Das Zentrum für Krebsregisterdaten beim Robert Koch-Institut ist so etwas wie eine Referenzstelle für epidemiologische Krebsdaten, also bevölkerungsrepräsentative Daten zum Krebsgeschehen. Mehrfach wurde hier auf Gesundheits-Check schon auf die informative Broschüre „Krebs in Deutschland“ Bezug genommen, die regelmäßig von der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland (GEKID) und dem Zentrum für Krebsregisterdaten beim RKI herausgegeben wird – eine Übersichtsdarstellung, die noch vor 30 Jahren mangels Daten undenkbar gewesen wäre.

Krebsdaten_2014

Mehr Wissen bringt immer auch mehr Fragen mit sich. In eben jener Broschüre „Krebs in Deutschland“, in der letzten Ausgabe auf Seite 21, findet sich eine Abbildung, die zeigt, dass die absolute Zahl der Neuerkrankungen bis etwa 2007 angestiegen ist und seitdem zurückgeht. Die absolute Zahl der Sterbefälle steigt aber weiter leicht an. Nur als Hintergrundinformation: Rechnet man statistisch die Alterung der Gesellschaft raus, sinkt auch die Rate der Sterbefälle. Ganz pauschal: Das Krebssterberisiko in den einzelnen Altersgruppen nimmt nicht zu, es sinkt. Trotz Chemie im Essen, Handystrahlen und Glyphosat im Bier.

Nur: Warum steigt die Zahl der Sterbefälle, wenn die Zahl der Neuerkrankungen seit fast 10 Jahren sinkt? Und die Überlebenszeiten fast bei allen Krebsarten steigen? Ist das ein Nachlaufeffekt der früher steigenden Zahl der Neuerkrankungen? Oder ein Effekt des sich ändernden Anteils einzelner Krebsarten (mit ihren unterschiedlichen Überlebenszeiten) am Krebsgeschehen? Oder noch was anderes? Steht es irgendwo bei „wie jeder weiß“ und nur ich weiß es nicht?

Kommentare (5)

  1. #1 Uli Schoppe
    27. September 2018

    Irgendein Effekt der aus der Statistik selbst kommt? Wenn du es nicht weißt, ich bin da ratlos. Eigentlich hätte ich eine Antwort von dir erwartet :)

  2. #2 Peter Köhler
    Komstanz
    28. September 2018

    Frauen erkranken seltener an Brustkrebs (S. 73), der gut heilbar ist, aber häufiger an Lungenkrebs (s. 57), der meistens zum Tod führt. Deshalb entwickeln sich Neuerkrankungen und Todesfälle nicht parallel. Da der Lungenkrebs ca. 15 Jahre zur Entwicklung braucht, erfahren wir jetzt die Folgen des Raucherbooms in der weiblichen Bevölkerung um 2005 (seither sinkt die Raucherquote wieder).

  3. #3 Richard
    28. September 2018

    Sie haben doch selbst auf die Alterstandardisierung hingewiesen. Die absolute Zahl der Krebssterbefälle steigt. “An Krebs erkranken mehr alte als junge Menschen. Die steigende Lebenserwartung erhöht damit für den Einzelnen die Wahrscheinlichkeit, eine Krebserkrankung “zu erleben”. Daher steigen auch die absoluten Zahlen der Sterbefälle in Deutschland, obwohl in Wirklichkeit immer mehr Menschen ihre Erkrankung überleben.” (Krebsinformationsdienst)

    Reicht das nicht als Erklärung aus?

    • #4 Joseph Kuhn
      28. September 2018

      @ Richard:

      Die Grafik zeigt sowohl für die Neuerkrankungen als auch für die Sterbefälle absolute Zahlen. Inwiefern bei den diskrepanten Trends Alterseffekte eine Rolle spielen, erschließt sich mir daher erst mal nicht. Eher neige ich, wie schon im Blogbeitrag angedeutet, einer Erklärung zu, wie sie Peter Köhler in seinem Kommentar vorbringt.

      Ich bin ziemlich sicher, dass Krebsepidemiologen die Sache gut erklären können, vermutlich haben sie es irgendwo auch schon getan. Wenn es sich hier nicht klären lässt, frage ich mal nach.

  4. #5 Joseph Kuhn
    12. Oktober 2018

    Update:

    In der Zeitschrift Public Health Forum 26(3):220-224 ist gerade ein kurzer Beitrag “Rückgang der Krebssterblichkeit in Deutschland: welche Rolle spielen Entwicklungen bei der Inzidenz?” von Julia Fiebig und Klaus Kraywinkel vom Zentrum für Krebsregisterdaten erschienen. Er gibt ansatzweise auch Antwort auf die Frage im Blog, in Richtung der am Ende angestellten Vermutungen.