Der Protest von hundert Lungenärzten gegen den wissenschaftlichen Mainstream in Sachen Luftschadstoffen hat politisch erhebliche Wellen geschlagen. Wenn die Sterne günstig stehen, kann man offensichtlich auch ohne Fachkompetenz weit kommen. Ob das der Vorsitzenden der jungen Liberalen, Ria Schröder, mit ihrer Forderung nach einer Masernimpfpflicht für Kinder auch gelingt, glaube ich nicht. Das Thema will ich aber gar nicht mehr ausbreiten, dazu gibt es hier auf Gesundheits-Check genug Blogbeiträge. Die Liberalen fordern die Masernimpfpflicht nicht zum ersten Mal, sie scheinen Gefallen daran gefunden zu haben, vielleicht als Ausgleich dafür, dass sie gegen ein Tempolimit sind, gegen Auflagen für die Zuckerindustrie, gegen Tabaksteuererhöhungen und überhaupt gegen alles, was sonst das Leben von Kindern retten kann. Eine Art symbolische Wiedergutmachung sozusagen. Aber sie sollten dann wenigstens die Impfpflicht für die Influenzaimpfung fordern, da geht es wirklich um viele Menschenleben. Gut, das ist dann wieder die Sache mit der Fachkompetenz.

Die ist in einer anderen Causa zweifellos gegeben. Es sind zwar nur drei Autoren, kein Lungenarzt dabei, aber sie wissen, wovon sie reden. Katherine M. Flegal, John P.A. Ioannidis und Wolfram Doehner haben gerade einen Artikel veröffentlicht, der eine Metaanalyse der Global BMI Mortality Collaboration (GBMC) aus dem Jahr 2016 kritisiert. Die kam auf der Basis der Arbeit von mehreren hundert Wissenschaftlern zu dem Ergebnis, dass Übergewicht doch schon bei recht mäßigen BMI-Werten die Sterblichkeit erhöht. Ein paar Jahre vorher hatte ein Team um Katherine Flegal nach der Auswertung umfangreicher CDC-Daten festgestellt, dass Menschen mit leichtem Übergewicht, also einem BMI von über 25, aber noch unter 30, das niedrigste Sterberisiko haben, niedriger als die Normalgewichtigen.

Gegen die Arbeit von Flegal et al. gab es von Anfang an heftige Kritik. Die Debatte ging seitdem hin und her, zuletzt gab es vermehrt Studien, die eine erhöhte Mortalität schon bei leichtem Übergewicht sahen, und dann eben 2016 die Metaanalyse der GBMC. Nun also eine geharnischte Gegenrede. In der Adipositas-Debatte geht es so ähnlich zu wie in die Dieseldebatte. Nur auf einem ganz anderen Anspruchsniveau. Katherine Flegal wird von Wikipedia als „one of the most highly cited scientists in the field of the epidemiology of obesity“ eingeführt. Bei Researchgate wird ihr Hirschfaktor, ein Maß für das Zitiertwerden, mit 98 angegeben, ein sehr hoher Wert. Zum Vergleich: Der bekannte Klimaforscher Schellnhuber, ein Wissenschaftler mit hunderten von Publikationen, hat bei Researchgate einen Hirschfaktor von 54. Katherine Flegal ist derzeit an der Stanford University, vorher war sie am National Center for Health Statistics der CDC, den Centers for Disease Control and Prevention. John Ionnidis ist seit seinem berühmten Papier „Why Most Published Research Findings Are False“, das manchen Leuten als meistzitierte epidemiologische Publikation der Welt gilt, so etwas wie ein Star unter den Epidemiologen und auch in breiteren wissenschaftsinteressierten Kreisen bekannt geworden. Hirschfaktor 145, ebenfalls Stanford. Wolfram Doehner ist an der Berliner Charite, Hirschfaktor 48. Man muss das mit dem Hirschfaktor nicht überbewerten, es soll nur zeigen, dass hier keine akademischen Leichtgewichte am Werk sind.

