Im Tagesspiegel schreibt der Münchner Soziologe Armin Nassehi heute, Trumps rhetorisches Agens sei der Unsinn, die „Macht des Absurden“, und das entwaffne gewissermaßen jede Gegenargumentation:

„Vielleicht kann man Kommunikation nur be- oder widerlegen, wenn sie einen gewissen Geltungsanspruch deutlich macht oder wenn ein Argument in einer gewissen Konsistenz zu anderen Sätzen steht. Wo das fehlt, läuft jede Widerlegung ins Leere.

Vielleicht ist Trumps Art zu sprechen also die genialste Form der Kommunikation in einer politischen Kultur, deren Polarisierung so groß ist, dass man so etwas wie einen Konflikt um eine konkrete Sache gar nicht führen kann.“

Das ist ein interessanter Gedanke. Es dürfte ziemlich unstrittig sein, dass Trump nicht in der Sache argumentieren, sondern Duftmarken für seine Anhänger setzen will. Wenn sich die Gegenseite darüber ärgert, punktet er, denn in einer gespaltenen Gesellschaft geht es oft nur noch darum, den Anderen den Stinkefinger zu zeigen. Viele Amerikaner/innen sind mit dem Ostküsten-Establishment fertig und sie haben allen Grund dazu. Das gilt vor allem für weiße non-Hispanics, die früher gute Blue Collar-Jobs in der Industrie hatten und sich heute oft mit dequalifizierten Dienstleistungsjobs durchschlagen müssen. In dem vor ein paar Tagen schon einmal angesprochenen – sehr lesenswerten – Buch von Anne Case und Angus Deaton „Deaths of Despair“ wird z.B. die folgende Grafik gezeigt:

Für jede Geburtskohorte der heute erwerbstätigen weißen non-Hispanics mit niedrigem Schulabschluss (unter Bachelor) nahm das Risiko zu, an Alkohol, Drogen oder Suizid zu sterben – den „deaths of despair“. Sie hatten nichts vom langen wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahrzehnte, nichts von der Digitalisierung, nichts vom Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft und auch nichts von der Globalisierung. Sie haben vielfach nur Status, Sicherheit und Hoffnung verloren. Das neoliberale Mantra des Establishments, jeder habe gute Chancen, jeder könne zu den Gewinnern gehören und jeder, der sich anstrenge, würde letztlich auch von den Gewinnen der Konzerne profitieren, irgendwann und irgendwie („Trickle down-Theorie“), verfängt oft nicht mehr. Die Enttäuschten halten dem aber, ähnlich wie hierzulande, keine Essays aus dem Geiste der sozialen Marktwirtschaft, der katholischen Soziallehre oder des Marxismus entgegen, sondern eben den Stinkefinger. Der heißt Trump: „I’m your voice“.

Trumps Unsinns-Rhetorik bringt die Sprachlosigkeit und die Gesprächsverweigerung dieser Leute stilsicher zum Ausdruck. Sollen die Banker und Professoren doch klug daherreden, wir zeigen den Stinkefinger, für uns spricht Trump. Wie reflektiert Trump dieses Spiel spielt, ist schwer zu sagen. Vielleicht hat er auch einfach nur ein Mindset, das gut in diese gespaltene Gesellschaft passt.

Nassehi hat kein Rezept, wie man auf einen Präsidenten reagieren soll, der sich dem Argument verweigert. Sein Essay endet ein wenig ratlos: „Die Preisfrage lautet: Wie geht ein Wahlkampf mit möglichst wenig Kommunikation?“

Eine gute Frage. Es mag sein, dass Trump rhetorisch ein Dekohäsionist ist und auf dieser Ebene am besten Monty Phython gegen ihn antreten würde. Aber man sollte Trumps Rhetorik nicht isoliert für sich betrachten – das spiegelt das Vergessen der Vergessenen auf der Ebene der Analyse wider. Trump benennt selbst das Gegenüber, die Adressaten seiner Rede: “I’m your voice”. Ob die weißen non-Hispanics, der frustrierte Resonanzraum für Trumps Rhetorik, wirklich nicht mehr vernünftig angesprochen werden wollen? Wie würden sie auf ein authentisches “I’m your voice“ reagieren, das ihre Lebenssituation, ihre Not, ernst nimmt und nicht nur ihren Frust ausbeutet? Aber kann das Joe Biden verkörpern, ein Multimillionär aus dem Establishment? Vielleicht gewinnt er ja im November tatsächlich die Wahl. Ob die Abgehängten in den USA danach besser dran sind?

Kommentare (14)

  1. #1 Spritkopf
    1. August 2020

    Man werfe einen Blick auf Trumps Wählerschaft, dann versteht man vieles besser.

