Auch der Wissenschaftsjournalismus wird unter die Lupe genommen. (Foto: rzarek/iStock)
Auch der Wissenschaftsjournalismus wird unter die Lupe genommen. (Foto: rzarek/iStock)

Diese Woche habe ich mit Kollegen über „Wissenschaftsjournalismus in Zeiten der Lügenpresse“ diskutiert. Das Fazit ist grundsätzlich hoffnungsvoll, aber es werden Ideen gesucht, um Dialog und Glaubwürdigkeit zu stärken.

 

Die Deutsche Physikalische Gesellschaft hat gefragt: Wird auch am Wissenschaftsjournalismus Fundamentalkritik geübt? Und falls nicht so sehr wie in anderen journalistischen Ressorts: Was kann man trotzdem tun, um glaubwürdig zu bleiben? Meine Kollegen Lars Fischer (spektrum.de, scilogs.de) und Martin Schneider (SWR, wpk) berichteten auch von Beschimpfungen. Aber die Kritik ist nicht einheitlich. Mit manchen Lesern und Zuschauern kann man am Ende doch diskutieren: Man mag Studien unterschiedlich interpretieren, aber man streitet auf einer Grundlage, die beide Seiten akzeptieren. Bei anderen Kritikern kommt man irgendwann auf die eigentliche Ursache der Kritik, die durchaus berechtigt sein kann.

Es kann zum Beispiel sein, dass Journalisten und ihre Kritiker an unterschiedliche Beiträge denken: die Journalisten an die Highlights, die Kritiker an die Pleiten. Eine erkennbar gedankenlose Kurzmeldung wiegt einen schönen Aufmacher auf. Ich wünsche mir schon seit langem, dass nicht nur herausragende journalistische Arbeiten ausgezeichnet werden, sondern auch das Bemühen von Redaktionen gewürdigt und gefördert wird, unter schwierigen Bedingungen die Qualität aufrecht zu halten. Eine anderes Beispiel für berechtigte Kritik: Wenn den Medien Kampagnen vorgeworfen werden, kann das daran liegen, dass sich tagesaktuelle Medien gegenseitig beobachten – sogar belauern. Viele Meldungen aus der Wissenschaft erscheinen parallel in ähnlicher Form, und nur wenige Redaktionen bemühen sich um andere Experten und eine eigene Einordnung.

Aufruf: Ideen gesucht!

Die Tonlage der Debatte mit 60 bis 80 Gästen an der Universität Stuttgart war durchweg optimistisch. Ich glaube, wir waren uns einig, dass Wissenschaft und Journalismus der Öffentlichkeit mehr zumuten können. Auch wenn wir uns mehr Gewissheiten wünschen in unserer unübersichtlichen Zeit, dürfen wir die Zweifel, Unsicherheiten und Widersprüche nicht beiseiteschieben. Für Wissenschaftler bedeutet das, wenn sie in die Öffentlichkeit gehen: nicht übertreiben und immer auch die kritischen Punkte ansprechen. Dafür haben auch einige Akademien in einer Stellungnahme argumentiert. Aber was bedeutet das für uns Wissenschaftsjournalisten? Ein Wissenschaftler kann sich vielleicht mit einer kleinen Gruppe von Interessierten zufrieden geben, aber wir brauchen die Massen – um uns zu finanzieren und um unsere öffentliche Aufgabe zu erfüllen.

Ich habe einige Ideen, und rufe Euch dazu auf, weitere Ideen beizusteuern:

  • Mehr Umfragen und Diskussionsrunden mit Lesern (ist viel Arbeit)
  • Differenzierte Charakterisierung von Studien und Forschern (ist trockener Stoff)
  • Mehr Fragen aus dem Leben an die Wissenschaft herantragen (erfordert Kooperation der Wissenschaft)
  • Transparenter Umgang mit Fehlern (erfordert Mut)

Kommentare (16)

  1. #1 Volker Birk
    https://blog.fdik.org
    10. Februar 2017

    Ich wüsste nicht, weshalb man am Wissenschaftsjournalismus Fundamentalkritik üben sollte. Er ist ja zum allergrösstenteil schwer in Ordnung.

    Beim Mainstream-Journalismus sieht das halt völlig anders aus. Aber ich sehe nicht, dass der Wissenschaftsjournalismus betroffen ist.

  2. #2 Laie
    10. Februar 2017

    Aufwendige Artikel mit gutem Inhalt sind sowohl für den Wissenschaftsjounralismus als auch dem Mainstream-Jounalismus zeitaufwendig.

    Gerade im Mainstream-Journalismus findet und fand eine außerordentliche Qualitätsverschlechterung – aus verschiedenen Ursachen – statt, mit der Folge einseitiger und nur teilweise richtiger Inhalte, die zur berechtigten Kritik daran führten.