Die drei werfen nun der GBMC-Metaanalyse schwerste methodische Fehler und unzulässige Schlussfolgerungen vor: „Given the major flaws in the selection process, in the adequacy of the data, in the data analysis, and in the interpretation, the GBMC conclusions cannot be trusted as a guide to action, either for clinical decisions or for public health in general.“

Rumms! Ob nach dem jahrelangen Hin und Her in der Adipositas-Debatte die Erklärung zum Interessenkonflikt („The authors declare that no conflict of interest relevant to this article exists“) bei Katherine Flegal jenseits des finanziellen Aspekts so ganz ernst zu nehmen ist, sei dahingestellt. Natürlich ist sie hoch engagiert und verteidigt auch ihre eigene Arbeit. Aber die Kritik der drei ist substanziell und sie ist ein Paukenschlag. Die GBMC-Autor/innen werden darauf sicher reagieren (oder haben es schon getan). Ich traue mir in dieser Auseinandersetzung kein Urteil zu, da bin ich nur Zuschauer eines wissenschaftlichen Streits mit harten Bandagen, aber auf hohem Niveau. Was ein paar hundert Lungenärzte dazu sagen, dürfte in dem Fall niemand interessieren. Bei der Dieseldebatte wäre das auch die richtige Reaktion gewesen. Dass ein Bundesminister die Überprüfung der WHO-Grenzwerte für Adipositas fordert, muss man wohl ebenfalls nicht befürchten.

Kommentare (28)

  1. #1 Thomas
    Bremen
    6. Februar 2019

    Aus dieser Analogie zur Diskussion um die NOx Grenzwerte komme ich zu folgender Schlussfolgerung:

    1. Herr Köhler und Kollegen hätten besser ein Paper geschrieben und das in Fachzeitschriften mit Per Review veröffentlichen sollen. Und danach erst in den öffentlichen Diskurs einsteigen.

    2. Es war wieder mal ein Glanzstück der Medien wie man Schreihälsen eine Bühne geboten hat (zuerst Hart aber Fair) ohne einen fachlichen Gegenpart aufzubieten.

    Auch der spätere Auftritt bei Fr. Illner im ZDF war nicht besser. Dort war zwar mit Herrn Wichmann ein Fachmann als Gegenpart vorhanden, aber eine wirkliche Diskussion kam hier nicht zustande wegen der Art der Moderation. Da darf jeder seinen Rotz in die Runde hauen und es besteht kaum eine Möglichkeit der Teilnehmer eine Erwiderung zu bringen. Rede und Gegenrede finden nicht statt. Dafür sind dann noch andere Teilnehmer eingeladen die fachlich total überfordert sind. Der Zuschauer bleibt dann meist ratlos zurück.

  2. #2 shader
    6. Februar 2019

    Ich bin wirklich erstaunt, dass die Forderung nach einer Masernimpfpflicht von den jungen Liberalen kommt. Möchte vorwegschicken, dass ich die Idee nicht unbedingt für gut halte, aber eigentlich war elementarer Hauptbestand der liberalen Philosophie die Eigenverantwortung jedes einzelnen Bürgers. Man lernt immer wieder dazu.

  3. #3 Michael
    6. Februar 2019

    “… Eigenverantwortung jedes einzelnen Bürgers …”

    Die kann es nur geben, wenn der Bürger mit seinem Verhalten keine anderen Menschen gefährdet. Genau dies geschieht jedoch bei der Impfverweigerung und ist erstaunlicherweise bis zu den JuLis vorgedrungen.

  4. #4 shader
    6. Februar 2019

    Dann frage ich mich ähnlich wie der Autor, warum das nicht zumindest beim Tempolimit durchgedrungen ist, wo man durch eigenes Verhalten seine Mitmenschen gefährdet?

  5. #5 foobar407
    6. Februar 2019

    Diese Auseinandersetzungen klingen immer spannend. Besonders wenn sie quasi auf Augenhöhe stattfinden, also sozusagen innerhalb des wissenschaftlichen Mainstreams.

