Von der Tabakindustrie lernen

Wie man unliebsame Wissenschaft ins Leere laufen lässt, ist nach wie vor am besten von der Tabakindustrie zu lernen. Sie hat vermutlich alle Register in diesem Geschäft gezogen und zur Meisterschaft entwickelt. Sie hat vorhandene Erkenntnisse verheimlicht. Sie hat eigene gute Forschung gemacht, um zu wissen, wie gefährlich Tabakrauch ist, bevor es andere wissen. Sie hat des Weiteren selbst geforscht, um herauszufinden, wo Schwachstellen in den Studien der tabakkritischen Wissenschaftler sind. Sie hat weltweit Wissenschaftler für tabakverharmlosende Forschung bezahlt, darunter fast die ganze frühere Prominenz der deutschen Arbeitsmedizin, viele Lungenärzte, und natürlich auch Spitzenleute aus dem Public Health-Bereich. Sie hat „saubere“ Forschung zu anderen Themen bezahlt, teilweise, um konkurrierende Risiken etwa zu den Herzkreislaufrisiken des Rauchens in den Vordergrund zu rücken, wie Stress in der Industrie, teilweise, um social responsibility aufzubauen. Und sie hat versucht, so zu tun, als würde sie sich ganz besonders für die Qualitätssicherung in der Epidemiologie einsetzen, bis hin zu einer „sound science coalition“ und dem Versuch, etablierte wissenschaftstheoretische Kriterien geschäftszweckdienlich umzudefinieren. Letztendlich ist die Tabakindustrie trotzdem an der Integrität der Wissenschaft gescheitert. Eine epigonenhafte Verfallsform ihres Angriffs auf die Grundlagen der Wissenschaft war die sog. „Brüsseler Erklärung“, da hatte sich die Industrie schon von der Wissenschaft als zentralem Einflussziel entfernt und ganz auf die Bürger gesetzt.

Worum ging es der Tabakindustrie im Kern? In einem Strategiepapier der Tabakindustrie steht wie eine Quintessenz dieser Bemühungen der vielzitierte Satz:

“Doubt is our product since it is the best means of competing with the ‘body of fact’ that exists in the mind of the general public. It is also the means of establishing a controversy.”

Talentierte Nachahmer

Keine andere Industrie hat sich vorher und nachher so tief in den Körper der Wissenschaft bohren können wie die Tabakindustrie. All das ist seit Jahren bekannt und inzwischen in hunderten Publikationen, auch wissenschaftshistorisch, aufgearbeitet worden.

Nebenan bei den Skeptikern ist gerade in einem Kommentar auf ein Papier des „Dialogforums Pluralismus in der Medizin“ verlinkt worden. Das „Dialogforum Pluralismus in der Medizin“ ist vor fast 20 Jahren vom damaligen Präsidenten der Bundesärztekammer Hoppe etabliert worden, um dem damals langsam auch im Versorgungsalltag, also den ärztlichen Einkommensquellen, spürbar werdenden Druck der evidenzbasierten Medizin etwas entgegenzusetzen. 2004 ist beispielsweise das GKV-Modernisierungsgesetz in Kraft getreten. Seitdem gibt es das IQWIG, ein evidenzrotes Tuch nicht nur für die Pharmaindustrie, sondern auch für die Freunde der grenzenlosen ärztlichen Therapiefreiheit. Evidenzbasierung ist ein multiples Geschäftsrisiko im medizinisch-industriellen Komplex.

Das Dialogforum hat bis heute überlebt. Und es ist aktiv. Der „Vorsitzende des Sprecherkreises des Dialogforum Pluralismus in der Medizin“, Prof. Dr. med. Peter F. Matthiessen, hat im Mai eine Stellungnahme online gestellt, die nun auch im Monitor Versorgungsforschung eine Publikations-Plattform gefunden hat. Die Stellungnahme ist ein raffiniert gemachtes Lobby-Papier, unterzeichnet nicht zufällig von professionellen Homöopathie-Lobbyisten wie Cornelia Bajic. Das Frappierende daran sind nicht die hinlänglich bekannten Behauptungen, die Wirksamkeit der Homöopathie sei wissenschaftlich sehr wohl belegt, das Frappierende daran ist vielmehr ein Mehrebenenanschlag auf die Vernunft. Da wird zunächst darauf verwiesen, es gäbe doch RCTs und Metaanalysen, die der Homöopathie Wirksamkeit bescheinigen, man bemüht also klassische Instrumente der evidenzbasierten Medizin. Dann aber entzieht man dieser eben noch zu Hilfe gerufenen Wissenschaft das Vertrauen: Es müsse möglich sein, ein ganz anderes Wissenschaftsverständnis zu pflegen. So als ob die Wissenschaft an sich auch nur eine Schule des wissenschaftlichen Denkens neben anderen sei.

