Vom Impfen …

Im Moment reibt man sich etwas ungläubig die Augen, welche Dynamik die Debatte zur Masernimpfpflicht bekommen hat. Jahrelang schaut die Politik zu, wie sich Masernausbrüche regelmäßig wiederholen, lässt den ÖGD verkommen und verteidigt das Recht der Impfgegner auf Dummheit, und dann, auf einmal, die Kehrtwende. Impfpflicht, so schnell es geht. Da haben Lauterspahn was losgetreten. In Brandenburg hat der Landtag schon eine Impfpflicht beschlossen, Nordrhein-Westfalen will folgen, auch Sachsen, weitere Länder schwanken zwischen „Dabeisein ist alles“ und Abwarten.

Keine Frage: Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit, die Masernimpfung ist hochgradig sinnvoll, sie vermeidet Leid und rettet Leben und Menschen in öffentlichen Einrichtungen, z.B. Kinder in Kitas und Schulen, sollen bestmöglich geschützt werden. Vor 10 oder 20 Jahren, als die Impfquoten noch deutlich niedriger lagen, hätte ich eine Impfpflicht für sinnvoller gehalten, aber gut, die Zeit scheint nach Auffassung vieler Leute jetzt dafür reif zu sein.

Warum? Manche sagen, die Impfpflicht passt in die Rückkehr des autoritären Staats. Politische Entschlossenheit bis zur Härte ist im Moment – in bestimmten Fällen, wir kommen noch dazu – weltweit en vogue, vom „we first“ vieler Staaten über den Umgang mit Flüchtlingen bis hin zur Regulation des Internets oder den unverkennbaren Sympathien für starke Führer: Orban, Erdogan, Bolsonaro, Duterte, Putin, Trump. Pause. Lauterspahn.

… zum großen Ganzen

Vielleicht. Aber ich glaube, es fällt mehr Licht auf die Sache, wenn man sich die Diskrepanz vergegenwärtigt zwischen der Einsicht, dass es mit dem Klimawandel, dem Ressourcenverbrauch sowie dem Umgang mit sozialen Problemen wie Wohnungsmangel, Pflegenotstand oder prekärer Beschäftigung so nicht weitergehen kann, und der Bereitschaft, daran etwas zu ändern. Die genannten Probleme sind höchst bedrohlich, jeder sieht es. Weiter so, das neoliberale Laufenlassen der Dinge ist erkennbar keine gute Option. Nur, was soll man tun? Die DDR will schließlich keiner zurückhaben. Slavoj Žižek wird der Satz „Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus“ zugeschrieben. Wenn man so will, eine kritische Paraphrasierung des Thatcher-Diktums „there is no alternative“, oder der These vom „Ende der Geschichte“ als Ergebnis des Zusammenbruchs des real existierenden Sozialismus (Francis Fukuyama), mit der kapitalistischen Ordnung als steady state des Universums.

Wenn man schaut, wie die Politik und die Parteigänger des Status quo mit der Fridays for Future-Bewegung umgehen, wie zynisch viele bei dem Thema über die Kinder sprechen, die sich um ihre Zukunft sorgen und dabei die Wissenschaft auf ihrer Seite haben, auch wenn sie natürlich nicht alle „globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen“ (Christian Lindner) – wer tut das schon, liegt die Frage nahe, was motiviert eigentlich die Lindners, Scheuers und Spahns dieser Welt? Die realen, und die in uns. Wer glaubt, sie vertreten einfach eine rein rationale Sicht der Dinge, kann hier aufhören, weiterzulesen.

Carolin Emcke hat letzten Freitag in der Süddeutschen dazu geschrieben: „Sich als Politiker zu echauffieren, dass jemand politische Aussagen beim Wort nimmt, als Politiker zu belächeln, dass jemand überhaupt Erwartungen an die eigene Regierung richtet, Lobbyismus zu unterstellen, weil genuin politische oder soziale oder ökologische Nöte schon gar nicht mehr gedacht werden können, entlarvt nur einen brutalen Zynismus, der im toten Winkel der eigenen Wahrnehmung liegt.“ Zynismus ist eine Haltung der Resignation. Eine Abgeklärtheit, die nichts mehr verändern will, die das Elend sieht, aber die belächelt, die glauben, man könne etwas dagegen tun.

