Fakten scheinen langweilig geworden zu sein, und Politiker wie Trump nutzen das aus. Dabei bietet das Netz so viele Möglichkeiten, sich gut zu informieren. Was haben die Leute bloß gegen diese Angebote? Fühlen sie sich dort etwa nicht ernst genommen?

 

Der Mehrheit für den Brexit und die anhaltende Popularität von Donald Trump haben viele Intellektuelle aufgerüttelt. Schlittern wir in eine irrationale Zeit, in der Expertise nichts mehr gilt und Stimmungen mehr Gewicht haben als Argumente? Der Publizist Eduard Kaeser führt diese Analyse in einem lesenswerten Kommentar der „Neuen Zürcher Zeitung“ aus: Er sieht uns schon im „postfaktischen Zeitalter“ und fordert eine Rückkehr zum „Tribunal der Fakten“, ohne das politische Entscheidungen kein tragfähiges Fundament haben.

Kaeser sieht zwei Bedrohungen: Zum einen erzeugt die öffentliche Debatte, befeuert durch die digitalen Medien, inzwischen ihre eigenen Fakten. Ein gut platziertes Gerücht kann so stark werden, dass ein faktentreues Dementi nicht mehr hilft. Am Ende wird dem Opfer gar noch ein schlechtes Krisenmanagement angekreidet. Zum anderen schlägt die gefühlte Wahrheit irritierend oft die echte. Kaeser schreibt von einer „Bewirtschaftung der Launen“. Das ist aus meiner Sicht treffend formuliert.

Immer wieder Google

Journalisten erwähnt Kaeser nicht, doch sie tragen einiges zur Entwicklung bei: wenn sie einem Dissens nicht mehr auf den Grund gehen, sondern sich damit begnügen, die widersprüchlichen Meinungen gegeneinander zu stellen. Allerdings könnten die Journalisten antworten, dass sich das mühsame Für und Wider nun einmal schlecht verkaufe. Wer gerade wem in den Rücken fällt, werde eher gelesen und geteilt.

Stattdessen gibt Kaeser den digitalen Diensten die Schuld, denn im Netz werde man mit Informationen überschüttet und könne gar nicht mehr alles bewerten. „Ein Permaregen von Informationen lässt uns fast nichts anderes übrig, als allmählich auf Standards wie Objektivität und Wahrheit zu verzichten“, schreibt er. Und dann pickt er sich noch Google als Hauptschuldigen heraus: „Wir haben die Suchmaschine bereits dermaßen internalisiert, dass wir Wissen und Googeln gleichsetzen.“ Wer google, so Kaeser, der hinterfrage die Suchergebnisse nicht mehr.

Das Vertrauen schwindet

Ich glaube, diese Erklärung ist falsch. Die digitalen Medien bieten viele neue Möglichkeiten, Behauptungen zu prüfen und Experten zu ermitteln, denen man vertrauen darf. Faktenchecker haben sich ausführlich mit Trumps Reden beschäftigt. Und viele Portale setzen mit Aufklärung gegen Verschwörungstheorien und Hetze. Das Problem ist nicht, dass es kein digitales Tribunal der Fakten gäbe, sondern dass es zu wenige nutzen. Ähnliches gilt für Google: Für meine Recherche sind Suchmaschinen (ich probiere es immer erst mit Duckduckgo) unerlässlich. Das heißt aber nicht, dass ich aus der Trefferliste irgendetwas übernehmen würde, ohne vorher nachzudenken.

Mein Verdacht ist vielmehr, dass viele – sicher mehr als vor 10 oder 20 Jahren – der wissenschaftlichen Elite misstrauen. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Daniel Sarewitz hat kürzlich in einem Kommentar im Wissenschaftsmagazin „Nature“ gewarnt, dass Donald Trump vor allem von den Menschen unterstützt werde, die vom technischen Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte überrollt wurden und sich in der digitalen Ökonomie des 21. Jahrhunderts nicht mehr wiederfinden. Er schlägt vor, die Forschungspolitik auch nach sozialen Zielen auszurichten.

Dass es auch in Deutschland nicht gut um das Verhältnis von Öffentlichkeit und Wissenschaft steht, zeigt das Wissenschaftsbarometer, eine Umfrage im Auftrag der Initiative „Wissenschaft im Dialog“: Nur 39 Prozent sagen zum Beispiel, dass sie den Wissenschaftlern beim Thema Klimawandel vertrauen. Dafür wünschen sie sich mehr Mitsprache: 44 Prozent sagen, dass vorrangig die Bürger entscheiden sollten, wofür Geld in der Forschung ausgegeben wird. Oder genauer: nur 30 Prozent der Befragten mit Abitur sind dieser Meinung, aber 50 Prozent derjenigen mit einem niedrigeren Schulabschluss.