Freiheit statt Wissenschaft?

Aber es kommt noch besser. Unter Rückgriff auf den Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn wird die Wissenschaft an sich nicht nur auf ein „Paradigma“ reduziert, sondern wissenschaftliche Standards werden – wörtlich! – als „totalitäre Ideologie“ denunziert:

„Ein monoparadigmatischer Reduktionismus führt aber – bedacht oder nicht bedacht – am Ende stets in eine totalitäre Ideologie, für die die dogmatische Ideologie alles, der Respekt vor dem Selbststimmungsrecht des Bürgers und der Achtung der Menschenwürde und des individuellen Erkenntnisstrebens nichts bedeutet. Wollen wir eine solche durch totalitäre Strukturen geprägte Entwicklung in unserem Land für die Medizin und das Gesundheitswesen?“

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Kommentare (24)

  1. #1 RainerO
    16. Juni 2018

    Erst die Wissenschaft heranziehen, um die angebliche Wirkung von Homöopathie zu behaupten und dann ein paar Absätze weiter dieselbe Wissenschaft als totalitäre Denkstruktur verdammen.
    Hoffen sie, dass (unaufmerksame) Leser das einfach nicht mitbekommen? Denn dass sie das beim Schreiben dieses Pamphletes nicht bemerkt haben, glaube ich nicht.
    Ich hätte auch gerne eine nähere Erläuterung inwieweit Wissenschaft gegen das Grundgesetz verstößt. Das ist so ziemlich der größte Strohmann, den ich in letzter Zeit gesehen habe.

  2. #2 PDP10
    16. Juni 2018

    Man muss wohl langsam zu der Erkenntnis kommen, das Flat-Earther doch vergleichsweise vernünftige Menschen sind …

  3. #3 Cornelia S. Gliem
    17. Juni 2018

    wissenschaftliche Allgemeinbildung – das fehlt vielen. Denn – klar – gehört zweifel zur Wissenschaft und – Klar – Pluralismus ist gut; aber eben im Bereich etablierter * Wissenschaft eben sinnvoll nur wenn wissenschaftlicher zweifel u wissenschaftlicher Pluralismus!
    (*das war mal kein negativer begriff, nicht beleidigend. Gibt den schönen richtigen leider von anti-Medizinern häufig missbrauchten Satz “wer heilt hat recht”; DAS ist aber mehrheitlich die etablierte, die schulmedizin! …letzteres auch so ein negativ-gemachter begriff :-)).

  4. #4 RPGNo1
    17. Juni 2018

    Die Gleichstellung von Tabakindustrie mit Alternativmedizinischer Industrie ist harter Tobak (sorry Wortspiel), aber nach dem Lesen dieses Artikels und dem bei der GWUP meiner Meinung nach absolut gerechtfertigt.

  5. #5 user unknown
    17. Juni 2018

    „Ein monoparadigmatischer Reduktionismus führt aber – bedacht oder nicht bedacht – am Ende stets in eine totalitäre Ideologie, für die die dogmatische Ideologie alles, der Respekt vor dem Selbststimmungsrecht des Bürgers und der Achtung der Menschenwürde und des individuellen Erkenntnisstrebens nichts bedeutet. Wollen wir eine solche durch totalitäre Strukturen geprägte Entwicklung in unserem Land für die Medizin und das Gesundheitswesen?“

    Homöopathie ist aber nicht monoparadigmatisch?

    Das “führt am Ende stets” klingt, als hätten sie viele solcher Vorgänge schon beobachtet und analysiert. Würde mich interessieren, was das konkret war.

    Wenn man von einem solchen monoparadigmatischen Reduktionismus redet – was kann man damit eigentlich meinen? Doch nur die Forderung nach Nachweisen der Wirksamkeit.

