„Die Vermessung der Psychiatrie“ lautet der Titel eines gerade vieldiskutierten Buches des Berliner Psychiaters Stefan Weinmann. Stefan Weinmann greift die aktuell wieder virulenter gewordene Diskussion um den Reformbedarf in der Psychiatrie auf. Nach der Psychiatrie-Enquete 1975 und ihrer berechtigten harschen Kritik an der damaligen Anstaltspsychiatrie mit ihren ausgrenzenden und oft inhumanen Versorgungsstrukturen wurden viele Erwartungen in sozial- und gemeindepsychiatrische Konzepte gesetzt. Dabei wurden auch tatsächlich bedeutsame Erfolge erzielt, etwa was den Ausbau der ambulanten Versorgung angeht, den Aufbau von teilstationären Einrichtungen und Beratungsstellen, unterstützende Hilfen für chronisch psychisch Erkrankte beim Wohnen und Arbeiten oder auch einen humaneren Umgang mit den Kranken in den Kliniken. Teilweise konnte auch die Stigmatisierung psychischer Störungen zurückgedrängt werden. Dennoch kam es in den letzten Jahrzehnten zu einer unübersehbaren Dominanz der biologischen Psychiatrie und ihres Grundverständnisses, dass psychische Störungen Gehirnkrankheiten sind und dass man in dieses Krankheitsgeschehen vor allem chemisch, also medikamentös, eingreifen müsse. Auch hier gab es Erfolge, es wurden viele Medikamente entwickelt, die zumindest für manche Patienten durchaus sehr hilfreich sind.

Aber letztlich blieb unklar, was psychische Störungen sind, was konkret im Gehirn außer Takt gerät, wenn ein Mensch eine psychische Störung entwickelt und welche Rolle Medikamente in diesem Zusammenhang wirklich spielen. Peter Gøtzsche, der streitbare dänische Epidemiologe, hat die medikamentöse Psychiatrie, vermutlich etwas über das Ziel hinausschießend, in seinem Buch „Tödliche Psychopharmaka und organisiertes Leugnen“ insgesamt zu einem Irrweg erklärt. Aber auch im Fach selbst ist es, wie gesagt, zuletzt wieder vermehrt zu kritischen Wortmeldungen und Appellen für einen neuen Aufbruch in der Psychiatrie gekommen. Der Psychiatrie fehlt es derzeit an wegweisenden Perspektiven und am Anschluss an die gesundheitswissenschaftliche Diskussion insgesamt. Auch der Sachverständigenrat im Gesundheitswesen hat in seinem Gutachten 2018 angemahnt, das gewachsene psychiatrische Versorgungssystem im Hinblick auf seine Leitorientierungen und Koordinationsmängel zu überdenken. Der Streit um den Stellenwert der Psychotherapie im Versorgungssystem ist nur eines von vielen Symptomen einer systematischen Orientierungslosigkeit.

In diese Debatte hinein hat Stefan Weinmann sein Buch geschrieben. Er greift all diese Punkte auf und stellt insbesondere das Selbstverständnis der biologischen Psychiatrie mit seinen Auswirkungen auf das Arzt-Patientenverhältnis und seiner weitgehenden Abstinenz gegenüber sozialen bzw. gesellschaftlichen Einflussfaktoren auf psychische Störungen infrage. Gestern gab es dazu in München in der Evangelischen Stadtakademie eine Diskussionsveranstaltung. Stefan Weinmann hat zentrale Positionen seines Buches vorgestellt, Peter Brieger, Chefarzt des psychiatrischen Isar-Amper-Klinikums in Haar, hat darauf geantwortet. Er sieht vieles an der „Diagnose“ ähnlich wie Stefan Weinmann und teilt auch dessen Ansicht, dass ein neues Überdenken des psychiatrischen Selbstverständnisses überfällig sei, bei der „Therapie“ des Systems sieht er jedoch gute Lösungen als Desiderat, als noch vor uns liegende Aufgabe.