One more thing . . .

Früher war nicht alles besser. In meinem 24-bändigen „Brockhaus“ aus dem Jahr 1994 wird das Stichwort „Wahrheit“ so eingeleitet: „allg. der im Rahmen eines sprachlich-intersubjektiven Bezugssystems (Kategorien-, Normen- oder Wertesystems) stehende, mit Gründen einlösbare und insofern haltbare Geltungsanspruch von Aussagen bzw. Urteilen über einen Sachverhalt in bezug auf das Sicherverhalten der Sache (Gegenstand, Handlung, Person); Sachverhalt und Sache (Gegenstand usw.) werden als so und nicht anders sich verhaltend oder bestehend (existierend) gekennzeichnet und dabei in größtmögl. Annäherung zur Deckung (Identität) gebracht.“ Den Wikipedia-Eintrag zur Wahrheit finde ich verständlicher.

Kommentare (15)

  1. #1 Joseph Kuhn
    22. August 2016

    Das Problem ist halt, dass die “Fakten” nicht so leuchtend im Raum stehen, dass jeder sie als solche sieht und anerkennt. Die Rede vom “postfaktischen Zeitalter” trifft einen relevanten Punkt der Debattenkultur, aber formuliert sie nicht nur in neuen Worten die schon lange diskutierte Ernüchterung vom Rausch des Dekonstruktivismus? Siehe z.B. Bruno Latours “Elend der Kritik. Vom Krieg um Fakten zu Dingen von Belang”.

    Und ob das Vertrauen in die Wissenschaft wirklich abnimmt? Darüber hat man sich früher schon lustig gemacht: “Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Coca Cola Schnaps enthält.” Vielleicht war man früher zu gutgläubig. Böse zurückgefragt: Was ist vom Wissenschaftsbarometer zu halten, das die Frage nach dem Vertrauen in die Wissenschaft mit Geld von der Philip Morris-Stiftung erforscht, also Geld aus dem Umfeld der Tabakindustrie, die jahrzehntelang alles dafür getan hat, das Vertrauen in die Wissenschaft zu untergraben?

    • #2 Alexander Mäder
      23. August 2016

      Das Wissenschaftsbarometer hat schon drei Mal ganz ähnliche Ergebnisse erbracht, auch das Eurobarometer der EU stützt den Befund. Ich finde, das sollte man nicht so leicht abtun.

  2. #3 Laie
    22. August 2016

    Es war zu lesen, die Leute lesen nur die Überschriften, und nicht mehr die Artikel. Das ist leider bei den sozialen, und wie manche meinen asozialen Medien in Kombination mit einem Smartphone zwangsweise der Fall, da ja die Bildschirme viel zu klein sind.

    Ist auch extrem unpraktisch oder gefährlich beim Autofahren, beim Radfahren oder Gehen zu viel zu lesen. Das muss rucki-zucki recht schnell sein!

  3. #4 Kai
    23. August 2016

    Die Schuld bei Google zu suchen ist tatsächlich etwas seltsam (ich will fast sagen weltfremd). Ich glaube, dass Problem liegt vor allem in den Informationsblasen, in denen viele Menschen heute “gefangen sind”. Viele junge Menschen lesen ihre Nachrichten heute auf Facebook, wo ihnen nur jene Nachrichten präsentiert werden, die innerhalb ihrer Gruppe geteilt werden. Die Wahrheit spielt dann keine Rolle mehr. Jede Nachricht geht durch einen Filter, ob sie den Interessen und dem Weltbild der Gruppe entspricht. Du sprichst an, dass es viele Blogs gibt, die Trumps Reden auseinander nehmen. Es gibt aber auch viele Blogs, die diesem Populisten Recht geben. Die Frage ist doch, auf welchen Blogs sich der Einzelne herumtreibt.

    Unsere klassischen Medien haben ihre Vorbildrolle aber auch schon vor langer Zeit verloren. Wer regelmäßig Blogs wie BildBlog liest, bekommt einen guten Einblick wie oft Journalisten schlecht recherchieren und Gerüchte als Wahrheiten verkaufen.

    Wie du sagst: es gibt glücklicherweise heute auch ein großes Angebot an qualitativen und investigativen Medien, die man aufsuchen kann. Nur leider werden die nicht von der Mehrheit der Menschen gelesen. Die vertrauen weiterhin Bild und ihren Facebook-Bekanntschaften.

