Auf eine Forschungsfrage von Marius Flörchinger antwortet Marc Scheloske:

Die Chemie hat einen griechisch-arabischen Ursprung. Unser heutiges Wort “Chemie” leitet sich vom griechischen “χημεία” (etwa: Chymeia) ab, das wörtlich die “Kunst des Metallgießens”, im weiteren Sinne die Lehre von der “Schmelzung” und Umwandlung (der Stoffe) meint.

Im alten Ägypten steht die “kīmiyá” zunächst als Ausdruck für “das Schwarze”. Zum Beispiel für das Schwarze im Auge (die Iris) und somit für alles Dunkle und Geheimnisvolle. Gleichzeitig steht das ägyptische Wort “chemia” auch ganz konkret für die “schwarze Erde”, womit die fruchtbare Erde des Nildeltas gemeint ist.

Im arabischen Raum wurde daraus durch Ergänzung des Artikels “Al-” der Begriff “Alchemie”. Die “al-kīmiyá” bezeichnet also die “Kunst der Ägypter”. Die Alchemisten beschäftigten sich mit der Umwandlung von unedlen in “edle Stoffe”. Zielsetzung war dabei die Herstellung von Gold, eines Allheilmittels (Panacea) oder gleich des “Steins der Weisen”. In der Alchemie der Antike und des Mittelalters vermischten sich die Lehre von den Eigenschaften der Stoffe, Naturphilosophie und Astrologie.

Im 17. und 18. Jahrhundert fand dann ein Paradigmenwechsel statt. Die Chemie wandte sich der quantitativen Untersuchung der Stoffe und Stoffumwandlung zu und entwickelte sich – beschleunigt durch die Entwicklung von besseren Waagen – zur modernen Chemie, die wir heute kennen.

Weitere Antworten und Diskussionen sind erwünscht!


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Kommentare (6)

  1. #1 Christian W
    Juli 27, 2009

    Naja, so ganz korrekt wiedergegeben ist die Geschichte der Chemie hier auch wieder nicht. Und wenn ich den WP-Artikel zur Chemie betrachte, kann ich mir auch vorstellen, warum. Dort wird nämlich die historische Entwicklung der Chemie aus Sicht (Mittel-)Europas beschrieben und völlig vernachlässigt, dass es einen guten Grund dafür gab, dass diese Wissenschaft im Frühmittelalter unter dem Namen “Alchemie” bei uns Einzug hielt: Die arabischen Länder waren unter dem Halbmond des Islam wie in vielen wissenschaftlichen Disziplinen auch in der Chemie weltweit führend.
    Die Moslems haben nie versucht, aus Blei oder Steinen Gold herzustellen, das war eine fixe Idee der feudalen Europäer, die sich nicht im Entferntesten vorstellen konnten, wie die “unzivilisierten Muselmanen” zu ihrem im wahrsten Sinne des Wortes märchenhaften (Aladin, Sindbad, etc.) Reichtum gekommen waren. Dass der nur durch hochprofessionellen Handel zustande kam, war unvollstellbar, denn einmal war das unter der römisch-katholischen Knute keine Tätigkeit mit der sich ein guter Christenmensch beschäftigen sollte und zum Anderen waren aus Sicht des Abendlandes nicht die Araber diejenigen, die am Handel mit Europa verdienten, sondern die Juden, die als Mittelsmänner zwischen Morgen- und Abendland fungierten. Auf die Idee, man könne mit Handel reich werden, kam man in Europa dann auch erst knapp 1000 Jahre später, als zufällig mit Einsetzen der Renaissance christliche Lehren zum ersten Mal etwas an alltäglichem Einfluss auf den Lebenswandel verloren.
    Unter dem Islam wurde die Chemie fast genauso wissenschaftlich betrieben, wie wir es seit dem 18. Jh. kennen: Araber haben fast alle chemischen Prozesse genau beschrieben, die noch heute zum Unterrichtsprogramm unserer Schulen gehören.

    Alchemie im europäischen Sinne war nichts weiter als der Versuch, Reichtum so herzustellen, wie man glaubte die Moslems es täten. Aber da der Islam als Hochkultur genauso zerfiel, ohne dass man dessen Errungenschaften nach Europa herüberretten konnte, wie die meisten anderen Hochkulturen auch, mussten die Europäer wie üblich alles nochmal neu erfinden, auch die wissenschaftliche Chemie.

  2. #2 Marc
    Juli 27, 2009

    @Christian W.

    Naja, so ganz korrekt wiedergegeben ist die Geschichte der Chemie hier auch wieder nicht.

    Die Antwort sollte ja ehrlicherweise auch gar nicht die historische Entwicklung der Chemie darstellen (und das gar unter Berücksichtigung verschiedener Kulturräume). Die Frage bezog sich ja auf die Herkunft und Bedeutung des Begriffs. Und der hat eben arabisch-koptische und die griechische Ursprünge.

    Und über die Alchemie (in all ihren unterschiedlichen Ausprägungen) fand der Begriff dann eben Eingang in unseren modernen Sprachgebrauch, der dann eben doch zwischen Chemie (i.S. der modernen Standards entsprechenden Wissenschaft) und der Alchemie (einer historischen Praxis mit überwiegend vorwissenschaftlicher Ausrichtung) unterscheidet.