Wie bei öffentlichen Diskussionen zur Psychiatrie nicht selten, waren auch einige Psychiatriebetroffene anwesend, darunter ein Mann mit „störendem“ Verhalten, der sich unter aller Augen umzog und immer wieder versucht hat, eigene Texte zu verlesen. Das vom Referenten angemahnte Verhältnis zwischen Psychiatern und Patienten „auf Augenhöhe“ wurde hier sozusagen live einem Lackmus-Test unterzogen. „Auffällig“ zu sein, kann eben ein Merkmal von Menschen mit ernsten psychischen Störungen sein. Aber das muss die Gesellschaft, wenn sie mit psychisch kranken Menschen integrativ umgehen will, eben aushalten. Auf Augenhöhe heißt dabei, auch die eigenen Interessen und Bedürfnisse nicht aufzugeben, in diesem Fall: Die Diskussion so gut es geht trotzdem fortzusetzen. Es ging erstaunlich gut.

Wie das Buch von Stefan Weinmann in die Psychiatrie hineinwirkt, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall ist es eine weitere Wegmarke in einer Reformdebatte, die geführt werden muss. Dass es auch für Laien lesbar ist, ist dabei kein Hindernis, das Thema geht uns schließlich alle an, wenn wir die Psychiatrie aus der gesellschaftlichen Abschottung herausholen wollen. Erschienen ist das Buch im kleinen „Psychiatrie-Verlag“, der insbesondere ein sozialpsychiatrisches Programm verlegt. Es kostet 25 Euro, also erschwinglich, selbst für Menschen mit Sparzwang.

Kommentare (12)

  1. #1 hto
    27. September 2019

    “… integrativ umgehen will, eben aushalten.” – wobei “aushalten”, besonders im institutionellen Bereich des gesellschaftlichen Anstalts-Sprech, mehr ignorieren und instrumentalisieren meint!?

  2. #2 ajki
    27. September 2019

    Danke für die Vorstellung. Gut ist auch, dass es als eBook (epub) verfügbar ist – dann ist es auch noch ein bisschen günstiger.

  3. #3 zimtspinne
    27. September 2019

    Was ich ja immer interessant finde, wenn auch negativ interessant, dass es beim Thema psychische Störungen oder psychiatrische Krankheitsbilder oder neurologische..Wasauchimmer oft gar nicht primär um medizinische Fortschritte, Ziele, meinetwegen auch reißerisch Durchbrüche, Heilungschancenverbesserungen, kurative Therapieansätze geht, sondern viel häufiger um den Umgang damit.
    Ausgrenzung, Tabuisierung, Stigmatisierung auf der einen; Integration und Aushalten auf der anderen Seite… ja, und diese beiden kann ich gleich mal als symptomatisch für diesen komischen Umgang damit rausgreifen.
    Viel zu sehr wird sich mit dem Drumherum beschäftigt als mit der eigentlichen Behandlung. Die es ja oftmals noch gar nicht mal nennenswert gibt, wenn man nur an Depressionen als Volkskrankheit denkt.
    Was wird da angeboten? AD, ja fein, und noch paar Einheiten Quatschen mit dem Therapeuten.
    Würde man einen Diabetiker oder Herzkranken so stiefmütterlich behandeln bis sträflich echte, wirksame Behandlungen vernachlässigen, wären die ziemlich schnell tot.

    • #4 Joseph Kuhn
      27. September 2019

      @ zimtspinne:

      “echte, wirksame Behandlungen vernachlässigen”

      Mit Ihrem Durchblick: Bitte listen Sie doch die “echten, wirksamen Behandlungen” für Depressionen einmal auf, Antidepressiva und ein “paar Einheiten Quatschen mit dem Therapeuten” sind es Ihrer Meinung nach ja nicht. Ich nehme an, Ihr Kommentar beruht auf einer sorgfältigen Recherche der Evidenzlage, was Sie uns nur noch nicht verraten haben, um die Sache etwas spannender zu machen. Nicht, dass das nur ein “paar Einheiten Quatschen” mit Ihrem Friseur waren.

