Trend zu immer größeren Schlachthöfen, während immer mehr kleinere Schlachthöfe sich außerstande sehen, die ständig verschärften Vorschriften zu erfüllen, was für kleinere Bauernhöfe natürlich ein Problem ist, weil die Wege zum nächstgelegenen Schlachthof immer weiter werden.

    Große Schlachthöfe ergeben natürlich nur dann einen Sinn, wenn Großproduzenten mit im Spiel sind. Solche, die Billigfleisch produzieren, das zu einem großen Teil im Export landet.

    Der Bereich, in dem man da ansetzen müsste, ist die EU. Von der stammen sowohl die Regulierungen, vor denen die kleineren Schlachthöfe in die Knie gehen, wie auch die Förderung der Massenschlachtanstalten. Wer kein massenproduziertes Billigfleisch haben will, muss aber dafür sorgen, dass die kleinen Produzenten es möglichst einfach haben, nicht die großen.

    Außerdem noch etwas zu den Menschen, die im Mittelmeer ertrinken, weil ich die medialen Darstellungen und die üblichen Schlagworte da auch extrem problematisch finde.

    Einer von denen, die es heil über das Mittelmeer geschafft haben, hat von mir eine Wohnung gemietet. Frau und drei Kinder hat er im Heimatland zurückgelassen. Er will auch selbst wieder zurück. Da, wo er herkommt, ist es wirklich nicht ganz ungefährlich, aber nach Deutschland ist er trotzdem nicht deshalb gekommen, weil er sein Leben in Gefahr sah, sondern weil er hier das nötige Geld verdienen will, um dort ein Haus zu bauen.

    Für solche Menschen brauchen wir dringend ein Zuwanderungsrecht, und das aus einer ganzen Reihe von Gründen, die ich jetzt nicht alle einzeln aufzählen werde. Unter anderem aber auch deshalb, weil es uns, die besagten Werte betreffend, in eine ziemlich üble Zwickmühle bringt, dass für solche Leute momentan kein anderer Weg existiert als das Asylrecht, das für sie eigentlich gar nicht gedacht ist.

    Wir haben ein Riesenproblem damit, dass die Populisten teilweise sehr wohl recht haben mit ihren Beschuldigungen, das seien doch “alles Wirtschaftsflüchtlinge”, und wir das nicht zugeben dürfen, sondern so tun müssen, als würden alle, die über das Mittelmeer kommen, vor etwas fliehen, das sie akut bedroht und das viel schlimmer sein müsse als das Risiko, das sie eingehen, wenn sie sich Schleppern anvertrauen.

    Wir haben ein weiteres wertetechnisches Problem, wenn solche Leute ihr Streben nach Glück, das ich durchaus legitim finde, gleich mit einer Lüge – oder jedenfalls einer Halbwahrheit – anfangen müssen. Denn auch mein Mieter konnte durchaus plausibel machen, dass es dort gefährlich ist, wo er herkommt.

    Gar nicht davon anzufangen, dass nicht nur die vielen Toten im Mittelmeer, sondern auch die Vorstellung einen krank machen könnte, wie viel Geld unnötigerweise bei kriminellen Schlepperbanden hängenbleibt, dessen weitere Verwendung die Welt ganz bestimmt auch nicht besser machen wird.

    Sobald einmal ein vernünftiges Zuwanderungsrecht besteht, ist es aber nicht mehr als recht und billig, im Asylrecht wirklich auf echten Asylgründen zu bestehen, wie sie im Grundgesetz vorgesehen sind, und ich gehe davon aus, dass die Zahl der Asylbewerber dann auch rasch zurückgehen wird. Ich hoffe, das wird jedenfalls in Deutschland möglichst bald geschehen; immerhin stand die Schaffung eines Zuwanderungsrechts ja auch im Koalitionsvertrag.

    Das wäre auch für die Populisten ein schwerer Schlag. Die Leute, die den Populisten nachlaufen, weil sie das Gefühl haben, dass sie angelogen werden, mögen doof sein, weil sie den Populisten nachlaufen, die ihnen auch nur die “passende” Hälfte der Wahrheit sagen, aber ihr Gefühl, “von oben” angelogen zu werden, ist ja trotzdem nicht ganz unberechtigt.

    Wahrscheinlich ist genau dies der Faktor, den man mit unseren gemeinsamen Werten verknüpfen muss: Man muss den Staat und die Gesellschaft in die Lage bringen, es riskieren zu können, bei der Wahrheit zu bleiben. Dafür braucht man funktionierende Lösungen für die aufgezählten Probleme und für diese Lösungen braucht man die oben erwähnten nicht nur kritischen, sondern auch ehrlichen Analysen.

    Übrigens gehe ich davon aus, dass mein Mieter sich am Ende zum Bleiben entschließen wird, und das finde ich auch gut so. Er hat innerhalb von zwei Jahren ohne Sprachkurs fließend Deutsch gelernt, hat es geschafft, einen festen Arbeitsvertrag und eine Wohnung zu bekommen, und ich kenne niemanden, der ein böses Wort über ihn zu sagen wüsste. Mehr Integrationswillen und -fähigkeit kann sich doch wirklich kein Land wünschen. Der wird seinen Weg bei uns bestimmt machen. Früher oder später wird er sich auch wünschen, dass seine Kinder das ebenfalls können, und das wird ihm dann wichtiger sein als das Häuschen im Heimatland.

  51. #54 Cornelia S. Gliem
    11. Juni 2018

    Einige meiner Vorredner haben ja schon darauf hingewiesen dass Missstände kein Argument gegen das Vorhandensein unserer gemeinsamen Werte sind; dass uns etwa ertrinken Flüchtlinge “stören” und wir derartiges rechtfertigen müssen – ist ein zugegebenermaßen schwächeres Argument für unsere doch veränderte Einstellungen im westen der letzten jahrhundete; im Grunde weltweit, da auch Diktatoren heutzutage zumindest so “tun müssen als ob”. ausnahmen sind etwa Trump oder duterte, aber wie gesagt: ich glaube dass sind kurzfristige übergangserscheinungen.

    gemeinsame werte – damit meinte ich wie wohl die meisten hier natürlich gemeinsame GUTE Werte. Wir haben leider auch einige gemeinsame SCHLECHTE werte wie ungehemmt kapitalistischer Neoliberalismus oder Nationalismus ( 1.Welt-Arroganz) und Religiöser monotheistischer Extremismus.

  52. #55 shader
    11. Juni 2018

    Im Grunde geht es Trump um ein wichtiges Anliegen, was er mit den falschen Mitteln bekämpfen will. Nämlich den enormen Handelsüberschuss einzelner Länder. Und dazu gehört auch Deutschland, nein besser gesagt gerade Deutschland gehört dazu. Auf Dauer kann nicht deutlich mehr Kapital nach Deutschland fließen, als wieder rausgeht. Es sei denn, die Importländer haben eine wachsende Geldquelle.

    Also was tun? Früher hieß es mal, kauft deutsche Produkte, um die einheimische Industrie zu stärken. Müsste es jetzt heißen, kauft mehr ausländische Produkte, um die Handelsbilanz auszugleichen?

    @Hobbes: “Deshalb einfach mal ein plausibilitätstest.
    Der Außenhandelsüberschuss Deutschlands beträgt etwa 200Mrd. Die Globale gesamtverschuldung beträgt hingegen 200 Billionen! Die kommulierten Außenhandelsüberschüsse (die durch diverse Finanzkriesen auch wieder vernichtet wurden, stupid German money) betragen seit dem zweiten Weltkrieg weniger als 4Billionen. Also 2%. Wohl gemerkt ohne Pleiten und Kapitalwanderung zu berücksichtigen.”

