Ein beliebtes Team: Pille, Sulu, Scotty, Uhura, Spock und Chekov stehen im September 1976 vor dem Spaceshuttle Enterprise. (Foto: Nasa)

Im Science-Fiction-Kino wird eine neue Stärke der Menschheit beschworen: Sie besiegt die Aliens nicht mit Einfallsreichtum, sondern weil sie zusammenhält. Aber „Star Trek“ und „Independence Day“ verstehen unter Zusammenhalt dann doch nur, dass jeder auf seinem Posten bleiben sollte. Aye, sir!

 

Hollywood setzt derzeit auf erprobte Ideen: Tarzan kommt wieder in die Kinos, die Ghostbusters werden mit weiblicher Besetzung neu aufgelegt, außerdem wird noch ein Marvel-Comic angekündigt. Und natürlich sind gerade „Independence Day – Wiederkehr“ und „Star Trek – Beyond“ zu sehen. Auch die Filme selbst bieten bekannte Motive. In „Star Trek“ stößt man zum Beispiel auf Höhlenlabyrinthe wie von Orks gebaut, zerstörerischen Schwärmen wie denen, die schon in „Der Tag, an dem die Erde stillstand“ alles zerfressen haben, und einer Methode zur Lebensverlängerung, die aus „Krabat“ entlehnt zu sein scheint. Und die Botschaft der beiden Science-Fiction-Filme ist dann auch noch dieselbe: Wir Menschen sind stark, weil wir zusammenhalten. Kreativität und Forscherdrang sind keine Alleinstellungsmerkmale mehr, denn die Gegner sind schlau und besser ausgerüstet. Stattdessen hilft uns gegen die Gewalten von außen nur: vive la Mannschaft!

Das soll man vielleicht auch als Kommentar zur heutigen Bedrohung durch den Terrorismus verstehen. Das Dumme ist nur, dass die beiden Filme keine Ahnung davon vermitteln, wie Zusammenhalt aussehen könnte. Im Grunde retten die Menschen mal wieder die Welt (oops! ich hoffe, das nimmt niemandem die Spannung), weil jeder seinen Job macht. In „Star Trek“ sind die Rollen ja seit 50 Jahren verteilt (das Jubiläum der ersten Ausstrahlung steht übrigens demnächst an, am 8. September), und in „Independence Day“ darf jeder Protagonist einen Teil zum großen Alien-Totschlagen beitragen, damit am Ende alle Helden sind. Das wirkt sehr berechnet: Die Herausforderungen sind immer gerade so groß, dass das Team sie meistern kann.

Reden, auch wenn’s weh tut

Zusammenhalt in einer Gruppe ist natürlich etwas Tolles. Aber hier geht es um Zusammenhalt der Menschheit – also um eine Verbindung über viele Gruppen hinweg. Wie die zustande kommen soll, bleibt in beiden Filmen im Dunkeln. Wie können wir als Gesellschaft dem Terrorismus die Stirn bieten? In „Independence Day“ bitten die Amerikaner den Rest der Welt darum, für sie zu beten, und erledigen dann die Aliens im Alleingang. Social Fiction könnte man das nennen, wenn es nicht so billig wäre.

Wie könnte ein Gegenentwurf aussehen? Dazu habe ich das Buch „Zusammenarbeit“ von Richard Sennett aus dem Regal geholt. Im Mai habe ich den Soziologen auf der Tagung „Republica“ in Berlin gehört (hier gibt‘s das Video von seinem Vortrag). Dort hatte er über moderne Städte gesprochen und gefordert, die öffentlichen Einrichtungen so anzulegen, dass sich Vertreter aus verschiedenen sozialen Schichten ständig über den Weg laufen. Man muss sich auch mit Menschen auseinandersetzen, die ganz anders ticken als man selbst, so Sennetts Credo. Verständnis und Vertrauen entstehen erst, wenn man sich aufeinander einlässt und aneinander reibt.

Ich musste an eine Studie zu den Filterblasen in Facebook denken, die Anfang des Jahres in der Fachzeitschrift „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften erschienen ist (hier ist das PDF der Studie). Darin hatten Forscher zwei Filterblasen statistisch untersucht: Nachrichten aus der Wissenschaft und Nachrichten aus der Ecke der Verschwörungstheoretiker. Sie zeigten, dass sich die Konsumenten der Wissenschafts- und der Verschwörungs-Nachrichten gegenseitig ignorieren. Ist das denn schlimm?, hatte ich mich damals gefragt. Soll mir Facebook etwa Verschwörungstheorien in die Timeline setzen, damit ich auch mal mit anderen Gedanken konfrontiert werde?