    Kann man denn den Punkt mit der unzureichenden Datenauswahl und der fehlerhaften Interpretation noch irgendwie genauer erklären ohne dass ich alle Papers dazu lesen muss?

    PS: Wann kommt der Artikel über die küchenpsychologischen Betrachtungen von Flegal, Ioannidis und Doehner? 😉

  6. #6 Alisier
    6. Februar 2019

    Das Auto ist in Deutschland gleichbedeutend mit Freiheit. Und freiheitlich in diesem Sinne waren die Liberalen schon immer.
    Ebenso frei sind sie im Verständnis dessen, was liberal bedeutet. Nämlich dass jeder machen darf was er will solange er genug Geld verdient.
    Das mit den Masern ist ein Ausrutscher. Wird schon nicht wieder vorkommen: da ist Lindner vor.
    Um aber zum Thema zu kommen:
    Adipositas wird meines Wissens nicht dadurch verursacht, dass jemand anderes etwas Grenzlegales tut. Fett werden wir immer noch durch eigenes zutun.
    Ok, über billige Lebensmittel, Werbung und mangelnde Aufklärung kann man streiten. Über Pathologisierung an allen Ecken und Enden aber auch.
    In dem Zusammenhang möchte ich daran erinnern, was Lipidsenker so alles anrichten können, neben der Tatsache, dass mit Statinen richtig viel Geld verdient wird.
    Ziel scheint mir eine statistische Verlängerung der Lebenserwartung um jeden Preis zu sein. Inzwischen, denke ich, schießen wir weit übers Ziel hinaus, denn Leben wird irgendwann als schieres Überleben gesehen, Lebensqualität ignorierend.
    Und das ist dann die Perversion des Überlebenskampfes derer, die Hungers sterben.
    Irgendwas läuft da schief.

  7. #7 Alisier
    6. Februar 2019

    Der “Hirschfaktor” ist freilich ein wunderhübscher Ausdruck…..aus seiner Sicht hat Andreas Scheuer bestimmt einen herausragenden Hirschfaktor: genau so tritt er auf.

  8. #8 shader
    6. Februar 2019

    @Alisier: “Inzwischen, denke ich, schießen wir weit übers Ziel hinaus, denn Leben wird irgendwann als schieres Überleben gesehen, Lebensqualität ignorierend.”

    Wie meinst Du das konkret auf Adipositas bezogen? So ganz ist mir nicht klar, was die Botschaft ist.

  9. #9 Alisier
    6. Februar 2019

    Die Botschaft ist, shader, dass der Stress der entsteht, wenn BMI und Blutfettwerte das Leben bestimmen nicht unerheblich ist.
    Bei Diabetes ist das ja noch sinnvoll, aber selbst da nicht immer, wenn z.B. bei Schwangerschaftsdiabetes aus Gründen der Prävention die Grenzwerte inwischen so niedrig angestzt sind, dass Frauen um die vierzig sehr schnell das Gefühl vermittelt bekommen, das Leben ihres Kindes zu gefährden, wenn sie nicht sofort Maßnahmen ergreifen.
    Gesund aber unzufrieden und gestresst sterben halte ich zudem nicht für ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt.
    Gelassenheit und Zufriedenheit ist auch was wert, aus meiner Sicht.

  10. #10 Fluffy
    6. Februar 2019

    Ich möchte mich auch nicht weiter zum Thema Impfpflicht ausbreiten. Ich lasse alle meine Kinder impfen. Muß ich jetzt für eine strikte Impfpflicht plädieren?
    Gibt es eigentlich eigentliches ein individuelles Recht auf Adipositas?

  11. #11 shader
    6. Februar 2019

    @Alisier: “Die Botschaft ist, shader, dass der Stress der entsteht, wenn BMI und Blutfettwerte das Leben bestimmen nicht unerheblich ist.”