    Ja, im Vergleich klingt das nach wenig. Allerdings wenn das auf Dauer so weiter geht, ist das ähnlich wie mit dem CO2-Anstieg in der Luft, ein kontinuierlicher Anstieg der Emissionen über Jahre verschärft die Situation.

    “Achja die mit abstand Effektivste Methode den Überschuss zu verringern sind Steuersenkungen. Und Steuererhöhungen haben den gegenteiligen Effekt.”

    Es gibt noch eine andere effektive Methode, nämlich die Löhne in Deutschland anheben. :)

  53. #56 Kassandra
    11. Juni 2018

    ausnahmen sind etwa Trump oder duterte, aber wie gesagt: ich glaube dass sind kurzfristige übergangserscheinungen.

    Worauf begründet sich Ihre Überzeugung?

  54. #57 Ingo
    11. Juni 2018

    Merkwuerdig.

    Wieso ist ploetzlich der Handelsueberschuss boese?
    Es ist doch eignetlich ein Zeichen des Erfolgs in Deutschland.

    Die Agumentation ist im prinzip wie folgt:
    “wenn andere Nationen staendig bei uns Einkaufen machen sie immer mehr Schulden um die Waren zu bezahlen,- und damit ist Deutschland fuer die Schulden anderer Verantwortlich”

    Das Agument mag zwar richtig sein,- aber die Schlussfolgerung ist doch voellig falsch.
    Die Schlussfolgerung kann doch nicht sein
    “Deutschland muss weniger Exportieren, am besten durch magische Eingriffe in den Markt”,
    sondern die Folgerung muss doch sein
    “Andere Maerkte muessen bessere Produkte herstellen”

    Das man das nicht umbedingt durch dumping-Loehne machen muss, sondern einfach durch clevere Produktentwicklung zeigen jede Menge Volkswirtschaften die eben nicht auf Dumping-Loehne setzen.

    Ganz davon abgesehen kann man nicht gleichzeitig fordern, dass einerseits der Exportueberschuss runtergefahren werden muss, und andererseits sich die Regierung doch bitte mit Eingriffen (durch Zoelle etc) zurueckhalten soll.

  55. #58 Lennart
    11. Juni 2018

    shader
    die Betriebswirtschaftslehre sagt uns , wie man die Gewinne optimiert, die Volkswirtschaftslehre sagt uns , wie man das wirtschaftliche Gemeinwohl optimiert.
    Die Kunst der Ökonomie ist es , einen gangbaren Mittelweg zu finden. Ob Frau Merkel eine Ahnnung von Ökonomie hat?

  56. #59 DasKleineTeilchen
    terra
    11. Juni 2018

    Joseph #10: ich mags, wenn dein knochentrockener sarkasmus bereits die leitplanke zum zynismus langschrammelt.

    Ich frage mich nur, wer diese Regeln gegen die Weltmächte durchsetzen konnte

    gacker. genau.

  57. #60 shader
    11. Juni 2018

    @Ingo: “Wieso ist ploetzlich der Handelsueberschuss boese?
    Es ist doch eignetlich ein Zeichen des Erfolgs in Deutschland.”

    Alles was man exzessiv und ohne Einschränkungen tut, schadet einen selbst und andere auf Dauer. Das Entscheidende ist, wenn der Erfolg für Deutschland den Verlust für andere Länder bedeutet, entsteht eine ungesunde Asymmetrie.

    “Die Schlussfolgerung kann doch nicht sein
    “Deutschland muss weniger Exportieren, am besten durch magische Eingriffe in den Markt”,
    sondern die Folgerung muss doch sein
    “Andere Maerkte muessen bessere Produkte herstellen””

    …oder billigere Produkte herstellen. Und da ist der Knackpunkt, in manchen (nicht allen) Bereichen kommt der Exporterfolg durch Lohnzurückhaltung. So gehören wir zu den größten Fleischexporteuren, weil wir das Zeug so billig anbieten können.

    Eine alternative Forderung könnte doch lauten, dass wir die Löhne hierzulande erhöhen, um die Binnenkonjunktur zu stärken und weniger auf Billigexporte zu setzen.

    “Das man das nicht umbedingt durch dumping-Loehne machen muss, sondern einfach durch clevere Produktentwicklung zeigen jede Menge Volkswirtschaften die eben nicht auf Dumping-Loehne setzen.”

    Genau. Diese Länder setzen nämlich nicht auf einen großen Handelsüberschuss, siehe Länder wie Großbritannien, Österreich, Dänemark, Luxemburg. Negative oder ausgeglichene Handelsbilanz, hohe Löhne und geringe Arbeitslosigkeit.

    “Ganz davon abgesehen kann man nicht gleichzeitig fordern, dass einerseits der Exportueberschuss runtergefahren werden muss, und andererseits sich die Regierung doch bitte mit Eingriffen (durch Zoelle etc) zurueckhalten soll.”

    Die entscheidende Frage ist, welche Eingriffe man vornimmt. Zölle sind nicht gut, da besteht eigentlich Einigkeit. Also braucht man andere Maßnahmen, Lohnerhöhungen habe ich hier schon genannt.

  58. #61 Cornelia S. Gliem
    11. Juni 2018

    #55 ad kassandra: auf was ich meine Überzeugung stütze, dass Trump etc. Übergangsphänomene sind?
    Auf hoffnung. Optimismus. Auf die Tatsache dass die Entwicklung viel besser verläuft als wir oft wahrnehmen -(Pinkers gewalt-Buch z.B. zeigt das bzgl. der Statistik zu Gewalt krieg).

    Die Tatsache dass Trump keine große Ideologie keinen Plan hat – sondern einfach launisch borderline-mäßig agiert.

  59. #62 Alisier
    11. Juni 2018

    Manchmal ist es schwer Optimist zu bleiben.
    Aber ich teile die Einschätzung von CSG.

  60. #63 Kassandra
    11. Juni 2018

    Auf hoffnung. Optimismus. Auf die Tatsache dass die Entwicklung viel besser verläuft als wir oft wahrnehmen -(Pinkers gewalt-Buch z.B. zeigt das bzgl. der Statistik zu Gewalt krieg).

    Die Tatsache dass Trump keine große Ideologie keinen Plan hat – sondern einfach launisch borderline-mäßig agiert.

    Mich stimmt pessimistisch, dass Trump eine viel bessere Chance hat, wiedergewählt zu werden, als die meisten sich klarmachen. Obwohl er so ist, wie er ist. Oder gerade weil er so ist, wie er ist.

    Trump ist nicht das Problem, sondern ein Symptom des Problems. Eines Problems, das nicht gelöst werden kann, weil offenbar niemand es lösen will. Solange das so bleibt, kann es noch viele weitere Trumps in anderen Ländern geben. Und der jetzige muss noch nicht der Schlimmste davon sein.

  61. #64 Ingo
    11. Juni 2018

    @Kassandra #63
    > Mich stimmt pessimistisch, dass Trump eine
    > viel bessere Chance hat, wiedergewählt zu
    > werden, als die meisten sich klarmache

    Diesen Punkt finde ich unglaublich wichtig.
    Es fehlt eine laute Stimme die in der Lage ist eine freiheitliche idiologie zu verkaufen.
    Wir haben es viel zu lange als selbstverstaendlich hingenommen, dass die aufklaererischen Werte sich von alleine verkaufen.