      Und liefern Sie doch gleich auch die Belege für die angeblich so viel bessere Behandlung bei Diabetikern nach. Früher gab es ja noch diabetesbedingtes Nierenversagen oder Amputationen bei Diabetikern, oder eine deutliche Exzessmortalität bei jüngeren Diabetikern. Aber das kennt man bei der – verglichen mit den Depressionen – so viel besseren Behandlung heute ja gar nicht mehr. Sagt mein Friseur.

  4. #5 Amy
    28. September 2019

    @Zimtspinne
    Weder bei Diabetes Typ1 noch bei den meisten Herzkrankheiten besteht irgendein kurativer Ansatz. Es geht darum, die negativen Effekte der jeweiligen Krankheiten mit Medikamenten und Lebensstilanpassungen zu minimieren und die Begleiterkrankungen möglichst lange zu vermeiden.
    Also so ziemlich dasselbe wie bei psychischen Krankheiten.

    Wo ist der von dir gesehene Unterschied zwischen “AD, ja fein, und noch paar Einheiten Quatschen mit dem Therapeuten” bei psychischen Krankheiten
    und
    Insulin, ja fein, und noch paar Einheiten Quatschen mit dem Therapeuten(Ernährungsberater) bei Diabetes?

    • #6 Joseph Kuhn
      28. September 2019

      @ Amy:

      Zustimmung, was den Vergleich mit Diabetes angeht. Mit pauschalen Aussagen über psychische Störungen sollte man aber vorsichtig sein. Die psychischen Störungen umfassen ein extrem heterogenes Feld, wenn man die F-Diagnosen nach ICD ansieht, von kindlichen Entwicklungsstörungen über Suchterkrankungen bis hin zur sehr seltenen Schizophrenie, die nicht wenige Menschen gleichwohl für den Paradebeispiel der psychischen Störungen halten. Manche psychische Störungen verschwinden von alleine wieder, manche lassen sich durch eine Behandlung heilen und manche nicht. Es kommt darauf an.

      Das gilt übrigens auch für den Diabetes. Typ 1 ist etwas anderes als der viel häufigere Typ 2, das wieder etwas anderes als ein Schwangerschaftsdiabetes und je nachdem sehen auch Behandlungsstrategien und Prognosen anders aus. In ein paar Wochen wird übrigens das RKI den ersten Bericht aus der Nationalen Diabetessurveillance veröffentlichen, vielleicht für Sie von Interesse, falls Sie mit dem Thema mehr zu tun haben.

  5. #7 zimtspinne
    28. September 2019

    Ist zwar schon aus 2016, viel hat sich seither aber auch nicht getan, nichts Weltbewegendes jedenfalls.

    Die Resultate dieser drei exemplarisch dargestellten Studien sind nicht nur eine große Enttäuschung für die Depressionsforschung an sich, sondern insbesondere auch für Betroffene und Angehörige. Das heißt natürlich nicht, dass es klinisch keine Fortschritte gegeben hat: Es gibt heute eine viel größere Anzahl an Therapien als noch vor 20 Jahren, was PatientInnen die Möglichkeit eröffnet, die Hilfe zu finden, die für sie am besten geeignet ist. Dennoch bleibt die Frage offen, wieso trotz hoher Forschungsetats und beständig ansteigender Qualität und Quantität von Daten und statistischen Auswertungsmethoden gerade in der Depressionsforschung so wenige Fortschritte erzielt wurden. Ein zentraler Grund könnte im Krankheitsmodell der Depression liegen.

    https://de.in-mind.org/article/depressionsforschung-im-stimmungstief-gruende-fuer-eine-wissenschaftliche-krise-und