Carolin Emcke sieht aber gerade bei der Fridays for Future-Bewegung das lange erwartete Licht am Ende des Tunnels der Alternativlosigkeit: „Nach all den Bewegungen, die lediglich ihren antiaufklärerischen, antidemokratischen Unmut auf die Straßen trugen, ist eine Bewegung, die leidenschaftlich an die Wissenschaft und Vernunft appelliert, die aus demokratischen Verfahren nicht aussteigen, sondern sie eingehalten sehen will, die nicht in nationalistische Regression verfällt, sondern lokale mit internationalen Bedürfnissen zusammen zu denken weiß, ein beglückender Horizont.“

Von Freud erklärt

Carolin Emcke artikuliert in ihrem Kommentar ein paar Stichwörter – den toten Winkel der eigenen Wahrnehmung, die Abwehr von Vernunft, die Regression, Bedürfnisse und Glück – die geradezu nach einer Freudschen Interpretation rufen. Ich bin kein Anhänger der Psychoanalyse, aber als Experimentierfeld des Denkens kann man sich ja einmal darauf einlassen.

Da gibt es also so etwas wie die Vaterfigur, den Kapitalismus. Der entpuppt sich zunehmend als nicht nur guter Vater, er mobilisiert Aggressionen. Aber er ist der einzige Vater, und ein starker Vater. Man kann ihn nicht einfach abschaffen, töten, man heißt schließlich nicht Ödipus und wer will schon die eigene Mutter heiraten. Wer wäre überhaupt in diesem Zusammenhang die Mutter? Die Alternative? Egal. In solchen Situationen kommt es, so die Psychoanalyse, zur Mobilisierung von Abwehrmechanismen. Die aggressiven Energien werden auf ein anderes, weniger mächtiges Ziel umgelenkt. Wir zeigen, dass wir uns um die Gemeinschaft kümmern und nicht nur Egoisten sind, indem wir eine Impfpflicht machen. Damit schützen wir die Schwachen und entlasten uns moralisch. Deswegen ist es auch gar nicht so wichtig, ob man mit der jeweils konkret anvisierten Impfpflicht das Ziel, mit dem sie begründet wird, auch erreicht. Es geht um symbolische Politik. Dem widerspricht übrigens nicht, dass eine Vorgabe, möglichst nur geimpfte Kinder in Kitas oder Schulen zu lassen, trotzdem sinnvoll ist – um kein Missverständnis aufkommen zu lassen.

In Form eines Gesetzes, das nach Lacan immer im „Namen des Vaters“ spricht, finden wir den emotionalen Ausgleich. Wenn wir damit unsere fürsorgliche Seite zeigen, die neoliberale Verantwortungslosigkeit damit bekämpft haben, bleibt sogar noch Raum dafür, den starken Führer zu lieben. Pause. Und sei es Lauterspahn, einen Trump haben wir ja nicht.

Sie halten das für ein Phantasma, eine wilde Geschichte? Vermutlich ist es das. Es sind auf jeden Fall Spekulationen über die Welt hinter den Dingen, also die Ebene, wo neben gesellschaftstheoretischen Überlegungen auch Verschwörungstheorien und andere seltsame Welterklärungen operieren. Wie gesagt, ich stehe den dynamischen Erklärungsmustern der Psychoanalyse kritisch gegenüber. Erzählen Sie einfach eine bessere Geschichte. Eine, die erklärt, warum gerade jetzt eine Impfpflicht für Kinder kommt, obwohl deren Impfquoten so hoch wie nie sind, warum der Staat beim Impfen gegen die Bürger Härte zeigt (symbolisch, die Kinder sind ja fast alle geimpft), aber Banken, Immobilienhaie oder Autokonzerne weiter gewähren lässt, oder warum ausgerechnet die Freiheitsrhetorikpartei FDP sich für die Impfpflicht stark macht. Ich bin gespannt.