    Überzogen wäre hingegen zu sagen, alles wäre verzerrt oder gelogen dargestellt. Nun ist die Skepzis allgemein gestiegen, was dann vermutlich auch den wissenschaftlichen Bereich betrifft, ohne dafür selbst die Ursachen geliefert zu haben.

    Wie soll nun die Qualität in den “Qualitätsmedien” des Mainstreamjounalistmus zurückführen, um mit besseren Inhalten die Skepsis zu reduzieren? (Mehr Gehalt? Mehr Zeit? Besser Ausbildung der Journalisten?)

    Wollen die Medien das überhaupt, oder zählt doch letztendlich der billigere Jounalist (wird gegenüber dem teureren bevorzugt), der schnell etwas unter Zeitdruck daherzimmert, egal wie viel schlechter die Qualität ist?

    Wie reagieren mündige Konsumenten darauf?
    Wird Qualität bevorzugt, oder doch eher Bild-Niveau (warum auch immer) lieber gelesen, und warum?

    Dies als Amerkung, ob nicht die Einflüsse des Mainstreams auf die Akzeptanz des Geschriebenen insgesamt negativ sein könnte.

  3. #3 hubert taber
    11. Februar 2017

    sind DPA- oder APA-meldungen auch wissenschafts-journalismus?
    siehe z.b.:
    http://diepresse.com/home/science/5166991/Quantenphysik-mit-Sternen#comments

    mfg. hubert taber

  4. #4 hubert taber
    11. Februar 2017

    @ Volker Birk
    es gibt auch schlechten wissenschafts-journalismus.
    nämlich dann wenn kritiklos und ohne zu hinterfragen ergüsse von forscher-scharlatanen verbreitet werden.
    mfg.

  5. #5 PDP10
    12. Februar 2017

    @Hubert Taber:

    Das [Sie etwas nicht verstehen,] bedeutet nicht, dass es falsch ist. […]

    Daran können auch die besten Absichten bei der Vermittlung von Wissenschaft nichts ändern.
    Ihr Post verfehlt also das Thema.

    [Kommentar gekürzt]

  6. #6 hubert taber
    12. Februar 2017

    noch zum punkt “Transparenter Umgang mit Fehlern”.
    leider ist es so, dass viele wirre annahmen, die dann auch noch mathematisch scheinbewiesen werden, in die lehrmeinung einfliessen.
    da sollte der hebel angesetzt werden.
    siehe auch:
    https://derstandard.at/userprofil/postings/84963

    mfg. hubert taber

  7. #7 hubert taber
    12. Februar 2017

    @ PDP10
    dass sie irrungen nicht verstehen, die ich aber mit jederzeit reproduzierbaren experimentellen beweisen aufdeckte, bedeutet nicht, dass sie richtig liegen.

    auch sie sollten das taber-bashing über viele blogs
    einstellen.
    mangels eloquenz und der jederzeitigen fähigkeit zur abstraktion.
    mfg.

  8. […] Heureka! (scienceblogs.de): Im Zweifel zweifeln […]

  9. #9 Kassandra
    13. Februar 2017

    @Alexander Mäder:

    Hannah Arendt hätte Ihnen vermutlich vorgeschlagen, in der Berichterstattung vor allem Wissenschaft und daraus folgendes politisches Interesse peinlichst genau zu trennen. In “Wahrheit und Politik” schrieb sie folgendes:

    Aber so wie der Philosoph einen Pyrrhussieg erringt, wenn es ihm gelingt, seine Wahrheit als herrschende Meinung zu etablieren, bringt der Berichterstatter, sobald er seine Information in den Dienst von Gruppeninteressen und bestimmten Machtformationen stellt, sich um die einzige Chance, unliebsamen Tatsachen Gehör zu verschaffen, und das ist seine persönliche Glaubwürdigkeit. Wer im Namen von Interessen und Macht spricht, kann nicht mehr glaubwürdig sein; er kann als Person für das, was entweder unglaubwürdig klingt oder den Interessen von vielen zuwider ist, nicht mehr bürgen. Seine Glaubwürdigkeit gerade hängt an seiner Unabhängigkeit und Integrität.

    Ich habe vor einiger Zeit an anderer Stelle darüber diskutiert, dass wir ja alle miteinander, egal wie viel wir in unseren jeweils eigenen Fächern wissen, in den meisten Fachgebieten Laien sind und als Laien urteilen. Dabei ist die Vertrauenswürdigkeit der Quelle, um die es bei Arendts Zitat geht, fast immer das entscheidende Kriterium. Ich kann mir ja nicht zu jedem Thema so viel Fachwissen aneignen, um aus eigener Kenntnis beurteilen zu können, ob die Wiedergabe so stimmt oder nicht. Bei mir blieb damals so ein bisschen der Eindruck aus der Diskussion zurück, dass viele Leute sicher sind, Dinge zu WISSEN, die sie in Wirklichkeit den Experten ihres Vertrauens nur GLAUBEN.