    Das alternative Paradigma, das hier für Pluralismus sorgen könnte, wäre, endlich auch unwirksame Medizin zu fördern, zu unterrichten und zu finanzieren.

    Mit individuellem Erkenntnisstreben ist das Recht auf selbstbestimmten Selbstbetrug gemeint.

    Gegen totalitäre Strukturen wollen sie ein lustiges Hallo diverser, selbsternannter, undogmatischer Kirmesheiler in Stellung bringen.

  6. #6 Joseph Kuhn
    17. Juni 2018

    @ RPGNo1:

    “Gleichstellung von Tabakindustrie mit Alternativmedizinischer Industrie”

    Von der Tiefe, dem finanziellen Aufwand und den Folgen her, kann man beides natürlich nicht gleichstellen. Ich fand interessant, dass Matthiessens Stellungnahme bestimmte Muster des Tabaklobbyismus wiederholt: erstens Gegenstudien, zweitens der Griff nach der wissenschaftstheoretischen Ebene und drittens das Freiheitsmotiv, wenn man mit Wissenschaft und Wissenschaftstheorie nicht mehr weiterkommt.

    Perfide ist auch der wiederholte Hinweis fehlender “institutioneller” Forschungsförderung für die Homöopathie. Eigentlich gibt es genug Studien, noch mehr statistisches Rauschen um die Nulllinie der Wirksamkeit ist wirklich nicht nötig. Aber öffentliche Forschungsförderung wäre eine neue Form der Zertifizierung als “seriös”. Und weil die Homöopathie doch so “umstritten” ist (“establishing a controversy”), leuchtet es doch ein, dass der Staat oder gar die DFG hier Forschung fördern sollte, oder?

    @ user unknown:

    “Das alternative Paradigma, das hier für Pluralismus sorgen könnte, wäre, endlich auch unwirksame Medizin zu fördern, zu unterrichten und zu finanzieren.”

    So ist es und es ist jetzt schon Praxis: die Carstens-Stiftung fördert, die Ärztekammern vergeben die Zusatzbezeichnung Homöopathie nach belegter Weiterbildung, die Kassen finanzieren. Das Statement zielt darauf ab, den politischen Rückhalt dafür weiterhin abzusichern, sich Freiheit gegenüber dem wissenschaftlichen state of the art garantieren zu lassen. Die politische Unterstützung für die Homöopathie in Deutschland ist enorm, insofern ist diese Stoßrichtung der Lobbyisten klug gewählt.

  7. #7 RPGNo1
    17. Juni 2018

    @Joseph Kuhn

    Von der Tiefe, dem finanziellen Aufwand und den Folgen her, kann man beides natürlich nicht gleichstellen.

    Das hatte ich auch nicht so gesehen. Meine Aussage sollte bewusst überspitzt sein.

    “establishing a controversy”

    Das wiederum erinnert mich an die Wedge-Strategie amerikanischer Kreationisten, die “Intelligent Design” an Schulen der USA etablieren wollten: “Teach the Controversy”. Das Vorgehen des Dialogforums und seiner Unterstützer ist dem nicht unähnlich. Vielleicht haben sie sich einiges in den USA abgeschaut.

  8. #8 Uli Schoppe
    17. Juni 2018

    ” Eine akribische, aber unvoreingenommene Analyse der publizierten Evidenz zur Wirksamkeit der Homöopathie ergibt, dass die therapeutische Wirksamkeit durch qualitativ hochwertige Studien wohlbegründet ist und 90% der vorhandenen klinischen Studien außer Acht gelassen werden müssten, um eine Unwirksamkeit der Homöopathie schlussfolgern zu können (14). ”

    Das müsste man aber doch leicht auseinander nehmen können oder?

    • #9 Joseph Kuhn
      17. Juni 2018

      @ Uli Schoppe:

      “Das müsste man aber doch leicht auseinander nehmen können oder?”