    Wird ein Diabetes diagnostiziert oder eine Vorstufe, gibts natürlich konkrete und bei den allermeisten Patienten auch wirksame Therapieoptionen. Von Ernährungs- und Bewegungskonzepten bis hin zu einer Palette an Medikamenten, deren Wirksamkeit nicht überwiegend erstmal in den Sternen steht und auf die sowieso erstmal mehrere Wochen lang gewartet werden muss.
    Und bei Therapieversagen wird mit dem nächsten genauso “umständlich und ineffizient” eingesetzten Wirkstoff weitergemacht, was wiederum Ähnlichkeit mit einer Glückslotterie hat, denn die Wahrscheinlichkeit, dass auch dieser Wirkstoff nicht wirken wird, ist hoch. Wieviele AD testen Patienten im Durchschnitt nochmal durch, bevor eins anschlägt? Falls überhaupt eins anschlägt.

    Mit fähigen Therapeuten siehts genaus schlecht oder sogar noch schlechter aus, wenn man die Versorgungslage und Wartezeiten noch einbezieht. Auch die Therapeutensuche gleicht regelmäßig einer Glückslotterie.

    Man stelle sich das mal leicht abgewandelt und auf Diabetiker zugeschnitten vor:

    Obwohl Antidiabetika bei einzelnen PatientInnen durchaus zur Genesung beitragen, konnte die Studie über alle PatientInnen hinweg nur einen kleinen Effekt feststellen. Das bedeutet, dass die Medikamente im Durchschnitt nicht viel wirksamer als Placebos sind (Khan & Brown, 2015). Dieses Ergebnis ist ernüchternd, wenn man die erheblichen Nebenwirkungen von Antidiabetika (z. B. Gewichtszunahme und Schlafstörungen) berücksichtigt.

    Damit will ich die Stoffwechselstörung nicht verharmlosen, schon allein auch wegen der möglichen Folgeerkrankungen wäre das unangebracht.
    Und ein Zuckerschlecken ist es sicher auch nicht, den Alltag damit über viele Jahre oder Jahrzehnte zu leben.

    Diabetes m. Erkrankungen sind aber durchweg gut behandelbar, sowohl durch Eigeninitiative als auch medikamentös.
    Das ist bei Erkrankungen aus dem Depressionsspektrum nicht so!
    Ich kann auch einen ganzen Tag damit verbringen, etwas zu belegen, dass Sie doch längst wissen, Herr Kuhn. Da fühle ich mich a) verkaspert und als auch schon selbst Betroffener nicht ernst genommen.

    • #8 Joseph Kuhn
      28. September 2019

      @ zimtspinne:

      Ob Diabetes im Prinzip gut behandelbar ist oder nicht, darüber kann man diskutieren. Ob man im realen Versorgungsalltag immer weiß, was man tut, z.B. mit rigiden Blutzuckerzielen, wage ich zu bezweifeln. Dass Antidiabetika immer helfen, auch. Was die realen Behandlungsprobleme angeht, empfehle ich, einfach mal die Datenlage anzusehen, ich hatte ja die Stichwörter Amputationen und Nierenerkrankungen genannt. Ein paar Eckdaten für Bayern finden Sie in der bayerischen Gesundheitsberichterstattung, um mal etwas Werbung für meinen Brötchengeber zu machen. Und wie schon in der Antwort auf Amy steht: Bald gibt es sehr interessante Daten aus der Nationalen Diabetessurveillance.

