Der US-amerikanische Informatik-Professor Nick Gessler sammelt verschlüsselte Postkarten. Eine davon hat bisher allen Dechiffrier-Versuchen getrotzt. Sie wurde 1915 an eine Schweizer Bank geschickt.

Postkarten waren äußerst beliebt, bevor das Telefon aufkam. Die Post kam dreimal täglich, das Porto war billig und die Auswahl an Motiven unerschöpflich. Unter den Millionen von Postkarten aus der Vor-Telefon-Zeit, die erhalten geblieben sind, findet man immer wieder auch welche, deren Inhalt verschlüsselt ist. Meist stammen diese von Verliebten, die nicht wollten, dass der Postbote oder ihre Angehörigen mitlasen. Um so spannender ist es heute, verschlüsselte Postkarten zu dechiffrieren. Ich bin auf dieses Thema in Klausis Krypto Kolumne schon mehrfach eingegangen. Meine Leser haben sogar schon zwei bis dahin ungelöste Postkarten dechiffriert.

Wer weitere verschlüsselte Postkarten sucht, findet einige auf der Web-Seite des US-Professors Nick Gessler. Hier ist eine Auswahl:

Postcards-Gessler

Laut Nick Gessler (ich habe ihn auf dem NSA-Syposium getroffen) sind die verschlüsselten Postkarten in seiner Sammlung größtenteils gelöst. Gessler gibt seinen Studenten das Knacken von Postkarten oft als Hausaufgabe auf.

Es gibt jedoch eine Ausnahme. Eine der Postkarten auf Gesslers Seite hat bisher allen Dechiffrierversuchen getrotzt. Hier ist sie:

Postcard-Neuchatel-Gessler-front

Das Interessante an dieser Verschlüsselung ist, dass sie wie eine Aneinanderreihung mathematischer Formeln wirkt. Ich kenne kein vergleichbares Kryptogramm. Grundsätzlich ist es natürlich möglich, dass es sich tatsächlich um mathematische Notizen handelt, allerdings werde ich nicht schlau daraus. Ich tippe daher eher auf eine Verschlüsselung. Hier ist die Vorderseite der Postkarte:

Postcard-Neuchatel-Gessler-back

Der Poststempel wurde wohl im Juni 1915 angefertigt. Der Empfänger ist ein Oskar Egli in Neuchâtel in der Schweiz. Offensichtlich arbeitete dieser für die heute noch existierende Bank Crédit Mutuel. Das ist sehr ungewöhnlich, denn alle anderen verschlüsselten Postkarten, die ich kenne, gingen an Privatpersonen. Banken konnten es sich normalerweise leisten, Briefe zu verschicken. Ob der Inhalt der Postkarte dienstlichen Charakter hat?

Leider kenne ich dieses Kryptogramm erst seit ein paar Wochen. Ansonsten hätte ich es in meine Liste der 25 bedeutendsten ungelösten Verschlüsselungsrätsel aufgenommen.

Hat jemand eine Idee, was hinter dem Neuchâtel-Kryptogramm stecken könnte?

Kommentare (34)

  1. #1 Peter
    17. November 2013

    Anhand des Poststempels kommt die Karte auch aus der Schweiz. Leider ist der Ort des Absenders nicht mehr zu lesen. Aber Neuchatel ( Neuenburg ) liegt in der französisch sprechenden Schweiz. Also gehe ich in der Sprache mal von französisch aus.

  2. #2 Peter Lichtenberger
    17. November 2013

    Es wäre gut eine Transkription der Handschrift zu haben um die Zeichen besser verarbeiten zu können.

    • #3 Klaus Schmeh
      17. November 2013

      Stimmt. Ich fange mal mit der ersten Zeile an (das Wurzelzeichen habe ich als V transkribiert):
      (2v-2r+t)(h-2r)=k-1m+t-f*Vg-2n+4s-s+2!

  3. #4 Peter
    17. November 2013

    Ich gehe mal davon aus, dass das Gleichheitszeichen die einzelnen Wörter markiert. =xxxxx=.
    So das die Wörter 3c-h und d-34 mehrmals vorkommen.
    Bei der Kombination 3n denke ich könnte es sich ” un ”
    die Kurzform von une ( ein ) handeln.