    Das tun sie leider nicht.
    Es gibt nur Stimmen die eine harte, staerke-zeigende, angstbasierte engstirnige, anti-visionaere, anti-experten, frueher-war-alles-besser, alle-sind-gegen-uns Idiologie verkaufen.

    Die Stimmen die eine vertrauensbasierte, offene, visionaere, zukunfstorientierte, aufgeklaerte, partnerschaftliche, freiheitliche Idiologie haben moechten sind viel zu leise, und werden so nicht gehoert und nicht gewaehlt.

  62. #65 Kassandra
    11. Juni 2018

    @Ingo:

    vertrauensbasierte, offene, visionaere, zukunfstorientierte, aufgeklaerte, partnerschaftliche, freiheitliche

    Mir fehlen weniger die Stimmen, die für so etwas werben, sondern eher die inhaltliche Substanz in dieser Aufzählung. Tatsächlich ist unsere Gesellschaft doch von Misstrauen und Erbsenzählerei geprägt, von Schlagworten, von Ängsten und Angstmacherei. Und natürlich davon, Dinge zu “verkaufen” – weshalb Ihre Wortwahl aus meiner Sicht ein bisschen unglücklich war. Aber das ist natürlich nicht Ihre Schuld. 😉

    Ganz konkret sehe ich in unserer Gesellschaft – soweit sie mir von Politik und Medien als Gesamtheit präsentiert wird – auch kein “wir”, dem ich mich zugehörig fühle. Schlimmer noch, es enthält nicht einmal ein “wir”, dem mich zugehörig fühlen zu können mir erstrebenswert erscheint. Hinter den Wald von mahnend erhobenen Zeigefingern, jeder davon stehend für eine Einstellung, eine Eigenschaft, eine Gewohnheit, die ich dafür als Eintrittskarte haben oder erwerben müsste, lockt mich rein gar nichts.

    Zum Teil liegt es sicherlich daran, dass ich älter werde und mich mit manchen gesellschaftlichen Veränderungen einfach nicht anfreunden kann (und es noch nicht einmal können will). Aber das alleine ist es nicht.

    Zum Glück ist mein generelles Bedürfnis der Zugehörigkeit zu Gruppen nicht sonderlich ausgeprägt, das bewahrt mich davor, auf irgendwelche Rattenfänger hereinzufallen, und ich bin zu reflektiert, um mich in ein nostalgisches “Früher war alles besser” zu flüchten. Aber ein Gefühl des Unbehaustseins in dieser Gesellschaft habe ich dennoch. Ich fühle mich so fremd, als wäre ich erst vor vierzehn Tagen von der anderen Seite des Globus hierhergezogen, und ich habe keinen Platz, an den ich zurückgehen könnte, falls ich dies gar nicht aushalten würde.

    Ich kann es den Leuten nachfühlen, aus welchen Gefühlslagen heraus sie von den Rattenfängern aller Couleur – einschließlich Trump – eingesammelt wurden. Niemand scheint sie wieder ins Boot holen zu wollen. Solange das so bleibt, sehe ich keinen Grund für Optimismus.

  63. #66 RainerO
    11. Juni 2018

    @ Ingo

    Die Stimmen […] werden so nicht gehoert und nicht gewaehlt.

    Und wer ist daran schuld? Die Stimmen, oder die Zuhörer?

  64. #67 Cornelia S. Gliem
    11. Juni 2018

    Ja Kassandra – mir fehlen auch die lauteren “Stimmen” die für Demokratie und Verfassung und eine … Vision der Zukunft eintreten, die nicht populistisch und stichpunktartig wie Trump oder im angeblich Alternativlosen reiner Bürokratie* (neoliberal-funktional ) daherkommt.
    jaja Visionen Ideologien – schon gut. Aber ein (image)Problem heutiger Politik ist doch gerade, dass sie fast nur noch in 2 jahres-Phasen agiert (Legislaturperiode minus KoalitionsVerHandlungen und wahlkampf).
    Und wenn derer mal jemand kommt wie macron (bei aller Vorsicht), dann braucht unsere Kanzlerin viele Monate, um überhaupt zu reagieren – und dann nicht im Parlament oder mit gesamtkonzept- nein: mit einzelsätzen in Interviews! O man.
    *mich bitte nicht missverstehen: Bürokratie ist ein wichtiges meist effektives Werkzeug derer zivilisation.
    Aber auch sie braucht ein Ziel.

  65. #68 Kassandra
    11. Juni 2018

    Aber ein (image)Problem heutiger Politik ist doch gerade, dass sie fast nur noch in 2 jahres-Phasen agiert (Legislaturperiode minus KoalitionsVerHandlungen und wahlkampf).

    Das ist in der Tat ein Problem. Aber ich fürchte, es zu lösen würde am größeren Problem, nämlich der Tatsache, dass ein starke Minderheit, die manchmal auch zur Mehrheit werden kann, Populisten wählt, gar nichts ändern.

  66. #69 Cornelia S. Gliem
    11. Juni 2018

    Ah – solange der rechtsstaat und Grundrechte unangetastet bleiben, kann selbst eine Mehrheit nicht alles zerstören. Wir in der brd haben da aus leidiger erfahrung einige gute Schranken eingebaut. Aber schlimm genug ist natürlich dass der allgemeine Ton, das, was “sagbar”, sich verändert. gefährlich unschön.

  67. #70 Laie
    11. Juni 2018

    Es wäre besser, wenn Flüchlinge nicht im Mittelmeer ertrinken. Dazu hätte Merkel, nachdem sie die unbeschränkte Einladung an alle ausgesprochen hat dafür Sorge tragen müssen, die Menschen in den Herkunftsländern per Flugzeug abzuholen.

    Warum nimmt ihr diejenige, die sehr viel an Leid zu verantworten hat nicht auch in die Pflicht?

    Es gibt genau 2 Varianten das Problem zu lösen.
    1. Die Leute mit Flugzeug aus allen Ländern direkt abholen.
    2. Erklären, dass man nicht alle unbeschränkt herholen kann. (Und man sich in der Vergangenheit halt geirrt hat).

  68. #71 Kassandra
    11. Juni 2018

    Ah – solange der rechtsstaat und Grundrechte unangetastet bleiben, kann selbst eine Mehrheit nicht alles zerstören.

    Schauen wir mal, ob in den USA beides Donald Trump die restlichen 2,5 Jahre lang bis zum Ende seiner Amtszeit noch standhält – und ob es danach vielleicht noch weitere vier Jahre Trump geben wird (hoffentlich nicht) und ob sie dem ebenfalls noch standhalten. Orban wurde in Ungarn wiedergewählt, und er war ja recht erfolgreich mit der Demontage.

  69. #72 DH
    11. Juni 2018

    @Joseph Kuhn
    Ohne Zweifel waren die letzten zwei Jahrzehnte geprägt von neoliberalem Zerstörungswerk, aber auch von starken Protesten, die medial allerdings meist “vernachlässigt” werden. Außerdem wollen viele Menschen trotz allem keine Veränderungen.