  3. #3 Christian W
    Juli 27, 2009

    Ja schon richtig. Ich habe auch mit “nicht ganz korrekt” gar nicht sagen wollen, dass da irgendwo etwas Falsches steht. Ich wollte nur etwas ergänzen, was häufig (nicht nur bei diesem Thema) völlig unter geht, nämlich dass es so gut wie keine europäische Erkenntnis/Entdeckung bis in’s späte 19. Jahrhundert gibt, die nicht schon irgendein Ägypter, Phönizier, Olmeke, Mongole, Araber, Chinese oder Zulu rund 1000 Jahre vorher oder noch früher auch schonmal gemacht hatte. Einiges haben die Europäer auch überhaupt nur deswegen erfunden, weil “die Barbaren” es hatten/konnten, aber nicht verraten wollten, wie es ging oder herzustellen war.

    Die europäische Wissenschaftsgeschichte beginnt erst frühestens Ende des 17. Jh. nach unserer Zeitrechnung, als bereits Dutzende Hochkulturen enorme wissenschaftliche Leistungen vollbracht und der Rest der Menschheit sie sogar schon wieder vergessen hatte(n). Manche Erfindung war sogar schon mehr als einmal gemacht und wieder verloren, als die Europäer darauf kamen. Aber weil das nie in Europa ankam, nahm man dort wie selbstverständlich an, dass die wissenschaftliche und damit technologische Vormachtstellung ab dem 18. Jahrhundert der Normalfall sei und der Rest der Welt immer schon unzivilisiert und technologisch zurückgeblieben gewesen wäre und die allerersten Wissenschaften und wissenschaftliche Methoden deshalb europäische Errungenschaften seien.
    Im letzten Jahrhundert hat man glücklicherweise diese Arroganz und Selbstherrlichkeit im Zuge der Wiederentdeckungen der Leistungen asiatischer, amerikanischer, afrikanischer und eben auch Hochkulturen aus dem Nahen Osten aufgegeben und ist sich dessen bewusst geworden, dass Europa ein wissenschaftlicher Neureicher mit allen typischen Benimm-Mängeln ist, der nichts weiter geschafft hat, was andere lange zuvor schon geschafft hatten und dabei noch weite Teile abgekupfert hat (Mathematik, Literatur, Astronomie, etc. pp.).

    Leider ist das immer noch nicht endgültig in Populärwissenschaft und Öffentlichkeit (siehe Wikipedia et al.) angekommen. Viele Menschen glauben immer noch, dass die Wissenschaften in Europa erfunden wurden und Nord- und Südamerika, Asien, der Nahe Osten und Afrika nur dank Europa zum ersten und überhaupt einzigen Mal mit Zivilisation beglückt worden ist.
    Das finde ich traurig und versuche es richtig zu stellen, wo immer ich kann. Wenn das belehrend wirkt und als überflüssige Schwafelei erscheint, bitte ich um Verzeihung. Es ist sicherlich nicht so gedacht, eher als freundlicher Anstoß, sich auch einmal mit der wissenschaftlichen und kulturellen Geschichte außerhalb Europas und vor der europäischen Vormachtstellung zu beschäftigen. Das ist nämlich enorm spannend, versprochen. :-)

  4. #4 Christian W
    Juli 27, 2009

    Bevor das jetzt jemand aufgreift:
    Natürlich wurden in Europa auch lange vor dem und bis in’s 19. Jahrhundert schon eine Reihe Erfindungen und Entdeckungen gemacht, die kein Mensch vorher kannte. Ich habe mich da bewusst etwas aus dem Fenster gelehnt, einfach weil es mich ärgert, wenn es noch immer so dargestellt wird als sei das sämtliche heutige Wissen ein Geschenk Europas an die Menschheit, obwohl so ziemlich jede Kultur der letzten 10.000 Jahre in ihrer Blütezeit einen gewaltigen Teil davon genauso entwickelte. Die europäische Leistung besteht eben nicht darin, Wissenschaft und Fortschritt geschaffen zu haben, sondern sie langfristig am Laufen zu halten und Erkenntnisse in allen Disziplinen zu erlangen. Das ist wirklich noch niemandem vorher gelungen, auch wenn die Europäer am Ende auch nur großes Glück mit vielerlei Grundvoraussetzungen (stabiles Klima, soziale und politische Besonderheiten wie die hohe Bevölkerungsdichte, vorteilhafte Flora und Fauna, uvm.) hatten.
    Naja, ich könnte noch Stunden weiterschreiben aber ich denke meinen Punkt habe ich längst machen können. Ich hoffe, der viele Text stört nicht zu sehr.

  5. #5 Ramose
    Juli 27, 2009

    @ Christian W
    Danke für ihre Ausführungen. Ich fand es jedenfalls ziemlich interessant auch mal was über andere Kulturen und ihre Wissenschaft zu erfahren.
    Wie weit könnte die menschliche Kultur schon sein, wenn vieles Wissen nicht wieder verloren gegangen wär und Wissenschaftler nicht mehrfach die selben Dinge neu finden müssten? Vielleicht wären wir dann schon ein oder zwei Jahrhunderte weiter?
    Naja, Spekulationen helfen da auch nicht weiter;)

    Schönen Tag noch.

  6. #6 Nio
    Juli 28, 2009

    Nur mal nebenbei, ich dachte, das Schwarze im Auge wäre die Pupille und die Iris (weil aus dem Griechischen von Regenbogen, regenbogenfarbig – also etwas mit vielen Farben) das Farbige drumrum. :)

    Grüße