  4. #5 ali
    17. November 2013

    Aber Neuchatel ( Neuenburg ) liegt in der französisch sprechenden Schweiz. Also gehe ich in der Sprache mal von französisch aus.

    Der Name “Oskar Egli” ist ein Deutschschweizer Name. Ich würde also nicht darauf zählen, dass es französisch ist.

  5. #6 ali
    17. November 2013

    Der Stempel hat mich neugierig gemacht. Ich hoffe das ist nicht zu sehr off-topic aber könnte es sein, dass die Karte von 1875 stammt und nicht 1915? Guckt man hier auf Seite 3 sieht man, dass 1976 ein Stempel, der dem auf der Postkarte oben sehr ähnlich sieht, durch einen anderen ersetzt wurde.

    Das Doppel-T am Anfang eines längeren Ortsnamens auf dem Stempel wirkt auch eher nach einem Ort in der Deutschschweiz (aber das sagt natürlich wenig über die Sprache aus).

    • #7 Klaus Schmeh
      17. November 2013

      Interessanter Hinweis. 1875 wäre sehr früh für eine Postkarte. Allerdings ist die Karte sehr schlicht und zeigt kein Motiv. Es könnte sich daher um eine Karte handeln, die deutlich vor der Blütezeit der Postkarten verschickt wurde.

  6. #8 rolak
    17. November 2013

    Nach näherer Betrachtung würde ich ’15’ ausschließen, ebenfalls für ’75’ plädieren.
    Dazu fängt der Ortsname mit einem Buchstaben mit langem Strich unten, rechtem Winkel links unten an, geschätzt ‘E’, das spacing läßt auf 8 Buchstaben schließen und das einzige passende Angebot zu ‘ETT*’ ist Ettingen. Kleine Quote 😉

  7. #9 gch
    Vaterstetten
    17. November 2013

    Neben dem = sind die Klammern wohl auch Worttrenner, sonst könnten die nicht paarweise auftreten. Vielleicht steht – für das e, + für das t oder ähnlich. Dann wäre das geschweifte d ein Füllzeichen, das immer benutzt wird, wenn ein Wort mit – oder + anfängt bzw. -+ aufeinander treffen, um das ganze “mathematisch” sinnvoll erscheinen zu lassen.
    Was meint ihr?

  8. #10 ali
    17. November 2013

    @rolak

    Die Postkarte auf dem von mir verlinkten pdf (die von 1874 stammt) ist auch sehr ähnlich (inklusive Frankatur). Dass diese bis 1915 unverändert blieben scheint mir unwahrscheinlich (aber was weiss ich schon über alte Postkarten). Ich weiss nicht ob das Zufall ist, aber der Poststempel auf der verlinkten Karte hat auch ein “T T” an ähnlicher Stelle (“Hüttikon”). Seltsamer Zufall (ist es einer?). Natürlich würde mich Ettingen mehr freuen, liegt es doch in meinem Heimatkanton.

    Sollte der Text tatsächlich französisch sein, wären wohl an Wortenden besonders häufig “e” zu finden (oder vielleicht “s”).

    Typische zwei-Buchstaben Wörter wären: et (und), es (sein, 2 P. sing.), un (ein, m), as (haben, 2. P. sing), ai (haben, 1.P sing), le (der), la (die), au (am/zum), en (in), ou (oder), où (wo), il (er), de (von)

    Zu erwartende Ein-Buchstaben Wörter sind: à (zu/nach), a (haben 3. P. sing)

    Ich nehme an, man muss in einem Französischen Text uU irgend eine Lösung finden für die Bindungen: Meistens ist es ein l’ oder ein d’ vor Vokalen.

    Auch die accents könnten ein Ansatz sein (é, è, à, â, ô, û, ù).

  9. #11 ali
    17. November 2013

    Sieh einer an. Tatsächlich. Die erste Schweizer Postkarte, eingeführt 1870.

    • #12 Klaus Schmeh
      17. November 2013

      Sehr interessant. Diese Postkarte sieht sehr ähnlich wie die verschlüsselte aus. Auch das Porto ist gleich. Mir scheint, 1875 ist tatsächlich das richtige Jahr. Da sind wir ja schon einmal einen Schritt weiter.