      Bei den Depressionen ist genauso nicht alles über einen Kamm zu scheren. Depressionen sind keine einheitliche Krankheitsentität, es gibt unterschiedliche Ursachen, unterschiedliche Verlaufsformen und dementsprechend auch unterschiedliche Behandlungserfolge. Eine Wochenbettdepression oder eine in eine depressive Symptomatik übergehende Trauerreaktion ist beispielsweise etwas anderes als eine schwere, rezidivierende Depression. Dass Depressionen immer gut behandelbar sind, hat niemand behauptet, bekanntlich greift man ja aus lauter Verzweiflung in manchen therapieresistenten Fällen sogar nach wie vor auf die Elektrokrampftherapie zurück, wirklich keine schöne Sache. Und niemand hat behauptet, dass Antidepressiva ein Allheilmittel sind. Darauf wurde vor nicht allzu langer Zeit auch hier im Blog hingewiesen. Aber dass Depressionen generell nicht gut behandelbar sind, stimmt eben auch nicht, ich erlaube mir noch mal einen Link zu meinem Brötchengeber, in dem Fall zum Bericht über die psychische Gesundheit Erwachsener in Bayern. Der Bericht hatte den Schwerpunkt Depression.

      Dass ich auf Ihren Kommentar so ironisch reagiert habe, hat damit zu tun, dass Sie sehr apodiktische Urteile fällen, mit Blick auf die Psychotherapie (“Quatschen”) zudem recht problematische, weil solche Sprüche womöglich manchen Leuten die Inanspruchnahme von psychotherapeutischer Hilfe verleiten.

      Warum Sie sagen, Sie fühlen sich als “Betroffener nicht ernst genommen”, verstehe ich nicht. Soll ich Sie – sozusagen in helfender Absicht stigmatisierend – anders behandeln als andere Kommentatoren mit steilen Thesen? Dann würde ich Sie doch wirklich nicht ernstnehmen.

  6. #9 Amy
    28. September 2019

    @Zimtspinne

    Obwohl Antidiabetika bei einzelnen PatientInnen durchaus zur Genesung beitragen,

    Es gibt _kein_ einziges Antidiabetikum, das zur Genesung beiträgt. Keines. Insulin ersetzt weder den Typ1-Diabetikern die fehlenden Betazellen noch durchbricht irgendein Antidiabetikum dauerhaft bei den Typ2 die Insulinresistenz.
    Es gibt Möglichkeiten, die Resistenz zu brechen und das Syndrom zu mildern, aber das ist keine Heilung der gestörten Glukosetoleranz.

    hinweg nur einen kleinen Effekt feststellen

    Wenn man sich die Tagesprofile der insulinabhängigen Typ1 und Typ2 anschaut, sieht man häufig von 300-40mg/dl alles innerhalb einer Woche. Erschreckend häufig sind nächtliche Hypoglykämien, aber auch tagsüber kommt es dazu. Langjährige Typ2-Diabetiker ohne Folgekrankheiten sind selten. Das trifft mE die Definition von “kleinem Effekt”.

    Dieses Ergebnis ist ernüchternd, wenn man die erheblichen Nebenwirkungen von Antidiabetika (z. B. Gewichtszunahme und Schlafstörungen) berücksichtigt.

    Die Nebenwirkungen gängiger Antidiabetika:
    Insuline: Allergische Reaktionen, Hypoglykämien Metformin: Laktatazidose, Geschmackveränderung, Gewichtszunahme, Durchfall, Erbrechen
    Glinide: Durchfall, Erbrechen, Entzündungen des Prankreas.

    Diabetes m. Erkrankungen sind aber durchweg gut behandelbar,

    Das ist vollkommen an der Realität vorbei. Selbst der vergleichsweise gute händelbare Gestationsdiabetes verlangt enorm viel von den betroffenen Frauen.

    Was ich damit sagen möchte: Der menschliche Körper ist keine Maschine und die Pharmakologen können nicht hexen. Das trifft auf Antidiabetika wie auf Antidepressiva zu. Wundermittel gibt es einfach nicht.

    @Jospeh Kuhn
    Danke für den Tipp, ich werde mich dementsprechend umsehen.

