Im Zweiten Weltkrieg verschickte ein britischer Kriegsgefangener versteckte Nachrichten in seine Heimat. Letztes Jahr wurde sein Code geknackt. Er erwies sich als ziemlich kompliziert.

Der Brite John Pryor (1919-2011) nahm am Zweiten Weltkrieg teil und geriet 1940 in deutsche Gefangenschaft. Aus einem Gefangenenlager nahe Bremen verschickte er Briefe an seine Eltern. In diesen Schreiben versteckte er kodierte Nachrichten, die die Deutschen nicht bemerkten. Im ersten Teil dieses Artikels gibt es mehr zu dieser Geschichte.

Doch wie funktionierte der Code? Der Mathematik-Professor David McMullan kam letztes Jahr dahinter. Er fand heraus: Der Code begann mit einem kodierten Hinweis darauf, dass eine Nachricht im Text versteckt war. Diesen Hinweis lieferte Pryor, indem er das Datum in der Form “22/12/42” schrieb. Enthielt der Brief keine versteckte Botschaft, dann verwendete er für das Datum die englische Schreibweise “December 22nd, 1942”. Ein weiterer Hinweis auf das Vorhandensein eines Code war eine unterstrichene Unterschrift.

POW-Code-Letter

War ein Code vorhanden, dann legten die zwei ersten Wörter nach der Grußformel die Länge der Nachricht fest – die Buchstabenzahlen der beiden Wörter wurden hierzu multipliziert. “Last week” stand beispielsweise für eine Länge von 16 Buchstaben oder Wörtern.

Ab der zweiten Zeile war dann die Nachricht enthalten. Sie bestand aus den Wörtern Nummer 5, 9, 14, 18, 23, 27 und so weiter (es wurde also jeweils abwechselnd das fünfte und das vierte Wort gezählt). In jedem neuen Abschnitt (ein solcher wurde durch einen etwas größeren Wortabstand markiert) begann das Zählen von Neuem.

Kam das Wort “the” im Text vor, dann zählten für den Rest der Zeile nur noch einzelne Buchstaben (ich weiß leider nicht, welche Buchstaben damit genau gemeint sind).

Die Wörter, die auf diese Weise herauskamen, wurden nach einem zuvor festgelegten Schema umgeordnet (die Reihenfolge im Text war also nicht die Reihenfolge, in der die Wörter gelesen werden mussten). Wie dieses Schema aussah, ist mir leider nicht bekannt.

Hier ist ein Beispiel (die Angaben in Klammern waren im Original nicht vorhanden und erklären den Code):

 

My Dear Mummy & Daddy,

Last week [4×4 = 16] I received a short letter from Robert.

The envelope had the marks [5] of five of the [9  ab jetzt einzelne Buchstaben] RAF censors.  I can’t imagine what his new number on the envelope means, maybe he has been turned over to rather different occupations, which of course I can’t know anything about.

I am glad the information [5] I sent you, especially [9]  about the Uffa Fox and [13]  other books of the [18 – ab jetzt einzelne Buchstaben] sailing variety, reached you.  As regards other possible books, my present desires seem mostly for interesting literature of events in our country’s history.  A subject I am unfortunately very weak in.

 

Die Nachricht besteht also aus 16 Wörtern. In ihr kommen die Wörter “marks”, “information”, “especially” und “and” vor. Auch das Wort “the” wird verwendet, wie oben beschrieben. Die 12 weiteren Wörter, die in die Nachricht eingehen, sind “Clothing”, “local”, “maps”, “obtained”, “require”, “some”, “of”, “borders”, “swiss”, “passport” und “renten”. Woher diese kommen, ist im Beispiel leider nicht erkennbar. Am Ende werden die Wörter in die vorher vereinbarte Reihenfolge gebracht. Die kodierte Nachricht lautet: “Clothing and local maps obtained require some of borders especially swiss passport information and renten marks”.

Leider wird der Code in der mir vorliegenden Literatur nicht genauer erklärt, wodurch ein paar Fragen offen bleiben.