      Allgemein – Norbert Austs hervorragende Sammlung von Studienkritiken: http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/
      Speziell zum Wisshom-Reader: http://www.beweisaufnahme-homoeopathie.de/?p=2883
      Umfassendes Review zur Wirkungslosigkeit der Homöopathie, das NHMRC Statement on Homeopathy: https://www.nhmrc.gov.au/guidelines-publications/cam02
      Das Informationsnetzwerk Homöopathie zur Kritik der Homöopathielobby am NHMRC-Review: https://www.netzwerk-homoeopathie.eu/standpunkte/225-stellungnahme-nhmrc

      Im Prinzip sind die Behauptungen der Lobby also “leicht auseinanderzunehmen”. Aber wer kann schon, wenn er sich nicht viel Zeit nimmt, wirklich bei der Frage mitreden, was der Wisshom-Reader taugt, wie gut das australische NHMRC Statement on Homeopathy ist, wie hartnäckig die Lobby jedwede Kritik schlicht ignoriert usw.?

      Zudem ist die Lobby-Taktik, mit immer neuen Gegenstudien, und seien sie methodisch noch so grottig, einen Nebel an “controversy” zu erzeugen, außerordentlich erfolgreich. Wie viel davon bewusste Produktion von Propaganda-Studien ist und wie viel gutgläubiger Studienmüll, ist schwer zu sagen.

      In der Hinsicht wiederum hätte übrigens die Tabakindustrie von den Homöopathiestudien lernen können: Die Mühe, vergleichsweise gute Tabak-schadet-nicht-Studien zu produzieren, hätte sie sich wohl gar nicht machen müssen, einfachste junk science tut es auch. Die Pharmaindustrie hat es da zumindest bei den Zulassungsstudien viel schwerer, weil die sorgfältig geprüft werden. Erst danach, mit den berüchtigten “Anwendungsbeobachtungen”, kann es sich die Pharmaindustrie leisten, auf homöopathischem Qualitätsniveau zu arbeiten.

  9. #10 libertador
    17. Juni 2018

    Ich finde folgende Stelle über zwei Absätze bemerkenswert:

    ” „Der Andere könnte Recht haben“. Man führt kein Gespräch, wenn der Andere nicht Recht haben könnte. Im Dialogforum haben wir diesen Satz modifiziert: Der Andere könnte auch Recht haben (23).

    Ein monoparadigmatischer Reduktionismus führt aber – bedacht oder nicht bedacht – am Ende stets in eine totalitäre Ideologie, für die die dogmatische Ideologie alles, der Respekt vor dem Selbststimmungsrecht des Bürgers und der Achtung der Menschenwürde und des individuellen Erkenntnisstrebens nichts bedeutet.”

    Vielleicht sollten die Autoren nochmal über Gadamers Aussage nachdenken. “Der Andere könnte Recht haben.” Vielleicht wäre es dann möglich, dass sie einen Dialog zulassen und dem Anderen nicht in die Ecke der totalitären Ideologie steckt und verstehen, was gute Alternativen zur sogenannten Alternativmedizin sind.

    Es ist schon bemerkenswert, wie man eine Aussage, ie sich auf die Theorie des Verstehens bezieht, zitiert, für sich beansprucht und gleichzeitig im Text überhaupt nicht versucht zu verstehen, was Kritiker der sog. Alternativmedizin sagen.

    Gadamer hat betont, dass Vorurteile eine wichtige Rolle beim Verstehen spielen. Gleichzeitig braucht es aber auch eine Übereinstimmung, um den anderen zu verstehen.

    Gleichzeitig seien Forderungen nach Wissenschaftlichkeit noch grundgesetzwidrig. Da hätte ich doch gerne ein Rechtsgutachten.

    Die Autoren suchen sich alles, was irgendwie für sie sprechen könnte, und nehmen dabei keinerlei Rücksicht darauf, ob sie ihre Gewährspersonen und Quellen adäquat auslegen, oder sie sind inkompetent. Vielleicht ist es auch eine Kombination.

    Das Papier scheint mir medizinisch, wissenschaftstheoretisch und juristisch fehlerhaft zu sein. (Ich kann insbesondere das zweite beurteilen, aber es scheint mir in allem evident.)

  10. #11 Joseph Kuhn
    17. Juni 2018

    @ libertador:

    Falls nicht ohnehin bekannt: Wolfgang Würger:
    Wissenschaftstheoretische Grundlagen der Homöopathischen Medizin, LIT-Verlag 2013
    .