  10. #13 Stefan Ster.
    17. November 2013

    3c-h heisst un das geht so. 3*2 (c=2) ist 6 der 6 von hinten ist u.
    h der Buchstabe also -7 das ist das n.
    Kann Zufall sein. Mir ist nicht klar wie viele Buchstaben er verwendet hat könnten 27 sein. Dann wäre 3n l und i+3 -2 s.q (folgende ist eine Abkürzung). Bei den längeren habe ich leider versagt ich verrechne mich an dauernd.

  11. #14 Peter
    17. November 2013

    Ich habe mir die alten Stempel auch mal angesehen, tatsächlich 7. bei der 1 ist es nur ein Strich mit kleinem Haken oben.

  12. #15 rolak
    17. November 2013

    auch sehr ähnlich

    Unbestritten, ali, darüber hinaus ein Beleg für die Realitätsnähe der Vermutung, da die dortige Karte mit fast identischer Adress-Seite sogar noch von zwei Jahren eher ist.
    Rein gefühlsmäßig (einfacher zu steganographieren) ging ich davon aus, daß neben dem ‘=’ als Worttrenner (was die typische Zweiwort-Anrede ergibt) sämtliche anderen Sonderzeichen (+/-)Wurzel schlicht wahlfrei eingestreut sind und keine weitere Bedeutung haben. Weiterhin tauchen nur die Ziffern 1..5 auf, das stinkt nach den Vokalen

    -.-
    -.-.-
    Mit Klaus‘ Transkribierung bin ich allerdings schon beim allerersten Zeichen nicht einverstanden, lese kein ‘2v’, sondern ein verschlimmbessertes ‘w’, wodurch sich die Anrede schlicht zu ‘Werther Kampfgenosse’ ergibt 😛

  13. #16 rolak
    17. November 2013

    Da hat man mal ne fundamentale Lösung und schon wird sie vom mehnstriehm unterdrückt einelf, das melde ich bei der Verschwörungs-Zentrale!

  14. #17 rolak
    17. November 2013

    Die Vokalbrüche sind Umlaute, komplett:

    Werther Kampfgenosse,
    ich befinde mich seit einigen Tagen in Ettiswil. Sobald ich wieder in Altbüron residiere, werde ich Dir einen Brief schreiben. Ich melde Dir hiemit vorläufig das Du mir keineZeitung abonieren mußt, werde Dir dann die Ursache mitteilen.
    Empfange unterdessen die Saumäßigsten Grüße von Plüs Ioli.
    Ettiswil, den ist Stosmonat Anno Tubak.

    Nächstes Rätsel bitte.

  15. #18 Peter
    17. November 2013

    Ich denke ich hab’s,
    Die zweite Zeile beginnt mit ” ich befinde mich ”
    wenn es kein Zufall ist, dann ist es deutsch.

  16. #19 Peter
    17. November 2013

    @rolak
    Ohhh man. Wenn ich noch am denken bin, schreibt er schon die Lösung…..Danke !

  17. #20 Peter
    17. November 2013

    1=A, 2=E, 3=i, 4=O, 5=U
    +,-, () wegschmeissen
    und einfach lesen !

  18. #21 Klaus Schmeh
    17. November 2013

    @Rolak und Peter:
    Tolle Leistung! Ich hätte nicht gedacht, dass jemand die Postkarte so schnell löst. So macht das Bloggen Spaß. Vielen Dank für Eure Beteiligung.

  19. #22 rolak
    17. November 2013

    Toll

    Danke – es war ein merkwürdiger Effekt: Beim Verfassen der Antwort an ali stand an der Stelle, wo jetzt ‘Weiterhin’ steht, schon ‘– aber französisch entschlüsseln, das sollen andere machen, bin ja froh, wenn ich es unverschlüsselt mit viel Denken und Nachschlagen halbwegs verstehe’. Irgendwie hatte sich das Denken an alis Vermutungen angepaßt, es wirkte sehr französisch, hatte auch schon mal ein Floskel-Lexikon im www gesucht für einen eventuellen Abgleich, wer weiß schon, was einen so überkommt.
    Dann fiel das mit dem 1..5 auf und nach dem Notieren des Verdachtes, sozusagen während des Pseudomorsens, machte es irgendwo im Hirn *klick* und ich konnte den Text sehen. Nicht als Ganzes, aber so eine Art Lupeneffekt, ein lesbarer Fleck in Hinguck.Richtung. Schräges Erleben…

  20. #23 blob
    18. November 2013

    Na das ging ja schnell. Glückwunsch.
    Allerdings wollte ich noch zum Jahr hinzufügen, dass die Crédit Mutuel erst 1882 gegründet wurde, was 1875 damit dann unwahrscheinlich machen würde.