Kommentare (13)

  1. #1 borstel
    14. April 2019

    In Ordnung, wenn jetzt ein wahrlich metaphysischer Ansatz zur Erklärung der Impfpflichtdebatte benötigt wird…
    Mich treibt eine Impfpflicht schon seit Jahren um, und in der Te#at wird es nicht rechen, zur Eradikation der Masern nur die Kinder zu impfen, Womöglich ist der amerikanische Ansatz, Erwachsenen den Zugang zu Bildungsstätten zu verwehren, ja auch für Deutschland interessant: Wer sich nicht impfen läßt, bleibt halt ohne Berufsausbildung.

    Aber jetzt mal Butter bei die Fische, Herr Kuhn: Welches Vorgehen zur Erhöhung der Impfquoten im generellen und in Bezug auf die Masern zur Erreichung der WHO-Ziele schlagen Sie vor? Bislang habe ich von Ihnen hier jede Menge herzlich unkonkrete Überlegungen und Bedenken zur Impfpflicht gelesen, die ich als medizinischer Praktiker langsam nicht mehr nachvollziehen kann (als ob die derzeitigen auf dem Markt befindlichen Impfungen Nebenwirkungen wie die gute alte Pockenimpfung hätten). Die Fragen, wie eine Erhöhung der Impfquoten ausgestaltet werden könnte, welche Impfungen für welche Bevölkerungsgruppe es sein sollten usf., haben Sie ja uns allen schon gestellt, aber bevor ich dazu noch konkreter werden, möchte ich doch, daß Sie jetzt einmal liefern.

    • #2 Joseph Kuhn
      14. April 2019

      @ borstel:

      “möchte ich doch, daß Sie jetzt einmal liefern”

      Das “Liefern” war in den Blogbeiträgen rund um die Impfpflicht immer dabei, siehe z.B. 2015, als die Debatte auch schon mal hochgekocht war, die Hinweise von Jan Leidel. Manches davon ist heute umgesetzt oder auf gutem Weg.

      Im Wesentlichen ginge es jetzt darum, die Ziele und Maßnahmen des Nationalen Aktionsplans zur Elimination von Masern und Röteln konsequent zu verfolgen, insbesondere auch dort, wo es nicht nur um Appelle an die Bevölkerung geht. Es gibt eine Verifizierungskommission, die den Fortschritt dazu beobachten und bewerten soll. Eine Sachstandsevaluation mit öffentlicher Diskussion der notwendigen Konsequenzen wäre für mich ein adäquates Vorgehen, statt uninformierter Pressemeldungen und Macher-Sprüchen der Politik. Unabhängig davon wäre es ausgesprochen hilfreich, wenn der ÖGD wieder besser mit Personal ausgestattet würde, damit er z.B. in allen Bundesländern in Kitas, Schulen, insbesondere auch Berufsschulen oder Universitäten gehen kann, dass er dort auch niedrigschwellige Impfangebote machen kann, des Weiteren, dass das Impfen für Familien bei Vorsorgeterminen aller Art einfacher wird usw., dass man konsequenter, gerne auch mit Pflicht, durchsetzt, dass Gesundheits- und Erziehungspersonal geimpft ist.

      Auf der Kampagnenebene fände ich es gut, wenn die forschen Impfpflichtforderer in der Politik sich in Berlin auf das Flughafengelände stellen, ihre Impfpässe hochhalten, ihre Impflücken schließen lassen und die Presse schreibt: Politiker früher geimpft als BER fertig. Nicht mal so viel Engagement bringen sie selber auf. Wo ist nochmal Spahns Impfpass?