    Das würde ich mal als offene Frage stellen, ob dieser Stress als evidenter einzuschätzen ist als die Gefahren bei einem hohen BMI und Blutfettwerten.

  12. #12 Ludger
    6. Februar 2019

    Die Debatte über Stickoxide zeigt ein Kommunikationsproblem, denn es werden zu viele Dinge in einen Topf geworfen: Richtwert, Grenzwert, Schädlichkeit von Stickoxiden, Schädlichkeit von Feinstaub und Bewertung von Stickoxid-Messwerten. Ich beziehe mich u.a. auf den Artikel der “ZEIT”: “Die Wertedebatte” ( https://www.zeit.de/2019/06/stickoxid-limit-grenzwerte-abgase-schadstoffbelastungen [leider nur für Abonnenten / Probeabonnenten] ).
    Zusammenfassung:
    * Die WHO hat einen Richtwert für Stickoxide herausgegeben, keinen Grenzwert.
    * Stickoxide wurden als Surrogatparameter für die Luftverschmutzung genommen, weil sie leicht messbar sind, sind aber selber nicht das wesentliche Problem für die Gesundheit. Problematisch für die Gesundheit ist die Mischung mit Feinstaub, der wiederum nur zum Teil von Dieselmotoren kommt. Besonders hohe Feinstaubbelastungen gibt es z.B. in U-Bahnhöfen durch den Bremsenabrieb.
    * Es war eine Idee von Politikern, aus dem Richtwert eines Surrogatparameters einen gesetzlich fixierten Grenzwert zu machen, obwohl der Surrogatparameter nicht das gesundheitliche Hauptproblem der Luftverschmutzung darstellt.
    Und jetzt stehen wir alle vor der Frage, wie man aus diesem Dilemma wieder herauskommt.

  13. #14 Aginor
    7. Februar 2019

    Was mich bei der Diskussion über das Übergewicht und seine Folgen stört ist der BMI. Das ist ein derart übervereinfachter Wert dass er aus meiner Sicht nur falsch sein kann, Stichwort Fehlerfortpflanzung.

    Aber allein schon dass der BMI für jemanden schlecht angewendet werden kann, der auch nur moderat Sport macht oder körperlich arbeitet, und daher ordentlich Muskelmasse aufgebaut hat, macht ihn für mich als Grundlage für eine Querschnittliche Untersuchung unbrauchbar.

    Er mag für mich als Bürohengst der zu wenig Sport macht stimmen (BMI 28, und ja das ist zu viel, da sollten einige Kilos wieder runter) aber er taugt für derartig viele Menschen nichts, dass man ihn meines Erachtens nicht guten Gewissens verwenden kann.

    Gruß
    Aginor

  14. #15 M
    Bolivien
    7. Februar 2019

    @Aginor:
    Bist du Mediziner? Du hast fast den einzig sinnvollen Kommentar hier abgeliefert.

  15. #16 Phero
    7. Februar 2019

    @Aginor: Nach meinen Quellen (Fettlogik überwinden, dort sind die Originalquellen) gibt es nur sehr wenig Menschen, die vom BMI fälschlicherweise als übergewichtig wegen der Muskelmasse eingestuft werden (3% der Männer, 0% der Frauen). Dagegen stuft er eine ganze Reihe von Menschen allerdings als normalgewichtig ein, die nach anderen Kriterien (z.B. das Bauch-Taille Verhältnis, wenn ich mich nicht irre) eigentlich als übergewichtig (oder zumindest mit zu viel Fett ausgestattet) eingestuft werden müssten,

  16. #17 Aginor
    8. Februar 2019

    @M: Nein, ich bin nur Laie. Ich habe mal ein paar Papiere durchgelesen die sich mit dem BMI beschäftigen, weil er sehr gebräuchlich für die Einstufung von Adipositas ist, und ich festgestellt habe dass ich zu wenig über ihn weiss, um mir eine Meinung zu bilden. Musste ich dann ändern.

    @Phero: 0% der Frauen? Keine jemals? Das klingt eigenartig.