    Das scheint mir so eine Art Kulturkampf, welcher Menschentypus hat das Sagen?
    Aktuell ist das der Maulaufreissertypus, von semikriminellen Finanzeliten, über die kriminelle Autoindustrie, Wichtigtuer auf allen Ebenen der Arbeitswelt, intriganten Kollegen, Nachbarn und Vermietern, bis hin zu Assozialen, die einen im öffentlichen Raum anpöbeln oder Lärmterror auf unseren Straßen verbreiten.
    Dieser Klientel gefällt der Status quo und sie ahnen zurecht, daß echte Fortschritte auf Kosten ihrer eigenen Bedeutung gehen würden.
    Das erklärt aber nicht alleine die Trumps dieser Welt.
    Was Progressive ganz und gar nicht gerne hören, ist, daß der Erfolg der Rechtspopulisten nicht so sehr deren eigene Stärke ist, sondern vor allem die krasse inhaltliche Schwäche der Progressiven.

  70. #73 Cornelia S. Gliem
    11. Juni 2018

    Wer bitte – DH – sind bitte die ominösen “Progressiven”, die du hier analog populisten-sprech wie “Linke”, “liberale”, “Alt-68er” anführst?
    ich finde es doch immer wieder interessant dass nicht die Rechts-Populisten und Pegida-Leutchen “allein schuld” sind – sondern die anderen.
    (Das will ich dir nicht unterstellen, fiel mir nur grad dazu ein.)

  71. #74 Alisier
    11. Juni 2018

    “Die” Progressiven sind sowas wie “Die” Ausländer, “Die” Chinesen oder “Die” ganze Bagage…….
    Ist doch ganz klar, oder?
    Dass es immer noch möglich ist, derart einseitige Feindbilder zu pflegen indem man die Menschheit in Gruppen einteilt, ist schon erstaunlich.

  72. #75 Hobbes
    11. Juni 2018

    @Schmitz Katze #35:
    zu 1) Das stimmt nicht. Sonst müsste es ja immer einen identischen Vermögenszuwachs und eine Vermögensminderung in den Ländern geben. Dies ist aber spätestens seit dem das Bretton Woods system aufgegeben wurde nicht mehr der Fall. War es vorher zwar auch schon nicht. Aber da wird die Diskussion schwieriger.
    Zu 2) Am besten einmal die Witschaft der Türkei ab 2001 anschauen. Ein perfektes Beispiel dafür. Und jetzt auch das perfekte Beispiel dafür wenn man es überdreht.
    Zu 3) Am besten den Wikipediaeintrag zu Petrodollar und Seigniorage durchlesen. Insbesondere der zu Petrodollar ist zwar alles andere als gut, aber man erhält einen Überblick (Da versuchen natürlich einige Verschwörungstypen ihre Wsicht rein zu mogeln)

    Ansonsten muss ich noch einmal klar stellen, dass ich keinesfalls die Handelsungleichgewichte verteidigen will. Es ist lediglich so, dass diese nicht für die Fehler verantwortlich sind, für die sie oft herhalten müssen. Insbesodnere die griechische Schuldenkriese hat damit nichts zu tun. Das damit auch sehr viel schlechtes gemacht werden kann wollte ich eigentlich mit Norwegen verdeutlichen. China ist da noch sehr viel aggressiver und nutzt die Gewinne für strategische Übernahmen. Die deutschen Überschüsse sind (meiner Meinung nach) Hauptsächlich deswegen negativ da sie eine Arbeitsplatzverlagerung erschaffen. Insbesondere die “hidden champions” sind da ein Problem. Diese hoch spezialisierten Mittelständler haben einfach einen so kleinen Markt das Weltweit nur ein paar Firmen dafür existieren. Das Deutschland dort einen Hub hat erschwert es anderen Ländern dort fuß zu fassen. Es ist in etwa das pendant zum Silicon Valley. Die Auto und Chemieexporte sehe ich eher unkritisch, da die Firmen extrem globalisiert sind. Insbesondere wenn man sich anschaut wohin die Investitionen und Dividenden fließen (VW und Bayer sind da gute Beispiele) Das heißt natürlich nicht, das einzelne Länder dabei nicht unter die Räder kommen können. Nur Sind das definitiv nicht die USA. Da machen die beiden Firmen aktuell aber auch sonst schon genug Blödsinn.

    Um Aber noch einmal auf den Orangen zurück zu kommen,
    mein Tipp für Morgen: Die USA geben eine Sicherheitsgarantie für Nordkorea (Trump wirft ja gerne mit Versprechen um sich) Dafür wird es einen Friedensvertrag zwischen dem Norden und den Süden geben. Der interessiert zwar niemanden aber es klingt Toll und beide können sich groß feiern und haben Bilder. Der Friedensvertrag beinhaltet dann substanziell auch nur: Wir akzeptieren, dass es so ist wie es ist. Da wird nicht einmal festgeschrieben stehen das Ansprüche aufgegeben werden. Aber seine Anhänger werden dafür den Nobelpreis fordern.
    Wie surrreal diese Satire doch auf einmal ist, die sich leben nennt.

  73. #76 Schmidts Katze
    11. Juni 2018

    Wie ich in #48 schon geschrieben habe, habe ich jetzt etwas auf dem Verschwörungsgeplauder-Thread von Florian geschrieben, allerdings nur ein Post, und das war eine Antwort auf PDP10.
    Solche Off-Topic-Diskussionen können ja durchaus mal etwas länger werden.

    @ Hobbes, dein Post muss ich erst in Ruhe lesen und dann beantworten.

  74. #77 Joseph Kuhn
    11. Juni 2018

    @ Schmidts Katze:

    Danke für den Versuch, den außenwirtschaftlichen Exkurs zu Florian zu verlegen. Hier ist nochmal der Link: http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/2016/08/01/verschwoerungsgeplauder-xv-den-weltuntergang-ueberleben-in-der-antarktis/

    @ Kassandra, Kommentar #53:

    “Dass kaum ein Staat seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird, liegt nicht an diesen Werten. Und es reicht auch nicht, auf sie zu verweisen, wenn das in einem Punkt nicht der Fall ist, sondern dann muss analysiert werden, warum das so ist.”

    Das ist, mit Verlaub, Gscheithaferl-Geschwätz. Natürlich liegt es nicht an den Werten, wenn sie nicht gelebt werden, wie sollte das auch gehen. Des Weiteren ist der Staat nicht unbedingt der erste Adressat dafür, für gelebte Werte zu sorgen, deswegen hilft es auch nicht, Kreuze in Behördeneingängen aufzuhängen. Werte werden vor allem in der (Zivil-)Gesellschaft gelebt oder ignoriert, und das in dem Maße, in dem es von den Verhältnissen begünstigt oder behindert wird.

    Und die Frage, warum die Kluft zwischen propagierten Werten und dem realen Leben in vielen Ländern zunimmt, sich viele Menschen abgehängt fühlen oder es wirklich sind, daher die Demokratie an Überzeugungskraft verliert und der Populismus Auftrieb hat, ist in den letzten Jahren doch bis zum Exzess analysiert worden. Man beobachtet seit langem statistisch die Zunahme der atypischen Beschäftigungsverhältnisse, die Persistenz der Langzeitarbeitslosigkeit, die in manchen Ländern erschreckende Jugendarbeitslosigkeit, man berechnet die fehlenden Pflegekräfte angesichts des demografischen Wandels, man misst kleinräumig den Verlust bezahlbaren Wohnraums usw. – und man hat Berge von Interpretationen dazu, die sich meist um Begriffe wie Deregulierung, Dominanz der Finanzmärkte, Kasino-Kapitalismus, Neoliberalismus usw. ranken. Das muss man also wirklich nicht mehr mit dem Professor-Bömmel-Gestus “jetzt stelle mer uns mal ganz dumm” einfordern. So blauäugig geht ja nicht einmal mehr die Koalition des fortgesetzten Stillstands an die Sachlage heran.