  2. #3 borstel
    14. April 2019

    Eine ganz tolle Idee, sich auf den Pleitenflughafen zu stellen – wenn es drum geht, die Impfpflicht zu Grabe zu tragen. Außerdem, natürlich wäre ein Statement im Sinne der Glaubwürdigkeit seitens des Ministers schön und gut – aber was hilft es?
    Wenn geschaut wird, weshalb eine Impfpflicht im Kindesalter gefordert wird, dann wird in Fachkreisen übrigens selbstverständlich darauf hingewiesen, daß Kinder recht “einfach” erreichbar sind, d. h. die Pflicht dort recht leicht umsetzbar ist. Und das hat ja auch Sinn in Bezug auf Masern, Röteln und Mumps, weil die Kinder nach zwei Impfungen meist ein Leben lang immun sein werden.
    Im übrigen bin ich der Ansicht, daß die elterliche Erziehungsgewalt bei der Frage der Schutzimpfung eine Grenze findet. Nicht nur von der Frage des Herdenschutzes her, sondern auch in Bezug auf die Gefährdung des Kindeswohles.
    Was nun den Klimaschutz angeht: Eine Forderung nach Impfpflicht schließt ein Engagement für Klimaschutz ja nicht aus. Natürlich könnten wir argumentieren, daß bei fehlendem Klimaschutz die Impfungen egal sind. Ob aber C. Lindner, diese Spanische Wegschnecke unter den deutschen Politikern, wirklich im Bereich Schutzimpfungen den starken Mann markiert, um von der Umsetzung des Pariser Abkommens abzulenken, ist mir weit hergeholt. Keine Spekulation, sondern Fakten bitte!

    Ansonsten: Jeht doch! Herr Kuhn, Sie haben ja doch eine Menge sinnvolle Forderungen, denen ich sofort zustimme…

  3. #4 Joseph Kuhn
    14. April 2019

    @ borstel:

    “aber was hilft es?”

    Wenn eh egal ist, was Politiker sagen, könnten sie doch aufhören, uns mit ihren Parolen auf die Nerven zu gehen, auch damit, dass wir jetzt sofort eine Impfpflicht für Kinder brauchen.

    “daß Kinder recht “einfach” erreichbar sind, d. h. die Pflicht dort recht leicht umsetzbar ist”

    Das klingt ein bisschen wie die Geschichte mit dem Besoffenen, der seine verlorenen Schlüssel unter der Laterne sucht, weil es da heller ist. Wenn die relevanten Impflücken bei den jungen Erwachsenen sind, muss man dort aktiv werden.

    “Kinder … Und das hat ja auch Sinn”

    Das bestreitet niemand, ich schon gar nicht. Dass ich den Sinn des Impfens für Kinder infrage gestellt hätte, werden Sie mir hoffentlich auch nicht unterstellen wollen. Die Frage ist, ob man mit einer Impfpflicht die Impfquote bei Kindern noch steigern kann, ob man damit glaubt, einen Beitrag zur Elimination der Masern zu leisten, oder ob man einzelne Kinder besser schützen will. Falls Letzteres, ist das ein sinnvolles Ziel, dann muss man sehen, ob eine Impfpflicht dazu geeignet ist oder ob andere Maßnahmen zielführender wären.

    “Eine Forderung nach Impfpflicht schließt ein Engagement für Klimaschutz ja nicht aus.”

    Natürlich nicht. Das steht auch nicht im Blogbeitrag. Ich werbe nicht für Whataboutism.

    “Keine Spekulation, sondern Fakten bitte!”

    Meinen Sie ein Geständnis von Lindner, dass er sich eher das Ende der Welt als das Ende des Kapitalismus vorstellen kann? Ich fürchte, das kann ich nicht liefern. Aber als Frontmann des Klimaschutzes hat sich Lindner nicht gerade einen Namen gemacht. Falls Sie das anders sehen: Fakten bitte! 😉