    Je mehr ein Leser selbst weiß, desto weniger ist er natürlich darauf angewiesen, Experten zu glauben. Aus einem journalistischen Blickwinkel gesehen fände ich es deshalb zum Beispiel überlegenswert, den Blick des Lesers ein bisschen für Brüche in der Logik und ähnliche Fehler in einer Beschreibung wirklich oder angeblich wissenschaftlicher Sachverhalte zu schulen.

    Das wäre auf unterschiedliche Weise möglich. Man könnte beispielsweise zwei auf den ersten Blick scheinbar wissenschaftliche Texte zu ein und demselben Sachverhalt nebeneinander bringen, die zu entgegengesetzten Ergebnissen kommen, und der Leser muss selbst herausfinden, welcher von beiden richtig ist, oder sich gedulden, bis die Auflösung kommt. Oder man könnte aus einem pseudowissenschaftlichen Text ein Finde-die-Fehler-Suchspiel für die Leser machen.

    • #10 Alexander Mäder
      13. Februar 2017

      Vielen Dank für den Hinweis. Das Buch “Everything is obvious (once you know the answer)” beginnt mit einem solchen Versuch, die Leser mit einer plausiblen, aber empirisch falschen Behauptung aufzurütteln: https://www.scientificamerican.com/article/duncan-watts-book/

      Aber ich bin nicht sicher, ob wir mit “politisch” dasselbe meinen. Wenn Wissenschaftsjournalisten politischer werden sollten, dann bedeutet das aus meiner Sicht nicht, dass sie ihre Arbeit in den Dienst von Parteien stellen, sondern dass sie die wissenschaftlichen Erkenntnisse im Auftrag ihrer Leser hinterfragen.

  10. #11 Alexander Mäder
    13. Februar 2017

    Heute habe ich die Abonnenten des “bild der wissenschaft”-Newsletters gefragt, ob Journalisten stärker auf die Zweifel und Widersprüche der Forschung eingehen sollten. 65 von 70 Antworten lauteten: Ja.

  11. #12 hubert taber
    14. Februar 2017

    ich kann mit dem begriff quellenangabe nichts anfangen.

    wenn jemand zu einer erkenntnis gelangt, die bewiesen und hieb und stichfest ist, und sie stammt von ihm, dann kann er keine andere quelle nennen.

    hier z.b.:
    http://scienceblogs.de/genau/2017/01/26/walzer-to-make-fakten-great-again/#comments

    ich habe mit einem experiment BEWIESEN dass einige annahmen und theorien FALSCH sind.

    diese erkenntnis stammt von MIR, und ich kann keine quelle nennen.
    die quelle ist hubert taber.
    mfg.

  12. #13 Joseph Kuhn
    14. Februar 2017

    @ Alexander Mäder:

    “ob Journalisten stärker auf die Zweifel und Widersprüche der Forschung eingehen sollten”

    Das ist sogar notwendig, aber eine hohe Kunst, weil man bei manchen Themen, wenn man nicht aufpasst, schnell das Geschäft der “merchants of doubt” betreibt.

  13. #14 Kassandra
    14. Februar 2017

    Aber ich bin nicht sicher, ob wir mit “politisch” dasselbe meinen. Wenn Wissenschaftsjournalisten politischer werden sollten, dann bedeutet das aus meiner Sicht nicht, dass sie ihre Arbeit in den Dienst von Parteien stellen, sondern dass sie die wissenschaftlichen Erkenntnisse im Auftrag ihrer Leser hinterfragen.

    Eigentlich wollte ich sagen, dass ich längst das Gefühl habe, Wissenschaft und Politik werden viel zu sehr vermischt. Mein größtes Problem dabei ist speziell die Unsitte, dass vielfach auf Meldungen der Nachrichtenagenturen zurückgegriffen wird, die auf Pressemitteilungen irgendwelcher Institutionen basieren, in denen bereits offen oder versteckt eine Meinung transportiert wird und nicht selten der Urheber irgendwelche Interessen verfolgt, also ein tatsächlich schiefes Bild vermittelt. Das weckt zwangsläufig Misstrauen, wenn jemand den zugehörigen Sachverhalt beurteilen kann oder zu können glaubt.

    Zu einem politisch gerade debattierten Thema können das vor allem in den Online-Ausgaben aber Dutzende von Meldungen mit einander widersprechenden Botschaften in wenigen Wochen sein, die aber alle als Meinung des Mediums (“Der Spiegel schreibt …”) wahrgenommen werden. Das macht die Sache noch schlimmer, denn das vermittelt den Eindruck, die Meinung des Mediums könne gekauft oder auf andere Weise von außen beeinflusst werden.