    Aber ja, die false-Werte zeigen beim BMI in beide Richtungen. Gesunde werden als “krank” erkannt, und kranke als “gesund”. Das ist immer so, jede Methode hat ihre Probleme, und so lange man weiss wie groß diese Wahrscheinlichkeit ist kann man auch einigermaßen damit rechnen. Aber vor allem muss eine Methode so optimiert werden, dass sie zum Anwendungsfall passt. So wird bei einigen Tests für ansteckende Krankheiten eine hohe Rate von “false positives” akzeptiert, dafür sind “false negatives” sehr selten. Lieber kurz ein schockierter Patient als ein unerkannt kranker der glaubt er sei gesund.
    Die Frage ist, wie kalibriert man den Test beim BMI?

    Wenn ich mich recht entsinne kamen damals die Papiere auf einen recht guten Wert _im Mittel_ nachdem die WHO in den Neunzigern mal die Skala besser festgelegt hat, aber sie werden immer schlimmer mit steigender Körpergröße. Bei Menschen die über 6′ (1,82m) groß sind ist der Test wesentlich schlechter als im bei Durchschnitt.
    Jemand der z.B American Football- oder Basketballspieler ist, der ist fast immer im Übergewicht. Dafür sind Ausdauersportler wie Marathonläufer laut BMI oft untergewichtig. Ich weiss nicht was das groß über deren Gesundheit sagen soll.

    Körperbau, Alter, und Trainingszustand werden bei der Standard BMI-Messung nicht berücksichtigt. Die besseren Skalen sind alle nachkalibriert, mindestens mit dem Alter, oft auch mit dem Körperfettanteil, oder dem “Waist-to-Height-ratio”

    Tendenziell meine ich auch dass es mehr ungesunde Normalgewichtige gibt, also dass es eine Menge Leute gibt, die unter- oder übergewichtig einzustufen wären, deren BMI aber normal aussieht.

    Der BMI funktioniert meistens schon ganz gut als _Richtwert_ , aber in einer Studie über Sterblichkeit den BMI als Bemessungsgröße zu verwenden… halte ich für gewagt. Da sind so viele andere Faktoren massiv entscheidender.
    Die Korrelation schwer=ungesund, leicht=gesund ist einfach nicht realistisch, vor allem an den Grenzen der Skalenbereiche. Wenn ein cm größer oder kleiner mich plötzlich gesund oder ungesund macht, das ist schon ein wenig seltsam.

    Gebe aber zu dass ich diese Studie noch nicht selbst gelesen habe, vielleicht tue ich denen ja Unrecht.

    Sorry der Kommentar ist etwas durcheinander, ist so zwischen Tür und Angel entstanden heute.

    Gruß
    Aginor

  17. #18 zimtspinne
    8. Februar 2019

    verwendet die WHO echt nur den BMI, wo es doch inzwischen so viele andere und aussagefähigere Indizes gibt!?
    Eine Messung ohne Berücksichtigung von Körperfettanteil und Fettverteilung geht gar nicht!!
    Da bringt ein einfaches Maßband um den Bauch mehr als der reine BMI, zumindest hat man damit auch gezielt das bösartige Bauchfett im Blick 😉

    Wir verwenden Körperanalysewaagen mit Fuß und Handelektroden in Kombination mit WHR (waist to hip ratio), womit genau das mit hohen Risikofaktoren assoziierte Bauchfett ermittelt werden kann. Es ginge noch genauer mit professioneller Körperfettanalyse, aber im nichtmedizinischen Bereich wär das auch völlig übertrieben. Geht da mehr um Erfolgskontrolle und Teil der Leistungsanalyse.