  4. #5 borstel
    14. April 2019

    Es geht also darum, daß die jungen Erwachsenen Impflücken haben – richtig! Und was waren die jungen Erwachsenen zuvor? Kinder. Wir reden hier beispielsweise von der zweiten Impfdosis der MMR-Impfung, die recht viele Kinder nicht erhalten. Da sollte “man” wohl mal ran. Daß unabhängig davon auch Impflücken bei Erwachsenen zu schließen sind (durch Ausweitung der Impfstellen, Kampagnen und eben gerne auch durch eine faktische Impfpflicht à la USA an Berufsschulen und Universitäten oder von mir aus auch durch eine “echte” Impfpflicht), ist unbestritten. Und wenn mir überzeugend dargelegt wird, daß eine Impfpflicht nicht die beste Methode ist, sondern die Überzeugungsarbeit, dann bin ich auch bereit, das zu akzeptieren. Nur: das scheint einige Haken zu haben (https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/infektionskrankheiten/impfen/article/882664/impfgegner-aufklaerung-allein-macht-nicht-immun.html)…

    Allerdings gebe ich eines zu: Es wäre medial DER Knaller, wenn Spahn sich medienwirksam eine Nadel in den Oberarm rammen ließe, sei es, um eine Impfung nachzuholen oder weil gerade die Auffrischung ansteht. Und für den unvergleichlichen Christian L. gilt das natürlich auch. Bei Lauterbach hingegen würde es unseriös wirken. So viel Differenzierung muß dann doch sein.

    • #6 Joseph Kuhn
      14. April 2019

      @ borstel:

      “Und was waren die jungen Erwachsenen zuvor? Kinder.”

      Die Masernimpfung für Kinder ist notwendig. Noch einmal, ich bitte darum, mir nicht zu unterstellen, ich würde daran zweifeln. Schauen Sie sich meine diversen Blogbeiträge zur Masernimpfung an. Allerdings schließt nach aller Logik die Impfung der Kinder heute nicht die Impflücken der Kinder von gestern.

      “Wir reden hier beispielsweise von der zweiten Impfdosis der MMR-Impfung, die recht viele Kinder nicht erhalten.”

      Die Quoten für die 2. Masernimpfung bis 24 Monate sind in den letzten Jahren deutlich gestiegen, ohne Impfpflicht, aber auch nicht nur durch gutes Zureden. Deutschlandweit haben vom Geburtsjahrgang 2014 inzwischen 73,9 % die zweite Masernimpfung bis zum Alter von 24 Monaten. In den meisten Bundesländern liegt die Quote darüber, der Bundesdurchschnitt wird durch die von der STIKO abweichende Impfempfehlung der Sächsischen Impfkommission und der daher sehr niedrigen Raten in Sachsen etwas nach unten gezogen.

      Bei 73,9 % geht noch was, klar, aber schlecht ist das nicht. Die zweite Masernimpfung ist bekanntlich keine Auffrischimpfung, sondern eine Impfung, um Kindern, bei denen die erste Impfung nicht angeschlagen hat, doch noch zur Immunität zu verhelfen. Beim Geburtsjahrgang 2014 sind inzwischen mehr als 95 % einmal bis zum Alter von 24 Monaten geimpft. Die erste Impfung soll lt. STIKO zwischen 11 und 15 Monaten erfolgen, auch das ist inzwischen bei 90 % der 2014 geborenen Kinder der Fall. Die Riesenlücken gibt es hier also nicht mehr, der Erfolg wird aber so gut wie nicht wahrgenommen.

      “Und wenn mir überzeugend dargelegt wird, daß eine Impfpflicht nicht die beste Methode ist, sondern die Überzeugungsarbeit, dann bin ich auch bereit, das zu akzeptieren.”

      Einmal davon abgesehen, dass das empirisch kaum herauszufinden sein dürfte, ist das kein gutes Argument, weil zunächst überzeugend darzulegen ist, dass eine Impfpflicht (welche konkret? vor Kita, generell? nur Masern?) besser ist als alles andere oder wenigstens zielführend. Das hat aber niemand getan. Wozu macht man eigentlich einen Nationalen Aktionsplan, wenn man sich dann nicht dafür interessiert, was funktioniert und was nicht?