Inzwischen frage ich mich besorgt, ob die Antwort nicht Ja lauten müsste.

Gegen den Einheitsbrei

Wenn ich doch einmal mit einem Anhänger esoterischer Theorien diskutiere (das geschieht tatsächlich selten), versuche ich cool zu bleiben. Ich muss nicht jeden bekehren, sage ich mir, und ich will mich nicht aus der Reserve locken lassen. Im Idealfall versuche ich herauszufinden, ob wir zumindest einige Überzeugungen und Werte teilen und wo genau die Argumentation auseinandergeht. Für Richard Sennett führt auch das nicht zu echtem Verständnis und letztlich auch nicht zu einem Zusammenhalt verschiedener Gruppen. Aus Sennetts Sicht muss man dafür wirklich offen sein (ohne sich jedoch selbst zu vergessen). Und er fordert diese Offenheit ein, weil das Denken in engen Bahnen, wie man es innerhalb einer Gruppe oder Filterblase betreibt, nicht ausreicht, um die Probleme einer komplexen und dynamischen Welt zu lösen.

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Kommentare (11)

  1. #1 Joseph Kuhn
    http://scienceblogs.de/gesundheits-check/
    24. Juli 2016

    Wenn es um die Abwehr eines echten oder vermeintlichen gemeinsamen Feindes geht, wird “Zusammenhalt” über die Stammensgrenzen hinweg wohl einfacher. Carl Schmitt meinte daraus das Wesen des Politischen ablesen zu können. SciFi-Filme lehren, dass das besonders gut gelingt, wenn der Feind “fremd”, nicht menschlich, ist. Auch in unserer Welt wird die Rolle des “Feindes” daher gerne dehumanisiert und z.B. mit “Untermenschen” besetzt.

    Zusammenhalt ohne äußeren Feind zu befördern oder zu bewahren, ist mühsamer, weil der Streit um den richtigen Weg zum Zusammenleben dazugehört, damit auch die Möglichkeit zum “ich mach nicht mehr mit”. “Zusammenhalt” ist immer fragil. Daher braucht es Foren mit Spielregeln zum Streit um den richtigen Weg, z.B. Parlamente oder die UN, d.h. Strukturen, die den Zuammenhalt wahren, wenn sich die Menschen (in diesen Strukturen) streiten. So zumindest meine Sicht der Dinge.

  2. #2 Dr. Webbaer
    24. Juli 2016

    Sehr solider Text, Hut ab!

    Sie zeigten, dass sich die Konsumenten der Wissenschafts- und der Verschwörungs-Nachrichten gegenseitig ignorieren. Ist das denn schlimm?, hatte ich mich damals gefragt.

    Esoterik und exoterische Wissenschaftlichkeit dürfen gerne getrennt bleiben bzw. müssen getrennt bleiben.

    Hübsch die Verknüpfung mit der StarTrek-“Ideologie”, die (auch) den Humanismus meint, wie der Zufall so will, ist der Schreiber dieser Zeilen Humanist, und die Multikulturalität, die oft funktioniert, wenn die Kulturen kompatibel (“mitleidend”) sind, die EU könnte hier ein Beispiel sein (das aber aus bestimmten Gründen zurzeit nicht mehr so-o gut funktioniert).

    Dann war noch ein Hinweis, gleich in der Headline, zu bemerken, nämlich: ‘Vive la Mannschaft!’, die den funktionierenden Multikulturalismus meinen könnte, auch die Entnationalisierung der, nun, Nationalmannschaft und des Nationalstaats (vs. ‘Vielvölkerstaats’).

    Soweit, so gut, so kann es funktionieren.

    Es sei denn, die Interessenlagen bzw. Kulturen sind nicht kompatibel.
    Niemand würde auf die Idee kommen als in einer Firma Angestellter der Konkurrenz dieser Firma irgendwie kooperativ besonders beizuspringen, niemand, der angestellt bleiben will, soll auf diese Idee kommen.
    Niemand soll in der Wirtschaft auf die Idee kommen Angestellten, die Mitarbeiter (“Untergebene”) sind, unter Berufung auf höhere Firmenwerte, auf die Firmenkultur, abzuverlangen anhaltend gegen ihre eigenen Interessen zu handeln.