  18. #19 Aginor
    8. Februar 2019

    @zimtspinne:
    Ich glaube das Problem liegt ein bisschen in der Beschaffung der Daten. Für eine Studie von einer großen Menge Personen die Größe und das Gewicht zu bestimmen geht schnell und ist einfach, die besseren Methoden sind langwieriger, und dann bekommt man weniger Datensätze.
    Das trägt natürlich nicht gerade dazu bei, die Qualität solcher Studien zu verbessern, was ich schade finde. Aber die Zeit und das Budget der Wissenschaftler sind eben auch beschränkt, da greifen sie vermutlich gerne zum einfachen BMI.

    Gruß
    Aginor

  19. #20 Phero
    8. Februar 2019

    @Aginor: Ich werde mir mal die Originalquelle anschauen um deinen Kommentar ausführlicher zu beantworten, hier nur kurz zu den 0%: Es kann natürlich tatsächlich sein, dass es keine einzige Frau betraf (je nachdem, wie groß die Grundgesamtheit war), aber vielleicht wurde auch ein Wert von 0,1% auf 0% gerundet. Sollte man natürlich bei wissenschaftlichen Angaben nicht machen (3,1% auf 3% wäre natürlich ok), aber für meine Aussage macht es keinen großen Unterschied ob die Wahrscheinlichkeit 0 oder sehr klein ist.

  20. #21 zimtspinne
    8. Februar 2019

    Habe ich das gerade richtig gelesen, nicht mal das Alter wird beim BMI berücksichtigt, Aginor??
    Alter und Geschlecht sind ja wirklich ein Muss, da sich allein der Muskelgewebeanteil im Alter zwischen 30 und 70 um gute 40% verringert (bei Männern noch stärker als bei Frauen).
    Dann kann ja das gesamte Messsystem nicht mehr funktionieren….
    Ein Mann zB, der sein Normalgewicht unverändert hält und damit auch seinen BMI, wäre mit 70 dann nicht mehr normal- sondern stark übergewichtig, falls er nicht sehr viel gezieltes Muskeltraining betreibt und einen großen Garten bewirtschaftet. Selbst dann hat sich die Verteilung von Fettgewebe, Wasser, Knochen- und Muskelmasse aber stark verändert und MUSS doch berücksichtigt werden?

  21. #22 zimtspinne
    8. Februar 2019

    Fettlogik ist jetzt auch nicht gerade eine wissenschaftliche Quelle…. dieses Fettlogik taucht hier in regelmäßigen Abständen immer wieder auf, ist mir schon häufiger gerade bei Gesundheitsthemen aufgefallen. Scheint viele Fans zu geben 😉

  22. #23 Aginor
    8. Februar 2019

    @Phero:
    Signifikante Abweichungen bei ein paar Prozent der Untersuchungsmenge ist – je nach Anwendung – schon gut genug denke ich. Das was ich im Kopf hatte war nur wesentlich mehr (über 10%, wobei es sein kann dass sich das auf komplett unkorrigierte oder veraltete Skalen bezog, ist lange her), daher meine Überraschung.

    @zimtspinne:
    Der BMI (also die Messmethode) berücksichtigt diese Faktoren nicht, nein.
    Aber die seriöseren Nutzer berücksichtigen solche Faktoren zumindest bei der Bewertung der Ergebnisse, also zum einstellen der Skala.

    Also z.B. bei diesem BMI-Rechner der TK ändern sich die Beurteilungen je nach angegebenen Alter, dafür eigentümlicherweise nicht nach Geschlecht (gibt nichtmal ein Eingabefeld dafür):
    https://www.tk.de/service/app/2002866/bmirechner/bmirechner.app

    Andere gehen etwas weiter und dann wird das ganze auch brauchbar.

    Gruß
    Aginor

  23. #24 zimtspinne
    8. Februar 2019

    ok danke….
    Wenn nun aber ohnehin von Adipositas die Rede ist, sind der ganze Berechnungskram und die Feinheiten nicht mehr so relevant.
    Sie alle sollten krankhaftes Übergewicht unmissverständlich anzeigen und dafür reicht auch schon das bloße Auge.
    Was leichtes Übergewicht angeht, müssen alle Begleitfaktoren eingeschlossen werden. Das sind so viele und das Thema ist so komplex, dass es fast nicht lohnt, darüber zu streiten, ob sehr leichtes bis leichtes Übergewicht im Einzelfall eher schadet oder nutzt.
    Kann ja gut sein, dass es die Lebenserwartung um ein Jahr verkürzt, wenn die restliche Zeit aber von Lebensfreude und innerer Zufriedenheit (und Wohlfühlgewicht) geprägt war, ist doch alles gut.