    Wenn man einen Unterschied zur Tabaklobby festmachen wollte: Die Tabaklobby hat bei ihrem Versuch, wissenschaftstheoretisch zu punkten, die Grundlagen der wissenschaftlichen Vernunft nicht verlassen. Sie wollte ihre Interessen “nur” durch eine Aufweichung der gängigen epidemiologischen Vorgehensweisen unterbringen. Die Homöopathen reklamieren dagegen trotz Berufung auf RCTs zugleich ein ganz anderes Wissenschaftsverständnis – ohne das übrigens zu explizieren und damit kritikfähig zu machen. Sie bleiben hier geschickterweise im Ungefähren des “ganz Anderen”.

    Das “ganz Andere” ist esoterische Tradition. Man könnte natürlich auch Brücken zu diskussionswürdigen Ansätzen der Kritik an bestimmten Ausprägungen der Wissenschaftstheorie schlagen, angefangen vom Positivismusstreit in der deutschen Soziologie bis hin zu konstruktivistischen Positionen in den Genderstudies. Aber damit tut man dem “ganz Anderen” der Homöopathen zuviel der Ehre an – wie gesagt, sie explizieren ihr “ganz anderes” Wissenschaftsverständnis ja lieber nicht – vielleicht abgesehen von Walachs “Verallgemeinerter Quantentheorie”.

  11. #12 libertador
    18. Juni 2018

    @Joseph Kuhn
    Danke für den Literaturhinweis. Das kenne ich noch nicht. Wobei ich mich frage, ob ich dafür Geld ausgeben sollte.

    Nochmal kurz zum Papier. So ganz habe ich jetzt nicht verstanden, welche Anomalien sie in der Schulmedizin identifizieren und, wie die Homöopathie diese löst. Ich sehe garnicht so richtig, welches Paradigma die Homöopathie in der Lage wäre auszubilden. Kuhn identifiziert historisch ja häufig paradigmatisch experimentelle oder theoretische Erfolge. Er entwickelt zwar keine rationale Rechtfertigung für die Annahme eines Paradigmas (und hält diese auch nicht für aussichtsreich), aber betont insbesondere für die Normalwissenschaft die kriterienbasierte Forschung. Ich sehe da in der Homöopathie keinerlei Ansätze so etwas zu entwicklen, aber das kann auch meine Unwissenheit sein.
    Diese Lücken in der Rezeption machen eine ernsthafte inhaltliche Ausseinandersetzung schwer. Das ist tatsächlich interessant, da die Methode der Tabaklobby hier ausgedehnt wird auf die wissenschaftstheoretischen Grundlagen.
    Eine Motivation könnte sein, dass Ihnen teilweise bewusst ist, dass ihr Unterfangen wissenschaftlich auf noch weicherem Grund gebaut ist als die Tabaklobby.

    • #13 Joseph Kuhn
      18. Juni 2018

      @ libertador:

      Während die Tabakindustrie sich damit begnügt hat, die Standards der Epidemiologie nach ihren Interessen dehnen zu wollen, erklären die Homöopathen wissenschaftliche Vernunft an sich zu einem konkreten Paradigma, zu dem es Alternativen geben müsse. Es kann aber zu einem systematischen, regelgeleiteten Untersuchen empirischer Fragen keine systematische, regelgeleitete Alternative geben. Ich denke, in dieser Formulierung wird das Widersinnige der Forderung nach dem „ganz Anderen“ klarer.

      Man kann konkrete wissenschaftliche Methoden kritisieren und Alternativen vorschlagen. Die können dann selbst wiederum kritisiert werden. Dazu muss man sich aber im Rahmen des vernünftigen Argumentierens bewegen und kann kein „ganz Anderes“ in Anspruch nehmen, von dem man nur raunt, weil es ja „ganz anders“ ist.

  12. #14 Wizzy
    18. Juni 2018

    Mit dem gleichen Argumentationsmuster könnte ich auch meine Atomstromfilter für Zuhause, meine Hüllen gegen “nur die schädliche (nicht aber nützliche) Handystrahlung”, Anti-Krebs-Edelsteine (leider alles drei schon gesehen) oder nicht-homöopathische Schlangengiftkugeln verkaufen. Denn “Ein monoparadigmatischer Reduktionismus führt aber – bedacht oder nicht bedacht – am Ende stets in eine totalitäre Ideologie […]”
    Anders gesagt: Die Homöopathielobby sollte mal klären, wie man Quacksalberei eigentlich nun genau erkennen kann – das das nötig ist, kann sie kaum bestreiten.