  21. #24 ali
    18. November 2013

    @blob

    Ich glaube das ist nicht unbedingt ein Wiederspruch. Es handelt sich nicht zwangsläufig um die Bank “Crédit Mutuel” sondern vielleicht nur um einen in Neuchâtel ansässigen Darlehens-Verein. Crédit Mutuel heisste zuerst einmal nur “Gegenseitiges Darlehen”. Aus solchen Vereinen ist die Crédit Mutuel (wie auch die Raiffeisenbanken) entstanden, so viel ich weiss. Das war so ca. ab 60er Jahre des 19. Jahrhunderts glaube ich.

    In Anbetracht der anderen Hinweise auf 1875 scheint mir dies eine plausible Erklärung für die Adresse.

  22. #25 Iteem
    Ettingen
    18. November 2013

    Ich hätte wirklich als letztes daran gedacht, hier über meinen Heimatsort zu stolpern. Leider wars dann doch Ettiswil, hat mir trotzdem den Abend versüsst 😉

    Glückwünsch zum Lösen noch, ging wirklich fix.

  23. #26 rolak
    26. November 2013

    So, habs nochmal ein wenig überarbeitet, vor allem eigenmächtige Jetztzeit-Angleichungen wieder entfernt:

    werther kampfgenosse!
    ich befinde mich seit einigen tagen in ettiswil.
    sobald ich wieder in altbüron residiere werde ich dir einen brief schreiben.
    ich melde dir hiemit vorläufig das du mir keine zeitung abonieren must werde dir dann die ursache mittheilen.
    empfange unterdessen die saumäsigsten grüsse von plüs ioli
    ettiswil den iul stosmonat ano tubak

    ‘plüs ioli’ dürfte wohl für ‘plus joli’ aka ‘hübscher’ stehen, das 2-3-Buchstaben-Wort vor dem immer noch recht kryptischen ‘stosmonat’ gefällt mir als ‘iul’ für Juli besser, doch das ‘l’ ist eher geraten als klassifiziert.
    Aus irgendeinem Grunde will mein Hirn ‘mir keine zeitung abonieren must’ immer übersetzen zu ‘mich nicht auf dem Laufenden halten mußt’ übersetzen, würde auch mit der (damals schon) veralteten Bedeutung zusammenpassen.

  24. #27 G.K.
    30. November 2013

    @ rolak

    Unglaublich, wie schnell Du das rausgekriegt hast, Du scheinst über die besondere Fähigkeit des “selektiven Lesens” zu verfügen – schon daran gedacht, mal in eine Kristallkugel zu gucken? 🙂

    Dank Deiner Lösungvorschläge habe ich die Übersetzung dann auch hingekriegt. Und da ich zufällig eben ziemlich genau aus dieser Gegend (Altbüron) stamme, reizt es mich, meinen “Senf” beizusteuern.

    Ich bin an denselben drei (ungelösten) Punkten hängengeblieben. Kunststück!

    13. Zeile: “plüs ioli (joli)”

    1) Mein Vorschlag wäre, “plüs” als Nachname zu lesen, nämlich “Plüs”. Heute wird dieser Name zwar als “Plüss” geschrieben. Dieser Name ist aber wie Egli” ein in der Gegend weitverbreiteter Name.

    2) “ioli (joli)” könnte als Kurzform eines männlichen Vornamens gelesen werden: Ioli oder Joli – aber zu welchem Namen? Etwa für Joachim, Josef oder Julius?
    Oder wenn es weiblicher Vorname ist: Kurzfom für Yolanda – Yoli (ioli, joli), eine Abkürzung, die heute noch in dieser Gegend üblich ist.

    3) Oder dann, als weitere Variante, könnte der fünftletzte Buchstabe nicht als “3” (= i oder j), sondern als “s” gelesen werden, was den Namen “Plüss” ergäbe, und nachfolgend die Kurzform “Oli” für den Namen Olivier.

    4) Oder das joli wir als “dscholi” interpretiert – dh der “Plüs” schreibt dem Egli Oskar eine launige Postkarte, und bezeichnet sich selber als Dscholi. Dieser Ausdruck ist heute noch in unserem Dialekt gebräuchlich.