    Nur ein paar kleine Anmerkungen,
    Hut ab, Hut ab!
    MFG
    Dr. Webbaer (der von Richard Sennett natürlich nur eines hält: Abstand)

  3. #3 lindita
    24. Juli 2016

    Ist das nicht primitiv, um Zusammenhalt zu üben einen “Feind” zu brauchen, immer gegen etwas sein? Viele Beispiele zeigen, wie kurzsichtig und kurzlebig solche Zusammenhalte sind.

    Es gibt viele Kritiker in www. Einer kritisiert den Erdogan, der Andere, dass alle Medien in Frankreich zehn Milliardären gehören. Ich höre mir sie an und begreife, dass sie nichts Neues von sich geben. Ich sehe keinen, der mit einer Zukunftsvision kommt, die einen inspiriert. Vor allem junge Menschen übernehmen kopflos den gemalten Zustand als Feindbild.

    Ich hätte gerne, dass es eine wissenschaftliche Arbeit zu der Art der Kritik gibt. Ich hätte es gerne, dass man objektiv Kritiker untersucht, ihre Rhetorik, ihre Motivation, ihre Ziele und Visionen…

    Mir reicht es längst nicht mehr in den Medien über verfolgte Kritiker zu lesen. Ich will wissen, ob dieser Kritiker ein potentieller “Chomeini des Iran” ist usw… Ich will wissenschaftliche Analysen. Ich will kein Gequassel mehr über europäische Werte, nach denen die Sinflut in nichteuropäischen Staaten und Kulturen. Ich will nicht, dass Kritiker meines Feindes automatisch mein Freund ist. Ganz hirnlos. Verdammt, es stehen bei jedem Aufstand Leben unschuldiger Menschen auf dem Spiel, und die werden nicht gefragt, ob sie für solche Kritiker sterben wollen.

    Wenn ich schon sterben wollen werde, dann für etwas und nicht gegen etwas. Und wenn Kritiker etwas unter die Lupe nehmen wollen, dann die vorgeschlagenen Visionen (z. B. Vision von Paradies) und nicht das aktuelle Leben, das jeder selbst ganz einfach durschauen kann, wenn er es denn wollte. Gibt’s doch auch Viele, die dieses Leben so mögen wie es ist.

  4. #4 Justus Jonas
    24. Juli 2016

    Ein Bekannter von mir leitet ein kleines Altersheim. Wenn das weibliche Personal in “Zickenkriege” verfällt gibt es eine Ansprache und aus den zerstrittenen Parteien wird wieder ein Team (und er zur gemeinsamen “Hassfigur”).

  5. #5 Laie
    24. Juli 2016

    Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte sagt man, mir sagt das Bild, die Hosen damals waren einigen eindeutig zu lang, dafür die Welt damals bei uns friedlicher.

    Der Vorstellung – es wäre gut – wenn sich alle Menschen unterschiedlicher Richtung permanent über den Wege laufen muss ich wegen praktischer Erfahrungen aus dem Leben widersprechen.

    Für entsprechenden Erfahrungsgewinn kann ich gerne ausgewählte Orte – wie dem Bahnhofsvorplatz bei mir zu Hause zu nächtlichen Zeiten – weiterempfehlen.

  6. #7 Hobbes
    24. Juli 2016

    Ich fände im Sci-fi Bereich mal eine Auseinandersetzung mit Rassismus interessant. Daran traut sich aber niemand. Denn Rassismus ist ja nicht mehr reiner Blödsinn wenn es um andere Spezies geht. (Nein, du darfst den Dalek nicht diskriminieren).

    Generell weicht Sci-Fi mittlerweile den meisten unangenehmen Fragen aus. Dystopien gibt es zwar mehr als genug aber fast alle sind nur “böser Kapitalismus” und der Sieg erfolgt auch immer mehr oder weniger gleich.
    Aber das ist wohl der Preis für Massenmarkttauglichkeit. Sind natürlich trotzdem großartige Filme dabei nur leider nicht sehr Anspruchsvoll. (Letzte große Ausnahme war meiner Meinung nach Watchman)

    Was die Filterblase angeht kann man wahrscheinlich nicht viel ändern. Ersteinmal müsste der Wille geschaffen werden aus der “Comfortzone” raus zu kommen und dieser kommt nicht einfach weil man öfter Menschen mit anderen Meinungen sieht.