  13. #15 foobar407
    18. Juni 2018

    @Kuhn

    Während die Tabakindustrie sich damit begnügt hat, die Standards der Epidemiologie nach ihren Interessen dehnen zu wollen, erklären die Homöopathen wissenschaftliche Vernunft an sich zu einem konkreten Paradigma, zu dem es Alternativen geben müsse.

    Ich würde hier etwas mehr Trennen. Zunächst einmal verstehe ich das Anliegen der Homöopathen so, dass sie nicht Wissenschaft generell in Frage stellen, sondern nur das aktuelle medizinische Paradigma. Sie (Herr Kuhn) nennen es evidenzbasiert und die Homöopathen bezeichnen es als Reduktionismus (was in dem Kontext wohl ziemlich schwammig ist). Dazu wollen sie eine Alternative bieten, aber ohne die gesamte Wissenschaft an sich in Frage zu stellen.

    Wenn die Homöopathen das tun wollen, müssen sie sich natürlich an die Vernunft ganz allgemein halten. Ihren Einwurf mit der wissenschaftlichen Vernunft verstehe ich nicht, was soll denn das sein?

    Es kann aber zu einem systematischen, regelgeleiteten Untersuchen empirischer Fragen keine systematische, regelgeleitete Alternative geben. Ich denke, in dieser Formulierung wird das Widersinnige der Forderung nach dem „ganz Anderen“ klarer.

    Die Forderung an sich ist nicht so widersinnig. Wenn das System ein anderes wäre oder die Regeln anders wären, hätte man doch eine Alternative. Und wenn das alternative System oder die alternativen Regeln auch vernünftig sind, dann wäre das ganze ein vernünftiges alternatives Paradigma. Das wäre ein “ganz Anderes”, dem man sich ruhig mal öffnen könnte.

    Das Problem der Homöopathie ist eben doch nicht, dass sie eine Alternative darstellen wollen, sondern eben genau, dass ihre alternativen Regeln in ihrem alternativem System widersprüchlich und damit nicht vernünftig sind.

    Man kann konkrete wissenschaftliche Methoden kritisieren und Alternativen vorschlagen. Die können dann selbst wiederum kritisiert werden. Dazu muss man sich aber im Rahmen des vernünftigen Argumentierens bewegen und kann kein „ganz Anderes“ in Anspruch nehmen, von dem man nur raunt, weil es ja „ganz anders“ ist.

    Genau.

  14. #16 Joseph Kuhn
    18. Juni 2018

    @ foobar407:

    “Ich würde hier etwas mehr Trennen.”

    Das ist leichter gesagt als getan, wenn auf der anderen Seite immer Nebel ist.

    “Zunächst einmal verstehe ich das Anliegen der Homöopathen so, dass sie nicht Wissenschaft generell in Frage stellen …”

    Da verstehen Sie mehr als ich. Ich weiß nicht, was sie meinen. Sie haben viele unterschiedliche Ansichten, die nur eines eint: Es könnte doch alles auch ganz anders sein. Nebel wallen.

    “die Homöopathen bezeichnen es als Reduktionismus (was in dem Kontext wohl ziemlich schwammig ist). Dazu wollen sie eine Alternative bieten, aber ohne die gesamte Wissenschaft an sich in Frage zu stellen.”

    Was soll worauf reduziert werden und warum geht das nicht? Wenn man den naheliegenden Strohmann “der Mensch als Maschine” mal weglässt, ist da kein konkreter Bezug mehr. Und die Alternative bleibt genauso vage. Psychosomatik kann es ja nicht sein, das ist nicht anders genug. Nebel wallen.

    Matthiessen schreibt zwar, er verfolge “keineswegs Beliebigkeit”, sondern “die Frage nach dem wechselseitigen Ergänzungspotential, aber auch dem gegenseitigen Ausschluss der unterschiedlichen medizinischen Ansätze”. Danach kommt aber nichts. Weder wird expliziert, was die “unterschiedlichen medizinischen Ansätze” ausmacht und wo konkret die Unterschiede liegen, noch wie man zu Ausschlussentscheidungen kommt. Nebel wallen.