    @ DH:

    “daß der Erfolg der Rechtspopulisten nicht so sehr deren eigene Stärke ist, sondern vor allem die krasse inhaltliche Schwäche der Progressiven”

    Dieses Erklärungsmuster liest man in der letzten Zeit sehr oft, prominent z.B. auch in Didier Eribons “Rückkehr nach Reims” oder in der von Heinrich Geiselberger herausgegebenen Aufsatzsammlung “Die große Regression” (beides übrigens sehr lesenswerte und aufschlussreiche Bücher zur aktuellen Situation). Das trifft das Problem auch ein Stück weit, aber mich wundert, dass kaum jemandem, der so argumentiert, die damit einhergehende Entschuldigung der Konservativen aufzufallen scheint. Haben Konservative nicht auch eine Verantwortung dafür, was rechtsaußen passiert? Welche zukunftsfähigen Angebote machen sie denen, die jetzt rechtsaußen und/oder populistisch unterwegs sind?

  75. #78 Kassandra
    11. Juni 2018

    @DH:

    Stichwort “Menschentypus”: Blender und Schaumschläger habe im Moment die meisten Vorteile. Man muss nichts können, man muss sich (aber ebenso seine Anliegen) nur verkaufen können.

    Diesen Menschentypus gibt es natürlich nicht nur in der Wirtschaft, er hat in Gruppierungen aller Art die besten Chancen auf eine verantwortliche Position. Natürlich auch in Gruppierungen, die sich selbst als progressiv einschätzen würden.

    Ich glaube, das ist ein viel größeres Problem als inhaltliche Schwächen.

    Mir fällt dazu “Foodwatch” ein. Thilo Bode kam von Greenpeace und hat dort gelernt, wie man PR am effektivsten einsetzt. Er kann damit genau das besonders gut, was man momentan können muss, um es zu etwas zu bringen. Foodwatch hat es prompt aus dem Stand geschafft, dass die Medien nahezu alles brachten, was von dort kam. Das ist der wichtigste Grund, warum ich dieser Organisation spontan eher misstraue. Die Herangehensweise à la PR-Profis ist es, die mich misstrauisch macht, ohne dass ich bislang allerdings den Drang gehabt hätte, meinem Misstrauen auf den Grund zu gehen. Normalerweise muss man die Tatsachen ein bisschen “befeilen”, um sie leichtgängig genug für einen reißerischen Medienbericht zu machen. Ich vertraue im Zweifelsfall eher, wenn eine Geschichte ein bisschen schwerfällig klingt, weil das typischer für die Realität ist.

  76. #79 Cornelia S. Gliem
    11. Juni 2018

    #77: klar das ganze prekariat und die wirklich finanziell abgehängten (=damit ja auch z.T. sozial teilhabe-bezogen abgehängt) Personen haben allen Grund sauer und enttäuscht zu sein; aber: auch von denen (=uns, denn ich gehöre derzeit auch dazu) erwarte ich dennoch, ihre schulbildung nicht zu vergessen, dennoch fähig zu bleiben/sein, über ihren Tellern zu blicken; ganz simpel erwachsene mündige Bürger zu sein. ja ich weiß von vielen viel verlangt, aber zuviel? und wieso sollte man derartiges Verhalten permanent entschuldigen mit “Sorgen ernst nehmen”?! Das reicht mir wirklich. für wie ignorant und blöd werden wir eigentlich gehalten bzw halten viele sich selbst?

  77. #80 Kassandra
    12. Juni 2018

    Das ist, mit Verlaub, Gscheithaferl-Geschwätz.

    Sie zitieren das Vorwort meines Beitrags. Warum haben Sie nicht weitergelesen? Ich habe immerhin im Rest des Beitrags, sogar ziemlich ausführlich, zwei Beispiele für konkrete Lösungsansätze beschrieben und begründet, warum ich glaube, das sie funktionieren würden, also tun Sie doch nicht so, als hätte ich bloß belangloses Blabla gebracht.

    Die Werte sind dazu da, um zu beurteilen, ob die mit den von Ihnen aufgezählten Schlagworten gemeinten Phänomene bleiben oder beseitigt werden sollten. Mir fehlt bei Ihnen der nächste Schritt, nämlich, zu analysieren woher sie kommen, obwohl sie doch im Widerspruch zu unseren Werten stehen. Erst dann ist klar, ob und wie man sie beseitigen könnte, was ja wünschenswert wäre, wenn sei unseren Werten widersprechen. Aber der typische Wolfgang-Schorlau-Leser vollzieht diesen Schritt normalerweise nicht mehr. Wenn er das Buch zuklappt, hat er die wohlige Gewissheit, es mit Mächten zu tun zu haben, gegen die es als normaler Mensch ohne Märtyrerambitionen sowieso sinnlos ist, etwas unternehmen zu wollen, also bleibt nur, sich dekorativ in Pose zu werfen und öffentlich die Haare über diese schlechte Welt zu raufen.

    Was hat ein Langzeitarbeitsloser oder Flüchtling von Ihrem Haareraufen? Wenn Sie sowieso glauben, dass es nichts gibt, was man für ihn tun kann, dann können Sie eigentlich auch das bleiben lassen, denn damit instrumentalisieren Sie ihn doch nur.

  78. #81 Joseph Kuhn
    12. Juni 2018

    @ Kassandra:

    “Aber der typische Wolfgang-Schorlau-Leser vollzieht diesen Schritt normalerweise nicht mehr … also bleibt nur, sich dekorativ in Pose zu werfen”

    Schön, wenn ich Ihren Vorurteilen dienlich sein konnte. Als Beamter bin ich es gewohnt, dass man mir unterstellt, nichts zu tun. Dass ich das dekorativ tue, freut mich.

    “Was hat ein Langzeitarbeitsloser oder Flüchtling von Ihrem Haareraufen?”

    Ich raufe mir aus naheliegenden Gründen die Haare nicht.

    “denn damit instrumentalisieren Sie ihn doch nur”

    Wofür instrumentalisiere ich Flüchtlinge? Fürs Haareraufen? So ein Quatsch. Sie hatten auch schon klügere Kommentare.

    @ all:

    Das Ärzteblatt meldet einen starken Anstieg der Suizide in den USA – ein klassischer Indikator für gesellschaftliche Verunsicherung, ähnlich wie Drogenkonsum, mit dem der Anstieg der Suizide in den USA auch in Zusammenhang gebracht wird.

  79. #82 DH
    12. Juni 2018

    “Progressive”
    Alisier, alle Progressiven sollten interniert werden.
    @Cornelia S.Gliem
    Progressive gibt es eigentlich in allen Lagern, sie sind nicht identisch mit links oder rechts. Bei Clinton wurde gemeinhin vom progressiven Lager gesprochen und die habe ich mit “inhaltlichen Schwächen” gemeint. Also eher als Mitte links, o.ä. zu bezeichnen.
    Reaktionäres Denken gibt es genauso in allen Lagern.