Angesichts dieses komplexen Codes verwundert es kaum, dass die deutschen Zensoren seinerzeit keinen Verdacht schöpften. Erstaunlich ist dagegen, dass Pryor es schaffte, seine Texte so hinzubiegen, dass am Ende die richtige Nachricht darin stand, ohne dass der Inhalt allzu seltsam klang. Schafft es jemand, aus dem abgebildeten Brief die Nachrich herauszulesen? Es dürfte schwierig werden.

Kommentare (5)

  1. #1 Peter Lichtenberger
    4. Januar 2014

    Ein wahrhaft gelungenes Beispiel für Kryptografie & Steganografie! Hut ab für dreierlei Leistungen:
    1. Jenen, die das Verfahren entwarfen;
    2. Jenen, die es benutzten und
    3. Jenem, der es nachträglich entschlüsselt hat.

  2. #2 Armin
    4. Januar 2014

    Hier gibt es einen detailierten Überblick über die Methode:
    http://www.dailymail.co.uk/news/article-2317548/Code-letters-sent-home-British-PoW-WWII-help-Allies-revealed-70-years.html?ito=feeds-newsxml

    Wenn ich diese auf den obigen Brief anwende, erhalte ich folgende Nachricht:
    “Large munition dump just south of new bridge at Narkau in new Berlin Marienburg road.”

    Im polnischen Marienburg (heute Malbork) lag das Kriegsgefangenenlager Stalag XX-B. Vielleicht war Pryor dort auch zeitweilig interniert? Narkau (heute Narkowy) liegt 20 km westlich von Marienburg.

    • #3 Klaus Schmeh
      4. Januar 2014

      Super, vielen Dank für die Erklärung. Den Artikel in der Daily Mail kannte ich, bin aber aus der Beschreibung des Verfahrens nicht schlau geworden. Toll, dass damit auch die versteckte Nachricht im abgebildeten Brief gefunden ist.

  3. #4 faustus
    5. Januar 2014

    Was es so alles gibt! Bei diesem Verfahren ist wohl nicht das Ent- sondern das Verschlüsseln die große Aufgabe. Seinen Eltern ausführlich über einen Gemüsegarten zu berichten und dabei Sachen wie “Schweizer Grenze”, “Pass”, “Renten Mark” etc. einfliessen zu lassen — Hut ab! Ich schätze mal, dass er die Briefe nicht allein verfasst hat, da haben sich bestimmt mehr Leute Gedanken gemacht über eine passende Formulierung.

    Zu “9 – ab jetzt einzelne Buchstaben”: besser gesagt: ab dem nächsten Satz. Ab da sind nur noch die Anfangsbuchstaben relevant, die dann in Dreiergruppen zusammen gefasst werden.
    ici whn not rmm hhb tot rdo wol …
    Man schaut dann in der s-Tabelle nach, in welcher Spalte die Buchstaben stehen (1., 2. oder 3.) und bekommt

    333 222 232 211 222 232 313 …
    Daraus wird als Klartext “RENTEN.” Der Punkt bezeichnet wohl das Ende des Wortes, danach geht 4/5 wieder los.

    Für die sieben Zeichen muss man sich (als Schreiber) also einen Satz (oder Sätze) mit mindestens 21 Worten mit jeweils passenden Anfangsbuchstaben überlegen. Und das muss in den Kontext des Briefes passen…

    s-Tabelle:
    S 111 T 211 U 311
    V 112 W 212 X 312
    Y 113 Z 213 . 313
    A 121 B 221 C 321
    D 122 E 222 F 322
    G 123 H 223 I 323
    J 131 K 231 L 331
    M 132 N 232 O 332
    P 133 Q 233 R 333

    123 bedeutet dabei: Buchstabe der ersten Spalte, im zweiten Zeilen-Dreierpack, darin die dritte Zeile, also G.

    Sehr schöner Blog, Herr Schmeh!

    • #5 Klaus Schmeh
      5. Januar 2014

      >Sehr schöner Blog, Herr Schmeh!
      Danke. Wirklich erstaunlich, dass jemand mit diesem komplizierten Code tatsächlich arbeiten konnte.