    Weiter unter greift er den Begriff “Wissenschaftspluralismus” aus einer Bundestagsdrucksache auf. Was soll das sein? Natürlich haben unterschiedliche Disziplinen unterschiedliche Methodologien. Man arbeitet in der Mathematik anders als in der Physik und dort anders als in der Linguistik. Meint er so etwas? Und was würde das für die Medizin konkret bedeuten? Oder glaubt er, es gäbe eine alternative Wissenschaft, die z.B. mit Offenbarungen und Wesenseinsichten arbeitet? Das wäre mangels jedweder Nachprüfbarkeit die von ihm verneinte Beliebigkeit. Man weiß nicht, was er meint. Nebel wallen.

    Man sollte auch nicht vergessen, dass Homöopathen Hahnemannscher Prägung an “geistartige Kräfte” glauben, und Homöopathen mit anthroposophischen Einsprengeln ebenso an höhere Wesenskräfte. Diese Kräfte sieht man nirgendwo, sie wirken sonst nirgendwo, sie dienen homöopathieaffinen Menschen nur dazu, zu glauben, es könnte doch alles auch ganz anders sein. Dann dürfen auch Engel heilen, was spricht dagegen? Nebel wallen.

  15. #17 Udo Endruscheit
    Essen
    19. Juni 2018

    Nein, es bedarf hier kaum einer Hermeneutik zur “Ausdeutung” dieser extrem fehlgeleiteten Position der “Wissenschaftspluralisten”. Hier verbindet sich fehlgeleitetes Wissenschaftsverständnis, das auf ein nie wirklich fundiertes Verständnis der Prinzipien des kritischen Rationalismus zurückzuführen sein dürfte, mit plattestem Lobbyismus der homöopathischen Fraktion. Man durfte dem ähnliche Statements in der Vergangenheit auch schon auf den Webseiten der homöopathischen Interessenvertreter aus deren eigener Feder nachlesen. Dort zentrierte sich der Vorwurf immer auf einen vorgeblichen “Wissenschaftsdogmatismus” der Homöopathiekritiker, der mit (totalitärem) Anspruch “gewaltsam” durchgesetzt werden sollte. Selbst der Wikipedia ist derartiges schon vorgeworfen worden.

    Was ich hier konstatiere, und das tue ich bewusst in aller Deutlichkeit, das ist eine Denunziation des auf kritischem Rationalismus beruhenden Wissenschaftsbegriffs unter Griff in die Moralkiste. Mit dem Ziel – eben doch – jede mögliche Tür für Beliebigkeit offenzuhalten.

    Es ist nichts anderes als eine unheilige Allianz. Eine Allianz zwischen den Fossilien aus der Hoppe-Ära und speziell den Homöopathen. Die haben ähnliches längst im Alleingang versucht. So haben Walach und Baumgartner offen einen eigenen Wissenschaftsbegriff für die Homöopathie eingefordert. Wenn das kein Ruf nach Beliebigkeit ist – der in der besprochenen Veröffentlichung auch noch aufs Perfideste in einen Moralvorwurf gegen die “andere Seite” umgedeutet wird…

    Im Grunde ist es ein Angriff auf über 2000 Jahre des Bemühens um menschliche Erkenntnisgrundlagen. Hier wird der schlichte Satz negiert, dass Erkenntnis eine nachweisbar begründbare Aussage sein muss.

    Man mag über Thomas S. Kuhns Paradigmenbegriff streiten können, zumal er selbst diesen im Laufe der Zeit vielfach umdefiniert und abgewandelt hat und er sogar von seinen Exegeten höchst unterschiedlich gedeutet wurde. Aber die Wissenschaftlichkeit auf der Basis kritischer Rationalität sozusagen als Teilmenge von Kuhns Paradigmenbegriff anzusehen, ist grotesk. Nichts anderes tut dieser verzweifelte Rundumschlag der Vertreter der Prämoderne.

  16. #18 PDP10
    19. Juni 2018

    Die deutsche Bürokratie und das Bundessozialgericht sind da übrigens konsequent und sehen das ganz pragmatisch …

    http://www.fr.de/politik/gesundheitswesen-geistheilerin-muss-beitraege-an-berufsgenossenschaft-zahlen-a-1528109

    Ich weiß im Moment nicht, ob ich weiter mit offenem Mund da sitzen, oder vor Lachen unter dem Schreibtisch liegen soll …

  17. #19 Joseph Kuhn
    21. Juni 2018

    Fundstück:

    Vor ein paar Tagen ging die Meldung über eine Studie durch die Medien, dass Medikamente nicht selten Depressionen als Nebenwirkungen haben.