    “allein schuld”
    Alleine hat niemand gesagt, aber die Stärke der Rechten ist nur durch die Schwäche des Gegenübers denkbar, Not gewinnt nur, wenn sie Elend gegenübersteht, also wenn das nicht gerade bei Trump offensichtlich ist, weiß ich auch nicht.
    Problematische Inhalte finden sich genauso bei Rechtspopulisten wie bei Gegnern wieder, Dogmen, die nicht hinterfragt werden dürfen, gibt es hüben wie drüben, sowohl neoliberale als auch kulturelle.
    In keinster Weise geht es mir um Linken-oder Liberalenbashing, im Gegenteil, im linken und liberalen Bereich haben sich Dogmen eingeschlichen, die dort nichts verloren haben.

  80. #83 DH
    12. Juni 2018

    @Joseph Kuhn
    “die damit einhergehende Entschuldigung der Konservativen aufzufallen scheint.”
    Dem stimme ich zu 100% zu. Man muß fast schon von einer Wiederholung der Vorgänge von Weimar sprechen, Konservative rutschen immer häufiger in einen Rechtskonservatismus ab, der schon immer weit offen nach rechts hin war und unentbehrlich für die Akzeptanz rechten Denkens im bürgerlichen Lager ist. Söder ist das fleischgewordene Beispiel.

    Auch im konservativen Bereich haben reaktionäre Kräfte das Sagen, ich habe aber auch den Eindruck, daß es immer mehr Wertkonservative zunehmend stört, eingezwängt zu werden zwischen Rechts- und Liberal-Konservativen, die ihre Werte zu einem Großteil an den Neoliberalismus verhökert haben.

  81. #84 DH
    12. Juni 2018

    @Kassandra
    “Ich glaube, das ist ein viel größeres Problem als inhaltliche Schwächen. ”
    Da könnte was dran sein. Egoismus als eigentliche triebfeder der Selbstabwicklung.

  82. #85 Cornelia S. Gliem
    12. Juni 2018

    #82: nein, Not entsteht nicht nur wenn Elend gegenübersteht. Populisten können sehr wohl (falsches) Elend “erzeugen”. Z. B. hat das unsägliche Pegida-Gejammer Sorgen und Ängste herbeigerufen, die es so gar nicht gab.
    Ganz schlimmes historisches beispiel: Protokolle von Zion…

    ich möchte – trotz vorhandener prekärer Zustände auch bei uns – betonen, wie gut es im Grunde uns in Deutschland geht…
    (Und wie gesagt ich bin selbst Aufstocker).
    Da von Not zu sprechen, die irgendwie rechtes Denken und reden rechtfertigen würde, ist völlig überzogen.

  83. #86 DH
    12. Juni 2018

    @Cornelia S.Gliem
    Gemint war inhaltliche Not.
    Und Sie machen einen typischen Fehler, Sie beziehen sich direkt auf rechte Inhalte. Bis zu einem gewissen Grad mag das nötig sein, insgesamt aber geht das am Thema vorbei.
    Rechte werden durch politische Mechanismsen stark, nicht durch Inhalte. Rechte begreifen dieses Prinzip meist besser als ihre Gegner, auch deshalb gewinnen sie.
    Der wichtigste Mechanismus ist die alleinige Vertretung von Themen.
    Wenn alle anderen Kräfte so debil sind, Jahrzehnte lang jeden als Nazi zu bepöbeln (Hallo Alisier), der z.B. das Thema Migration auch nur anspricht (oder, wenn er es tut, von extrem engen “Meinungs”-Korridoren abweicht) dann hat- jetzt die Quizfrage- wer die alleinige Lufthoheit über das Thema?
    Und- nächste Quizfrage- wer bestimmt dann die Inhalte möglicher Antworten?
    Kritikwürdige Zustände rufen nicht automatisch Kritiker mit vernünftigen Lösungen auf den Plan.

  84. #87 Moreno
    12. Juni 2018

    @ Cornelia S. Gliem

    Politisch rechts zu sein ist erst mal genauso legitim wie politisch links zu sein.
    Das es uns in Deutschland ganz gut geht, ist kein Argument. Egal wo eine Gesellschaft steht, Kritik ist immer notwendig. Deshalb bedarf es in einer Demokratie immer einer parlamentarischen Opposition, Demonstrationsrecht, sowie freies Denken und Reden, und zwar für jeden Bürger den ein gesellschaftliches Thema beschäftigt.

  85. #88 PDP10
    12. Juni 2018

    @Moreno:

    Das es uns in Deutschland ganz gut geht, ist kein Argument.

    Das hat @Cornelia auch an keiner Stelle behauptet.

    Egal wo eine Gesellschaft steht, Kritik ist immer notwendig.

    Das allerdings hat sie auch geschrieben.

  86. #89 Moreno
    12. Juni 2018

    @ PDP10: “Das allerdings hat sie auch geschrieben.”

    Unter den Vorzeichen einer Meinungsselektion.

    Demonstrationsrecht ist gut, aber bitte nicht für PEGIDA, da es uns ja in Deutschland so gut geht.

    Freies Denken ist gut, aber bitte nicht politisch rechts, da es uns in Deutschland ja so gut geht.

  87. #90 PDP10
    12. Juni 2018

    @Moreno:

    Demonstrationsrecht ist gut, aber bitte nicht für PEGIDA, da es uns ja in Deutschland so gut geht.

    Wo hat sie das geschrieben?

    Zitat?

    Und das:

    Freies Denken ist gut, aber bitte nicht politisch rechts, da es uns in Deutschland ja so gut geht.

    Zitat?

  88. #91 Moreno
    12. Juni 2018

    @ PDP10

    Sinnhaft in Kommentar #85

  89. #92 PDP10
    13. Juni 2018

    @Moreno:

    Nee. Keine Lust, mir das jetzt alles zusammen zu klauben. Und zu überlegen, wie ich das jetzt zu interpretieren habe.

    Zitat?

    Sinnhaft in welcher Hinsicht?

  90. #93 Joseph Kuhn
    13. Juni 2018

    In Kommentar #85 sagte Cornelia S. Gliem, sie wolle betonen, “wie gut es im Grunde uns in Deutschland geht (…) Da von Not zu sprechen, die irgendwie rechtes Denken und reden rechtfertigen würde, ist völlig überzogen.”

    Die Aussage ist in mehrfacher Hinsicht problematisch und leistet in der Tat “Missverständnissen” a la Moreno Vorschub:

    Zum einen werden reale Sorgen und Nöte in dem “im Grunde geht es uns gut” versenkt, rhetorisch wird das noch besondes authentisch gemacht durch ihren Hinweis, sie sei selbst Aufstockerin. Es geht aber auch in Deutschland vielen Menschen nicht gut und man erspare mir bitte den Vergleich, dass es doch den Armen in Afrika oder den Heiminsassen in Rumänien noch schlechter gehe.

    Zum anderen liest sich der Satz so, als gäbe es eine Not, die wenn sie nur größer wäre, durchaus rechtes Denken und Reden rechtfertigen würde. Rechtfertigen, nicht nur erklären. Dem ist aber nicht so, weil rechtes Denken für keine Form der Not eine echte, sprich humane Lösung anbietet. Rechtes Denken “löst” Probleme immer ausschließend und gewaltsam, indem eine fiktive “Volksgemeinschaft” gepflegt werden soll, zu der all die nicht gehören, die man nicht will und in der die, die dazu gehören wollen, keine Kritik mehr zu üben haben, weil sie sonst luckesiert, petrysiert oder wie früher gar röhmisiert werden. Die diversen Ankündigungen von AfD-Führungsleuten, dass man “abrechnen” werde, sobald man die Macht habe, darf man durchaus als Wetterleuchten altbrauner Zeiten sehen.

