Das viele kleine Raubsaurier gefiedert waren, weiß man seit mehr als zehn Jahren. Von den größeren Exemplaren wie Tyrannosaurus nahm man aber meist an, dass sie keine Federn trugen – zum einen, weil auch große Säugetiere oft kein Fell haben, um nicht zu überhitzen, zum anderen, weil man von einigen von ihnen Hautabdrücke mit Schuppenmuster gefunden hat.

Nun aber ist klar: Zumindest einige große Raubsaurier hatten Federn.

Das hier ist die neuste Dino-Sensation: Yutyrannus huali, zu deutsch (der Name ist eine Mischung aus Mandarin und Latein: “Hübscher Federtyrann”)

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(Bild von der Internetseite von Lida Xing, wo ihr sogar das paper herunterladen könnt – ein Gratis-Naturepaper!)

Gefunden wurden gleich drei Exemplare mit deutlich unterschiedlicher Größe. Das größte hatte eine Oberschenkellänge von 85 Zentimetern, eine Schädellänge von etwa 90 Zentimetern und dürfte so 1,4 Tonnen gewogen haben. (Wieder einmal ein Beispiel für die seltsame Vorliebe von Biologen für sinnlose Nachkommastellen: Im paper steht 1414kg…)

Bemerkenswert an Yutyrannus ist aber nicht nur der Flausch (dazu später noch mehr). Auch ansonsten ist das Skelett interessant, vor allem der Knochenkamm auf dem Schädel. Solche Knochenkämme ist man von den typischen Tyrannosaurus-Darstellungen nicht gewohnt, aber tatsächlich kennt man so etwas schon von einem anderen Verwandten, Guanlong wucei

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Auch einige andere Raubsaurier (Theropoden) hatten solche Kämme, beispielsweise der seltsame Concavenator, der einen seltsamen Doppelhuckel auf dem Rücken hatte:

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(Dieses schöne Bild stammt von hier.)

Der Kamm auf dem vorderen Schädel ist jedenfalls eins der diagnostischen Merkmale, die im paper aufgelistet werden. Diagnostische Merkmale sind solche, die diese Art von anderen, verwandten unterscheiden, so dass man sie eben heranziehen kann, um zu sehen, ob man ein weiteres Exemplar dieser Art gefunden hat. (Solche diagnostischen Merkmale sollten also möglichst Autapomorphien der jeweiligen Art sein.) Die anderen diagnostischen Merkmale sind eher speziell, wie zum Beispiel ein Knochenvorsprung, der von den Knochen hinter der Augenöffnung ausgeht und nach schräg unten zeigt (in Fachjargon “an anteroventrally projecting orbital process in the area of the junction between the frontal and jugal processes of the postorbital”) oder eine kleine Öffnung im Unterkieferknochen (“an external mandibular fenestra located mostly within the surangular”).1

1Ich hoffe, ich habe diese Fachbegriffe richtig gedeutet, falls nicht, bitte in den Kommentaren nörgeln.

Generell ist Yutyrannus ähnlich zu einem anderen Tyrannosaurusverwandten aus der frühen Kreidezeit, dem ähnlich großen Sinotyrannus, von dem man allerdings nur einige wenige Knochen kennt:

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Von Yutyrannus, der ebenfalls in der frühen Kreidezeit lebte, kennt man aber, wie gesagt, gleich drei Skelette. Ähnlich wie die späteren Tyrannosaurier hatte auch Yutyrannus schon etwas verkürzte Vorderbeine (wenn auch bei weitem nicht so stummelig wie beim Tyrannosaurus), die übrigens mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht als Aufstehhilfe dienten (auch wenn man das beispielsweise hier lesen kann). Diese Hypothese ist schon ziemlich alt und verkennt, dass die Biomechanik des Tyrannosaurier-Hinterbeins das Aufstehen ohne weitere Hilfe ermöglicht, weil der Schwerpunkt beim Liegen auf dem Boden direkt über dem Fuß liegt – ähnlich wie bei heutigen Vögeln, die auch nicht hilflos über den Boden rutschen und nicht aufstehen können.