    Dscholi – Tscholi – Scholli kann wahrschienlich tatsächlich auf franz. “joli” zurückgeführt werden:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Mein_lieber_Scholli

    http://woerterbuchnetz.de/ElsWB/?sigle=ElsWB&mode=Vernetzung&hitlist=&patternlist=&lemid=ET02387

    14. Zeile (senkrecht links): “den iul stosmonat”

    1) “iul” könnte ev. als Zahlen gelesen werden, dh “35”, wobei der kurze Schrägstrich nicht gelesen würde.

    Das ergäbe dann “den 35. Stosmonat”, was zwar sinnlos ist, aber zum launigen Unterton des Textes passen würde.

    2) “Stosmonat” könnte den Monat Juni bezeichnen.

    Der Poststempel auf der Vorderseite der Karte gibt einen Hinweis darauf, soweit er leserlich ist: “… VI 75”, was … Juni 1875 ergibt.

    “Stosmonat” = Juni.
    Die Schwärmzeit der Bienen wird als “STOSZZEIT” bezeichnet und findet in den Monaten Mai und vor allem Juni statt.

    Siehe “Deutsches Worterbuch der Gebrüder Grimm”:
    http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&hitlist=&patternlist=&lemid=GS49584

    “Stosmonat” könnte also den Monat bezeichnen, in dem “ausgebrochen, ausgeflogen” wird, – und womit eine (Grund)-Haltung bei Soldaten bezeichet werden kann. (Stossen kann übrigens eine recht derber Ausdruck sein …)

    Meine Hypothese:

    Plüs Joli (Dscholi, oder Plüss Oli) befindet sich in der Innerschweiz (Kt. Luzern) im Militärdienst. Seine Truppeneinheit ist nach Ettiswil verlegt worden, ca. 15 km von Altbüron entfernt, wo er eigentlich residiert und bald zurückkehren wird. Von Ettiswil aus schreibt er seinem Freund (oder Kollegen) nach Neuchâtel eine Postkarte. Plüs redet Egli als “Kampfgenosse”, weil er sich eben in der Innerschweiz im Militär befindet, Egli könnte sich ebenfalls im Militärdienst, in Neuchâtel, befinden, oder die beiden könnten Arbeitskollegen beim Credit Mutuel sein. Ich tippe eher auf Militärdienst, was auch die launige, leicht derbe Ausdrucksweise erklären würde. Folgende Ausdrücke fallen auf: Kampfgenosse – saumäsigsten – Joli (Dscholi) – Stosmonat – ano Tubak.

    Meiner Ansicht nach ist es deshalb unwahrscheinlich, dass eine Frau die Karte geschrieben hat, was aber natürlich nicht auszuschliessen ist.

    • #28 Klaus Schmeh
      30. November 2013

      Sehr interessant. Danke für den Komentar.

  25. #29 rolak
    1. Dezember 2013

    N’Abend G.K., 3) verwirrt mich etwas: Der fünftletzte Buchstabe ist ein ‘s’, das am Ende von ‘Plüs’. Jedwege Änderung dessen Interpretation hätte auch keinen Einfluß auf die letzten 4 Buchstaben, das ‘ioli’.
    Daß die Karte im oder vor dem Juni geschrieben wurde, war ja offensichtlich, dennoch erachte ich mittlerweile ‘Stoßmonat’ nicht für eine Monatsbezeichung, eher für ein damals wohl nicht unübliches Zotenspielchen. Da wäre die Tageszahl eher egal, 35 also durchaus möglich, das ‘l’ irgendwas in Rinchtung Fliegendreck. oder Ordinalzeichen, warum nicht.

  26. #30 G.K.
    1. Dezember 2013

    @ rolak

    ad 3) Ist mir schon klar, das fünftletzte Zeichen als “s” zu lesen, ist nach dem erneuten Abgleichen mit allen im Text vorkommenden Zeichen für “s” und “3” (= i) kaum haltbar, obwohl die letzten vier Zeichen (4 l + 3) dann als “Oli” gelesen werden könnten.

    Dein Vorschlag, diese letzte 13. Zeile als “plüs joli” zu lesen und dann als “Hübscher” zu übersetzen, hat was Überzeugendes, da “Hübscher” auch ein Nachname ist, der zwar vor allem in der Nord-, Nordwestschweiz vorkommt, was aber keine Rolle spielen muss.