    Harald Walach nahm das zum Anlass, um eine Lanze für die Homöopathie als Behandlungsmethode bei Depressionen zu brechen. Unter Bezug auf eine Studie zum Vergleich einer Homöopathika-Gabe mit dem Antidepressivum Fluoxetin, bei der sich eine Nichtunterlegenheit der Homöopathikabehandlung gezeigt habe (wie die Studie einschl. der verwendeten Teststatistik zu bewerten ist, z.B. mit Blick auf die wirkungsrelevant selektiven Drop-Outs, kann ich nicht beurteilen, aber darauf kommt es hier nicht an), kommt er zu einem bemerkenswerten Fazit: “Wer weiss, vielleicht ist das sogar eines der Geheimnisse der Homöopathie: Nicht zu behandeln und das gekonnt.”

    Darüber kann man diskutieren. Der ganze Aberglaube um die “geistartigen Kräfte” und die Potenzierungsmagie wäre dann erledigt. Ein “Geheimnis” ist das zwar nicht, sondern der Stand der Wissenschaft, aber gut. Die Diskussion über ein alternatives Wissenschaftsverständnis könnte dann auch in die Tonne.

    Die Last des Arguments liegt dann auf dem “und das gekonnt”. Die nur homöopathische Behandlung von wirksam behandelbaren Krebserkrankungen wäre sicher nicht “gekonnt”. Gleiches gilt für alle anderen Erkrankungen, bei denen eine wirksame Behandlung versäumt wird. Und in den anderen Fällen stellt sich die Frage, wie man “gekonnt” eine Placebotherapie anwendet, ohne die Patienten hinters Licht zu führen. Die Bundesärztekammer hat sich dazu recht klar geäußert (unter Beteiligung von Prof. Jütte, eines bekannten Homöopathen, übrigens): Es besteht grundsätzlich die Pflicht, eine wirksame Therapie anzuwenden und wenn eine Placebotherapie infrage kommt, sind die Patienten darüber und über die Alternativen aufzuklären.

  18. #20 foobar407
    21. Juni 2018

    Und in den anderen Fällen stellt sich die Frage, wie man “gekonnt” eine Placebotherapie anwendet, ohne die Patienten hinters Licht zu führen. Die Bundesärztekammer hat sich dazu recht klar geäußert (unter Beteiligung von Prof. Jütte, eines bekannten Homöopathen, übrigens): Es besteht grundsätzlich die Pflicht, eine wirksame Therapie anzuwenden und wenn eine Placebotherapie infrage kommt, sind die Patienten darüber und über die Alternativen aufzuklären.

    Ha. Ich dachte, das mit der Placebowirkung funktioniert nur, wenn der Patient eben nicht über das Placebo aufgeklärt ist!?

    Ansonten, gibt es gerade bei Depressionen gute Argumente für eine Placebotherapie gegenüber der Nutzung von Antidepressiva, insbesondere die Nebenwirkungen. Aber noch bessere Gründe gibt es für Therapien außerhalb des “Pilleneinschmeißens”.

    • #21 Joseph Kuhn
      21. Juni 2018

      @ foobar407:

      “Ich dachte, das mit der Placebowirkung funktioniert nur, wenn der Patient eben nicht über das Placebo aufgeklärt ist!?”

      Manchmal ist es eben anders als man denkt.

  19. #22 PDP10
    21. Juni 2018

    @Joseph Kuhn:

    [..]kommt er zu einem bemerkenswerten Fazit: “Wer weiss, vielleicht ist das sogar eines der Geheimnisse der Homöopathie: Nicht zu behandeln und das gekonnt.”

    Darüber kann man diskutieren.

    Man könnte das auch als Offenbarungseid bezeichnen …

  20. […] Wissenschaftstheorie und Lobbyismus […]

  21. […] neu und sieht in den etablierten wissenschaftlichen Standards paulfeyerabendverhunzend eine „totalitäre Ideologie“ – will aber selbst homöopathiekritische Vorträge an Hochschulen unterbinden oder zumindest […]