Die Vorderbeine hatten aber noch drei Zehen (Finger?) und ähneln denen von anderen ähnlichen Raubsauriern, den Coelurosauriern. (Ein anderer Zweig dieser Gruppe verlängerte die Vorderbeine dagegen, vermutlich um ihre Beute greifen zu können, und da sie ja eh schon Federn hatten, konnten sie dann auch gleich das Fliegen lernen…. (Und bevor wieder jemand jedes Wort hier auf die Goldwaage legt, sage ich es lieber nochmal in Fachsprache: “Die zum Beutegreifen verlängerten Vorderbeine und die basalen Federn waren Exaptationen zum Fliegen.”))

Dinoforscher interessiert natürlich immer auch besonders, wie eine neue Art mit anderen verwandt ist. Das Yutyrannus irgendwie in die große Gruppe der Tyrannosaurus-Verwandten (Tyrannosauroiden) gehört, ist für den Experten (zu denen ich mich nicht zähle, ich mag Skelette am liebsten, wenn sie beschriftet sind) ziemlich offensichtlich. Aber wohin genau? Dazu dient – wie heutzutage üblich – eine kladistische Analyse. Das hier ist das Ergebnis (stark vereinfacht, ein detailliertes Bild findet sich im “Supplementary Material”):

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Anmerkung zur Nomenklatur: Man darf auf keinen Fall die Tyrannosauroiden (Tyrannosauroidae) mit den Tyrannosauriden (Tyrannosauridae) oder gar mit den Tyrannosaurinae verwechseln. Das ist ein Überbleibsel aus der Nomenklatur nach von Linne, wo man damit Epifamilien, Familien und Subfamilien bezeichnet. (Details findet ihr hier.) Auch wenn man von dieser Nomenklatur inzwischen gerade in der Dino-Paläontologie abgekommen ist, hat sich die Sitte, Namen so zu vergeben, dass die Endungen eine Idee geben, wie “groß” die Gruppe jeweils ist, erhalten. Ohne irgendwas über Schlümpfe zu wissen, ist dann gleich klar, dass Schlumpfoidae die Gruppe der Schlumpfidae und die wiederum die der Schlumpfinae umfasst. So, nun aber genug der Abschweifung.

Ihr seht also, dass Yutyrannus ziemlich weit unten am Tyrannosaurierstammbaum befestigt ist. Auffallend ist vielleicht auch, dass viele der Dino-Namen, die da unten stehen, die Silbe “long” enthalten – das ist chinesisch für “Drache” und ist ein Bestandteil vieler chinesischer Dino-Namen. Das zeigt, dass man aus der frühen Kreidezeit viele Tyrannosauroiden in China gefunden hat – vermutlich nicht nur, weil dort die Erhaltungsbedingungen besonders gut waren, sondern möglicherweise auch, weil sie sich dort entwickelten und von kleinen Flitzern zu richtig großen Raubsauriern wurden. In Nord-Amerika, das ja quasi die archetypische Urheimat der Tyrannosaurier ist (auch wenn Tyrannosaurus bataar – manchmal auch als Tarbosaurus bezeichnet – aus Asien stammt), in Nord-Amerika also gab es damals andere große Raubsaurier wie Acrocanthosaurus, der zur Gruppe der Allosaurier gehört und nicht zu den Tyrannosauroiden zählt.