    Der Absender der Karte hätte demnach ein Wortspiel um seinen deutschsprachigen Namen gemacht (Hübscher = plus joli), von dem er annahm, dass der Empfänger es verstehen würde, weil dieser Egli ja in Neuchâtel sich befand und des Französischen aller Wahrscheinlichkeit nach mächtig sein musste.

    Nur würde dann ein Vorname fehlen, was aber plausibel wäre, weil im Militärjargon die Anrede und Antwort mit Nennung des Vornamens nicht üblich ist.

    ad 14. Zeile (senkrecht links): “den iul stosmonat”

    Daran hatte ich natürlich auch gedacht, aber keine valablen Belege gefunden, ausser wieder im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm.

    Demnach ist Stossen ein derber Ausdruck für “den Geschlecktsakt ausüben”, heute noch gebräuchlich im Dialekt der Unterschicht und in der “Soldatensprache”.

    Stoeszer, Stoszer
    Siehe “Deutsches Worterbuch der Gebrüder Grimm”:
    http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&hitlist=&patternlist=&lemid=GS49383

    und Stoszloch

    http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&hitlist=&patternlist=&lemid=GS49383

    Dein Beleg nun mit dem Link auf das “Burschicose Woerterbuch” ist natürlich ein Volltreffer, der alle Zweifel beseitigt.

    Ein letztes noch: “iul” könnte auch als ” 15/ ” gelesen werden, wenn der Schreiber das Zeichen “3” als Majuskel, grosses I (i) gedacht hat.

    Um diesen Vorschlag zu stützen, müsste der Poststempel genauer untersucht werden, mit modernen technischen Möglichkeiten (Röntgen, etc.)

  27. #31 Peter
    1. Dezember 2013

    Wenn man sich etwas mit den schweizerischen Militär- Gepflogenheiten auskennt, dann ist der Sossmonat sicher der alljährliche WK gemeint wo zwischen 3-4 Wochen dauert.
    Das waren früher mit WK, EK und Landsturm immerhin 14 Jahre. Nach dem Moto….alle Jahre wieder.
    Ich kann auch nicht glauben das der ioli was mit Dscholi zu tun hat. Er würde sich ja selber als Trottel bezeichnen.
    Mit den Spitznamen ist es auch so eine Sache. Ioli für Oliver wird da schon hinkommen.

  28. #32 Aprilhase
    6. Mai 2014

    Da Sie ja in dem Focus-Artikel den Leser auffordern, Ideen über den letzten Satz mitzuteilen:

    Ich sehe da auch wegen dem “saumäßig” davor eine Anspielung auf einen Ausflug mit einem Abstecher ins Bordell. Das plüs joli wurde ja eingedeutscht, deshalb könnte gedanklich auch ein e am Schluss von joli hinzugefügt werden – das hört sich im Deutschen doch gleich an. Dann wird es weiblich – eine gemeinsame Bekannte also. Diese Anspielungen dürften der Grund gewesen sein, weshalb er die launige Karte an den Arbeitgeber schickte und nicht an die Adresse zuhause, wo die neugierige Ehefrau oder Mutter vielleicht darum gebeten hätte, die seltsame Postkarte vom Freund der Familie doch mal vorzulesen.

    Bedeutungsvoller ist das mit dem Zeitung abonnieren. Das scheint der eigentliche Inhalt der Postkarte zu sein.

    • #33 Klaus Schmeh
      6. Mai 2014

      >“saumäßig” davor eine Anspielung auf einen Ausflug mit einem Abstecher ins Bordell
      >Diese Anspielungen dürften der Grund gewesen sein, weshalb er die launige Karte an
      >den Arbeitgeber schickte und nicht an die Adresse zuhause, wo die neugierige Ehefrau
      >oder Mutter vielleicht darum gebeten hätte
      Interessante Hypothese, das klingt durchaus plausibel.

  29. #34 Peter
    7. Mai 2014

    >saumäßig, steht in der Schweiz für schlimm oder verrückt.
    Ins deutsch würde wohl schweinisch am besten passen.
    Steht auch für verflucht gut, oder verflucht schlecht.
    Wobei was soll schon gut sein an verflucht.
    Saumässig eben. 🙂