    • #10 Joseph Kuhn
      28. September 2019

      @ Amy:

      “aber das ist keine Heilung”

      Danke, schöner Kommentar. Eine Einschätzungsfrage zum Kommentarausschnitt: Wie würden Sie das Outcome der demnächst wohl für Typ 1-Diabetes verfügbaren Implantate, die Insulin unmittelbar zum aktuell gemessenen Blutzuckerspiegel geben, bezeichnen? Sollte man das, vielleicht vergleichbar modernen HIV-Therapien, als eine Art “funktioneller Heilung” bezeichnen, weil damit ein weitgehend normales Leben ermöglicht wird, aber nicht ohne pharmakologische Unterstützung?

      (Zur besseren Einordnung: Ein Kollege hat mir vor ein paar Tagen von dieser Entwicklung erzählt, ich bin kein Fachmann für Diabetes)

  7. #11 Stephanie
    Hamburg
    29. September 2019

    @zimtspinne:
    Zum “quatschen”:
    Ich habe in meinem Bekanntenkreis zwei Personen die durchs “Quatschen” letztliche wieder in die Lage versetzt wurden am Leben normal teilzunehmen. Beide Personen haben eine Traumatherapie durchgemacht. Beide Personen hatten extreme Erfahrung in ihrer Jungend gemacht. Ein Person hat sich vor der Traumertherapie selbstverletzt und auf ihrem Unterarm mehrere dutzend Zigaretten ausgedrückt um dem seelischen Sress zu entkommen. Die Narben sieht man heute noch. Ich habe mit beiden Personen persönlichen Kontakt und beide können jetzt nach der Traumatherapie über die traumatischen Ereignisse ohne extreme emotionale Übereregung sprechen. Die Person mit den Narben hat kein selbstverletzendes Verhalten mehr. Also wenn diese Traumatherapien nicht effektiv waren dann weiß ich auch nicht.

    Zum integrativen Umgang:
    Viele Menschen besitzen chronische emotionale Störungen, die so tief sitzen und zu lange ohne Behandlung waren, dass es eine Aussicht auf Heilung schlicht nicht gibt. Unter anderen auch in meiner eigenen Familie: Einige Onkel von mir haben die Kriegsjahre und Nachkriegsjahre miterlebt. Da war von posttraumatischer Belastungsstörung noch keine Rede, das hieß da noch Kriegszittern und man wurde dafür verspottet. Vieler dieser so traumatisierten Menschen sind heute über 75 und für einige besteht keine Aussicht auf Heilung mehr. Das mag auch daran liegen das einige von diesen schon erste Formen von Demenz aufweisen. Letztlich bleibt da aber nur die Möglichkeit eines toleranten Umfelds. Deren Umfeld wird indirekt durch diese Traumta belastet. Ich finde es deswegen durchaus sinnvoll das Menschen, die mit traumatisierten Personen in Kontakt treten, lernen können wie ein normaler und nicht selbstzerstörerischer Umgang am besten erreicht werden kann. Das betrifft insbesondere Pflegepersonal. Vieles wurde in den letzen Jahrzehnten dazu verbessert aber gleichzeitig auf weniger Pflegepersonal verteilt, so dass es doch wieder zu Überlastungen kommt. Soweit ich das als Laie mitbekommen habe, wurden viele Stigmata von Menschen mit psychischen Störungen genommen, so dass allein der Mut eine Behandlung einzugehen gewachsen ist. Allein dass Menschen etwas mehr akzeptiert werden, veringert in vielen Fällen schon das Leid. Diese Entwicklung sehe ich als Resultat der Forschung und der Weiterentwicklung in diesem Bereich.