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Kommentare (9)

  1. #1 Ludger
    7. April 2012

    Das größte hatte eine Oberschenkellänge von 85 Zentimetern, eine Schädellänge von etwa 90 Zentimetern und dürfte so 1,4 Tonnen gewogen haben. (Wieder einmal ein Beispiel für die seltsame Vorliebe von Biologen für sinnlose Nachkommastellen: Im paper steht 1414kg…)

    Mit etwas Panade hätte man also aus einem Yutyrannus huali 282819 Chicken-Nuggets herstellen können entsprechend 56563,8 Portionen. Bei einem geschätzten Tagesumsatz einer großen Fastfoodkette von 50000 Portionen hätte man den Bedarf dieser Kette 1 Tag und 3 Stunden und 9 Minuten und 2,2464 Sekunden decken können. Ich hoffe, dass ich mich nicht verrechnet habe.
    PS.: Mein Ultraschallgerät gibt bei Gewichtsschätzungen von Feten auch immer Grammwerte heraus. Dabei sind systembedingt (u.a. wegen der Einstellung auf einheitliche 1550m/s Schallgeschwindigkeit im Gewebe) nur bei 75% der Schätzungen die Fehler kleiner als 10% des wirklichen fetalen Gewichtes. Das “Problem” dürfte bei einer ordentlichen Rundung liegen. Rundet man auf ganze Kilogramm, sind die Werte zu grob: “So so. Das Kind hat vor einer Woche noch nichts gewogen und soll jetzt 1 kg Gewicht haben?”

  2. #2 MartinB
    7. April 2012

    @Ludger
    Die Rechnung ist nett. Erinnert mich jetzt an das berühmte:
    “Jurisphagous Food Consumption Rates of Tyrannosaurus Rex”
    http://si-pddr.si.edu/jspui/handle/10088/8034

    “Das “Problem” dürfte bei einer ordentlichen Rundung liegen.”
    Naja, so als Physiker überlegt man sich halt, wieviele ziffern signifikant sind und gibt die an. Wenn so’n Krümel laut US 374Gramm wiegt, dann sind das halt 400 oder 370, je nachdem, wie gnau sowas ist.

  3. #3 rolak
    7. April 2012

    Schöner post – insbesondere das Kampfhuhn am Ende gefällt mir ausnehmend gut.

  4. #4 Niels
    7. April 2012

    Wie übersetzt man denn “display structure” sinnvoll?

    Bin zwar kein Biologe, aber der Begriff Ornament passt doch ganz gut, oder?
    http://de.wikipedia.org/wiki/Ornament_(Verhaltensbiologie)

  5. #5 WolfgangK
    7. April 2012

    “…das häufig gebrachte Argument, dass Fleischfresser sich sonst ja mit Blut einsauen würden, wird durch einen Blick auf Adler- oder Wolfsköpfe widerlegt, die kommen damit auch klar.”

    Auch Polarbären haben keine “Einsau-Hemmung”…

    Übrigens, ich will auch so´n kuscheligen gefiederten Tyrannosaurier…

  6. #6 MartinB
    7. April 2012

    @Niels
    Da wär ich nun nie drauf gekommen, danke. Wobei der Begriff “Ornament” auf sexuelle Signale beschränkt zu sein scheint, während eine “display structure” auch allgemein der intra- oder sogar interspezifischen Kommunikation dienen kann.

    @Wolfgang
    Ja, Eisbären sind ein super-beispiel.

    PS: Im Hintergrund läuft schon wieder “Dinosaurs” – “There are always new discoveries out there…”

  7. #7 rolak
    7. April 2012

    Falls ‘interspezifische Kommunikation’ so etwas wie das funktionierende Vortäuschen falscher Umstände meint, MartinB, würde ich sofort zustimmen. Ein aufgeplustertes Gefieder macht ungemein groß -ein netter Nebeneffekt der ‘normalen’ Funktionalität- und das schreckt immer besser ab (Feind oder Rivale) als wenn ein schmaler Hänfling vor einem rumhüpft. Weiterhin ist das um einen Buckel herum (oder um den Bürzel, wie beim Pfau) noch sparsamer, wenn ich es recht sehe.
    Wenn es nicht so anthropomorphisierend klingen würde, wäre mein Vorschlag ‘dient der Selbstdarstellung’.

    Die mir geläufigere Bedeutung in Richtung ‘Struktur eines UI’ dürfte ja mit Sicherheit nicht gemeint sein 😉

  8. #8 Redfox
    8. April 2012

    @M.B.:
    Oder Schneeleoparden.