  24. #25 Steini
    Berlin
    9. Februar 2019

    Hm, also ich hab mal angefangen die Kritik an der Metastudie zu lesen. Was mir selbst als Laie direkt auffällt, die gehen überhaupt nicht darauf ein, warum die Metastudie so viele Datensätze ausschließt.
    Soweit ich das verstehe versucht die Metastudie systematisch möglichst alle Fälle heraus zu nehmen, bei denen es einen guten anderen Grund gibt als Todesursache.
    Es ergibt schlicht keinen Sinn, einen normalgewichtigen Raucher mit einem leicht übergewichtigem Nichtraucher zu vergleichen, weil plausibler weise das leichte Übergewicht weniger problematisch ist als das rauchen.
    Gleiches gilt für Menschen mit Vorerkrankungen.
    Schon klar, dass Menschen mit Krebs an Gewicht verlieren und dann möglicherweise mit Normalgewicht sterben

    • #26 Joseph Kuhn
      9. Februar 2019

      @ Steini:

      “Was mir selbst als Laie direkt auffällt”

      Ein Plädoyer, die Lungenärzte zu fragen? 😉

      “die gehen überhaupt nicht darauf ein, warum die Metastudie so viele Datensätze ausschließt”

      Das verstehe ich nicht. Den Punkt Ausschlusskriterien diskutieren sie doch explizit im Abschnitt “The data restrikion” und verweisen zudem auf frühere kritische Artikel dazu.

      “Schon klar, dass Menschen mit Krebs an Gewicht verlieren und dann möglicherweise mit Normalgewicht sterben”

      Ich glaube, das bestreitet niemand. Aber mit solchen klaren Fällen sehen die Autoren eben den Ausschluss von 60 % der Daten nicht begründet, das ist ja ein Streitpunkt bei den Ausschlusskriterien.

  25. #27 Amy
    9. Februar 2019

    @Aginor
    Ich kenne tatsächlich Frauen, deren BMI leichtem Übergewicht entspricht und die dennoch gemäß Körperfettanteil normalgewichig sind. Ihr Hobby ist Bodybuiliding im Amateurbereich.

    Andererseits gibt es einige sportliche junge Männer, die überrascht sind, dass ihnen auch der Körperfettanteil ein leichtes Übergewicht bescheinigt.

    @Zimtspinne
    In meinem Lehrbuch zur Anamnese wird als Optimalbereich der BMI 20-22 angegegeben.
    Unter 20 wird es untergewichtig und ab 25 wird von Präadipositas gesprochen.

  26. #28 Joseph Kuhn
    11. Februar 2019

    Zur Abrundung:

    Ingrid Mühlhauser hatte in ihrem – hier kurz vorstellten – Buch “Unsinn Vorsorgemedizin” die GBMC-Studie auch schon kommentiert und auf der Seite des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin ist ein allgemeinverständicher Text von ihr zur GBMC-Studie herunterzuladen. Sie stellt dort angesichts des Ausschlusses der Mehrheit der Fälle der Primärstudien in der GBMC-Studie u.a. fest:

    “Wenn für die 40 Prozent der eher gesunden Menschen ein BMI im sogenannten Normalbereich das Gewicht mit der besten Lebenserwartung ist, für die Gesamtpopulation hingegen im sogenannten Übergewichtsbereich, dann muss für die Mehrheit der Menschen, nämlich 60 Prozent der eingeschlossenen Bevölkerungsgruppen, ein noch höherer BMI das Gewicht mit der besten Lebenserwartung sein.”