  2. #2 alex
    1. August 2020

    Naja, aber Trumps Wirtschaftspolitik (mit Ausnahme der Außenhandelspolitik) entspricht doch ziemlich genau der republikanischen Orthodoxie, also genau dem “neoliberale[n] Mantra des Establishments”. Im Wahlkampf 2016 war das vielleicht noch nicht so klar, aber nach 3,5 Jahren an der Regierung ist das doch sehr deutlich.

  3. #3 maru
    1. August 2020

    Sehr guter Artikel!

    @alex:
    Trumps Rhetorik muss absolut nichs mit seiner Politik zu tun haben. Die angesprochenen Schichten können die Implikationen von Gesetzen meistens eh nicht verstehen. Am Ende sind es natürlich nur Versprechen von Politikern.

  4. #4 DH
    1. August 2020

    Konstruktive Opposition ist gezielt zerstört worden, also antworten die Vergessenen mit den Waffen des Establishments selber- sie zerstören deren Erzählung.
    Das ist wahrscheinlich nicht so dumm wie auf den ersten Blick aussieht, vielleicht ist es sogar der einzige Weg, der gangbar ist, Säure löscht man erstmal mit Kalk, erst danach kann wieder was Konstruktives wachsen.

  5. #5 Jürgen Schönstein
    2. August 2020

    Ich weiß, dass es besserwisserisch und vom Thema ablenkend wirkt, aber ich muss doch mindestens eine Korrektur anbringen: Es sind nicht “weiße Non-Hispanics”, sondern “nicht-hispanische Weiße” (non-hispanic whites).

  6. #6 user unknown
    https://demystifikation.wordpress.com/
    2. August 2020

    Die Grafiken zeigen keinen Verlauf, der zur Frage führt: “Was geschah vor 3,5 Jahren”. Die Verläufe zeigten auch vorher in die gleiche Richtung.

    Trumps Kommunikationsstil scheint mir auch recht willkürlich dieser Fragestellung aufgepfropft zu sein – den könnte man an anderen Themen genauso gut, wenn nicht besser festmachen.

  7. #7 Stephan
    2. August 2020

    @JK
    “(…) jeder habe gute Chancen, jeder könne zu den Gewinnern gehören und jeder, der sich anstrenge, würde letztlich auch von den Gewinnen der Konzerne profitieren (…)” . Spätestens seit Marx ist bekannt, daß das zwar jeder, aber nicht alle können.

  8. #8 Joseph Kuhn
    2. August 2020

    @ Jürgen Schönstein:

    😉 Im Buch ist allerdings nicht nur bei dieser Grafik von “white non-Hispanics” die Rede und ich maße mir nicht an, den Stil eines Nobelpreisträgers zu kritisieren. Dafür ist in der Original-Beschriftung der Grafik ein echter Fehler, was die abgebildeten Geburtsjahrgänge angeht – der Schlaf des Lektors war tief und fest, oder das Fehlerrelativitätsgesetz war am Werk.

    @ user unknown:

    Die Grafiken zeigen, dass in den USA für einen Teil der Bevölkerung, die weißen non-Hispanics oder non-hispanic Whites, der amerikanische Traum schon lange zum Albtraum geworden ist – und das habe ich damit in Verbindung gebracht, dass Trump nicht argumentieren, sondern nur den Stinkefinger zeigen muss. Es mag natürlich andere Themen geben, an denen man Trumps Kommunikationsstil noch besser festmachen kann. Oft erschöpfen sich Erklärungen aber darin, dass er dumm ist oder nur provozieren will. Demgegenüber fand ich Nassehis Überlegungen anregend. Was hatten Sie denn alternativ vor Augen?

  9. #9 Dietmar Hilsebein
    2. August 2020

    @ Joseph Kuhn
    “Oft erschöpfen sich Erklärungen aber darin, dass er dumm ist oder nur provozieren will.”

    Ich weiß nicht mehr, wo ich es gelesen oder gehört habe. Es könnte noch ein anderer Aspekt eine Rolle spielen: Verwirrung stiften. Das klingt nach Verschwörungsmythos, da ich da jetzt keine Belege habe und ich auch nicht weiß, ob es bewußt oder unbewußt geschieht. Mir fällt nur auf, daß die AfD in Deutschland genauso “dumm” verfährt wie Trump in den USA. Steckt hier der Versuch dahinter, durch “alternative Fakten” die Wahrheit beliebig zu machen, um am Ende, wenn die Mehrheit der Gesellschaft rechts von links nicht mehr unterscheiden kann, sich als Führer an die Spitze zu setzen? Es könnte also sein, daß man, bevor man eine Diktatur etablieren kann, erst eine allgemeine Orientierungslosigkeit schaffen muß.

    [Edit: Habe mir erlaubt, einen Schreibfehler im Zitat und im Original zu korrigieren. Lesen soll einfach sein. JK]

  10. #10 Omnivor
    Am 'Nordpol' von NRW
    2. August 2020

    Ja, DTs Kommunikation ist schwer zu verstehen, aber nicht ohne Witz.