    Richtig ist allerdings, dass die realen und gefühlten Nöte rechtes Denken verführerisch machen, bzw. für die, die nichts rechts sein wollen, zumindest autoritäres Denken, vor allem, wenn es sich gegen die alten Eliten richtet. Daher kann ein Trump mit der Botschaft “I am your voice” trotz seines Milliardärskabinetts punkten. Motto: Hauptsache, einer macht mal was. Ab da siehe oben zu den neuen Volkstribunen.

  91. #94 roel
    13. Juni 2018

    @Joseph Kuhn #93 “Die Aussage ist in mehrfacher Hinsicht problematisch”

    Ich fange jetzt mal eine Zitaten-Sammlung an. Überschrift:

    Von Joseph Kuhn lernen.

  92. #95 Cornelia S. Gliem
    13. Juni 2018

    #87,93:
    rechtes Denken – okay; ja politikwissenschaftlich umfasst das – legitimes – konservative Haltungen (wenn auch seit ca 20 Jahren mainstream-konservative eher zur Mitte tendieren) sowie rechts-extreme Einstellungen.
    zugegeben: ich sehe (wie viele Deutsche historisch bedingt) rechte Positionen generell kritisch. Mir ist aber bewusst dass etwa konservatives Gedankengut beim Umweltschutz oder nennenwiresmal
    Verfassungspatriotismus vorgeblich linken Positionen sehr viel näher ist, als viele “rechts denkende und -sprechende” wahrhaben wollen.
    Ich bezog mich in meiner Äußerung von wegen Not und rechts also auf rechtsextreme Einstellungen (=die ich genauso wie linksextreme ablehne).
    Und selbstverständlich rechtfertigt in meinen Augen keine not derartiges – darauf wollte ich ja gerade hinaus.
    Aber ich akzeptiere dass gewisse ‘Grade der Not’ dem Betroffenen zumindest formal als Rechtfertigung dienen können – und dieser grad ist meiner Ansicht nach in brd keineswegs erreicht; irgendwelche vergleiche ala Weimarer Verhältnisse übersieht das komplett!

    Pegida und das recht auf Demonstration; auch das habe ich keineswegs abgesprochen, aber Kritik an Pegida wird kurioserweise öfters als verstoß gegen meinigungsfreiheit behauptet. schon seltsam…
    meinungsselektion – aber hallo!
    (Abgesehen davon dass es schon “meinungen” gibt die zurecht unsagbar waren bzw. sogar verboten sind, zumindest sie zu äußern. Das entspricht unserer Verfassung und simpel dem stGb).
    ad DH: Erst reden Sie von “inhaltliche not”, dann von “mechanismen” – was denn nun?
    Ich hatte das zudem schon als nicht-existentielle not verstanden, darum ging es mir ja gerade: wir haben in Deutschland keine existentielle not.

    Und wie ich weiter oben ausgeführt habe:
    ich erwarte mehr von unseren Bürgern auch von Prekären – es sollte keine zwangsläufigkeit sein von wegen “ich habe Probleme also will ich Volkstribun der mir sagt wer der Sündenbock ist”.

    Wenn schon Gutmensch Beleidigung wird. . tststs…

  93. #96 Cornelia S. Gliem
    13. Juni 2018

    noch was zu den begriffen: so wie “rechts” oder auch “links” als Diffamierung genutzt wird – so sehr “konservativ” als maskierung;
    …ist aber auch Zeichen der verbesserten Entwicklung unserer Zeit, wenn niemand mehr “rechts” sein will oder so bezeichnet :-) (so wie kaum ein Nazi etwa Auschwitz rechtfertigt, zumindest öffentlich; sondern die Lüge erfinden musste).
    “meinungsselektion” – das lässt mich nicht los… beschäftigt mich seit einiger Zeit im Zusammenhang mit UnSagbaren und Political Correctness. Ja ich halte Meinungsfreiheit für ein sehr hohes Gut. Aber viele nehmen sie als Entschuldigung dafür, andere zu beleidigen herabzusetzen und auch um Grundrechte zu demontieren. Political Correctness ist für mich kein Schimpfwort, im Gegenteil. ich verstehe den Wunsch nach klarer kante und auch mal lospoltern zu können – aber es gibt gute Gründe dafür, nicht alles sagen zu dürfen. Das sieht dann manchmal aus wie denkverbote, das beruht aber auf der Verwechslung von denken und sagen – und ignoriert wie Sagen das Denken beeinflusst. wieso verbieten wir Kindern etwa schlimme Schimpfworte? Und historisch haben wir gelernt dass erst die Worte dann die Taten kamen/kommen. klar – durch die “richtigen” Begriffe kommen nicht automatisch die besseren Verhaltensweisen; aber wie kritisch und bedeutsam sie sind, kann man am dislussionen um gendergerechtes oder rassismus-vermeidendes reden sehen.
    Aber schwierig.
    in einem aber kann man sich sicher sein: die Mehrheit der rechten Populisten werden sobald sie an der Macht sind diese Art Überlegungen Diskussionen blogs ganz schnell an die Kandare nehmen (siehe Ungarn etc. ).

  94. #97 Kassandra
    13. Juni 2018

    Wofür instrumentalisiere ich Flüchtlinge? Fürs Haareraufen? So ein Quatsch. Sie hatten auch schon klügere Kommentare.

    Dass Sie zugeben, dass ich zuweilen kluge Kommentare schreibe, ist ja immerhin ein Anfang. Und das mit dem Haareraufen sehe ich nach einem Blick auf Ihr Profilfoto ein. Ich nehme es hiermit mit dem Ausdruck des Bedauerns zurück und ersetze es durch Händeringen.

    Sie instrumentalisieren meiner Meinung nach nicht speziell die Flüchtlinge, sondern sämtliche negativ Betroffenen aus Ihrer Aufzählung – ich zitiere wörtlich: “Und was sagen dazu die Menschen, die auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken, in den Heimen wundliegen, sich mithilfe einer Tafel ernähren müssen, zu Hungerlöhnen unsere Billigfleischexporte ermöglichen, in Krisengebieten von deutschen Waffen erschossen werden …?” – wenn Sie, ob nun durch Haareraufen oder Händeringen oder Indianergeheul, den Eindruck vermitteln, dass es sinnlos ist, auch nur darüber nachzudenken, woher das kommt und wie man das ändern könnte, weil “die da oben” eh machen, was sie wollen. Von Betroffenheitsgesten kann schließlich niemand runterbeißen.

    Ich habe über einige der von Ihnen aufgezählten Dinge schon wiederholt ernsthaft nachgedacht und mich auch gefragt, wo die Stelle ist, an der man den Hebel ansetzen müsste, anstatt mich mit Krokodilstränen aufzuhalten. Allerdings halte ich alle diese Probleme für unlösbar, solange man darauf verzichtet, ihre Ursachen zu analysieren, und stattdessen medial verbreitete Klischeevorstellungen als Ursache im Kopf hat.

    Noch etwas über die Tafeln und die zugehörigen Klischeevorstellungen. Niemand muss sich von denen ernähren. Jeder, der das Angebot der Tafeln nutzt, könnte auch bei Lidl oder Aldi einkaufen. Aber warum sollte er, wenn er durch Nutzung der Tafeln einen Teil seiner Lebensmittelkosten einsparen kann?