    • #5 Alexander Mäder
      23. August 2016

      Bildblog und andere Portale wie etwa http://www.medien-doktor.de zeigen tatsächlich auf, dass Journalisten oft schlecht arbeiten. Aber daraus kann man nicht auf die Häufigkeit schließen, weil man die Grundgesamtheit nicht kennt. Ich würde Bildblog und die anderen medienkritischen Portale vielmehr als Beleg werten, dass Journalisten einiges dafür tun, die Qualitätsstandards ihrer Branche zu stärken.

  4. #6 Volker Birk
    http://blog.fdik.org
    23. August 2016

    Viele Leute haben darauf vertraut, dass das, was die Medien berichten, der Wahrheit entspricht. Viele haben auch dem vertraut, was die Medien als wissenschaftlich darstellen. Mit dem Vertrauensverlust in die Medien ging nicht nur deren Glaubwürdigkeit verloren. Es ist für viele jetzt auch unklar, was denn überhaupt wissenschaftlich ist und was nicht, denn sie haben das nie verstanden.

    Nun informiert man sich also aus dem Internet. Allerdings gibt’s da nun wirklich alles – von erstklassigen Quellen bis zum letzten Blödsinn. Ich habe den Eindruck, viele nutzen die anderen Medien immer noch zur Orientierung, aber nun wie eine Kompassnadel, die nach Süden zeigt. Nach dem Motto: Die Medien behaupten, es gäbe einen Klimawandel? Dann muss es ja falsch sein!

    Die Kampagne der Gegenaufklärung zeigt Wirkung. Man erzeugt so ein Reservoir für denjenigen, der dann (vermeintlich) sinnstiftend die Führung übernimmt. Die Erfolge der Rechtsextremen sprechen hier für sich – und deren Verbindung zur Esoterik ebenso.

  5. #7 Joachim
    23. August 2016

    Die Schuld liegt daran keine Diskussionen mehr zuzulassen. Man nehme diesen Artikel als Beispiel: “Der Mehrheit für den Brexit und die anhaltende Popularität von Donald Trump haben viele Intellektuelle aufgerüttelt. ” Wie soll man da noch auf Augenhöhe kontroverse diskutieren können, wenn von vorneherein Brexitbefürworter als Nichtintellektuelle dargestellt werden? Langfristig ist der Brexit für die EU besser, weil England eines Tages ziemlich sicher zurück will, dann aber hoffentlich ohne die ganzen Ausnahmen sondern als Mitglied wie jedes andere Land auch. Gleichheit sollte nämlich in der EU noch größer geschrieben werden.
    Der Begriff Populismus wird dabei mittlerweile so inflationär verwendet, daß es sich eher um eine pseudointellektuelle Reaktion auf andere Meinungen handelt als um eine wirkliche Analyse der Umstände der anderen Meinung. Dies kann man wunderbar daran erkennen, daß sehr viele alle Brexitbefürworter als EU-Gegner abstempeln. Falsch ist dies aus zwei Gründen: Brexitbefürworter wird als synonym für dumm verwendet, das Ergebnis einer Meinungsursachenforschung wird damit vorweggenommen, zweitens sind absolut nicht alle Brexitler gegen die EU. Ein Beispiel schreibt z.B. gerade und die meisten, die ich kenne, denken ähnlich. Übrigens kenne ich keinen gebildeten Menschen persönlich, der gegen den Brexit war. Es sind also, als Bezug zum Eingangssatz, ganz sicher auch viele Intellektuelle auf Brexitseite.
    Fazit: Der Blogbeitrag beweist somit, allerdings anders als gewollt, daß wir in eine irrationale Zeit schlittern, in der Expertise nichts mehr gilt und Stimmungen mehr Gewicht haben als Argumente? Denn was ist es anderes, wenn man wie eingangs durch das Zitat gezeigt, eine Diskussion im Vorfeld blockiert? Einfach mal einen Kongreß einger frei wählbaren Wissenschaft besuchen, Diskussion besteht aus gegensätzlichen Meinungen!

    • #8 Alexander Mäder
      23. August 2016

      Ich finde, dass die Beobachtung stimmt, die ich im ersten Satz formuliert habe: Der Brexit hat viele Intellektuelle aufgeschreckt. Der NZZ-Kommentar, den ich zitiere, ist ein Beispiel dafür. Ich habe damit aber nicht behauptet, dass die Brexit-Befürworter nicht intellektuell oder gar dumm wären. Das unterstellen Sie mir – aber fälschlicherweise.