    Das Problem mit psychischen Störungen ist meiner Meinung nach die Komplexität des Gehirns und der Informationen die im Gehrin gespeichert sind. Diabetes, den du zum Vergleich nimmst ist an sich schon sehr kompliziert zu händeln, wie andere hier schon sehr gut dargelegt haben, dabei wird an Diabetes schon lange geforscht und zu der Funktion der Inselzellen ist auch vieles bekannt. Andererseits sind Forscher, soweit ich die Artikel von Scientific American richtig deute, gerade dabei “Landkarten” der Verknüpfungsstruktur vom Gehirn anzufertigen. Wenn man diese “Landkarten” hat kann man nach meinem Verständnis erst richtig überlegen wie es zu verschiedenen Erkrankungen kommt, weil man erst dann Funktionen im Gehirn erst verstehen kann. Wenn man noch hinzunimmt das überhaupt noch nicht klar ist wie unser Bewußtsein als informationsverarbeitendes System in den Neuronen erzeugt wird, kann man doch nicht erwarten das dort große Fortschritte in der Behandlung von psychischen Leiden gemacht werden, die durch Veränderung des Gehrinstoffwechsel hervorgerufen werden und gleichzeitig durch die Informationsebene beeinflusst werden. Man kann von großer Leistung der Medinziner sprechen, wenn in so einem komplexen System doch Therapie-Ansatzpunkte gefunden werden.

    Das sogenannte “Quatschen” betrifft das Bewußtsein als Informationsebene und dort sind durch Umdeutungen von Erfahrungen usw.. Störungen durchaus behandelbar. Das dauert seine Zeit ist aber durchaus effektiv, da so das Bewußtsein lernt, dass eine Erfahrung und die aktuelle Situation nicht übereinstimmen und so das Gehirn den Köper nicht in Alarm versetzt, wenn es unnötig ist. Andererseits sind Störungen wie zum Beispiel Schizophrenie wohl nicht rein durch die Informationen im Gehirn bestimmt sondern haben Ursachen im Gehrinstoffwechsel, soweit ich es richtig erinnere. Genauso scheint es eine genetische Vererbbarkeit zu Depression zu geben, so dass hier der Gehirnstoffwechsel von Bedeutung sein müsste. Da aber zum Beispiel nicht klar ist wie es durch einen geänderter Gehrinstoffwechel zum oft beschriebenen negativen Gedankenkarussell einer Depression kommt, kann man nicht erwarten das man da schnell gute Therapien findet. Ich denke viele depressive Menschen wären dankbar durch einen Wirkstoff aus diesem negativen Gedankenkarussel herauszukommen um wieder ihren gewünschten Freizeitaktivitäten nachzugehen. Nur wenn nicht klar ist wie Neuronen Bewußtsein schaffen und dieses Informationen verarbeitet, wird es noch ein langer Weg sein zu effektiven gezielten Behandlungen mit wenig Nebenwirkungen. Da ist man in der Forschung wohl noch auf viele Zufallfunde wie etwa Lithium angewiesen.

  8. #12 Amy
    29. September 2019

    @Joseph Kuhn
    Ich vermute, damit sind die sogenannten “closed-loop”-Systeme gemeint.
    Die Sensoren messen, wie bei den aktuellen ständigen Sensoren, nicht den Blutzuckerspiegel, sondern den Zuckergehalt der zwischenzellulären Flüssigkeit. Die hängt dem Blutzucker ca 15min hinterher.
    Insulin hat, je nach genauem Wirkstoff, sein Wirkmaximum ca 30 Minuten bis 1 Stunde nach Abgabe.
    Das heißt, dass es auch mit den closed-loop-Systemen seine Zeit braucht, um eine Blutzuckerspitze abzufangen.
    Im Vergleich zur HIV-Therapie gibt es also noch Luft nach oben.

    Trotzdem bedeutet das neue System einen enormen Schritt nach vorn:
    Da der gemessene Zucker dem Blutzucker ca 15min nachhängt, spritzen sich Diabetiker inital eher zu wenig und wenn sie nachmessen und korrigieren wollen, eher zu viel. Das fällt bei einer automatischen Insulinabgabe komplett weg.

    (Zur Einordnung: Ich bin auch keine echte Fachfrau für Diabetes. Ich bin “nur” Medizinstudent mit einer hoffentlich bald vorliegenden Zusage für eine Doktorarbeit im Bereich der Insulinresistenz bei Typ2-Diabetes)