      Vielleicht zum Nachdenken hilfreich: Polio wurde ohne Impfpflicht in Europa eliminiert. Und bei den Pocken gab es in Deutschland über Jahrzehnte eine Impfpflicht, ohne dass die Impfquoten nahe an die 100 % herangekommen wären, die Pockenimpfquoten nach 100 Jahren Impfpflicht in Bayern hatte ich auch schon irgendwo mal zusammengestellt. Damit eine Impfpflicht zu mehr Impfungen führt, braucht es mehr, als eine Verpflichtung ins Gesetz zu schreiben. Es sind genau die Dinge, die man auch so tun sollte, siehe oben.

  5. #7 Richard
    15. April 2019

    @ borstel
    Herr Kuhn hat in vielen Blogbeiträgen für mich überzeugend argumentiert, warum die politische Dynamik bezüglich Impfpflicht fachlich nicht nachvollziehbar ist. Immer mehr verstärkt sich mein Eindruck, die Politik bzw manche Politiker suchen sich ein vermeintlich einfaches Thema, bei dem sie sich als “Macher” darstellen können, um von vielen anderen Versäumnissen (Verkehr, Klima Energie etc.) abzulenken. Vielleicht muss man sich zur Erklärung nicht bei Freud bedienen, aber mit Psychologie könnte es schon zu tun haben, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und Einschätzungen von Fachleuten zunehmend ignoriert werden.

  6. #8 echt?
    15. April 2019

    Auch Politiker – vielleicht sogar Herr Lindner – können ja mal gute Ideen haben. Wenn die offensichtlich mehr nutzen als schaden – wo ist dann das Problem?

    • #9 Joseph Kuhn
      15. April 2019

      @ echt?

      “Auch Politiker – vielleicht sogar Herr Lindner – können ja mal gute Ideen haben. Wenn die offensichtlich mehr nutzen als schaden – wo ist dann das Problem?”

      Keine Frage: Wenn Politiker – vielleicht sogar Herr Lindner – mal gute Ideen haben, die mehr nutzen als schaden (was vermutlich die Definition einer guten Idee ist), dann gibt es kein Problem.

      Der Blog-Papagei sagt: Eine gute Idee der am Impfpflicht-Wettbewerb teilnehmenden Politiker wäre gewesen, mal zu schauen, wie es mit der Datenlage konkret aussieht, auch im eigenen Bundesland, z.B. wie die Kita-Betreuungsquoten jeweils sind, wie viele Kinder ungeimpft bei der Kita angemeldet werden und warum sie nicht geimpft sind, bei welchen Gruppen es relevante Impflücken gibt und dann zu überlegen, an welchen Stellen man im Nationalen Aktionsplan zur Masernelimination nachsteuern muss – auch, ob für bestimmte Zwecke, z.B. das Impfen von Betreuungspersonal oder den Schutz von Kitakindern, eine Impfpflicht zielführend sein dürfte. Dann gäbe es kein Problem. So gibt es absehbar welche.

  7. #10 Dr. Webbaer
    15. April 2019

    Erzählen Sie einfach eine bessere Geschichte. Eine, die erklärt, warum gerade jetzt eine Impfpflicht für Kinder kommt, obwohl deren Impfquoten so hoch wie nie sind, warum der Staat beim Impfen gegen die Bürger Härte zeigt (symbolisch, die Kinder sind ja fast alle geimpft), aber Banken, Immobilienhaie oder Autokonzerne weiter gewähren lässt [Hervorhebung : Dr. Webbaer], oder warum ausgerechnet die Freiheitsrhetorikpartei FDP sich für die Impfpflicht stark macht. Ich bin gespannt. [Artikeltext]

    Es gibt die Theorie, dass Interessen des globalen, globalististischen Großkapitals (‘Neoliberalismus’ würde Dr. Webbaer diese Interessen nicht nennen, der Neoliberalismus ist eine besonders sozial angelegte Richtung des Liberalismus) mit internationalistischen Theorien der neu-marxistischen Linken mehr und mehr zusammenpassen.
    Ablesbar u.a. an Einrichtungen aus dem Hause Soros (international) und Bertelsmann (wohl mehr bundesdeutsch), die jeweils neo-marxistische Denker beschäftigen und publizieren lassen, auch sog. Studien meinend, aber offensichtlich dem genannten Kapital folgen.