    Das spricht natürlich absolut nicht gegen die Tafeln. Das einzige, was mich an ihnen stört, ist, dass gerne so getan wird, als gäbe es in Deutschland Menschen, die ohne sie verhungern müssten. Ein Angebot wie die Tafeln erzeugt Nachfrage aber alleine schon durch seine Existenz. Wie viele der hiesigen Forumsteilnehmer würden wohl darauf verzichten, Lebensmittel für einen Bruchteil ihres normalen Verkaufspreises zu erwerben, wenn man ihnen dieses Angebot machen würde, nur deshalb, weil sie ja andernfalls nicht verhungern würden? So ticken die meisten Menschen nun einmal nicht.

  95. #98 Kassandra
    13. Juni 2018

    @DH:

    Weil ich Foodwatch als Beispiel erwähnt hatte, ich las gerade dies hier über diese Organisation und die Medien, das das beschriebene Problem ziemlich gut beschreibt: https://kress.de/news/detail/beitrag/140370-sebastian-frevel-warnt-journalisten-ngos-sind-auch-nur-lobbygruppen.html

  96. #99 Joseph Kuhn
    13. Juni 2018

    @ Kassandra:

    Sie werden sicher verstehen, dass ich keine Lust habe, mit jemandem zu diskutieren, die mir vorwirft, ich würde Flüchtlinge und andere arme Socken instrumentalisieren, den Eindruck erwecken, Nachdenken sei sinnlos, so tun, als könne man nichts tun und Krokodilstränen vergießen. Ach ja, medial verbreitete Klischeevorstellungen habe ich auch noch. Ich darf das mal zusammenfassen: Ihrer Meinung nach bin ich also ein blödes scheinheiliges Arschloch. Das hätten Sie auch so kurz hinschreiben können. Lassen Sie raus, was raus muss, da scheint sich ja was aufgestaut zu haben, was Sie anders nicht loswerden. Fast ein bisschen wie bei den Trumpfans.

  97. #100 DH
    13. Juni 2018

    @Cornelia S.Gliem
    So ganz unberechtigt ist Ihr Einwand nicht.
    Flüchtlinge haben für Rechte nur zu kleineren Teilen eine inhaltliche Funktion, etwa bei der Form der Flüchtlingspolitik.
    Sie haben v.a. eine technische Funktion- Rechte schließen über die Hetze gegen Flüchtlinge die Reihen, altes Prinzip, Einigung durch einen gemeinsamen Feind.

    Argumente werden dabei nur vorgebracht, weil man die Feind-Sache nicht einfach zugeben kann.
    Daher ist nur z.T. sinnvoll, auf diese Argumente einzugehen, sind 10 widerlegt, erfinden Rechte 20 neue.

    Dennoch muß man mit Argumenten vorgehen, nur an den Stellen, die die Rechten tatsächlich stark machen, und das ist nur z.T. die Flüchtlingsthematik.
    Es wäre z.B. viel wichtiger, über Probleme mit Teilen der Arbeitsimmigranten zu sprechen, als den Rechten ständig mit Asylrechtsverschärfungen hinterherzurennen.
    Mit Flüchtlingen schließen Rechte v.a. ihre Reihen, ihren inhaltlichen Humus beziehen sie aber v.a. aus anderen Themen.
    Die soziale Frage gehört dabei eindeutig dazu.

  98. #101 Integrity
    13. Juni 2018

    So sehr ich mir wünsche dieser Scherz, dass Trump im Weißen Haus sitzen soll, würde endlich von jemandem aufgelöst, bevorzuge ich eher die Sicht eines französischen Philosophen, der meinte Amerika wäre größer als der momentane POTUS. Er wird maximal 8 Jahre der CEO der USA sein, danach muss er seine Koffer packen. Wir können nur hoffen, dass der Schaden, den er anrichtet, sehr begrenzt sein wird. Wir müssen ihn nur irgendwie aushalten, auch wenn es wirklich hart am Erträglichen ist.

    Es hat immer mal wieder Skandal-Wahlen gegeben. Diesmal schmerz es nur ein wenig mehr, weil es die USA sind. Wer dort das Ruder in der Hand hält, kann nicht nur sein Land, sondern die ganze Welt verändern.

    Trump vereint in sich so viele negative Eigenschaften, ich wüsste gar nicht wo ich anfangen sollte. In erster Linie ist er wohl ein notorischer Lügner und Heuchler. Die größte Heuchelei wird wohl die sein, dass er sich als echter Amerikaner geriert während Comey berichtete, dass er sich nicht im Geringsten dafür interessiert hat, welche Rolle Russland während der gesamten Wahlkampagne gespielt hat und in welchem Maße eingegriffen wurde. Ein echter Patriot müsste doch um die nationale Sicherheit seines Landes besorgt sein. Ich denke das FBI hat sehr präzise Informationen diesbezüglich, dennoch hat ihn das Thema nicht interessiert. Stattdessen lud Trump Comey unüblicher Weise zu einem Abendessen zu zweit ein um ihn wie ein Mafia-Boss nach Loyalität ‘abzuklopfen’.

    Ich habe auch die Anhörung Sessions’ vor dem Senat gesehen. Dieser hat bewiesen, dass der Eid für diese Leute nichts wert ist, indem er ziemlich offensichtlich gelogen hat. Genau genommen sind Trump und seine Truppe die größten Anti-Amerikaner. Ich hoffe nur Mr. Mueller lässt sich Zeit um gründlich zu arbeiten. Die Sache stinkt bis zum Himmel.

    Trump ist aus meiner Sicht nicht würdig. Seine Präsidentschaft beschädigt das Amt, denn die einzigen Werte, die er kennt, kann man von einem Bildschirm ablesen, auf dem oben NYSE steht.

  99. #102 Oma Wetterwachs
    14. Juni 2018

    @Joseph Kuhn
    Ich finde den Kommentar #97 von ‘Kassandra’ mit seinen Angriffen auf Sie (Krokodilstränen, Betroffenheitsgesten, Instrumentalisieren von ‘armen Socken’ und anderem) richtig schlimm und es tut mir leid, dass Sie solchen Beleidigungen ausgesetzt wurden. Die Anwürfe sind völlig grundlos, super mies, absurd und verletzend. Ich hoffe, Sie lassen sich von den Unverschämtheiten der Kommentatorin, die mir bisher nur mit ihrem amorph-individualistischen Stil und ihrer Null-Empathie für arme Menschen (z.B.:”Ein Angebot wie die Tafeln erzeugt Nachfrage aber alleine schon durch seine Existenz.”) aufgefallen ist, nicht beeinträchtigen.

    • #103 Joseph Kuhn
      14. Juni 2018

      @ Oma:

      Kassandra hat sich erkennbar über das “Gscheithaferl” oben geärgert und muss sich halt wieder einkriegen, insofern muss man das nicht dramatisieren. Was sie zu den Tafelbesuchern sagt, finde ich allerdings auch etwas unangemessen. Dass ohne Tafel niemand verhungern muss, stimmt sicher, aber was sie damit in Bezug auf das Blogthema sagen will, verstehe ich nicht. Sie wird ja vermutlich selbst nicht ernsthaft glauben, die Tafeln seien gar kein Ausdruck sozialer Spaltung im Land, sondern nur eine Art Alternativ-Aldi. Die Tafeln sind ein sichtbares Zeichen sozialer Beschämung in einem reichen Land, eines unter vielen.