      Sie empfehlen mir, mal einen wissenschaftlichen Kongress zu besuchen. Da ich Wissenschaftsjournalist bin, mache ich das gelegentlich. Vor einigen Wochen habe ich zum Beispiel vom EuroScience Open Forum in Manchester berichtet. Dort war die Stimmung klar gegen den Brexit: http://www.wissenschaft.de/kultur-gesellschaft/forschungspolitik/-/journal_content/56/12054/12718649/Der-Brexit-trifft-auch-die-Wissenschaft/

  6. #9 Rene F.
    23. August 2016

    @Mäder
    “Vor einigen Wochen habe ich zum Beispiel vom EuroScience Open Forum in Manchester berichtet. Dort war die Stimmung klar gegen den Brexit.”

    Die meisten fürchten wohl, nicht mehr in den “Genuss” der EU-Förderungen zu kommen.

  7. #10 Rene F.
    23. August 2016

    @Joachim

    “Die Schuld liegt daran keine Diskussionen mehr zuzulassen. Man nehme diesen Artikel als Beispiel: “Der Mehrheit für den Brexit und die anhaltende Popularität von Donald Trump haben viele Intellektuelle aufgerüttelt. ” Wie soll man da noch auf Augenhöhe kontroverse diskutieren können, wenn von vorneherein Brexitbefürworter als Nichtintellektuelle dargestellt werden?”

    So ist es

  8. #11 Joseph Kuhn
    23. August 2016

    @ Alexander Mäder:

    Ich glaube auch nicht, dass die Philip Morris-Stiftung inhaltlich Einfluss auf Befragung nimmt, ich bezweifle allerdings, dass die Philip Morris-Stiftung angesichts der Erkenntnisse über die Wissenschaftsmanipulationen der Tabakindustrie ein guter Sponsor für eine solche Befragung ist.

  9. #12 Dr. Webbaer
    23. August 2016

    Wer google, so Kaeser, der hinterfrage die Suchergebnisse nicht mehr.
    […]
    Ich glaube, diese Erklärung ist falsch.

    Zustimmung auch für den geäußerten Verdacht, dass zunehmend internationalisierte Eliten nicht mehr dem Souverän oder, was die Wissenschaft betrifft, dem Zahlmeister genügend Vertrauen vermitteln.

    MFG
    Dr. Webbaer (der allerdings hier – ‘Fakten scheinen langweilig geworden zu sein, und Politiker wie Trump nutzen das aus’ – zu ergänzen hat, dass Fakten und Argumentation von Trump einigen schon sehr nachvollziehbar ist, denen Fakten nicht ‘langweilig geworden sind’; zudem scheint Hillary zu diesen oft mehr international als national agierenden Eliten zu gehören, die Leutz merken das)

  10. #13 Orci
    23. August 2016

    Mit Leuten, die den Satz ““Die Mehrheit für den Brexit und die anhaltende Popularität von Donald Trump haben viele Intellektuelle aufgerüttelt. ” so verstehen, als stände da “Die Mehrheit für den Brexit besteht nicht aus Intellektuellen” zu diskutieren ist in der Tat nicht einfach. Geradezu ein Sinnbild der Überschrift dieses Artikels…

  11. #14 Dr. Webbaer
    23. August 2016

    @ Herr Mäder :

    Ich finde, dass die Beobachtung stimmt, die ich im ersten Satz formuliert habe: Der Brexit hat viele Intellektuelle aufgeschreckt.
    (…)
    (…) EuroScience Open Forum in Manchester berichtet. Dort war die Stimmung klar gegen den Brexit (…)

    Sie finden etwas, andere konträr, zudem sehen andere ‘viele Intellektuelle’ nicht wie beschrieben ‘aufgeschreckt’ und pflegen zudem eine andere ‘Stimmung’: Was machen wir denn da?


    BTW, Wahrheit gibt es in tautologischen Systemen, wenn sie den Wahrheitswert pflegen, genau und nur dann, in der Naturlehre wird sich um Evidenz bemüht, naturwissenschaftliche Theorien haben ein ungenanntes Verfallsdatum, es wird ja nicht mehr verifiziert, und wenn Wahrheit im Politischen behauptet wird, ist dies streng genommen (nur ganz streng genommen und die phil. Erkenntnistheorie meinend) die Erklärung, dass in der Folge gelogen wird.

    MFG
    Dr. Webbaer

  12. #15 skeptizistiker
    24. August 2016

    . Tendenz auf Seiten zu gehen, die der eigenen Grundhaltung entsprechen. Dort ist die Wahrscheinlichkeit in den eigenen Vorurteilen bestätigt zu werden groß.
    .Mythos Gute Politik. Die Behauptung eine gute Politik anzustreben. Politik ist immer auch Interessen geleitet. Der Versuch dies zu verschleiern und nur mit angeblich objektiven Gründen zu argumentieren führt dazu, dass eben diese bezweifelt werden.