    Vgl. auch mit Texten des “liebenswürdigen Spinners” Jakob Augstein, bspw. damit :

    -> https://www.spiegel.de/politik/deutschland/einwanderung-ein-deutscher-traum-kolumne-a-1217379.html

    -> https://www.spiegel.de/politik/deutschland/ohne-zuwanderung-wird-deutschland-alt-und-muede-augstein-kolumne-a-1056185.html

    Augstein hat an anderer Stelle, die Dr. W leider im Moment nicht zitieren kann, dargelegt, dass Linke und die globalen, globalistischen Interessenvertreter mehr und mehr dasselbe wollen, mehr und mehr Hand in Hand gehen dürfen.
    (Bei besonderem Bedarf schaut Dr. W abär noch mal nach und webverweist nachträglich.)

    MFG
    Dr. Webbaer (der sich weniger wegen der möglicherweise sinnhaften Masern-Impflicht gemeldet hat, sondern mehr wegen der real existierenden bundesdeutschen liberalen Partei, den “Haien” und neuen Linken)

  8. #11 Joseph Kuhn
    15. April 2019

    Nahles erklärt die Impfpflicht

    Andrea Nahles, deren besondere Talente die Heute Show kürzlich würdigte, fordert nun auch eine Impfpflicht.

    Die Medien schreiben, sie fände es richtig, “bei sehr ansteckenden Krankheiten wie Masern eine Impfpflicht einzuführen.” Der SPIEGEL zitiert sie weiter mit dieser neuen Begründung: “Es gehe dabei nicht nur um die Gesundheit der Kinder, sondern auch um den Schutz älterer Menschen mit geschwächtem Immunsystem vor Ansteckung.”

    Wo hat sie das her? Fast alle älteren Menschen haben die Masern durchgemacht. Ich bin kein Virologe, aber ob Ältere mit einem schwachen Immunsystem wirklich ihre früher erworbene Immunität verlieren? Davon habe ich noch nichts gehört, die Studien dazu wären interessant. Frau Nahles?*

    Was Freud zu Nahles sagen würde, weiß ich nicht, ich will es auch gar nicht wissen. Nahles lässt sich weiter so zitieren: “Die individuelle Freiheit hat ihre Grenzen dort, wo sie die Gesundheit vieler anderer gefährdet”. Sehr richtig. Passt nur leider nicht dazu, was sie z.B. mal dazu sagte, wann die SPD endlich das von ihr beschlossene Tempolimit durchsetzt: “Hoffentlich gar nicht. Ich habe da glasklar eine andere Meinung. (…) Auf meine Lieblings-Rennstrecke auf der A48 würde ich nur sehr ungern verzichten.” Bätschi, sage ich dazu nur, bätschi!

    * Nachtrag 16.9.: Zu ihrer Ehrenrettung, vielleicht dachte sie daran, dass Ältere öfter als Jüngere eine Krebsbehandlung haben und bei der Chemo auch Immunzellen zerstört werden? Das gilt aber genauso für Kinder mit Leukämie. Sie müssen nach der Behandlung neu geimpft werden.

    • #12 rolak
      15. April 2019

      die Studien dazu

      Hier, hier! Mach ich. Sofort.
      Mit Alkohol kann man doch sein Immunsystem schwächen, oder?

  9. #13 Richard
    16. April 2019

    Quod erat demonstrandum:
    RKI-Impfexperte bezweifelt Sinnhaftigkeit von Masernimpfpflicht
    https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/102484/RKI-Impfexperte-bezweifelt-Sinnhaftigkeit-von-Masernimpfpflicht