    Das damit verbundene Glaubwürdigkeitsproblem zu erkennen und darauf zu reagieren, muss man wohl den Publikumsmedien überlassen. Aber es wäre vielleicht auch für Wissenschaftsjournalisten nützlich, diese Problematik im Hinterkopf zu haben, wenn über ein solches Thema geschrieben wird.

    Bei leidenschaftlich diskutierten Themen ist es ja längst so, dass die Kritiker und Zweifler an der Integrität der Medien bestimmte Quellen als interessengeleitet und damit unglaubwürdig brüsk ablehnen, und jeden, der sich auf sie beruft, ebenfalls. Ich erinnere mich noch daran, wann und unter welchen Umständen mir das zum ersten Mal aufgefallen ist: bei der Einführung von Hartz IV. Damals ging es um die Stiftung INSM, um die Bertelsmann-Stiftung, um das DIW und Hans Werner Sinn.

  14. #15 Nadine
    14. Februar 2017

    Man muss, denke ich, auch unmissverständlich kommunzieren, dass die Wissenschaften und ihre (immer nur vorläufigen) Resultate keine Lebensführungsvorgaben abliefern (noch auch abzuliefern haben, falls es Menschen gibt, die diese Erwartung hegen).
    So wie sich die Wissenschaften in den letzten hundert Jahren entwickelt haben, haben sie meines Erachtens nach auch wenig mit >Wahrheit< zutun. Vielleicht muss die Einsicht, dass die Welt (schrecklich-)faszinierend-komplexer als JEDES wissenschaftliche Outcome ist, erst noch zu den Menschen durchdringen. Ich denke, dass das nicht ein Mangel in deren Verstand ist. Sondern dass die Ursache dafür ganz banal die ist, dass nicht jeder mit dem wissenschaftlichen System vertraut ist und weiß, wie man dort arbeitet und wie es funktioniert.
    Daher halte ich es für unbedingt notwendig, mehr darüber zu erzählen.
    Und wenn schon von einer neuen Entdeckung berichtet wird, dann immer mit der Botschaft im Hintergrund: heute ist es so, morgen kann man etwas anderes finden. Wenngleich die Zeitkonstanten in den Wissenschaften natürlich sehr viel länger sind. Auch das gehört erklärt.
    Wenn heute jemand findet, dass Zucker dick macht, dann heißt das nicht: "Essen Sie kein Zucker mehr." Sondern vielmehr: "Versuchen Sie doch mal, ihren Zuckerkonsum einzuschränken und schauen Sie, ob es ihnen damit besser geht. Bis sich eine Änderung einstellt, braucht der Körper allerdings Zeit. Und jeder Körper reagiert individuell auf die Umwelt. Für Sie muss dieses Resultat überhaupt nichts bedeuten."

    Ich war auf dieser Veranstaltung und hätte noch zwei Fragen. Zum einen wurde leider nicht klar definiert, was eigentlich Sinn und Ziel des Wissenschaftsjournalismus ist.

    Zum anderen fiel mal der Satz, dass Journalisten Material zusammentragen und aufarbeiten, sprich interpretieren. Ich frage mich, ob das für den Wissenschaftsjournalismus so überhaupt Gültigkeit haben kann. Was wissenschaftliche Resultate anbelangt, will ich nicht die Interpretation eines Journalisten lesen. Ich will einfach über die (oft ja wiedersprüchlichen) Ergebnisse informiert werden. Wenn dann gleichzeitig kommuniziert wird, unter welchen Bedingungen diese Ergebnisse zustande gekommen sind, dann fühle ich mich halbwegs fähig, sie für mich selbst einzuordnen.

    Vielleicht muss sich der Wissenschaftsjournalismus vom Journalismus verabschieden. Denn, was ich vorschlage, ist wahrscheinlich zeitintensiver und kostet mehr Zeichen…aber Wissenschaftsjournalismus kann nicht schneller und knapper sein als die Wissenschaft, über die er berichten will. Zumindest sehe ich das so. Und das muss man den ehrlich interessierten Menschen auch zumuten.
    Gruß

  15. #16 hubert taber
    16. Februar 2017

    ” … was eigentlich Sinn und Ziel des Wissenschaftsjournalismus ist.”

    der wissenschafts-journalismus soll allgemein verständlich über neue erkenntnisse berichten.
    der journalist soll über fach- und grundlagen-wissen verfügen.
    und kritisch hinterfragen. da sich in vielen disziplinen auch scharlatane tummeln.

    übrigens kann eine erkenntnis auch dann wahr sein wenn diese nicht der lehrmeinung entspricht.
    DANN MUSS DIE LEHRMEINUNG KORRIGIERT WERDEN!

    mfg. hubert taber