  7. #8 Dr. Webbaer
    26. Juli 2016

    @ Hobbes :

    Vgl. rein spaßeshalber hiermit:
    -> https://www.youtube.com/watch?v=cDp1sAx09pg

    Terry Pratchett hat über den Sexismus ein ganzes Buch geschrieben, möglicherweise sein schwächstes, lol, und natürlich durchziehen Fragen des Zusammenlebens unterschiedlicher Gruppen die SciFi und Weitergehendes.
    Irgendwie muss das Leserinteresse ja generiert werden, wobei die heutigen Leser in ihren gerade auch heutigen Fragestellungen zu bedienen sind.

    Die Borg meinen übrigens den Islam, nein die Zombies!, nein!, huch!, …, jetzt ist wohl ein Minenfeld betreten worden von:
    Dr. Webbaer
    MFG

  8. #9 Joseph Kuhn
    http://scienceblogs.de/gesundheits-check/
    26. Juli 2016

    @ Alexander Mäder, Kommentar #6:

    Das Buch von Pinker ist 2011 erschienen und bildet als Gegenwart die 1990er Jahre ab. Angesichts dessen, was wir gerade in der Ukraine, in Syrien und im Irak, im Gaza-Streifen, in gewaltzerfressenen Staaten wie Mexiko oder manchen afrikanischen Ländern erleben, kommt mir seine Zeitdiagnose überholt vor. Gut, gemessen an den Weltkriegen ist natürlich auch der Bürgerkrieg in Syrien ein Vorstadtkrimi.

  9. #10 Joseph Kuhn
    http://scienceblogs.de/gesundheits-check/
    26. Juli 2016

    … ups, meinte die Nullerjahre.

  10. #11 Aginor
    27. Juli 2016

    @Hobbes:
    Hmm.. also ich finde nicht dass SciFi realweltliche Probleme wie Sexismus, sexuelle Orientierung, frmedartige, böse erscheinende Kulturen oder Rassismus ausklammern.
    Gerade Star Trek sticht da IMO mit einer Vielfalt an Themen hervor.
    Ein paar Beispiele:
    – Star Trek: “Bele jagt Lokai” (Rassismus)
    – Star Trek TNG: “Planet Angel One” (Matriarchat, Sexismus umgedreht)
    – Star Trek TNG: “Das Gesetz der Edo” (fremdartige, menschenfeindlich anmutende Gesetze)
    – Star Trek Voyager: “Equinox” (Ethik im Umgang mit fremdartigen Wesen)
    – Star Trek DS9: diverse Folgen im Dominion-Krieg ( Grausamkeit des Krieges, PTSS)

    – Stanislav Lem: “EDEN” (Unverständnis kultureller Bräuche und damit verbundene Fehler im Umgang mit Kulturen)
    – “Avatar” (Ausrottung indigener Völker aus wirtschaftlichen Gründen)
    – Anthony Burgess: “A Clockwork Orange” (Umgang mit Gewalt, Zwangskonditionierung)
    – Philip K. Dick: “Do Androids Dream of Electric Sheep”/ “Blade Runner” (was macht menschlich sein aus)
    – Aldous Huxley: “Brave New World” (Klonen, ‘Gentechnik’, Konditionierung, Psychopharmaka zur Kontrolle von Gefühlen)
    – fast alles von George Orwell hat auch starke politische Bezüge, z.B. das bekannte “1984” (Überwachung)
    – “Equilibirum” (Überwachungsstaat, Psychopharmaka zur Kontrolle von Gefühlen)
    – “Robocop” (Kommerzialisierung der Polizei, Rechtsstaatlichkeit)
    – “Judge Dredd” (Polizeistaat mit Willkür)
    – “Terminator” (Herrschaft von Maschinen)
    – “Matrix” (Virtual Reality UND Herrschaft von Maschinen)

    Wow, das hat Spaß gemacht. 🙂

    Zugegeben: Manches davon ist recht alt. Aber das ist eine Definitionsfrage. Alles aus dem 20. oder 21. Jahrhundert. 😀

    Gruß
    Aginor