    “Stable” heißt auch Pferdestall, wie jeder Western-Groschenheft-Leser weiß.
    Sein “stable genius” soll eigentlich heißen “Ich bin ein begnadeter Hengst”

    http://www.flyinghighstables.com/Home.htm

    https://www.ebay.co.uk/itm/WANT-A-STABLE-RELATIONSHIP-GET-A-HORSE-WOOD-POSTER-PLAQUE-SHABBY-CHIC
    -SIGN-/323783287298

    Aber das verstehen nur Leute, die den Intelligenztest bestanden haben.

  11. #11 Stephan
    2. August 2020

    Hier zwei Videos über Trumps Arten der Kommunikation, man findet am rechten Rand noch mehr Analysen zu ihm, alles sehr furchtbar:
    https://www.youtube.com/watch?v=_aFo_BV-UzI
    https://www.youtube.com/watch?v=yYnXBRo9TVA&t=31s

    Und hier zur Belohnung noch ein wunderbares Video, einen Schatz, so richtig zur Feier des Sonntagabends:
    http://www.youtube.com/watch?v=XYviM5xevC8

    [Link editiert, JK]

  12. #12 Dietmar Hilsebein
    3. August 2020

    Ein Gedankenexperiment: wenn Demokratie auf Meinungspluralismus setzt, gebiert sie nicht dann am Ende die Diktatur? Denn der Mensch bedarf offenbar der Orientierung, die im Meinungspluralismus verlustig geht. Meinungspluralismus ist eben nicht mit der Suche nach Wahrheit zu verwechseln. Meinungspluralismus macht die Wahrheit beliebig. Eine solche Wahrheit sucht nicht, sie findet nicht, es ist egal, sie sagt: glaube doch, was du willst! Und hier werden ganz andere Bereiche angesprochen, die mit der wissenschaftlichen Methode nicht erreicht werden kann. Es ist ähnlich wie mit den Evangelien: zu zweideutig. Der Mythos entzieht sich ja gerade schon seit der Romantik der wissenschaftlichen Methode. Er beruht nicht auf der Vernunft, sondern auf einem dumpfen Gefühl. Wichtig ist also: dem dumpfen Gefühl Sprache, Begriffe zu geben, wenn das bloße Gefühl der Vernunft zugänglich bleiben soll.

  13. #13 Dietmar Hilsebein
    3. August 2020

    “dem dumpfen Gefühl Sprache, Begriffe zu geben, wenn das bloße Gefühl der Vernunft zugänglich bleiben soll.”

    Und hier punkten die sogenannten Alternativen, die einst links und heute recht des politischen Spektrums sind. Die Linken waren intellektuell, man höre sich nur Günter Gaus und Rudi Dutschke an. Heute haben wir es mit Leuten zu tun, die an Chemtrails glauben, Reichsbürger und wer noch -keine Ahnung sind. Schwierig. Da ist wohl viel verloren gegangen. Ich kenne von früher Leute, die können nicht unterscheiden, welche Webseite seriös oder unseriös ist. Sie wissen nicht, daß eine kleine Wahrheit, die zu früh das Licht der Welt erblickt, erst im Rahmen einer fachlich kompetenten Runde sich Gehör verschaffen muß. Ist doch interessant, daß die zu früh aufgestandene Wahrheit, sich meist über Twitter, Youtube und Co Gehör zu verschaffen sucht, sich also bewußt an Laien wendet, die gar keine Ahnung haben können. Für Laien hört sich alles irgendwie gut an, vor allem dann, wenn es gegen das verhaßte Establishment geht. Und warum haßt man das Establishment? Weil es schick ist, gegen die Alten zu sein. Das ist durchaus legitim, mir fehlt aber die Intellektualität der früheren Alternativen. Mir scheinen die Leute zunehmend zu verblöden und das macht mir Sorgen.

  14. #14 Aveneer
    3. August 2020

    Ob Trump oder AFD – sie unterscheiden sich doch kaum.
    Es geht (für mich) darum, die Wählenden zu erreichen, die nach dem Motto lebt: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Oder: Der Meinungsgegner meines Meinungsgegners ist mir opportun.
    Ob Trump oder AFD – sie müssen dabei eben aufpassen, gerade keine klare Meinung zu haben, um keinen dieser Opportunisten zu verschrecken. Auf eine Formulierung in die eine Richtung, folgt gerne eine Gegenformulierung. Trump und co. lassen all die verschiedenen – auch gerne widersprüchlichen – Facetten der Opportunisten sprachlich „auftauchen“. Mehr müssen sie nicht tun. Die Opportunisten fühlen sich ausreichend berücksichtigt/aufgeschreckt um in ihnen Freunde – Gleichgesinnte – zu sehen.

    Das aus diesem Wirrwarr keine feste politische Basis hervorgehen kann, stört die „Heuschrecken der Demokratie“ nicht. Sie schlagen sich auf allen Schlachtfeldern die Bäuche voll.